Dienstag, 2. September 2014

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1972) Alfred Vohrer

Inhalt: 1968 - Während in Prag die russischen Panzer auffahren, um die kurze Phase einer Liberalisierung, genannt der „Prager Frühling“, zu beenden, hat der Journalist Walter Roland (Paul Neuhaus) andere Probleme. Sein Chefredakteur will den Erfolgsautoren in seine neue Kampagne einbauen, mit der er die Verkaufszahlen der Illustrierten „Blitz“ weiter nach vorne bringen will. „Sex“ lautet das Mittel zum Zweck und Roland soll dazu die Serie „Mann total“ schreiben, bebildert von „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann), der schon die Nackten in seinem Studio antreten lässt.

Doch Roland wehrt sich gegen den Willen seines Chefredakteurs, obwohl dieser ihn wegen seiner Schulden unter Druck setzen kann, und erreicht als Gegenleistung, auch eine Reportage über einen geflüchteten tschechischen 11jährigen Jungen schreiben zu können. Gemeinsam mit Bertie fährt er zu dem Flüchtlingsauffanglager, um den Jungen zu interviewen. Dabei begegnen sie nicht nur der schönen Irina (Hannelore Elsner), die über die Grenze gekommen war, um ihren zuvor geflohenen Freund Jan Bilka wiederzufinden, sondern werden Zeuge, wie der Junge im Kugelhagel stirbt...


Für seine zweite Simmel-Verfilmung "Liebe ist nur ein Wort" (1971) hatte Alfred Vohrer auf den 1963 erschienenen gleichnamigen Roman zurückgegriffen, bevor er sich - wie gewohnt gemeinsam mit Drehbuchautor Manfred Purzer - nach "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1971) erneut an einen aktuellen Bestseller des österreichischen Schriftstellers heranwagte. Ein riskantes Unterfangen. Weniger, weil das Buch damals auf unzähligen deutschen Nachttischen lag, sondern weil Simmel in "Der Stoff, aus dem die Träume sind" die Verzahnung mehrerer Erzählebenen auf die Spitze trieb.

Politische Ereignisse wie die Niederschlagung des "Prager Frühling" 1968 und die daraus entstehende Flüchtlingswelle aus der Tschechoslowakei, kombinierte Simmel nicht nur mit einer Thriller-Story über die skrupellos vorgehenden Geheimdienste während des "Kalten Krieges" – eines seiner Lieblings-Themen -  sondern legte noch einen kritischen Disput zum Journalismus darüber, mit dem er zwischen engagierter Recherche und Anpassung an populistische Themen polarisieren wollte. Simmel griff dabei seine eigenen Erfahrungen bei der Illustrierten "Quick" auf (im Buch und Film "Blitz"), für die er in den 50er Jahren gearbeitet hatte und die Ende der 60er zunehmend auf Sex und Nuditäten setzte.

Die beiden Protagonisten Walter Roland (Paul Neuhaus) und „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann) stehen entsprechend für die Spezies des zynischen Schreiberlings (Roland) und des nach Sensationen gierenden Fotoreporters (Engelhardt), die gemeinsam für die "Blitz" eine Serie über den "Mann total" kreieren sollen, die hemmungslos auf der Sexwelle reitet. Fleischmann, der in fast allen Simmel-Verfilmungen Vohrers zum Cast gehörte, überzeugt in seiner zwiespältigen Rolle, gibt zuerst den gewissenlosen Fotografen, der ohne zu Zögern die Tötung eines Kindes mit dem Objektiv festhält, bevor er sich zum Sympathieträger mausert.

Die Figur des Roland war in Vohrers Film dagegen von Beginn an als Identifikationsfigur angelegt. Dessen schlechter Ruf, über seinen Verhältnissen zu leben und kaum einen Weiberrock auszulassen, wird nur dezent angedeutet. Stattdessen offenbart er sich sofort als Mann mit Zivil-Courage, der von seinem Chefredakteur (Arno Assmann) zum Schreiben von "Mann total" gedrängt werden muss, sich als Gegenleistung aber eine Reportage über einen aus der Tschechoslowakei geflüchteten 11jährigen Jungen erstreitet. Harald Leipniz‘ lässige Stimme, mit der Paul Neuhaus interessanterweise nachsynchronisiert wurde, dessen optisch coole Ausstattung und nicht zuletzt sein Buddy „Bertie“ verliehen der eher eindimensional charakterisierten Figur des Journalisten das notwendige Charisma, um die Liebesgeschichte mit der schönen jungen Tschechin Irina (Hannelore Elsner) nachvollziehbar werden zu lassen – ein weiterer Baustein in Simmels komplexem Buch-Universum.

Doch damit nicht genug. Mit der etwa 60jährigen Louise (Edith Heerdegen) schuf der Autor noch eine Figur, die Vergangenheit und Gegenwart in ihrer von zunehmender Schizophrenie beeinflussten Geisteshaltung verband. Sie arbeitet in dem Auffanglager für Flüchtlinge, wo Roland und „Bertie“ ihre Reportage über den tschechischen Jungen beginnen, der in einem Kugelhagel stirbt. Dort lernen sie auch Irina kennen, der sie erst aus den Fängen eines Zuhälters helfen, bevor sie sie aus dem Heim befreien, um sie zu ihrem Freund Jan Bilka nach Hamburg zu bringen, der sie am Telefon verleugnet hatte. Die ältliche Louise folgt ihnen, läuft verwirrt über die Reeperbahn und halluziniert zunehmend zwischen Vergangenheit (schon die Nationalsozialisten hatten das Auffanglager für ihre Zwecke genutzt) und Gegenwart, wo sie von Todesahnungen geschüttelt immer mehr die Kontrolle über ihren Verstand verliert.

Damit orientierte sich Vohrer an Simmels Vorlage, in der die ältere Frau zum imaginären Zentrum der vielen Handlungsstränge wird, aber in der filmischen Umsetzung funktionierte das nicht. Schon die ersten Minuten, wenn „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (nach einem Shakespeare-Zitat aus „Der Sturm“, den Louise immer bei sich trägt) zwischen dokumentarischen Aufnahmen aus Prag und der Redaktionskonferenz zum Thema Sex hin und herspringt, lassen den Film nur langsam in Gang kommen. Zudem verzögerte Vohrers Vorliebe für einfrierende Bilder, um zu einem parallelen Handlungsort zu wechseln, das Tempo, verlieh dem Film aber die notwendige Struktur. Dagegen fügte sich das Auftreten von Louise mitsamt ihrer Fantasien nur selten in die Story ein, sondern unterbrach den Erzählfluss noch zusätzlich.

Vohrer und Purzer mussten an dem Versuch scheitern, möglichst viele Aspekte der Buchvorlage einzubeziehen. Die frühen Bilder von der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ haben nur die Funktion des Zeitkolorits, der getötete Junge spielt eine ebenso schnell vergessene Rolle in der Einführung wie die gesamte Flüchtlingsthematik, und selbst die Liebesgeschichte zwischen Roland und Irina bleibt angesichts der fehlenden Entwicklungszeit emotional klischeehaft. Viele interessante Episoden wie der Mord an einem eigenmächtig handelnden Taxifahrer, der ein Verbrechen beobachtet hatte, werden im Schnelldurchgang abgehandelt – nicht erstaunlich angesichts einer großen Nebendarstellerriege um Charles Regnier, Klaus Schwarzkopf, Paul Edwin Roth oder Hans Peter Hallwachs, die alle ihre Szenen bekamen.

Einzig auf der zunehmend gefährlicheren Recherche der beiden Journalisten und der Versuch, ihre Enthüllungsstory zu verhindern, lag das Gewicht der Handlung. Der daraus folgernde damalige Vorwurf gegenüber Simmel, er bediene gleichzeitig die Mechanismen, die er zu kritisieren vorgebe, ließe sich auch auf Vohrers Verfilmung übertragen, dessen Nacktszenen manchem Sexstreifen zur Ehre gereicht hätten. Doch diese Kritikpunkte fallen hinter dem zurück, was stattdessen sowohl in Simmels Buch, als auch Vohrers Film entstand: ein Kaleidoskop der frühen 70er Jahre. Der Story mag es an Stringenz mangeln, aber die ständigen Perspektiv- und Ortswechsel lassen aus vielen Puzzleteilen einen faszinierenden, höchst spannenden und für die Entstehungszeit erstaunlich objektiven Blick auf eine Welt entstehen, an deren von allen Seiten - West wie Ost - ausgeübten zerstörerischen Methoden der Film keinen Zweifel lässt.

"Der Stoff, aus dem die Träume sind" Deutschland 1972, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Paul Neuhaus, Herbert Fleischmann, Hannelore Elsner, Edith Heerdegen, Arno Assmann, Paul Edwin Roth, Klaus Schwarzkopf, Hans-Peter Hallwachs, Charles RegnierLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

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