Montag, 29. Juni 2015

Vom Bergdrama zur Sex-Klamotte – Der „Heimatfilm“ im Zeitkontext

Essay zum Heimatfilm 



Luis Trenker und Marianne Hold in "Flucht in die Dolomiten" (1956)

1. Einleitung und Inhalt:

1.1. Spiegel des Zustands einer Gesellschaft
1.2. Die 50er Jahre – der Versuch von Abgrenzung und historischer Einordnung
1.3. Von Ludwig Ganghofer über den Nationalsozialismus bis zum „Schwarzwaldmädel“
1.4. Kontinuierliche Weiterentwicklung des Genres
1.5. Zielsetzung
1.6. Quellen

2.1. Pioniere des Heimatfilms
2.2. Das Berg-Drama

3. Die Phase des Nationalsozialismus - der Heimatfilm der Jahre 1934 bis 1945
3.1. Der "innere Zirkel" der Heimatfilm-Macher
3.2. Der Heimatfilm als Vehikel der NS-Ideologie?

4. Die Nachkriegszeit bis "Schwarzwaldmädel" – der Heimatfilm der Jahre 1947 bis 1950
4.1. Viele alte und wenige neue Köpfe
4.2. Die Ursache des Erfolgs von "Schwarzwaldmädel": Aktion oder Reaktion?

5. Die erste Boom-Phase – der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954
5.1. Der "Innere Zirkel" wächst
5.2. Die neuen "Mannsbilder"
5.3. Die weiblichen Stars

6. Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957
6.1. Höhepunkt und beginnender Niedergang
6.2. Lust an der Freizeit statt Flucht aus dem Alltag
6.3. Die Protagonisten der zweiten Welle
6.4. Die Stunde der Komödianten

7. Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969
7.1. Gibt es ein Ende des Heimatfilms?
7.2. Die unaufhaltbare Modernisierung
7.3. Die alten und die neuen Männer


1.1. Spiegel des Zustands einer Gesellschaft

Magda Schneider und Willy Fritsch in "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" (1953)
Der „Heimatfilm“ als spezifisch deutsches Film-Genre wird heute automatisch mit den 50er Jahren verbunden, ganz unabhängig von der individuellen Vorliebe oder Ablehnung. Konsens besteht auch darin, dass der überragende Erfolg der Heimatfilme auf dem Bedürfnis der Nachkriegsbevölkerung nach Zerstreuung und damit Ablenkung vom tristen Alltag der Wiederaufbaujahre fußte – schöne Menschen, häufig dem Adelsgeschlecht angehörend, erlebten Liebesleid und -freud inmitten einer intakten Natur, verbunden mit folkloristischen Einlagen der ortsansässigen Bevölkerung, Musik und Tanz. Die Grenzen des Genres blieben in dieser Hinsicht fließend: vom Berg-Drama, Bauern-Schwank über den Historienfilm bis zu den artverwandten Schlager- und Touristenfilmen passte vieles unter den Oberbegriff „Heimatfilm“, der in den 60er Jahren auch vom aufkommenden Sex-Film in Beschlag genommen wurde.

"Die Wirtin zur goldenen Krone" (1955)
Eine Entwicklung, die den sowieso schon miserablen Ruf des Genres noch weiter beschädigte, gleichzeitig aber auch deutlich werden lässt, dass der Eindruck eines klar umrissenen Gemischtwarenladens, aus dem sich die Heimatfilm-Macher mit den immer gleichen Zutaten bedienten, falsch ist. Nicht nur, dass der „Heimatfilm“ schon seit Stummfilmzeiten zum gängigen Repertoire gehörte und auch während der Phase des Nationalsozialismus regelmäßige Kinopremieren erlebte, die jeweiligen Inszenierungen - unabhängig davon, ob sie etwas wagen oder sich anpassen wollten - orientierten sich sehr genau an den Bedürfnissen der Zuschauer. Die Gestaltung der Geschlechterrollen, die Art des Humors, die Integrierung musikalischer Elemente bis zur abschließenden tragischen oder glücklichen Konsequenz unterlagen Gesetzmäßigkeiten, die noch heute Rückschlüsse auf die Entstehungszeit und damit eine Alltagsrealität zulassen, wie sie nur der populäre Film widerspiegeln kann.

„…,soll davon ausgegangen werden, dass alle Handlungselemente, die wiederholt in den Heimatfilmen vorkommen und die somit nachhaltig die Heimatfilmwelt prägen, sehr genaue Auskunft über die Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte der Deutschen zu dieser Zeit geben, die die Filme zu großer Zahl rezipiert haben.“ (S.39)

führte der leider früh verstorbene Filmwissenschaftler Jürgen Trimborn in „Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre“ (Teiresias Verlag Köln, 1998) aus, auf dessen erarbeiteten Grundlagen hinsichtlich der genauen Differenzierung der Motive, Symbole und Handlungsmuster bis heute die Auseinandersetzung mit dem Genre basieren.


1.2. Die 50er Jahre – der Versuch einer inhaltlichen und historischen Abgrenzung

Rudolf Prack und O.E.Hasse in "Wenn am Abend die Dorfmusik spielt" (1953)
Trimborn legte in seinem maßgeblichen Werk auch die äußeren Parameter für das „Heimatfilm“-Genre fest, dessen Beginn er exakt auf den Film „Schwarzwaldmädel“ terminierte, das genaue Ende aber offen ließ. Trotzdem galten für ihn die 50er Jahre als abgeschlossener Zeitraum für ein „alleine auf Deutschland (und Österreich) beschränktes, unnachahmliches, unvergleichliches Phänomen“ (S.23), dessen Entwicklung er in drei Phasen aufteilte (S.27), die er an insgesamt zehn Filmen beispielhaft erläuterte:

 - Frühphase 1950 – 1952 :
  „Schwarzwaldmädel“ (1950), „Grün ist die Heide“ (1951)

 - Hochphase 1953 – 1956:
 „Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt“ (1953), "Heideschulmeister Uwe Karsten“ (1954), „Solange noch die Rosen blühn“ (1956), „Heidemelodie“ (1956) „Dort oben, wo die Alpen glühn“ (1956), „Wo die alten Wälder rauschen“ (1956)

- Spätphase 1957 – 1959:
„Mein Schatz ist aus Tirol“ (1958), „Schwarzwälder Kirch“ (1958)

Volksfest in "Heidemelodie" (1956)
Eine bis heute verbreitete These, die aber einer genauen Analyse nicht standhält, wie schon ein einfacher Blick in die Statistik deutlich werden lässt. Kamen zwischen 1947 und 1954 etwa 120 Heimatfilme heraus (eine absolute Zahl kann es nicht geben, da das Genre nicht eindeutig abgegrenzt werden kann), kam es allein in den drei Jahren 1955 bis 1957 zu fast 100 Produktionen. Sicherlich auch bedingt durch die erst langsam nach dem Krieg anlaufende Filmproduktion in Westdeutschland und Österreich, aber die Zahlen von 1953 und 1954 waren gegenüber 1952 leicht rückläufig und die Vorbildwirkung von „Schwarzwaldmädel“ (1950) und „Grün ist die Heide“ (1951) drohte schon zu verpuffen (Trimborn selbst ging auf diesen Umstand ein, siehe Kapitel 1.4.). Erst nachdem „Der Förster vom Silberwald“ (Österreich-Premiere noch als „Echo der Berge“ am 25.11.1954, Deutschland-Premiere 08.02.1955) alle Rekorde gebrochen hatte, kam es zum eigentlichen Boom. 

„Nach Kriegsende gerät der Heimatfilm mehr oder weniger in Vergessenheit, um dann ab 1955 zum populärsten österreichischen Genre zu werden. Die österreichische Produktion „Echo der Berge“ ist 1955 ein Kassenschlager und löst in Österreich die Heimatfilmwelle aus“



Gerhard Riedmann und Marianne Hold in "Die Fischerin vom Bodensee" (1956)
schreibt Sabine Ploskov in ihrer Diplomarbeit zum Thema „Heimatfilm als Spiegel österreichischer Mentalitätsgeschichte“ (2013) – eine Aussage, basierend auf der Forschungsarbeit von Gertraud Steiner „Der österreichische Heimat-Film 1946 – 1966“ (Wien 1987). Sicherlich hatte der „Heimatfilm“ in Deutschland schon seit 1950 Konjunktur und erlebte in Folge von „Schwarzwaldmädel“ einen ersten Höhenflug, aber die eigentliche „Hochphase“ begann erst 1955, wie auch an Hand verbreiteter Popularitäts-Listen nachvollzogen werden kann, in denen die vor 1955 erschienenen Filme deutlich unterrepräsentiert sind. Gemessen an den gängigen Klischees, die heute über den Heimatfilm kursieren, treffen diese vor allem auf die Filme der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zu, auch weil die Unterwanderung durch Schlagerfilme und Touristen-Komödien erst in dieser Phase begann. Ein prototypisches Beispiel dafür ist „Die Fischerin vom Bodensee“ (1956), der Bauerschwank, Musikfilm, Tourismus-Werbung und dramatische Liebesgeschichte publikumswirksam kombinierte und damit die geschmackliche Richtung vorgab.

„Abgelöst wurden die Heimatfilme in den sechziger Jahren dann durch das Genre des Schlagerfilms…“ (S.7)

Barbara Rütting in "Christina" (1953)
Ein Irrtum, mit dem Jürgen Trimborn das Ende des von ihm untersuchten Zeitraums zu definieren versuchte. Tatsächlich entstand der Schlagerfilm schon früh in den 50er Jahren („Schlagerparade“ 1953). Das wenig verbreitete Fernsehen konnte noch nicht das Bedürfnis nach bewegten Bildern von Musikstars befriedigen und brachte große Stars wie Peter Alexander, Vico Torriani oder Catarina Valente hervor, deren Filme nicht weniger ablenkende Wirkung hatten. In den späten 50er Jahren kam es vermehrt zu einer Kombination beider Stile, was den Niedergang des Heimatfilms in den frühen 60er Jahren nicht verhindern konnte. Doch auch der Schlagerfilm, dessen Handlung zunehmend in die Urlaubsgefilde der reisefreudigen westdeutschen Bevölkerung verlegt wurde, hatte Mitte der 60er Jahre an Popularität verloren. Die Konkurrenz des aktuelleren Fernsehprogramms wurde zu groß. Ein weiteres signifikantes Beispiel für die kontinuierlichen Veränderungen, denen sich das Genre ausgesetzt sah und die es zu Anpassungen zwang. Die Gliederung eines Jahrzehnts mit nahezu 300 Filmen in drei homogene Phasen, wie es Trimborn vorsah, geht entsprechend an der Praxis vorbei.

Hans Richter in "Auf der Alm da gibt's koa Sünd'"(1950)
Ihm gelang zwar eine fundamentale Analyse des Heimatfilms an Hand der Themenbereiche „Antagonismus von Stadt und Land“, „Liebe, Ehe und Familie“, „Darstellung sozialer und nationaler Problembereiche“ und „Stereotype Motive und Symbole“, er scheiterte aber nicht nur an dem Versuch einer klaren zeitlichen Abgrenzung, sondern auch an einer eindeutigen Typisierung des „50er Jahre Heimatfilm“ gegenüber seiner Vorgeschichte bzw. der Entwicklung in den 60er Jahren. Die These eines auf „Schwarzwaldmädel“ fixierten Beginns lässt sich nicht halten.


1.3. Von Ludwig Ganghofer über den Nationalsozialismus bis zum „Schwarzwaldmädel“

„Ohne diese inhaltlichen, thematischen, dramaturgischen und personellen Kontinuitäten zwischen den Heimatfilmen aus der Zeit des dritten Reiches und denen aus der Zeit der bundesdeutschen Nachkriegszeit überbewerten und überinterpretieren zu wollen, erscheint es im höchsten Maße wichtig, diese gedanklichen Traditionen und die zugrunde liegenden Wurzeln des bundesdeutschen Heimatfilms der fünfziger Jahre nicht zu vergessen und auch stets im Hinterkopf zu behalten, will man zu einem umfassenden und adäquaten Bild von der Heimatfilmwelle der fünfziger Jahre gelangen“ (Jürgen Tramborn, „Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre“ (S.143))

Luis Trenker in "Der verlorene Sohn" (1934)
Besser kann man es nicht ausdrücken, nur beließ es Tramborn bei einem kurzen Kapitel über die Tradition der Heimatfilmdarstellung vor 1950, ohne diesen Anspruch weiter zu vertiefen. Wissenschaftlicher Konsens besteht darin, dass das Heimatfilm-Genre unmittelbar auf die Ende des 19.Jahrhunderts einsetzende Heimatdichtung von Autoren wie Ludwig Ganghofer oder Ludwig Anzengruber zurückgeht, mit denen diese auf die zunehmende Industrialisierung und damit auf die entstehenden Ängste der Landbevölkerung vor dem Verlust ihrer Heimat  reagierten – der Kontrast Stadt/Land wurde stilbildend für das Genre. Obwohl die Nationalsozialisten ab 1933 versuchten, ihre Propaganda-Literatur zu fördern, blieb die klassische Unterhaltungslektüre weiterhin erfolgreich.

Ludwig Ganghofer-Verfilmung "Der Klosterjäger " (1935)
Neben den humoristischen Büchern eines Heinrich Spoerl („Die Feuerzangenbowle“) gehörten auch Ganghofers Romane während der NS-Zeit zu den Bestsellern, ebenso wie Felicitas Roses „Heideschulmeister Uwe Karsten“ oder Trygve Gulbranssens „Das Erbe von Björndalen“ und „Und ewig sind die Wälder“ (Quelle: Tobias Schneider „Bestseller im Dritten Reich“ Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 2004, Heft 1, S.77-97). Die Statistik der  etwa 80 zum „Heimatfilm“-Genre zählenden Tonfilme der Jahre 1930 bis 1945 bestätigt den Einfluss der Unterhaltungs-Literatur auf die Themen-Auswahl. Mehr als die Hälfte  - 43 Filme - basieren auf einem Roman, Theaterstück oder Operetten-Libretto, allein acht Ludwig Ganghofer-Verfilmungen befinden sich darunter. 

„Die Idee einer „nationalen Gesundung“ durch die Rückbesinnung auf die Werte und moralischen Vorstellungen des ideologisch höher bewerteten ländlichen Volkes, wie sie in der nationalsozialistischen Ideologie enthalten ist, weist starke Parallelen zur uneingeschränkt positiven Darstellung und Bewertung des Volkes und seiner traditionellen Wertvorstellungen im Heimatfilm auf.“ („Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre“ (S.142)…

Heinrich George in "Hochzeit auf dem Bärenhof" (1942)
…schrieb Jürgen Tamborn zurecht, aber diese konservative Grundlage gewährte den Drehbuchautoren auch gewisse Freiheiten – nicht ohne Grund gelangten nur wenige Heimatfilme nach dem Krieg auf die US-Verbotsliste, keiner wurde als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft. Um eine propagandistische Überhöhung der „Blut- und Boden-Ideologie“ der Heimatfilme dieser Phase nachzuweisen, wie sie Tramborn generell annahm (S.21), ist ein Vergleich zwischen literarischer Vorlage (schon im Umfeld von Ludwig Ganghofer tauchte der Terminus „Blut und Boden“ auf (S.142)) und der Drehbuchgestaltung notwendig. 

Gunnar Möller und Rudolf Prack in "Ferien vom ich" (1952), Remake von 1934
Allein der Fakt, dass zwanzig der literarischen Vorlagen nach dem Krieg erneut verfilmt wurden, schlägt eine Brücke in die 50er Jahre, zudem häufig unter Beteiligung der schon in den 30er Jahren führenden Regisseure und Drehbuchautoren. Auch Jürgen Trimborn listete mit Hans Deppe, Joe Stöckel, Franz Seitz, Veit Harlan und Erich Waschneck (es fehlt Paul May, weder Erich Waschneck, noch Veit Harlan gehörten zu den Heimatfilm-Spezialisten) Filmemacher auf, die sowohl für den 30er, als auch den 50er Jahre Heimatfilm maßgeblich verantwortlich waren (S.142) und widersprach damit indirekt seiner an anderer Stelle formulierten These einer Abgrenzung des 50er Jahre Heimatfilms zu seiner Vorgeschichte. Hans Deppe, der acht Heimatfilme während der NS-Zeit gedreht hatte, führte bei „Schwarzwaldmädel“ und „Grün ist die Heide“ Regie, jeweils unterstützt von Autor Bobby E. Lüthge, der schon an der Erstverfilmung von „Grün ist die Heide“ (1932) mitwirkte und auch am Propaganda-Film „Hitlerjunge Quex“ (1933) beteiligt war – mehr Kontinuität war schwer vorstellbar.


1.4. Kontinuierliche Entwicklung

Marianne Koch in "Der Klosterjäger" (1953), Remake von 1935
Dieser fließende Übergang zwischen NS- und Nachkriegszeit in der Filmproduktion Westdeutschlands war ein Abbild der auch sonst üblichen Vorgehensweise – die Fachkräfte blieben fast alle in Amt und Würden. Kaum ein Filmregisseur wurde mit einem Berufsverbot belegt, so dass sie ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten, sobald sich die Filmindustrie nach dem Kriegsende zu erholen begann. Noch 1962 im „Oberhausener Manifest“ wurde kritisiert, dass es nach wie vor keinen relevanten Filmregisseur in der BRD gäbe, der nicht schon zur Zeit des Nationalsozialismus gearbeitet hätte („Opas Kino ist tot“). Daraus aber den Umkehrschluss zu ziehen, der „Heimatfilm“ setze die Intentionen der NS-Zeit unreflektiert fort, wäre trotzdem eine zu einseitige Betrachtung. Viel zur sehr musste das Genre auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Zuschauer zugeschnitten werden, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

"Ja, Ja, die Liebe in Tirol" (1955), Remake von "Kohlhiesels Töchter" (1943)
Besonders an Hand der Filme, die in den 50er Jahren als Remake der vor 1945 erschienenen Versionen herauskamen, lassen sich die Unterschiede sowohl in der Interpretation der Literaturvorlage, als auch in dem sich verändernden Gesellschaftsbild vergleichend herausarbeiten – mit teils überraschenden, den Vorurteilen widersprechenden Ergebnissen. So ist die 1940er Fassung von „Krambambuli“ nach dem Roman von Marie von Ebner-Eschenbach nicht nur näher an der Literaturvorlage, sondern wesentlich mutiger hinsichtlich der Figurenzeichnung als das Remake „Heimatland“ von 1955. Am Beispiel von "Krambambuli" lassen sich diese Analysen weiter fortsetzen, denn Von Ebner-Eschenbachs Roman erfuhr 1965 ("Ruf der Wälder") und 1972 ("Sie nannten ihn Krambambuli") noch weitere Verfilmungen. Ein fundiertes Resultat zu den spezifischen Entwicklungsschritten vom Nationalsozialismus zu den Aufbaujahren, über die 50er bis in die 70er Jahre fehlt insgesamt noch.

 „Um die ununterbrochenen Wiederholung des gleichen zu vermeiden und um die Besucher auch weiterhin mit den Heimatfilmen in die Kinos locken zu können, startete die Filmwirtschaft (sowohl in der Bundesrepublik, als aber auch in Österreich) dann in der Mitte der fünfziger Jahre den Versuch, das bewährte genretypische, ewiggleiche Schema geringfügig zu verändern, um die Zuschauer auch weiterhin an die Heimatfilme zu binden.“ (S. 26)

Adrian Hoven in "Pulverschnee nach Übersee" (1956)
Von einem ewiggleichen Schema konnte, wie zuvor schon nachgewiesen, nicht die Rede sein, aber Jürgen Trimborn reagierte mit dieser Aussage zurecht auf eine entscheidende Veränderung des Genres und widersprach damit erneut seiner eigenen Definition einer von 1953 bis 1956 andauernden Hochphase. Ab 1955 wurde die äußerliche Anmutung immer moderner, nahmen die komödiantischen Einlagen zu – kaum noch ein Film kam ohne eine Witzfigur aus, in der Regel ein trotteliger Tourist aus dem Flachland – und die Musik passte sich dem aktuellen Zeitgeschmack an. Gleichzeitig hielt man am konservativen Frauenbild fest, blieb moralisch restriktiv und betonte weiter den Kontrast Stadt/Land, was den bunten Bildern voller Errungenschaften der Wirtschaftswunderjahre aus heutiger Sicht einen zwiespältigen Charakter verleiht, damals aber den Höhepunkt an Unterhaltungswert versprach und damit die gewünschte weitere Bindung an den Heimatfilm.

Beppo Brem in "Der Bauerndoktor von Bayrisch Zell" (1957)
Aus wirtschaftlicher Sicht eine verständliche Vorgehensweise, die aber an der These vom Erfolgsmodell als Ablenkung vom tristen Alltag (in qualitativer Abgrenzung zum sonstigen Kinofilm) rüttelt. Zum Zeitpunkt des größten Erfolgs und des höchsten Outputs an Heimatfilmen ging es den Deutschen mehr als 10 Jahre nach Kriegsende schon deutlich besser, verschwanden die Wunden des Krieges zunehmend auch aus den Städten. An dieser abschließenden Infragestellung einer zu undifferenziert geäußerten These wird erneut deutlich, dass das Genre des „Heimatfilms“ trotz einer inzwischen großen Anzahl sehr guter filmwissenschaftlicher Arbeiten nach wie vor mit klischeehafter Vereinfachung betrachtet wird.


1.5. Zielsetzung

Toni Salier in "12 Mädchen und ein Mann" (1959)
Jürgen Trimborns Versuch, an Hand von zehn subjektiv ausgesuchten Schlüsselwerken feste Regeln herauszuarbeiten, musste in seiner Aussagekraft beschränkt bleiben, auch weil er sowohl die Vorgeschichte, als auch die folgenden 60er Jahre nur oberflächlich betrachten konnte. Vorzuwerfen ist ihm das nicht, zumal die von ihm erarbeiteten Typologien von grundsätzlicher Bedeutung geblieben sind, denn jede wissenschaftliche Arbeit in Buchform muss an der schier unübersichtlichen Menge an Filmen scheitern – nicht nur an der Anzahl der „reinen“ Heimatfilme in mehr als vier Jahrzehnten (unter Verzicht auf den „modernen“ Heimatfilm ab den 80er Jahren), sondern auch an der Vielzahl der genrenahen Werke. Zudem standen den Wissenschaftlern bis vor wenigen Jahren nur eine beschränkte Anzahl an Filmen medial zur Verfügung.

"Happy-End am Wolfgangsee" (1966)
In den folgenden sechs Kapiteln werden vier Jahrzehnte Filmgeschichte in historisch sinnvolle Abschnitte unterteilt, die sich thematisch der Entwicklung der Heimatfilme widmen und die hier aufgestellten Thesen an Hand von Fakten differenzierter begründen sollen. Schwerpunkt bleibt aber die Filmliste mit den nach Premierendaten geordneten Heimatfilmen, begleitet von den wichtigsten Angaben zu den Kreativen, eventuellen Originalvorlagen und Remakes. Darauf basierend soll die Analyse des Mediums weiter ins Detail fortgeführt werden. Mit dem Ziel, die Intentionen der Macher und damit deren Reflexion auf die Befindlichkeiten der Deutschen, zu erfassen, aber auch um die Qualitäten der einzelnen Filme wieder zu entdecken. Und warum sie Freude bereiteten und es vielleicht auch heute noch können.


1.6. Quellen:

- Jürgen Trimborn    „Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre. Motive, Symbole und
                                   Handlungsmuster“.
                                   Köln: Teiresias-Vlg. Leppin 1998, 186 S. (Filmwissenschaft. 4.)

- Hans J. Wulff         „Der BRD-Heimatfilm der 1950er Jahre: Eine Biblio-Filmographie,
                                    zusammengestellt von Hans J. Wulff, Stand 2011

- Christian Rapp       „Höhenrausch – Der deutsche Bergfilm“
                                    Sonderzahl Verlagsgesellschaft Wien, 1997

- Tobias Schneider    „Bestseller im dritten Reich“
                                    Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 2004, Heft 1, S.77-97

- Gertraud Steiner      „Der österreichische Heimat-Film 1946 – 1966“ (Wien 1987)

- Sabine Ploskov        „Heimatfilm als Spiegel österreichischer Mentalitätsgeschichte“
                                     Diplomarbeit 2013, Uni Wien, Fachbereich Geschichte

Samstag, 27. Juni 2015

Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969


7.1. Gibt es ein Ende des Heimatfilms?

Marianne Hold und Wolfgang Neuss in "Schwarzwälder Kirsch" (1958)
Genauso gut könnte man fragen, ob es einen Anfang gibt, von der generellen Etablierung des Mediums Film einmal abgesehen. Für die Filmwissenschaft gilt „Schwarzwaldmädel“ (1950) als gesetzter Beginn des 50er Jahre-Heimatfilms – eine strittige These, die eine klare Definition und Abgrenzung des Genres voraussetzt, die nicht existiert. In Kapitel 4. „Die Nachkriegszeit – der Heimatfilm derJahre 1947 bis 1950“ wurde der enge zeitliche und personelle Kontext beschrieben, in dem „Schwarzwaldmädel“ entstand. Zwar ging von dem ersten westdeutschen Farbfilm nach dem Krieg ein entscheidender Schub aus, aber die Inhalte und Intentionen des Heimatfilms wandelten sich parallel zur soziokulturellen Entwicklung nur langsam.

Hertha Feiler und Hans Söhnker in "Die singenden Kinder von Tirol" (1958)
Vergleichbares lässt sich auch für die späten 50er/frühen 60er Jahre feststellen - ein Zeitraum, der grob als das Ende des Heimatfilms angesehen wird, ohne dass sich die Filmwissenschaft auf einen einzelnen Film festgelegt hätte. Gemessen an der Anzahl der Produktionen käme 1962 als geeignetes Abschlussjahr in Frage. Bis Ende ‘62 waren jedes Jahr noch etwa zehn Filme in die Kinos gekommen, mehr als in den 30er Jahren und etwa auf dem Niveau der späten 40er Jahre. Doch handelte es sich dabei noch um Heimatfilme? – Wodurch unterscheidet sich „Schön ist die Liebe am Königssee“ (1961) von „Isola bella“ (1961)? - Jeweils spielte Marianne Hold die Hauptrolle, beide Filme entstanden unter der Hoheit der üblichen Heimatfilm-Spezialisten, doch nur der erste steht unten in der Liste. Oder warum gehört „…und du mein Schatz bleibst hier“ (1961) nicht dazu, dafür aber „Wenn die Musik spielt am Wörthersee“ (1962) ? - Vivi Bach, die wichtigste Protagonistin des späten Schlagerfilms („Holiday in St.Tropez“, 1964), trällert in beiden Filmen voran. Gilt der zweite Musikfilm nur deshalb als Heimatfilm, weil er am Wörthersee spielt? - Die Reihe der Gegenüberstellungen ließe sich mühelos fortsetzen, denn die Grenzen von Komödien, Schlager- und Tourismusfilmen zum Heimatfilm waren kaum noch zu definieren, selbst Dramen ließen keine eindeutige Zuordnung mehr zu.

Freddy Quinn und Corny Collins in "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959)
Beispielhaft steht dafür Freddy Quinn, Ende der 50er Jahre zum großen Star aufgestiegen. Quinn wird nie in einem Atemzug mit den Heimatfilm-Größen Rudolf Prack, Rudolf Lenz oder Gerhard Riedmann genannt – im Gegenteil gilt der gebürtige Österreicher (fast alle männlichen Heimatfilm-Stars sind österreichischer Herkunft) als „Hamburger Jung“, der sein „Heimweh nach St.Pauli“ (1963) besang. In „Freddy unter fremden Sternen“ (1959) verschlägt es den Helden nach Kanada, aber die Botschaft ähnelt der von Luis Trenkers Film „Der verlorene Sohn“ (1934), in dem der Protagonist in die USA auswandert. Am Ende kehren Beide wieder glücklich in ihre deutsche Heimat zurück. Obwohl die Handlung in der Fremde spielt und damit Freddy Quinns Ruf als Weltenbummler festigte, bleibt die Nähe zum „Heimatfilm“ spürbar. Nur in abgewandelter Form. Das volkstümlich dörfliche Idyll allein hatte seinen Reiz für die Massen verloren – es bedurfte zunehmend auch des Blicks in die große weite Welt.


Die Jahre 1958 bis 1959:

03.01.1958 Zwei Matrosen auf der Alm - Peter Hamel (A - mit Anita Gutwell und Helmuth 
                                                                                               Schneider und Beppo Brem)
02.07.1958 Heimatlos - Herbert B. Fredersdorf (DA – mit Marianne Hold, Rudolf Lenz, Joe Stöckel 
                                                             und Freddy Quinn in seiner ersten großen Rolle)
01.08.1958 Im Prater blüh'n wieder die Bäume - Hans Wolff (A - mit  Johanna Matz, Gerhard Riedmann
       und Theo Lingen, nach dem Theaterstück "Die Sachertorte" von S. Geyer und R. Österreicher)
01.08.1958 Schwarzwälder Kirsch - Géza von Bolváry  (mit Marianne Hold, Dietmar Schönherr, 
                                 Boy Gobert und Wolfgang Neuss, Drehbuch Gustav Kampendonk)
05.08.1958 Oh, diese Ferien - Franz Antel (A – mit Heidi Brühl, Georg Thomalla, 
                                                                                 Hannelore Bollmann und Hans Moser)
12.09.1958 Das Mädchen vom Moorhof - Gustav Ucicky (mit Maria Emo und Claus Holm,
                     nach dem gleichnamigen Roman von Selma Lagerlöf, Remake von 1935)
19.09.1958 Die singenden Engel von Tirol - Alfred Lehner (A – mit Hans Söhnker, Hertha Feiler, 
                                                                                Christine Kaufmann und Paul Richter)
02.10.1958 Der veruntreute Himmel - Ernst Marischka (A – mit Annie Rosar und Hans Holt 
                                                                                     nach dem Roman von Franz Werfel)
10.10.1958 Mein Mädchen ist ein Postillion - Rudolf Schündler (mit Rudolf Lenz, 
                                                                                Christine Görner und Gunther Philipp )
18.10.1958 Kinder der Berge - Georg Tressler (LieSCH - mit Barbara Rütting und 
                                                                                                                   Maximilian Schell)
24.10.1958 Der Sündenbock von Spatzenhausen – Herbert B. Fredersdorf (mit Hans Moser, 
                                                            Isa und Jutta Günther, Drehbuch Franz Marischka)
31.10.1958 13 kleine Esel und der Sonnenhof – Hans Deppe (Drehbuch Janne Furch,
                                                               mit Hans Albers, Marianne Hoppe und Karin Dor)
31.10.1958 Die Landärztin - Paul May (mit Marianne Koch und Rudolf Prack)
06.11.1958 Einmal noch die Heimat sehen - Otto Meyer (mit Rudolf Lenz und Anita Gutwell, 
                                                                                                    Drehbuch Theodor Ottawa)
18.12.1958 Das Dreimäderlhaus - Ernst Marischka (DA - mit Karlheinz Böhm, Rudolf Schock, 
                                                                                   Magda Schneider und Johanna Matz)
19.12.1958 Der Priester und das Mädchen - Gustav Ucicky (A - mit Rudolf Prack, Willy Birgel, 
               Marianne Hold, Rudolf Lenz und Winnie Markus, Drehbuch Werner P. Zibaso)
19.12.1958 Mein Schatz ist aus Tirol - Hans Quest (mit Marianne Hold und Joachim Fuchsberger)


Heidi Brühl und Hans von Bosordy in "Der Schäfer vom Trutzberg" (1959)


















08.01.1959 Rendezvous in Wien  Helmut Weiss (A - Drehbuch Johanna Sibelius und Fritz Kleindorff,
                                                                      mit Hans Holt, Margit Saad und Peter Weck)
16.01.1959 Der Schäfer vom Trutzberg – Eduard von Borsody (mit Heidi Brühl und Hans von Borsody, 
                            Drehbuch Peter Ostermayr nach dem Roman von Ludwig Ganghofer)
28.01.1959 Mein ganzes Herz ist voll Musik - Helmut Weiss (mit Erika Köth und Wolf Albach-Retty)
07.04.1959 Die Sehnsucht hat mich verführt - Wilm ten Haaf (mit  Erika Remberg, 
                                                                                                       Drehbuch Johannes Kai )
28.04.1959 Freddy, die Gitarre und das Meer - Wolfgang Schleif (mit Freddy Quinn und Corny Collins, 
                                                       Drehbuch Gustav Kampendonk und Aldo von Pinelli)
15.09.1959 Und ewig singen die Wälder  Paul May (A - Drehbuch Kurt Heuser nach dem Roman 
             von Trygve Gulbranssen, mit Gert Fröbe, Hansjörg Felmy und Joachim Hansen)
15.10.1959 12 Mädchen und 1 Mann – Hans Quest (A - mit Toni Sailer und Gunther Philipp, Drehbuch 
              Kurt Nachmann nach dem Bühnenstück "Die Gangster von Valence" von Wolfgang Ebert)
29.10.1959 Wenn die Glocken hell erklingen - Eduard von Borsody (A - mit Willy Birgel, Ellen Schwiers)
30.10.1959 Heimat - deine Lieder - Paul May (mit  Sabine Bethmann, Rudolf Lenz 
                                                                                                           und Ingeborg Schöner )
26.11.1959 Bei der blonden Kathrein - Hans Quest (mit Marianne Hold, Gerhard Riedmann
                                                                 und Harald Juhnke, Drehbuch Ilse Lotz-Dupont)
12.12.1959 Freddy unter fremden Sternen – Wolfgang Schleif (mit Freddy Quinn und Gustav Knuth, 
                                                       Drehbuch Gustav Kampendonk und Aldo von Pinelli)
21.12.1959 Alt Heidelberg - Ernst Marischka (mit Christian Wolff, Gert Fröbe und Sabine Sinjen)
22.12.1959 Hubertusjagd - Hermann Kugelstadt (mit Wolf Albach-Retty )


7.2. Die unaufhaltbare Modernisierung

Hans Richter und Musikgesellen in "Wenn die Heide blüht" (1960), Regie Hans Deppe
Der Wandel hin zur Moderne hatte schon Mitte der 50er Jahre eingesetzt, parallel zur Besserstellung der meisten Deutschen auf Grund des ab 1950 einsetzenden Wirtschaftsbooms. Freizeit und Unterhaltung bekamen einen größeren Stellenwert, die Einflüsse moderner Musikrichtungen und die langsam eintretenden soziologischen Veränderungen hinsichtlich der Sexualität und der Rolle der Frau in der Gesellschaft ließen sich nicht mehr negieren. Eine erste Konsequenz war die Zunahme komischer Elemente auch in ernsthaften Heimatfilm-Dramen (siehe Kapitel 6.4. „Die Stunde der Komödianten“). Eine zweite galt den folkloristischen und musikalischen Einlagen, die in den frühen Filmen noch authentisch das Lebensgefühl der Bergbevölkerung wiedergeben sollten, zunehmend aber einen moderneren, schlagerartigen Charakter annahmen.

Sieghardt Rupp in "Glocken läuten überall" (1960)
Diese Veränderungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Westdeutschland in den 50er Jahren noch sehr konservativ war, aber die Auseinandersetzung zwischen der Wiederaufbau-Generation und der heranwachsenden Jugend nahm zu und wurde auch im Kinosaal geführt. Seit 1956 („Die Halbstarken) hatte sich ein moralisch konnotierter Film etabliert, der vor den Gefahren freier Sexualität und Infragestellung bisheriger Autoritäten warnen wollte. Der gezielt die bürgerliche Gesellschaft ansprechende Heimatfilm wurde davon zuerst noch nicht berührt, aber die Freddy Quinn-Filme waren eine Reaktion auf diese Veränderungen. Kein krachlederner Jäger oder Bergsteiger diente mehr als Vorbild für Verlässlichkeit und moralische Werte, sondern ein singender Naturbursche und Abenteurer, der zuerst die Welt kennenlernen will, um seiner Heimat letztlich treu zu bleiben.

Toni Sailer in "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
Unter diesen Vorzeichen ist auch „Auf Wiedersehen am blauen Meer“ (1962) zu betrachten, eine ideale Kombination aus Moral-, Touristik- und Heimatfilm. Nur die erste Viertelstunde spielt noch in den heimischen Bergen, dann geht es für den Protagonisten nach Italien. Bevor er geläutert und gemeinsam mit der von ihm geretteten Maid wieder nach Hause zurückkehrt, darf er ein wenig über die Stränge schlagen. Als bekannter Schürzenjäger lebt er unverheiratet mit einer Frau zusammen – ein Verhalten, dass einem männlichen Helden wenige Jahre zuvor noch nicht zugestanden worden wäre. Daraus sprach keine größere Toleranz, sondern der Versuch vor den Gefahren der Unmoral zu warnen. Nach wie vor galt es am Ende eine heile Welt zu propagieren, aber der Weg dahin hatte sich geändert.


Die Jahre 1960 bis 1962:

15.09.1960 Das Erbe von Björndal - Gustav Ucicky (A - mit Maj-Britt Nilsson und Joachim Hansen, 
                                                                               nach dem Roman von Trygve Gulbranssen)
20.10.1960 Glocken läuten überall – Franz Antel (DA - mit Hans Holt, Annie Rosar und Oskar Sima, 
Drehbuch Kurt Nachmann nach dem Bühnenstück "Die Gangster von Valence" von Wolfgang Ebert)
20.10.1960 Köhlerliesel - August Rieger (DA - mit Anita Gutwell , bekannt als "Hohe Tannen")
21.10.1960 Wenn die Heide blüht - Hans Deppe (mit  Joachim Hansen und Walter Richter, 
                                                                                                           Drehbuch Gustav Kampendonk )
16.12.1960 Das Dorf ohne Moral - Rudolf Zehetgruber (A - mit Paul Löwinger und Franz Muxeneder
                        nach dem Bühnenstück "Das Ei des Korbinian" von Albert Dambek)
20.12.1960 Im weißen Rössl – Werner Jacobs (DA - mit Peter Alexander, Waltraut Haas, Adrian Hoven, 
                                                       Drehbuch Janne Furch, Remake von 1926 und 1952)
21.12.1960 Heimweh nach dir, mein grünes Tal - Hermann Leitner (A - mit Anita Gutwell und 
                                                                             Rudolf Lenz, Drehbuch Theodor Ottawa)
23.12.1960 An heiligen Wassern - Alfred Weidenmann (DSch - mit Hansjörg Felmy,
                                          nach dem Roman von Jacob Christoph Heer, Remake von 1932)


Conny Froebess und Rudolf Prack in "Mariandl" (1961)


















20.01.1961 Schön ist die Liebe am Königssee - Hans Albin (A - mit Marianne Hold, Gustavo Rojo
                                                                     und Harald Juhnke , Drehbuch Janne Furch)
28.07.1961 Der Orgelbauer von St. Marien – August Rieger (A - mit Paul Hörbiger, Gerlinde Locker, 
                                                                                                   Drehbuch Theodor Ottawa)
09.08.1961 Via Mala - Paul May (mit Gert Fröbe und Joachim Hansen, nach dem Roman von 
                                                                                          John Knittel, Remake von 1945)
25.08.1961 Mariandl - Werner Jacobs (A - mit  Cornelia Froboess, Rudolf Prack und Waltraut Haas, 
                                      Drehbuch Janne Furch, Remake von "Der Hofrat Geiger" (1947))
22.09.1961 Ruf der Wildgänse - Hans Heinrich (A - mit Heidemarie Hatheyer)
28.09.1961 Drei weiße Birken – Hans Albin (mit Erika Remberg, Helmuth Schneider, Gunnar Möller)
19.10.1961 Das letzte Kapitel - Wolfgang Liebeneiner (mit Hansjörg Felmy und Karin Baal, 
                                    Drehbuch George Hurdalek nach dem Roman von Knut Hamsun)
27.10.1961 Saison in Salzburg - Franz Josef Gottlieb (A - mit Peter Alexander, Waltraut Haas 
  und Gunther Philipp, Drehbuch Janne Furch nach der Operette von Max Wallner und Kurt Feltz)
20.12.1961 So liebt und küßt man in Tirol - Franz Marischka (mit Adrian Hoven, Vivi Bach und
                   Harald Juhnke, Drehbuch Janne Furch, Hans Billian und Ilse Lotz-Dupont)
22.12.1961 Im schwarzen Rössl - Franz Antel (A - mit Karin Dor, Hans von Borsody und Peter Kraus, 
                                                                                                     Drehbuch Kurt Nachmann)


Vico Torriani in "Muss i denn zum Staedtele hinaus" (1962)


















20.01.1962 Drei Liebesbriefe aus Tirol - Werner Jacobs (mit Ann Smyrner, Trude Herr, Paul Hörbiger 
                                                                       und Hans Moser, Drehbuch Kurt Nachmann)
28.07.1962 Auf Wiedersehen am blauen Meer – Helmut Weiss (mit Toni Sailer, Hannelore 
                                                                                                                Cremer, Eva Astor)
09.08.1962 Waldrausch  Paul May (A - mit Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Ingeborg Schöner 
               und Sepp Rist, Drehbuch Erna Fentsch und Kurt Heuser nach dem Roman von 
                                                      Ludwig Ganghofer, Remake von 1939, 1975 erneut verfilmt)
25.08.1962 Wenn die Musik spielt am Wörthersee - Hans Grimm (mit  Vivi Bach, Claus Biederstaedt)
22.09.1962 Muß i denn zum Städtele hinaus - Hans Deppe (mit Vico Torriani, Barbara Frey und 
                                                            Monika Dahlberg, Drehbuch Gustav Kampendonk)
28.09.1962 Mariandls Rückkehr – Hans Albin (A - mit Cornelia Froboess, Rudolf Prack und 
                                                                                Waltraut Haas, Drehbuch Janne Furch)
19.10.1962 Wilde Wasser - Rudolf Schündler (mit Marianne Hold, Hans von Borsody, Corny Collins)
27.10.1962 Der Pfarrer mit der Jazztrompete - Hans Schott-Schöbinger (DA - mit Joachim Hansen, 
                                                                                    Sabine Bethmann und Oskar Sima)
20.12.1962 Sein bester Freund - Luis Trenker (mit Toni Sailer und Dietmar Schönherr, 
                                                                                           Drehbuch Gustav Kampendonk)
21.12.1962 Kohlhiesels Töchter - Axel von Ambesser (mit Liselotte Pulver, Helmut Schmid und Dietmar Schönherr, 
                                            nach dem Drama von Hans Kräly, Remake von 1930, 1943 und 1955)
22.12.1962 Die Försterchristel - Franz Josef Gottlieb (mit Sabine Sinjen, Peter Weck und 
              Gerlinde Locker, Drehbuch Janne Furch nach der Operette von Bernhard Buchbinder 
                                                              und Gerhard Jarno, Remake von 1931 und 1952)

7.3. Die alten und die neuen Männer

Adrian Hoven mit Karin Dor in "Im weißen Rössl" (1960)
Erneut waren es die bewährten Regisseure, die auch den Schritt von den 50ern in die 60er Jahre gingen. Allen voran Hans Deppe und Paul May, die dem Genre schon in den 30er Jahren ihren Stempel aufdrückten, aber auch Ernst Marischka, Gustav Ucicky, Rudolf Schündler, Hans Albin, Helmut Weiss und Wolfgang Schleif blieben bis Mitte der 60er Jahre für die meisten Genre-Werke verantwortlich. Hinzu gekommen war noch Werner Jacobs, dessen Wurzeln im Schlagerfilm lagen („Gitarren der Liebe“, 1954) und der „Im weißen Rössl“ (1960) mit Peter Alexander drehte, ebenfalls eine neue Gallionsfigur im Heimat-Musikfilm-Komödien-Mix.

Peter Alexander mit Waltraut Haas in "Im weißen Rössl" (1960)
In den 60er Jahre nahmen sich auch neue Regisseure des Genres an, die die Modernisierung in Richtung freizügiger Sexualität vorantrieben. Sowohl Rolf Olsen, der in der Hochphase der 50er Jahre einige Drehbücher beigesteuert hatte, als auch Hans Billian (Drehbuch zu „Wilde Wasser“ (1962)) hatten den Heimatfilm noch in seiner traditionelleren Phase kennengelernt, besaßen aber keine Hemmungen, ihren Schabernack beim ständigen Wechselspiel zwischen Mann und Frau in alpenländlicher Idylle zu treiben. Filme wie „Heubodengeflüster“ (1967) und „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) kombinierten den Bauernschwank mit den größeren moralischen Freiheiten der 60er Jahre, blieben optisch aber noch zurückhaltend. Ernst Hofbauer war ihnen in dieser Hinsicht schon einen Schritt voraus. „Die Liebesquelle“ (1966), sein einziger Heimatfilm, der sich den Nebenerscheinungen des aufkommenden Massentourismus widmete, gab sich deutlich offenherziger.

Gerhard Riedmann und Hans-Jürgen Bäumler in "Ruf der Wälder" (1965)
Dieser Wandel bedurfte eines neuen Männer-Typus, auch wenn die alten Recken um Rudolf Prack, Rudolf Lenz und Gerhard Riedmann noch keineswegs abtraten. Neben Freddy Quinn erschien zuerst Toni Sailer auf der Kinoleinwand. Der dreifache Skifahr-Olympiasieger startete nach dem Ende seiner Sportlerkarriere im Film durch, bevorzugt im Schlager- und Heimatfilm. Ihm folgten Manfred Schnelldorfer und Hans-Jürgen Bäumler, ebenfalls hochdekorierte Olympioniken. Während Schnelldorfer mehr im Schlagerfilm unterwegs war („Ich kauf‘ mir lieber einen Tirolerhut“, 1965) spielte Bäumler gleich in seinem ersten Film „Ruf der Wälder“ (1965) an der Seite von Prack und Riedmann. Die Regie führte Franz Antel, das Drehbuch hatte Kurt Nachmann nach dem Roman „Krambambuli“ von Marie von Ebner-Eschenbach verfasst und damit die Basis für das Remake von „Krambambuli“ (1940) und „Heimatland“(1955) gelegt.

Hannelore Auer und Manfred Schnelldorfer in "Spukschloss im Salzkammergut" (1967)
Rudolf Prack spielte in allen drei Versionen mit, aber besonders das Team Franz Antel / Kurt Nachmann steht beispielhaft für die Kontinuität und gleichzeitige Anpassungsfähigkeit des Heimatfilm-Genres. Sowohl Antel, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit begonnen hatte, als auch Kurt Nachmann, der Mitte der 50er Jahre hinzukam, verstanden es, das Medium entsprechend der wechselnden Anforderungen zu gestalten. Nachmann, neben dem Heimatfilm noch Serienschreiber im Schlagerfilm und im komödiantischen Fach, kombinierte früh die publikumswirksamen Elemente zu einer erfolgreichen Einheit, deren Genre-Zuordnung immer schwieriger wurde. Das galt auch für seine gemeinsam mit Antel entworfene Serie über „Die Wirtin von der Lahn“ (1967). Der Titel klingt zwar nach Heimatfilm, es handelt sich dabei aber um eine in die Historie verlagerte Sex-Film-Reihe. Erst mit „Liebe durch die Hintertür“ (1969) waren sie endgültig bei der Heimatfilm-Sexklamotte angekommen.

"Pudelnackt in Oberbayern" (1969)
Ein Ende des Heimatfilms trat trotzdem nicht ein. Die 50er Jahre bleiben auf Grund des Hypes und der entsprechenden Massenfertigung ein einmaliges, an Hand der einzelnen Filme näher zu untersuchendes Phänomen, eine stilistische Abgrenzung zu den Jahren davor und danach ist aber nicht möglich. Im Gegenteil sind die jeweiligen Prozesse, die auch während der 50er Jahre gleichbleibend fortschritten, von größter Aussagekraft hinsichtlich der soziologischen Veränderungen in Westdeutschland. Ob ein Film wie „Die lustigen Weiber von Tirol“ (1964) als Schlager- oder Heimatfilm angesehen wird, ist deshalb sekundär – er war auf die Bedürfnisse des damaligen Publikums zugeschnitten. Ein Bedürfnis, dass zunehmend verschwand und mit ihm auch die Schlager- und Tourismusfilme. Einzig der Heimatfilm als Reflexion der deutschen Befindlichkeit überlebte - nur in einer erneut veränderten Form.


Die Jahre 1963 bis 1969:

28.09.1963 Allotria in Zell am See – Franz Marischka (mit Adrian Hoven, Hannelore Elsner
                                                                                                         und Ingrid van Bergen)
19.10.1963 Übermut im Salzkammergut Hans Albin (mit Claus Biederstaedt und Margitta Scherr)
27.10.1963 Im singenden Rössel am Königssee - Franz Antel (A - mit Peter Weck, Waltraut Haas 
                                                                     und Ingeborg Schöner, Drehbuch Rolf Olsen)
20.12.1963 Ferien vom Ich Hans Grimm (mit Hans Holt und Paul Hörbiger
                                                                                                   Drehbuch Ilse Lotz-Dupont)
22.12.1963 ...denn die Musik und die Liebe in Tirol - Werner Jacobs (mit Vivi Bach, Claus 
                                                                                          Biederstaedt und Hannelore Auer )
18.09.1964 Die lustigen Weiber von Tirol Hans Billian (mit Hannelore Auer, Gus Backus 
                                                                                                                  und Rudolf Prack)
19.02.1965 Das Mädel aus dem Böhmerwald – August Rieger (mit Gerlinde Locker und
                                                                         Walter Richter, Drehbuch Theodor Ottawa)
01.10.1965 Ruf der Wälder  Franz Antel (A - mit Hans-Jürgen Bäumler, Terence Hill, Rudolf Prack
                und Gerhard Riedmann, Drehbuch Kurt Nachmann nach dem Roman "Krambambuli" 
                                      von Marie von Ebner-Eschenbach, Remake von 1955 und 1940)
15.10.1965 An der Donau, wenn der Wein blüht - Géza von Cziffra (DA - mit Hansjörg Felmy 
                                                          und Ingeborg Schöner, Drehbuch Ilse Lotz-Dupont)
21.01.1966 Die Liebesquelle - Ernst Hofbauer (A - mit Hans-Jürgen Bäumler und Sieghardt Rupp)
30.06.1966 Der Weibsteufel – Georg Tressler (A - Maria Emo, Sieghardt Rupp und 
                Hugo Gottschlich, nach dem Drama von Karl Schönherr, Remake von 1951)
25.08.1966 Das sündige Dorf - Werner Jacobs (mit Thomas Alder, Hannelore Auer und Beppo Brem,
                              nach dem Bühnenstück von Max Neal, Remake von 1940 und 1954 )
21.10.1966 Happy-End am Wolfgangsee - Franz Antel (A - mit Waltraut Haas, Erwin Strahl, 
          Hans-Jürgen Bäumler, Drehbuch Kurt Nachmann, bekannt als "00Sex am Wolfgangsee")
25.11.1966 Das Spukschloss im Salzkammergut - Hans Billian, Rolf Olsen (mit Udo Jürgens, Hannelore 
                                                                                         Auer und Manfred Schnelldorfer)
01.12.1967 Da lacht Tirol - Lothar Brandler (mit  Beppo Brem und Sepp Rist, nach dem Roman 
                                                                       "Ruf der Berge" von Karl Springenschmid)
29.12.1967 Heubodengeflüster - Rolf Olsen 
14.03.1969 Pudelnackt in Oberbayern - Hans Albin, Hans Billian (mit Beppo Brem, Hans von Borsody)
24.10.1969 Liebe durch die Hintertür - Franz Antel (DA - mit  Paul Löwinger, Drehbuch Kurt Nachmann)

Gesamtinhalt Essay Heimatfilm:


1. Einleitung und Inhalt:
1.1. Spiegel des Zustands einer Gesellschaft
1.2. Die 50er Jahre – der Versuch von Abgrenzung und historischer Einordnung
1.3. Von Ludwig Ganghofer über den Nationalsozialismus bis zum „Schwarzwaldmädel“
1.4. Kontinuierliche Weiterentwicklung des Genres
1.5. Zielsetzung
1.6. Quellen

2.1. Pioniere des Heimatfilms
2.2. Das Berg-Drama

3. Die Phase des Nationalsozialismus - der Heimatfilm der Jahre 1934 bis 1945
3.1. Der "innere Zirkel" der Heimatfilm-Macher
3.2. Der Heimatfilm als Vehikel der NS-Ideologie?

4. Die Nachkriegszeit bis "Schwarzwaldmädel" – der Heimatfilm der Jahre 1947 bis 1950
4.1. Viele alte und wenige neue Köpfe
4.2. Die Ursache des Erfolgs von "Schwarzwaldmädel": Aktion oder Reaktion?

5. Die erste Boom-Phase – der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954
5.1. Der "Innere Zirkel" wächst
5.2. Die neuen "Mannsbilder"
5.3. Die weiblichen Stars

6. Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957
6.1. Höhepunkt und beginnender Niedergang
6.2. Lust an der Freizeit statt Flucht aus dem Alltag
6.3. Die Protagonisten der zweiten Welle
6.4. Die Stunde der Komödianten

7. Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969
7.1. Gibt es ein Ende des Heimatfilms?
7.2. Die unaufhaltbare Modernisierung
7.3. Die alten und die neuen Männer