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Freitag, 8. Juli 2016

Die Fastnachtsbeichte (1960) William Dieterle

Inhalt: 1913 – Mainz am Fastnachtssamstag. Ein Soldat (Rainer Brandt) schwankt auf den Beichtstuhl des Dom-Probst Canon Henrici (Friedrich Domin) zu, bricht aber nach wenigen Worten zusammen. Henrici lässt ihn in die Sakristei bringen und ruft einen Arzt, der aber nur noch den Tod des Mannes feststellen kann. Ihm fällt zudem auf, dass er trotz seiner Uniform kein Soldat sein kann – sein Haarschnitt entspräche nicht den Vorschriften.



Gleichzeitig erreicht Viola (Gitty Djamal) die Villa ihres Onkels Panezza (Hans Söhnker). Sie gehört zum italienischen Zweig der Familie und war seit ihrer Kindheit nicht mehr in Mainz, wird von ihrem Cousin Jeanmarie (Christian Wolff) aber sofort erkannt. Sie reagiert dagegen überrascht auf ihn, was sie mit ihrer langen Abwesenheit entschuldigt. Trotzdem gerät ihre Ankunft etwas ins Hintertreffen, denn die allgemeine Aufregung gehört ihrem Onkel, der in diesem Jahr gemeinsam mit der jungen Katharina (Helga Tölle) das Prinzenpaar bildet. Dass sich ihre Beziehung nicht allein auf den Karneval beschränkt, ahnt scheinbar Niemand…


In Erinnerung an Götz George, mit 77 Jahren gestorben am 19.06.2016

Dass zu Götz Georges Tod sofort an seine Rolle als Tatort-Kommissar Schimanski erinnert wird, ist naheliegend, lässt aber vergessen, dass er schon mehr als 25 Jahre vor "Duisburg - Ruhrort" (1981) als Schauspieler aktiv war, erst in den 60er Jahren dank der "Karl May"-Filme zum Kinostar aufstieg, um in den 70er Jahren zunehmend Fernseh-Präsenz zu zeigen. Neben vielen populären Rollen galt sein Augenmerk immer auch engagierten, in ihrer Entstehungszeit provokanten Werken wie den Staudte-Filmen "Kirmes" (1960) und "Herrenpartie" (1964). Auch "Die Fastnachtsbeichte" nach einer Novelle von Carl Zuckmayer gehörte in diese Kategorie, auch wenn der Verfilmung die Reputation als gesellschaftskritisches Werk damals nicht zugestanden wurde - aus heutiger Sicht eher eine Auszeichnung. 

Die in meinem Text aufgeführten Hintergrundinformationen, mehr aber noch die vergleichenden Überlegungen zur Literaturvorlage Zuckmayers verdanke ich der sehr ausführlichen Analyse eines Vortrags von 1996 aus Anlass der Nähe des Films zur Stadt Mainz. Nachzulesen auf der Web-Seite "Mainz-Minas" mit einer Fülle weiterer Informationen zum Film und dessen Entstehung. 


"Leider erliegt Götz George – wie schon in "Kirmes" – dem Trugschluss, asthmatisches Sprechen wirke schon bei einem Anfang-Zwanziger sehr eindrucksvoll." 

Was genau der Kritiker des "Film-Echo" gehört haben will, bleibt sein persönliches Geheimnis. Götz Georges Stimme klingt in "Die Fastnachtsbeichte" schon genauso vertraut wie mehr als 20 Jahre später in seiner bekanntesten Rolle als "Tatort" - Kommissar Schimanski - zwar ruhiger, scheinbar braver, aber selbstbestimmt und konsequent. Wie im erwähnten "Kirmes" (1960) spielte George auch hier einen jungen Soldaten, dessen äußerliche Angepasstheit nicht über seinen freien Willen hinwegtäuschen sollte. In "Kirmes" desertiert er kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, in "Die Fastnachtsbeichte" geht er 1913 - der 1.Weltkrieg steht kurz bevor - eine Beziehung mit der Prostituierten Rosa (Ursula Heyer) ein. Sein Verstoß gegen die bürgerlichen Regeln erwächst nicht aus Widerstandsgeist oder intellektueller Überzeugung. Er reagiert einzig aus dem Bauch heraus und steht in seiner monolithischen Ausstrahlung in Opposition zu einem Bürgertum, dessen Verlogenheit sich hinter einer Fassade aus Anstand und Moral versteckt. 

„Die lasche, auf Seelen- und Kostümpomp bedachte Regie des Hollywood-Spätheimkehrers William (Wilhelm) Dieterle vermochte der literarischen Vorlage nicht mehr abzugewinnen als matten Kino-Schwulst.“ („Der Spiegel“, 1960)

Wurde dem damals 22jährigen George in seinem schon siebten Kinofilm insgesamt eine gute Leistung bescheinigt – wenn auch mit Respektabstand zu den erfahrenen Darstellern Hans Söhnker, Friedrich Domin und Berta Drews, Götz Georges leibliche Mutter – kam die Inszenierung des Films schlechter weg. "Die Fastnachtsbeichte" wurde nicht nur Dieterles letzter deutschsprachiger Kinofilm, bevor er sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, vermutet wurde zudem, dass ihn nach dem Misserfolg des Abenteuerfilm-Zweiteilers „Die Herrin der Welt“ (1960) vor allem wirtschaftliche Gründe bewogen, die Regie bei der Zuckmayer-Verfilmung zu übernehmen. „Zuckmayer“ ist auch das entscheidende Stichwort, denn Film-Umsetzungen zeitgenössischer Literatur hatten grundsätzlich einen schweren Stand beim Feuilleton – mit Vorliebe wurde die gesellschaftskritische Relevanz an der Vorlage gemessen.

Dabei hatte Carl Zuckmayer seinen Willen zur Verfilmung der im Jahr zuvor herausgegebenen Novelle deutlich zu verstehen gegeben und Drehbuchautor Kurt Heuser hatte sich eng an dessen Text gehalten. Es fehlen im Film nur wenige Figuren und Dialoge, entscheidend für die Intention der Story waren diese nicht. Das gilt auch für den Beginn, der sich wenig Mühe gibt, die Charaktere und ihre Motive näher zu erklären. Eine von Carl Zuckmayer gewollte Nebeneinanderstellung paralleler Geschehnisse, die in seiner Novelle dank der ausführlichen Beschreibung des Mainzer Lokalkolorits während der alljährlichen Fastnachtsfeierlichkeiten zwar weniger abrupt wirken als im Film, trotzdem aber den Einstieg erschweren. Der tödliche Zusammenbruch eines unbekannten Soldaten im Beichtstuhl des Dom-Probst (Friedrich Domin), die Ankunft von Viola (Gitty Djamal), einer jungen Italienerin, im Haus ihres wohlhabenden Onkels Panezza (Hans Söhnker) in Mainz oder die allgemeine Aufregung um dessen bevorstehenden Auftritt als Karnevalsprinz an der Seite der viel jüngeren Katharina (Helga Tölle) scheinen in keinem Zusammenhang zu stehen.

Die Einführung weiterer Haupt- und Nebenfiguren steigert noch die Verwirrung. Warum reagierte Viola so merkwürdig auf ihren Cousin Jeanmarie (Christian Wolff), der die hübsche junge Frau, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, mehr als freundlich begrüßte? – Welche Rolle spielt die ältliche Frau Bäumler (Bertha Drews) in Panezzas Haushalt und warum hasst sie ihren Sohn Clemens (Götz George)? – Dieser gerät zunehmend in den Strudel der Ereignisse. Madame Guttier (Hilde Hildebrandt) findet ihn betrunken in den Armen einer jungen Prostituierten. Als sie versucht ihn aufzuwecken, bezeichnet er sich als tot und schmeißt mit Geld nur so um sich. Auch eine Waffe fällt aus seiner Rocktasche, weshalb die Bordellbesitzerin die Polizei ruft. Clemens wird von der Polizei festgenommen und als es sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um seinen Bruder Ferdinand (Rainer Brandt) handelt, gerät er in Mordverdacht. Seine eigene Mutter beschuldigt ihn lauthals, ihr den geliebten Sohn aus Neid und Eifersucht genommen zu haben.

Diese Ausgangssituation und die langsame Aufklärung der tatsächlichen Zusammenhänge mithilfe von Rückblenden brachten der „Fastnachtsbeichte“ den Ruf einer Kriminalgeschichte ein. Für Zuckmayer nur der Rahmen eines doppelbödigen Spiels. Der Karneval mit seinen Maskeraden und Momenten moralischer Freiheit bildete den idealen Hintergrund für die Diskrepanz von Schein und Sein, ließ die heimlichen Sehnsüchte der Protagonisten ebenso erkennen, wie ihre Unfähigkeit sie auszuleben. Dass Selbstbetrug und Vortäuschung äußerlicher Moral tödliche Abläufe in Gang setzen, gehört heute zum Standard-Repertoire des Kriminalfilms. Die wenig spektakuläre Aufklärung des Mordes interessierte den Autor in diesem Zusammenhang aber nur am Rande, mehr lag sein Augenmerk auf der brüchigen Fassade einer bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und das er seine 1959 herausgebrachte Novelle in diese Zeit versetzte lässt sich nur als Kommentar auf eine Gegenwart verstehen, deren prinzipiellen Mechanismen sich nicht verändert hatten.

Auch William Dieterles Film ist diese Nähe zur Gegenwart von 1960 anzumerken. Vielleicht nicht beabsichtigt, aber dank der zeitgenössischen Stadtbilder von Mainz und der Integrierung dokumentarischer Aufnahmen vom Rosenmontagszug der 50er Jahre, erzeugt „Die Fastnachtsbeichte“ trotz seiner authentischen Ausstattung nicht den Eindruck einer weit zurückliegenden, abgeschlossenen Historie – möglicherweise fehlte dem „Spiegel“-Kritiker, der den Film als „Kostümpomp“ verurteilte, noch der notwendige zeitliche Abstand für diese Sichtweise. Trotzdem ist die Kritik an der mangelnden Relevanz der Verfilmung nicht ungerechtfertigt. Bis auf Berta Drews als hasserfüllte Mutter loteten die Charaktere nur selten die menschlichen Abgründe aus. Hans Söhnker in der Rolle des Familienoberhaupts Panezza und die schöne Viola blieben menschlich nachvollziehbar, Jeanmaries im Film abgeschwächte Position zwischen zwei Frauen entsprach Christian Wolffs damaligem Typus als anständiger Vertreter der deutschen Nachkriegsjugend, Friedrich Domin gab einen so souveränen, wie toleranten Probst und Götz George wurde zum Sympathieträger. 

Doch diese Figuren-Konstellation täuscht über die Brisanz hinweg, die ihr Verhalten Ende der 50er Jahre noch auslöste. Auch Zuckmayers Theaterstücke und Erzählungen waren in ihrer Gesellschaftskritik eher unterschwellig und verdankten ihre Popularität nicht zuletzt ihrem hohen Unterhaltungswert. Den besitzt auch Dieterles Verfilmung, die nach ihrem sperrigen Beginn zunehmend zu fesseln vermag. Eine generelle Kritik an der Bürgerschicht ließ sich daraus zwar nur schwer herauszufiltern, aber die Sympathien gehörten eindeutig den gegen die Norm verstoßenden Protagonisten. 

"Die Fastnachtsbeichte" Deutschland 1960, Regie: William Dieterle, Drehbuch: Kurt Heuser, Carl Zuckmayer (Novelle), Darsteller : Hans Söhnker, Gitty Djamal, Götz George, Christian Wolff, Berta Drews, Grit Boettcher, Friedrich Domin, Rainer Brandt, Hilde Hildebrandt, Wolfgang Völz, Harry Engel, Laufzeit : 96 Minuten

Mittwoch, 19. März 2014

Mörderspiel (1961) Helmut Ashley

Inhalt: Sorgfältig versucht Klaus Troger (Harry Meyen) die Spuren seines Mordes an einer blonden Frau, die tot auf ihrem Bett liegt, zu verwischen, aber seine Bemühungen erweisen sich scheinbar als umsonst, als der bekannte Modeschöpfer von Hein Kersten (Götz George), einem jungen Architekten, erkannt wird, während er das Haus der Toten verlässt. Troger gelingt es, sich dessen Stillschweigen zu erkaufen, indem er ein amouröses Abenteuer vortäuscht, aber ihm ist klar, dass diese Lüge nur kurz Bestand hat, sobald die Zeitungen von dem erneuten Frauenmord berichten werden.

Um den Zeugen unauffällig beseitigen zu können, begleitet er Kersten auf eine mondäne Party, auf der sich auch seine Ehefrau (Magali Noël) befindet, die ihn offensichtlich betrügt und nur Verachtung für ihn übrig hat. Die übrigen Anwesenden, die sich zu den besten Kreisen zugehörig fühlen, suchen abendliche Ablenkung, weshalb die Idee, das „Mörderspiel“ zu veranstalten, mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen wird. An Hand von Spielkarten wird ausgelost, wer als Opfer, als Täter und als Polizist agiert, aber niemand rechnet damit, dass die Leiche echt ist…

"Mörderspiel" gehört zu den deutschen Filmen an der Schnittstelle zwischen Unterhaltungsfilm und Gesellschaftssatire, die fast zwanghaft dem Krimi-Genre zugewiesen wurden, um gar nicht erst in eine andere Richtung denken zu müssen. Das hat dem Ansehen des Films geschadet, dessen Qualitäten unter den typischen Erwartungshaltungen vieler Reszensenten begraben wurden, weshalb die am 07.03.2014 von der PIDAX herausgebrachte DVD die Möglichkeit bietet, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).
















Als "Mörderspiel" 1961 in die bundesrepublikanischen Kinos kam, genügte es schon mit einem Mord an einer Frau zu beginnen, um Assoziationen an Hitchcock zu wecken - eine Werbebotschaft, die eine Erwartungshaltung schuf, an der der Film zu unrecht scheiterte. Auch der gleichnamige Kriminalroman von Max Pierre Schaeffer, der dem Drehbuch als Vorlage diente, ließ vermuten, dass es in Helmut Ashleys zweitem Film - wie schon in seiner ersten Regiearbeit "Das schwarze Schaf"(1960) - um die kriminalistische Suche nach einem Mörder ging, obwohl an dessen Identität vom ersten Moment des Films an kein Zweifel besteht. Zwar versuchen behandschuhte Hände die Spuren eines Tatorts in der Anfangsszene zu beseitigen, die konsequent aus der subjektiven Sicht des Mörders aufgenommen wurde, aber dazu äußert sich die Stimme Harry Meyens aus dem Off, weshalb sein Anblick in der Rolle des Modeschöpfers Klaus Troger keine Überraschung mehr bedeutet, als die Kamera ihre Perspektive wechselt.

Dieses vom Autoren-Team um Ashley hinzugefügte Vorspiel zur eigentlichen Handlung, die während einer Party der besseren Gesellschaft in einem modernen Loft spielt, unterschied den Film nicht nur von der literarischen Vorlage, sondern auch von typischer Genre-Kost, ist gleichzeitig aber der einzige Schwachpunkt des Films. Für einen mehrfachen Frauenmörder, dem die Polizei bisher ergebnislos nachjagt, handelt Troger viel zu amateurhaft, als er am frühen Abend aus dem Haus seines letzten Opfers tritt und prompt von dem jungen Architekten Hein Kersten (Götz George) gesehen und erkannt wird. Auch das es ihm nicht gelingt den Hausschlüssel zu entsorgen, ist unglaubwürdig - Kersten hört den Klang des fallenden Schlüssels und hebt ihn wieder auf. Regisseur Ashley bezweckte mit dieser leider nicht schlüssig durchdachten Idee eine Umkehrung der traditionellen Krimi-Handlung - nicht die Suche nach dem schon feststehenden Mörder sollte im Vordergrund stehen, sondern diejenige nach den Abgründen der Wirtschaftswunder-BRD.

An dem der PIDAX-DVD beigefügtem Nachdruck der "Illustrierten Film-Bühne" wird deutlich, dass Ashleys Intention schon beim Erscheinen des Films ignoriert wurde. Weder findet in dem Werbetext der Mord zu Beginn Erwähnung, noch der Fakt, dass Klaus Troger (Harry Meyen) nur deshalb auf die Party mitkommt, um den lästigen Zeugen unauffällig erledigen zu können. Der Tote während des "Mörderspiels" ist entsprechend ein Produkt des Zufalls, da ihn Troger mit Kersten in der Dunkelheit verwechselt. Damit nahm Ashley der Handlung jeden wesentlichen Aspekt einer typischen "Who done it"-Handlung, aber anstatt sich auf die entstehende Gesellschafts-Satire einzulassen, wurde Kritik an einer fehlenden Spannung geübt, die der Regisseur gezielt vermied. Der Blick sollte frei bleiben auf eine prototypische Ansammlung von angeblichen Erfolgstypen, die sich unfähig zur Selbstkritik in ihren geschwätzigen Posen gefallen.

"Mörderspiel" bemühte sich weder um Differenzierungen, noch leise Zwischentöne, aber für seine so brachiale, wie amüsante Abrechnung mit den Repräsentanten der "besseren" Gesellschaft - Geschäftsmann, Rechtsanwalt, Arzt, Architekt, Schauspieler, Journalist, Modeschöpfer - stand Ashley eine große Anzahl hervorragender Filmschaffender zur Verfügung. Co-Autor Thomas Keck hatte die Dialoge zu Wolfgang Neuss' Film "Wir Kellerkinder" (1960) geschrieben und war an "Der letzte Zeuge" (1960) von Wolfgang Staudte beteiligt, in dessen gesellschaftskritischen Film "Kirmes" (1960) Götz George und Wolfgang Reichmann zuvor die Rollen der Antipoden übernommen hatten. Reichmann glänzt hier als besoffener Arzt, aber besonders der als Sympathieträger besetzte George überrascht, indem er die hohle Fassade des äußerlich so jovialen Jung-Architekten entlarvt.

Auch Hanne Wieder ("Das Mädchen Rosemarie" (1958)) und Robert Graf ("Jonas" (1957)) stehen für das moderne deutsche Nachkriegskino, während die Fellini-Darstellerin Magali Noël ("La dolce vita" (Das süße Leben, 1960)) und der französische Mime Georges Rivière ("La vergine di Norimberga" (Die Gruft der lebenden Leichen, 1963)) zum internationalen Flair der deutsch-französischen Co-Produktion beitrugen. Bemerkenswert ist auch die Beteiligung von Eberhard Schröder als Regie-Assistent, der später zu einem wichtigen Protagonisten des Erotik-Films ("Die Klosterschülerinnen" (1972)) wurde. Ebenso lässt es sich nicht übersehen, dass mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Sven Nykvist ("Fanny und Alexander" (1972)) ein Könner hinter der Kamera stand, der eine Handlung mit originellen Einstellungen einfing, die zuletzt Kriminalhandlung sein wollte. Angesichts der egozentrischen Selbstdarsteller, die hier die Szenerie beherrschen, wird der Serienmörder zur unscheinbaren Nebenfigur.

"Mörderspiel" Deutschland, Frankreich 1961, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Helmut Ashley, Thomas Keck, Odo Krohmann, Max Pierre Schaeffer (Roman), Darsteller : Götz George, Harry Meyen, Wolfgang Reichmann, Robert Graf, Wolfgang Kieling, Hanne Wieder, Margot Hielscher, Magali Noel, Georges Rivière, Laufzeit : 76 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Ashley:

Dienstag, 24. Dezember 2013

Herrenpartie (1964) Wolfgang Staudte

Inhalt: Gemeinsam mit seinem Sohn Herbert (Götz George) und dem heimatlichen Männer-Gesangsverein, dem er vorsteht, verbringt Friedrich Hackländer (Hans Nielsen) seinen Urlaub in Jugoslawien an der Adria - selbstverständlich jederzeit bereit, in ein gemeinsames Lied zur Erbauung ihrer Umgebung einzustimmen. Auch vor ihrer Abfahrt zu einem neuen Ziel genießen sie noch einmal den Applaus, der für längere Zeit ihr letzter sein wird.

Auf Grund von Straßenbauarbeiten werden sie mit ihrem Kleinbus zu einem Umweg gezwungen, der sie über Serpentinen durch die karge Felslandschaft führt. Als ihnen das Benzin ausgeht, sind sie gezwungen den Wagen abzustellen, aber zu ihrer Freude entdecken sie ein Dorf ganz in der Nähe, von wo sie sich Hilfe erhoffen. Tatsächlich scheint ihr Ankunft sämtliche Bewohner aus den Häusern zu treiben, bei denen es sich ausschließlich um schwarz gekleidete Frauen handelt. Doch willkommen sind sie nicht...


Nach dem frühen Tod des Regisseurs und Produzenten Harald Braun endete 1960 das Projekt der gemeimsam mit Wolfgang Staudte und Helmut Käutner gegründeten Produktionsfirma FFP, die mit  "Der Rest ist Schweigen" (1959) und "Kirmes" (1960) zwei Filme herausgebracht hatte, die sich ohne die zu dieser Zeit notwendigen Relativierungen der jüngeren deutschen Vergangenheit gewidmet hatten. Im Gegensatz zu dem satirischen Film "Rosen für den Staatsanwalt" (1959), den Staudte zuvor erfolgreich in die Kinos gebracht hatte, verzichteten sie in ihrer ernsthaften Auseinandersetzung auf Konzessionen an den Publikumsgeschmack, weshalb sie bei der Kritik und an der Kinokasse durchfielen.

Nach "Kirmes" dauerte es vier Jahre - zwischendurch arbeitete Wolfgang Staudte für das Fernsehen ("Die Rebellion", 1962) oder verfilmte Klassiker wie die "Dreigroschenoper" (1962) - bis er noch einmal die Gelegenheit bekam, einen gesellschaftskritischen Film zu drehen - nach einem Drehbuch von Werner Jörg Lüddecke, mit dem er 1951 erstmals bei "Das Beil von Wandsbek" zusammen gearbeitet hatte. Der Film kam eher zufällig in einer deutsch-jugoslawischen Co-Produktion zustande, denn ursprünglich war Staudte das Manuskript zu dem Kriminal-Thriller "Der Sturm wird schweigen" angeboten worden, das er dankend ablehnte. In der Regel waren es damals Karl-May-Verfilmungen, die unter deutsch-jugoslawischer Hoheit entstanden - die jugoslawische Firma "Avala" war 1964 noch an "Old Shatterhand" und "Der Schut" beteiligt - aber als Lüddecke, statt wie gefordert "Der Sturm wird schweigen" zu überarbeiten, sein Drehbuch zu "Herrenpartie" vorlegte, war nicht nur Staudte, sondern auch die jugoslawische Seite sofort damit einverstanden.

Autor Lüddecke hatte zuvor schon mit "Nachts, wenn der Teufel kam" (1956) und "Das Totenschiff" (1959) bewiesen, das er kritische Themen unterhaltsam zu präsentieren wusste. Nach seiner Novelle entstand 1965 mit "Morituri" (1965) ein Hollywood-Film mit Marlon Brando und Yul Brynner in den Hauptrollen und für Regisseur Jürgen Roland lieferte er später die Drehbücher zu "Die Engel von St. Pauli" (1969), "St. Pauli Report" (1971) und "Zinksärge für die Goldjungen" (1973). Auch "Herrenpartie" ist die Verortung im Unterhaltungsfilm deutlich anzumerken - die achtköpfige Männer-Gesangsgruppe um deren Leiter Friedrich Hackländer (Hans Nielsen), Dirigent Werner Drexel (Rudolf Platte), sowie dem jungen, durchtrainierten Götz George als Hackländers Sohn Herbert absolviert ihre Dialoge im hohen Tempo und kommt schnell zur Sache. Der Beginn des Films, wenn sich Herbert (Götz George) mit offenem Hemd am Strand von Freunden verabschiedet, während die älteren Herren alle in Shorts am Bus noch schnell ein Ständchen zum Besten geben, erinnert nicht zufällig an eine Komödie.

Diesen Charakter behält "Herrenpartie" bis zum Schluss, häufig untermalt von rhythmisch-jazziger Musik oder dem Gesang der Männergruppe. Auch die naiv bis selbstgefälligen Kommentare zu Land und Leute in dem bei den Deutschen sehr beliebten Urlaubsland an der Adria und dem nicht ohne Eigenlob betonten Ansinnen, als höflicher Gast im Ausland auftreten zu wollen, weist Parallelen zu diversen Komödien der 50er und 60er Jahre auf, in denen deutsche Touristen, meist als Nebenfiguren auftretend, karikiert wurden. Als die acht Männer nach einer Autopanne - der Benzintank ist leer und die nächste Tankstelle weit entfernt - in ein abgelegenes Bergdorf verschlagen werden, dass nur von Frauen bewohnt wird, scheinen alle Voraussetzungen an eine konstruierte Komödien-Handlung erfüllt.

Doch das Gegenteil tritt ein, ohne dass es die acht Männer merken. Vollständig auf Urlaub, Sonnenschein und gute Laune eingestellt, verstehen sie die feindselige Haltung der in Schwarz gekleideten Frauen lange Zeit nicht. Selbst als diese weder bereit sind ihnen zu helfen, noch sie in irgendeiner Form willkommen heißen, glauben sie an ein Missverständnis auf Grund der Sprachbarriere und versuchen mit gutem Willen das Eis zu brechen - mit einem gesanglichen, zackig deutschen Willkommensgesang. "Herrenpartie" lässt nicht einfach zwei Welten, sondern zwei unterschiedliche Filmgenres aufeinander prallen. Während der Charakter der Story um die Männergruppe ihren unterhaltenden Gestus, auch als es zu Streitigkeiten zwischen den Protagonisten kommt, nicht verliert - die gefährliche Tragweite des Geschehens wird den Deutschen nie ganz bewusst - schildert Staudte die Lebensverhältnisse der jugoslawischen Frauen als Drama im neorealistischen Stil.

Sie haben die Hinrichtung ihrer Männer und Söhne durch die deutschen Soldaten im 2.Weltkrieg bis heute nicht überwunden und leben in fortdauernder Trauer. Miroslava (Mira Stupica) erkennt im Verhalten der deutschen Touristen das der früheren Besatzer wieder - ein Eindruck, der sich mit jedem weiteren Schritt der Männer, es sich im Ort ohne die Hilfe der Einwohner einzurichten, verstärkt, bis sich die Situation zuspitzt. Vergleichbar zu der anfänglich karikaturhaft wirkenden Gestaltung der Deutschen, scheint auch der seit fast zwanzig Jahren unverändert andauernde Hass der Frauen zuerst überzeichnet, aber zunehmend erweisen sich sämtliche Verhaltensmuster als Abbild der Realität.

Den Männern fehlt jedes Einfühlungsvermögen für die Situation der Frauen, da sie ihre eigene Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus verdrängt haben und sich keiner Schuld bewusst sind. Gleichzeitig verfallen sie angesichts der ihnen entgegen gebrachten und als ungerecht empfundenen Feindseligkeit in typische Muster, die den Eindruck der Einwohnerinnen noch verstärken, es mit deutschen Eindringlingen zu tun zu haben. Mit Herbert und der einzig nicht schwarz gekleideten, jung und modern wirkenden Seja (Milena Dravic) verfügen beide Seiten über scheinbar unbelastete Charaktere, die aber nicht als Vorbild idealisiert werden. Herbert freundet sich mit der kleinen Lia, dem einzigen Kind des Dorfes, an, deren Vertrauen den Männern später das Leben retten wird, und übt auch einige Male heftig Kritik, aber er bleibt trotzdem ein homogener Teil der Gruppe und bricht nicht mit ihr, ebenso wie Seja zwar versucht, Miroslava in ihrem Feldzug gegen die deutschen "Spießer" zurückzuhalten, nicht aber ihre solidarische Haltung mit den anderen Frauen verrät und zur versöhnlichen Anführerin wird.

"Herrenpartie" vermeidet in einer nur selten erreichten Konsequenz jede Eindeutigkeit. Nichts in diesem Film lässt sich einseitig bewerten, beginnend bei einem Stil, dessen Interpretation als "pendelnd zwischen politischer Satire und Schicksalstragödie" erst die Hilflosigkeit verdeutlicht, dem Film irgendeinen Rahmen geben zu wollen. Staudte und Lüddecke gelang es, widerstreitende Empfindungen gleichzeitig zuzulassen – Schuld und Unschuld, Hass und Verzeihen lassen sich hier genauso wenig auseinander dividieren wie tragische oder komische Momente. Wenn Friedrich Hackländer zum Schluss „Wir Deutschen sind immer bereit, schnell zu vergessen“ sagt, dann ist diese Aussage sowohl komisch, als auch tragisch in ihrer Ignoranz, und der Anblick der geistig verwirrten Mutter, die der Gesangsgruppe hinterher läuft, um ihnen selbst gebackenes Brot für ihren Sohn anzubieten, dessen Tod durch Erschießen sie nicht verkraftet hat, ist in seiner Absurdität gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen.

Diese Komplexität, die nicht beruhigt und weder Lösungen, noch eindeutig Schuldige präsentiert, wurde „Herrenpartie“ zum Verhängnis – bis heute wurde Staudtes Film nicht rehabilitiert, dessen Aufführung in „Cannes“ von der damaligen deutschen Regierung untersagt wurde und ihm heftige persönliche Kritik einbrachte. Unterhaltung oder politisches Kino? – „Herrenpartie“ entschied sich nicht, wählte keinen künstlerisch zurückhaltenden, ausgewogenen Gestus, sondern nahm sich einer ernsten Thematik in Form einer Räuberpistole an, indem er einen deutschen Männer-Gesangsverein in den Bergen Montenegros auf eine Horde wilder Witwen treffen ließ, die zu Waffen und Sprengsätzen greifen – eine explosive Mischung, die in diesem grandiosen und in seiner Unfassbarkeit einmaligen Film nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

"Herrenpartie" Deutschland, Jugoslawien 1964, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, Arsen Diklic, Wolfgang Staudte, Darsteller : Götz George, Hans Nielsen, Rudolf Platte, Herbert Tiede, Mira Stupica, Milena Dravic, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte:

Montag, 17. Juni 2013

Kirmes (1960) Wolfgang Staudte

Inhalt: Als Arbeiter die Grube für den Stützpfeiler eines Karussells ausheben, das für die Kirmes in einem kleinen Ort in der Eifel aufgebaut werden soll, finden sie ein Skelett, gemeinsam mit einem Stahlhelm und einem Gewehr. Da es sich offensichtlich um einen gefallenen Soldaten des 2.Weltkriegs handelt, erlahmt das Interesse der Schaulustigen schnell, aber im Haus der Mertens, wohin die Überreste erst einmal gebracht werden, herrscht helle Aufregung. Martha Mertens (Manja Behrens) begreift sofort, dass es sich nur um ihren Sohn Robert (Götz George) handeln kann, auch wenn ihr Mann Paul (Hans Mahnke) versucht, ihr diese Ansicht auszureden. Als sie darauf beharrt, macht ihr der Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann) klar, was es bedeutet, wenn bekannt würde, dass Robert mitten im Ort lag. Sein Andenken und das seiner Familie wären besudelt, denn er gelte dann als Deserteur und Vaterlandsverräter.

Diese wurden 1945 mitten im Ort standrechtlich erschossen. Während die US-Armee nur noch wenige Kilometer entfernt weiter voranschreitet, wird der Befehl Himmlers vorgelesen, Jeden sofort zu erschießen, der einem Deserteur hilft. Zudem gilt das Todesurteil für einen Vaterlandsverräter auch für dessen gesamte Familie. Während ihre kleine Tochter diese Anweisungen fröhlich nachplappert, macht sich Martha Mertens Sorgen um ihren Sohn Robert, von dem sie schon längere Zeit nichts mehr gehört hatte. Sie ahnt nicht, dass er sich in unmittelbarer Nähe in ihrem Haus versteckt hält, nachdem er aus der Armee geflohen war…


Die Filme "Der Rest ist Schweigen" (1959) und "Kirmes" (1960) nehmen im deutschen Nachkriegsfilm bis Mitte der 60er Jahre einen Sonderstatus ein, da sie von ihren Regisseuren Helmut Käutner und Wolfgang Staudte selbst produziert wurden, die 1958 gemeinsam mit dem Regisseur und Produzenten Harald Braun die "Freie Film Produktion" gegründet hatten, um unbeeinflusst von politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten Dritter ihre selbst verfassten Drehbücher umsetzen zu können. Es blieb bei diesen zwei Filmen - vielleicht dem frühen Tod Harald Brauns 1960 geschuldet - die beim Publikum und der Kritik scheiterten und in Vergessenheit gerieten, obwohl viele ihrer sonstigen Filme bis heute populär geblieben sind.

Besonders für Wolfgang Staudte bedeutete diese Konstellation endlich die Möglichkeit, seine kritische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus nach seinen Vorstellungen fortzusetzen. Für seinen 1959 herausgebrachten Film "Rosen für den Staatsanwalt" hatte er erstmals,  seitdem er nicht mehr für die DEFA drehte (unter anderen "Die Mörder sind unter uns" (1946)), auch in der Bundesrepublik Deutschland eine positive Resonanz bei Publikum und Kritik erfahren, nahm den ihm zuerkannten Bundesfilmpreis aber nicht an - ein offensichtliches Bekenntnis dafür, dass ihm die kritische Relevanz des Films zu gering war. Verglichen mit dem bis heute anerkanntesten Anti-Kriegsfilm deutscher Produktion "Die Brücke" (1959) von Bernhard Wicki, der eine Vielzahl von Preisen erhielt, und dem trotz seiner Thematik sehr unterhaltsamen "Rosen für den Staatsanwalt" wird deutlich, warum "Kirmes" keine Chance hatte - Wolfgang Staudte verzichtete darin auf jede Distanz zum sogenannten "Durchschnittsbürger".

Stand in "Rosen für den Staatsanwalt" die Judikative im Mittelpunkt, deren Vertreter zum großen Teil unmittelbar vom nationalsozialistischen Regime in den demokratischen Rechtsstaat überwechselten, ohne das ihr früheres Handeln in Frage gestellt wurde - eine Phase, die erst jetzt offiziell aufgearbeitet wird und deren Ergebnis Staudtes damalige Kritik weit in den Schatten stellt - und betrachtete "Die Brücke" den nationalsozialistischen Wahnsinns, kurz vor dem Kriegsende noch ihre Jüngsten sinnlos in den Tod zu schicken, ohne die Verantwortung Aller dafür aufzuzeigen, verdeutlicht "Kirmes" am Mikrokosmos eines Dorfes in der Eifel den generellen Opportunismus jedes Einzelnen, der nicht nur ein unmenschliches Regime am Leben erhielt, sondern unfähig war, die Lehren daraus zu ziehen.

Bevor Staudte zu den Ereignissen in der Vergangenheit, kurz vor dem Ende des Krieges, wechselt, beschreibt er die Feststimmung in der Gegenwart, anlässlich der jährlichen Kirmes in dem kleinen Eifelort. Die typisch penetrante Ausgelassenheit wird kurz unterbrochen, als bei den Erdarbeiten für das Fundament eines Karussells ein Skelett mit Stahlhelm und Gewehr gefunden wird, aber die Attraktionen des Jahrmarkts ziehen die Aufmerksamkeit schnell wieder auf sich. Nur im Haus von Martha (Manja Behrens) und Paul Mertens (Hans Mahnke) herrscht Aufregung, denn Martha ist sofort klar, dass es sich bei dem Toten nur um ihren Sohn Robert (Götz George) handeln kann. Die Anwesenden – darunter der Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann), der Pfarrer (Fritz Schmiedel) und der Gastwirt Balthausen (Benno Hoffmann) – widersprechen ihr zuerst, aber als sie darauf beharrt und ihn anständig begraben lassen will, schwenken sie um und ändern ihre Argumentation. Roberts Name steht auf dem Denkmal für die Gefallenen des Krieges, aber wenn es bekannt werden würde, dass er hier im Ort gestorben ist, wäre sein Andenken als Deserteur besudelt.

Wolfgang Staudte hätte die etwa 10minütige Sequenz auch an das Ende des Films stellen können, um die Konsequenzen aus dem damaligen Handeln im Ungewissen zu lassen, aber ihm war nicht an einem Spannungsaufbau gelegen, sondern an der Sichtweise der Bürger der demokratischen Bundesrepublik Deutschland auf die kaum 15 Jahre zurückliegende Zeit der Diktatur. Die Protagonisten der Eingangsszene spielten auch die Hauptrollen während der letzten Kriegstage und ihre Reaktion auf den Skelettfund lassen sich bei den von Staudte geschilderten Ereignissen um den gerade 18jährigen Robert, der desertiert war, um in seinem Heimatdorf Unterschlupf zu suchen, nicht mehr ausblenden. Zu offensichtlich wird es, dass sich Niemand einer Schuld bewusst ist und dass Roberts Fahnenflucht nach wie vor als Vaterlandsverrat bewertet wird, gleichbedeutend damit, dass die damalige Entscheidung der NSDAP, auch die Jüngsten noch in einen aussichtslosen Kampf zu schicken, nicht verurteilt wird. Dass der jetzige Bürgermeister Hölchert damals schon als NSDAP – Ortsgruppenleiter fungierte, betont nicht allein die Unbelehrbarkeit der Bewohner, sondern ist signifikant für den reibungslosen Übergang nach dem Krieg, der keine echte Zäsur brachte.

Wie nah „Kirmes“ damit der Realität kam, lässt sich an der vehementen Ablehnung des Films erkennen, die Staudte von Seiten der Kritik und des Publikums entgegen schlug, und die dem Ansehen des Films einen bis heute bleibenden Schaden zufügte. Auffällig an den geäußerten Kritikpunkten ist, dass diese nicht auf die Kernaussage des Films eingehen, sondern nur Randaspekte benennen: die angeblich überzeichnete Figur des NSDAP-Manns, das eingeschränkte Umfeld einer dörflichen Gemeinschaft oder den konventionellen Storyaufbau. Tatsächlich legte Staudte sehr viel Wert darauf, Einseitigkeiten zu vermeiden. Sogar die extrem angelegte Figur des jovialen Hölchert, der nach außen hin die Ideale Adolf Hitlers predigt, angesichts der vorrückenden US-Armee aber vorsichtshalber Akten verbrennt und NS-Zeichen beseitigt, verhält sich wie ein typischer Machtmensch, der seinen Einfluss missbraucht. Gewalt wendet er nur dezent an. Seine Fähigkeit wider besseren Wissens auch die negativsten Situationen noch schön zu reden, privilegiert ihn geradezu für dieses Amt - Reichmanns Darstellung haftet weder etwas satirisches, noch übertriebenes an.

Auch die übrigen Protagonisten reagieren menschlich nachvollziehbar, wollen Robert sogar beistehen, verlieren aber den Mut angesichts eines Regimes, das Jedem mit der Todesstrafe droht, der einem Deserteur hilft, dabei auch die jeweilige Familie mit in die Sippenhaftung einschließend. Sehr gut wird Staudtes differenzierter Blick an der Figur des Pfarrers deutlich, der Robert zuerst vier Tage Asyl gewährt, bis er ihn von Ängsten übermannt wieder wegschickt. Als in der Kapelle Teile der Uniform Roberts gefunden werden, gerät er in Verdacht und wird brutal von der SS verhört, verrät den Flüchtigen aber nicht. Götz George spielte den Deserteur mit jungenhafter Attitüde, der es nicht mehr aushält, als Soldat zu kämpfen. Er will einfach nur nach Hause, ohne dabei politische oder soldatische Reden zu schwingen. Staudte gönnt ihm noch einen schönen Moment, als er mit der hübschen Annette (Juliette Mayniel), einer zwangsverpflichteten französischen Arbeiterin, eine Nacht verbringt, aber sie verrät ihn sofort, als sie unter Druck gerät. „Kirmes“ idealisiert und verteufelt Niemanden, sondern entwirft ein tödliches Geflecht aus Angst und Egoismus, dass selbst eine kleine, von den großen politischen Ereignissen unberührte Dorf-Gemeinschaft – auch die US-Armee zieht sofort weiter, weshalb die evakuierten Bewohner schnell wieder in ihre Häuser zurückkehren können – dazu bringt, einen aus ihrer Mitte in den Tod zu treiben.

Robert wird nicht gefasst oder ausgeliefert, sondern erschießt sich selbst, weil er den inneren Konflikt seiner Familie nicht mehr aushält – und wird in einem Bombenkrater mit seinen Utensilien entsorgt, um jeden Verdacht zu vermeiden. So schrecklich diese Ereignisse sind, so vermittelt „Kirmes“ doch Verständnis für die Reaktionen der Dorfbewohner und erhebt sich nicht über sie. Einzig die Figur des Ortsgruppenleiters Hölchert als willfähriger Vertreter eines mörderischen Regimes verdient keine Nachsicht. Der wahre Schrecken zeigt sich erst in der Gegenwart, nicht allein durch die Wahl dieses Mannes zum Bürgermeister, dessen pragmatischer Umgang mit den neuen Verhältnissen signifikant für die generelle Haltung dieser Zeit ist, sondern auf Grund der Weigerung, sich mit einer Phase auseinander zu setzen, die Jeden dazu bringen konnte, gegen seine inneren Überzeugungen zu handeln. Wolfgang Staudte ging es nicht um eine nachträgliche Verurteilung, sondern um das Verhalten in der Gegenwart. Lieber wird ein 18jähriger Junge nach wie vor als Verräter betrachtet, als sich der Auswirkungen und Folgen eines diktatorischen Regimes bewusst zu werden.

Von diesem Vorwurf konnte sich 1960, als „Kirmes“ in die Kinos kam, kaum Jemand freisprechen, zu konkret vertrat Staudte seine Meinung und zu genau traf er damit den Nerv, dabei konsequent auf unterhaltende und damit abschwächende Elemente in seinem Film verzichtend. An der grundsätzlichen Aussage des Films hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn der zeitliche Abstand den Blick darauf erleichtert, weshalb es an der Zeit wäre, „Kirmes“ wieder einem größeren Publikum zugänglich werden zu lassen, jenseits von kleinlichen Kritikpunkten.

"Kirmes" Deutschland 1960, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang Staudte, Darsteller : Götz George, Juliette Mayniel, Manja Behrens, Hans Mahnke, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel, Benno Hoffmann, Laufzeit : 96 Minuten

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