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Freitag, 2. Mai 2014

Ein Herz spielt falsch (1953) Rudolf Jugert

Zum 90.Geburtstag von Ruth Leuwerik am 23.04.2014:

Inhalt: Peter van Booven (O.W. Fischer), ständig pleite und von seinen Gläubigern verfolgt, will die junge Gerda (Gertrud Kückelmann) dazu überreden, ihr gemeinsames Kind abtreiben zu lassen. Mehr als ein kurzes Abenteuer wäre das zwischen ihnen nicht gewesen und sie würden auch nicht zusammenpassen. Ohne ihr Unglück weiter zu beachten, begibt er sich zu dem Chefarzt Professor Linz (Carl Wery), der mit seinem Vater befreundet war, um ihn um einen Eingriff bei Gerda zu bitten. Zuerst ihm wohlwollend begegnend, verweigert der Arzt empört Van Boovens Ansinnen und wirft ihn aus seiner Praxis.

Als er aus dem Krankenhaus tritt, begegnet er Sybilla Zander (Ruth Leuwerik), einer ehemaligen Klassenkameradin, die sich wegen ihrer Schmerzen am Hinterkopf bei dem mit ihr befreundeten Professor untersuchen lassen will. Er erkennt die unscheinbare, allein stehende junge Frau aus reichem Hause sofort wieder, die sich nicht verändert hat – schon während der Schulzeit hatte er sie „Alte Schachtel“ genannt. Wenig später kehrt er nochmals ins Krankenhaus zurück, da er seinen Hut vergaß, und wird zufällig Zeuge eines Gesprächs unter Ärzten, in dem Professor Linz seine tödliche Diagnose äußert. Sybilla hat seiner Meinung nach nur noch sechs Monate zu leben. Wieder in seiner kleinen Wohnung, erfährt er von seiner Vermieterin (Lina Carstens), dass ein ungehobelter Kerl nach ihm gefragt hätte, der bald wieder kommen will. Peter van Booven fasst einen perfiden Plan…


Ein Abenteurer, dem die Gläubiger im Nacken sitzen und dessen einzige Reaktion darauf, dass seine Geliebte schwanger ist, darin liegt, sich bei einem Arzt um eine Abtreibung zu bemühen, hört in dessen Praxis zufällig mit, dass eine frühere Klassenkameradin an einem unheilbaren Tumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Zwar machte er sich schon damals über das altmodische, unscheinbare Aussehen der Industriellentochter lustig, aber angesichts des verlockenden Erbes, dass auf einen Schlag seine Probleme lösen könnte, setzt er seinen gesamten Charme ein, um ihre frühere Bekanntschaft wieder aufzufrischen. Mit Erfolg, denn die nach einer Operation noch geschwächte junge Frau, die nichts von ihrem tatsächlichen Zustand weiß - der mit ihr befreundete Arzt wagt es nicht, sie über ihren baldigen Tod aufzuklären - freut sich über dessen Aufmerksamkeiten und verliebt sich in den attraktiven Mann.

Angesichts dieser Schmonzette überrascht es nicht, dass der Text als Fortsetzungsroman Anfang der 50er Jahre in der "Hör Zu" veröffentlicht wurde, geschrieben von deren langjährigen Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster. Entsprechend geringschätzig fielen die Kommentare der zeitgenössischen Kritiker ("oberflächlich konstruiert", "konventionell und falsch im Stoff") für einen Filmplott aus, der auch in heutigen Komödien vorstellbar wäre. Erst die Zusammenführung zweier gegensätzlicher kaum vorstellbarer Menschen unter emotional zugespitzten Bedingungen, die folgerichtig zu geschlechtsimmanenten Charakter Veränderungen führen - aus dem hässlichen Entchen wird ein schöner Schwan und aus dem egoistischen Schwerenöter ein verantwortungsvoller Ehemann. Äußerlich beschreitet "Ein Herz spielt falsch" genau diesen Weg, aber es wird deutlich, wie zeitlos, konkret und stimmig Regisseur Rudolf Jugert und seine Drehbuchautorin Erna Fentsch, Ehefrau von Carl Wery und mehrfache Mitstreiterin Jugerts („Ich heiße Niki“, 1952), die Romanvorlage umsetzten.

Dank seines Charmes vermied O.W. Fischer eine gänzlich unsympathische Gestaltung des berechnend vorgehenden männlichen Protagonisten Peter van Booven, aber an Konsequenz ließ er es nicht missen. Die von ihm schwangere Gerda (Gertrud Kückelmann) weist er zurück, bis sie sich das Leben nehmen will. Mit der Erinnerung an seinen verstorbenen Vater versucht er dessen Freund Professor Linz (Carl Wery) zu einer Abtreibung zu überreden und für den Blumenstrauß, mit dem er bei seiner früheren Klassenkameradin Sybilla Zander (Ruth Leuwerik) am Krankenbett Eindruck schinden will, verkauft er ein Andenken an den gefallen Sohn seiner Vermieterin (Lina Carstens). Selbst heute ließe sich kaum ein männlicher Filmstar auf das Risiko ein, eine ähnlich negativ besetzte Hauptfigur zu spielen, die Anfang der 50er Jahre zudem gegen die sehr viel konservativeren moralischen Standards verstieß. So überzeichnet diese Figur angelegt wurde, so authentisch vermittelt sie die häufig gebrochenen Lebensläufe in der Nachkriegszeit. O.W. Fischer spielte van Booven als Getriebenen, der nach dem Krieg die Kontrolle über sein Leben verloren hat und dem jedes Mittel recht ist, um seiner Notlage zu entkommen. Trotz dessen Charakterlosigkeit fiel es damals nicht schwer, sich mit dessen Situation zu identifizieren.

Ruth Leuwerik verkörperte das Gegenteil – eine altmodisch wirkende junge Frau, die von geradezu atemberaubender Verlässlichkeit und innerer Ruhe ist. Schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit nannte sie Van Booven eine „Alte Schachtel“, aber diese Bezeichnung erweist sich hier als Prädikat. Denn im Gegensatz zu den üblichen Geschichten vom „Hässlichen Entchen“ ändert sie sich nicht, sondern gewinnt in den Augen des Betrachters gerade dadurch, dass sie sich selbst treu bleibt. Ruth Leuwerik, die zuvor schon zwei Filme an der Seite Dieter Borsches gedreht hatte und mit „Königliche Hoheit“ (1953, Regie Harald Braun) noch im selben Jahr eine weitere Zusammenarbeit folgen ließ, wurde durch „Ein Herz spielt falsch“ endgültig zum großen Filmstar. Zwei weitere gemeinsame Filme mit O.W. Fischer unter der Regie Helmut Käutners („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und „Ludwig II.: Glanz und Elend eines Königs“ (1955)) gaben Ruth Leuwerik erneut die Gelegenheit, einen selbstbewussten und eigenständigen Frauen - Typus zu spielen, der auch viel über ihre enge Zusammenarbeit mit Braun, Käutner und Jugert aussagt, die die frühen Jahre ihrer Karriere prägten und mit denen sie auch später wiederholt zusammen arbeitete.

Harald Braun, der einen Großteil der Käutner-Filme der 50er Jahre produzierte (bis er früh 1960 starb), besetzte sie erstmals in einer Hauptrolle in „Vater braucht eine Frau“ (1951) und Rudolf Jugert, seit Käutners erstem Film „Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) als Regie-Assistent an dessen Seite tätig - bis er 1948 in „Film ohne Titel“ selbst erstmals die Regie übernahm – profitierte in „Ein Herz spielt falsch“ ungemein von Leuweriks exaktem und unaufgeregtem Spiel. Ihre Präsenz, die auch in den letzten Minuten des Films, als ihr Tod unmittelbar bevorsteht, jedes Abgleiten in Kitsch verhindert und O.W. Fischers schnelle Wandlung vom Saulus zum Paulus in den Hintergrund drängt, verlieh dem Film die notwendige Seriosität, um hinter dem klischeehaften Treiben den Angriff auf die damaligen Moralvorstellungen zu erkennen. „Ein Herz spielt falsch“ klingt zwar nach schicksalsschwerem Liebesdrama, aber Jugerts ein hohes Tempo vorlegender Unterhaltungsfilm wagte die Grobheit menschlicher Abgründe um eine zentrale Frauenfigur, die sich keinen gängigen Vorurteilen anbiederte.

"Ein Herz spielt falsch" Deutschland 1953, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Hans-Ulrich Hörster, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Carl Wery, Getrud Kückelmann, Lina Carstens, Günther Lüders, Gert Fröbe, Ernst F. Fürbringer, Rudolf VogelLaufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rudolf Jugert:

Mittwoch, 5. Juni 2013

Das Wirtshaus im Spessart (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: Obwohl der Moritatensänger (Rudolf Vogel) vor den Räubern im Spessart warnt und eine hohe Belohnung auf den Räuberhauptmann (Carlos Thompson) ausgesetzt ist, wagen sich die Wanderburschen Felix (Helmut Lohner) und Peter (Hans Clarin) in den finsteren Wald, ängstlich darauf vertrauend, dass sie als arme Schlucker nicht beraubt werden. Ganz anders sieht die Situation für die Comtesse Franziska von Sandau (Liselotte Pulver) und ihren Verlobten Baron Sperling (Günter Lüders) samt ihrer Begleitung aus, die mit ihrer Kutsche in eine Grube fahren und nicht mehr weiter können.

Zu ihrem scheinbaren Glück erscheinen wie zufällig Knoll (Wolfgang Neuss) und Funzel (Wolfgang Müller) an der Unglücksstelle, die ihnen den Tipp geben, die Nacht in einem nahe gelegenen Wirtshaus zu verbringen. Doch die beiden Räuber locken sie damit in die vorbereitete Falle, denn in dem abseits gelegenen Gasthaus taucht bald die Räuberbande mit dem Hauptmann an der Spitze auf, der sich ein ordentliches Lösegeld für die Comtesse erhofft. Um ihn zu täuschen, gibt sich Felix, der gemeinsam mit Peter auch im Wirtshaus untergekommen war, verschleiert als Comtesse aus, die selbst als Räuber verkleidet zu fliehen versucht. Doch als ihr klar wird, dass sie ihre Freunde damit im Stich lässt, schließt sie sich der Bande an…


Die Moritat um die Räuberbande im Spessart, die im 18.Jahrhundert spielen soll, war nicht nur die vierte Zusammenarbeit Kurt Hoffmanns mit Liselotte Pulver, sondern wurde einer der erfolgreichsten deutschen Filme der 50er Jahre, der folgerichtig mit „Spukschloss im Spessart“ (1960) und „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967) noch zwei Fortsetzungen nach sich zog, natürlich jeweils mit Liselotte Pulver in der Hauptrolle. Ein Erfolg dieser Größenordnung funktionierte nur mit einem genauen Gespür für den damaligen Publikumsgeschmack, weshalb der Zahn der Zeit deutlich mehr an "Das Wirtshaus im Spessart" genagt hat, als an einem weniger kompatiblen Werk wie "Die Zürcher Verlobung", den Helmut Käutner ein Jahr zuvor mit Lieselotte Pulver drehte.

Der Grund für den Erfolg der Geschichte um Comtesse Franziska (Liselotte Pulver) lag in der idealen Kombination damals beliebter Genres. Beginnend mit einem Vogelhändler und Moritatenerzähler (Rudolf Vogel), der dem Geschehen eine erzählerische Klammer gibt, liegt ein Schwerpunkt auf dem Gesang, der nicht kitschig klingt, sondern in einer Art Sprechgesang zwischen komödiantischen, albernen und sanft kabarettistischen Momenten wechselt. Besonders die beiden Erz-Komiker Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, die hier als gutmütige, leicht trottelige Räuber in das Geschehen eingreifen, dürfen sich auf diese Weise über kleinbürgerliches Denken amüsieren.

Die historisch anmutende Kulisse vor dem Hintergrund von Wasserschloss Mespelbrunn im Spessart, wirkt theatralisch künstlich mit betont schmutzigem Räuberlager und einem von waberndem Nebel umflorten düsteren Wirtshaus mitten im Wald. Eine bewusst herbei geführte Wirkung, denn trotz der gruseligen Atmosphäre macht Regisseur Hoffmann kein Geheimnis daraus, dass es sich hier um eine leicht abgedrehte Komödie handelt, deren Räubermilieu er für respektlose Bemerkungen und moralisch gewagte Konstellationen nutzte. Der dicke Pfarrer, der das Geschehen mit weisen Sprüchen und erhobenem religiösen Zeigefinger kommentiert, wirkt entsprechend deplaziert und lächerlich – eine sanfte Kritik an den kirchlichen Moralvorstellungen.

"Das Wirtshaus im Spessart" vermittelt aus heutiger Sicht ein so vieldeutiges, wie uneinheitliches Bild. Der historische Rahmen versucht trotz schöner Kostüme gar nicht erst authentisch zu wirken. Einerseits gibt es den Oberst eines Kavallerieregiments, dessen Auftritt an einen typischen preußischen Offizier (Hubert von Meyerinck) aus der Zeit von Wilhelm II. erinnert, obwohl der Film optisch früher angesiedelt ist, andererseits spielt Liselotte Pulver die junge Adlige in einer Mischung aus Rüpelhaftigkeit und Selbstbewusstsein, die für 1958 sehr modern war. Noch heute ist es gut nachvollziehbar, dass diese Mischung aus Märchen, gruseliger Räuber-Atmosphäre und Komödie mit vielen witzig frechen Sprüchen und Gesängen sehr gut ankam, besonders dank der burschikos, respektlosen Liselotte Pulver. Dazu werden Seitenhiebe auf das Militär, die Kirche, die adligen geldgierigen Führungskräfte und das Spießbürgertum im Allgemeinen abgegeben. Und zu alledem gibt es noch eine romantische Liebesgeschichte zwischen der Comtesse und dem Räuberhauptmann (Carlos Thompson).

Die Story selbst ist sehr einfach gehalten und liefert nur das Grundgerüst für die Gesänge und komödiantischen Szenen - und für die frivolen Momente zwischen unverheirateten Männlein und Weiblein. Leider geht dem wilden Treiben am Ende ein wenig die Luft aus, da auch „Das Wirtshaus im Spessart“ nicht ohne Happy-End auskommt und sich der Räuberhauptmann in Wirklichkeit als ganz lieber und dazu noch adliger Kerl entpuppt. Auch daran wird der Geist von 1958 sichtbar, der sich in einem akzeptierten Rahmen ein wenig Kritik leistet, letztlich aber doch die Erwartungshaltungen des Publikums an eine schöne unterhaltende Geschichte erfüllen will.

Trotz kleinerer Wagnisse wirkt "Das Wirtshaus im Spessart" heute altmodisch, da sich die kabarettistisch komödiantischen Anspielungen am damaligen Zeitgeist orientierten und inzwischen betulich und harmlos daher kommen. Auch den emanzipatorischen Ansatz hält der Film nicht durch, denn die lange Zeit in einer Hosenrolle agierende Liselotte Pulver akzeptiert am Ende ihre mädchenhafte Unterordnung, um die Erwartung an Romantik und die gewohnten Geschlechterrollen zu erfüllen. Die Räuberposse um eine Comtesse, die zusammen mit Freunden von Räubern entführt wird und als Mann verkleidet entfliehen kann, hat viel von ihrer damaligen Wirkung verloren, lässt aber den Spaß der Beteiligten an dem Film nach wie vor spüren, denn Kurt Hoffmann konnte eine Vielzahl komödiantischer Schauspieler von Hans Clarin, über Ralf Wolter bis Günter Lüders aufbieten. Und das damals führende Komikerpaar Neuss/Müller befand sich wie üblich in großartiger Spiellaune, weshalb "Das Wirtshaus im Spessart" auch heute noch bestens unterhalten kann.

"Das Wirtshaus im Spessart" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Luiselotte Enderle, Kurt Hoffmann, Heinz Pauck, Darsteller : Liselotte Pulver, Carlos Thompson, Hans Clarin, Rolf Wolter, Günther Lüders, Helmut Lohner, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Rudolf Vogel, Ina Peters, Hubert von Meyerinck, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:

"Quax, der Bruchpilot" (1941)
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Ich denke oft an Piroschka" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Montag, 25. März 2013

Ich denke oft an Piroschka (1955) Kurt Hoffmann

Inhalt: Während er im Sommer 1955 mit dem Zug fährt, denkt Andreas (Gunnar Möller) an die Zeit vor 30 Jahren zurück, als der damalige Student den Sommer in Ungarn verbrachte. Auf der Reise in die Puszta lernte er in Budapest Greta (Wera Frydtberg) kennen, erlebte einen wunderschönen Tag mit ihr und verabredet sich mit ihr in ein paar Wochen am Plattensee.

Doch in den kommenden Wochen sollte sein Leben von der 17jäjrigen Piroschka (Liselotte Pulver) bestimmt werden, der Tochter des Bahnhofvorstehers des Ortes, an dem er seine Ferien verbringt. Obwohl sie sich näher kommen, fährt Andreas heimlich an den Plattensee, um Greta wieder zu treffen, nachdem er von ihr einen Brief erhalten hatte. Doch er hat die Rechnung ohne Piroschka gemacht, die ihm nachfährt…


Es gibt Filme, die in Würde altern - man sieht ihnen an, dass sie nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit sind, aber ihr Thema bleibt aktuell. So wie in "Ich denke oft an Piroschka", der eine Sehnsucht beschreibt, die Niemand ehrlich von sich weisen wird - die Sehnsucht nach einer romantischen Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt steht Andreas (Gunnar Möller), der sich bei einer Zugfahrt im Jahr 1955 an den Sommer des Jahres ’25 zurück erinnert und damit an das Mädchen Piroschka (Lieselotte Pulver). Zwar lagen 30 Jahre zwischen der damaligen Gegenwart und dem geschilderten Geschehen, aber die moralischen Standards, besonders bezüglich der Beziehung zwischen Mann und Frau, hatten sich in dieser Zeit kaum verändert.

Verändert hatten sich aber die politischen Verhältnisse, so dass es 1925, kurz nach dem Ende der KuK Monarchie Österreich-Ungarn, noch deutlich leichter war nach Ungarn zu reisen. 1955 dagegen lag Ungarn hinter dem „eisernen Vorhang“, was erklärt, warum der Film die ungarische Folklore so stark betonte. Aus heutiger Sicht sind diese Szenen etwas gewöhnungsbedürftig. Nicht wegen ihrer Qualität, sondern wegen des inszenatorischen Stil, der vermittelt, in der Puszta fände täglich ein Volksfest statt und die hier gezeigten Tänze und Gesänge wären von spontaner, natürlicher Anmutung. Dabei ist es offensichtlich, dass hier ausgebildete Tänzer und Sänger am Werk sind. Hinzu kommt noch das ungarische ("Paprika") Temperament, besonders verkörpert von den "ur-ungarischen" Volksschauspielern Gustav Knuth und Rudolf Vogel, die hier in tragenden Nebenrollen zu sehen sind. Zwar war es 1925 in Ungarn nicht ungewöhnlich, deutsch zu sprechen, aber untereinander wird kaum Jemand in dieser Sprache kommuniziert haben, wie es hier regelmäßig geschieht.

Diese Details sind der Entstehungszeit des Films geschuldet. Doch darüber lässt es sich leicht hinwegsehen, denn die Story selbst ist zeitlos, was besonders dem Spiel von Liselotte Pulver zu verdanken ist, deren Popularität dank dieser Rolle deutlich zunahm. Seit sie in „Föhn“ (1950) an der Seite von Hans Albers gleich eine dramatische Rolle gespielt hatte, war sie zu einer beliebten Komödien-Darstellerin geworden. Allerdings in heute größtenteils vergessenen Filmen, darunter „Klettermaxe“ (1952), ihrem ersten Film unter Regisseur Kurt Hoffmann, zu dessen bevorzugter Schauspielerin sie später werden sollte (unter anderen „Das Wirtshaus im Spessart“ (1958)). Hoffmann selbst hatte sich seit seinem ersten Film - „Paradies der Junggesellen“ (1939) mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle - schon einen Namen als Regisseur für Unterhaltungsfilme gemacht, auch mit „Quax, der Bruchpilot“ (1941), der einer der Lieblingsfilme Adolf Hitlers wurde. Die Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut blieb in seinen vor 1945 entstandenen Filmen allerdings rudimentär, weshalb Hoffmann nach dem Krieg ohne Einschränkungen als Regisseur weiter arbeiten konnte.

Liselotte Pulver gelang es, ihre Rolle als 17-jährige junge Frau natürlich und ohne Übertreibungen zu gestalten. Ihr Temperament, ihre Sehnsüchte und ihre Gefühle bleiben authentisch, so dass ihre (Schweizer) Herkunft keine Rolle spielte - sie ist verliebt und wirkt in ihrer unabhängigen Art selbstbewusst und modern. Der wohl erzogene und gebildete Andreas erscheint dagegen altmodísch, funktioniert in seiner leicht linkischen Art aber auch heute noch als Identifikationsfigur für einen jungen, unerfahrenen Mann. Beinahe erscheint es unwirklich, dass ein solcher Typ von zwei Frauen begehrt wird, denn darum geht es in diesem Film, der keine lineare Geschichte erzählt, sondern die Atmosphäre eines Sommers einfängt.

Andreas begegnet auf der Hinreise zu seinem Ferienaufenthalt in der ungarischen Puszta Greta, mit der er einen romantischen, aber letztlich nicht erfolgreichen Abend in Budapest verlebt. Endlich am Ziel seiner Reise angekommen, lernt er Piroschka kennen, die Tochter des Bahnhofvorstehers und verbringt mit ihr ein paar schöne Wochen bis er Post von Greta bekommt. Heimlich reist er zu ihr an den Plattensee, aber Piroschka lässt ihn nicht aus den Augen.

“Ich denke oft an Piroschka“ verzichtet nicht nur auf lustspielartige Verwechslungen oder besonders komödiantische Szenen, sondern bleibt im Gegenteil ernst in der Darstellung eines unbeschwerten Sommers. Traumwandlerisch umging Hoffmann die Gefahren von Klischees und Kitsch, und schuf etwas außergewöhnliches und zeitloses, nicht nur für den deutschen Film - eine wirklich schöne romantische Liebesgeschichte.

"Ich denke oft an Piroschka" Deutschland 1955, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Per Schwenzen, Joachim wedekind, Hugo Hartung (Roman), Darsteller : Liselotte Pulver, Gunnar Möller, Gustav Knuth, Rudolf Vogel, Wera Frydtberg, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:

"Quax, der Bruchpilot" (1941)
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Samstag, 23. März 2013

Ein Mann geht durch die Wand (1959) Ladislao Vajda


Inhalt: Herr Buchsbaum (Heinz Rühmann) hat es sich in seinem Leben eingerichtet. Er arbeitet als Finanzbeamter 3.Klasse in einem Büro für Mahnschreiben, lebt alleine in seiner kleinen Wohnung, besitzt kaum soziale Kontakte und seine größte Freude ist es, des abends in sein Briefmarkenalbum zu sehen und von fremden Ländern zu träumen.

Jede unvorhergesehene Veränderung reißt ihn aus seiner scheinbaren Selbstzufriedenheit und bereitet ihm schlechte Laune - egal ob es die neue Nachbarin ist, die ihn im Treppenhaus beschimpft, oder die dilettantische Klaviermusik, die ihn bei seiner abendlichen Meditation stört. Doch erst als mit Herrn Pickler (Hubert von Meyerinck) ein neuer Chef die Büroleitung übernimmt, wird er aus seiner Lethargie gerissen, denn dieser Despot macht ihm das Leben äußerst schwer.

Da kommt ihm eine neu entdeckte Fähigkeit zu Hilfe, die er nachts plötzlich entdeckt - er kann durch Wände gehen...

Heinz Rühmann befand sich nach schwierigen Nachkriegsjahren, die auch mit seiner Rolle im III. Reich zusammenhingen, seit Mitte der 50er Jahre wieder in der Erfolgsspur und drehte einen Kassenknüller nach dem anderen. Inmitten der Vielzahl erfolgreicher Komödien ("Charleys Tante" (1956), "Vater sein dagegen sehr" (1957), "Der brave Soldat Schwejk" (1960)) und moralisch belehrender Filme ( "Der Pauker" (1958), "Der Jugendrichter" (1960)) stechen die zwei Filme hervor, die Rühmann gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Ladislao Vajda drehte - "Es geschah am helllichten Tage" (1958) und "Ein Mann geht durch die Wand".

Obwohl sich beide Filme einem extremen bzw. fantastischem Thema widmeten, waren sie der Wirklichkeit der jungen Bundesrepublik näher als scheinbar realistischere Themen mit Rühmann als Lehrer, Richter oder allein erziehender Vater, denn bei diesen handelte es sich eher um Pseudo-Dramen, in denen Rühmann zwar ein humanistisches Bild seiner Figuren zeichnen konnte, die aber letztendlich nur die moralischen Ansichten ihrer Zeit bestätigten. Während Rühmanns Rollen auch immer Vorbildcharakter hatten und stellvertretend für eine generelle Haltung standen, konzentrierten sich die Filme unter Vajda auf eine individuelle Persönlichkeit. Der Unterschied blieb auch dem damaligen Publikum nicht verborgen, welches "Ein Mann geht durch die Wand" an den Kinokassen durchfallen ließ.

Dabei scheint der Film im Gegensatz zu "Es geschah am helllichten Tage" wieder auf Rühmanns angestammte Rolle als "Kleiner Mann" zurückzugreifen, der sich innerhalb einer scheinbar übermächtigen Umwelt behaupten muss. Doch hier gelang Rühmann als Herr Buchsbaum eine komplexere Sicht auf einen Verlierer, der als Beamter 3.Klasse mit dem Verfassen von Steuer-Mahnschreiben sein Dasein fristet. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf den Besuch eines Malers (Rudolf Rhomberg), dem er sein Erlebnisse mitteilt, während dieser – oft gar nicht zuhörend - seine nicht gegenständliche Kunst malt und ihn ständig um Geld bittet. Rühmann bleibt in seiner Darstellung immer langsam, spricht ruhig ohne besonderen Charme oder Witz und entwirft überzeugend eine Figur, die ihr Leben schon hinter sich hat und in ihrer (Selbst-)Zufriedenheit vor allem nicht gestört werden will. Hätte nicht der Sympathieträger Heinz Rühmann diese Figur verkörpert, wäre Herr Buchsbaum als verschrobener Zeitgenosse angesehen worden.

Dessen Leben wird erst empfindlich zerstört, als er einen neuen Chef bekommt. Statt des gemütlich, freundlichen Vorgesetzten, der ihn sehr schätzte, bekommt er es mit Pickler (Hubert von Meyerinck) zu tun, dessen Name Programm ist, da er über das Gemüt einer preußischen Pickelhaube verfügt. In dieser deutlich überzeichneten, in ihrer Bösartigkeit einseitigen Figur, treffen sich zwei scheinbar gegensätzliche Strömungen - die Vergangenheit mit ihrer autoritätsgläubigen Unterwürfigkeit und die Moderne in ihrer unmenschlichen Effektivität. Durch die Auseinandersetzung mit diesem allgemeinen Feindbild bekommt die Figur des Herrn Buchsbaum erst Profil, denn dieser wehrt sich gegen die Tiraden des neuen Chefs und nutzt seine überraschenden Fähigkeiten, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

Zwischen diesen Vorgängen kommt es zu einer Schlüsselszene: Buchsbaum trifft seinen alten Lehrer, der sich darüber wundert, wieso es sein ehemaliger Klassenprimus nicht zu einer besseren Position gebracht hatte. Buchsbaum antwortet ihm, dass sein Leben voller unüberwindbarer Wände sei, worauf dieser entgegnet, dass es keine Wände gäbe, die man nicht bezwingen könnte. Dieser philosophische Ansatz wird in dem nach Marcel Aymé’s Novelle entstandenen Script geschickt umgesetzt, indem Buchsbaum eines Abends zufällig erkennt, dass er durch Wände gehen kann. Überzeugend spielt Rühmann einen Mann, der sich über diese Fähigkeit keineswegs freut, da diese eine unerwünschte Individualisierung bedeutet und erst als der Leidensdruck durch den neuen Vorgesetzten zu groß wird, beginnt er sich seiner neuen Möglichkeiten zu bedienen.

Mit dem Auftauchen des Herrn Pickler verliert „Ein Mann geht durch die Wand“ zunehmend seine Linie und entwickelt sich von der genau beobachteten Psyche eines Einzelgängers, dessen Lebensform durchaus auch ein kritisches Bild auf die Bundesrepublik und ihre Erwartungshaltung an seine Bürger wirft, zu einem typischen Rühmann-Lustspiel. Das liegt keineswegs an dem intelligenten Einfall, seinen Protagonisten durch die Wand gehen zu lassen, sondern ist der Tatsache geschuldet, Rühmann wieder die schon mehrfach gespielte Rolle des einfachen, aber anständigen Bürgers wiederholen zu lassen, die der großen Versuchung zwar einen Moment erliegt, aber letztlich den Pfad der Tugend nicht verlässt.

Die Figur des Herrn Pickler ist zu übertrieben, um damit ernsthaft Kritik an dem Gebaren von Vorgesetzten zu üben, weswegen dessen Demontage fast schmerzhaft populistisch wirkt. Die späteren „Supermann“-Episoden, in denen mit viel Presse-Brimborium Buchsbaums Fähigkeiten begleitet werden, sind natürlich unterhaltend – auch weil Rühmann inzwischen abgeklärter als zu Beginn agiert - ,aber sie verdeutlichen auch die verpassten Chancen, die das Thema in sich barg. Anstatt mit dieser „Super-Fähigkeit“ einen Weg aus der gesellschaftlichen Anpassung zu finden und damit „echte“ Wände zu durchqueren, erfährt Rühmanns Figur nur dahingehend eine Entwicklung, dass er im gesellschaftlichen Sinne „Erfolg“ hat – letztlich ist er am Ende angepasster als zu Beginn. Die Therapie war erfolgreich.

Trotzdem bleibt – neben dem Unterhaltungswert – ein positiver Eindruck zurück, weil die Darstellungen übertriebene Reaktionen vermeiden und selbst das unvermeidliche Happy-End subtil umgesetzt ist. Man muss dem Film im Zeitkontext der späten 50er Jahre und auch hinsichtlich der Erwartungen des Publikums an Heinz Rühmann zugestehen, dass er in seiner ruhigen Erzählform, die auf typische komödiantische Elemente größtenteils verzichtete, trotz der Aufweichung des Konzepts, ein auch aus heutiger Sicht nachvollziehbares Bild der Bundesrepublik entwirft und im Detail entlarvend bleibt.

"Ein Mann geht durch die Wand" Italien 1959, Regie: Ladislao Vajda, Drehbuch: Hans Jacoby, Marcel Aymé (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Hubert Von Meyerinck, Rudolf Vogel, Nicole Courcel, Peter Vogel, Lina Carstens, Fritz Eckhardt, Laufzeit : 99 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Ladislao Vajda: