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Donnerstag, 1. Oktober 2015

Geständnis einer Sechzehnjährigen (1961) Georg Tressler

Inhalt: Für die 16jährige Jutta (Barbara Frey) bricht eine Welt zusammen, als sie von dem Verhältnis ihrer Mutter (Nina Sandt) zu dem Diplomaten George Romanescu (Ivan Desny) erfährt. Auch ihr Vater (Wolfgang Preiss) weiß davon, glaubt aber, dass die Affäre beendet sei. Als Jutta ihre Mutter daraufhin anspricht, bestätigt diese das vorläufige Ende ihrer Beziehung. Bis sie feststellte, dass ihr Mann weiter seinen außerehelichen Liebschaften nachging. Eine Begründung, die Jutta nicht glauben kann, da sie überzeugt davon ist, dass ihr geliebter Vater treu war.

Nach der Schule wartet zum wiederholten Male Hans (Michael Hinz) auf sie, der sie unbedingt näher kennenlernen will. Jutta ist sein Drängen zu viel, aber seine Hartnäckigkeit bricht langsam ihren Widerstand und sie verbringt den Nachmittag mit ihm. Hans ist der Sohn getrennter Eltern, die ihn bei seinem Onkel in Deutschland wohnen lassen. Als Jutta ihm von den Eheproblemen ihrer Eltern erzählt, an denen aus ihrer Sicht allein der Liebhaber ihrer Mutter die Schuld trägt, rät er ihr, einen anonymen Brief an ihren Vater zu schreiben, um ihn über die wieder aufgenommene Affäre zu informieren…

Mit "Geständnis einer Sechzehnjährigen" kam Regisseur Georg Tressler scheinbar noch einmal auf seine "Halbstarken" - Vergangenheit zurück, mit dem er, gemeinsam mit Will Tremper, den "Moral-Film" der späten 50er Jahre initiierte. Der gleichnamige Roman des Schweizer Schriftstellers Robert Pilchowski (kein Pseudonym von Hans Habe, wie in einigen Quellen fälschlich angegeben wurde) von 1956, atmete noch den Geist der damaligen Furcht vor dem moralischen Verfall.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn schon bei den "Halbstarken" ließ Tressler sich nicht vor den Zug des pädagogischen Zeigefingers spannen und machte aus "Geständnis einer Sechzehnjährigen" ein düsteres Abbild der noch jungen BRD, dass wie andere leider wenig bekannte Filme dieser Zeit schon lange auf DVD vorliegt.







"Ich schrieb es nicht, um zu moralisieren, sondern um darzulegen, wie ernst Kinder zu nehmen sind. Es ist besser, ihnen harte Wahrheiten zuzumuten, als sie mit sanften Lügen zu betrügen."

Die Mutter (Nina Sandt)
sagte der Schweizer Autor Robert Pilchowski über sein Buch "Geständnis einer Sechzehnjährigen", das 1956 in der BRD erschienen war. Fälschlicherweise wird der Roman in unterschiedlichen Quellen (darunter auch die Imdb) dem Schriftsteller und Journalisten Hans Habe untergeschoben - als ob der sechsmal verheiratete Intellektuelle sich den Problemen von Ehescheidungen angenommen hätte, die auf Grund der soziokulturellen Veränderungen in den 50er Jahren langsam zunahmen. Dagegen war die Thematik für Pilchowski von besonderer Bedeutung, wie schon sein 1951 erschienener Roman "Daddy und Do" (verfilmt unter dem Titel "Ein Leben für Do" (1953)) zeigte, der sich ebenfalls mit einer Scheidung aus der Sicht eines Kindes auseinandersetzte. Der Text des herausgebenden Verlags brachte es entsprechend auf den Punkt:

„So wird das Tagebuch (der Sechzehnjährigen) zu einem schonungslosen Spiegel, den der Kommissar den Eltern vorhält. Waren sie noch vor wenigen Stunden bereit, die Verantwortung für das tragische Geschehen dem anderen zuzuschieben, müssen sie jetzt erkennen, wie schwer die eigene Schuld wiegt.“

Der Vater (Wolfgang Preuss)
Bei dem „tragischen Geschehen“ handelt es sich um den Mord an dem Geliebten der Mutter der Sechzehnjährigen, den das Mädchen gleich zu Beginn des Buchs einem Kommissar gesteht. Dieser kann sich angesichts des „kindlich reinen Geschöpfs“ (Verlagstext) die Tat nicht vorstellen. Dank des Tagebuchs der Sechzehnjährigen stellt es sich heraus, dass es sich um ein Unglück „durch eine Verkettung tragischer Umstände“ handelte, für das moralisch die Eltern mit ihrem „Betrug und ihren Lügen“ verantwortlich gemacht werden.

Die Tochter (Barbara Frey)
Idealer Stoff für den Typus „Moralfilm“ mit seiner klaren Warnung vor dem moralischen Verfall, wie er Ende der 50er Jahre Hochkonjunktur hatte, als sich die sozialen Veränderungen auf Grund des Wirtschaftswunders und der sich wandelnden Geschlechterrollen zunehmend bemerkbar machten. Dass hier das Verhalten der Erwachsenen-Generation in der Kritik stand, war kein Widerspruch, da auch die Inhalte der Jugendfilme immer als Reaktion auf ihre Eltern zu verstehen waren. Autor Pilchowski hatte zuvor schon mit seiner Vorlage für den Veit Harlan-Film „Anders als du und ich (§175)“ (1957) seine Eignung für moralische Aufklärung bewiesen, weshalb „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ mit einschlägig erfahrenen Darstellern wie Wolfgang Preiss („Ich war ihm hörig“, 1958) und Ivan Desny („Alle Sünden dieser Erde“, 1958) ganz der angestrebten Richtung entsprach.

Szenen einer Ehe
Das galt auch für die Besetzung von Michael Hinz („Und sowas nennt sich Leben“, 1961) und Barbara Frey in den Rollen der jugendlichen Protagonisten. Frey hatte im Jahr zuvor in „Und keiner schämte sich“ (1960) schon ein Scheidungskind gespielt und erlebte ihr Debut in „Endstation Liebe“ (1958) unter der Regie Georg Tresslers, der mit „Die Halbstarken“ (1956) den Auslöser für die Moralfilme abgeliefert und 1957 in der Otto-Dürer-Produktion „Unter 18“ ein weiteres Mal sein Einfühlungsvermögen für die Belange der Jugend in der Nachkriegszeit bewiesen hatte. Vielleicht der Grund für Otto Dürer, ihn erneut als Regisseur zu verpflichten, dabei übersehend, dass sich Tressler in seinen Filmen nie den warnenden Gestus typischer Moral-Filme aneignete. Im Gegenteil hatten er und Will Tremper in ihren zwei gemeinsamen Filmen „Die Halbstarken“ und „Endstation Liebe“ die ambivalente Situation der Jugendlichen zwischen konservativer Moral und einer sich unaufhaltsam verändernden deutschen Nachkriegsgesellschaft realistisch und ohne erhobenen Zeigefinger beschrieben.

Auch Tresslers Film „Das Totenschiff“ (1959) zeichnete sich vor allem durch seinen pessimistischen Blick auf die menschliche Sozialisation aus. Positiv stimulierende Zukunftsaussichten waren von ihm kaum zu erwarten, wie sie der herausgebende Verlag angesichts der Buchvorlage noch für möglich hielt:

„Dass es sich nicht um einen Mord, sondern um einen Unglücksfall handelt, entlastet die Eltern nicht, lässt ihnen aber die Hoffnung, das verloren gegangene Vertrauen ihres Kindes wieder zurückzugewinnen.“

Der Liebhaber (Ivan Desny)
So eindeutig die Botschaft des Buches, so indifferent zwischen konservativer Warnung und desillusionierter Zustandsbeschreibung wurde das filmische Ergebnis. Im Moral-Film war die geografische und soziale Verortung von besonderer Bedeutung, da er oft an Brennpunkten wie Berlin (West) oder im Ruhrgebiet spielte. Obwohl die Außenaufnahmen der österreichischen Produktion in Wien stattfanden, verzichtete Tressler auf  diesen Bezug und siedelte die Handlung in Deutschland an. Diesen generelleren Ansatz nutzte der Regisseur für die Konzentration auf eine kleine Gruppe, deren inneren Zustand er gleich zu Beginn bei der Dinner-Party im Haus von Juttas wohlhabenden Eltern offenbarte: der Vater (Wolfgang Preiss), angesehener Geschäftsmann, die Mutter (Nina Sandt), attraktive Ehefrau und Gastgeberin, ihr Liebhaber (Ivan Desny) und die offensichtlich am Vater interessierte Frau (Senta Wengraf) eines Kollegen – einzig Jutta (Barbara Frey) glaubt noch an das Funktionieren der Ehe ihrer Eltern.

Die zukünftige Frau (Senta Wengraf)
Nur kann man diesen daraus keinen Vorwurf machen, da sie ihr angespanntes Verhältnis offen gegenüber ihrer Tochter kommunizieren, sogar über die rechtlichen Konsequenzen einer Scheidung mit ihr sprechen. Trotz ihrer Entfremdung bewahren sie einen disziplinierten Umgang – nur einmal brechen die inneren Gefühle aus ihnen heraus, als sie ihm zu verstehen gibt, dass ihr Geliebter gewusst hätte, wie man mit Frauen umgeht, und er sie daraufhin ohrfeigt. Doch Jutta, die die Schuld an dem Zerwürfnis allein ihrer Mutter und deren Geliebten gibt, will nicht wahrhaben, dass auch ihr abgöttisch geliebter Vater untreu war. Selbst als ihre Mutter eine Puderdose zugeschickt bekommt, die ihr nicht gehört, die sie aber in einem Hotel vergessen haben soll, glaubt die Tochter noch an eine Verwechslung. Ihr zuliebe arrangieren sich die Eltern noch einmal, aber von Lügen oder äußerlich behaupteter Harmonie, wie es in der Romanvorlage betont wird, ist hier wenig zu spüren.

 Hans (Michael Hinz) und Jutta
Auch Jutta ist nicht das „kindlich reine Geschöpf“ aus dem Buch. Sie lässt sich auf Hans (Michael Hinz) ein, obwohl ihr sein Drängen zuerst missfällt. Hans steht hier stellvertretend für die Opfer moralischer Verwahrlosung. Seine Eltern verbringen ihre Zeit mit wechselnden Partnern und haben den jungen Mann deshalb zu seinem Onkel nach Deutschland ausquartiert, wo er inmitten von moderner Musik und aufreizender Literatur in seiner Fantasie-Welt lebt. Der Staatsanwalt wird später von seinem schlechten Einfluss reden, den er wegen seiner negativen Weltsicht auf Jutta ausübte. Von ihm hat sie auch die Pistole. Sollte Hans als abschreckende Figur dienen – ein im Moral-Film üblicher Charakter – misslang diese Absicht. Der junge Mann wirkt in seiner stilisierten Bindungslosigkeit zu Familie und jeder gesellschaftlichen Institution verloren und um äußerliche Sicherheit bemüht, aber als Einziger auch zu Emotionen fähig. Es ist die stärkere Jutta, die ohne sein Wissen seine Waffe an sich nimmt.

Barbara Frey ist in ihrem Spiel keine kindliche Angst vor dem Verlust von Sicherheit und Vertrautheit anzumerken, im Gegenteil verliert Jutta trotz ihrer Jugend nie die Kontrolle über sich. Ihr Weg zu dem Liebhaber ihrer Mutter wird nicht von Unsicherheit begleitet, sondern zeigt eine junge Frau, die mit der Waffe in der Hand bewusst vorgeht. Ob sie ihn töten wollte, bleibt offen, aber ihr Schuss fällt aus Entfernung und ist weder die Folge tragischer Umstände, noch eines Gerangels. Hier handelte kein verzweifeltes Opfer, sondern eine Täterin, um sich ihre Illusionen zu bewahren. Mit ihrem Geständnis bei der Polizei will sie nicht, wie im Roman, den Verdacht von den Eltern fern halten, sondern reagiert damit auf ihren Vater, den sie auf einem Rock’n Roll-Konzert mit einer Frau antrifft, die er zu heiraten gedenkt. Es ist der einzige Moment im Film, in dem er heiter wirkt. Juttas Gesichtszüge bleiben dagegen stoisch, fast regungslos erträgt sie die polizeilichen Untersuchungen, nicht mehr zu Emotionen fähig.

Am Beispiel einer gutsituierten Bürgerfamilie entlarvte „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ den äußerlichen Glanz der Wirtschaftswunderjahre als hohle Fassade und spiegelte mit seiner kaum Lebensfreude ausstrahlenden Inszenierung die innere Entfremdung seiner Protagonisten wider. Aber der Film musste auch dem moralischen Auftrag der Romanvorlage gerecht werden, sollte vor den Folgen einer Ehescheidung für die Trennungskinder warnen. Entsprechend betroffene Gesichter machen die Eltern angesichts ihrer inhaftierten Tochter, predigt der Staatsanwalt von schlechtem Einfluss und Schuld der Erwachsenen und beschränkt sich der Richter deshalb auf zwei Jahre Jugendhaft – mit der Aussicht, diese vielleicht noch auf Bewährung aussprechen zu können. Doch Tressler hatte zuvor eindeutige Schuldzuweisungen vermieden, hatte kein kindliches Opfer hochstilisiert, um mit dem Mitgefühl des Publikums rechnen zu können, sondern ließ es in das desillusionierte Gesicht einer jungen Frau blicken. 

"Geständnis einer Sechzehnjährigen" Österreich 1961, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Eberhard Kleindorff, Johanna Sibelius, Robert Pilchowski (Roman)Darsteller : Barbara Frey, Michael Hinz, Nina Sandt, Wolfgang Preiss, Ivan Desny, Rose Renee RothLaufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler:

Sonntag, 8. März 2015

...und sowas nennt sich Leben (1961) Géza von Radványi

Inhalt: Irene (Karin Baal) verbringt ihre Zeit meistens in einem angesagten Musik-Club, wo sie nicht nur den Chef Mario (Claus Wilcke), sondern auch die Musiker der jeden Abend aufspielenden Kapelle bestens kennt. Es ist kein Geheimnis, dass sie mit fast allen schon im Bett war, nur der Klavier-Student Martin (Michael Hinz), der sie liebt, wird von ihr zurückgewiesen. Außer sie braucht ein schickes Auto. Als sie ihr Freundin Britta (Elke Sommer) am Busbahnhof abholen will, ist Martin gerade Recht, um mit dem Cabriolet seines reichen Vaters (Wolfgang Lukschy) den Chauffeur spielen zu dürfen.

Für Irene ist der junge Mann ein Schwächling, was sie ihm erneut beweist, als es nach einem Streit zu einem Boxkampf zwischen ihm und dem kräftigen Bob (Karl-Otto Alberty) kommt. Sie verspricht Bob, mit ihm zu schlafen, wenn er absichtlich gegen Martin verliert. Eine Gelegenheit, die sich dieser nicht entgehen lässt und die Irene später Martin gegenüber zum Besten gibt. Doch sie merkt nicht, dass sie immer mehr an Rückhalt in ihrer Umgebung verliert…


"...und sowas nennt sich Leben"  wurde von der PIDAX am 27.01.2015 erstmals auf DVD veröffentlicht und gilt als später Vertreter des 50er Jahre Jugend-Dramas in Folge der durch "Die Halbstarken" 1956 los getretenen Welle. "...und sowas nennt sich Leben" entstand an der Schnittstelle zwischen den noch an Anstand und Moral appellierenden Filmen der späten 50er Jahre und der sich abzeichnenden zunehmenden Liberalisierung der 60er Jahre, die in Richtung Erotik-Film führte. Das macht den Film außergewöhnlich, der nicht mehr auf positive Vorbilder setzte, sondern das Bild einer rein an materialistischen Werten orientierten Gesellschaft entwarf, dass der Abschreckung dienen sollte - sicherlich einseitig und klischeehaft überzeichnet, aber im Detail näher an der Realität. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 









Die genetische Linie von "Die Halbstarken" (1956), dem ersten Film, der sich konkret mit den Auswirkungen der sozialen Veränderungen auf die Heranwachsenden in der Nachkriegszeit auseinandersetzte, zu "...und sowas nennt sich Leben" lässt sich leicht herstellen. Beide Filme wurden von Arthur Brauner produziert, Komponist Martin Böttcher zitierte seine eigene Filmmusik und populäre Jung-Schauspieler gaben sich in der Besetzungsliste ein Stelldichein, von denen einige schon Einsätze im moralisch-pädagogisch motivierten Film der späten 50er Jahre vorzuweisen hatten. Darunter Claus Wilcke ("Verbrechen nach Schulschluss" (1958)), Elke Sommer ("Am Tag als der Regen kam" (1959)) und besonders Karin Baal, die seit ihrer Hauptrolle an der Seite von Horst Buchholz in "Die Halbstarken" auf die Rolle gefährdeter junger Frauen ("Der Jugendrichter", 1960) festgelegt schien. Doch die vergangenen fünf Jahre waren auch an den Jugend-Dramen nicht spurlos vorüber gegangen. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt so schnell voran, dass die in "Die Halbstarken" ausgesprochenen Warnungen aus Sicht des Jahres 1961 altmodisch wirken mussten.

Ob diese rasche Entwicklung Autor Willy Clever nach 10 Jahren ("Heidelberger Romanze" (1951)) noch ein letztes Mal dazu motivierte, ein Drehbuch zu verfassen, bleibt Spekulation, aber offensichtlich wollte er die ganz große Keule schwingen. Schon in der ersten Szene, in der eine junge Frau (Hannelore Elsner) nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus gefahren wird - später stellt sich heraus, dass sie die Sache nur eingefädelt hatte, um ein Auto zu erpressen - erwähnt der Krankenpfleger, sie wäre schon der vierte Fall an diesem Tag. Ein ebenso gewöhnlicher Vorgang in der Großstadt (die Handlung spielt in Frankfurt/Main, gedreht wurde in Berlin) wie die ausschließlich materiell motivierten Taten fast aller Beteiligten.

Was zählt ist ein schicker Wagen und die dicke Kohle, andere Kriterien werden weder bei der Partnerwahl, noch bei der Freizeitgestaltung berücksichtigt. Geldsorgen wie noch in „Die Halbstarken“ scheinen dagegen passé. Das Thema Beruf bleibt entsprechend Nebensache, sieht man von Britta (Elke Sommer) ab, die als Mannequin jobbt. Nur die Elterngeneration sorgt für das notwendige Kleingeld, macht aber auch keine gute Figur. Der Witwer Dr. Bernhard Dirks (Alfred Balthoff), Vater von Irene (Karin Baal), ist weltfremd und merkt nicht, was seine Tochter treibt, und Martins Vater, Bauunternehmer Berger (Wolfgang Lukschy), toppt noch die jungen Leute in Sachen Rücksichtslosigkeit - besonders hinsichtlich seines Frauenverschleißes.

So vielfältig diese Verflechtungen klingen, in „…und sowas nennt sich Leben“ geht es vor allem um Sex. Genauer um die Warnung an die weibliche Jugend vor der Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Wolfgang Lukschy gab zwar gewohnt überzeugend einen egoistischen Chauvinisten, aber keineswegs eine gescheiterte Figur. Im Gegenteil wirkt der erfolgreiche Bauunternehmer mit sich im Reinen, nur etwas genervt von seiner Ehefrau (Heli Finkenzeller) und dem aus seiner Sicht zu weichen Sohn Martin (Michael Hinz). Als er ihm zu verstehen gibt, dass für ihn eine Frau wie Irene, die mit jedem Kerl ins Bett geht, nicht in Frage käme – er selbst ließ sich auch einmal von ihr verführen – dann zeigt sich darin nicht nur seine eigene Doppelmoral, sondern die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft. Nicht er steht in der Kritik, sondern die Frauen, die so dumm sind, sich auf einen wie ihn einzulassen. Sie müssen sich nicht wundern, dann als Huren zu gelten.

Für Irene kommt diese Erkenntnis sowieso zu spät. Die junge Frau gilt als Wanderpokal und merkt nicht, dass sich ihre scheinbare Macht über die Männer als Trugschluss erweist. Als sie schwanger wird, will Niemand der Vater sein (schön abgeklärt Karl-Otto Alberty in seiner ersten Rolle), nur der naive Martin bietet sich als Ehemann noch an. Das ändert sich, als er von seinem Vater die Wahrheit erfährt, weshalb sie gezwungen ist, zum aus ihrer Sicht letzten Überzeugungs-Mittel zu greifen. Dank Karin Baals ambivalenten Spiels ist Irene keine rein negative Figur, wird ihr innerer Zwiespalt zwischen Auflehnung und Sehnsucht nach Liebe ebenso spürbar, wie Martins Gefühle für sie verständlich. Leider ließ sich der Film nicht auf diese Komplexität ein, sondern verfiel immer wieder in Extreme – Irenes unmittelbare Stimmungswechsel zwischen sanftmütigem Einlenken und zornigem Wutausbruch wirken unglaubwürdig und sollten die Vorurteile gegenüber der promiskuitiven Frau offensichtlich noch betonen.

Obwohl abwechslungsreich von  Géza von Radványi inszeniert, geriet „…und sowas nennt sich Leben“ als einer der letzten Vertreter der 50er Jahre-Moral-Filme schnell in Vergessenheit - vielleicht weil er keine positive Alternative mehr anbot, sondern das pessimistische Bild einer materialistischen Nachkriegsgesellschaft zeichnete. Etwas, das den Film aus heutiger Sicht sehr interessant macht. Während „Die Frühreifen“ (1957) der im Film angeprangerten jugendlichen Dekadenz eine fleißige, moralisch ehrbare Jugend gegenüberstellte, existieren solche Charaktere hier nicht mehr. Weder ein engagierter Lehrer („Der Pauker“ (1958)) oder verständnisvoller Pfarrer („Alle Sünden dieser Erde“ (1958)) verirrte sich noch in ein Geschehen, dass die wenigen „Anständigen“ zu Verlierern werden ließ. Martins Charakter eines musisch veranlagten Muttersöhnchens eignete sich nicht als Identifikationsfigur, auch seine verzweifelte Moralpredigt am Ende im Musik-Club verfehlt ihre Wirkung. Und Heli Finkenzeller in der Rolle seiner Mutter, die in "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch unerschütterlich an der Seite ihres beschuldigten Ehemanns stand, lebt ausschließlich für ihren Sohn - nicht mehr in der Lage, sich ihrem sie schamlos betrügenden Mann entgegen zu stellen. Als Vorbild taugt auch sie nicht.

Diese einseitig zugespitzte Situation sollte wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel dienen, kam der Realität im Detail aber näher, als die noch Idealismus predigenden Jugend-Dramen, die den von ihnen angeprangerten moralischen Verfall nur wenigen Außenseitern zuschoben, gleichzeitig aber die Neugierde eines großen Publikums befriedigten. Dass sie zu einem der Wegbereiter für den in den 60er Jahre aufkommenden Erotik-Film wurden, ist eine ironische Fußnote der Filmgeschichte. Erst der Deckmantel der moralischen Empörung schuf den notwendigen Freiraum in noch sehr prüden Zeiten. An „…und sowas nennt sich Leben“ mit seinen dezenten Nacktaufnahmen, erotisch geschnürten jungen Frauen und der allgegenwärtigen Beischlaf-Thematik ist das sehr schön abzulesen. Das Ende des erhobenen Zeigefingers im Film bedeutete es aber nicht. Die Macher waren nur gezwungen, sich den Veränderungen anzupassen, was zu einer Kombination aus Erotik-Film und pädagogischem Auftrag führte („Sünde mit Rabatt“, 1968). Denn bekanntlich herrschte an Gefahrenpotential für die Jugend weiterhin kein Mangel.

"...und sowas nennt sich Leben" Deutschland 1961, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Clever, Darsteller : Karin Baal, Michael Hinz, Wolfgang Lukschy, Heli Finkenzeller, Elke Sommer, Claus Wilcke, Hannelore Elsner, Ilse Pagé, Karl-Otto AlbertyLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Dienstag, 25. Juni 2013

Die Brücke (1959) Bernhard Wicki

Inhalt: April 1945 - die 16jährigen Jungen der Schulklasse eines kleinen Ortes hoffen, dass sie noch zur Wehrmacht eingezogen werden, um Deutschland zum Sieg zu verhelfen. Zwar haben auch sie die alltäglichen Probleme Jugendlicher mit Eltern oder der ersten Liebe, aber vorherrschend bleibt ihre Begeisterung für einen Krieg, dessen Verlauf sie genau verfolgen, dabei jedes Wort der nationalsozialistischen Propaganda aufsaugend. Ihr Lehrer hatte diese Sichtweise lange Zeit unterstützt, sie aber angesichts der immer näher kommenden us-amerikanischen Armee inzwischen aufgegeben.

Doch seine Einsicht kommt zu spät. Voller Begeisterung folgen die Jungen dem Einzugsbefehl, obwohl die Erwachsenen ihre Rekrutierung für sinnlos halten. Dank der Einflussnahme ihres Lehrers und der Einsicht der Wehrmachts-Offiziere kommen sie nicht an die Front, sondern erhalten einen Wachposten an einer strategisch unwichtig scheinenden Brücke…



"Die Brücke" war nicht nur Bernhard Wickis erster abendfüllender Spielfilm, er gilt zudem als der erste deutsche Anti-Kriegsfilm, der das unmenschliche System des Nationalsozialismus ungeschönt wieder gegeben hat. "Die Brücke" wurde mit Preisen überhäuft bis hin zu einem "Golden Globe Award" und der Nominierung für den "Oscar" als bester fremdsprachiger Film - eine Vielzahl an Auszeichnungen, wie sie bis heute kaum ein anderer deutscher Film aufzuweisen hat, weshalb es nicht erstaunt, dass "Die Brücke" als einziger deutscher Film der Nachkriegszeit in den Filmkanon zur Schulbildung aufgenommen wurde. Angesichts seiner Entstehungszeit, Ende der 50er Jahre, als die damals populären Kriegsfilme noch den anständigen, nur unter einem mörderischen Regime leidenden Wehrmachtssoldaten in den Mittelpunkt stellten, erstaunt der allgemeine Konsens, den "Die Brücke" national wie international erfuhr, der dem Film einen bis heute andauernden Bekanntheitsgrad zusicherte.

Die Entstehung von "Die Brücke" hat eine längere Vorgeschichte, auch wenn die Story auf dem autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister basiert, der diesen 1958 unter dem Pseudonym Manfred Gregor veröffentlichte. Bernhard Wicki, in St.Pölten bei Wien geborener Schweizer Staatsbürger, wuchs zeitweise in Deutschland auf und machte sein Abitur in Bad Warmbrunn, Schlesien, bevor er später nach Berlin ging. Dort wurde er 1939 wegen seiner Mitgliedschaft bei der "Bündischen Jugend" verhaftet und war mehrere Monate im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung arbeitete er erst in Österreich, später wieder in Deutschland als Theaterschauspieler, bevor er Anfang 1945 mit seiner Frau Agnes Fink das Land verließ und in die Schweiz übersiedelte. Ab 1950 gehörte er zum Ensemble des bayrischen Staatsschauspiels in München, von wo aus er seine Filmkarriere begann.

Die Begegnung mit Helmut Käutner wurde zum entscheidenden Schritt in Richtung einer engagierten kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. In Käutners 1954 entstandenem Film "Die letzte Brücke", der konsequent am Beispiel jugoslawischer Partisanen und einer deutschen Ärztin den Wahnsinn des Krieges demaskierte, spielte Wicki seine erste Hauptrolle. „Die letzte Brücke“ erfuhr internationale Anerkennung, kam für die Deutschen aber zu früh und ist heute fast vergessen. In "Die Zürcher Verlobung" (1957) spielte er ein weiteres Mal unter Käutner, bei dessen Film "Monpti" (1957) er als Regie-Assistent erstmals hinter der Kamera stand. Zuvor hatte er eine Rolle in Laslo Benedeks Film "Kinder, Mütter und ein General" (1955) übernommen, der früh die gleiche Thematik einer verführten Jugend behandelte, die kurz vor dem Ende des Krieges sinnlos geopfert wurde. Doch obwohl der Film ebenfalls den "Golden Globe Award" als bester fremdsprachiger Film gewann, ist er heute nahezu unbekannt. Ähnliches gilt für "Unruhige Nacht", der mit Bernhard Wicki als Priester unter der Regie des ehemaligen Widerstandskämpfers Falk Harnack 1958 entstand und die letzte Nacht eines Soldaten vor seiner Abordnung nach Stalingrad beschreibt.

Angesichts der engagierten und die Zeit des Nationalsozialismus kritisch betrachtenden Werke, an denen allein Bernhard Wicki beteiligt war, stellt sich die Frage, warum "Die Brücke" heute eine so singuläre Bedeutung besitzt und quasi als erster Anti-Kriegsfilm gilt? - Wickis an den expressiven Schwarz-Weiß-Bildern der Stummfilmzeit orientierte Optik, verleiht dem Ort des Geschehens eine karge, grobkörnige Anmutung, der Storyaufbau erfolgt zügig und ist klar strukturiert in drei Teile gegliedert - das Leben der Jugendlichen als Vorgeschichte, ihre Musterung und Stationierung an der Brücke, das eskalierende Gefecht - wodurch der beabsichtigte dokumentarische Charakter entstehen konnte. Mit dieser gestalterischen Konsequenz entfernte sich Wicki vom typischen deutschen Nachkriegskino, womit er dem allgemeinen Konsens eher widersprach, zumal in einer Phase, in der die Bereitschaft zur selbstkritischen Analyse noch kaum vorhanden war – Helmut Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) und Wolfgang Staudtes „Kirmes“ (1960) scheiterten bei Publikum wie Kritik grandios.

Entscheidend für den Erfolg des Films ist die konsequent aus dem Blickwinkel der 16jährigen Jungen erzählte Story, mit der Wicki Angriffspunkte vermied. Typisch war der Vorwurf einer klischeehaften Darstellung von Nationalsozialisten oder mangelnde Authentizität der realen Hintergründe, klassische Totschlagargumente, mit denen jeder kritische Ansatz zunichte gemacht werden konnte. Auch in „Die Brücke“ gibt es einen NSDAP-Bürgermeister, der seine Frau angeblich in Sicherheit bringt, um sich mit seiner Geliebten amüsieren zu können, so wie ein Vater eine Liebesbeziehung mit der jungen Angestellten seines Friseurladens hat, in die sein Sohn heimlich verliebt ist. Doch das bleiben kleine Geschichten am Rande, immer aus der Sicht der Jungen erzählt. Dagegen widmet sich Wicki ausführlich der Jugendliebe zwischen Klaus (Volker Lechtenbrink) und Franziska (Cordula Trantow), die ihren Höhepunkt hat, als sich Franziska beim Abschied einen Kuss erhofft, Klaus aber nur seine ihr zuvor geschenkte Uhr zurückhaben möchte, die er bei seinem soldatischen Einsatz angeblich benötigt. Der leere Blick des Mädchens, wenn er - sie kaum noch beachtend – mit kindlich wirkender Begeisterung seiner Mutter von dem Einzugsbefehl am Telefon berichtet, bleibt in Erinnerung - eine Szene, auf die sich Alle einigen können.

„Die Brücke“ vermischte typische Verhaltensweisen pubertärer junger Männer und die ihnen von einem mörderischen Regime anerzogenen Begriffe von Ehre und Vaterland, um die Ausbeutung auch der Jüngsten für eine sinnlose Sache zu verdeutlichen – doch den Hintergrund einer Gesellschaft, die diese Haltung erst ermöglichte, beleuchtete er nicht. Im Gegenteil reagieren die Erwachsenen fassungslos auf die Einberufungsbefehle der Jungen, die fast losgelöst von der sonst vorherrschenden Meinung voller Hoffnung in den Kampf ziehen. Auch die Soldaten, allen voran Heilmann (Günter Pfitzmann), halten nichts von dem Einsatz der „Volksfront“, mit der die Nationalsozialisten die Rekrutierung alter Menschen und Jugendlicher rechtfertigten, und versuchen die Jungen vor ihrem eigenen Eifer zu schützen. Neben dem diktatorischen System steht einzig der Lehrer, der seinen Schülern den selbst zerstörerischen Corps-Geist eintrichterte, als Schuldiger dar, hat seinen Fehler aber inzwischen eingesehen und versucht noch, die Jungen zu retten. Die tragischen Ereignisse, die zum Tod fast aller Jugendlicher führen, wirken wie eine Verkettung unglücklicher Umstände, gespeist aus Misstrauen und falschem Gehorsam, aber auch normalem männlichen Imponiergehabe, etwa wenn der Jüngste von ihnen bei einem Fliegerangriff stehen bleibt, weil ihn seine Kameraden zuvor in einer ungefährlichen Situation, bei der er sofort zu Boden gegangen war, ausgelacht hatten. 

Bernhard Wickis Film hat den Vorteil einer hohen Identifikation mit den jugendlichen Darstellern um Fritz Wepper, Folker Bohnet oder Michael Hinz - für fast Jeden von ihnen wurde „Die Brücke“ der Startschuss einer langen Karriere - weshalb die schonungslosen Bilder der verzweifelten und tödlich verwundeten Jungen ihre Wirkung bis heute nicht verloren haben. Das ihre Erziehung und Verblendung nur in einem Umfeld geschehen konnte, welches diesen Geist generell transportierte, lässt der Film hingegen weg, womit er ähnliche Kompromisse einging wie beinahe alle kritischen Filme dieser Phase - dank der Konzentration auf die Jugendlichen, fällt die oberflächliche Gestaltung der Erwachsenen nur weniger ins Gewicht. Für seine Entstehungszeit, aber auch wegen seiner Zugänglichkeit für ein junges Publikum, bleibt „Die Brücke“ ein wichtiger Beitrag des deutschen Films, sein singulärer Charakter steht dagegen signifikant für die Schwierigkeiten einer Vergangenheitsbewältigung, die sich hier auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte.

"Die Brücke" Deutschland 1959, Regie: Bernhard Wicki, Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier, Bernhard Wicki, Manfred Gregor (Roman), Darsteller : Fritz Wepper, Folker Bohnet, Michael Hinz, Volker Lechtenbrink, Günter Pfitzmann, Cordula Trantow, Siegfried Schürenberg, Laufzeit : 98 Minuten