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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Tonio Kröger (1964) Rolf Thiele

Inhalt: Tonio Kröger (Jean-Claude Brialy), inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller, ist von Deutschland nach Italien gezogen, um dort zu schreiben. Doch seine Erinnerungen schweifen immer wieder ab in seine Vergangenheit. Als Junge (Mathieu Carrière) war er mit seinem Klassenkameraden Hans Hansen (Thomas Thomsen), einem hübschen, blonden Knaben befreundet, den er versucht für Schillers „Don Carlos“ zu begeistern, dessen Lieblingsstelle er für Hans zitiert. Dieser verspricht ihm zwar, „Don Carlos“ zu lesen, aber insgeheim weiß Tonio, dass er nie wirklich mit ihm befreundet sein wird – zu unterschiedlich sind der vergeistigte Junge, dessen Schulleistungen sehr zu wünschen lassen, und der allseits beliebte, sportliche und in der Schule erfolgreiche Hans.

Tonio, zunehmend mit sich im Widerstreit zwischen dem eigenen künstlerischen Anspruch und dem Wunsch, ein Teil der großen Masse sein zu wollen, begibt sich nach München zu seiner langjährigen Freundin, der russischen Künstlerin Lisaweta Iwanowna (Nadja Tiller), um sich mit ihr intellektuell auseinanderzusetzen. Doch es hält ihn nicht lange und es zieht in weiter nach Dänemark, ein Weg, der ihn wieder in seine Heimatstadt Lübeck zurückführt…


Die Verfilmung der 1903 von Thomas Mann herausgegebenen Erzählung "Tonio Kröger" erfüllte jede Voraussetzung an eine authentische und intellektuell stimmige Umsetzung. Die autobiographische Züge aufweisende Schilderung eines jungen aufstrebenden Schriftstellers, der sich zerrissen fühlt zwischen seinem Künstlerdasein, das ihn zum Einzelgänger werden ließ, und der Sehnsucht nach einem Leben ohne innere Zweifel, eingebettet in die bürgerliche Gemeinschaft, wurde von Erika Mann - der Tochter des Autors und selbst Schriftstellerin - in eine Drehbuchform gewandelt. Gemeinsam mit Ennio Flaiano, einem der bedeutendsten Autoren der 50er und 60er Jahre, der an fast allen Filmen Federico Fellinis beteiligt war. Nach "Tonio Kröger" verfasste er mit Erika Mann noch das Drehbuch zu Rolf Thieles folgendem Film "Wälsungenblut" (1965), erneut nach einer Novelle Thomas Manns. Beide Drehbücher entstanden zwischen seinen Arbeiten zu Fellinis Filmen "Otto e mezzo" (Achteinhalb, 1963) und "Giulietta degli spiriti" (Julia und die Geister, 1965).

Die Darstellerriege liest sich ähnlich exquisit. Jean-Claude Brialy, der 1961 in Jean-Luc Godards "Une femme est une femme" (Eine Frau ist eine Frau) neben Jean-Paul Belmondo spielte, gehörte zu den renommiertesten jungen französischen Darstellern seiner Zeit, und ist als erwachsener Tonio Kröger ebenso eine Idealbesetzung wie Mathieu Carrière als junger Tonio. Neben dem Protagonisten, dessen persönliche Sicht auf die Menschen, die Orte seines Verweilens - Siena, München, seine Heimatstadt Lübeck (in der Novelle neutraler als Stadt an der Ostsee benannt, von Erika Mann im Drehbuch konkretisiert) bis zur dänischen Küste - und auf das Leben schlechthin im Mittelpunkt steht, kommen alle übrigen Beteiligten über kurze Berührungspunkte nicht hinaus. Trotzdem wurden die Nebenrollen mit Gert Fröbe, Theo Lingen, Rudolf Forster, Günther Lüders, Beppo Brem, Walter Giller und nicht zuletzt dessen Frau Nadja Tiller, Thieles bevorzugter Darstellerin, ausgezeichnet besetzt.

Zudem gelang es den beiden Drehbuchautoren, den Geist der Erzählung beizubehalten, sie gleichzeitig aber filmisch zu straffen. Tonios Gedanken werden in der etwas altmodisch klingenden, wunderbar malerischen Sprache des Autors wörtlich zitiert, während der lineare Aufbau der Erzählung in eine dynamischere Form gebracht wurde. Der Beginn des Films in Italien, dem Herkunftsland seiner Mutter, der er auch seinen Vornamen zu verdanken hat, für den er in Deutschland gehänselt wurde (Tonio ist die Kurzform von Antonio), ist frei erfunden - in Manns Novelle zieht Tonio nach dem Tod seines Vaters und der Wiederverheiratung seiner Mutter nach München. Thiele nutzte dessen Aufenthalt in Siena, um Konstellationen zu erzeugen, die bei dem Protagonisten Erinnerungen an seine Jugend in Lübeck wecken, die der Film in Rückblenden erzählt. Besonders prägend war für Tonio die Begegnung mit seinem Klassenkameraden Hans Hansen (Thomas Thomsen) und der blonden Inge (Rosemarie Lücke) aus seinem Tanzkurs (großartig Theo Lingen als affektierter, frankophiler Tanzlehrer), die für ihn den gesunden, hübschen, blauäugigen Idealtypus darstellten. Er bemühte sich um eine Freundschaft zu Hans Hansen, kommt aber über die Stellung eines gelittenen Begleiters nicht hinaus.

Die Figur Hans Hansens orientierte sich an Thomas Manns früh verstorbenen Mitschüler Armin Martens, über den Thomas Mann 1955, ein halbes Jahr vor seinem Tod, an einen ehemaligen Klassenkameraden schrieb: "Denn den habe ich geliebt – er war tatsächlich meine erste Liebe, und eine zartere, selig-schmerzlichere war mir nie mehr beschieden [...] Aber ich habe ihm im „Tonio Kröger“ ein Denkmal gesetzt." Ohne Zweifel gelang es Erika Mann und Rolf Thiele, diese Emotionen zu vermitteln und die Melancholie und innere Tragik eines Menschen zu transportieren, der das Leben zu genau begriffen hat, um es in einfache Kategorien unterteilen zu können. Und der gleichzeitig Diejenigen beneidet, die sich darüber keine Gedanken machen - eine generelle Thematik, mit der "Tonio Kröger" nicht allein ist.

Angesichts dieses künstlerisch gelungenen und gleichzeitig unterhaltenden Films, stellt sich die Frage, warum diesem sowohl Anerkennung, als auch Langlebigkeit versagt blieben. Ein Zitat aus einer zeitgenössischen Kritik im Spiegel könnte darauf eine Antwort geben: "Rolf Thiele, des deutschen Films gedankenverlorener Problem-Erotiker, hat dieser vierten Nachkriegs-Verfilmung eines Thomas-Mann-Werkes echte Mann-Zitate, aber mehr noch echten Thiele-Touch mitgegeben". Begründet wird diese plakative Aussage nur rudimentär mit der Szene, in der Tonio Kröger in Siena die Wohnung einer Prostituierten durch ein Fenster verlässt und auf einem Friedhof landet - eine, wie die gesamte Szenerie in Siena, von Thiele ersonnene Ausgangssituation.

Tatsächlich sind es aber gerade diese Szenen, die "Tonio Kröger" von reinen Literaturverfilmungen unterscheiden, die häufig zu ästhetischen Fingerübungen verkommen. So gesetzt die Worte hier wirken und historisch genau das Umfeld gestaltet wurde, so spürbar bleibt auch die Gegenwart Mitte der 60er Jahre und eine sich ankündigende Zeit gesellschaftlicher Veränderungen. Tonios heimliches Begehren, seine intellektuellen Gespräche mit seiner Münchner Freundin, der russischen Malerin Lisaweta Iwanowna (Nadja Tiller), die einsamen Tage an der Ostsee, wo er mit der Fröhlichkeit feiernder Massen konfrontiert wird oder sein Rückweg in die Heimatstadt, verbunden mit den Erinnerungen an seine Außenseiterrolle, spiegeln die Unsicherheit einer Phase wider, die sich im Umbruch befand. Eine Qualität, die auch schon Thomas Manns Original im Jahr 1903 ausdrückte, bezogen auf seine damalige Position. Das es Thiele gelang, dieses Gefühl individuell in die Gegenwart zu transportieren, macht die Qualität seines Films aus.

"Tonio Kröger" Deutschland 1964, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erika Mann, Ennio Flaiano, Darsteller : Jean-Claude Brialy, Nadja Tiller, Mathieu Carriére, Gert Fröbe, Walter Giller, Theo Lingen, Beppo Brem, Günther LüdersLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Thiele:

Donnerstag, 5. September 2013

Wenn abends die Heide träumt (1952) Paul Martin

Inhalt: Seit ihrer gemeinsamen Zeit als Kampfflieger im 2.Weltkrieg sind Peter (Rudolf Prack) und Karl (Victor Staal) unzertrennliche Freunde. Da sie nichts anderes gelernt haben, als mit Fliegerbomben umzugehen, arbeiten sie als Sprengmeister und entschärfen die vielen nicht explodierten Bomben, die täglich bei Bau- und Aufräumarbeiten gefunden werden. Ein so gefährlicher, wie gut bezahlter Job, weshalb Peter meist Ablenkung bei Glücksspiel und Alkohol sucht und davon träumt, dass sie irgendwann wieder fliegen dürfen.

Sein Freund Karl möchte dagegen endlich seine langjährige Verlobte Helga (Margot Trooger) heiraten, die in seinem in der Lüneburger Heide gelegenen Heimatort lebt. Gemeinsam haben sie sich ein paar Tage frei genommen, um Karls Mutter (Margarete Haagen) zu besuchen, aber auch damit Peter endlich die Verlobte seines Freundes kennenlernt – eine Begegnung, die Alles verändern wird…


Paul Martin war ein aus Österreich-Ungarn stammender Regisseur, der gleich zu Beginn seiner Film-Karriere an zwei Klassikern des frühen deutschen Tonfilms mitwirkte - bei "Bomben auf Monte Carlo" (1931) mit Hans Albers und Heinz Rühmann, sowie "Der Kongress tanzt" (1931) mit Willy Fritsch und Lilian Harvey. Mit der damals sehr populären Harvey verbanden Martin bald mehr als nur kollegiale Gefühle, weshalb es nicht überrascht, dass er in einem ihrer nächsten Filme  "Ein blonder Traum" (1932) erstmals für die Regie verantwortlich war. Bis zu ihrer Trennung 1938 arbeitete er fast ausschließlich mit Lilian Harvey zusammen, mit der er 1936 mit "Glückskinder" einen weiteren großen Erfolg feierte. Paul Martin inszenierte vor allem leichte Komödien und Musikfilme (unter anderen mit Zarah Leander "Das Lied der Wüste" (1939)), eine Vorliebe, die er auch nach dem Krieg mit Filmen wie "Du bist Musik"(1956) mit Catarina Valente oder "Graf Bobby, der Schrecken des Wilden Westens" (1966) mit Peter Alexander fortsetzte.

Obwohl er bei 63 Produktionen Regie führte, ist Paul Martin inzwischen in Vergessenheit geraten, was folgerichtig noch mehr für einen seiner wenigen dramatischen Filme gilt, den er in der Nachkriegszeit drehte. Zudem kam der Schwarz-Weiß-Film mit dem klingenden Namen "Wenn abends die Heide träumt" in die Kinos, der sich damit namentlich an den erfolgreichen Heimatfilm "Grün ist die Heide" (1951) anhängte, womit er ein Stigma erhielt, dass er nicht mehr ablegen konnte. Selbst die bisher einzige Video-Veröffentlichung des Films in den 80er Jahren weist ihn als reinen "Heimatfilm" aus, obwohl er nur wenige der Genre-Kriterien erfüllte. Schon das der Film in Schwarz-Weiß gedreht wurde, widerspricht dem Versprechen einer "träumenden Heide", die nur als schemenhafter Hintergrund erkennbar wird. Zwar gibt es mit dem Bürgermeister-Ehepaar Knauer (Albert Florath und Fita Benkhoff) auch zwei komische Figuren, aber auf die üblichen folkloristischen Einlagen verzichtete der Film fast vollständig. Sogar Beppo Brem ist hier in einer seiner wenigen ernsten Rolle zu sehen, auch wenn sein bayrisches Gemüt ständig mit ihm durchgeht.

Neben dem Hintergrund der Lüneburger Heide weist "Wenn abends die Heide träumt" noch eine weitere wichtige Parallele zu "Grün ist die Heide" auf, denn Rudolf Prack, einer der großen Stars des deutschen Nachkriegskinos, spielte auch hier die männliche Hauptrolle. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten, denn Prack verkörperte keinen Förster ("Grün ist die Heide") oder Künstler ("Schwarzwaldmädel" (1950)), sondern den Sprengmeister Peter Gelius, der sein Geld mit dem Entschärfen von so genannten "Blindgängern" - nicht explodierten Fliegerbomben - verdient. Zudem stand ihm mit Victor Staal als seinem besten Freund und Kollegen Karl Odewig ein populärer männlicher Darsteller zur Seite, der ein emotionales Gleichgewicht zu Prack herstellte, womit die üblichen eindeutigen Identifikationen vermieden wurden und Martin, der auch für das Drehbuch verantwortlich war, Mut zur Komplexität bewies.

Allein die ausführliche Schilderung der Bombenentschärfungen inmitten der Ruinen, begleitet von Polizeiabsperrungen, Evakuierungen und Sirenen-Alarm, widersprachen in ihrer an den Krieg erinnernden Realität den Heimatfilm-Regeln und verfügen heute noch über einen erstaunlich authentischen Charakter, wie er im deutschen Nachkriegsfilm selten zu sehen war. Die damit verbundenen Gefahren wirken zwar herunter gespielt, wenn Karl Odewig (Victor Staal) und Peter Gelius (Rudolf Prack), lässig mit Zigarette im Mundwinkel an den Zündern hantieren, aber die Todesgefahr bleibt trotz des vorherrschenden Galgenhumors gegenwärtig. Besonders Prack kann hier einmal gegen sein sonstiges Saubermann-Image anspielen, hat immer einen Flachmann dabei und vertreibt sich seine Zeit am liebsten beim Glücksspiel. Er macht auch kein Geheimnis daraus, dass er die gefährliche Arbeit wegen der guten Bezahlung nur ungern aufgeben möchte.

Genau darum bittet ihn Karls Mutter (Margarete Haagen), die finanziell dazu beitragen möchte, dass sich die beiden Männer mit einer Tankstelle und KFZ-Werkstatt selbstständig machen können, um nicht weiter ihr Leben riskieren zu müssen. Für Karl wäre das eine wichtige Entscheidung, da er bald heiraten möchte, aber seiner Mutter ist bewusst, dass er diese nur gemeinsam mit seinem Freund treffen wird. Doch da ist noch Helga (Margot Trooger), Karls Verlobte, der Peter Gelius das erste Mal begegnet, wodurch sich die bisherigen Beziehungsebenen verschieben. Margot Trooger hatte zwar in ihrem ersten Film "Lockende Sterne" (1952) schon einmal an der Seite Pracks gespielt, aber nach "Wenn abends die Heide träumt" wurde sie in keinem der typischen Unterhaltungsfilme der 50er Jahre mehr besetzt. An Schönheit konnte sie es problemlos mit Sonja Ziemann und Co. aufnehmen, aber ihr Typus war zu individuell - nicht ohne Grund ist sie heute vor allem durch ihre Rolle als Fräulein Prysselius in "Pippi Langstrumpf" (1969) bekannt - was dem Film sehr zu Gute kam.

Es ist zudem nur schwer vorstellbar, dass Sonja Ziemann, die mit Prack das damalige Filmtraumpaar verkörperte, die Rolle der Helga gespielt hätte, die gegen die damaligen moralischen Anstandsregeln verstieß. Nicht nur, dass sie sich als Verlobte von Karl in dessen besten Freund verliebt, sie verbringt auch eine Nacht mit ihm. Die daraus folgenden Konsequenzen beschreiten nie den verlogenen Weg, wie er im deutschen Film dieser Zeit üblich war. Als Helga die Verlobung mit Karl konsequenterweise lösen will, relativieren sowohl ihre Mutter, als auch ihre zukünftige Schwiegermutter ihr Verhalten als normal und undramatisch - Moralpredigten gibt es hier keine. Selbst Karl, dem sie beichtet, dass sie mit einem anderen Mann zusammen war, reagiert zwar traurig, aber keineswegs vorwurfsvoll. Allerdings ahnt noch Niemand, dass es sich bei ihrem Geliebten um Peter handelt, der für alle unerklärlich plötzlich nach Argentinien auswandern will. Nur Helga hatte er zuvor deutlich gemacht, dass er seinem Freund auf keinen Fall die Frau wegnehmen will.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb:  „Ein seichter Unterhaltungsfilm um Liebe, Freundschaft und Berufsethos, der eine Vertiefung seiner Problematik erfolgreich vermeidet“ - ein Kritikpunkt, der auch auf die meisten heutigen Filme zuträfe, hier aber - im Zeitkontext betrachtet - nicht gerechtfertigt ist. Der von Paul Martin geschickt aufgebaute Konflikt ließe sich auch durch eine tiefer gehende Betrachtung nicht lösen, denn der frühere Zustand kann nicht wieder hergestellt werden - ein Bruch zwischen den alten Freunden wäre unvermeidbar. In oberflächlichen Dramen oder Komödien wird meist eine neue Partnerin für den zuvor Geschmähten aus dem Hut gezaubert, als ob das den Vertrauensverlust ungeschehen macht, aber Martin konzentriert sich hier ganz auf die Männerbeziehung, die er am Ende publikumswirksam idealisiert, um die Konsequenz einer harten Entscheidung zu vermeiden.

Diese Konzession an das Publikum lässt nicht übersehen, dass "Wenn abends die Heide träumt" der Realität sehr viel näher kam, als es im deutschen Unterhaltungsfilm der 50er Jahre üblich war. Auch wenn über die Diktatur kein Wort verloren wird, ist der Krieg hier noch gegenwärtig. Die Bombenentschärfer bei ihrer Arbeit und die Bilder grauer Städte, die von der Polizei evakuiert werden, um die Bomben vorsichtig über menschenleere Straßen transportieren zu können, prägen sich ebenso ein, wie Menschen, die nicht nach den Anstandsregeln leben, die gerade im Heimatfilm der 50er Jahre propagiert wurden. "Wenn abends die Heide träumt" erzählte eine Geschichte aus Deutschland und verstand sich als Unterhaltungsfilm, aber er vermittelte auch eine Ahnung vom wirklichen Leben in dieser Zeit. Nicht erstaunlich, dass er heute nahezu unbekannt ist - im Gegensatz zu dem deutlich schwächeren, aber viel erfolgreicheren "echten" Heimatfilm "Am Brunnen vor dem Tore" , der im selben Jahr herauskam.

"Wenn abends die Heide träumt" Deutschland 1952, Regie: Paul Martin, Drehbuch: Paul Martin, Juliane Kay, Tibor Yost, Darsteller : Rudolf Prack, Victor Staal, Margot Trooger, Margarete Haagen, Fita Benkhoff, Beppo Brem, Albert FlorathLaufzeit : 98 Minuten 

Sonntag, 30. Juni 2013

Der Fischer vom Heiligensee (1955) Hans H. König

Inhalt: Stefan Staudacher (Helmuth Schneider) kommt nach Jahren der Ausbildung zum Forst-Ingenieur wieder in seine Heimat zurück, um die Stelle als Verwalter auf dem Gut der Baronin von Velden (Lil Dagover) anzutreten, die der verstorbene Baron für ihn vorgesehen hatte. Doch nach dessen Tod hatte sich einiges verändert, denn Wolfgang von Döring (Albert Lieven), der Neffe der Baronin, hatte diese Aufgabe übernommen, weshalb er die Ankunft Staudachers als Kritik an seinen Fähigkeiten ansieht. Doch die Baronin kann ihn beruhigen und versichert ihm, dass er weiter die finanzielle Verantwortung trägt und der junge Mann mit ihm zusammenarbeiten soll.

Für Staudacher stellt sich diese Konstellation als schwierig heraus, da sich Von Döring jede Einmischung in seine Angelegenheiten verbietet. Er ahnt nicht, dass Von Döring kein Interesse daran hat, dass Jemand in die Bücher sieht, da er heimlich Geld für sich abzweigt, um Gilchert (Siegfried Lowitz) zu bezahlen, der ihn erpresst, weil er allein für einen von ihnen begangenen Betrug im Gefängnis gesessen hatte. Auch die Annäherung Staudachers an die Baronesse Sabine (Edith Mill) durchkreuzt seine Pläne, da er sich eine Heirat mit ihr erhofft, um endgültig Zugriff auf das Vermögen der Familie Von Velden zu bekommen…


Mitte der 50er Jahre befand sich der Heimatfilm in seiner Hochphase und die Standards, die wirtschaftlichen Erfolg an der Kinokasse versprachen, hatten sich entsprechend bewährt. Die Schönheit einer unberührten Landschaft, die das Publikum von den im Krieg zerstörten Städten ablenken sollte, gab den Hintergrund für die nach den immer gleichen Regeln entworfenen Geschichten, in deren Mittelpunkt meist ein Liebespaar stand, dass auf Grund von Standesdünkeln oder moralischer Entrüstung der örtlichen Bewohner nicht zusammen kommen durfte. Dabei vertraten die Heimatfilme einen scheinbar modernen, gegen die herrschende Meinung gerichteten Standpunkt, da sie die Liebe der zwei attraktiven Protagonisten herauf beschworen, aber in der Regel fanden sich am Ende - selbstverständlich nach einer gewissen dramatischen Zuspitzung - begütigende Situationen, die sowohl das Happy-End ermöglichten, als auch eine konservative Haltung bestätigten, mit der sich der Großteil der Zuschauer identifizieren konnte.

Regisseur Heinz H.König, dessen erster zu pessimistisch angelegten Heimatfilm "Rosen blühen auf dem Heidegrab" (1952) kein großer Erfolg wurde, hielt sich in "Der Fischer vom Heiligensee" an diese Kriterien, weshalb sein zweiter Film mit Hauptdarstellerin Edith Mill, der damaligen Frau seines Bruders, aus heutiger Sicht als typischer Vertreter des Genres angesehen wird. Doch dieser Eindruck täuscht, denn die Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Johannes Kai, der später noch in "Heiße Ernte" (1956) und "Jägerblut" (1957) an Königs Seite mitwirkte, unterscheidet sich in wesentlichen Details von den überwiegend konventionellen Ablegern des Genres, die dem Film zwar nicht die Vorhersehbarkeit nahmen, aber fast vollständig auf reaktionäres Gedankengut und die damals propagierten konservativen Geschlechterrollen verzichtete.

Neben dem außergewöhnlichen Fakt, dass es hier die Frau ist - Baronesse Sabine von Velden (Edith Mill) - die gesellschaftlich über dem Forst-Ingenieur Stefan Staudacher (Helmuth Schneider) steht, der nur der Sohn des ortsansässigen Fischers (Heinrich Gretel) ist und seine Ausbildung Sabines verstorbenem Vater verdankt, sind es besonders die Darsteller Lil Dagover, Albert Lieven und Siegfried Lowitz, die hier den Unterschied ausmachen. Lil Dagover als Sabines Mutter Baronin Hermine von Velden ist jederzeit souverän in ihrem Standesdünkel, dabei angemessen und selbstbewusst auftretend. Sie vertraut ihrem Neffen Wolfgang von Döring (Albert Lieven), der das Gut nach dem Tod ihres Mannes verwaltet, ohne zu ahnen, dass er sie hintergeht, um seinen früheren Kompagnon Gilchert (Siegfried Lowitz) auszubezahlen, der für ein von ihnen gemeinsam begangenes Betrugsdelikt ins Gefängnis gegangen war.

Diese Gut-Böse-Konstellation ist zwar klischeehaft angelegt, weshalb jedem Betrachter klar sein dürfte, dass Von Döring bei Sabine als Mann keine Chance gegen den anständigen und tüchtigen Stefan Staudacher hat, aber Albert Lieffens Spiel verliert in seinem immer verzweifelter werdenden Versuch, gegenüber seiner Tante das Gesicht zu wahren, nie die Contenance, während Siegfried Lowitz geradezu aufreizend lässig die Rolle des Erpressers übernimmt, der keine groben Mittel anwendet, sondern mit gewählten Worten Druck ausübt. Heinz H.König inszenierte diese Konstellation straff und mit fast vollständigem Verzicht auf den sonst typischen Altherren-Humor (nur Beppo Brem darf einmal kurz alkoholisch über die Stränge schlagen), herzige Kinder und folkloristische Einlagen, die nur bei dem abschließenden Happy-End einen Moment lang ins Bild gerückt werden. Der Landschaft widmet er einige beeindruckende Kameraeinstellungen, aber sein Augenmerk liegt auf den Protagonisten, die jederzeit nachvollziehbar und ohne die für den Heimatfilm typischen Übertreibungen agieren – selbst die vorhersehbare Liebesgeschichte fällt innerhalb des Gesamtkontextes nicht unangenehm ins Gewicht.

Stattdessen entwickelt König geschickt eine Dramatik, die zwangläufig auf die Katastrophe zuläuft, und erinnert damit in seinen besten Momenten an die Melodramen Douglas Sirks. Auch wenn dem Ende die Konzession an den Heimatfilm anzumerken ist, benötigt der Film keine zusätzlichen Beschönigungen und relativiert nicht, dass der Sohn des Fischers die Baronesse heiratet – ein überraschender Moment der Moderne im deutschen Heimatfilm.

"Der Fischer vom Heiligensee" Deutschland 1955, Regie: Hans H. König, Drehbuch: Johannes Kai, Darsteller : Edith Mill, Lil Dagover, Helmuth Schneider, Albert Lieven, Siegfried Lowitz, Anneliese Kaplan, Heinrich Gretler, Beppo BremLaufzeit : 87 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Hans H. König:

"Heiße Ernte" (1956)
"Jägerblut" (1957)

Dienstag, 7. Mai 2013

Quax, der Bruchpilot (1941) Kurt Hoffmann


Inhalt: Otto Groschenbügel (Heinz Rühmann), genannt „Quax“, steht in einer Reihe mit fünf anderen Männern auf einem Flugplatz, um seine Ausbildung als Pilot anzutreten, die er bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte. Während ihr Fluglehrer Hansen (Lothar Firmans) die kommenden Aufgaben umreißt, wirkt Quax eher daran interessiert, Urlaub zu machen - und zwar „mit allem Komfort“. Doch daran ist auf dem Fliegerhorst nicht zu denken, denn die Männer schlafen zusammen in einer Baracke und Jeder muss mit anpacken. Auch der erste Flug, bei dem ihm Hansen zeigt, was ihn erwartet, stärkt seinen Wunsch noch, möglichst schnell wieder das Weite zu suchen. Als auch Hansen deutlich werden lässt, dass er engagierte Männer braucht und keine unmotivierten Angeber, packt Quax seine Sachen und kehrt in seinen kleinen Heimatort zurück, um weiter im Reisebüro zu arbeiten.

Tatsächlich hatte Quax nur an dem Preisausschreiben teilgenommen, um eine Reise zu gewinnen. Doch nachdem bekannt wurde, dass ihm der Hauptpreis zugefallen war, sprach sich das im Ort schnell herum und Quax genoss die große Aufmerksamkeit als zukünftiger Flieger. Entsprechend wird er von den Honoratioren der Stadt empfangen, die sich schon Gedanken darüber machen, wie sie ihm weitere Ehre erweisen können. Nachdem er bei einem Bankett die Erwartungen in ihn erfüllt hatte, indem er zum Besten gab, wie leicht er auch die gefährlichsten Situationen bewältigt hatte, und ihm seine Freundin Adelheid (Hilde Sessak), mit der zusammen in Urlaub fahren wollte, den Laufpass gegeben hatte, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Pilotenausbildung erneut anzutreten…


Heinz Rühmann war seit Beginn der 30er Jahren ein passionierter Pilot und eng mit dem im 1.Weltkrieg berühmt gewordenen Kampfflieger Ernst Udet befreundet, der inzwischen als Generalluftzeugmeister der Wehrmacht verantwortlich für die Organisation der Luftstreitkräfte war. Der Film "Quax, der Bruchpilot", dessen Grundidee auf den Versen Hermann Grotes beruhte, in denen sich dieser über die Probleme eines Flugschülers lustig macht, war folgerichtig eine Herzensangelegenheit für Rühmann, der nicht nur die Hauptrolle spielte und den Film produzierte, sondern als Pilot auch die Luftaufnahmen selbst übernahm. Die Besetzung des damals 30jährigen Kurt Hoffmann als Regisseur geht ebenso auf seinen Einfluss zurück, wie das Drehbuch von Robert A.Stemmle - mit Beiden hatte er zuvor schon mehrfach erfolgreich zusammen gearbeitet.

Angesichts dieses privaten Engagements wird Rühmanns spätere Äußerung, er hätte nie den Eindruck gehabt, an einem Propagandafilm mitzuwirken oder für die Wehrertüchtigung zu werben, verständlich, zumal "Quax, der Bruchpilot" ganz seinem gewohnten Rollentypus untergeordnet war. Als Otto Groschenbügel, genannt "Quax" gibt Heinz Rühmann hier wieder seine Paraderolle des kleinen Mannes, der es am Ende allen zeigt. Der Mitarbeiter eines kleinstädtischen Reisebüros hatte die Ausbildung zum Piloten bei einem Preisausschreiben gewonnen, worüber er aber nicht glücklich ist, denn anstatt des Hauptpreises hatte er es auf eine Reise abgesehen, auf die er mit seiner Freundin Adelheid (Hilde Sessak) gehen wollte. Entsprechend schnell gibt er die Ausbildung wieder auf, nachdem ihm sein Fluglehrer Hansen (Lothar Firmans) deutlich gemacht hatte, auf einen unmotivierten Angeber wie ihn sehr gut verzichten zu können und ihm der ans Militär erinnernde Drill zu viel geworden ist.

Doch die Geister, die er rief, wird Otto Groschenbügel so schnell nicht wieder los. In seiner Heimatstadt gilt er schon als Held und Ehrenbürger, während sich seine Freundin Adelheid inzwischen anderweitig orientiert hat. Wohl oder übel kehrt er an den Fliegerhorst zurück und fordert seine Ausbildung bei Hansen ein. Die Stärke des Films liegt in Rühmanns unnachahmlicher Verkörperung eines rigorosen Angebers, dem trotzdem die Sympathien des Publikums gehören. Anders als in seinen schwächeren Komödien, in denen er nur einen Moment lang auf dem Pfad der Sünde schreitet, bevor er schnell wieder zum Ehrenmann bekehrt wird - wie etwa in "5 Millionen suchen einen Erben" (1938)) - zieht er hier kräftig vom Leder und tritt selbst dann noch in jedes Fettnäpfchen, als er schon als begabter Pilot gilt und mit Marianne (Karin Himboldt) eine neue Liebe kennengelernt hatte.

Erst in der abschließenden Szene - nachdem das erwartete Happy-End schon eingetreten war - legt der inzwischen selbst zum Fluglehrer und damit zum Berufspiloten aufgestiegene "Quax" wert auf Disziplin und Kameradschaft, weshalb Rühmanns Rolle kaum als Vorbildcharakter für eine soldatische Karriere herhalten konnte, sondern phasenweise sogar wie eine Parodie darauf wirkte. Trotzdem war der Film nicht nur an den Kinokassen sehr erfolgreich, sondern gilt auch als einer der Lieblingsfilme Adolf Hitlers, den dieser sich mehrfach vorführen ließ. Erklärbar wird das an Hand der Figur des Fluglehrers Hansen. Im Kontrast zu dessen ernsthafter, disziplinierter Attitüde wirkt "Quax" wie ein schwer erziehbares Kind. Es ist kaum anzunehmen, dass der erfahrene Pilot Heinz Rühmann einem Angeber wie „Quax“ gerne auf dem Flughafen begegnet wäre, aber er nutzt den Freiraum einer sonst vorbildhaft agierenden deutschen Pilotengemeinschaft, um überzeugend einen spleenigen Individualisten zu mimen, der viel Zeit benötigt, bis er die hoch stehende gemeinschaftliche Verantwortung eines Piloten begreift - letztlich ein positiver Gradmesser für die Pilotenausbildung, sogar einen "Quax, der Bruchpilot" bekehrt zu haben.

In dieser abschließenden Konsequenz unterscheidet sich der Film von den typischen Rühmann-Komödien, die zwar häufig eine moralische Läuterung verlangten, selten aber eine so deutliche Veränderung des Charakters. Rühmanns Rollen zeichneten sich in der Regel dadurch aus, dass er sich letztlich immer treu blieb. Abgesehen von dieser Konzession an die Propaganda, hält sich der Film merklich zurück, werden weder Feindbilder genannt, noch Zusammenhänge zu militärischen Aktionen hergestellt. Das entsprach der damaligen Phase im deutschen Film, in der mehr der unterhaltende Charakter als konkrete Feindbilder betont werden sollten – trotzdem lassen die Kriegereignisse 1941 den Schluss zu, dass die immanente Botschaft gewollt war.

Die Luftwaffe galt unter Militaristen seit dem Ende des 1.Weltkriegs als Kriegs entscheidende Waffe, weshalb der Rüstungsentwicklung besondere Aufmerksamkeit zukam. Die „Luftschlacht um England“, mit der Deutschland von 1940/41 versuchte, das Land zur Kapitulation zu zwingen, galt zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Quax, der Bruchpilot“ im Dezember 1941 schon als gescheitert und hatte große Verluste gefordert, weshalb es einen erheblichen Bedarf an zusätzlichen Piloten gab. Ernst Udet, Rühmanns alter Freund, hatte, nachdem ihm die Schuld an dem Fiasko gegeben wurde, im November 1941 Selbstmord begangen, was aber von der Propaganda zu einem tödlichen Unfall gewandelt wurde. Udet wurde mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt und „Quax, der Bruchpilot“ konnte wenig später seinen fröhlichen Bruchpiloten auf die Leute loslassen.

Das patriotische Hervorheben eigener Leistungsstärke und die Betonung des Gemeinschaftsgeistes haben in internationalen Produktionen nach wie vor Tradition, weshalb „Quax, der Bruchpilot“ - losgelöst von den historischen Zusammenhängen – heute als wenig innovative Komödie erscheint, der vor allem die originellen Nebencharaktere fehlen. Fluglehrer Hansen musste zu sehr die oberlehrerhafte Position des Fluglehrers vertreten, um als Antipode dem bestens aufgelegten Hauptdarsteller Paroli bieten zu können, von dessen Leistung der gesamte Film lebt.

"Quax, der Bruchpilot" Deutschland 1941, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Lothar Firmans, Karin Himboldt, Hilde Sessak, Beppo Brem, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann: