Posts mit dem Label Paul May werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paul May werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 18. Mai 2013

08/15 In der Heimat (1955) Paul May


Inhalt: 1945 - kurz vor dem Ende des 2.Weltkrieges. Die amerikanischen Truppen rücken immer weiter vor, während sich Leutnant Asch (Joachim Fuchsberger) mit seiner Einheit ebenfalls der Heimat nähert. Allerdings ohne militärische Systematik, denn das Land befindet sich längst im Chaos.

Überall versuchen sich die Menschen schon auf die neuen Zeiten einzustellen, entfernen Parteiabzeichen oder ziehen sich als Soldaten zivile Kleidungsstücke an. Einige versuchen auch noch von der Situation zu profitieren und scheuen sich dabei nicht, über Leichen zu gehen...


Herbert Asch (Joachim Fuchsberger), inzwischen zum Leutnant befördert, nähert sich mit seiner Einheit dem heimatlichen Stützpunkt. Allerdings kann von einem geordneten Rückzug nicht mehr die Rede sein, denn das Land befindet sich im Frühling 1945, kurz vor dem Ende des 2.Weltkrieges, in Auflösung. Während die amerikanischen Truppen, ohne noch auf großen Widerstand zu treffen, die einzelnen Ortschaften übernehmen und neue Organisationen aufbauen, versuchen sich die Deutschen auf diese Verhältnisse einzustellen. Alles was eine zu große Nähe zur nationalsozialistischen Partei beweisen könnte, wird hastig entfernt, während viele Soldaten versuchen an Zivilkleidung zu kommen, um so der Gefangenschaft zu entgehen.

"08/15 - In der Heimat" vermittelt diese Übergangsphase in einer Authentizität, wie sie im Film ähnlich nicht mehr zu sehen war. Bernhard Wickis "Die Brücke" (1959) konzentrierte sich auf das letzte sinnlose Gefecht kurz vor dem Ende des Krieges, in dem Jugendliche in politischer Verblendung zu einem Zeitpunkt geopfert wurden, als es längst geboten war, die Waffen niederzulegen. "08/15 – In der Heimat" verwendete dieses Motiv ebenfalls, aber als ein Ereignis von vielen, weshalb der sinnlose Tod zweier Hitlerjungen an Prägnanz verliert. Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) beschäftigte sich mit der unmittelbaren Phase nach dem Krieg. Die Verdrängung der eigenen Vergangenheit spielte hier eine entscheidende Rolle und damit die Problematik, Schuldige zur Verantwortung zu ziehen, aber das totale Chaos wie es hier gezeigt wurde, war schon wieder einer gewissen Ordnung gewichen.

Nicht nur inhaltlich, auch inszenatorisch verließ der dritte Teil die gewohnte Ordnung. Erstmals findet die Story nicht mehr innerhalb militärischer Einheiten statt, denn die Soldaten sind nur noch auf sich allein gestellt. Stattdessen bestimmen zwei Kriegsverbrecher die Handlung. Oberst Hauk (Hannes Schiel) und sein Adjutant Oberleutnant Greifer (Michael Janisch), bei denen es sich in Wirklichkeit um Vertreter des Sicherheitsdienstes der SS handelt, haben sich fälschlicherweise Wehrmachts-Uniformen angezogen, um sich diverse Reichtümer anzueignen. Sie nutzen die allgemeine Verunsicherung und scheuen bei ihren Unternehmungen weder Folter noch Mord. Asch durchschaut schnell ihre wahren Beweggründe und macht sich zusammen mit Kowalski (Peter Carsten) auf die Verfolgung.

Während in „08/15 – zweiter Teil“ ein von der Berliner Zentrale geschickter Hauptmann für die "böse Tat" (in diesem Fall ein Angriff auf russische Soldaten) zuständig war, ist Kirst hier in der Schuldzuweisung noch rigoroser. Die negative Darstellung der SS-Sturmbannführer, die es zudem wagten, Armee-Uniformen anzuziehen, steht stellvertretend für deren alleinige Schuld an den Kriegsverbrechen. Auch die weiteren hier geschilderten rücksichtslosen Maßnahmen an der „Heimatfront“, haben mit dem tapfer kämpfenden Landser nichts zu tun - Todesstrafen für geringe Vergehen wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung, alte Männer und Kinder, die in ein letztes Gefecht geschickt werden, nur weil einige wenige Verblendete immer noch an den Sieg glauben, während sich die Zivilbevölkerung genauso schnell an die Brust der Besatzer schmeißt, wie sie sich von ihren bisherigen politischen Überzeugungen verabschiedet.

Die Soldaten werden dagegen erneut zu "Opfern" der Umstände, denn Asch und seine Kameraden verhalten sich weit weniger flexibel, geraten in Gefangenschaft und müssen hilflos zusehen, wie schnell sich ihre Landsleute an die neuen Verhältnisse anpassen. Zum Schluss tritt Asch, unfreiwilliger Held der drei „08/15“ – Filme, als unerwünscht ab, womit Kirst das Lebensgefühl vieler ehemaliger Soldaten traf, die teilweise erst wenige Jahre zuvor aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten, während die junge Bundesrepublik schon ihr Wirtschaftwunder erlebte. Damit wagte sich Kirst zwar erneut weit vor, hinterlässt im dritten Teil aber trotzdem den zwiespältigsten Eindruck.

Bisherige Konstanten, die in den zwei ersten Teilen von Bedeutung waren, wurden im abschließenden Teil nicht mehr aufgegriffen. Aschs Ehefrau, die dieser im zweiten Teil betrogen hatte (eine für die damalige Zeit bemerkenswerte Konsequenz) - und damit auch ihr gemeinsames Kind – existieren hier nicht mehr. Auch Aschs Schwester Ingrid, die mit ihrer BDM-Begeisterung für das nationalsozialistische Element in den ersten beiden Teilen sorgte und als Geliebte der tragischen Figur Vierbein versagte, wurde thematisch fallen gelassen. Selbst beim Wiedersehen Aschs mit seinem Vater finden sie keine Erwähnung mehr. Dieser Bruch in der sonst konsequent eingehaltenen Kontinuität der drei Filme - selbst O.E.Hasse spielt als Oberbefehlshaber hier wieder eine wichtige Rolle -  verdeutlicht, dass Aschs moralisches Verhalten in „08/15 – zweiter Teil“ der Erwartung an eine Identifikationsfigur nicht entsprochen hatte, weshalb er hier wieder zum Junggesellen wurde. Entsprechend unverkrampft kann er sich gegenüber einem Offiziersliebchen (Renate Ewert) verhalten, die er ungeniert mitnimmt - einem allein stehenden Mann ließ man diesen Flirt durchgehen.

Auch der generelle Fatalismus, der für „08/15 – zweiter Teil“ signifikant war, lässt sich in „08/15 – In der Heimat“ nicht mehr feststellen. Hinterließen die Soldaten im russischen Winter noch einen demoralisierten und ungepflegten Eindruck, tritt Leutnant Asch hier wieder adrett mit vorbildlicher Frisur auf und selbst Kowalski zeigt sich frisch rasiert. Bedenkt man, dass sie seit sechs Jahren in einem Krieg kämpfen, dessen Niederlage sich schon lange abzeichnete, ist ihnen das weder psychisch noch physisch anzumerken. Offensichtlich ging „08/15 –zweiter Teil“ für das damalige Empfinden zu weit in der Beschreibung des Verlusts jeder soldatischer Disziplin, denn obwohl „08/15 – In der Heimat“ den Niedergang Deutschlands noch steigerte und von strukturierten militärischen Aktionen nicht mehr die Rede sein konnte, hinterlassen die Wehrmachtssoldaten hier einen psychisch und physisch deutlich besseren Eindruck.

Durch die enge Verzahnung mit dem Zivilleben in Deutschland - in den ersten beiden Teilen fand die Handlung fast ausschließlich innerhalb des Militärs statt -  wird im letzten Teil der Trilogie erst offensichtlich, dass kontroverse Themen wie die Existenz von Konzentrationslagern - und damit die gezielte Verfolgung von Juden und politisch anders Denkender – vollständig ausgespart wurden, womit der Film die in den 50er Jahren noch verbreitete Haltung betonte, der "Durchschnittsbürger" hätte davon nichts bemerkt. Betrachtet man die Gestaltung der Identifikationsfigur Asch, dessen Intelligenz im Umgang mit seinen Vorgesetzten und sein frühes Durchschauen der Nationalsozialisten, lässt sich diese Behauptung nicht aufrecht erhalten. Kirst und Regisseur Paul May deshalb Verharmlosung vorzuwerfen, fällt schwer, denn „08/15 – In der Heimat“ ist in vielen Details erstaunlich kritisch, die Abschwächungen und Kompromisse, besonders hinsichtlich der Konsequenzen nach dem 2.Teil, verdeutlichen aber auch, bis zu welchem Punkt das Publikum damals bereit war, in dieser Hinsicht mitzugehen. 

"08/15 In der Heimat" Deutschland 1955, Regie: Paul May, Drehbuch: Ernst Von Salomon, Hans Hellmut Kirst (Roman)Darsteller : Joachim Fuchsberger, O.E.Hasse, Hans Christian Blech, Gustav Knuth, Emmerich Schrenk, Helen Vita, Renate Ewert, Mario Adorf, Laufzeit : 92 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Paul May:

Sonntag, 7. April 2013

08/15 - zweiter Teil (1955) Paul May


Inhalt: 1941, mitten im Winter an der Ostfront. Die russischen und deutschen Linien stehen sich in einem Grabenkampf gegenüber, der bei deutlichen Minusgraden regelrecht eingefroren scheint.

Während Kampfhandlungen gar nicht mehr stattfinden, hat es sich die 3.Batterie, in der Herbert Asch (Joachim Fuchsberger) als Wachtmeister dient, eingerichtet. Die Kameraden kümmern sich mehr um ihre Verpflegung und weibliche Truppenbetreuung als um Heldentaten. Auch Oberstleutnant Von Plönnies (O.E.Hasse) sieht keinen Grund, Irgendeinen seiner Soldaten für einen unsinnigen Kampf zu opfern. Doch das ändert sich schlagartig als Hauptmann Witterer (Robert Kutschera) Aschs Einheit übernimmt...


"Scheiß Krieg!" - Unter diesem gemeinsamen Nenner könnte man den zweiten Teil der "08/15"-Trilogie problemlos zusammenfassen. Und es ist davon auszugehen, dass damit jedem Betrachter (oder Leser) aus dem Herzen gesprochen wurde.

Kirst versetzt die Einheit mit den im ersten Teil „08/15“ (1954) bekannt gewordenen Darstellern an den unwirtlichsten Ort, den man sich vorstellen kann - an die Ostfront im eisigen Winter 1941. Asch (Joachim Fuchsberger) wurde inzwischen zum Wachtmeister (Feldwebel) befördert und kann seine Meinung damit noch besser durchsetzen. Auch seine Freunde Vierbein (Paul Bösiger) und Koslowski (Peter Carsten) teilen sein Schicksal, während einzig der schon in Teil 1 durch seine mit Unfähigkeit gepaarte Selbstüberschätzung aufgefallene Hauptfeldwebel (inzwischen Oberleutnant) Schulz (Emmerich Schrenk) in der Heimat geblieben ist, um als Ausbilder für soldatischen Nachschub zu sorgen.

Betrachtet man die Art wie Kirst hier den Krieg beschreibt, überrascht die Vermeidung jeglicher Heldenverklärung. "08/15 - Zweiter Teil" verfügt nahezu prototypisch über die Konsequenz eines Anti-Kriegfilms. Die Soldaten, die sich in einem sinnlosen Grabenkrieg inmitten des russischen Winters befinden, haben jegliche Lust am Kampf verloren. Auch Oberstleutnant von Plönnies (O.E.Hasse) sieht keinen Sinn mehr darin, seine Leute für irgendwelche waghalsigen Unternehmen zu opfern, sondern überlegt viel mehr, wie sie sich aus ihrer jetzigen Position wieder in eine sicherere Stellung zurückziehen können.

Den Männern an der Front ist jede soldatische Attitüde verloren gegangen. Während Von Plönnies mit geöffnetem Revers am liebsten französischen Chansons lauscht, beschäftigen sich Asch und seine Batterie mit einer ausgewogenen Ernährung, für die sich vor allem der ehemalige Schleifer aus „08/15“, Wachtmeister Platzek (Hans Christian Blech), als ausgezeichneter Organisator bewährt. Körperpflege und korrekte Uniformen haben ebenso an Bedeutung verloren, wie kein böses Wort über den Feind von ihnen zu hören ist. Im Gegenteil überlegt in einer späteren Szene Von Plönnies, dass er als Befehlshaber der Gegenseite in einer solchen Situation hätte Schießen lassen. Als in diesem Moment tatsächlich Schüsse zu hören sind, sieht man einen kurzen Moment der Anerkennung auf seinem Gesicht.

Spannung kommt in dieser "geschlossene Gesellschaft" erst auf, als ein neuer Hauptmann die Batterie übernehmen soll. Kirst will mit der Figur des Hauptmanns Witterer (Rolf Kutschera), der den Frontsoldaten von Berlin aus aufgedrückt wurde, die Diskrepanz zwischen den kämpfenden Truppen und den daheim gebliebenen Theoretikern betonen, die noch Flausen von der Weltherrschaft im Kopf haben und daran interessiert sind, einen Orden an die Brust geheftet zu bekommen.

Den Unterschied zwischen der Realität an der Front und einer von der Propaganda beeinflussten Illusion in Deutschland, lässt Kirst mit einer Nebenstory deutlich werden, in der Unteroffizier Vierbein in seine Heimat-Kaserne geschickt wird, um Nachschub für die Fernmelder zu organisieren. Man könnte meinen, dass Vierbein inzwischen über ausreichend Reputation verfügt, aber zu Hause gerät er wieder in die Opferrolle. Weder kann es Oberleutnant Schulz unterlassen, ihn erneut (wie in „08/15“ gezeigt) zu schikanieren, noch ist die von ihm geliebte Ingrid in der Lage, sensibel auf den Heimkehrer zu reagieren. In Deutschland läuft alles noch im alten Trott und angesichts der Realität in Russland, wirkt diese Geschäftigkeit nur lächerlich. Es erstaunt nicht, dass Vierbein so schnell wie möglich wieder zu seinen Kameraden in den russischen Winter zurück will. Damit betont Kirst noch stärker als im ersten Teil die Opferrolle der Soldaten, die in „08/15 – zweiter Teil“ wiederholt als Menschenmaterial oder Kanonenfutter bezeichnet werden.

Nicht nur die lakonische, unheroische Schilderung der Situation an der Front war 1955 für einen populären Film überraschend, auch die ungeschönt gezeigte Moral der Soldaten widersprach der damals üblichen Meinung. Schon in „08/15“ machte Kirst kein Geheimnis aus deren offenkundiger Promiskuität, hier ging er noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass sich die Offiziere bewusst ihre Liebschaften organisierten (was dem unsympathischen Hauptmann Witterer nichts nützt), sondern auch für die Mannschaft war es selbstverständlich, dass jede Gelegenheit zum Sex genutzt wurde. Die Szene, in der drei Damen zum Vergnügen der Soldaten auf der Bühne tanzen und singen, ähnelt dem Ende von Kubricks "Wege zum Ruhm" (1957), nur das Kirst auch noch die Selbstverständlichkeit schildert, mit der die Aktricen danach den Soldaten zur Verfügung stehen, die sich als Erste darum bewerben.

Darin wird auch die Veränderung in der Rolle des Asch deutlich, der in „08/15 – zweiter Teil“ weniger im Mittelpunkt steht. Während Fuchsberger in "08/15" noch den Helden gab, der auch soldatisch viel drauf hatte, überzeugt er an der Front vor allem mit Widerspruchsgeist. Besonders auffällig ist an seiner Rolle, dass er sich moralisch nicht mehr von seiner Umgebung abhebt. Obwohl der Film zu Beginn noch seine Frau Lisa zeigt, die ihr gemeinsames Kind im Kinderwagen spazieren fährt, ist Asch einer der Ersten, der einer anderen Frau in die Arme fällt. Diese ungeschminkte Darstellung stand im Widerspruch zur üblichen Form der Charakterisierung eines Hauptdarstellers und verdeutlicht Kirsts Mut zu Authentizität.

Das "08/15 - Zweiter Teil" nie den Einzug in die Reihe der "Anti-Kriegsfilme" fand, ist angesichts einer Inszenierung, die nur wenige völlig unheroische Kampfhandlungen zeigt und stattdessen die Sinnlosigkeit des Krieges demonstriert, erstaunlich. Dazu beigetragen hat sicherlich die zeitgenössische Kritik, die vor allem den komödiantischen Charakter des Films hervorhob, welcher durch das ernste Ende nicht genügend aufgehoben worden wäre. Das viele Szenen damals als vulgär angesehen wurden, ist dem Zeitgeist geschuldet, der das dort geschilderte Verhalten der Soldaten nur so einordnen wollte, anstatt es als real zu akzeptieren. Denn im Gegensatz zum ersten Teil vermitteln diese Szenen keinen Witz oder "Abenteuerlust", sondern den Versuch, die Umgebung und die eigene Situation irgendwie zu verdrängen. Erst die Absurdität, mit der hier das Leben der Soldaten an der Ostfront geschildert wird, lässt die Unwirklichkeit und damit die Diskrepanz zu den politisch formulierten Zielen deutlich werden.

Einzig die fehlende Selbstkritik der Armee, nimmt dem Film einiges seiner verdienten Reputation. Wie schon in „08/15“ wird die Haltung der Wehrmacht weit entfernt vom Nationalsozialismus und dessen Ideen angesiedelt. Der gesamte Krieg scheint für beinahe jeden Armeeangehörigen von Beginn an ein wahnsinniges und sinnloses Unterfangen gewesen zu sein, zu dem sie gezwungen worden sind. Trotz dieser offensichtlichen Verharmlosung, die selbstverständlich auch kein Kriegsverbrechen der Wehrmacht erwähnt, wurde "08/15 - Zweiter Teil" ein erstaunlich mutiger Film seiner Zeit.

"08/15 - zweiter Teil" Deutschland 1955, Regie: Paul May, Drehbuch: Ernst Von Salomon, Hans Hellmut Kirst (Roman)Darsteller : Joachim Fuchsberger, Paul Bösiger, O.E.Hasse, Hans Christian Blech, Rolf Kutschera, Helen Vita, Mario Adorf, Laufzeit : 104 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Paul May:

Mittwoch, 20. März 2013

08/15 (1954) Paul May


Inhalt: Sommer 1939 – der Gefreite Asch (Joachim Fuchsberger) und der Kanonier Vierbein (Paul Bösiger) leisten gemeinsam ihren Wehrdienst ab. Während Asch gut mit dem täglichen Drill zurecht kommt und auch immer wieder Zeit findet, sich den Liebesdingen außerhalb der Kaserne zu widmen, vergeht kein Tag, an dem Vierbein nicht gnadenlos schikaniert wird. Der musisch veranlagte, wenig sportliche junge Mann eignet sich als Opfer für seine Vorgesetzten, die selbst gerne Weib, Alkohol und Gesang frönen, um gleichzeitig von ihren Untergebenen eiserne Disziplin einzufordern.

Als Vierbein brutal zusammen geschlagen wird, reicht es Asch mit den Methoden der Unteroffiziere und er ersinnt einen Plan, diese gegeneinander auszuspielen…


Angesichts der Tatsache, dass sowohl die Romanvorlage von Hans Hellmut Kirst als auch der Film 1954 ein großer Publikumserfolg waren, ist davon auszugehen, dass es sich dabei um ein aus heutiger Sicht eher unkritisches Werk handelt. Betrachtet man allerdings die erhebliche Aufregung, die Kirsts Buch neun Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs verursachte, wird offensichtlich, dass er damit den Nerv seiner Zeit traf. Auch wenn der Begriff „08/15“ ein Maschinengewehr aus der Zeit des 1.Weltkrieges bezeichnete und in der Armee als Synonym für „üblich“ und später „veraltet“ schon lange im Gebrauch war, so ist es dem Film und der Buchvorlage zu verdanken, dass er in den allgemeinen Sprachgebrauch Einzug fand. Ein überzeugenderes Argument für die damalige Bedeutung ist nur schwerlich zu finden.

Als ehemaliger Wehrmachts-Offizier und Lehrer für Kriegsgeschichte verbrachte Kirst nach dem Krieg neun Monate lang in einem amerikanischen Internierungslager, von wo er als „unbelastet“ entlassen wurde. Franz-Josef Strauss warf ihm damals vor, ein Anhänger des Nationalsozialismus gewesen zu sein, und rief 1954 zum Boykott gegen dessen Roman auf. Der Grund lag aber keineswegs in Kirsts Vergangenheit, sondern weil sich dieser mit seiner Trilogie gegen die Wiedereinführung einer deutschen Armee aussprach und sich damit gegen Bundeskanzler Adenauer und dessen Verteidigungsminister Strauss stellte. Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass die unterschiedlichen Haltungen - angesichts der damals noch sehr gegenwärtigen Vergangenheit - nicht eindeutig parteipolitisch zugeordnet werden konnten.

Ob die „08/15“ – Trilogie ernsthaft als Gegenargumentation für eine militärische Aufrüstung in Deutschland hinzugezogen wurde, darf zumindest angesichts des Films bezweifelt werden. Zu schmal ist der Grat zwischen Kritik und Faszination an der Armee, als das damit eine eindeutige Ablehnung hätte hervorgerufen werden können. Aber konnte man das von einem langjährigen Soldaten, der ein Buch für eine Bevölkerung geschrieben hatte, deren männlicher Teil selbst größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand, wirklich erwarten? – Das die seriöse Kritik Film und Buch als „trivial“ ablehnten (und damit für eine bis heute gültige Einordnung sorgten), kann nicht als Argument dafür herhalten, dass das damals sehr konservative Feuilleton sich etwa an der mangelnden Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus störte. Viel mehr wurde der umgangssprachliche und plakative Stil kritisiert, der den Film aus heutiger Sicht erst für die Analyse interessant macht und der in seiner Zeit die Massenbegeisterung auslöste.

„08/15“ besitzt einerseits eine Authentizität im Hinblick auf die damalige menschliche Psyche, die selbst durch einen bestens recherchierten Dokumentarfilm nicht mehr so direkt vermittelt werden kann, andererseits - durch seinen fast völligen Verzicht auf den politischen Hintergrund des Nationalsozialismus - eine Allgemeingültigkeit der Beschreibung der inneren Abläufe einer Armee, die bis in die Gegenwart reicht. Dass die zeitgenössische Filmkritik den vulgären Charakter kritisierte, der den Spaß an der Armee betont hätte, mag Mitte der 50er Jahre gerechtfertigt gewesen sein. Heute wirken die Saufgelage und grölend gesungenen Lieder eher abstoßend. Kaum vorstellbar, dass ein junger Mann angesichts des dort gezeigten Treibens, Lust auf das „Abenteuer“ Armee bekommen hätte.

Im Gegenteil besteht heute sicherlich eine höhere Identifikation mit dem sensiblen, musisch veranlagten Kanonier Vierbein (Paul Bösiger), der in „08/15“ als Opfer herhalten muss, und durch die anhaltenden Schikanen beinahe in den Selbstmord getrieben wird. Kirst wollte mit dieser Figur die menschenverachtende und rücksichtslose Seite der Armee demonstrieren, aber an Hand des eigentlichen Helden, Gefreiter Asch (Joachim Fuchsberger), wird seine wirkliche Intention deutlich. Dieser ist zwar ein Freigeist, der dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber steht, aber auch ein besonders guter Soldat. Seine trickreiche Rache an diversen Vorgesetzten erfüllt eher den Komödiencharakter des Films, denn so geschickt er hier auch agiert, wäre er an wirklich hart agierenden Vorgesetzten gescheitert. Letztlich vermittelt „08/15“ keine umfassende Kritik an der Armee, sondern nur an der Inkompetenz und Unmenschlichkeit einiger seiner Mitglieder. Die höchsten Offiziere – hier in Persona des Major Luschke (Wilfried Seyferth) – verhalten sich dagegen immer in der Sache menschlich angemessen und souverän.

Aus heutiger Sicht wirkt „08/15“ verharmlosend. Die Wehrmacht hatte scheinbar mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun und wurde von verantwortlichen Männern geleitet, die auch in der Lage waren, interne Probleme zu lösen. Negative Auswüchse lagen immer nur in der Schuld Einzelner. Doch damit erfasst man nicht Kirsts Leistung, dessen Roman nicht ohne Grund von fast sämtlichen einflussreichen Stellen vehement abgelehnt wurde. Kirst nimmt hier die Position des „kleinen Mannes“ ein, indem er aus der Sicht eines Gefreiten eine Armeezeit schildert, die sicherlich Vielen aus dem Herzen gesprochen hat.

Trotz dieser wenig kritischen Sichtweise, die den niederrangigen Soldaten als Opfer der „Umstände“ stilisiert, überraschen doch viele provokante Details. In seinen besten Momenten, wenn der Film etwa dem schreienden Wachtmeister (Feldwebel) Platzek (Hans-Christian Blech) aufs Maul schaut, nimmt „08/15“ schon Bilder aus Kubricks „Full Metal Jacket“ vorweg. Die Szenen in der Unteroffizierkantine sind in ihrer rohen Vulgarität auch kein Ruhmesblatt für die Armee und die offenkundige Promiskuität, die sämtliche Beteiligten an den Tag legen, haben nichts von dem moralischen Anstand, der auch in der jungen Bundesrepublik noch lange gepredigt wurde. Auch zurückblickend erstaunt die Direktheit, mit der hier Sexualität - auch von weiblicher Seite her - eingefordert und gestattet wird.


Die wenigen Hinweise auf die politischen Verhältnisse (nur Aschs Schwester Ingrid darf als Mitglied des BDM ihre geistige Verwirrtheit bezeugen) lassen sich durch die Konzentration der Handlung auf den Kasernenhof im 1.Teil der Trilogie verkraften. Erst durch das Heraustreten aus dieser geschlossenen Anlage, wird in Teil 2 („08/15 – Zweiter Teil“, 1955) und 3 („08/15  In der Heimat“, 1955) zunehmend deutlicher, wie wenig der populäre Film 1954 in der Lage war, sich den schrecklichen Hinterlassenschaften der Nazi-Diktatur zu widmen.

„08/15“ hat es deshalb zurecht auf keine Liste der Anti-Kriegsfilme oder gar der Filme geschafft, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, aber man sollte seine Funktion trotzdem nicht unterschätzen. Mehr als über die Zeit, zu der die Handlung spielt (sie endet mit dem Beginn des 2.Weltkrieges am 01.09.1939), sagt der Film etwas über das Befinden der Deutschen Mitte der 50er Jahre aus, über ihre Haltung und (mangelnde) Fähigkeit zur Verarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit. Und auch über die Qualität der Diskussion, die zur Wiedereinführung einer deutschen Armee führte. Mit einem engagierten Werk wie Wickis „Die Brücke“ (1959) kann „08/15“ nicht mithalten, aber es ist in seiner Popularität näher an den tatsächlichen Empfindungen in Deutschland.

"08/15" Deutschland 1954, Regie: Paul May, Drehbuch: Paul May, Ernst Von Salomon, Hans Hellmut Kirst (Roman)Darsteller : Joachim Fuchsberger, Paul Bösiger, Helen Vita, Hans Christian Blech, Mario AdorfLaufzeit : 103 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Paul May: