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Montag, 25. November 2013

Die Frühreifen (1957) Josef von Báky

Inhalt: Wolfgang (Christian Doermer) arbeitet unter Tage in einer Essener Zeche. Obwohl er fleißig und sparsam ist, redet der ältere Kollege Messmann (Paul Esser) nicht mit ihm, da er mit dessen Tochter Inge (Heidi Brühl) befreundet ist. Wolfgang beabsichtigt sie zu heiraten, sobald er seine Weiterbildung beendet hat und es sich leisten kann, aber Inge, die ihre Ausbildung zu einer Verkäuferin in einem Essener Mode-Geschäft macht, ist er zu vernünftig und abwartend. Sie möchte etwas erleben und will ihn dazu überreden, sich ein Motorrad zu kaufen, damit sie gemeinsam Ausflüge machen können. Lange widersetzt er sich ihrem Wunsch, aber dann greift er seine Ersparnisse an, um sie nach einer Modenschau, wo seine hübsche Freundin als Mannequin auftritt, mit dem neu erworbenen Motorrad abzuholen.

Doch sein Plan misslingt, denn unter den Gästen befanden sich Günther (Peter Kraus) und seine Freunde, die die Mädchen nach der erfolgreichen Modenschau zu einer Party in die mondäne Villa von Günthers reichen Eltern einladen – anstatt zu Wolfgang steigt sie zu Freddy (Christian Wolff) in dessen Mercedes. Die jungen Männer um Günther verfolgen klare Absichten, aber Freddy gelingt es nicht, Inge herumzukriegen, die anstatt mit zu ihm zu kommen, am frühen Morgen allein nach Hause geht. Dort erwartet sie schon ihr Vater, um ihr die Leviten zu lesen, weshalb sie spontan ihren Koffer packt und auszieht. Als sie nach ihrem Arbeitstag keine Unterkunft findet und Wolfgang nur Unverständnis für ihre Reaktion zeigt, steht sie abends vor Freddys Tür und bittet ihn um Hilfe…


Der Filmtitel "Die Frühreifen" klingt nicht nur ähnlich altmodisch wie "Die Halbstarken", der 1956 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle erfolgreich in den Kinos lief, sondern machte auch kein Geheimnis daraus, auf die selbe Thematik zu setzen: eine deutsche Jugend, die Gefahr lief, Anstand und Moral zu verlieren, verführt von den Errungenschaften eines Wirtschaftswunders, für das ihre Eltern hart arbeiten mussten. Auch Veit Harlans kurz zuvor gedrehter Film "Anders als du und ich (§175)" (1957) warnte unter dem Deckmantel der homosexuellen Thematik vor den Versuchungen der bis in bürgerliche Schichten vordringenden Moderne, die in allen drei Filmen nur zu abschreckenden Konsequenzen führen konnte: sexueller Missbrauch, Gefängnis oder Tod.

Wenig überraschend wurden mit Christian Wolff ("Anders als du und ich (§175)") und Christian Doermer ("Die Halbstarken") zwei wichtige Protagonisten der Vorgängerfilme auch in "Die Frühreifen" in tragenden Rollen besetzt, ergänzt von der damals erst 15jährigen Heidi Brühl, die dank der "Immenhof"-Filme schon ein großer Star in Deutschland war, erstmals Sabine Sinjen und nicht zuletzt Peter Kraus in einer scheinbaren Nebenrolle. Der 18jährige Kraus, der drei Jahre zuvor in "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) seinen ersten Auftritt hatte, begann 1957 auch seine Gesangs-Karriere, besaß aber noch nicht die Reputation seiner Mitspieler Wolff, Doermer und Brühl. Regisseur Josef von Báky, der mit "Münchhausen" (1943) einen großen Erfolg während der NS-Zeit feierte, ohne sich vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen, galt zudem als Spezialist für dramatische und gesellschaftskritische Filme – einen Ruf, den er schon kurz nach dem Krieg mit sogenannten „Trümmerfilmen“ ("...und über uns der Himmel" (1947)) gefestigt hatte.

Er ließ das Drehbuch nach dem Roman "Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann" der Autoren Klaus Bloehmer und Peter Heim anfertigen, aber wie nah sich der Film an die literarische Vorlage hielt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da diese - wie der Autor Bloehmer – heute unbekannt ist. Einzig Peter Heim verfügt noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad, den er seinem Erfolg "Die Schwarzwaldklinik" verdankt, nach dem die gleichnamige Fernsehserie entstand. Letztlich spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung des Films, da der dramatische Aufbau der in Essen, mitten im Ruhrgebiet, spielenden Handlung vorhersehbar blieb und die gängigen Klischees über die deutsche Jugend bedient wurden. Entsprechend nah liegt es, "Die Frühreifen" als veraltetes Abbild der konservativen deutschen Nachkriegsgesellschaft abzutun, aber ähnlich wie in "Die Halbstarken" gelang es auch hier, dank überzeugender Darsteller und eines im Detail mutigen Drehbuchs, die ursprüngliche Absicht des Films zu relativieren.

Christian Doermer wiederholte seine Rolle als solider junger Mann aus "Die Halbstarken", aber wie dort blieb er der unspektakulärste Charakter, weshalb seine Vorbildwirkung schwach geblieben sein dürfte. Zwar sollte der Sprung vom 10m -Turm zu Beginn auch eine verwegene Seite des jungen Arbeiters betonen, der täglich unter Tage fährt, sich weiter bildet und einen Teil seines Gehalts spart, aber Wolfgang (Christian Doermer) agiert gegenüber seiner Freundin Inge (Heidi Brühl) zu unbeweglich und altväterlich, um auf das Publikum attraktiv zu wirken. In der Realität hätte sein Typus sicherlich gute Chancen gehabt, aber im Film bedarf es anderer erzählerischer Mittel, wie der im Jahr darauf entstandene, thematisch verwandte Film "Der Pauker" (1958) bewies, der seine rückständige Botschaft konsequenter ausarbeitete. Dort spielte der inzwischen populär gewordene Peter Kraus zuerst die faszinierende Rolle, um - nachdem er aus den drohenden Konsequenzen die richtigen Lehren gezogen hatte - zu seinem anständigen jungen Mann zu reifen.

In "Die Frühreifen" wurde Peter Kraus dagegen noch als übler Charakter besetzt. Erst stiehlt er zum Spaß ein Auto, um es nach einer verwegenen Verfolgungsjagd mit der Polizei irgendwo abzustellen - er selbst besitzt als Sohn reicher Eltern ein eigenes Cabriolet - dann füllt er junge Mädchen mit Alkohol ab und filmt sie nackt, ohne auf irgendwelche Gefühle Rücksicht zu nehmen. Sein Spiel orientierte sich an James Dean, was besonders in der Schlussszene deutlich wird, in der er weinend zusammenbricht. Sollte der Film beabsichtigt haben, ihn als warnendes Beispiel einer dekadenten, egoistischen Jugend zu brandmarken, kann dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden. In seinem coolen Auftreten wurde Peter Kraus zum heimlichen Star des Films - schade, dass seine steigende Popularität ähnlich zwiespältige Rollen später nicht mehr ermöglichte.

Noch bemerkenswerter, wenn auch weniger plakativ und im Zeitkontext feststellbar, ist die von Heidi Brühl gespielte Rolle der jungen Verkäuferin Inge, deren strenger Vater (Paul Esser) ihr jeden Umgang mit jungen Männern verbietet und sie zu Hause tyrannisiert. Vordergründig spielt sie die Rolle der geläuterten Jugendlichen, die zuerst den Versuchungen erliegt, um nach schrecklichen Erfahrungen wieder auf den Weg der Tugend zurückzukehren, aber - selbst im Vergleich zum aktuellen Hollywood-Film - fiel ihr Buß-Gang sehr schwach aus, der sündig gewordenen Frauen normalerweise abverlangt wurde. Heidi Brühl agierte zudem erstaunlich selbstbewusst – erst zieht sie aus dem Elternhaus aus, beendet die Beziehung zum braven Wolfgang, nachdem dieser ihre Konsequenz kritisiert hatte, um wenig später mit dem attraktiven, aber psychisch gestörten Freddy (Christian Wolff) zusammen zu ziehen, den sie gemeinsam mit seinen reichen Freunden auf einer Party nach einer Modenschau kennengelernt hatte. Nachdem sie erwartungsgemäß mit den Abgründen hinter der glitzernden Fassade konfrontiert wurde, kehrt sie wieder zurück in ihre einfachen, aber anständigen Verhältnisse, ohne sich unterwerfen zu müssen – bis zum Ende verzichtete Josef von Báky auf die üblichen plakativen Korrekturen eines vorherigen Fehlverhaltens. Selbst die Rolle des evangelischen Vikars (Horst Brockmann), der sich als Tugendwächter in alle Angelegenheiten einmischt, wurde für die Entstehungszeit des Films modern angelegt.

Trotzdem lässt sich der Staub der 50er Jahre nicht vollends von „Die Frühreifen“ abschütteln. Die damaligen Aufreger erzeugen heute nur noch ein müdes Lächeln und Bakys Film ist anzumerken, wie sehr er sich um provozierende Details herum winden musste. Obwohl Inge und Freddy in einer Wohnung zusammenleben, sind sie nur einmal bei einem Kuss zu sehen – ihre wahrscheinliche Sexualität wird nicht thematisiert. Zwar lässt Günther (Peter Kraus) an Hand des gefilmten nackten Rückens der jungen und naiven Hannelore (Sabine Sinjen) keinen Zweifel daran, dass sie sich vor ihm auszog, gleichzeitig betont er aber, dass er darüber hinaus kein Interesse an dem Mädchen gehabt hätte. Ähnlich unrealistisch ist die Szene im Leichenschauhaus, denn die Polizei hätte die Jugendlichen auf diese Weise nicht konfrontieren dürfen – hier war der mahnende, moralische Zeigefinger wichtiger als die sonst schlüssige Milieuschilderung, die die eigentliche Qualität des Films ausmacht.

Die hier mit kontrastierenden Bildern von Fördertürmen und modernen Villen gezeigte materielle Diskrepanz war für die entstehenden Konflikte ausschlaggebend, und erinnert daran, dass die Phase eines großen sozialen Gefälles auch in der BRD noch nicht lange vorbei ist. Der nach dem 2.Weltkrieg einsetzende Wirtschaftsaufschwung verteilte die Einkommen zunächst sehr unterschiedlich. Während erfolgreiche Unternehmer sich jeden Luxus leisten konnten, war die Anschaffung eines Motorrads, wie sie hier - wie in „Der Pauker“ – thematisiert wurde, für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter und Angestellten nur mit Ratenzahlungen möglich, verbunden mit der drohenden Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Eine starke Mittelschicht, die diese Unterschiede nivellieren konnte, befand sich erst im Aufbau. Filme wie „Die Frühreifen“ verstanden sich angesichts wachsender sozialer Brennpunkte als Appell an die Jugend, sich von den Verheißungen eines Luxus-Lebens nicht verführen zu lassen, bedienten aber gleichzeitig dessen Faszination. Heidi Brühl und Peter Kraus konnten in ihren Rollen dagegen anspielen, verkörperten als junge Stars aber den Wunsch nach Ruhm und sozialem Aufstieg.

"Die Frühreifen" Deutschland 1957, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Gerda Corbett, Heinz Oskar Wuttig, Peter Heim (Roman), Klaus Bloehmer (Roman), Darsteller : Heidi Brühl, Peter Kraus, Christian Doermer, Christian Wolff, Paul Esser, Sabine SinjenLaufzeit : 87 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Josef von Báky:

Montag, 13. Mai 2013

Der Pauker (1958) Axel von Ambesser


Inhalt: Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist voll des Lobes für den Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann), dessen Klasse wie gewohnt den besten Eindruck hinterlässt. Doch diesmal belässt er es nicht bei der Anerkennung für den zwar respektierten, aber wenig beliebten Lehrer, sondern fordert ihn heraus. Eine Oberprima in der Großstadt bereite ihm Sorgen, die sich als schwer erziehbar erwiesen hätte. Da der bisherige Klassenlehrer entnervt aufgegeben hätte, sucht er eine neue Lehrkraft, aber das wäre eine ganz andere Herausforderung für einen Pädagogen, als in einem Provinzstädtchen zu lehren. Als Wagner ihn fragt, ob er sich diese Aufgabe zutraut, kann Dr. Seidel gar nicht anders, als sie anzunehmen.

In der neuen Schule angekommen, wird er mit einer allgemeinen Ablehnung konfrontiert. Weder zollen ihm seine neuen Schüler Respekt, noch reagieren sie auf seinen Unterricht. Stattdessen wird er versehentlich mit einem Faustschlag zu Boden geschickt, als er auf dem Schulhof in eine Rangelei gerät. Seidel versucht es deshalb mit Härte, als er Achim Bork (Peter Kraus) mit anzüglichen Fotos einer jungen Frau erwischt. Er konfisziert sie und bestellt seine Erziehungsberechtigten zu sich. Da seine Eltern beide tot sind, lebt Achim bei seiner älteren Schwester Vera Bork (Wera Frydtberg), die auf den Aufnahmen zu sehen ist, die sie für ihre Arbeit machen ließ. Achim hatte sie beim Fotografen abgeholt, weshalb sie sehr abweisend auf die autoritären Methoden des Lehrers reagiert und seine altmodische Haltung kritisiert. Ihr Bruder kann ihr da nur beipflichten, denn ihn interessieren nur sein Moped und die Gang, mit der er um die Häuser zieht. Ihr Anführer ist Harry Engelmann (Klaus Löwitsch), der vom Gymnasium gewiesen wurde, wodurch sein Einfluss aber nicht geringer wurde, wie Dr. Seidel bald feststellen muss…


In dem kleinen Provinzstädtchen ist die Welt Ende der 50er Jahre noch in Ordnung. Wenn Herr Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann) morgens zum Gymnasium schreitet, hängt die Kioskbetreiberin schnell den "Spiegel" vor die Blätter mit den unzüchtigen Fotografien, der Verkehrspolizist grüßt freundlich und die Schüler stehen stramm, sobald er das Klassenzimmer betritt. Selbstverständlich rattern sie perfekt die Jahreszahlen aus der Zeit Napoleons herunter, die ihnen ihr Geschichtslehrer zuvor eingebläut hatte. Der anwesende Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist zwar voll des Lobes für den Vorzeigelehrer, aber es gelingt ihm, Seidel zu provozieren, indem er dessen Leistung relativiert. Eine Oberklasse an einem großstädtischen Gymnasium wäre eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe für einen Lehrer, besonders da sie als schwer erziehbar gilt und gerade einen Klassenlehrer verschlissen hätte. Das lässt sich Dr. Hermann Seidel nicht zweimal sagen und zeigt sich bereit, auch dort seine pädagogischen Fähigkeiten zu beweisen.

Sobald das Stichwort „Oberklasse“ fällt, ist die Erinnerung an die „Feuerzangenbowle“ (1944) nicht fern, in der Heinz Rühmann noch als Schüler aktiv war. Regisseur Axel von Ambesser und Drehbuchautor Curth Flatow nutzten diese Popularität, um Rühmann erneut auf die Schule zu schicken - diesmal als Lehrkraft, die es mit einer problematischen Klasse zu tun bekommt. Doch anders als die „Feuerzangenbowle“, die aus ihrem fantasievollen Charakter kein Geheimnis machte, verankerte Komödienspezialist Flatow seine Story um einen konservativen Lehrer in der damaligen Gegenwart der BRD. Mit Heinz Rühmann wurde ein Sympathieträger auf die rebellierende Jugend losgelassen, die ihre schulischen Pflichten vernachlässigte, um lieber auf Mopeds die Gegend unsicher zu machen - für die damalige Gesellschaft der direkte Weg zur Bandenkriminalität. Ähnlich wie „Die Halbstarken“ (1956) verstand sich auch „Der Pauker“ als Warnung vor den Versuchungen eines an us-amerikanischen Vorbildern orientierten Lebensgefühls, versuchte aber seine Botschaft weniger offensichtlich zu formulieren.

Dafür war Heinz Rühmann die Idealbesetzung, denn selbst autoritäre Rollen wusste er immer mit einem Augenzwinkern zu versehen, die seinen humanen Charakter verrieten. In einer der ersten Szenen korrigiert er einen leicht begriffstutzigen Jungen humorvoll und ohne ihn herab zu würdigen. Entsprechend unglaubwürdig wirken die Charaktereigenschaften, die ihm zu Beginn angedichtet werden – zwar respektiert, aber beim Kollegium wenig beliebt, fristet der etwa 50jährige Dr. Seidel ein einsames Dasein in der Kleinstadt, hat aber unmittelbar nach seiner Ankunft in der Großstadt kein Problem damit, Freunde wie den Catcher Freddie Blei (Gert Fröbe) für sich zu gewinnen, dem er mit viel Verständnis die Grundregeln der deutschen Grammatik beibringt - als Gegenleistung für ein paar Ringertricks, die in der gefährlichen Großstadt unumgänglich zu sein scheinen. Dahinter verbirgt sich der Versuch, seine Entwicklung vom streng autoritären Lehrer zum einfühlsamen Pädagogen zu vermitteln, der auch Verständnis für die „heutige Jugend“ aufbringt. Mehrfach wird er später betonen, dass er viel „von seinen Jungs“ gelernt hätte, womit die Illusion einer Annäherung entstehen soll, obwohl Rühmann sich in seiner Rolle wie immer treu blieb und die Oberprimaner am Ende genau das tun, was von ihnen verlangt wird – stramm stehen und Jahreszahlen herunter beten. 

Wirkliches Verständnis für die jungen Heranwachsenden versucht „Der Pauker“ gar nicht erst zu entwickeln, sondern präsentiert mit Harry Engelmann (Klaus Löwitsch) den geeigneten Sündenbock für die grundanständigen, aber fehl geleiteten Oberprimaner – äußerlich in Marlon-Brando-Lederkluft gekleidet und um keinen Spruch verlegen, erweist er sich nicht nur als Krimineller, sondern nutzt auch das Vertrauen der anderen Jungs für seine Zwecke aus. Praktischerweise wurde er schon vor Dr. Seidels Ankunft von dem Gymnasium verwiesen, so dass dessen pädagogischen Fähigkeiten bei dem „hoffnungslosen Fall“ nicht mehr wirken müssen. Diese einseitige Schuldzuweisung wird noch durch die Besetzung von Peter Kraus als Oberprimaner Achim Bork unterstützt, der nur dank Dr.Seidels Eingreifen davor bewahrt wird, auf die schiefe Bahn zu geraten, wonach er als erster Geläuterter dessen Partei ergreift. Harry Engelmann hatte ihn nicht nur in die Schulden getrieben, sondern auch einen nicht ganz legalen Tipp parat, wie er diese abzahlen könnte.

Die gesamte Jugend-Szenerie und der Wunsch, aus einem reglementierten Alltag auszubrechen, werden hier verunglimpft. Unabhängiges Gedankengut und gute schulische Leistungen galten Ende der 50er Jahre noch als nicht vereinbar, was angesichts eines Unterrichtsstoffs, der nur daraus bestand, Wissen auswendig zu lernen, nicht überrascht. Aus heutiger Sicht, ohne die damalige Brisanz, wirken die Szenen wie ein folkloristischer Blick auf die 50er Jahre mit Rock’n Roll, Motorrädern, Prügeleien und flotten Sprüchen. Doch obwohl sich Regisseur von Ambesser am Zeitgeist orientierte und reale Ängste seines Publikums bediente - der Erfolg an der Kinokasse gab ihm recht - nahm er die Konstruktion seiner Story weniger genau. Die Zuspitzung eines Konflikts zwischen einem vorbildhaften, etwas altmodischen Lehrer und einer aufmüpfigen Gymnasialklasse hätte nie so stattfinden können. Wie schon die „Feuerzangenbowle“ anschaulich vermittelte, sind viele Lehrer nötig, um eine Oberprima auf das Abitur vorzubereiten, aber das hätte die einfache Botschaft des Films nur unnötig verkompliziert.

Axel von Ambessers Film ist unterhaltsam und flott inszeniert, aber nur Gert Fröbe als witziger Side-Kick und Heinz Rühmanns Mut, auch tragische Momente zuzulassen, retten den Film vor der Beliebigkeit typischer Komödien dieser Phase, dessen rückwärts gewandter Umgang mit der Jugend inzwischen komisch wirkt, damals aber ernst gemeint war. Die Komplexität, die „Der Pauker“ wagt, als Dr. Seidel sein Liebesleid mit Vera Bork (Wera Frydtberg) gegenüber der heimlich in ihn verliebten Musiklehrerin Fräulein Selinski (Bruni Löbel) beklagt, hätte dem Film auch gegenüber Harry Engelmann und seinen Freunden sehr gut getan.

"Der Pauker" Deutschland 1958, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Curth Flatow, Eckart Hachfeld, Darsteller : Heinz Rühmann, Wera Frydtberg, Gert Fröbe, Peter Kraus, Bruni Löbel, Ernst F. Fürbringer, Peter Vogel, Laufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Axel von Ambesser: