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Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung, in deren Presse- und Propagandaamt Herbert Reinecker seit 1935 tätig war. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 

Donnerstag, 17. April 2014

Ich klage an (1941) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Hanna (Heidemarie Hatheyer) kann ihre Freude über die Berufung ihres Mannes, Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann), an das renommierte Münchner Pettenkofer-Institut kaum zurückhalten. Vor Temperament überquellend lädt sie spontan ihren Freundeskreis ein, begleitet von ihrer kopfschüttelnden Hausdame (Margarete Haagen) , die die Tochter aus reichem Hause nach dem Tod ihrer Mutter von Klein auf erzogen hatte. Selbst Hannas großer Bruder, der ihrem Ehemann immer skeptisch gegenüberstand, zeigt sich angesichts des Erfolgs seines Schwagers einsichtig, nur Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman), der älteste Freund des Paares, selbst einmal in Hanna verliebt, verspätet sich.

Er musste noch dringend nach einem schwer erkrankten Neugeborenen sehen, weshalb er wenig Feierlaune mitbringt. Trotzdem lässt er sich von Hanna dazu überreden, mit ihr und ihrem Mann gemeinsam zu musizieren. Zuerst erklingt ihr Trio in gewohnter Qualität, doch dann versagt mehrfach Hannas Hand am Klavier, so dass sie abbrechen müssen. Die junge Frau verspricht ihrem Mann, sich von Bernhardt untersuchen zu lassen, ohne die Sache allzu ernst zu nehmen, denn sie vermutet, schwanger zu sein. Doch Bernhardts Diagnose bedeutet ihr wahrscheinliches Todesurteil… 


Regisseur Wolfgang Liebeneiner inszenierte 1947, kurz nach dem Krieg, die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" an den Hamburger Kammerspielen, ein exemplarisches Werk der kritischen deutschen Nachkriegsliteratur, das nach dem frühen Tod seines Autors Wolfgang Borchert zu Berühmtheit gelangte. Dessen Beschreibung eines Kriegsheimkehrer-Schicksals verfilmte Liebeneiner zwei Jahre später in "Liebe 47" (1949) - der erneute Startschuss eines intensiven Filmschaffens, mit dem er fast nahtlos an seine erfolgreiche Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus anknüpfte. Begonnen hatte er unter anderen mit zwei Rühmann-Komödien ("Der Mustergatte" (1937) und "Der Florentiner Hut" (1939)), bevor er eng mit dem Propaganda-Ministerium zusammenarbeitete, Produktionschef der UFA wurde und von Joseph Goebbels 1943 den Professoren-Titel verliehen bekam.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Liebeneiner schon 1945 als Theaterregisseur weiter arbeiten durfte und sich wenig später eines Autors wie Wolfgang Borchert annahm, der mehrfach wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der NSDAP und Wehrkraftzersetzung im Gefängnis saß. Zu verdanken hatte Liebeneiner diese Möglichkeit der Tatsache, dass seine zwei Filme über Bismarck ("Bismarck" (1940) und "Die Entlassung" (1942)) zwar als historisch verfälschend, aber minderschwere Propagandafilme eingeordnet wurden. Seine Mitwirkung am Durchhalte-Film "Kolberg" (1945) war nicht offiziell und der unvollendete, in den letzten Kriegsmonaten gedrehte "Das Leben geht weiter" (1945) gilt als verschollen. Einzig der 1941 zwischen den Bismarck-Filmen entstandene "Ich klage an" darf heute als "Vorbehaltsfilm" nur beschränkt und unter pädagogischer Anleitung in Deutschland gezeigt werden, verfügt aber weder über antisemitische, noch kriegstreiberische Tendenzen, weshalb er Liebeneiner nach dem Ende der Nazi-Diktatur nicht belastete.

In Unkenntnis der Zusammenhänge während seiner Entstehungszeit, ließe sich "Ich klage an" als engagierter Beitrag zu der nach wie vor aktuellen Diskussion über das Recht zur "aktiven Sterbehilfe" betrachten, zudem ausgezeichnet gespielt, straff inszeniert und trotz seiner zweistündigen Länge bis zum Schluss die Spannung hochhaltend. Gehört das erste Drittel des Films dem Glück des erfolgreichen, gerade an das renommierte Pettenkofer-Institut nach München berufenen Mediziners Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann) und seiner jungen, lebenslustigen Frau Hanna (Heidemarie Hatheyer), die spontan eine Feier zu seinen Ehren veranstaltet, beschreibt der Film in seinem zweiten Drittel die Zerstörung ihres Lebenstraums durch ihr fortschreitendes Siechtum. In dieser Phase hält der Film das Gleichgewicht zwischen Drama und Action, in dem er Hannas Todeskampf mit dem verzweifelten Versuch des Forscherteams um Professor Heyt, ein Mittel gegen die Multiple Sklerose zu entdecken, verzahnt, bevor das letzte Drittel zum klassischen Gerichts-Drama mutiert bis zum abschließenden emotionalen Schluss-Plädoyer des Angeklagten.

Wolfgang Liebeneiner entwickelte aus der Romanvorlage "Sendung und Gewissen" des Mediziners Hellmuth Unger, Mitglied des Reichsausschusses zur Erfassung Erb- und Anlagebedingter Schwerer Leiden, ein geschickt manipulierendes Drehbuch, dass seine wohlwollende Haltung für die aktive Sterbehilfe strategisch und Gegenargumenten vorgreifend aufbaute. Mit Heidemarie Hatheyer wählte Liebeneiner eine Darstellerin, die sich als kraftstrotzende und eigenständig handelnde junge Frau in "Die Geierwally" (1940) einen Namen gemacht hatte, womit er ihrer Position als um Sterbehilfe bettelnde Todgeweihte die Passivität nahm. Hanna handelt nicht als Opfer, sondern im Bewusstsein, nicht mehr ihre Funktion ausfüllen zu können - ihr Tod wird im Film als Befreiung gezeigt, als erlösender Akt in den Armen des geliebten Mannes. Dass es sich bei diesem um einen renommierten Arzt handelt, zudem Leiter eines aus Koryphäen bestehenden Forscherteams, sollte die theoretische Möglichkeit einer Heilung ausschließen - wenn sie es nicht schaffen, dann Niemand.

Doch das hätte nicht genügt, seinen Akt, ihr Gift zu verabreichen, zu legitimieren, weshalb mit Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman) ein zweiter, der Sterbehilfe ablehnend gegenüber stehender Arzt, dem Ehepaar zur Seite gestellt wurde. Bei der Feier zu Beginn treten sie gemeinsam als musikalisches Trio auf, um ihre enge Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, aber Bernhardt Langs Rolle ist ihre Konstruiertheit deutlich anzumerken. Hannas Äußerung ihm gegenüber, sie hätte ihn geheiratet, hätte er sie gefragt, bevor sie ihren jetzigen Mann traf, kann nur als Kränkung des nach wie vor von ihr begeisterten Mannes verstanden werden und passt nicht zu ihrem freundlichen Wesen. Ebenso unprofessionell ist die Aussage ihres sonst so seriösen Mannes, der Bernhardts erschütternde Diagnose, Hanna hätte Multiple Sklerose, auf dessen Eifersucht zurückführt, obwohl sich deren Wahrheitsgehalt schon in der nächsten Szene herausstellt.

Liebeneiner wollte damit die Zögerlichkeit und Unsicherheit des praktizierenden Arztes betonen, der schon nicht in der Lage war, die geliebte Frau zu erobern, obwohl er die beste Ausgangssituation besaß. Professor Heyt wird dagegen als Mann der Tat charakterisiert, der sich auch von Ablehnung und Skepsis nicht abschrecken ließ, wie sie ihm wiederholt in seinem Berufs- und Privatleben widerfahren war - zu unrecht, wie seine Berufung an das Pettenkofer-Institut suggerieren soll. Während die Liebe zwischen dem Professor und seiner Frau im Film mehrfach idealisiert wird, um den Vorwurf eigennütziger Intentionen auszuschließen, wird Dr. Lang parallel mit dem Schicksal eines Säuglings konfrontiert, dessen Leben er mit allen Mitteln der Medizin zu retten versucht, dabei aber nicht verhindern kann, dass das kleine Mädchen schwere Nebenwirkungen am Gehirn erleidet. Hatten die Eltern ihn zuvor gebeten, alles für die Heilung des Kindes zu unternehmen, beknien sie ihn jetzt, dessen Leben ein Ende zu bereiten. Angesichts des elenden Zustands des Kindes überdenkt Dr. Lang seine Meinung.

Die Nationalsozialisten hatten 1940 begonnen, systematisch aus ihrer Sicht „unwertes Leben“ zu vernichten, da dieses dem propagierten Rassenideal nicht entsprach. Bis 1941 wurden ca. 70000 Behinderte und sonstige „unerwünschte Elemente“ in der „Aktion T4“ auf Basis von Gutachten in sogenannten „Euthanasie“ - Anstalten ermordet, bis der Unmut in der Bevölkerung wuchs. Offiziell wurde die Aktion daraufhin beendet, heimlich aber weiter geführt. An dieser Schnittstelle entstand „Ich klage an“, um eine positive Stimmung für das als „aktive Sterbehilfe“ verklausulierte Euthanasie-Programm zu erzeugen. Dem Film ist diese direkte Verbindung oberflächlich nicht anzumerken, denn Joseph Goebbels ließ die Urfassung ändern, um jeden politischen Bezug zu vermeiden. Die Gerichtsverhandlung wirkt fast absurd in der Abwesenheit nationalsozialistischer Insignien und geprägt von einer toleranten Haltung.

Auch ohne das Wissen über diese historischen Zusammenhänge – ganz konkret wird im Film eine Kommission zur Entscheidung über Sterbehilfe vorgeschlagen, da den Ärzten diese Verantwortung nicht zugemutet werden könnte – und trotz der unterschwelligen Manipulation entlarvt der Film unfreiwillig das dahinter stehende unmenschliche System. Es wird zwar viel von Liebe und Aufopferung geredet, aber immer nur im Zusammenhang mit einem funktionierenden, sinnvollen Leben. Schwäche, Krankheit, Behinderung oder Niedergang besitzen keinen Wert, sondern geben nur Anlass, den Menschen von seinem Leiden zu erlösen. Hier an zwei extremen, unheilbaren und einen allgemeinen Konsens anstrebenden Beispielen exerziert. Doch sowohl an der geänderten Haltung der Säuglings-Mutter, als auch an der Hilfestellung des Ehemanns bleibt die Rationalität haften, mit der die Entscheidung über den Wert eines Lebens abgewogen wurde. Intuitiv, verrückt, unlogisch oder bedingungslos – und damit schlicht menschlich – ist nichts in diesem kalten, berechnenden Film.

"Ich klage an" Deutschland 1941, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner, Eberhard Frowein, Hellmuth Unger (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Paul Hartmann, Mathias Wieman, Margarete Haagen, Albert Florath, Erich Ponto, Hans Nielsen, Laufzeit : 119 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Mittwoch, 24. April 2013

Kolberg (1945) Veit Harlan


Inhalt: 1813 – General Gneisenau (Horst Caspar) spricht bei König Friedrich Wilhelm III. (Claus Clausen) vor, um diesen aufzufordern, mit dem Volk gegen Napoleon zu ziehen. Dieser reagiert empört, da das Kriegshandwerk gelernt sein müsste, aber Gneisenau widerspricht ihm, denn die Verteidigung des Vaterlands sei eine Sache des Herzens. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Kolberg, das 1806/07 den französischen Truppen Paroli bot – nicht dank des Militärs, sondern dank der Opferbereitschaft seiner Bewohner.

Kolberg 1806 – der Bürgerrepräsentant Nettelbeck (Heinrich George) hatte erfahren, dass Napoleons Truppen Berlin besetzt hatten und macht sich Sorgen, hinsichtlich der Schicksals seiner Stadt. Doch bei dem Ortskommandanten Loucadou (Paul Wegener) stößt er mit seinen Hinweisen zur Lagerung des Vorrats nur auf taube Ohren. Loucadou glaubt nicht, dass Napoleons Einheiten bis Kolberg vorrücken und hält auch nichts von Leutnant Schills (Gustav Diessl) Maßnahmen hinsichtlich der militärischen Ausbildung der Bürger. Auf dessen Kritik über den Zustand der rostenden Kanonen, reagiert er nur mit Zurückweisung. Als Napoleon Kolberg schriftlich auffordert, sich ihm unterzuordnen, müssen die Bürger Farbe bekennen. Loucadou will sich ergeben, aber Nettelbeck will ihre Ehre bis zum Tode verteidigen…


Obwohl "Kolberg" nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nur noch einmal in die westdeutschen Kinos kam - 1965 mit integrierten Erläuterungen, die aber nicht verhinderten, dass der Film nach Protesten wieder abgesetzt wurde - und seitdem als "Vorbehaltsfilm" von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung nur zu wissenschaftlichen oder pädagogischen Zwecken gezeigt werden darf, existieren eine Vielzahl an Informationen über einen Film, der zur teuersten Produktion während der Zeit des Nationalsozialismus wurde. Schon 1942 beauftragte Propaganda-Minister Joseph Goebbels Regisseur Veit Harlan mit diesem Projekt, das er als psychologische Kriegsführung begriff. Basierend auf den historischen Fakten um die Rolle der alten Hansestadt Kolberg während des napoleonischen Feldzugs gegen Preußen 1806/1807 sollte eine Beispiel für den erfolgreichen Widerstand aufrechter Deutscher gegen eine feindliche Übermacht gegeben werden, für die dem Regisseur und dessen Mitstreiter Wolfgang Liebeneiner, Produktionschef der UFA, jedes notwendige Mittel zur Verfügung gestellt wurde.

Entsprechend legendär sind inzwischen die Zahlen, die um die Entstehung des Farbfilms kursieren, der 8,8 Millionen Reichsmark gekostet haben soll. Tausende Uniformen wurden aus den Theatern der besetzten Länder requiriert, ebenso viele Pferde organisiert und mehr als 100.000 Soldaten für die Massenszenen freigestellt, während die Wehrmacht gleichzeitig an allen Fronten zurückgedrängt wurde. In Kolberg selbst konnte nicht mehr gedreht werden, weil die Stadt parallel zu der Entstehung des Films schon von der russischen Armee eingenommen wurde (was von der Propaganda bewusst verschwiegen wurde), aber in Potsdam-Babelsberg wurden die Stadthäuser detailliert nachgebaut, um die verheerenden Schäden der Kanonenkugeln der französischen Armee zu demonstrieren, während nebenan die Häuser nach Luftangriffen der Alliierten brannten.

Joseph Goebbels soll erbost reagiert haben, als er die erste Fassung des Films zu Gesicht bekam, denn Harlan hatte die Gräuel des Krieges genau geschildert, hatte verschüttete Kinder, getötete Frauen und Schwerverletzte gezeigt, um den Heldenmut der Weiterkämpfenden noch mehr zu betonen. Doch Goebbels war bewusst, dass dieser Anblick demoralisierend auf Betrachter wirken musste, die täglich mit den Konsequenzen des Krieges konfrontiert wurden. Auch die Rolle des Claus Werner (Kurt Meisel), der sich als musisch veranlagter Mensch allen kriegerischen Aktionen verweigert, war Goebbels zu stark betont, weshalb Harlan erhebliche Schnitte an seiner Urfassung vornehmen musste, was in einigen Sequenzen zu seltsamen Sprüngen führte und vom Tod wichtiger Protagonisten nur aus Dialogen zu erfahren ist, deren Zustandekommen aber nicht gezeigt wurde.

Trotzdem entstand dank der zur Verfügung stehenden technischen und finanziellen Mittel und der Besetzung der Hauptrollen mit großartigen Mimen wie Heinrich George, Paul Wegener, Horst Caspar, Gustav Diessl und Otto Wernecke, sowie Harlans unvermeidlicher Ehefrau Kristina Söderbaum als blondem deutschen Mädel, ein höchst beeindruckender Film, der inszenatorisch und im geschickten Aufbau einer Story, die die dramatischen Ereignisse langsam steigert und keinen Moment Zeit zum Luftholen lässt, überzeugen kann. Besonders die Dialoge mit dem Bürgerrepräsentanten Nettelbeck (Heinrich George) sind von einer Raffinesse, gespickt mit ironischen, hintergründig manipulierenden Anspielungen, die dem ersten Eindruck eines patriotischen Durchhaltefilms eher widersprechen.

Zwar wurden dem Major Gneisenau (Horst Caspar) die Worte Goebbels, die er bei seiner Rede vom "Totalen Krieg" im Sportpalast benutzte, fast gleichlautend in den Mund gelegt, aber im Gesamtkontext des Films wirken diese Worte - zudem sehr zurückhaltend und eher elegisch von Caspar vorgetragen - nicht patriotischer als viele von us-amerikanischen Filmen gewohnte, meist von Pathos triefende Reden. Zudem werden sich diese damaligen Zusammenhänge dem heutigen Betrachtern kaum erschließen, weshalb sich häufig die Frage stellt, warum "Kolberg" nach wie vor nur stark eingeschränkt und begleitet von pädagogischen Maßnahmen angesehen werden darf ?


Historien- oder Propagandafilm?

„Kolberg“ schildert ein historisch verbürgtes Ereignis, das den Tagebuchaufzeichnungen des Bürgerrepräsentanten Nettelbeck, der diese nach dem Ende der französischen Belagerung autobiographisch veröffentlichte, nachempfunden wurde. Auch das Schauspiel „Kolberg“ des im 19.Jahrhundert sehr beliebten Schriftstellers Paul Heyse stand Pate für das Drehbuch, wurde aber im Film nicht erwähnt, da der Autor im 20.Jahrhundert stark an Reputation verloren hatte und über einen „nichtarischen“ Hintergrund verfügte.

Entsprechend nah an den damals beteiligten Persönlichkeiten sind auch die Rollen gestaltet. Der Ortskommandant Loucadou (Paul Wegener) glaubt nicht daran, dass Napoleon es für nötig hält, seine Truppen nach Kolberg zu schicken, nachdem dieser schon Preussens Hauptstadt Berlin besetzt hatte. Nettelbecks Vorschläge hinsichtlich der Lagerung der Vorräte weist er empört zurück, nur wenig an den Belangen der Bürger interessiert. Doch auch die Kritik von Leutnant Schill (Gustav Diessl), der zuvor schwerverletzt Kolberg erreichte, am Zustand seiner Soldaten und deren Ausrüstung, wird von ihm nicht ernst genommen. Als dieser mit Nettelbecks Hilfe versucht, die Bürger der Stadt auf einen militärischen Angriff vorzubereiten, reagiert Loucadou mit der abschätzigen Haltung eines Soldaten, der Zivilisten nicht dafür geeignet hält, im Ernstfall kämpfen zu können.

Diese negative Darstellung der Figur des Ortskommandanten basiert auf den Aufzeichnungen Nettelbecks und wird von Historikern inzwischen angezweifelt. Tatsächlich sollte Loucadou recht behalten mit seiner Einschätzung, dass Napoleon (Charles Schauten) nicht vorhatte, Kolberg anzugreifen, denn er forderte schriftlich die Unterordnung unter seine Herrschaft – eine damals übliche Vorgehensweise, um nicht unnötig Ressourcen an Mensch und Material zu gefährden. Nettelbeck stellt diese Forderung beim Rat der zehn führenden Bürger der Stadt zur Diskussion, ohne einen Zweifel an seiner Haltung aufkommen zu lassen, diese mit Vehemenz zurückweisen zu wollen - letztlich der Auslöser für die weiteren Ereignisse, denn erst darauf hin schickte Napoleon seine Armee, um die Stadt zu unterwerfen. Nettelbecks Unbeugsamkeit und seine persönliche Sichtweise der Abläufe, ließen im frühen 19.Jahrhundert erst die Legende um „Kolberg“ entstehen, die Viele in einer wenig heroischen Phase mit Stolz erfüllte – für Goebbels die ideale Vorlage für seine Intention.

Am Aufbau des Films bis zur Ablösung Loucadous durch den neuen Ortskommandanten Gneisenau (Horst Caspar), die von Nettelbeck betrieben wird, nachdem Loucadou ihn wegen Auflehnung verhaften ließ, werden die geschickten manipulatorischen Maßnahmen unter dem Deckmantel historischer Abläufe sichtbar. Anstatt nach knapp anderthalb Jahrhunderten und mit dem Wissen um das weitere Geschehen, die Haltung Nettelbecks neutraler zu betrachten, wird sie mit allen filmischen Mitteln noch unterstützt. Nicht nur Loucadou wird als ignoranter Feigling charakterisiert, Jeder, der zu verstehen gibt, mit der Unterwerfung unter Napoleon sein Hab und Gut schützen zu wollen – zudem nur von wohlhabenden Großbürgern geäußert - gilt als egoistischer Verräter. Eine objektive Abwägung zugunsten des Schutzes aller Einwohner lässt „Kolberg“ nicht entstehen, da der Tod als „freier deutscher Bürger“ dem Leben unter der Herrschaft eines fremden Despoten unwidersprochen vorgezogen wird.

Entscheidend für die eindeutige Ausrichtung des Films ist die Sprache Nettelbecks, kombiniert mit Heinrich Georges Verkörperung eines „Übervaters“, die ihre Wirkung in ihrer geschickten Argumentation und modernen Ausdrucksweise bis heute nicht verloren hat. Kein Hurra-Patriotismus oder militärischer Überschwang ist aus seinen Worten zu hören, sondern ein aus tiefer Fürsorge für die Bürger seiner Stadt erfüllter Pragmatismus, der vergessen lässt, dass seine Haltung erst den unnötigen Konflikt mit der französischen Armee hervorruft. Im Gegenteil wirkt Nettelbeck beinahe wie ein Freiheitskämpfer, der sich erst gegen Loucadou stellt, dann aber auch von Gneisenau Respekt einfordert, immer unter der selbstverständlichen Voraussetzung, dass er weiß, was am besten für seine Leute ist. In diesem Zusammenhang wird auch Joseph Goebbels Forderung verständlich, diverse Sterbeszenen und Kriegsverletzungen heraus zu schneiden, denn das hätte Nettelbecks Reputation als Beschützer deutlich geschwächt.

Unterstützt wird Nettelbeck von Kristina Söderbaum als Bauerntochter Maria Werner, die hier für jeden Frauentypus gleichzeitig steht – die blonde Unschuld vom Lande, die Geliebte des Soldaten, die tapfere Kämpferin und die aufopferungsvolle Bürgerin. Während eine Vielzahl unterschiedlicher Männerrollen die Szenerie beherrscht, kommen außer ihr nur wenige Frauen in kleinen Nebenrollen vor. Offensichtlich wollten die Macher jedes Opfer unter Unschuldigen vermeiden, weshalb sich die pausbäckige, aber immer frisch geschminkte Maria allen Widrigkeiten entgegen setzt, um dabei regelmäßig von den Herren als „Kleines Mädel“, „Fräuleinchen“ und „Frauenzimmerchen“ bezeichnet zu werden. Eine Einschätzung, der sie mit keckem Augenaufschlag und gespielt devotem Verhalten zu begegnen weiß – ein idealisiertes Frauenbild aus männlicher Perspektive und keine historisch authentische Gestalt.

So wie „Kolberg“ auf den entscheidenden historischen Zusammenhang bewusst verzichtete. Das Ende der Beschießung Kolbergs wird im Film einem Streit unter französischen Offizieren zugewiesen, verantwortlich dafür war aber der 1807 ausgerufene „Tilsiter Frieden“, der Napoleon alle Machtbefugnisse beließ und die Hochphase seiner Herrschaft einläutete. Letztlich blieb der Widerstand der Kolberger Bürger ohne Bedeutung für die politischen Konsequenzen, war ihr Opfer und die Zerstörung ihrer Stadt vergebens. Das verschweigt der Film, sondern erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Widerstands der Zivilbevölkerung gegen einen überlegenen Gegner aus der Sicht Gneisenaus, die er seinem König Friedrich Wilhelm III. (Claus Clausen) im Jahr 1813 vorträgt, um ihn zum Kampf gegen Napoleon zu motivieren. Vor dessen Fenster war schon das Volk versammelt, nur noch auf die Anweisungen des Königs wartend, womit der Film einen stellvertretenden Bezug zu den Menschen in Deutschland 1945 herstellte, die ebenfalls zum letzten Widerstand aufgefordert werden sollten.

Doch „Kolberg“ kam im März 1945 zu spät heraus und wurde in den wenigen noch nicht zerstörten Kinos trotz seiner überragenden Show-Werte nur spärlich besucht – im Gegensatz zu dem gleichzeitig laufenden, aber älteren Unterhaltungsfilm „Münchhausen“ (1943). Angesichts der damaligen Realität funktionierte die propagandistische Absicht nicht mehr, was die manipulatorische Wirkung aber nicht verringert. Im Gegenteil spielt „Kolberg“ geschickter auf der Klaviatur des „Heldenmuts“ und der „Opferbereitschaft“ als es die zeitgenössischen us-amerikanischen Filme können. Weniger plump und argumentativ geschickter verzichtet der Film auf ein übertriebenes Feindbild, sondern schildert die Franzosen neutral, ohne Ressentiments schüren zu müssen. Ähnlich wie in „Jud Süß“ (1940) ist es diese dramaturgische Qualität, verbunden mit einer beeindruckenden Bildsprache, die unterschwellig eine Wirkung erzeugt, die eine pädagogische Begleitung des Films auch heute noch sinnvoll erscheinen lässt – weder ist „Kolberg“ harmlose Unterhaltung, noch ein Historienfilm.

„Kolberg“ ist ein sehr gut erzählter, großartig gespielter und technisch überzeugend umgesetzter Film, der optisch beeindrucken kann, aber seine beabsichtigte emotionale Manipulation und die Zusammenhänge bei der Entstehung des Films zerstören diesen positiven Eindruck wieder.

"Kolberg" Deutschland 1945, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Veit Harlan, Alfred Braun, Thea von HarbouDarsteller : Heinrich George, Kristina Söderbaum, Horst Caspar, Gustav Diessl, Paul Wegener, Otto Wernicke, Paul Henckels,  Laufzeit : 104 Minuten


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