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Montag, 14. November 2016

Unter Palmen am blauen Meer (1957) Hans Deppe


Die Band (mit Bibi Johns und Harald Juhnke) erfährt von ihrem Engagement in Italien
Inhalt: Freddy (Harald Juhnke), Sängerin Kitty (Bibi Johns) und ihre drei Mitmusiker freuen sich über ein Engagement in Italien, das neben einem Einkommen auch Ferien am Mittelmeer verspricht. Nur stellt sich die Frage, wie sie dort mit ihren beschränkten Finanzen hinkommen sollen, die nur für drei Bus-Fahrkarten reichen. Sie beschließen, dass zwei von ihnen per Anhalter von München über die Alpen reisen sollen. Wer, soll per Los entschieden werden. Nur Kitty steht dafür nicht zur Verfügung, wie ihr Freund Freddy findet. Das wäre zu gefährlich. Doch sie denkt gar nicht daran und begleitet den Bassisten, der das Auswahlverfahren verloren hatte. Mit dem Ergebnis, dass sie sofort mitgenommen wird und er auf der staubigen Straße mit seinem Instrument zurückbleibt.

Die Contessa (Lil Dagover) und ihre Nichte Marina (Giulia Rubini)
Parallel befindet sich auch der Orchesterchef und Violinist Helmut Zacharias auf dem Weg zu dem idyllisch am Mittelmeer gelegenen Ort. Er will sich von seiner anstrengenden Tournee erholen und hat sich in der Villa der Contessa (Lil Dagover) eingemietet. Allerdings kann er nicht alle Räume wie geplant nutzen, da überraschend auch deren 19jährige Nichte Marina (Giulia Rubini) eingetroffen war. Das stört Zacharias ebenso wenig wie das Musikverbot, dass in der Villa herrscht und auf das die stets in Schwarz gekleidete Contessa, unterstützt von ihrem Diener Cesare (Charles Regnier), streng achtet. Doch die kommenden Ereignisse werden dieses Diktat auf eine harte Probe stellen… 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Hans Deppes Film "Unter Palmen am blauen Meer" griff als einer der ersten Filme diesen Trend auf und variierte die bekannten Muster des Schlager- und Heimatfilms in Richtung einer neuen Gattung, dem "Tourismusfilm". Schauspieler, Musik und Handlungselemente blieben vertraut, fanden aber vor der malerischen Kulisse des Mittelmeers statt, angereichert mit südländischer Folklore. Als Genre tritt der "Tourismusfilm" heute kaum in Erscheinung, da er sich vom Schlagerfilm nur wenig abgrenzte und sich stark an einem Zeitgeist orientierte, der sich vehement wandelte. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966)


Perspektiv-Wechsel ans "blaue Meer"
Regisseur Hans Deppes Einfluss auf den Heimatfilm ist allgemein bekannt. 1934 verantwortete er die Verfilmung des Ludwig-Ganghofer-Romans "Schloss Hubertus", Anfang der 50er Jahre wurden seine Filme "Schwarzwaldmädel" (1950) und "Grün ist die Heide" (1951) zu Initialzündungen für ein Wiederaufleben des Genres nach dem Krieg ("Die erste Boom Phase - der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954"). Weniger bekannt ist seine Rolle im Zusammenhang mit dem "Tourismusfilm", eine Begrifflichkeit, die auf Grund der Nähe zum Schlager- und Heimatfilm selten Anwendung findet. Tatsächlich tauchte in Deppes Film nicht nur erstmals der Sehnsuchtsbegriff "blaues Meer" in einem Filmtitel (und dem dazu gehörigen Titelsong) auf, "Unter Palmen am blauen Meer" wurde zum Prototyp einer Gattung, die die aufkommende Reisefreudigkeit der Deutschen in den späten 50er Jahren aufgriff. 

Kleine Verschnaufpause der Busfahrer...

Besonderheiten des Tourismusfilms

Man nehme den Schlagerfilm, versetze die wahlweise komödiantische/dramatische Handlung an südliche Gestade und mixe das Ganze noch mit ein paar folkloristischen Eigenarten des Gastgeberlandes. Eine Rezeptur, die Hans Deppe schon in „Der Fremdenführer von Lissabon“ (1956) erfolgreich anwendete, in dem Vico Torriani vor der prachtvollen portugiesischen Kulisse zwischen zwei Frauen gerät. Gleich in der ersten Szene des Films wird er berufsbedingt mit einer internationalen Reisegruppe konfrontiert. Damit sprach „Der Fremdenführer von Lissabon“ oder der im gleichen Jahr herausgekommene „Santa Lucia“, ebenfalls mit Vico Torriani in der Hauptrolle, zwar das aufkommende Fernweh im prosperierenden Wirtschaftswunder-Deutschland an, stellte aber keine Verbindung her zur Realität des durchschnittlichen Kino-Besuchers.

...während Kitty (Bibi Johns) per Anhalter reist
Das änderte sich in „Unter Palmen am blauen Meer“, in dessen Mittelpunkt eine Gruppe junger Musiker steht, die ein Engagement in einem beschaulichen Ort an der italienischen Küste erhält und zuerst die schwierige Aufgabe bewältigen muss, von München aus ans Mittelmeer zu gelangen. Ein Motiv, das stilbildend für den „Tourismusfilm“ wurde, dessen Ausgangspunkt in Deutschland lag. Der Weg wurde so zum ersten Ziel und führte direkt zu einem zweiten prägenden Motiv, bedingt durch die fehlenden finanziellen Mittel: das Reisen per Anhalter. Während der Pianist Freddy (Harald Juhnke) und zwei seiner Mitmusiker mit dem Bus reisen können – nur für drei Fahrkarten reicht ihr Geld - ist ihr Bassist gezwungen mit Instrument per Anhalter über die Alpen zu gelangen. Kein leichtes Unterfangen für ihn im Vergleich zu Sängerin Kitty (Bibi Johns), die schnell einen Kavalier findet, der die hübsche Blondine mitnimmt. Gegen den Willen von Freddy, der seine Freundin dadurch Gefahren ausgesetzt sieht. Die wiederholte Verwendung dieses Motivs im Tourismusfilm und die Gegenüberstellung von Reiz und Risiko spiegelte offensichtlich eine damals in Deutschland geführte Kontroverse wider.

Teddy Reno legt sich schwer ins Zeug...
Eine Antwort darauf, warum eine deutsche Combo engagiert wurde, um abendlich in einer Bar in Portofino zum Tanz aufzuspielen, blieb der Film dagegen schuldig. Es genügte, dass die schwedische Sängerin Bibi Johns und drei Berufsmusiker, verstärkt durch Harald Juhnke, schmissige Schlager aufs Parkett legen konnten, darunter den Titelsong. Dieser im deutschen Schlager/Tourismusfilm keineswegs unübliche Stilbruch fiel in „Unter Palmen am blauen Meer“ deshalb ins Gewicht, weil sich Hans Deppe ernsthaft um Authentizität des italienischen Flairs bemühte, ohne in Folklore zu verfallen. Der Film entstand als deutsch-italienische Co-Produktion und konnte neben dem Orchester-Chef und Violinisten Helmut Zacharias noch mit dem italienischen Sänger Teddy Reno aufwarten, der zarte „Amore“-Weisen von sich gab, und im Mittelpunkt der Love-Story steht. Seine Partnerin war die italienische Schauspielerin Giulia Rubini, während Juhnke und Bibi Johns in einer Art On/Off-Beziehung herumalberten.

...und kann auch die Contessa überzeugen
Die Gegenüberstellung zweier Sprachen erzeugte die schönsten Stilblüten. Ständig wechselte es zwischen italienisch und deutsch, immer darauf bedacht den Verständigungsgrad für den deutschen Betrachter hochzuhalten. Das hatte zur Folge, dass Teddy Reno mal deutsch mit Akzent sprach, dann wieder ins Italienische fiel, während seine italienische Partnerin konsequent deutsch synchronisiert wurde. Nebenfiguren parlierten dagegen ausschließlich in der Landessprache – nicht selten alles innerhalb einer Szene. Es existiert auch eine italienische Sprachfassung (Filmtitel „Vacanze a Portofino“), die aber aus dem italienischen Filmgedächtnis verschwunden ist. Vielleicht weil die wichtigen Rollen der Contessa Celestina Morini und ihres langjährigen Dieners Cesare - allerdings hochkarätig - mit den deutschsprachigen Darstellern Lil Dagover und Charles Regnier besetzt wurden. Wahrscheinlicher ist, dass die deutschen Schlager ein Übergewicht hatten und der touristische Reiz für den italienischen Zuschauer geringer ausfiel.

Bei Kitty und Freddy (Harald Juhnke) läufts dagegen lässig
Zudem ist der Story die Hoheit des deutschen Drehbuchautors Kurt E.Walter, der gemeinsam mit Deppe zuvor den Heimatfilm „Heideschulmeister Uwe Karsten“ (1954) schuf, immer anzumerken. Dass auf dem Anwesen der Contessa (Lil Dagover) keine Musik gespielt werden darf, weil sie vor zwanzig Jahren von einem Sänger in der Liebe enttäuscht wurde und seitdem ein Leben in Einsamkeit führt, wirkt übertrieben dramatisiert. Ließe sich aber als Basis einer entspannten Geschichte um Weib und Gesang verkraften, wie sie besonders von Bibi Johns, Juhnke und Regnier mit offensichtlichem Vergnügen ausgespielt wurde. Leider durfte Teddy Reno, ganz dem Klischee des italienischen Schmuse-Sängers entsprechend, nicht in diesen Chor einstimmen. Er sollte mit Inbrunst um die süße Marina (Giulia Rubini) werben. Da deren Tante erwartungsgemäß etwas dagegen hatte, war der Konflikt vorprogrammiert. Doch der gute Teddy konnte natürlich beweisen, dass der Sängerberuf in den 50er Jahren so seriös wie ein 8-Stunden-Büro-Job geworden war. Dass er der Contessa nicht noch seinen Steuerbescheid und seine Kontoauszüge vorlegte, als er um die Hand ihrer Nichte anhielt, überrascht da schon - der „Latin Lover“ wird zum Lieblings-Schwiegersohn.

Individuelles Ferienidyll Portofino, Anno 1957
Diese Betonung von Anstand und Sitte erzeugt inzwischen einen altmodischen Eindruck, lässt aber übersehen, wie modern „Unter Palmen am blauen Meer“ 1957 war, geradezu gewagt in seinem Subtext. Die Truppe um das unverheiratete Paar Freddy und Kitty pflegte nicht nur einen Musik-Stil mit Jazz-Anleihen, ihr lässiges, individuelles Auftreten war noch weit weg vom organisierten Massen-Tourismus, der hier auch im Hintergrund noch keine Rolle spielte. Trotz diverser Konzessionen an den deutschen Kino-Markt blieb so viel Italo-Feeling übrig, um bis heute Fernweh transportieren zu können. 

"Unter Palmen am blauen Meer" Deutschland, Italien 1957, Regie: Hans Deppe, Drehbuch: Kurt E. WaltherDarsteller : Bibi Johns, Harald Juhnke, Giulia Rubini, Teddy Reno, Lil Dagover, Charles Regnier, Helmut ZachariasLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Hans Deppe:

"Schloss Hubertus" (1934) 
"Grün ist die Heide" (1951)

Dienstag, 2. September 2014

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1972) Alfred Vohrer

Inhalt: 1968 - Während in Prag die russischen Panzer auffahren, um die kurze Phase einer Liberalisierung, genannt der „Prager Frühling“, zu beenden, hat der Journalist Walter Roland (Paul Neuhaus) andere Probleme. Sein Chefredakteur will den Erfolgsautoren in seine neue Kampagne einbauen, mit der er die Verkaufszahlen der Illustrierten „Blitz“ weiter nach vorne bringen will. „Sex“ lautet das Mittel zum Zweck und Roland soll dazu die Serie „Mann total“ schreiben, bebildert von „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann), der schon die Nackten in seinem Studio antreten lässt.

Doch Roland wehrt sich gegen den Willen seines Chefredakteurs, obwohl dieser ihn wegen seiner Schulden unter Druck setzen kann, und erreicht als Gegenleistung, auch eine Reportage über einen geflüchteten tschechischen 11jährigen Jungen schreiben zu können. Gemeinsam mit Bertie fährt er zu dem Flüchtlingsauffanglager, um den Jungen zu interviewen. Dabei begegnen sie nicht nur der schönen Irina (Hannelore Elsner), die über die Grenze gekommen war, um ihren zuvor geflohenen Freund Jan Bilka wiederzufinden, sondern werden Zeuge, wie der Junge im Kugelhagel stirbt...


Für seine zweite Simmel-Verfilmung "Liebe ist nur ein Wort" (1971) hatte Alfred Vohrer auf den 1963 erschienenen gleichnamigen Roman zurückgegriffen, bevor er sich - wie gewohnt gemeinsam mit Drehbuchautor Manfred Purzer - nach "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1971) erneut an einen aktuellen Bestseller des österreichischen Schriftstellers heranwagte. Ein riskantes Unterfangen. Weniger, weil das Buch damals auf unzähligen deutschen Nachttischen lag, sondern weil Simmel in "Der Stoff, aus dem die Träume sind" die Verzahnung mehrerer Erzählebenen auf die Spitze trieb.

Politische Ereignisse wie die Niederschlagung des "Prager Frühling" 1968 und die daraus entstehende Flüchtlingswelle aus der Tschechoslowakei, kombinierte Simmel nicht nur mit einer Thriller-Story über die skrupellos vorgehenden Geheimdienste während des "Kalten Krieges" – eines seiner Lieblings-Themen -  sondern legte noch einen kritischen Disput zum Journalismus darüber, mit dem er zwischen engagierter Recherche und Anpassung an populistische Themen polarisieren wollte. Simmel griff dabei seine eigenen Erfahrungen bei der Illustrierten "Quick" auf (im Buch und Film "Blitz"), für die er in den 50er Jahren gearbeitet hatte und die Ende der 60er zunehmend auf Sex und Nuditäten setzte.

Die beiden Protagonisten Walter Roland (Paul Neuhaus) und „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann) stehen entsprechend für die Spezies des zynischen Schreiberlings (Roland) und des nach Sensationen gierenden Fotoreporters (Engelhardt), die gemeinsam für die "Blitz" eine Serie über den "Mann total" kreieren sollen, die hemmungslos auf der Sexwelle reitet. Fleischmann, der in fast allen Simmel-Verfilmungen Vohrers zum Cast gehörte, überzeugt in seiner zwiespältigen Rolle, gibt zuerst den gewissenlosen Fotografen, der ohne zu Zögern die Tötung eines Kindes mit dem Objektiv festhält, bevor er sich zum Sympathieträger mausert.

Die Figur des Roland war in Vohrers Film dagegen von Beginn an als Identifikationsfigur angelegt. Dessen schlechter Ruf, über seinen Verhältnissen zu leben und kaum einen Weiberrock auszulassen, wird nur dezent angedeutet. Stattdessen offenbart er sich sofort als Mann mit Zivil-Courage, der von seinem Chefredakteur (Arno Assmann) zum Schreiben von "Mann total" gedrängt werden muss, sich als Gegenleistung aber eine Reportage über einen aus der Tschechoslowakei geflüchteten 11jährigen Jungen erstreitet. Harald Leipniz‘ lässige Stimme, mit der Paul Neuhaus interessanterweise nachsynchronisiert wurde, dessen optisch coole Ausstattung und nicht zuletzt sein Buddy „Bertie“ verliehen der eher eindimensional charakterisierten Figur des Journalisten das notwendige Charisma, um die Liebesgeschichte mit der schönen jungen Tschechin Irina (Hannelore Elsner) nachvollziehbar werden zu lassen – ein weiterer Baustein in Simmels komplexem Buch-Universum.

Doch damit nicht genug. Mit der etwa 60jährigen Louise (Edith Heerdegen) schuf der Autor noch eine Figur, die Vergangenheit und Gegenwart in ihrer von zunehmender Schizophrenie beeinflussten Geisteshaltung verband. Sie arbeitet in dem Auffanglager für Flüchtlinge, wo Roland und „Bertie“ ihre Reportage über den tschechischen Jungen beginnen, der in einem Kugelhagel stirbt. Dort lernen sie auch Irina kennen, der sie erst aus den Fängen eines Zuhälters helfen, bevor sie sie aus dem Heim befreien, um sie zu ihrem Freund Jan Bilka nach Hamburg zu bringen, der sie am Telefon verleugnet hatte. Die ältliche Louise folgt ihnen, läuft verwirrt über die Reeperbahn und halluziniert zunehmend zwischen Vergangenheit (schon die Nationalsozialisten hatten das Auffanglager für ihre Zwecke genutzt) und Gegenwart, wo sie von Todesahnungen geschüttelt immer mehr die Kontrolle über ihren Verstand verliert.

Damit orientierte sich Vohrer an Simmels Vorlage, in der die ältere Frau zum imaginären Zentrum der vielen Handlungsstränge wird, aber in der filmischen Umsetzung funktionierte das nicht. Schon die ersten Minuten, wenn „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (nach einem Shakespeare-Zitat aus „Der Sturm“, den Louise immer bei sich trägt) zwischen dokumentarischen Aufnahmen aus Prag und der Redaktionskonferenz zum Thema Sex hin und herspringt, lassen den Film nur langsam in Gang kommen. Zudem verzögerte Vohrers Vorliebe für einfrierende Bilder, um zu einem parallelen Handlungsort zu wechseln, das Tempo, verlieh dem Film aber die notwendige Struktur. Dagegen fügte sich das Auftreten von Louise mitsamt ihrer Fantasien nur selten in die Story ein, sondern unterbrach den Erzählfluss noch zusätzlich.

Vohrer und Purzer mussten an dem Versuch scheitern, möglichst viele Aspekte der Buchvorlage einzubeziehen. Die frühen Bilder von der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ haben nur die Funktion des Zeitkolorits, der getötete Junge spielt eine ebenso schnell vergessene Rolle in der Einführung wie die gesamte Flüchtlingsthematik, und selbst die Liebesgeschichte zwischen Roland und Irina bleibt angesichts der fehlenden Entwicklungszeit emotional klischeehaft. Viele interessante Episoden wie der Mord an einem eigenmächtig handelnden Taxifahrer, der ein Verbrechen beobachtet hatte, werden im Schnelldurchgang abgehandelt – nicht erstaunlich angesichts einer großen Nebendarstellerriege um Charles Regnier, Klaus Schwarzkopf, Paul Edwin Roth oder Hans Peter Hallwachs, die alle ihre Szenen bekamen.

Einzig auf der zunehmend gefährlicheren Recherche der beiden Journalisten und der Versuch, ihre Enthüllungsstory zu verhindern, lag das Gewicht der Handlung. Der daraus folgernde damalige Vorwurf gegenüber Simmel, er bediene gleichzeitig die Mechanismen, die er zu kritisieren vorgebe, ließe sich auch auf Vohrers Verfilmung übertragen, dessen Nacktszenen manchem Sexstreifen zur Ehre gereicht hätten. Doch diese Kritikpunkte fallen hinter dem zurück, was stattdessen sowohl in Simmels Buch, als auch Vohrers Film entstand: ein Kaleidoskop der frühen 70er Jahre. Der Story mag es an Stringenz mangeln, aber die ständigen Perspektiv- und Ortswechsel lassen aus vielen Puzzleteilen einen faszinierenden, höchst spannenden und für die Entstehungszeit erstaunlich objektiven Blick auf eine Welt entstehen, an deren von allen Seiten - West wie Ost - ausgeübten zerstörerischen Methoden der Film keinen Zweifel lässt.

"Der Stoff, aus dem die Träume sind" Deutschland 1972, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Paul Neuhaus, Herbert Fleischmann, Hannelore Elsner, Edith Heerdegen, Arno Assmann, Paul Edwin Roth, Klaus Schwarzkopf, Hans-Peter Hallwachs, Charles RegnierLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Sonntag, 3. August 2014

Der Herr mit der schwarzen Melone (1960) Karl Suter

Inhalt: Vater Wiederkehr (Willy Fueter) reagiert überrascht, als plötzlich sein elegant gekleideter Sohn Hugo (Walter Roderer) in seine Zelle zu ihm gesperrt wird. Da er ihm jede Kompetenz abspricht, fehlt es ihm an Vorstellungskraft wie sein Sohn, dessen Anstellung als Reinigungskraft der Aschenbecher in einem Züricher Bankhaus nur seinen Beziehungen zu verdanken war, in einem Genfer Gefängnis landen konnte. Erst langsam ist er bereit, Hugo zuzuhören, dessen Geschichte an dem Tag begann, als sein Vater verhaftet wurde.

Weil ein Mitarbeiter ausfiel, durfte Hugo ausnahmsweise, begleitet von zwei Sicherheitsbeamten, den Geldsack zum Züricher Flughafen bringen, wo er wie jeden Tag nach Genf transportiert wurde. Kurz zuvor hatte er als Halter des Aschenbechers den deutschen Millionär Meißen (Gustav Knuth) und dessen Tochter (Sabine Sesselmann) kennengelernt, als diesen der Tresor der Bank stolz vorgeführt wurde, und hatte dabei erfahren, dass sie ebenfalls auf dem Weg nach Genf waren. Spontan kündigt er seine Stelle und baut als Hobby-Erfinder eine Holzkiste, in der er selbst Platz nimmt, und die er am nächsten Morgen als Luftfracht abholen lässt. So gelangt er in den Frachtraum des Flugzeugs, dass auch drei Millionen Franken an Bord hat...



Mit "Der Herr mit der schwarzen Melone" (1960) brachte die PIDAX am 22.07.2014 den ersten von zwei Filmen des Produzenten Erwin C.Dietrich heraus, die in Zusammenarbeit mit Regisseur Karl Suter und dem Schweizer Kabarettisten Walter Roderer entstanden. "So ein Mustergatte" (1959) folgt am 12.08.2014, entstand aber früher nach einer mehrfach verfilmten Vorlage, darunter mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Der nur für den Schweizer Markt produzierte Film erwies sich als so erfolgreich, dass Dietrich "Der Herr mit der schwarzen Melone" direkt auch für den deutschen Markt produzierte, weshalb er prominente deutsche Darsteller wie Gustav Knuth oder Hubert von Meyerinck engagierte. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).






Die Story vom ewigen Verlierer, der sich am Ende zum Sieger aufschwingt, gehört seit je her zum beliebtesten Komödienstoff, weil er noch Chancen in einer Situation vermittelt, die in der Realität nicht existieren. Auch Hugo Wiederkehr (Walter Roderer) gelingt der Absprung vom wenig geschätzten Aschenbecher-Reiniger einer Bank, dem sein im Gefängnis inhaftierter Vater (Willi Fueter) nichts zutraut und der von seiner Mutter (Walburga Gmür) noch wie ein kleiner Junge behandelt wird, zum angesehenen Geschäftsmann und zukünftigen Ehemann einer schönen Blondine (Sabine Sesselmann) - zudem Tochter eines Millionärs (Gustav Knuth) - nur dank eines Coups, der kaum Nachahmer finden wird. Um an die Geldsendung seiner Bank von Zürich nach Genf per Flieger zu gelangen, schließt der Hobby-Erfinder sich selbst in eine Holzkiste ein - innen bequem ausgestattet und mit ausreichend Werkzeug, Proviant und sonstigen Hilfsmitteln versehen - stiehlt während des Flugs den Inhalt des Sacks im Frachtraum und verlässt die Kiste als dreifacher Millionär.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" versucht gar nicht erst, dem Raub einen realistischen Anstrich zu geben. Schon während des Flugs geht fast alles schief, was schief gehen könnte. Ein als Versuchstier transportierter Hund schlägt an und die Kiste fällt fast zusammen, nachdem Hugo sie von Innen geöffnet hatte. Notdürftig flickt er sie zusammen, muss aber die Bretter auch dann noch von Innen richten, als der Gabelstapler die Kiste schon aus dem Frachtraum abholt. Da der von ihm befreite Hund ständig bellend um den Stapler läuft, wird ein Zollpolizist aufmerksam, im richtigen Moment aber durch ein flüchtendes Fahrzeug abgelenkt. Wohin die Kiste geliefert werden sollte und wie Hugo ihr letztlich unentdeckt entkam, beließen die Macher um Regisseur und Drehbuchautor Karl Suter gleich für sich, denn für die Wirkung des Films spielte das ebenso wenig eine Rolle, wie das hochwahrscheinlich positive Ende vorauszusagen.

Entscheidender ist der Schweizer Charakter des Films, der als zweite Zusammenarbeit von Produzent Erwin C.Dietrich, Regisseur Suter und Kabarettist Walter Roderer nach "So ein Mustergatte" (1959) entstand und mit populären Darstellern wie Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck und Sabine Sesselmann auch auf den deutschen Markt abzielte. In "So ein Mustergatte" hatte Roderer schon eine Heinz Rühmann-Rolle gespielt, der für die Darstellung des am Ende siegreichen kleinen Mannes berühmt wurde, aber der schlacksige, langhalsige Roderer ist ein gänzlich anderer Typus. Gemächlich agierend und ruhig formulierend, wird er leicht von seiner Umgebung übersehen und nicht ernst genommen. Diese Unsichtbarkeit ermöglicht es erst durch die Maschen Schweizer Gründlichkeit zu schlüpfen, deren behauptete Perfektion sich als Trugbild erweist.

Dieser selbstironische Gestus, gepaart mit einem amüsanten Seitenhieb auf europäische Befindlichkeiten der späten 50er Jahre - Hugo gerät an der Seite der hübschen Christine und ihres Vaters Generaldirektor Meißen (gewohnt sympathisch und locker von Gustav Knuth verkörpert) in eine europäische Wirtschaftskonferenz - unterscheidet "Der Herr mit der schwarzen Melone" wesentlich von den in der Regel aktionistischen, oft auch zu Albernheiten neigenden deutschen Komödien dieser Zeit. Selbst die abschließende Fluchtsequenz, in der Hugo ohne Führerschein mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt rast, gelang eher als Persiflage auf vergleichbare Komödiensequenzen - die Männer, die mit der Leiter eine Straße überqueren, kommen unbeschadet davon.

Von den Anspielungen auf hochnäsige Bankbeamte, bekanntlich besonders staatstragende Persönlichkeiten in der Schweiz, oder auf die Verhaltensmuster der High Society - sobald Hugo über Geld verfügt, benötigt er keines mehr - eine tiefergehende Gesellschaftskritik zu verlangen, wie es die zeitgenössische Presse bemängelte, wäre zu viel erwartet. "Der Herr mit der schwarzen Melone" versteht sich als unaufgeregte, sanft ironische Komödie in Schweizer Mundart (hochdeutsch untertitelt), die ganz auf den von Roderer gespielten Charaktertypus abgestimmt wurde und erstaunlich zeitlose Unterhaltung ohne peinliche Ausbrüche bietet, vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf das ruhige Tempo des Films ein.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" Schweiz 1960, Regie: Karl Suter, Drehbuch: Karl Suter, Alfred Bruggmann, Hans Gmür, Darsteller : Walter Roderer, Sabine Sesselmann, Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck, Willy Fueter, Bruno GanzLaufzeit : 88 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich: