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Montag, 25. April 2016

Marianne (1955) Julien Duvivier

Inhalt: Das Schuljahr in Schloss Heiligenstadt, einem abseits in den bayerischen Bergen gelegenen Jungen-Internat, beginnt. Unter der Leitung vom Professor (Friedrich Domin) erwartet die Jungen – Halbwaisen oder Söhne geschiedener Eltern - ein Leben ungezwungenen Lernens und großer Freiheiten. Innerhalb der Schülerschaft existieren Hierarchien. Es gibt die älteren Schüler wie Manfred (Udo Vioff), die eine Aufsichtspflicht ausüben, oder „Klein-Felix“ (Michael Ende), den Jüngsten, der von Niemandem ernst genommen wird. Für sehr stark hält sich die "Räuber-Bande" um ihren Hauptmann Alexis (Michael Verhoeven), die ihre Mitglieder nach strengen Kriterien auswählt und martialische Regeln pflegt.

Sie alle werden konfrontiert mit einem Neuankömmling, der sich nicht einordnen lässt. Vincent (Horst Buchholz) erhält schon bald den respektvollen Namen „Argentinier“, weil er in der südamerikanischen Pampa groß geworden ist und einen übernatürlichen Zugang zu allen Tieren besitzt. Obwohl sie ihm misstrauen, sind sie gleichzeitig von seiner Ausstrahlung fasziniert, weshalb die "Räuber-Bande" ihn als Mitglied aufnehmen will. Er soll ihnen helfen, in das geheimnisvolle Haus mit den geschlossenen Fenstern auf der anderen Seite des Sees einzudringen – eine Reise ins Unbekannte…


"Marianne" hatte ich zuvor noch nie gesehen, aber der Film war mir bei meinen Recherchen über den Heimatfilm, Marianne Hold oder Horst Buchholz schon früh aufgefallen. Das Wenige, was ich darüber fand, machte mich neugierig und weckte Erwartungen - nur gab es kein Herankommen an den Film. Entsprechend groß war meine Freude, dass die PIDAX ihn a15.04.2016 erstmals auf DVD herausbrachte.

Und meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Wiederholt stellte sich heraus, dass gerade die Filme, die trotz prominenter Besetzung und populärer Thematik schnell in Vergessenheit gerieten, von außergewöhnlicher Qualität sind. Der Versuch dem Originatlitel "Marianne" mit der Hinzufügung "meine Jugendliebe"  mehr Publikumsaffinität zu verleihen, zeugt von der Hilflosigkeit gegenüber einem Film, der sich einfachen Zuordnung entzieht. "Meine Jugendliebe" klingt viel zu prosaisch gemessen an den Emotionen und der Fantasie, die Julien Duvivier und Autor Peter von Mendelssohn hier visualisierten(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Es gibt Filme, die wirken aus der Zeit gefallen - altmodisch oder ihr weit voraus. Und es gibt Filme, die nicht zum Werk eines Künstlers zu passen scheinen, weshalb sie schnell ausgeklammert werden. Oder der umgekehrte Fall tritt ein: sehr typisch, nur im Detail abweichend und damit auch gegen die geweckte Erwartungshaltung verstoßend. Und es gibt Filme, die zwar populäre Genres bedienen, diese aber so miteinander kombinieren, dass sie sich nicht mehr einordnen lassen. Oder welche, die einen hohen künstlerischen, quasi literarischen Anspruch erheben, gleichzeitig von einfachem, leicht verständlichem Zuschnitt bleiben. Auf "Marianne" treffen alle diese Kriterien zu.

Das beginnt bei den Mitwirkenden, deren Namen heute zwar nicht mehr geläufig sind, deren Schaffen aber bis in die Gegenwart populär geblieben ist. Obwohl er seit frühen Stummfilmzeiten in mehr als 70 Filmen hinter dem Regie-Pult stand, ist der französische Regisseur Julien Duvivier in Deutschland nahezu unbekannt, von den zwei ersten 1952 und 1953 entstandenen „Don Camillo und Peppone“- Filmen hat dagegen beinahe Jeder schon gehört. Für internationale Co-Produktionen wie diese wurde Duvivier häufig engagiert, auch mit deutschen Filmschaffenden arbeitete er mehrfach zusammen. Hildegard Knef spielte in „La fête à Henriette“ (1953) die weibliche Hauptrolle, später übernahm er die Regie bei „Das kunstseidene Mädchen“ (1960) und seinem letzten Film „Diaboliquement vôtre“ (Mit teuflischen Grüßen, 1967) - jeweils mit intensiver deutscher Beteiligung. Die Umstände der Entstehung von „Marianne“ fielen trotzdem aus dem Rahmen.

Die Schaffung zweier Sprachversionen mit unterschiedlicher Besetzung in tragenden Rollen war im internationalen Film-Business nicht ungewöhnlich, betonte in „Marianne“ aber noch zusätzlich die enge deutsch-französische Zusammenarbeit. Das Drehbuch stammte von Peter von Mendelssohn, der seinen eigenen 1932 veröffentlichten Roman „Schmerzliches Arkadien“ für die Verfilmung interpretierte. Unterstützt wurde er von dem späteren Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, der wie Von Mendelssohn in Deutschland geboren wurde und vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flüchtete. Peter von Mendelssohn kehrte als britischer Staatsbürger nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück, Marcel Ophüls blieb bis heute ein Wanderer zwischen Frankreich und Deutschland. Auch der Filmtitel „Marianne“ besitzt eine übergreifende Bedeutung, denn die „Marianne“ gilt in Frankreich seit der „Französischen Revolution“ als nationales Symbol der Freiheit – jedes Rathaus besitzt eine „Marianne“-Büste.

Trotzdem lässt sich die Gewichtung einer deutschen Charakteristik nicht übersehen. Die Kulisse von Hohenschwangau mit dem eine zentrale Rolle spielenden Alpsee stehen symbolisch für die deutsche Romantik, der Handlungshintergrund des abgelegenen Jungen-Internats Schloss Heiligenstadt in den bayerischen Alpen war schon Mitte der 50er Jahre von altmodischem Zuschnitt, die kleinen Geschichten um die Jungen-Bande und ihre Aufnahme-Rituale erinnern an zeitgenössische Jugendliteratur. Die Bildsprache schien unmittelbar dem „Heimatfilm“ entnommen, der gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen war (siehe den Essay "Im Zenit des Wirtschaftswunders"), aber Duvivier stilisierte den Handlungsraum zu einem paradiesischen Ideal und hob ihn damit über die Realität – die tatsächliche geografische Lage spielte keine Rolle. Als Kritik am „Heimatfilm“-Genre war das nicht zu verstehen, sondern als Abbild eines subjektiven Standpunkts. Alles in „Marianne“ ist dem eigenen Empfinden untergeordnet. Die Grenze zwischen Ratio und Fantasie lässt sich nicht ziehen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Manfred (Udo Vioff in seiner ersten Rolle), der selbst nur eine Nebenrolle einnimmt, als Freund von Vincent (Horst Buchholz) aber von dessen Erlebnissen in dem geheimnisvollen Schloss am anderen Ende des Sees erfährt. Der Film nimmt auf diese Weise eine doppelte subjektive Perspektive ein. Nur so lässt sich die Figur des „Argentiniers“ verstehen, wie die anderen Jungen den Neuankömmling Vincent nennen, da er in Südamerika aufwuchs. Mit ihm stößt etwas Neuartiges und Fremdes in die Idylle. Eine ideale Rolle für Horst Buchholz (in der deutschsprachigen Version), der ein Jahr später als „deutscher James Dean“ in „Die Halbstarken“ (1956) zum Star aufsteigen sollte. Die Verkörperung des Vincent besitzt schon viel von dem Rebell, für den Buchholz berühmt wurde, aber sein Einfluss kommt hier von Innen, nach Außen ist Vincent von fast übernatürlicher Freundlichkeit und Ehrlichkeit.

Betont wird dieser Eindruck noch durch seinen Umgang mit den Tieren des Waldes, die ihm bedingungslos vertrauen, oder seiner Beziehung zu dem jüngsten Schüler Felix (Michael Ande), der von den Anderen als „Klein-Felix“ ausgegrenzt wird. Dank seines emotionalen Überschwangs und seines Muts zum Irrationalen, nahm Buchholz dieser Figur gleichzeitig wieder die Künstlichkeit und verlieh ihr eine menschliche Dimension. Genauer, eine männliche Dimension, denn Peter von Mendelssohn erzählte autobiografisch gefärbt die so schöne, wie schmerzliche Erfahrung des Heranwachsenden von der ersten großen Liebe. Ihm gelang in seiner einzigen Filmarbeit der Spagat zwischen Historie und Gegenwart, zwischen authentischen Gefühlen und einer ins Künstliche gesteigerten Stilisierung. Die Frau existiert hier nur in zwei charakteristischen Versionen – als geheimnisvolle jungfräuliche Schönheit und als sexuell forderndes Wesen, oszillierend zwischen Wunsch- und Alptraum des Mannes.

Die französische Schauspielerin Isabelle Pia spielte die jugendliche Liselotte, die als einziges Mädchen ausnahmsweise auf dem Jungen-Internat unterrichtet wird. Sie ist pure Perfektion. Kühl und blond gibt sie im Innenhof des Schlosses ein Klavierkonzert. Ein Auftritt, der ihr unter ihren männlichen Mitschülern Respekt, aber keine Sympathien einbringt. Anders als Vincent, der zur Gitarre ein melancholisches südamerikanisches Lied singt. Sie begehrt ihn und macht aus ihren Gefühlen kein Geheimnis. Nackt bietet sie sich ihm an, konkret von Duvivier ins Bild gesetzt. Vincent weist sie zurück, aber es ist weniger eine klare Haltung, mehr ein Zurückschrecken vor ihrer direkten Sexualität. Als sie sich rächt, indem sie sein geliebtes Rehkitz tötet, schlägt er sie verzweifelt - für ihren Tod sorgen die Tiere selbst.

Auch die Aura um „Marianne“ ist ehrfurchtgebietend, aber es ist die Art von Gefahr, deren Überwindung einen Mann zum Helden werden lässt. Die selbsternannte „Räuber-Bande“ um ihren Anführer Alexis (Michael Verhoeven) und Vincents Zimmerkameraden Jan (Peter Vogel) plante schon lange, dem geheimnisvollen Schloss auf der anderen Seite des Sees einen Besuch abzustatten. Obwohl sie Vincent misstrauen, nehmen sie seine Hilfe an, lassen ihn aber bei ihrer Flucht allein zurück. Erst in den frühen Morgenstunden kehrt er zurück, begleitet von einem verheerenden Sturm. Er ist vollkommen verändert, fast paralysiert, denn er hat Marianne (Marianne Hold) kennengelernt, die von dem alten Schlossbesitzer und dessen brutalen Diener (Ady Berber) gegen ihren Wille festgehalten wird. So zumindest ist es aus den Worten Vincents zu vernehmen, denn einen Beweis für ihre Existenz gibt es nicht.

Marianne Holds Verkörperung einer unschuldigen Schönheit prädestinierte sie im „Heimatfilm“ zum Objekt der Begierde. Als „Fischerin vom Bodensee“ erlebte sie 1956 ihren endgültigen Durchbruch, wurde aber schon seit Luis Trenkers „Barriera a Settentrione“ (Duell in den Bergen, 1950) wiederholt in der Rolle einer bodenständigen jungen Frau besetzt, deren Eroberung zu einer Herausforderung für den männlichen Protagonisten wurde. Ihr Typus war so eng mit dem „Heimatfilm“- Genre verbunden, dass sie nach dessen Niedergang Anfang der 60er Jahre - obwohl erst Anfang 30 - keine Chance mehr im Film erhielt. 1964 spielte sie ihre letzte Rolle im Karl-May-Film „Der Schut“.

Ihre Besetzung in der Rolle der „Marianne“ war ein Glücksfall, lässt aber gleichzeitig deutlich werden, warum Duviviers Film im Gegensatz zu Marianne Holds parallel erschienenen Heimatfilmen schnell in Vergessenheit geriet. Die große Liebe wurde im Heimatfilm zum erreichbaren Ideal, in Von Mendelssohns Roman blieb sie eine unerreichbare Fantasie. So beglückend wie schmerzlich, so real wie irreal – und so zerrissen und schön wie dieser Film.  







"Marianne" Deutschland, Frankreich 1955, Regie: Julien Duvivier, Drehbuch: Julien Duvivier, Marcel Ophüls, Peter von Mendelssohn (Roman), Darsteller : Horst Buchholz, Marianne Hold, Udo Vioff, Isabelle Pia, Friedrich Domin, Ady Berber, Michael Verhoeven, Michael Ande, Peter VogelLaufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog "L'amore in città" besprochene Filme von Julien Duvivier:

"Don Camillo" (1952)

Sonntag, 17. Mai 2015

Endstation Liebe (1958) Georg Tressler

Inhalt: Kurz vor Feierabend fällt die Maschine aus, an der Mecki (Horst Buchholz) und seine Kollegen im Osram-Werk arbeiten, aber ihr Denken wird sowieso schon vom Samstagabend bestimmt und dem morgigen freien Sonntag. Zudem hat es ihnen die Neue angetan, ein hübsches Mädchen, das ihnen aber nur die kalte Schulter zeigt. Ein Fall für Mecki, dessen Ehrgeiz durch so viel Widerstandskraft erst geweckt wird. Er wettet mit seinen Kollegen, dass er Christa (Barbara Frey) bis Montagfrüh rumkriegt.

Doch sein Vorhaben erweist sich schwerer als gedacht. Weder auf charmante, noch provokante Weise kommt er an sie heran. Im Gegenteil gibt sie ihm auf dem Heimweg deutlich zu verstehen, dass sie kein Interesse an ihm hat. Doch Mecki gibt nicht so schnell auf. Zuhause wirft er sich in einen Anzug, besorgt Blumen, und spricht offiziell bei Christas Mutter (Karin Hardt) vor, die ihn freundlich in die Wohnung an den gedeckten Tisch bittet. Angetan von dem wohlerzogenen jungen Mann, fordert sie ihre Tochter regelrecht auf, mit ihm auszugehen…


"Können Sie uns auch einen Halbstarken-Film machen - mit der gleichen Mannschaft natürlich! - aber etwas romantischer, wenn's geht: Buchholz verliebt sich in das Mädchen und so weiter..." (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Der große Erfolg von "Die Halbstarken" (1956) weckte Begehrlichkeiten. Das Team um Regisseur Georg Tressler, Autor Will Tremper, Co-Produzent Wenzel Lüdecke, Komponist Martin Böttcher und Hauptdarsteller Horst Buchholz sollte erneut zusammen kommen, denn ihr erster gemeinsamer Film hatte einen regelrechten Boom ausgelöst. Tressler selbst drehte 1957 in Österreich "Noch minderjährig" und Josef von Baky "Die Frühreifen" (1957) mit "Halbstarken" Co-Star Christian Doermer, Heidi Brühl und Christian Wolff in den Hauptrollen, der im selben Jahr noch unter Veit Harlan "Anders als du und ich (§175)" folgen ließ. "Schmutziger Engel" (1958) von Alfred Vohrer befand sich schon in der Vorbereitung. Alle diese Filme einte ein kritischer Blick auf eine Jugend, die sich in den Wirtschaftswunderjahren von den tradierten Geschlechterrollen und Moralvorstellungen zu lösen schien. Ungehemmte Sexualität, Vergnügungssucht und Kriminalität wurden in den Filmen als Gefahren gebrandmarkt, vor deren Folgen die Heranwachsenden gewarnt werden sollten.

Zwar trieb erst die Sensationslust das Publikum in die Kinos, aber Tremper und Tressler hatten in der Kritik gestanden, die Faszination an einer aufbegehrenden Jugend zu sehr bedient und die sozialkritischen Aspekte vernachlässigt zu haben. Ihr zweiter Film sollte deshalb authentischer und weniger polarisierend ausfallen. Keineswegs als Antwort auf die reißerischen „Jugend“-Filme, wie die damalige Film-Kritik annahm, sondern weil Tremper, dem von Lüdecke der Dramaturg Axel von Hahn an die Seite gestellt worden war, keine plumpe Fortsetzung schaffen wollte:

„Wir fanden das eine schöne Geschichte, die mit den Halbstarken nichts zu tun hatte, sich aber lebensecht las.“ (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Trotzdem sind gewisse Parallelen zwischen beiden Filmen nicht zu übersehen. Neben dem gewohnt charmant und selbstbewusst agierenden Horst Buchholz als Mecki, umgeben von einer schnoddrig auftretenden männlichen Jugend, ist es besonders Berlin, das diesmal von Helmuth Ashley als unprätentiöser Ort der Nachkriegsjahre in Szene gesetzt wurde. Wie in „Die Halbstarken“ fehlen sowohl die Anzeichen der politischen Teilung, als auch bekannte touristische Orte. Leere, staubige Straßen am Sonntagmorgen, hohe Brandwände und einfache Altbauwohnungen bestimmen eine Szenerie, der jeder Glamour fehlt und die den Alltag zwischen 6-Tage-Woche und sonntäglicher Ruhe widerspiegelt.

Doch anders als in „Die Halbstarken“ oder dem in dieser Hinsicht ähnlich angelegten „Die Frühreifen“ bricht in „Endstation Liebe“ kein Wirtschaftswunder-Reichtum in den Arbeiter-Bezirk. Das größte Freizeitvergnügen am Samstagabend ist ein Catcher-Schaukampf, der in einer Massenprügelei endet. Weder gibt es dicke Autos und luxuriöse Villen, noch Zigarre rauchende Geschäftsmänner mit gestylten jungen Frauen an ihrer Seite – gern zitierte Anzeichen wirtschaftlicher Erfolge, die die Gefahr der Kriminalisierung einer verführten Jugend heraufbeschwören sollten. Will Tremper verzichtete hier ebenso auf den Arm/Reich-Kontrast, wie auf weitere soziale Konflikte. Anders als in den sonstigen Jugenddramen üblich wollte der Autor nicht generalisieren, sondern eine einfache Geschichte aus dem Blickwinkel von jungen Männern erzählen, deren Denken sich allein um ihre Arbeit, Fußball am Sonntagmorgen und Mädchen dreht. Die Homogenität der hier beschriebenen Lebensumstände war keiner Verdrängung der Realität geschuldet, sondern der Konzentration auf die kurze Phase zwischen samstäglichem Feierabend und dem Arbeitsbeginn Montagfrüh.

Entsprechend sollte der Film „Zeit bis Montagfrüh“ heißen, doch damit konnte Tremper sich beim Produzenten nicht durchsetzen, dem das zu neutral klang – genau die von ihm beabsichtigte Wirkung. In Unkenntnis, dass sowohl „Endstation Liebe“ als auch „Endstation Sehnsucht“ (deutscher Verleihtitel von „A streetcar named desire“, USA 1951) unter dem Dach der „Warner Bros.“ entstanden, hatte Tremper dem aus seiner Sicht kitschigen Titel zuerst zugestimmt, im Glauben ihn aus rechtlichen Gründen noch verhindern zu können. Ein Irrtum, der ihn die Freude an dem Film verlieren ließ:

„…es half alles nichts, die Hochstimmung war dahin. Jürgl (Georg Tressler) fand in einer Konfektionsfirma am Fehrbelliner Platz ein liebes, mir allzu harmlos vorkommendes Mädchen von vielleicht 17 Jahren, das Barbara Freyte hieß – mein einziger Beitrag zu seiner Entdeckung bestand in einem Radiergummi, mit dem ich ihm sofort die letzten beiden Buchstaben seines Namens ausradierte.“ (Will Tremper, Meine wilden Jahre)

Barbara Frey erwies sich als die ideale Besetzung, auch wenn ihre Stimme von Johanna von Koczian synchronisiert werden musste, denn die von ihr gespielte Christa war „die Neue im Betriebsbüro, ein scheues Reh“, dass erst den Ehrgeiz von Mecki (Horst Buchholz) weckt, sie über das Wochenende rumzukriegen. Ein schwerer Fall, wie seine Fabrik-Kollegen finden, weshalb Jeder von ihnen 5 Mark verwettet, dass Mecki es nicht schafft, obwohl dieser sich einen guten Ruf als Verführer erarbeitet hat. Aus diesem Grund muss er erst der Blondine aus dem Weg gehen, die am Fabriktor schon auf ihn wartet, um sich um Christa kümmern zu können.

Trotz des Verzichts auf reißerische Elemente, lässt sich auch in „Endstation Liebe“ der pädagogische Gestus nicht übersehen. Die Warnung besonders an junge Frauen vor dem zu offenen Umgang mit der Sexualität gehörte zum Standard-Repertoire der „Moral“-Filme der 50er und frühen 60er Jahre, aber Will Tremper beabsichtigte keinen erhobenen Zeigefinger, er bildete die vorherrschende Doppelmoral nur ab. Die jungen Männer werden zwar als oberflächlich in ihrem Umgang mit Frauen beschrieben, aber das wird ihrer Jugend zugestanden, die jungen Frauen werden dagegen gnadenlos in anständig und leichtfertig unterteilt. Als Meckis Vater (Franz Nicklisch) zufällig Christa vor seiner Wohnung antrifft, erwähnt er, sie wäre richtig nett, er hätte gar nicht gewusst, dass sein Sohn solche Mädchen kennt. Und wenn am Ende die leicht geschürzte Blondine, die sich nach Christas Zurückweisung um den frustrierten Mecki gekümmert hatte, einen Schnaps auf den Spiegel spritzt und ihr Abbild verzerrt, dann ist die Botschaft mehr als deutlich – als Partnerin kommt sie nicht in Frage.

Wie zuvor in „Die Halbstarken“ entwickelte Tremper Sympathien für seine Protagonisten und verurteilte ihr Verhalten nicht. Christa erweist sich keineswegs als so sperrig, wie sie sich nach außen hin geben musste, und Mecki begreift die Qualität ihrer Zuwendung. Der Titel "Endstation Liebe“ erzeugte dagegen eine falsche Erwartungshaltung, denn Tresslers Film behauptete keinen Absolutheitsanspruch, sondern beleuchtete einen kurzen Lebensausschnitt, einen Moment des Ausbruchs aus dem Alltag – für den Erfolg beim damaligen Publikum und den heutigen Bekanntheitsgrad des Films erwies sich dieser sensible Blick in die Befindlichkeiten junger Menschen, Ende der 50er Jahre, leider als hinderlich.

"Endstation Liebe" Deutschland 1958, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Will Tremper, Axel von HahnDarsteller : Horst Buchholz, Barbara Frey, Karin Hardt, Benno Hoffmann, Franz NicklischLaufzeit : 83 Minuten

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Mittwoch, 1. Mai 2013

Himmel ohne Sterne (1955) Helmut Käutner



Inhalt: Anfang der 50er Jahre - unter dramatischen Umständen flieht Anna Kaminski (Eva Kotthaus) über die innerdeutsche Grenze, die zwar noch einen provisorischen Charakter hat, aber schon streng bewacht wird. Leicht verletzt auf der westdeutschen Seite angekommen, trifft sie dort den Grenzsoldaten Carl Altmann (Erik Schumann), der ihr Hilfe anbietet. Ohne darauf einzugehen, begibt sie sich in das nahe gelegene Städtchen und sucht Otto (Gustav Knuth) und Elsbeth Friese (Camilla Spira) auf, die wenig erfreut über ihren Besuch sind, denn Anna ist die Mutter ihres Enkelsohns Jochen, der hier bei seinen Großeltern lebt.

Ihr Sohn war im Krieg gefallen und hatte Anna nicht mehr geheiratet. Durch die Trennung Deutschlands hatten sie entschieden, den Enkelsohn bei sich zu behalten, weil er es im Westen besser hätte. Als Anna auch diesmal zum wiederholten Male den Jungen mitnehmen will, verweigern sie ihr diese Bitte mit der Begründung, dass sie ihn schließlich mit ihrem Einverständnis adoptiert hätten. Doch Anna flieht in der Nacht mit Jochen und bittet Carl Altmann nun doch um Hilfe, um ihn über die Grenze zu schmuggeln. Willi (Georg Thomalla), ein Freund von Altmann, hilft ihr dabei, indem er sie in seinem LKW versteckt, doch als sie in der DDR ankommen, ist der Junge verschwunden...


Anna Kaminskis (Eva Kotthaus) Schicksal kam Ende des zweiten Weltkriegs sicher nicht selten vor. Als ihr Freund an die Front befohlen wurde, war sie schwanger von ihm und an eine Hochzeit nicht zu denken. Nachdem dieser im Krieg fiel, blieb sie als allein erziehende Mutter mit einem unehelichen Kind zurück. In ihrer Not wandte sie sich an die Eltern ihres Freundes, die Ihre Hilfe allerdings an die Bedingung einer Adoption ihres Enkelkindes knüpften, in die Anna gezwungenermaßen einwilligte. Diese Vorgeschichte, die sich nur aus wenigen Worten Annas erschließt, liegt zum Beginn der Filmhandlung schon einige Jahre zurück, aber sie ist die Ursache für das dramatische Geschehen und typisch für Regisseur Helmut Käutner.

Schon in seinen ersten, noch während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Filmen, betonte er die Verlogenheit der allgemeinen Moralvorstellungen, die den realen menschlichen Bedürfnissen widersprach und sie zu einem Verhalten zwang, dass erst die späteren tragischen Folgen ermöglichte („Große Freiheit Nr.7“, 1943). Die Nachkriegsjahre hatten in der moralischen Strenge nicht nachgelassen, obwohl die gemeinsamen Erfahrungen im Krieg Verständnis für Annas Situation hätte erzeugen müssen. Doch erst der moralische Druck als uneheliche Mutter zwang sie zum Einverständnis in die Adoption. Anfang der 50er Jahre hatte sich ihre finanzielle Situation geändert, weshalb Anna in der Lage wäre, ihren Sohn Jochen wieder zu sich zu holen, aber zwei Fakten behindern ihren Wunsch – rechtlich ist Jochen das Adoptivkind seiner Großeltern und die neue innerdeutsche Grenze verläuft ausgerechnet zwischen den beiden unweit von einander entfernten Heimatorten.

Helmut Käutner nahm sich als einer von Wenigen schon Mitte der 50er Jahre der Teilung Deutschlands an, weshalb "Himmel ohne Sterne" nur ein Film werden konnte, der auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs provozieren musste. Dabei hätte es sich der westdeutsche Regisseur in seiner Anklage an die Trennung Deutschlands leicht machen können, in dem er die politischen Umstände und damit besonders die sowjetische Besatzungsmacht angeprangert hätte, aber das entspräche nicht Käutners Linie, der die Ursachen nie im Grossen, sondern immer im Kleinen suchte. "Ich habe die Grenze nicht gemacht!" legt er seinen Protagonisten häufig in den Mund, aber er lässt kein Zweifel daran, dass die tatsächlichen Probleme untereinander eben doch selbst erzeugt sind und die Umstände immer als Ausrede dafür herhalten müssen.

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Nebenfigur Mischa Bjelkin, einem sehr jungen sowjetischen Soldaten, von Horst Buchholz in einer seiner ersten Rollen mit erstaunlicher Zurückhaltung gespielt, auch bedingt dadurch, dass seine Umgebung kein Russisch versteht. Er verdeutlicht, dass für Jeden eine Wahl in seinen Entscheidungen besteht, auch ohne sich davon Vorteile zu versprechen. Gegensätzlich charakterisiert Käutner dagegen die westdeutsche Seite, die - dank des schnell eintretenden wirtschaftlichen Erfolgs in der jungen BRD - nur noch wenige Gedanken an die kommunistisch regierten Landsleute in der DDR verschwendet. Die Wahl der sympathischen Darsteller Camilla Spira und Gustav Knuth als Großeltern Elsbeth und Otto Friese, die den adoptierten Enkelsohn nicht mehr hergeben wollen, ist geschickt, denn Käutner vermeidet damit Einseitigkeiten und demonstriert authentisch, wie schnell sich die Menschen damals an die neue Situation gewöhnt hatten, besonders, wenn sie persönlich davon profitierten.

Auch den DDR-Alltag zeigte Käutner ohne Beschönigungen, vermeidet dabei aber für die Zeit typische Abqualifizierungen. So zeigt sich auch, dass es für Anna, die in einem volkseigenen Betrieb arbeitet (sehr gut Siegfried Lowitz als korrekter, aber nicht unmenschlicher Leiter), in der DDR leichter ist, als allein erziehende Mutter ihr Leben zu organisieren, obwohl sie sich sogar noch um ihre Großeltern (Lucie Höflich, Erich Ponto) kümmern muss, die sie nicht allein lassen will, weshalb für sie eine Flucht in den Westen nicht in Frage kommt. Wer aus heutiger Sicht glaubt, erst nach dem Bau der Mauer wurde es schwierig in den Westen zu fliehen, wird hier eines Besseren belehrt, denn auch wenn Anfang der 50er Jahre die Perfektion der späteren „Todesstreifen“ noch nicht bestand, so galt schon der Schießbefehl der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten.

Auch in "Himmel ohne Sterne" spielt Käutner wieder seine Stärke aus, eine Vielzahl von Darstellern so agieren zu lassen, dass ein komplexes Geflecht an Beziehungen entsteht. Selbst kleine Rollen sind hervorragend besetzt (Georg Thomalla, Josef Offenbach, Wolfgang Neuss) und die Wahl der beiden Hauptrollen (der Sachse Erik Schumann als westdeutscher Grenzer, die aus der BRD stammende Eva Kotthaus als Anna) ist intelligent, besonders da beide damals von der DEFA besetzt wurden. Man spürt an jeder Einstellung des Films, wie ernst es Käutner damit war, ein ausgewogenes Bild beider Seiten zu zeigen. Betonte er in seinen Filmen aus der nationalsozialistischen Zeit noch die individuelle Freiheit des Einzelnen, die im Widerspruch zur äußeren Reglementierung stand, scheinen die Beteiligten hier nicht in der Lage zu sein, sich aus den ihnen aufgesetzten Strukturen und Vorurteilen zu befreien.

"Himmel ohne Sterne" fehlt jeglicher Optimismus, positive Momente entstehen nur im Verhalten einzelner Menschen, die aber wenig am Fortlauf des Dramas ändern können. In dieser Konsequenz wirkt der Film manchmal übertrieben melodramatisch, da er die Umstände so aneinander reiht, dass sich alles zum Negativen fügen muss, womit er sich auf einer Linie mit den Filmen Douglas Sirks befindet. Indem Käutner nicht einmal den Liebenden zugesteht, sich über bestehende Grenzen hinweg zu setzen, und ihnen damit einiges ihrer Reputation nimmt, geht er weit über die übliche Sezierung einer gesellschaftlichen Situation hinaus. "Himmel ohne Sterne" ist keine differenzierte Analyse, sondern eine unparteiische Anklage, etwas an den bestehenden Zuständen zu ändern – nicht erstaunlich, dass der unbequeme Film bis heute die ihm zustehende Anerkennung nicht erfahren hat.

"Himmel ohne Sterne" Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Darsteller : Eva Kotthaus, Erik Schumann, Horst Buchholz, Siegfried Lowitz, Erich Ponto, Wolfgang Neuss, Josef Offenbach, Georg Thomalla, Lina Carstens, Gustav Knuth, Laufzeit : 104 Minuten

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Montag, 8. April 2013

Die Halbstarken (1956) Georg Tressler


Inhalt: Berlin, Mitte der 50er Jahre: Überraschend trifft Freddy (Horst Buchholz) seinen jüngeren Bruder Jan (Christian Doermer) im Schwimmbad. Nachdem Freddy sich mit seinem strengen Vater (Paul Wagner) überworfen hatte, war er nicht mehr nach Hause zurückgekommen. Obwohl sie gleich in eine Schlägerei verwickelt werden, muss Jan feststellen, dass es seinem Bruder sehr gut zu gehen scheint. Dieser hat einen Job bei einer Tankstelle, zieht mit einer Bande herum, deren Chef er ist, und hat eine so attraktive wie selbstbewusste Freundin (Karin Baal).

Auch an Geld scheint es ihm nicht zu mangeln, weshalb Freddy und seine Freunde hauptsächlich in schicken Bars verkehren und ständig abfeiern. Bevor Jan merkt, dass sein Bruder dieses Leben mit Diebstählen und Hehlerei erkauft, ist er dem Sog schon erlegen. Doch auch Freddy bekommt zunehmend Schwierigkeiten, weil sein Bedarf ständig größer wird und auch seine Freundin Sissy ihn unter Druck setzt. Deshalb plant er das ganz große Ding...


Schon an der inzwischen altmodischen Bezeichnung aufmüpfiger Jugendlicher mit dem Begriff "Die Halbstarken" wird deutlich, dass der gleichnamige Film aus dem Zeitkontext Mitte der 50er Jahre betrachtet werden sollte. Der Film selbst lässt an der damals landläufigen Meinung wenig Zweifel, wenn er zu Beginn zwei Schrifttafeln zeigt, die darauf hinweisen sollen, dass es sich bei den hier gezeigten Jugendlichen um eine Minderheit handelt und diese "im Zwielicht von Erlebnisdrang und Verbrechen" heranwachsen. Diese eindimensionale Sichtweise und die daraus entstehende Konfrontation zwischen bürgerlicher Gesellschaft und der ersten Jugendbewegung nach dem Krieg, machen bis heute die Zeitlosigkeit eines Films aus, der den Generationskonflikt und das damalige Lebensgefühl unter den Heranwachsenden authentisch wiedergibt.

Die Zeitungen in Deutschland waren damals voll von Berichten über die scheinbar entartete Jugend, die sich im kleinbürgerlichen Nachkriegs-Deutschland an Rock'n Roll, Jeans, Lederjacken und Espressobars orientierten. Doch mit dem romantischen Flair, mit dem aus heutiger Sicht die 50er Jahre gerne verklärt werden, hatte das wenig gemeinsam, denn wer sich als Jugendlicher konsequent darauf einließ, wurde sofort als Krimineller betrachtet - noch bis Ende der 60er Jahre trug ein „anständig angezogener" Mann, unabhängig seines Alters, in der Öffentlichkeit Krawatte, auch wenn er nur ins Kino ging.

Der Film zeigt auch eine Phase großer sozialer Unterschiede. Die materiellen Möglichkeiten trennten in den „Wirtschaftswunderjahren“ zunehmend die bürgerlichen Schichten. Während der Großteil der Bevölkerung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, hatten die Wenigen, die es schon "geschafft" hatten, einen protzigen Wagen. "Die Halbstarken" ist nahezu dokumentarisch in seiner Darstellung des "normalen" Berlins der 50er Jahre. Bekannte Gebäude oder Monumente sind nicht zu sehen, ebenso werden nur wenige Kriegsschäden gezeigt - das Leben findet auf den Straßen statt oder in proletarischen Stadtteilen wie dem Wedding. Die großen Altbauwohnungen mit den hohen Räumen, den tapezierten Wänden und den schweren Möbeln strahlen Einfachheit und Armut aus - die sich darin aufhaltenden Erwachsenen wirken demütig und bescheiden.

Doch die Jugend beginnt sich an anderen Vorbildern zu orientieren, bewundert den Reichtum Einzelner und will nicht ihren hart arbeitenden Eltern nacheifern, sich für jeden Pfennig „die Finger dreckig machen“. Geschickt beginnt Regisseur Dressler seine Geschichte in einem öffentlichen Schwimmbad, das in seiner Sauberkeit wie ein neutraler, moderner Ort wirkt. Alles ist neu und schön und Freddy (Horst Buchholz) wirkt in seiner Badehose wie ein normaler Jugendlicher, der mit seiner Freundin, der 15jährigen Sissy (Karin Baal), schwimmen geht. Doch der Eindruck kippt, als sich Freddy aus nichtigem Anlass mit den Bademeistern anlegt und es zu einer großen Prügelei kommt, in die auch Jan (Christian Doermer), Freddys jüngerer Bruder, einbezogen wird.

Seitdem Freddy aus dem gemeinsamen Elternhaus abgehauen war, hatten sich die beiden Brüder längere Zeit nicht gesehen und waren sich im Schwimmbad zufällig über den Weg gelaufen. Jan ist überrascht, wie gut es seinem Bruder geht, der nicht nur eine hübsche Freundin und viele Freunde hat, sondern offensichtlich auch einen guten Job und viel Geld. Fasziniert begleitet er ihn und landet wenig später mit dessen kecker Freundin in einer Eisdiele. Als Jan nach Hause geht, um sich schnell umzuziehen, wird der Kontrast zwischen Freddys lockerem Leben und ihrem tristen Elternhaus deutlich. Der Vater wirkt streng und unnachgiebig und wirft seiner Frau ständig deren Mitschuld an ihrer finanziellen Misere vor, da er ihrem Bruder eine Bürgschaft gegeben hatte, die er nun an die Bank abzahlen muss. Ihre Mutter ist eine zarte Frau, die sehr darunter leidet, dass ihr großer Sohn Freddy nicht mehr zu Hause ist. Jan will ihr helfen und bittet Freddy deshalb um Geld. Er ahnt noch nicht, dass dieser gerade ein großes Ding vorbereitet.

Die ursprüngliche Intention für die Entwicklung des Films "Die Halbstarken" lag zwischen Sensationsgier und moralischem Zeigefinger. Einerseits sollte die Jugend "gewarnt" werden, andererseits zog der Film ein großes Publikum an, das sich an den "ungezogenen Jugendlichen" delektieren wollte. Das daraus ein guter Film wurde, liegt an Tresslers Inszenierung und Will Trempers Drehbuch, das nicht urteilte, sondern die damaligen gesellschaftlichen Bedingungen authentisch wiedergab und auch das Verhalten der Erwachsenen nicht idealisierte – besonders lag es aber an den ausgezeichneten Darstellern. Horst Buchholz als Freddy gelingt eine Mischung aus Angeber und sensiblem Familienmenschen. Sein Umgang mit den Kameraden ähnelt stark dem Verhalten seines Vaters, doch dank seines Charmes und seiner faszinierenden Ausstrahlung schart er eine Menge scheinbarer Freunde um sich, ohne das ihm klar wird, dass sie zwar unter seinen Tiraden leiden, ihn aber auch ausnutzen.

Seine Freundin Sissy, die von der damals 16jährigen Berlinerin Karin Baal mehr als überzeugend verkörpert wurde, beeinflusst ihn geschickt. Sie ist die negativste Figur des Films, die noch von den damaligen Geschlechterrollen bestimmt wurde. Ihre unmissverständliche Zielsetzung, als Frau der Armut entkommen zu wollen und nicht so wie ihre Mutter schuften zu müssen, wurde noch nicht akzeptiert. Während man jungen Männern ihre Verfehlungen nachsah, besonders wenn sie so attraktiv und sympathisch waren wie Horst Buchholz, der nicht ohne Grund nach diesem Film als "deutscher James Dean" zum großen Star wurde, so war die Gesellschaft noch weit davon entfernt, Nachsicht mit einer berechnenden Frau zu üben. Karin Baal war nach dieser Rolle lange Zeit auf diesen negativen Typus festgelegt und auch aus heutiger Sicht werden die meisten Zuschauer der hier vorgegebenen "Sympathiezuteilung" folgen.

In einem Punkt lagen die Schautafeln, die den Film einleiteten, richtig - Jugendliche, die damals wie Freddy und seine Freunde handelten, waren eine Minderheit und es dauerte noch bis Ende der 60er Jahre, bis die deutsche Gesellschaft toleranter wurde. Der Grund für diese Entwicklung wird in „Die Halbstarken“ aber schon deutlich und machte auch seinen Erfolg aus, der eine regelrechte Welle an moralisch motivierten Jugendfilmen nach sich zog.

"Die Halbstarken" Deutschland 1956, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Georg Tressler, Will TremperDarsteller : Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Viktoria von BallaskoLaufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler: