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Freitag, 8. Juli 2016

Die Fastnachtsbeichte (1960) William Dieterle

Inhalt: 1913 – Mainz am Fastnachtssamstag. Ein Soldat (Rainer Brandt) schwankt auf den Beichtstuhl des Dom-Probst Canon Henrici (Friedrich Domin) zu, bricht aber nach wenigen Worten zusammen. Henrici lässt ihn in die Sakristei bringen und ruft einen Arzt, der aber nur noch den Tod des Mannes feststellen kann. Ihm fällt zudem auf, dass er trotz seiner Uniform kein Soldat sein kann – sein Haarschnitt entspräche nicht den Vorschriften.



Gleichzeitig erreicht Viola (Gitty Djamal) die Villa ihres Onkels Panezza (Hans Söhnker). Sie gehört zum italienischen Zweig der Familie und war seit ihrer Kindheit nicht mehr in Mainz, wird von ihrem Cousin Jeanmarie (Christian Wolff) aber sofort erkannt. Sie reagiert dagegen überrascht auf ihn, was sie mit ihrer langen Abwesenheit entschuldigt. Trotzdem gerät ihre Ankunft etwas ins Hintertreffen, denn die allgemeine Aufregung gehört ihrem Onkel, der in diesem Jahr gemeinsam mit der jungen Katharina (Helga Tölle) das Prinzenpaar bildet. Dass sich ihre Beziehung nicht allein auf den Karneval beschränkt, ahnt scheinbar Niemand…


In Erinnerung an Götz George, mit 77 Jahren gestorben am 19.06.2016

Dass zu Götz Georges Tod sofort an seine Rolle als Tatort-Kommissar Schimanski erinnert wird, ist naheliegend, lässt aber vergessen, dass er schon mehr als 25 Jahre vor "Duisburg - Ruhrort" (1981) als Schauspieler aktiv war, erst in den 60er Jahren dank der "Karl May"-Filme zum Kinostar aufstieg, um in den 70er Jahren zunehmend Fernseh-Präsenz zu zeigen. Neben vielen populären Rollen galt sein Augenmerk immer auch engagierten, in ihrer Entstehungszeit provokanten Werken wie den Staudte-Filmen "Kirmes" (1960) und "Herrenpartie" (1964). Auch "Die Fastnachtsbeichte" nach einer Novelle von Carl Zuckmayer gehörte in diese Kategorie, auch wenn der Verfilmung die Reputation als gesellschaftskritisches Werk damals nicht zugestanden wurde - aus heutiger Sicht eher eine Auszeichnung. 

Die in meinem Text aufgeführten Hintergrundinformationen, mehr aber noch die vergleichenden Überlegungen zur Literaturvorlage Zuckmayers verdanke ich der sehr ausführlichen Analyse eines Vortrags von 1996 aus Anlass der Nähe des Films zur Stadt Mainz. Nachzulesen auf der Web-Seite "Mainz-Minas" mit einer Fülle weiterer Informationen zum Film und dessen Entstehung. 


"Leider erliegt Götz George – wie schon in "Kirmes" – dem Trugschluss, asthmatisches Sprechen wirke schon bei einem Anfang-Zwanziger sehr eindrucksvoll." 

Was genau der Kritiker des "Film-Echo" gehört haben will, bleibt sein persönliches Geheimnis. Götz Georges Stimme klingt in "Die Fastnachtsbeichte" schon genauso vertraut wie mehr als 20 Jahre später in seiner bekanntesten Rolle als "Tatort" - Kommissar Schimanski - zwar ruhiger, scheinbar braver, aber selbstbestimmt und konsequent. Wie im erwähnten "Kirmes" (1960) spielte George auch hier einen jungen Soldaten, dessen äußerliche Angepasstheit nicht über seinen freien Willen hinwegtäuschen sollte. In "Kirmes" desertiert er kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, in "Die Fastnachtsbeichte" geht er 1913 - der 1.Weltkrieg steht kurz bevor - eine Beziehung mit der Prostituierten Rosa (Ursula Heyer) ein. Sein Verstoß gegen die bürgerlichen Regeln erwächst nicht aus Widerstandsgeist oder intellektueller Überzeugung. Er reagiert einzig aus dem Bauch heraus und steht in seiner monolithischen Ausstrahlung in Opposition zu einem Bürgertum, dessen Verlogenheit sich hinter einer Fassade aus Anstand und Moral versteckt. 

„Die lasche, auf Seelen- und Kostümpomp bedachte Regie des Hollywood-Spätheimkehrers William (Wilhelm) Dieterle vermochte der literarischen Vorlage nicht mehr abzugewinnen als matten Kino-Schwulst.“ („Der Spiegel“, 1960)

Wurde dem damals 22jährigen George in seinem schon siebten Kinofilm insgesamt eine gute Leistung bescheinigt – wenn auch mit Respektabstand zu den erfahrenen Darstellern Hans Söhnker, Friedrich Domin und Berta Drews, Götz Georges leibliche Mutter – kam die Inszenierung des Films schlechter weg. "Die Fastnachtsbeichte" wurde nicht nur Dieterles letzter deutschsprachiger Kinofilm, bevor er sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, vermutet wurde zudem, dass ihn nach dem Misserfolg des Abenteuerfilm-Zweiteilers „Die Herrin der Welt“ (1960) vor allem wirtschaftliche Gründe bewogen, die Regie bei der Zuckmayer-Verfilmung zu übernehmen. „Zuckmayer“ ist auch das entscheidende Stichwort, denn Film-Umsetzungen zeitgenössischer Literatur hatten grundsätzlich einen schweren Stand beim Feuilleton – mit Vorliebe wurde die gesellschaftskritische Relevanz an der Vorlage gemessen.

Dabei hatte Carl Zuckmayer seinen Willen zur Verfilmung der im Jahr zuvor herausgegebenen Novelle deutlich zu verstehen gegeben und Drehbuchautor Kurt Heuser hatte sich eng an dessen Text gehalten. Es fehlen im Film nur wenige Figuren und Dialoge, entscheidend für die Intention der Story waren diese nicht. Das gilt auch für den Beginn, der sich wenig Mühe gibt, die Charaktere und ihre Motive näher zu erklären. Eine von Carl Zuckmayer gewollte Nebeneinanderstellung paralleler Geschehnisse, die in seiner Novelle dank der ausführlichen Beschreibung des Mainzer Lokalkolorits während der alljährlichen Fastnachtsfeierlichkeiten zwar weniger abrupt wirken als im Film, trotzdem aber den Einstieg erschweren. Der tödliche Zusammenbruch eines unbekannten Soldaten im Beichtstuhl des Dom-Probst (Friedrich Domin), die Ankunft von Viola (Gitty Djamal), einer jungen Italienerin, im Haus ihres wohlhabenden Onkels Panezza (Hans Söhnker) in Mainz oder die allgemeine Aufregung um dessen bevorstehenden Auftritt als Karnevalsprinz an der Seite der viel jüngeren Katharina (Helga Tölle) scheinen in keinem Zusammenhang zu stehen.

Die Einführung weiterer Haupt- und Nebenfiguren steigert noch die Verwirrung. Warum reagierte Viola so merkwürdig auf ihren Cousin Jeanmarie (Christian Wolff), der die hübsche junge Frau, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, mehr als freundlich begrüßte? – Welche Rolle spielt die ältliche Frau Bäumler (Bertha Drews) in Panezzas Haushalt und warum hasst sie ihren Sohn Clemens (Götz George)? – Dieser gerät zunehmend in den Strudel der Ereignisse. Madame Guttier (Hilde Hildebrandt) findet ihn betrunken in den Armen einer jungen Prostituierten. Als sie versucht ihn aufzuwecken, bezeichnet er sich als tot und schmeißt mit Geld nur so um sich. Auch eine Waffe fällt aus seiner Rocktasche, weshalb die Bordellbesitzerin die Polizei ruft. Clemens wird von der Polizei festgenommen und als es sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um seinen Bruder Ferdinand (Rainer Brandt) handelt, gerät er in Mordverdacht. Seine eigene Mutter beschuldigt ihn lauthals, ihr den geliebten Sohn aus Neid und Eifersucht genommen zu haben.

Diese Ausgangssituation und die langsame Aufklärung der tatsächlichen Zusammenhänge mithilfe von Rückblenden brachten der „Fastnachtsbeichte“ den Ruf einer Kriminalgeschichte ein. Für Zuckmayer nur der Rahmen eines doppelbödigen Spiels. Der Karneval mit seinen Maskeraden und Momenten moralischer Freiheit bildete den idealen Hintergrund für die Diskrepanz von Schein und Sein, ließ die heimlichen Sehnsüchte der Protagonisten ebenso erkennen, wie ihre Unfähigkeit sie auszuleben. Dass Selbstbetrug und Vortäuschung äußerlicher Moral tödliche Abläufe in Gang setzen, gehört heute zum Standard-Repertoire des Kriminalfilms. Die wenig spektakuläre Aufklärung des Mordes interessierte den Autor in diesem Zusammenhang aber nur am Rande, mehr lag sein Augenmerk auf der brüchigen Fassade einer bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und das er seine 1959 herausgebrachte Novelle in diese Zeit versetzte lässt sich nur als Kommentar auf eine Gegenwart verstehen, deren prinzipiellen Mechanismen sich nicht verändert hatten.

Auch William Dieterles Film ist diese Nähe zur Gegenwart von 1960 anzumerken. Vielleicht nicht beabsichtigt, aber dank der zeitgenössischen Stadtbilder von Mainz und der Integrierung dokumentarischer Aufnahmen vom Rosenmontagszug der 50er Jahre, erzeugt „Die Fastnachtsbeichte“ trotz seiner authentischen Ausstattung nicht den Eindruck einer weit zurückliegenden, abgeschlossenen Historie – möglicherweise fehlte dem „Spiegel“-Kritiker, der den Film als „Kostümpomp“ verurteilte, noch der notwendige zeitliche Abstand für diese Sichtweise. Trotzdem ist die Kritik an der mangelnden Relevanz der Verfilmung nicht ungerechtfertigt. Bis auf Berta Drews als hasserfüllte Mutter loteten die Charaktere nur selten die menschlichen Abgründe aus. Hans Söhnker in der Rolle des Familienoberhaupts Panezza und die schöne Viola blieben menschlich nachvollziehbar, Jeanmaries im Film abgeschwächte Position zwischen zwei Frauen entsprach Christian Wolffs damaligem Typus als anständiger Vertreter der deutschen Nachkriegsjugend, Friedrich Domin gab einen so souveränen, wie toleranten Probst und Götz George wurde zum Sympathieträger. 

Doch diese Figuren-Konstellation täuscht über die Brisanz hinweg, die ihr Verhalten Ende der 50er Jahre noch auslöste. Auch Zuckmayers Theaterstücke und Erzählungen waren in ihrer Gesellschaftskritik eher unterschwellig und verdankten ihre Popularität nicht zuletzt ihrem hohen Unterhaltungswert. Den besitzt auch Dieterles Verfilmung, die nach ihrem sperrigen Beginn zunehmend zu fesseln vermag. Eine generelle Kritik an der Bürgerschicht ließ sich daraus zwar nur schwer herauszufiltern, aber die Sympathien gehörten eindeutig den gegen die Norm verstoßenden Protagonisten. 

"Die Fastnachtsbeichte" Deutschland 1960, Regie: William Dieterle, Drehbuch: Kurt Heuser, Carl Zuckmayer (Novelle), Darsteller : Hans Söhnker, Gitty Djamal, Götz George, Christian Wolff, Berta Drews, Grit Boettcher, Friedrich Domin, Rainer Brandt, Hilde Hildebrandt, Wolfgang Völz, Harry Engel, Laufzeit : 96 Minuten

Freitag, 15. Januar 2016

Immer wenn der Tag beginnt (1957) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Nachdem der Stadtschulrat sie kaum zu Wort kommen ließ, sondern ihr vermittelt hatte, dass er ihr nach zweimaligem Verstoß gegen die Vorschriften nur auf Grund des Lehrermangels eine weitere Chance gibt, führt Frau Dr. Burkhardts (Ruth Leuwerik) Weg direkt zum Schiller-Gymnasium, wo Direktor Cornelius (Hans Söhnker) über sie befinden soll. Dieser erweist sich als so autoritär, wie humorvoll, und nimmt sie gerne als einzige Frau ins Kollegium auf. Einzig hat er Bedenken, die Mathematik- und Physik-Lehrerin ausgerechnet bei der Oberprima einsetzen zu müssen.

Eine unbegründete Sorge, denn die junge Frau weiß sich durchzusetzen, stellt aber im Gegenteil schnell fest, dass die Klasse in Richtung Abitur-Prüfung hinter dem Lehrplan liegt. Zudem trifft sie in der nahe gelegenen Pension von Frl. Richter (Agnes Windeck) zu ihrer Überraschung auf einen der Schüler - Martin Wieland (Christian Wolff), dessen getrennt lebende Eltern sich nur finanziell um ihren Sohn kümmern. Aus Frau Dr. Burghardts Sicht ein unhaltbarer Zustand, der ihre Aufgabe zusätzlich erschwert.


Ruth Leuwerik 1924 - 2016
In Erinnerung an Ruth Leuwerik, mit 91 Jahren gestorben am 12.01.2016

Schon in den 70er Jahren, als meine Kino-Sozialisation begann, gehörte Ruth Leuwerik zu den vergangenen Stars. Seit 1963 war sie kaum noch im Kino zu sehen, auch ihre TV-Präsenz blieb auf wenige Rollen beschränkt. Wiederholt wurden vor allem ihre Adels-Rollen in "Königliche Hoheit" (1953) und "Königin Louise" (1957), jeweils an der Seite von Dieter Borsche, mit dem sie damals ein "Traumpaar " bildete. Dass zwischen beiden Filmen vier Jahre lagen - im damaligen Filmgewerbe eine Ewigkeit - und diese Rollen eher untypisch für beide Darsteller waren, wurde ignoriert. Dieser Eindruck blieb auch an mir haften und den jetzigen Nachrufen zu ihrem Tod ist dieser Einfluss noch immer anzumerken.

Inzwischen wird die Modernität ihrer Frauenrollen und ihr selbstbestimmtes Auftreten zwar wieder betont, aber die dazu gehörigen Filme sind größtenteils in Vergessenheit geraten - auch weil sich die damalige Tragweite nicht mehr ermessen lässt. Themen, wie die Pädagogik-Diskussion in "Immer wenn der Tag beginnt" wirken inzwischen veraltet, auch lassen sich manche Konzessionen ans Publikum hinsichtlich der emanzipatorischen Ausrichtung nicht übersehen. Filme wie Käutners "Die Rote" (1962), die darauf verzichteten, sind bis heute aus der Öffentlichkeit verschwunden. Tatsächlich ist Ruth Leuweriks Schönheit und ihr Spiel auch gemessen an heutigen Klischees von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit geprägt. Es gilt mehr denn je, sie wieder zu entdecken.



Die knapp 30 Filme, die Ruth Leuwerik während ihrer Kino-Karriere zwischen 1952 und 1963 drehte, besitzen eine bemerkenswerte Signifikanz - ihre Beschränkung auf eine überschaubare Anzahl an Regisseuren, mit denen sie wiederholt zusammenarbeitete,  nahm einen fast symmetrischen Verlauf. Ihr Karrierebeginn stand unter dem Einfluss von Helmut Käutner und dessen künstlerischem Umfeld. Nach Harald Braun ("Vater braucht eine Frau" (1952) und "Königliche Hoheit" (1953)), häufiger Produzent von Käutners Filmen, und dessen früheren Regie-Assistenten Rudolf Jugert („Ein Herz spielt falsch“, 1953), besetzte Käutner selbst Ruth Leuwerik in der Hauptrolle zwei seiner Filme („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und "Ludwig II: Glanz und Elend eines Königs" (1955)). Auch gemeinsam mit Rolf Thiele entstand ein früher Film ("Geliebtes Leben" (1952)).

Sieht man von dem früh verstorbenen Harald Braun ab, ließ sie ihre Filmkarriere mit denselben Regisseuren Anfang der 60er Jahre wieder ausklingen. Thiele drehte mit ihr "Auf Engel schießt man nicht" (1960), Jugert "Die Stunde, in der du glücklich bist" (1961) und unter Käutner spielte sie noch dreimal, darunter in „Die Rote“ (1962) und "Das Haus in Montevideo" (1963). Einzig Alfred Vohrer konnte sie noch für zwei spätere Kinofilme gewinnen („Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1971)). In den fünf Jahren zwischen diesen beiden Phasen - im Zenit ihrer Popularität - arbeitete sie fast ausschließlich an der Seite von Wolfgang Liebeneiner. Nach dem großen Erfolg von "Die Trapp-Familie" (1956) und "Königin Louise" (1957) entstanden bis 1960 ("Eine Frau fürs ganze Leben") sieben gemeinsame Filme.

"Immer wenn der Tag beginnt" markiert als vierter Film dieser Reihe zwar die Mitte ihres Schaffens, blieb aber im Schatten ihrer großen Filmerfolge, obwohl George Hurdalek erneut das Drehbuch verfasste. Diesmal orientierte er sich weder an einer Biografie ("Die Trapp-Familie"), noch wählte er einen historischen Stoff wie in "Königin Louise", sondern entwarf ein Gegenwarts-Szenario. Hurdalek - 1942 am Propaganda-Film "Fronttheater" beteiligt - , der als Co-Autor vieler Käutner- und Jugert-Filme zum Bindeglied zwischen Früh- und Hochphase in Ruth Leuweriks Karriere wurde, betrat damit keineswegs Neuland. Im Jahr zuvor hatte er für das Drogen-Drama "Ohne dich wird es Nacht" (1956) das Drehbuch geschrieben, wenige Jahre später folgte die gesellschaftskritische Satire „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959).

„Immer wenn der Tag beginnt“ nahm sich scheinbar die seit 1956 populären „Halbstarken“-Filme zum Vorbild, die mit ihrem moralischen Gestus auf die sich verändernden soziokulturellen Veränderungen in der Bundesrepublik reagierten. Der damals 19jährige Christian Wolff spielte 1957 nach „Anders als du und ich“ und „Die Frühreifen“ schon seine dritte Rolle als schwer erziehbarer Jugendlicher, dessen Zukunft wegen des behaupteten moralischen Niedergangs gefährdet ist. Diesmal gab er den Oberprimaner Martin Wieland, ein verwöhntes Scheidungskind, das alleine in einer nahegelegenen Pension wohnt und seine um die Welt jettenden Eltern nur selten zu sehen bekommt. Die „Schule am Harthof“ in München, deren moderne, transparente Architektur von der jungen Demokratie, wie vom allgemeinen Unternehmergeist zeugte, bildete den stimmigen Hintergrund für das mit souveräner Autorität von Oberstudiendirektor Wolfgang Cornelius (Hans Söhnker) geleitete Jungen-Gymnasium.

„Wir haben die jungen Menschen geistig fit zu machen – für die Wissenschaft, für ihren Beruf“

lautet sein Credo gegenüber der neuen Lehrerin Frau Dr.Burkhardt (Ruth Leuwerik), die schon zweimal versetzt werden musste, weil sie gegen Auflagen verstoßen hatte. Im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten ist sie der Meinung, dass der familiäre Hintergrund und damit die psychische Situation eines Schülers bei der Beurteilung eines Vergehens mit berücksichtigt werden sollte. Sie hatte einem Mädchen, das gestohlen hatte, nicht nur Geld geliehen, sondern sie auch vor der Polizei geschützt, weil sie von ihren berufstätigen Eltern vernachlässigt wurde. Cornelius argumentiert gegen diese Sichtweise mit der schieren Anzahl an Schülern – bei 1600 Gymnasiasten sei es unmöglich, die individuelle Situation des Einzelnen zu berücksichtigen. Einzig Disziplin sei gefragt.

Schon die Eingangssequenz, in der die Konfliktlinie zwischen der damaligen Auffassung von konservativer und moderner Lehrmethodik gezogen wurde, lässt deutlich werden, dass Hurdalek und Liebeneiner die Thematik nur sanft ausloteten. Der Direktor wirkt trotz seiner autoritären Haltung diskussionsbereit und die Mathematik- und Physik-Lehrerin legt höchsten Wert auf gutes Benehmen. Einzig das Fehlverhalten von Eltern wird von ihr als Ursache für die Probleme einzelner Schüler betrachtet – eine Mitte der 50er Jahre aufkommende Meinung, als erste Tendenzen sich verändernder Familienstrukturen, besonders hinsichtlich der Mutter-Rolle, spürbar wurden. Für die peinlichste Situation des Films sorgt entsprechend Martin Wielands Mutter (Christl Mardayn), die bei einem überraschenden Besuch ohne jegliches Feingefühl in eine Jugend-Party platzt und ihren Sohn blamiert. Kein Wunder, dass er sich in seine Lehrerin verliebt.

Abgesehen von dieser Szene, bleibt das auffälligste Merkmal des Films seine Unauffälligkeit. Weder die Unterrichtsstunden mit der Oberprima – seit der „Feuerzangenbowle“ (1944) klassischer Komödien-Stoff – noch deren Jazz-Begeisterung wurden für zugespitzte Situationen genutzt. Konflikte zwischen den Schülern gibt es nicht. Auf Sex oder Kriminalität, wie in den „Halbstarken-Filmen“ üblich, wurde gänzlich verzichtet. Selbst der Tod eines Schülers und das vom Hausmeister (Joseph Offenbach) entdeckte Tagebuch, in dem Martin über seine Liebe zu seiner Lehrerin fantasiert, können kaum Dramatik erzeugen. Innerhalb dieses unaufgeregten Szenarios wird schon die Entscheidung, bei einer Beerdigung Jazz zu spielen, zum Wagnis. Dass ganz am Ende noch Cornelius seine Studienrätin heiratet, kann nur als Konzession ans Publikum verstanden werden. Angeblich hatten sie sich gleich zu Beginn ineinander verliebt – zu spüren war es nicht.

Es ist diese untertemperierte Emotionalität, mit der „Immer wenn der Tag beginnt“ besticht, der keinen Moment die im Zentrum stehende souveräne Frauenrolle durch Gefühlswallungen diskreditierte. Sicherlich war das meist respektvolle Auftreten sowohl des Lehrer-Kollegiums, als auch der Primaner geschönt, so wie eine Frau innerhalb des männlich geprägten Umfelds im Film als Ausnahme verstanden werden wollte, aber das lässt nicht übersehen, wie sehr Ruth Leuwerik gegen damalige Klischees anspielte. Sie verband Schönheit, Intelligenz, Humor und Selbstbewusstsein zu einer starken Persönlichkeit, hinter der der sonstige Film nur eine Nebenrolle einnahm.

"Immer wenn der Tag beginnt" Deutschland 1957, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: George Hurdalek, Wolfgang Liebeneiner, Utz Utermann, Darsteller : Ruth Leuwerik, Hans Söhnker, Christian Wolff, Agnes Windeck, Friedrich Domin, Joseph Offenbach, Rex Gildo, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Dienstag, 17. Februar 2015

Am Tag als der Regen kam (1959) Gerd Oswald

Inhalt: Der Herr (Arno Paulsen), der in seiner Limousine auf der nächtlichen Avus unterwegs ist, kann der hübschen blonden Anhalterin nicht widerstehen, nicht ahnend, dass es sich bei ihr um ein Mitglied einer berüchtigten Bande handelt, die unter der Leitung von Werner Maurer (Mario Adorf) in Berlin ihr Unwesen treibt. Selbst als Ellen (Elke Sommer) noch eine Freundin mit einlädt, bei der es sich um einen verkleideten Mann handelt, erregt das noch keinen Verdacht bei dem Geschäftsmann, der ganz eigene Absichten mit der jungen Frau hat.

Doch dazu erhält er keine Chance. Zwei Motorradfahrer heften sich an seine Fersen und er wird von dem Mann im Fonds überwältigt, seines Geldes beraubt und ohne Fahrzeug zurückgelassen. Robert (Christian Wolff), der mit seinem Motorrad bei dem Raub beteiligt war, gerät auf der Flucht zum verabredeten Treffpunkt in eine Verkehrskontrolle wegen zu schnellen Fahrens. Die inzwischen alarmierte Polizei befragt ihn auch wegen des Überfalls, kann ihm aber nichts beweisen. Der ermittelnde Kriminalassistent Thiel (Horst Naumann), der sich in der Jugend-Szene gut auskennt, ahnt aber, dass Robert ihm eine Hilfe sein könnte und versucht, Vertrauen zu ihm aufzubauen…

"Am Tag als der Regen kam" , den die PIDAX am 23.12.2014 herausbrachte, gehört zu einer Filmgattung der späten 50er/frühen 60er Jahre, die eine eigene Genrebezeichung verdient gehabt hätte. Äußerlich zwar in Form eines Dramas oder Thrillers, selten als Komödie daher kommend, verbarg sich hinter den höchst unterhaltend inszenierten Stoffen eine Warnung an die Jugend vor den Versuchungen einer sich wandelnden Gesellschaft - Kriminalität, Drogen und nicht zuletzt der allgemeine moralische Verfall. Diese dank der PIDAX wieder dem Vergessen entrissenen Filme vermitteln ein stimmiges Bild dieser Phase in der BRD und lassen die Entwicklung in Richtung der 68er Generation früh erkennen. Bemerkenswert ist auch, dass viele dieser Filme trotz ihrer prominenten Besetzung nur selten im Fernsehen gezeigt wurden - als hätte man sie vergessen wollen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 






"Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht..."

Allein 1959 brachte es der Song auf acht Cover-Versionen in Deutschland, aber in Erinnerung blieb nur das "Original" der französischen Sängerin Dalida, die die Gilbert Bècaud-Komposition "Le jour où la pluie viendra", begleitet vom Orchester Raymond Lefèvre, schon Ende 1957 in Frankreich herausgebracht hatte. Doch erst ihre deutschsprachige Version "Am Tag als der Regen kam" traf Mitte 1959 den Nerv eines Publikums, das sich von der Mischung aus melancholischer Musik, rauchiger Stimme und der erlösenden Funktion des Regens offensichtlich angesprochen fühlte, die kaum gegensätzlicher zur damals in Deutschland populären Schlagermusik hätte ausfallen können. Zwar besingt Dalida darin auch die Wonnen der Liebe, aber der tragische Unterton des Songs bleibt gegenwärtig und hält immer die Waage zwischen Glück und Trauer.

Diesen Eindruck hatte scheinbar auch Regisseur Gerd Oswald, der „Am Tag als der Regen kam“ nicht nur als Hintergrundmusik nutzte, sondern gleich seinen Film danach benannte. Bemerkenswerterweise seinen ersten deutschen Film, denn der 1938 in die USA als 19jähriger emigrierte Oswald war in Hollywood vom Darsteller zum Regisseur aufgestiegen und hatte in den Jahren zuvor Filme mit Anita Ekberg („Screaming Miami“ (Die blonde Venus, USA 1958)), Bob Hope („Paris Holiday“ (Falsches Geld und echte Kurven, USA 1958)) oder Barbara Stanwyck („Crime of passion“ (Das war Mord, Mr.Doyle, USA 1957)) gedreht. Im Gegensatz zu diesen Auftragsarbeiten leichter Unterhaltungsware schwebte ihm für seine erste Regie-Arbeit in seiner Heimatstadt Berlin offensichtlich etwas ernsteres, gesellschaftsrelevanteres vor - gut an den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu erkennen, mit der er die geteilte, von den Spuren des Krieges gezeichnete Stadt inszenierte.

Die aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Bilder des stark beschädigten Reichstagsgebäudes, dessen Kellergewölbe der Jugendbande im Film als Rückzugsort dienen, und des nur wenige Meter entfernt liegenden, noch offenen Grenzübergangs am Brandenburger Tor, symbolisierten eine unsichere Nachkriegs-Situation, die - verbunden mit den soziokulturellen Veränderungen der 50er Jahren – als Ursache für eine angeblich kriminalisierte und sexuell offensive deutsche Jugend angesehen wurde, wie sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre häufig im Film thematisiert wurde. Besonders die Orientierung an US-Vorbildern wurde kritisch in den Mittelpunkt gerückt. Motorradbanden, Nachtbars und die Regeln der Coolness, die die soziale Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmten, beherrschten auch die Szenerie in Oswalds Film.

Die Hinzuziehung von Heinz Oskar Wuttig, der zuvor mit seinem Drehbuch zu „Die Frühreifen“ (1957) Einfühlungsvermögen für die sexuellen Belange der Heranwachsenden bewiesen hatte, betonte noch Oswalds aufklärerische Intention, die an das Vorbild „Die Halbstarken“ erinnert, der 1956 erstmals die Situation der Jugendlichen in Deutschland nach dem Krieg beleuchtet hatte. Neben dem identischen Handlungsort Berlin, das als pulsierende, die Nachkriegszeit brennglasartig zuspitzende Großstadt den idealen Hintergrund für eine abenteuerliche Story um Bandenkriminalität und moralischen Niedergang abgab, liegt eine bemerkenswerte Parallele in der Auseinandersetzung mit der Väter-Generation. Wurde Horst Buchholz in seiner Rolle in „Die Halbstarken“ mit einem frustrierten Vater konfrontiert, der auf Grund einer Kredit-Bürgschaft gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, unterstützt Werner Maurer (Mario Adorf) in „Am Tag als der Regen kam“ seinen ständig alkoholisierten Vater Albert (Gerd Fröbe) nach dessen Verlust der ärztlichen Zulassung mit dem ergaunerten Geld.

Diese konstruierte Dramatik verklausulierte den Generations-Konflikt, der in den 50er Jahren zwischen den Kriegsheimkehrern und einer aufbegehrenden Jugend entstanden war. Trotz der Zerstörungen und der von Oswald thematisierten Teilung der Stadt mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen, wurden der wenige Jahre zurückliegende Krieg und die Diktatur im Film tabuisiert und fanden keine Erwähnung. Fröbes überzeugende Darstellung eines Alkoholikers hätte enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären seine Depressionen als Folge der jüngsten Vergangenheit beschrieben worden, aber dieser Zusammenhang wurde nicht hergestellt. Stattdessen blieb der psychologische Hintergrund für sein Verhalten ebenso oberflächlich, wie die geschilderten Mechanismen innerhalb der Jugendbande. Der Brille tragende Außenseiter wird durch den sozialen Druck zum Mörder, um seine Zugehörigkeit zu beweisen, und der sonst so großmäulige Anführer erweist sich in einer schwierigen Situation als Feigling.

Ähnlich vieler ambitionierter Gesellschaftsdramen dieser Phase nutzte „Am Tag als der Regen kam“ seine unterhaltsame, sich tragisch zuspitzende Thriller-Handlung, um die Jugend vor den Versuchungen der Konsumgesellschaft und liberaleren moralischen Standards zu warnen. Äußerlich zeitgemäß inszeniert, verbarg sich im Sub-Text die pädagogische Intention. Dafür spricht auch die Besetzung von Christian Wolff als Bandenmitglied Robert, der damaligen Allzweckwaffe als „anständiger“ junger Mann im deutschen Film. Nachdem er in „Anders als du und ich“(1957) von der Homosexualität „geheilt“ worden war, verkörperte er in den folgenden Jahren mehrfach einen Jugendlichen, der erst auf die schiefe Bahn gerät, um schließlich seinen Fehler einzusehen und doch den „richtigen Weg“ einzuschlagen. Die von ihm gespielten jungen Männer durften nicht zu brav sein, um eine Identifikation beim Publikum zu ermöglichen. Erst dadurch erhielt seine spätere Einsicht die gewünschte Vorbildwirkung.

Gleiches galt für seine Partnerin Corny Collins, mit der Wolff damals real verheiratet war. In „Am Tag als der Regen kam“ spielte sie Inge aus Ostberlin, die mit Robert gemeinsam nach Westdeutschland gehen will, was Bandenboss Werner nicht gefällt. Collins stand für die moderne, aber wohl erzogene junge Frau – hübsch, aber mit ihren kurzgeschnittenen dunklen Haaren und hochgeschlossener Kleidung gegensätzlich zur sexuell aufreizenden blonden Ellen (Elke Sommer) auftretend, der attraktiven Geliebten des Anführers. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Paare bediente „Am Tag als der Regen kam“ kein typisches Gut-/Böse-Schema, vermied Oswald eine zu einseitige, rückwärtsgewandte Sichtweise. Inge und Robert verbringen unverheiratet eine Nacht miteinander und auch wenn an ihren hehren Zukunftsabsichten kein Zweifel bestehen konnte, bewiesen die Macher damit ihren Sinn für die Realitäten und verfolgten keine übertriebene Idealisierung ihres Vorzeige-Paars.

Ob ihre Botschaft beim damaligen Publikum ankam, lässt sich heute nur noch schwer feststellen, von langer Wirkung war sie nicht. „Am Tag als der Regen kam“ erging es wie den meisten Filmen dieser Phase, die vor den Gefahren der Moderne warnten, gleichzeitig aber deren Faszination bedienten. Statt Christian Wolff und Corny Collins wurden Elke Sommer, die hier in einer frühen Nebenrolle zu sehen war, und Mario Adorf zu internationalen Stars. Adorf gelang es seiner Rolle als Bandenboss mit blonder Freundin und Cabriolet sympathische Züge zu verleihen, ließ er neben konsequenter Härte auch soziale Kompetenz erkennen, nicht zuletzt im Umgang mit seinem Vater. Das nahm dieser Figur die abschreckende Wirkung, trotz der durch ihn ausgelösten tragischen Konsequenzen. Nicht der geläuterte Robert bleibt in Erinnerung, sondern der am Ende hilflos wirkende Werner und sein demoralisierter Vater – und die Stimme Dalidas: 

„…dann kamst du, dann kamst du!“

"Am Tag als der Regen kam" Deutschland 1959, Regie: Gerd Oswald, Drehbuch: Gerd Oswald, Heinz Oskar Wuttig, Will Berthold, Darsteller : Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer, Claus Wilcke, Arno PaulsenLaufzeit : 81 Minuten

Montag, 25. November 2013

Die Frühreifen (1957) Josef von Báky

Inhalt: Wolfgang (Christian Doermer) arbeitet unter Tage in einer Essener Zeche. Obwohl er fleißig und sparsam ist, redet der ältere Kollege Messmann (Paul Esser) nicht mit ihm, da er mit dessen Tochter Inge (Heidi Brühl) befreundet ist. Wolfgang beabsichtigt sie zu heiraten, sobald er seine Weiterbildung beendet hat und es sich leisten kann, aber Inge, die ihre Ausbildung zu einer Verkäuferin in einem Essener Mode-Geschäft macht, ist er zu vernünftig und abwartend. Sie möchte etwas erleben und will ihn dazu überreden, sich ein Motorrad zu kaufen, damit sie gemeinsam Ausflüge machen können. Lange widersetzt er sich ihrem Wunsch, aber dann greift er seine Ersparnisse an, um sie nach einer Modenschau, wo seine hübsche Freundin als Mannequin auftritt, mit dem neu erworbenen Motorrad abzuholen.

Doch sein Plan misslingt, denn unter den Gästen befanden sich Günther (Peter Kraus) und seine Freunde, die die Mädchen nach der erfolgreichen Modenschau zu einer Party in die mondäne Villa von Günthers reichen Eltern einladen – anstatt zu Wolfgang steigt sie zu Freddy (Christian Wolff) in dessen Mercedes. Die jungen Männer um Günther verfolgen klare Absichten, aber Freddy gelingt es nicht, Inge herumzukriegen, die anstatt mit zu ihm zu kommen, am frühen Morgen allein nach Hause geht. Dort erwartet sie schon ihr Vater, um ihr die Leviten zu lesen, weshalb sie spontan ihren Koffer packt und auszieht. Als sie nach ihrem Arbeitstag keine Unterkunft findet und Wolfgang nur Unverständnis für ihre Reaktion zeigt, steht sie abends vor Freddys Tür und bittet ihn um Hilfe…


Der Filmtitel "Die Frühreifen" klingt nicht nur ähnlich altmodisch wie "Die Halbstarken", der 1956 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle erfolgreich in den Kinos lief, sondern machte auch kein Geheimnis daraus, auf die selbe Thematik zu setzen: eine deutsche Jugend, die Gefahr lief, Anstand und Moral zu verlieren, verführt von den Errungenschaften eines Wirtschaftswunders, für das ihre Eltern hart arbeiten mussten. Auch Veit Harlans kurz zuvor gedrehter Film "Anders als du und ich (§175)" (1957) warnte unter dem Deckmantel der homosexuellen Thematik vor den Versuchungen der bis in bürgerliche Schichten vordringenden Moderne, die in allen drei Filmen nur zu abschreckenden Konsequenzen führen konnte: sexueller Missbrauch, Gefängnis oder Tod.

Wenig überraschend wurden mit Christian Wolff ("Anders als du und ich (§175)") und Christian Doermer ("Die Halbstarken") zwei wichtige Protagonisten der Vorgängerfilme auch in "Die Frühreifen" in tragenden Rollen besetzt, ergänzt von der damals erst 15jährigen Heidi Brühl, die dank der "Immenhof"-Filme schon ein großer Star in Deutschland war, erstmals Sabine Sinjen und nicht zuletzt Peter Kraus in einer scheinbaren Nebenrolle. Der 18jährige Kraus, der drei Jahre zuvor in "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) seinen ersten Auftritt hatte, begann 1957 auch seine Gesangs-Karriere, besaß aber noch nicht die Reputation seiner Mitspieler Wolff, Doermer und Brühl. Regisseur Josef von Báky, der mit "Münchhausen" (1943) einen großen Erfolg während der NS-Zeit feierte, ohne sich vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen, galt zudem als Spezialist für dramatische und gesellschaftskritische Filme – einen Ruf, den er schon kurz nach dem Krieg mit sogenannten „Trümmerfilmen“ ("...und über uns der Himmel" (1947)) gefestigt hatte.

Er ließ das Drehbuch nach dem Roman "Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann" der Autoren Klaus Bloehmer und Peter Heim anfertigen, aber wie nah sich der Film an die literarische Vorlage hielt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da diese - wie der Autor Bloehmer – heute unbekannt ist. Einzig Peter Heim verfügt noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad, den er seinem Erfolg "Die Schwarzwaldklinik" verdankt, nach dem die gleichnamige Fernsehserie entstand. Letztlich spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung des Films, da der dramatische Aufbau der in Essen, mitten im Ruhrgebiet, spielenden Handlung vorhersehbar blieb und die gängigen Klischees über die deutsche Jugend bedient wurden. Entsprechend nah liegt es, "Die Frühreifen" als veraltetes Abbild der konservativen deutschen Nachkriegsgesellschaft abzutun, aber ähnlich wie in "Die Halbstarken" gelang es auch hier, dank überzeugender Darsteller und eines im Detail mutigen Drehbuchs, die ursprüngliche Absicht des Films zu relativieren.

Christian Doermer wiederholte seine Rolle als solider junger Mann aus "Die Halbstarken", aber wie dort blieb er der unspektakulärste Charakter, weshalb seine Vorbildwirkung schwach geblieben sein dürfte. Zwar sollte der Sprung vom 10m -Turm zu Beginn auch eine verwegene Seite des jungen Arbeiters betonen, der täglich unter Tage fährt, sich weiter bildet und einen Teil seines Gehalts spart, aber Wolfgang (Christian Doermer) agiert gegenüber seiner Freundin Inge (Heidi Brühl) zu unbeweglich und altväterlich, um auf das Publikum attraktiv zu wirken. In der Realität hätte sein Typus sicherlich gute Chancen gehabt, aber im Film bedarf es anderer erzählerischer Mittel, wie der im Jahr darauf entstandene, thematisch verwandte Film "Der Pauker" (1958) bewies, der seine rückständige Botschaft konsequenter ausarbeitete. Dort spielte der inzwischen populär gewordene Peter Kraus zuerst die faszinierende Rolle, um - nachdem er aus den drohenden Konsequenzen die richtigen Lehren gezogen hatte - zu seinem anständigen jungen Mann zu reifen.

In "Die Frühreifen" wurde Peter Kraus dagegen noch als übler Charakter besetzt. Erst stiehlt er zum Spaß ein Auto, um es nach einer verwegenen Verfolgungsjagd mit der Polizei irgendwo abzustellen - er selbst besitzt als Sohn reicher Eltern ein eigenes Cabriolet - dann füllt er junge Mädchen mit Alkohol ab und filmt sie nackt, ohne auf irgendwelche Gefühle Rücksicht zu nehmen. Sein Spiel orientierte sich an James Dean, was besonders in der Schlussszene deutlich wird, in der er weinend zusammenbricht. Sollte der Film beabsichtigt haben, ihn als warnendes Beispiel einer dekadenten, egoistischen Jugend zu brandmarken, kann dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden. In seinem coolen Auftreten wurde Peter Kraus zum heimlichen Star des Films - schade, dass seine steigende Popularität ähnlich zwiespältige Rollen später nicht mehr ermöglichte.

Noch bemerkenswerter, wenn auch weniger plakativ und im Zeitkontext feststellbar, ist die von Heidi Brühl gespielte Rolle der jungen Verkäuferin Inge, deren strenger Vater (Paul Esser) ihr jeden Umgang mit jungen Männern verbietet und sie zu Hause tyrannisiert. Vordergründig spielt sie die Rolle der geläuterten Jugendlichen, die zuerst den Versuchungen erliegt, um nach schrecklichen Erfahrungen wieder auf den Weg der Tugend zurückzukehren, aber - selbst im Vergleich zum aktuellen Hollywood-Film - fiel ihr Buß-Gang sehr schwach aus, der sündig gewordenen Frauen normalerweise abverlangt wurde. Heidi Brühl agierte zudem erstaunlich selbstbewusst – erst zieht sie aus dem Elternhaus aus, beendet die Beziehung zum braven Wolfgang, nachdem dieser ihre Konsequenz kritisiert hatte, um wenig später mit dem attraktiven, aber psychisch gestörten Freddy (Christian Wolff) zusammen zu ziehen, den sie gemeinsam mit seinen reichen Freunden auf einer Party nach einer Modenschau kennengelernt hatte. Nachdem sie erwartungsgemäß mit den Abgründen hinter der glitzernden Fassade konfrontiert wurde, kehrt sie wieder zurück in ihre einfachen, aber anständigen Verhältnisse, ohne sich unterwerfen zu müssen – bis zum Ende verzichtete Josef von Báky auf die üblichen plakativen Korrekturen eines vorherigen Fehlverhaltens. Selbst die Rolle des evangelischen Vikars (Horst Brockmann), der sich als Tugendwächter in alle Angelegenheiten einmischt, wurde für die Entstehungszeit des Films modern angelegt.

Trotzdem lässt sich der Staub der 50er Jahre nicht vollends von „Die Frühreifen“ abschütteln. Die damaligen Aufreger erzeugen heute nur noch ein müdes Lächeln und Bakys Film ist anzumerken, wie sehr er sich um provozierende Details herum winden musste. Obwohl Inge und Freddy in einer Wohnung zusammenleben, sind sie nur einmal bei einem Kuss zu sehen – ihre wahrscheinliche Sexualität wird nicht thematisiert. Zwar lässt Günther (Peter Kraus) an Hand des gefilmten nackten Rückens der jungen und naiven Hannelore (Sabine Sinjen) keinen Zweifel daran, dass sie sich vor ihm auszog, gleichzeitig betont er aber, dass er darüber hinaus kein Interesse an dem Mädchen gehabt hätte. Ähnlich unrealistisch ist die Szene im Leichenschauhaus, denn die Polizei hätte die Jugendlichen auf diese Weise nicht konfrontieren dürfen – hier war der mahnende, moralische Zeigefinger wichtiger als die sonst schlüssige Milieuschilderung, die die eigentliche Qualität des Films ausmacht.

Die hier mit kontrastierenden Bildern von Fördertürmen und modernen Villen gezeigte materielle Diskrepanz war für die entstehenden Konflikte ausschlaggebend, und erinnert daran, dass die Phase eines großen sozialen Gefälles auch in der BRD noch nicht lange vorbei ist. Der nach dem 2.Weltkrieg einsetzende Wirtschaftsaufschwung verteilte die Einkommen zunächst sehr unterschiedlich. Während erfolgreiche Unternehmer sich jeden Luxus leisten konnten, war die Anschaffung eines Motorrads, wie sie hier - wie in „Der Pauker“ – thematisiert wurde, für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter und Angestellten nur mit Ratenzahlungen möglich, verbunden mit der drohenden Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Eine starke Mittelschicht, die diese Unterschiede nivellieren konnte, befand sich erst im Aufbau. Filme wie „Die Frühreifen“ verstanden sich angesichts wachsender sozialer Brennpunkte als Appell an die Jugend, sich von den Verheißungen eines Luxus-Lebens nicht verführen zu lassen, bedienten aber gleichzeitig dessen Faszination. Heidi Brühl und Peter Kraus konnten in ihren Rollen dagegen anspielen, verkörperten als junge Stars aber den Wunsch nach Ruhm und sozialem Aufstieg.

"Die Frühreifen" Deutschland 1957, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Gerda Corbett, Heinz Oskar Wuttig, Peter Heim (Roman), Klaus Bloehmer (Roman), Darsteller : Heidi Brühl, Peter Kraus, Christian Doermer, Christian Wolff, Paul Esser, Sabine SinjenLaufzeit : 87 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Josef von Báky:

Donnerstag, 21. November 2013

Anders als du und ich (§175) (1957) Veit Harlan

Inhalt: Der 17jährige Klaus Teichmann (Christian Wolff) ist nicht nur der Beste seiner Schulklasse, sondern auch ein begabter Maler, der sich der abstrakten Kunst widmet. Gemeinsam mit seinem besten Freund Manfred (Guenther Theil), der einen Roman schreibt, begeistert er sich für moderne, atonale Musik und gegenseitig spornen sie sich an, ihrer künstlerischen Passion zu folgen. Deshalb stellt Manfred seinen Freund auch dem Kunsthändler Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), einem Förderer der modernen Kunst, vor, der gerne junge Männer in seinem mondänen Haus zu gemeinsamen Kunst-Happenings versammelt.

Klaus Eltern, der Bankdirektor Werner Teichmann (Paul Dahlke) und seine Frau Christa (Paula Wessely), sehen seine Begeisterung nicht gerne, die sie unpassend für einen jungen Mann finden, aber Sorgen bereitet ihnen vor allem, dass sich Klaus trotz seines Alters nicht für Mädchen interessiert, sondern die Nähe von homosexuellen Männern bevorzugt. Während es sein Vater mit vergeblichen Verboten versucht, begibt sich seine Mutter zu einem Psychologen, um diesen um Rat zu bitten. Dessen Diagnose führt zu einer folgenschweren Entscheidung...


Regisseur Veit Harlan war während der Phase der nationalsozialistischen Diktatur für eine Vielzahl von Propagandafilmen verantwortlich, darunter der antisemitische Hetzfilm "Jud Süss" (1940), weshalb ihm noch 1944/45, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, alle verfügbaren Ressourcen an Mensch und Material für den Durchhaltefilm "Kolberg" (1945) zur Verfügung gestellt wurden, der von Goebbels Propagandaministerium als "kriegswichtig" erachtet wurde. Obwohl er 1950 endgültig von dem Vorwurf freigesprochen wurde, Mitschuld an dem Völkermord zu tragen - er hatte argumentiert, zur Regie von "Jud Süss" gezwungen worden zu sein - konnte er an die großen Erfolge der NS-Zeit nicht mehr anschließen. Fast alle seiner wenig erfolgreichen Nachkriegsfilme gerieten in Vergessenheit, darunter auch "Anders als du und ich (§175)" von 1957, obwohl dieser bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste und heftige Diskussionen hervorrief.

Ursprünglich sollte Harlans nach einer längeren Schaffenspause gedrehter Film - sein letztes Werk "Verrat an Deutschland" war Mitte 1955 in die Kinos gekommen - unter dem Titel "Das dritte Geschlecht" vertrieben werden, wurde aber von der "Freiwilligen Selbstkontrolle" stark moniert, weshalb Harlan gezwungen war, die ursprüngliche Fassung zu schneiden, einige Szenen nachzudrehen und den Film endgültig zu "Anders als du und ich (§175)" umzubenennen, womit er auf den Stummfilm "Anders als die Andern" aus dem Jahr 1919 anspielte, der sich erstmals offen mit der Homosexualität auseinandersetzte und frühzeitig die Streichung des §175 forderte, unter dem die Ausübung gleichgeschlechtlicher Liebe von Männern unter Strafe gestellt war. Veit Harlan behauptete, angesichts der Kritik an den anti-homosexuellen Tendenzen seines Films, die selbe Absicht gehabt zu haben, wodurch die These entstand, erst durch das Eingreifen der FSK, die das sittliche Empfinden der Mehrheit des deutschen Volkes gefährdet sah, wäre der homosexuellenfeindliche Gestus entstanden.

Einem Vergleich beider Fassungen kann diese These nicht standhalten, richtig ist aber, dass "Das dritte Geschlecht" den §175 zumindest in Frage stellte, während er in "Anders als du und ich (§175)" am Ende vollzogen wird, obwohl die Handlung dafür keine klaren Beweise liefern kann. Harlans Kritik am §175 lässt sich aus seiner Aussage "...dass es zweierlei Homosexuelle gibt – nämlich diejenigen, an denen die Natur etwas verbrochen hat, und diejenigen, die gegen die Natur verbrecherisch vorgehen..." (Zitat Veit Harlan) heraus lesen, womit er die Meinung vertrat, dass Menschen für etwas bestraft werden konnten, woran sie keine persönliche Schuld traf. Entsprechend angereichert ist sein Film mit wissenschaftlich anmutenden Vorträgen von Psychologen, die von der Gefährdung Jugendlicher und noch rechtzeitiger Heilbarkeit der "Krankheit" Homosexualität reden.

Es fällt entsprechend leicht, Harlan die selben perfiden Absichten zu unterstellen, wie er sie schon bei seinen geschickt inszenierten NS-Propagandafilmen bewiesen hatte, aber die Kritik der FSK, "Das dritte Geschlecht" würde die Homosexualität zu wohlwollend darstellen, lässt deutlich werden, dass Harlans Haltung in der BRD, Ende der 50er Jahre, schon einen progressiven Touch hatte. Angesichts der Ungeheuerlichkeit, dass der §175 erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde, wird häufig vergessen, dass "Ehebruch", "Unzucht" - gemeint war außerehelicher Geschlechtsverkehr - und "Kuppelei" bis zur Strafrechtsreform 1969 ebenfalls noch mit Gefängnis bestraft werden konnten. Ursprünglich sollte bei dieser Reform das Strafmaß für "Ehebruch" sogar verdoppelt werden, was die neu gewählte Regierung unter Willi Brandt verhinderte - von einer generellen gesellschaftlichen Akzeptanz konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein.

Die von der FSK geforderten Schnitte an "Das dritte Geschlecht" betrafen deshalb nicht nur die angeblich zu positiv beleuchteten Aspekte der Homosexualität - das Gespräch mit einem sehr seriös wirkenden, homosexuellen Anwalt oder den internationalen Freundeskreis des Kunsthändlers Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), der hier die Rolle des Verführers junger Männer spielte - sondern auch die sexuellen Interaktionen zwischen Mann und Frau. Die ausführlichen Nacktszenen von Ingrid Stenn in der Rolle der hübschen Gerda, die den 17jährigen, vom homosexuellen Fieber schon befallenen Klaus Teichmann (Christian Wolff in seiner ersten Rolle) mit weiblicher Verführungskunst heilen soll, wurden stark gestrichen  - das ihr kurz zu sehender nackter Busen nicht zum Skandal wurde, lag wahrscheinlich an der allgemeinen Thematik - und dem Psychologen wurden die Worte "die Liebe einer Frau" in den Mund gelegt, obwohl er vom Liebesakt redete, womit dem Film das Kunststück gelang, ausschließlich von Sex zu handeln, ohne diesen Begriff zu erwähnen.

Sollte Veit Harlan versucht haben, seine Intention ähnlich unterschwellig zu vermitteln wie in seinen Propagandafilmen, ist ihm das bei "Anders als du und ich (§175)" (ebenso wie bei der Urfassung "Das dritte Geschlecht") gründlich misslungen. Der Film verfügt weder über eine Story, noch einen klaren Handlungsbogen, sondern wirkt wie ein Flickenteppich aus Jugenddrama, Dokumentation, Kriminal- und Gerichtsfilm. Entscheidender ist aber die mangelhafte Charakterisierung der Protagonisten und damit die Schlüssigkeit ihres Handelns. Dass der zuvor so künstlerisch interessierte und sich für seinen Freund Manfred (Guenther Theil) einsetzende Klaus, nach dem Geschlechtsakt mit Gerda nur noch händchenhaltend und von Heirat redend (um die moralischen Regeln zumindest im Nachhinein noch zu erfüllen, obwohl klar ist, dass er nicht Gerdas erster Mann ist) mit ihr zu sehen ist - seine frühere Vergangenheit scheinbar vollständig hinter sich lassend - war selbst einem sittlich gefährdeten Publikum kaum zu vermitteln.

Der zuvor so engagierte und in seiner Aufmüpfigkeit gegen sein bürgerliches Elternhaus sympathische, intelligente junge Mann wird zu einem angepassten Duckmäuser - wenig erstaunlich, dass Harlans Film in der Publikumsgunst keine Chance hatte, da Klaus damit auch nach seiner Bekehrung nicht als Identifikationsfigur funktionierte. Um Nachahmungseffekte zu verhindern, gab sich Harlans Film in der Schilderung homosexueller Vergnügungen zudem bewusst intellektuell abgehoben und zog sich damit Kritik an seiner Sichtweise über zeitgenössische Kunst zu, die nicht weniger homophob daher kam. Im Vergleich zu erfolgreichen Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) oder "Der Pauker" (1958), die ebenfalls die Verführung Jugendlicher und damit die Gefährdung der bürgerlichen Moral in dieser Zeit anprangerten, wird deutlich, dass "Anders als du und ich (§175)" jede Authentizität fehlte. Der Misserfolg des Films beweist, dass die Handlung selbst für ein Publikum unglaubwürdig wirkte, das der Homosexualität nicht wohlwollend gegenüber stand.

Angesichts der neuen Gesetzgebung in Russland, in der jede Homosexualität in der Öffentlichkeit bei Strafe verboten ist, um Heranwachsende nicht zu beeinflussen, fällt es schwer, "Anders als du und ich (§175)" unter dem Aspekt unfreiwilliger Komik oder als im Zeitkontext unterhaltenden Film zu beurteilen. Auch in Deutschland existieren die hier gezeigten Tendenzen noch, aber noch unerträglicher wirkt die Selbstgerechtigkeit, mit der die Eltern von Klaus, gespielt von Paula Wessely und Paul Dahlke, hier handeln. Die Fassungslosigkeit, mit der sie reagieren, als Christa Teichmann (Paula Wessely) wegen Kuppelei angeklagt wird, das eigene Empfinden, sich immer korrekt verhalten zu haben und nie gegen Gesetze zu verstoßen, ist auch heute noch verbreitet - und führt immer wieder dazu, härtere Gesetze zu fordern, ganz im Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit.

Als Christa Teichmann vor den Richter tritt, um ihr Urteil zu erfahren, erhält sie Zustimmung von der anwesenden Öffentlichkeit - eine Szene, die nur in "Das dritte Geschlecht" existiert und erstaunlicherweise in der Endfassung fehlt. Empfehlenswert sind beide Fassungen nicht, außer als Betrachtung einer Geisteshaltung, die bis heute nicht ausgestorben ist.

"Anders als du und ich (§175)" Deutschland 1957, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Fritz Lützkendorf, Hans Habe, Darsteller : Christian Wolff, Paul Dahlke, Paula Wessely, Hans Nielsen, Ingrid Stenn, Friedrich Joloff, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Veit Harlan:

"Kolberg" (1945)