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Montag, 31. Oktober 2016

Die zornigen jungen Männer 1960 Wolf Rilla


Inhalt: Während auf St.Pauli ein Pfarrer öffentlich vor einer großen Menschenmenge gegen die Verrohung der bürgerlichen Sitten anredet, befindet sich Fred Ploetz (Hansjörg Felmy), erfolgreicher Jung-Unternehmer einer Hamburger Werbe-Agentur, voll in seinem Element. Umgeben von hübschen Models feilt er an seiner nächsten Bilder-Strecke. Doch diesmal fällt ihm eine junge Frau ins Auge, die sich ihm nicht wie üblich an den Hals schmeißt. Die hübsche Studentin Kirsten (Gisela Tantau) ist so selbstbewusst wie anständig, eine Mischung die Fred ernsthaft zu interessieren beginnt. Er bemüht sich um sie und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er zuvor ständig wechselnde weibliche Bekanntschaften bevorzugte.

Seine neue Liebe hält ihn aber nicht davon ab, einen wenig seriösen Auftrag von einem seiner wichtigsten Kunden, dem Unternehmer Pflueger (Hans Nielsen), anzunehmen. Er soll dafür sorgen, dass ein Oberarzt, dessen Forschungsarbeit Pflueger aus geschäftlichen Gründen ein Dorn im Auge ist, die Reputation verliert. Ploetz plant schon seine Vorgehensweise, aber als er feststellt, dass es sich bei dem Arzt Dr.Schneider (Horst Frank) um einen alten Kriegskameraden handelt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Doch Pflueger hat auch die attraktive Irene (Dawn Addams) auf Dr.Schneider angesetzt.

Es dauert etwas, bis Fred (Hansjörg Felmy) zornig wird
"The angry young men" ist ein stehender Begriff für eine gegen ihre Väter-Generation aufbegehrende männliche Jugend, im 50er Jahre Hollywood-Kino personifiziert durch James Dean und Marlon Brando, in Deutschland in abgeschwächter Form durch Horst Buchholz ("Die Halbstarken" (1956)). Bei den "zornigen jungen Männern" in Wolf Rillas Film von 1960 handelte es sich dagegen um Enddreißiger, beruflich schon situiert, aber noch ohne familiäre Bindungen. Geschuldet war diese Situation der besonderen Lage nach dem Ende des Krieges. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder hatten zwar eine sich wandelnde Sozialisation zur Folge, die moralische Standards und Geschlechterrollen zu verändern begann, insgesamt war die bundesdeutsche Gesellschaft 1960 aber noch sehr konservativ. Allein Männer trafen geschäftliche Entscheidungen und um bei der älteren Generation ernst genommen zu werden, bedurfte es eines angemessenen gesellschaftlichen Status.

Anwalt Faber (Joachim Fuchsberger) verweigert die Glorifizierung der Armee
Stellvertretend stehen die drei Hauptfiguren für prägende Berufsgruppen der jungen Republik: der Leiter einer Werbe-Agentur, der Oberarzt und der Rechtsanwalt. Gespielt wurden sie von drei populären Darstellern - Hansjörg Felmy, Horst Frank und Joachim Fuchsberger - die real jünger waren als die von ihnen verkörperten Männer des Jahrgangs 1922, deren Freundschaft noch auf ihrer gemeinsamen Zeit als Soldaten während des Kriegs fußte. Nur Joachim Fuchsberger, Jahrgang 1927, wurde 1943 noch eingezogen, Felmy und Frank waren dafür zu jung. Deutlich wird an dieser Konstellation nicht nur, wie bindend diese gemeinsame Erfahrung mehr als ein Jahrzehnt später noch war, sondern dass sich daraus ein moralischer Anspruch ableitete. Als Fred Ploetz (Hansjörg Felmy) in dem Arzt, gegen den er im Auftrag des Großindustriellen Pflueger (Hans Nielsen) integrieren soll, seinen alten Kameraden Gerd Schneider (Horst Frank) wieder erkennt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Zuvor ausschließlich an Geld und Vergnügen interessiert, beginnt Ploetz umzudenken. Die gemeinsame Soldatenzeit wird zum Ausgangspunkt seiner Läuterung und zur Auflehnung gegen die Machenschaften des rücksichtlosen Geschäftemachers.

Partytime bei Fred...
Fred Ploetz steht nicht nur im Mittelpunkt der Handlung, sondern ist die einzige Figur, der eine Entwicklung zugestanden wird, auch wenn der Anlass dafür aus heutiger Sicht konstruiert wirkt. An ihm, dem Werbefachmann - ein Berufsbild, das erst durch die Wirtschaftswunderjahre und dem damit aufkommenden Konsum populär wurde - arbeitete sich der moralisch aufklärerische Gestus des Films ab. Ploetz ist ein Hallodri, der seine Werbe-Firma nicht nur für zahlreiche Frauenbekanntschaften nutzt, sondern sich Jedem andient, der ihn ordentlich bezahlt. Hemmungen kennt er nicht, was sich auch in seinen Partys zeigt, die er großzügig mit viel Alkohol und Sex veranstaltet. Den Auftrag seines Großkunden Pflueger, die Forschungsarbeit des Oberarztes verschwinden zu lassen, nimmt er sofort an. Darin hatte dieser nachgewiesen, dass die von Pfluegers Firma in Lebensmitteln verwendeten chemischen Zusatzstoffe krebsverursachend sind. Das hätte Einfluss auf ein neues, lückenhaftes Lebensmittelgesetz, dass der Bundestag verabschieden will. 

"Die Handlung und die Figuren des Films sind frei erfunden, sollten dennoch Ähnlichkeiten mit bestehenden Zuständen erkennbar sein, so sind diese wohl unvermeidlich" (zu Beginn des Films eingeblendete Texttafel)

...und dessen Erkenntnisse im Krankenhaus dank Dr.Schneider
Der gebürtige Berliner und englische Staatsbürger Wolf Rilla, der als Kind mit seinen Eltern 1934 aus Deutschland emigriert war, und im Gegensatz zu seinem Vater, dem Schauspieler Walter Rilla, nach dem Krieg nicht mehr zurückkehrte, schuf mit „Die zornigen jungen Männer“ seinen einzigen deutschen Film nach einem Drehbuch des Schriftstellers Wolf Berthold. Dieser wurde in den 50er Jahren bekannt für seine in Illustrierten veröffentlichten „Tatsachenromane“, die in ihrer Mischung aus Kolportage, Unterhaltung und Gesellschaftskritik den Nerv der Zeit trafen und heute ein authentisches Bild des damaligen Lebensgefühls vermitteln können. Nach seinen Vorlagen waren zuvor „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) über einen Serienmörder während der Zeit des Nationalsozialismus und der Anti-Kriegsfilm „Kriegsgericht“ (1958) entstanden, er entwarf aber auch ein zeitgenössisches Bild der Bundesrepublik in „Madeleine Tel.13 62 11“ (1958) und "Am Tag als der Regen kam" (1959), deren Schwerpunkt auf den sozialen Veränderungen nach dem Krieg lag.

Dr.Schneider (Horst Frank) erliegt der attraktiven Irene (Dawn Addams)...
Deren Mischung aus Gesellschaftskritik und moralischem Zeigefinger prägte auch „Die zornigen jungen Männer“. Die ernsthafte Thematik der Lebenmittelverunreinigung wird überdeckt von der Schilderung einer vergnügungssüchtigen Jugend. Die Offenlegung der Doppel-Moral des Staates, der eine Frau wegen „Beihilfe zur Unzucht“ verurteilen will, weil sie den Verlobten ihrer Untermieterin vor deren Hochzeit in ihrer Wohnung übernachten ließ, gleichzeitig aber gerne die Steuereinnahmen aus dem horizontalen Gewerbe einnimmt, wird kontrastiert von einem rückständigen Frauenbild. Diese ambivalente Haltung zeigte sich auch in den Charakterisierungen der Protagonisten. Horst Frank wird in seiner Rolle als Oberarzt zwar eine Schwäche für das weibliche Geschlecht zugestanden, die ihm beinahe zum Verhängnis wird, aber in seiner beruflichen Position bleibt er integer und standfest. Joachim Fuchsberger ist als Anwalt ganz charakterfester Profi. Ihre traditionellen Berufe werden nicht in Frage gestellt, das moderne Bild des Werbe-Grafikers, der sein Geld vor allem mit Fotos von leicht bekleideten Frauen zu verdienen scheint, dagegen schon.

...wie von Generaldirektor Pflueger (Hans Nielsen) beabsichtigt
Dass Hansjörg Felmy in seiner Rolle nicht vollständig demontiert wird, verdankt er dem Drehbuch-Trick, seine Verfehlungen in die Vergangenheit zu verlegen. Schon in einer der ersten Szenen des Films begegnet er der hübschen Studentin Kirsten (Gisela Tantau) und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er in den Jahren zuvor nur wechselnde Affären hatte. Er beginnt eine ernsthafte Beziehung mit Kirsten und entdeckt sein Gewissen wieder. Trotzdem kommt er nicht ganz ungeschoren davon – so viel Strafe musste sein. Auch Hans Nielsen als gewissenloser Unternehmer Pflueger muss sich am Ende eine Niederlage eingestehen, aber der Film wagte nicht, die Rolle des Kapitalisten ernsthaft in Frage zu stellen. Als er erkennt, dass er diesmal an einen stärkeren Gegner gekommen ist, bewahrt er Contenance und zieht die Konsequenzen. Dass er bei seinem nächsten geschäftlichen Vorhaben mit mehr Skrupel vorgehen wird, ist deshalb nicht zu erwarten.

Die eigentlichen Verlierer in „Die zornigen jungen Männer“ sind die Frauen, genauer die beiden gegensätzlich gezeichneten weiblichen Protagonistinnen. Die englische Darstellerin Dawn Addams, im deutschen Film auf die Rolle der „Femme fatale“ festgelegt ("Die feuerrote Baronesse" (1959)), prostituiert sich im Auftrag Pfluegers, um den Oberarzt Schneider in eine verfängliche Situation zu bringen. Nach einer gemeinsamen Nacht klagt sie ihn fälschlich der Vergewaltigung an. Aus der Klemme hilft ihm dessen cooler Kamerad, Anwalt Dr.Jürgen Faber (Joachim Fuchsberger), der den Spieß einfach umdreht. Er macht sich an die attraktive Irene (Dawn Addams) heran, die sich in ihn verliebt und ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Bevor sie im Bett landen, klärt Faber sie über seine wahren Absichten auf und fordert sie auf, ihre Anklage wieder zurückzuziehen, wenn sie verhindern will, dass ihre Liason bekannt wird. Sie hat keine Wahl, denn als Frau wäre sie diskreditiert und vor Gericht unglaubwürdig.

Moralpredigt
Die Studentin Kirsten ist das genaue Gegenteil von Irene, ein anständiges Mädchen. Obwohl Fred es ernst mit ihr meint, begeht er in einer Stress-Situation bei einer seiner Partys den Fehler, sie wegen ihrer Bravheit zu provozieren. Sie solle sich ihre Komplexe abreagieren und mit ein paar Anderen schlafen – einen Vorschlag, den sie noch in der gleichen Nacht umsetzt. Fred reagiert geschockt, ist sich seiner Schuld aber bewusst und macht ihr keine Vorwürfe. Doch das hilft Kirsten nicht mehr, die gegen die moralischen Prämissen verstoßen hatte. Mitten im Verkehr steigt sie aus seinem Auto und verschwindet verzweifelt in der Menge. Die Botschaft an die weiblichen Betrachter war eindeutig. Schon zu Beginn des Films spricht ein auf St.Pauli gegen die Verrohung der Sitten öffentlich auftretender Pfarrer direkt die Frauen an, die mit 20 nur an ihr Vergnügen denken, mit 30 aber ohne Freunde alleine in einer Dachkammer hausen werden. 

„Ein Film voller Pseudoproblematik, der seine Illustriertenherkunft nicht verbergen kann.“ (Lexikon des internationalen Films)

„Die zornigen jungen Männer“ wurde von der Filmkritik wenig positiv besprochen, aber das erklärt nicht, warum der unterhaltsame und abwechslungsreiche, zudem prominent besetzte Streifen fast vollständig aus dem Kino-Gedächtnis verschwand. So inkonsequent seine Mischung aus moralischem Zeigefinger und Gesellschaftskritik sein mochte, sie entsprach dem damaligen Zeitgeist. Deutlich wird in Wolf Rillas Film, dass die „sexuelle Revolution“ 1960 schon voranschritt. Freds Aufforderung an Kirsten griff früh einen Slogan aus den 68ern auf, wurde hier aber noch als negatives Beispiel eines dekadenten Lebenswandels hingestellt. Geholfen hat es nicht. Dem Film erging es wie vielen „Moral-Filmen“ seiner Zeit, die einerseits vor den Verwerfungen einer sich wandelnden Sozialisation warnten, gleichzeitig aber die Sex-Thematik als Aufhänger nutzten. Kombiniert mit der Kritik an einem Wirtschaftswunder-Kapitän – so dezent und wenig generell diese auch ausfiel – wagte sich Rilla damit gleich zweifach auf vermintes Feld. Offensichtlich zu früh, aber heute ein sehr guter Grund, den Film wieder zu entdecken. 

"Die zornigen jungen MännerDeutschland 1960Regie: Wolf RillaDrehbuch: Will Berthold (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Joachim Fuchsberger, Horst Frank, Dawn Addams, Hans Nielsen, Gisela Tantau, Armin Dahlen, Laufzeit : 83 Minuten

Sonntag, 8. Februar 2015

Endstation 13 Sahara (1963) Seth Holt

Inhalt: In einem kleinen Ort am Rande der Sahara wird Martin (Hansjörg Felmy) abgeholt, um von dort zu einer kleinen Pump-Station in der Wüste gebracht zu werden, wo er für einen US-amerikanischen Öl-Konzern arbeiten soll. Er hat sich ebenso für fünf Jahre verpflichtet wie die anderen vier Männer, die unter der Leitung des deutschstämmigen US-Amerikaners Kramer (Peter van Eyck) ihrem eintönigen Job in der Einöde nachgehen.

Zwar stehen ihnen ein paar einheimische Arbeitskräfte als Dienstboten zur Verfügung, aber darüber hinaus bietet das Lager-Leben weder Komfort, noch Abwechslung, sieht man von den gemeinsamen Poker-Spielen ab, zu denen Kramer die Männer gegen ihren Willen nötigt. Einzig ein paar Prostituierte kommen in größeren Abständen zu Besuch, wie Martin bei seiner Ankunft feststellt, aber die Sehnsüchte der Männer können sie nur kurz vertreiben…


Mit "Endstation 13 Sahara" veröffentlicht PIDAX am 20.02.2015 nach "Ein Toter sucht seinen Mörder" (1962) auch den zweiten (und letzten) Versuch Arthur Brauners, mit einer deutsch-englischen Co-Produktion auf dem englischen Markt Fuß zu fassen. Gehörte "Ein Toter sucht seinen Mörder" zu dem - dank der Edgar-Wallace-Erfolge - damals sehr populären Mystery-Kriminal-Genre, fiel "Endstation 13 Sahara" als Verfilmung eines Theaterstücks scheinbar aus dem Rahmen. Tatsächlich setzte Brauner damit auf ein anderes erfolgversprechendes Sujet - den aufkommenden Erotik-Film. Mit der Besetzung Carroll Bakers, seit "Baby Doll" (1956) als verführerische Schönheit festgelegt, gelang Brauner ein vorausschauender Coup, auch wenn sein Film davon noch nicht angemessen profitierte. Ab den späten 60er Jahren sollte Carroll Baker im italienischen Film zu einer Ikone des erotischen Films werden - "Endstation 13 Sahara" liefert nicht nur dafür schon frühzeitige Argumente, sondern weist auf die Entwicklung des erotischen Films in Deutschland hin (siehe "Bis die Schulmädchen kamen - der erotische Film der 60er Jahre" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 




Inmitten einer staubigen Wüstenlandschaft, abseits der Zivilisation, arbeiten sechs Männer an einem Außenposten eines US-amerikanischen Öl-Multis, die es aus England, Frankreich und Deutschland hierher verschlagen hat. Kramer (Peter van Eyck), ein US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit vielen Jahren die kleine Einheit, deren Mitglieder sich für mindestens fünf Jahre verpflichten mussten, die Ölleitung und technischen Anlagen im afrikanischen Niemandsland zu überwachen.

Eine Ausgangssituation, die an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst) erinnert, den Henri-Georges Clouzot 1953 nach einer Romanvorlage des französischen Autors George Arnaud verfilmt hatte. Wie dieser spielt auch „Endstation 13 Sahara“ vor dem Hintergrund eines zugespitzten männlichen Mikrokosmos aus enttäuschter Vergangenheit und fehlender Zukunftsperspektive, der nur wenig Anlass zur Eskalation benötigt. Dass in beiden Filmen die US-Ölindustrie sowohl als Verursacher, als auch als Hoffnungsträger fungierte, sollte zwar deren weltweite wirtschaftliche Macht veranschaulichen, Kritik daran lässt sich aber allein im Subtext finden – beide Filme eint viel mehr ihr Interesse an zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in Extremsituationen.

Darüber hinaus existieren noch weitere Gemeinsamkeiten. Auch „Endstation 13 Sahara“ basiert auf französischer Literatur, dem Theaterstück „Männer ohne Vergangenheit“ von Jean Martet, dessen Titel die psychische Situation der Protagonisten genauer hervorhebt als der neutralere Filmtitel. Erst die Verdrängung dieser Vergangenheit, die zum Auslöser dafür wurde, warum sich die Männer an diesem Ort verdingt haben, erklärt ihr gegenwärtiges Verhalten. Autor Martet ist inzwischen nahezu unbekannt - gut zu erkennen an der falschen Schreibweise seines Namens sowohl in den Film-Credits, als auch auf der DVD-Hülle der PIDAX. Dabei war sein Theaterstück früher entstanden als Arnauds Roman und wurde schon 1939 erstmals unter dem Titel „S.O.S. Sahara“ verfilmt – als deutsche Produktion mit einem ausschließlich französischen Cast. Darunter Charles Vanel in der Hauptrolle, der neben Peter van Eyck in „Lohn der Angst“ mitwirkte.

Eine erstaunliche, vielleicht zufällige Parallele zur Arthur Brauner-Produktion von 1962, die wie die 39er-Fassung von internationalem Zuschnitt war. Zwar verfügte der Cast neben Peter van Eyck mit Mario Adorf und Hansjörg Felmy über populäre deutsche Mimen, aber das Kreativ-Team stammte ausschließlich aus England. Regisseur Seth Holt und Autor Brian Clemens hatten zuvor bei der TV-Serie „Danger Man“ (Geheimauftrag für John Drake, 1960 – 1962) zusammen gearbeitet und mit Co-Autor Brian Forbes war ein auch als Schauspieler und Regisseur erfahrener Mann mit an Bord. Der größte Coup gelang Brauner aber mit der Verpflichtung von Carroll Baker in der weiblichen Hauptrolle. Die US-amerikanische Darstellerin, die später zum ständigen Gast im europäischen Film werden sollte, war seit „Baby Doll“ (1956) zum Filmstar aufgestiegen. Ein Ruhm, der sie auf ein Rollen-Klischee festlegte, das sie auch in „Sahara 13 Endstation“ trefflich bedienen sollte – als erotische Verführerin.

In dieser Konstellation zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu Clouzots „Lohn der Angst“ – nicht der lebensgefährliche Versuch, einem trostlosen Leben zu entkommen, erzeugte in „Sahara 13 Endstation“ die testosteron-geschwängerte Atmosphäre, sondern Sex. Die sprachlastige Handlung, der ihr theaterartiger Charakter anzumerken ist, spielt fast ausschließlich an der Pump-Station, konzentriert sich zuerst auf das Binnenverhältnis der sehr unterschiedlichen Männer, um dann durch die Hinzuziehung einer schönen Frau das mühsam aufrecht erhaltene Konstrukt zum Bersten zu bringen. Dabei ist Catherine (Carroll Baker) nicht allein, sondern wird von ihrem geschiedenen Mann Jimmy (Bigg McGuire) begleitet, der versucht hatte, sie umzubringen, indem er mit seinem Wagen in die Pump-Station raste – mit dem Ergebnis, dass er schwer verletzt im Bett liegt, während sie bei den Männern ihre Chancen auslotet.

Leider konnte der in den 30er Jahren entstandene Original-Text von mir nicht als Vergleich zur Drehbuch-Fassung hinzugezogen werden, aber die Charakterzeichnungen der Protagonisten wirken an die Erwartungshaltung eines 60er Jahre Publikums angepasst. Lassen die beiden britischen Mimen Ian Bennan und Denholm Elliott in ihrer Auseinandersetzung um einen Brief auf unterhaltsame Weise noch etwas von ihrer persönlichen Tragik durchschimmern, spielte Peter van Eyck erneut den desillusionierten, auf Grund schlechter Erfahrungen nach außen hin hart gewordenen Mann, wie er ihn seit „Lohn der Angst“ mehrfach variierte. Auch Mario Adorf verkörperte als grobschlächtiger Franzose einen eindimensionalen Rollen-Typus, spielte hier aber nur eine Nebenrolle, während besonders Hansjörg Felmys Auftreten nicht zu einem vielschichtigen Drama passt.

Der Eindruck, dass seine Rolle ein Gegengewicht zu der Gruppe gebrochener Charaktere bilden sollte, drängt sich auf. Zwar scheint auch er von negativen Erfahrungen getrieben an diesen einsamen Ort gekommen zu sein, aber seinem Selbstbewusstsein konnte das nichts anhaben. Ob in der Auseinandersetzung mit seinem autoritären Chef, beim ausführlich und spannend inszenierten Pokerspiel oder im Umgang mit der schönen Frau – Felmy blieb als Martin immer glattgesichtig und souverän und sollte dem Kino-Besucher offensichtlich als positive Identifikations-Figur dienen, während Carroll Baker die Schurkenrolle zukam. Der von ihr gespielten Catherine wurden weder Ängste, noch Selbstzweifel zugestanden – einzig egoistische Interessen scheinen sie anzutreiben, ohne das es ersichtlich wird, warum sie sich auf welche Männer einlässt.

„Sahara 13 Endstation“ kann als Gesellschaftsdrama entsprechend wenig überzeugen, auch wenn die nihilistische Grundstimmung des Stücks noch zu spüren ist. Viel mehr gehört Arthur Brauners Produktion zu den in den frühen 60er Jahren entstandenen erotischen Filmen, die ihre dezenten Nacktaufnahmen noch in eine komplexe Handlung integrierten, die nach außen hin die moralischen Standards wahrte. Die bei großer Hitze entstehende Extremsituation sollte das promiskuitive Verhalten der Männer entschuldigen, die Frau fungierte wie gewohnt als Verführerin und dafür bestraft, aber das konnte nur schwach kaschieren, dass es in „Sahara 13 Endstation“ vor allem um Sex geht – mit Carroll Baker als Idealbesetzung.

"Endstation 13 Sahara" Deutschland, England 1963, Regie: Seth Holt, Drehbuch: Brian Clemens, Bryan Forbes, Jean Martet (Theaterstück), Darsteller : Carroll Baker, Peter van Eyck, Hansjörg Felmy, Mario Adorf, Ian Bennan, Denholm Elliott, Bigg McGuire, Laufzeit : 91 Minuten

Sonntag, 3. November 2013

An heiligen Wassern (1960) Alfred Weidenmann

Inhalt: Roman Blatter (Hansjörg Felmy) verabschiedet sich schnell von seiner geliebten Binja (Cordula Trantow), um zu seiner Mutter und Schwester zu gehen, denn eine Glocke kündigt eine große Gefahr an, die über dem hoch in den Schweizer Alpen gelegenen Bergdorf liegt. Roman versucht seine Mutter Fränzi (Gisela von Collande) zu beruhigen, indem er die Wahrscheinlichkeit als gering erachtet, dass er oder sein Vater von dem Los erwischt werden, das sie zwingt, in der Bergwand die hölzerne Wasserleitung zu reparieren, von der das Überleben des gesamten Ortes abhängt – es gäbe genug andere Männer, die dafür in Frage kämen. Doch damit kann er sie nicht beruhigen, denn sie hat schon viele Männer sterben sehen, auf die das Los gefallen war.

Zudem ahnt Roman nicht, dass sein Vater Seppi Blatter (Karl John) wenig später im Wirtshaus des reichsten Bewohners des Ortes, Hans Waldisch (Gustav Knuth), am Tisch sitzt und verhandelt. Dieser hat ihm angeboten, seine Schulden zu entlassen und noch Geld drauf zu legen, wenn Blatter sich freiwillig für den gefährlichen Job meldet. Er lässt sich überreden und unterschreibt einen Vertrag, aber nachdem nachts die Lawinen wie erwartet die Leitung zerstört hatten, sieht sich Waldisch der Kritik der anderen Dorfbewohner ausgesetzt und auch Fränzi spricht bei ihm vor, um ihn zu bitten, den Vertrag zu zerreißen. Widerwillig setzt auch er sich in der Dorfkirche dem Losverfahren aus, aber obwohl Waldisch den Vertrag zuvor verbrannt hatte, meldet sich Seppi Blatter freiwillig. Zuerst verläuft seine Arbeit wie geplant, aber gerade als das Wasser wieder durch die intakte Leitung fließt, verliert er die Kontrolle und stürzt in den Tod. Das gesamte Dorf trauert, aber bald kehrt wieder der Alltag ein und Waldisch setzt seinen Plan fort, den Tourismus zu fördern – nur Roman will sich damit nicht zufrieden geben…


Die Heimatfilm-Welle hatte ihren Zenit längst überschritten, als Regisseur Alfred Weidenmann und Drehbuchautor Herbert Reinecker mit "An heiligen Wassern" 1960 noch spät das Genre für sich entdeckten. Diese Entscheidung war überraschend, da ihre bisherige Zusammenarbeit - Reinecker war seit dem nationalsozialistischen Propagandafilm "Die jungen Adler" (1944) an beinahe allen Filmen Weidenmanns als Autor beteiligt - keine Berührungspunkte zu dem Erfolgs-Genre aufwies. Im Gegenteil galt ihr Interesse, nachdem sie Anfang der 50er Jahre wieder in der Film-Branche tätig werden durften, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem daraus resultierenden Krieg ("Canaris" (1954) und "Der Stern von Afrika" (1957)), auch wenn ihre frühen Versuche im westdeutschen Film, die jüngste Historie aufzuarbeiten, umstritten blieben. Mit dem gesellschaftskritischen Kriminalfilm "Alibi" hatten sie sich zudem schon 1955 auf ein Gebiet gewagt, das erst in den 60er Jahren Popularität erlangen sollte.

Bei einer genaueren Analyse des Films wird deutlich, dass "An heiligen Wassern" mit dem klassischen Heimatfilm der 50er Jahre nur noch wenig gemeinsam hat. Die Story basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage des Schweizer Heimatschriftstellers Jakob Christoph Heer, in dem dieser vor den Gefahren der beginnenden Tourismuswelle für die traditionelle Lebensweise der Bergbevölkerung warnte, gleichzeitig aber auch Chancen darin erkannte. Der 1898 herausbrachte und 1932 schon einmal verfilmte Roman, wurde von Weidenmann und Reinecker in einer Mischung aus dokumentarischem Charakter und dem Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre auf die Leinwand gebracht, indem sie die archaische Lebensweise der Bergbevölkerung mit einem dynamisch und optimistisch auftretenden Hansjörg Felmy in der Hauptrolle verbanden, der Ende der 50er Jahre zu einem der populärsten Mimen im deutschen Kino aufgestiegen war.

Aus dem Off erklärt zu Beginn eine Stimme, wie abhängig die hoch gelegenen Bergdörfer von dem Gletscherwasser waren, das sie über hölzerne Rinnen bis zu einem Sammelbecken im Ort führten. Gezwungenermaßen musste die Rinne entlang der Felswände, hoch über dem Tal, gebaut werden und war dem Wetter schutzlos ausgesetzt. Wurden Teile davon von einer Lawine zerstört, wurde per Los ein Mann des Dorfes dazu bestimmt, in die Felswand abzusteigen, um die Wasserversorgung wieder herzustellen – ein lebensgefährliches Unterfangen, dass einem Todesurteil gleich kam. Weidenmann widmet das erste Drittel seines Films ausführlich diesen Vorgängen, dabei nur wenige dramatische Elemente hinzufügend. Mehr als der junge Roman Blatter (Hansjörg Felmy) spielt der Ortsvorsteher und als Besitzer des Gasthauses „Zum Bären“ reichste Bürger der Stadt, Hans Waldisch (Gustav Knuth), die wichtigste Rolle in der frühen Phase des Films. Er versucht Seppi Blatter (Karl John), Romans Vater, mit dem Versprechen, ihm seine Schulden zu erlassen, dazu zu überreden, sich freiwillig für die Reparatur der Leitung zu melden, auch weil er Angst hat, dass das Los auf ihn selbst fallen könnte.

Gustav Knuth, einer der beliebtesten Nebendarsteller des deutschen Films, spielte hier entgegen seines sonstigen Rollenklischees nicht den Sympathieträger, sondern einen geschäftstüchtigen Mann, der dank seines Kapitals nicht nur den größten Einfluss im Ort hat, sondern auch vom aufkommenden Tourismus in den Alpen profitieren kann. Die Besetzung Knuths verweist darauf, dass Reinecker in der Charakterisierung dieser Rolle ein eindeutiges Gut-/Böse-Schema verhindern wollte, denn Waldisch ist kein hartherziger Despot, sondern bleibt immer auch ein Gemütsmensch, der in der Lage ist, eigene Fehler einzusehen. Als die Dorfbewohner davon erfahren, dass er Seppi Blatter kaufen wollte, gerät er in die Kritik – auch Fränzi Blatter (Gisela von Collande) bittet ihn, den von ihrem Mann unterschriebenen Vertrag zu vernichten – weshalb er widerwillig darauf eingeht. Trotzdem meldet sich Blatter beim Losverfahren freiwillig und stirbt, nachdem es ihm gelungen war, den Wasserlauf wiederherzustellen. Offensichtlich wollten Weidenmann und Reinecker die klischeehaften, meist künstlich hochstilisierten Konflikte im Heimatfilm vermeiden, weshalb selbst nachvollziehbare Auseinandersetzungen zurückhaltend inszeniert wurden.

Roman Blatter ist zwar mit der Tochter des „Bären“ - Wirts Binja (Cordula Trantow) liiert, aber auch als Roman von ihrem Vater des Gasthauses verwiesen wird, weil er sich darüber beklagte, dass die Bevölkerung nach dem Tod seines Vaters schnell wieder zur Tagesordnung überging, wird die Beziehung zwischen den Liebenden nicht in Frage gestellt. Auch der Streit zwischen dem jungen Mann und seinem möglichen zukünftigen Schwiegervater wirkt im Vergleich zur Genre-üblichen Dramatik unterschwellig – weder werden Hassgefühle geäußert, noch entsteht der Eindruck, als ständen sich auf ewig verfeindete Antipoden gegenüber. Diese pragmatische, immer den Konsens im Auge behaltende Sichtweise, zeigt sich im bemerkenswertesten Dialog des Films, als Creszens Waldisch (Margrit Rainer), die zweite Ehefrau des „Bären“-Wirts, ihre Ehe ganz unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Aufgabe, ihren Gasthof an die Erfordernisse eines wachsenden Tourismus anzupassen, unterordnet. Sie verständen sich doch gut, fügt sie gegenüber ihrem Ehemann noch hinzu, dessen verdutzte Miene fast Mitleid erregen könnte – wann wurde im Heimatfilm jemals eine funktionierende Beziehung so ehrlich charakterisiert?

Der Nachteil dieser Bemühung um Differenzierung liegt in der fehlenden Dramatik des Films. Obwohl sich „An heiligen Wassern“ zu Beginn ganz den archaischen Bedingungen der Bergwelt unterordnet – das die Handlung in der damaligen Gegenwart, Ende der 50er Jahre, spielen soll, ist ihr zuerst nicht anzumerken – entsteht nie der Eindruck einer lebensfeindlichen, kargen Umwelt, wie sie etwa Luis Trenker in „Der Berg ruft“ (1938) entwarf. Bedingt durch die ausschließlich hochdeutsch sprechenden Darsteller und deren glatte, wohl genährte Gesichter, stellt sich trotz traditioneller Kleidung, Gesänge und einer stimmigen Umgebung keine authentisch wirkende Situation ein. Selbst die Szenen am Hang können die Gefahr, in die sich die Männer begeben, nicht vermitteln – der Tod von Seppi Blatter geschieht ohne eine zuvorige dramatische Zuspitzung. Als größter Fremdkörper erweist sich jedoch Hansjörg Felmy, dessen dynamisches Auftreten wenig von einem das karge Leben im Schweizer Hochgebirge gewohnten Naturburschen, aber viel von einem fleißigen, aufstrebenden jungen Bundesrepublikaner besitzt.

Ihm gegenüber steht mit dem von Hanns Lothar gespielten Thöni Grieg, dem Neffen der neuen Frau des „Bären“-Wirts, die einzige negative Figur des Films. Mit ihm kommen Schallplatten, moderne Musik, Tanz und Flirt ins Hochgebirge, was zwar Vorteile bei der Betreuung weiblicher Touristen bringt, Griegs Anerkennung bei der örtlichen Bevölkerung aber gegen Null fahren lässt. Dieser weiß sich dann auch nicht anders zu helfen, als zuerst dilettantisch Briefe zu fälschen, um dann überhastet die Postkasse mitzunehmen. Diese klischeehafte, den unsoliden Charakter moderner Jugendlicher verkörpernde Figur wirkt wie eine Konzession an die Publikumserwartung, um zumindest noch ein wenig Spannung in eine Story zu zwingen, die letztlich nur einen Schuldigen kennt - die veraltete Technik, die dank eines die Traditionen hochhaltenden, sich den Neuerungen der Gegenwart aber nicht verschließenden jungen Mannes, der drei Jahre nach Indien geht, um das Ingenieur-Handwerk zu lernen, bald der Vergangenheit angehören wird.

Dass Weidenmann in „An heiligen Wassern“ auf Tourismuswerbung, künstliche Eifersuchtsdramen, eindimensionale Charaktere und klischeehaften Humor größtenteils verzichtete, ist dem Film positiv anzurechnen, leider fehlen ihm gleichzeitig die dramatischen Zuspitzungen, die letztlich die Attraktivität des Genres ausmachten. Zudem klingt Roman Blatter am Ende gönnerhaft, als er auf die Bemerkung eines der Arbeiter an der neuen Wasserleitung, die Menschen hier wären noch primitiv, mit den Worten „nicht primitiv, sondern einfach“ antwortet. Daraus sprach keine Heimatverbundenheit, sondern ein wohlwollender Ingenieur, der die Zukunft anpackt – die 50er Jahre waren vorbei, der Wiederaufbau hatte einen Großteil der Kriegsschäden beseitigt und die Menschen brauchten die „Heile Welt“ in den Heimatfilmen nicht mehr.

"An heiligen Wassern" Schweiz 1960, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Jakob Christoph Heer (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Cordula Trantow, Gustav Knuth, Hanns Lothar, Karl John, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957)