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Donnerstag, 16. Januar 2014

Frühstück im Doppelbett (1963) Axel von Ambesser

Inhalt: Seit ihrer Hochzeit 1960 haben Henry (O.W.Fischer) und Liane (Liselotte Pulver) viel Zeit im gemeinsamen Doppelbett verbracht, besonders an den folgenden Hochzeitstagen, weshalb sich Liane auch an ihrem dritten Jahrestag auf ein gemeinsames Frühstück mit ihrem Mann freut. Doch weit gefehlt – weder gibt es besondere Speisen, noch Geschenke. Ihr Mann ist schon lange bei der Arbeit in seinem Zeitungsverlag und nur das Hausmädchen Cilly (Ruth Stephan) serviert wie gewohnt das tägliche Frühstück.

So schnell gibt Liane nicht auf, zieht sich schick an und geht ins Pressehaus ihres Mannes, ohne sich von dessen Vorzimmerdame (Edith Hancke) aufhalten zu lassen. Doch es hilft nicht, denn er hat den Hochzeitstag vergessen und will abends nur noch ins Bett, ohne zu begreifen, warum seine Frau den ganzen Tag so einen Aufriss macht. Erst am nächsten Tag evrsteht er ihr Verhalten und geht zum direkten Angriff über. Zuerst beschwert er sich bei ihr, nicht an ihr Jubiläum gedacht zu haben, um danach zerknirscht zu gestehen, sich im Datum vertan zu haben. Liane ist beruhigt und freut sich auf ein feudales Abendessen, worauf sie sich mit ausführlicher Schönheitspflege vorbereitet – doch ihr Mann versetzt sie, da er zu einem wichtigen Termin muss…

Die von der PIDAX am 17.01.2014 herausgebrachte DVD "Frühstück im Doppelbett" füllt nicht nur eine Lücke im umfangreichen Oevre Liselotte Pulvers, sondern gibt einen Einblick in die frühen 60er Jahre, der beweist, dass Fitness- und Gesundheitswahn oder die "sexuelle Revolution" schon früh in der Bundesrepublik ankamen. Der Film geriet trotz seiner prominenten Besetzung in Vergessenheit, da er sich sehr nah am damaligen Zeitgeschehen orientierte - genau das macht ihn heute wieder interessant.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).














Mit "Frühstück im Doppelbett" entriss die „Pidax film media ltd.“ erneut einen Film der Vergessenheit, der angesichts der beteiligten Künstler sofort die Frage provoziert, warum er zuvor in der Versenkung verschwand. Die Besetzung mit Liselotte Pulver, die im selben Jahr den Bambi als beste nationale Darstellerin verliehen bekam, O.W.Fischer, seit Beginn der 50er Jahre erfolgreich, dem dank der Karl-May-Filme sehr populären Lex Barker und der als "Sex-Bombe" bekannten Ann Smyrner erfüllte höchste Ansprüche, aber auch Regisseur Axel von Ambesser und Autor Ladislas Fodor gehörten zu den erfolgreichsten Vertretern ihrer Zunft. Fodor schrieb parallel die Drehbücher zu der "Mabuse" - Filmreihe und Von Ambessers ebenfalls mit Liselotte Pulver in der Hauptrolle im Jahr zuvor herausgebrachter Film "Kohlhiesls Töchter" (1962) gehört heute noch zu den bekanntesten deutschen Filmkomödien dieser Zeit.

Doch Von Ambesser und Fodor verstanden "Frühstück im Doppelbett" nicht als reinen Unterhaltungsfilm, sondern als Gesellschaftssatire, die das Schicksal vieler zeitaktueller Filme ereilte - sie wurde schnell altmodisch. Während die Story um das junge Ehepaar Henry (O.W.Fischer) und Liane Clausen (Lieselotte Pulver), das in den Routinemodus verfällt und sich scheiden lassen will, wenig überraschend verläuft, vergeht kaum eine Minute, in der nicht irgendeine Anspielung auf gegenwärtige Ereignisse oder gesellschaftliche Entwicklungen geäußert wird - meist aus dem Mund O.W.Fischers in der Rolle eines Zeitungsverlegers (sein Vorname „Henry“ spielte auf Stern-Herausgeber und Chefredakteur „Henry Nannen“ an), aber immer aus einer konservativen Haltung heraus. Zwar geben sich die Eheleute Clausen modern, jonglieren mit neuen Partnern und gehen scheinbar leichtfertig mit einer Scheidung um, aber damit wollten die Macher nur aktuelle Strömungen in der jungen BRD persiflieren. Ernst meinten sie es damit nicht, denn geradezu penetrant betont der Film, dass es zu keinen sexuellen Interaktionen mit den geplanten Nachfolgern kommt – entsprechend rückständig erscheint der Film heute in seiner Betonung der klassischen Geschlechterrollen etwa im Vergleich zu dem im selben Jahr erschienenen Liebesfilm "Schloss Gripsholm".

Besonders Liselotte Pulver, die häufig moderne, selbstständig agierende Frauenrollen spielte, wirkt trotz ihres gewohnt frechen Mundwerks als verwöhnte Ehefrau, die sich nur um ihr Aussehen und die Wohnungseinrichtung kümmert, fehlbesetzt. Die Hausarbeit wird ihr von Cilly (Ruth Stephan) abgenommen und von Kindern ist nie die Rede, weshalb ihre Rolle ganz untypisch nicht der Identifikation diente. Möglicherweise konnten ihre Vorwürfe an den viel beschäftigten Ehemann, der glatt den dritten Hochzeitstag vergisst, das damalige Publikum noch überzeugen, aber aus heutiger Sicht wirken ihre Reaktionen unangemessen. Nachdem Henry am nächsten Tag noch gerade die Kurve bekommen hatte – er behauptet sich im Datum geirrt zu haben – versetzt er seine Frau beim geplanten Abendessen, weil er die einmalige Gelegenheit bekam, Nikita Chruschtschow, den Regierungschef der UDSSR, zu interviewen und es ihm vom Flughafen aus nicht mehr gelingt, sie zu benachrichtigen. Ihr folgendes Techtelmechtel mit dem Fitnesstrainer Victor (Lex Barker) und die plötzliche Scheidungsforderung, weil ihr Mann darauf äußerlich gelassen reagierte, wirken völlig überzogen, weshalb dieser Konstellation von Beginn an die Glaubwürdigkeit fehlte.

Entsprechend kann es nicht funktionieren, „Frühstück im Doppelbett“ auf eine reine Komödie zu reduzieren, viel mehr sollte der Film als das betrachtet werden, als das ihn Von Ambesser und Fodor beabsichtigten – als zugespitzte satirische Betrachtung der frühen 60er Jahre. Für diese These sprechen auch die künstliche, theaterartige Kulisse oder die Einblendungen von Nikita Chruschtschow, der angeblich direkt mit Henry kommuniziert. Keinen Moment versuchte der Film, real zu wirken – einmal findet Liselotte Pulver unter Fotografien Prominenter wie Franz-Josef Strauß, Konrad Adenauer oder Willy Brandt auch ein Fotos von sich in der Rolle der weniger schönen Kohlhiesl Tochter aus ihrem letzten Film. Die Macher planten einen Rundumschlag auf alle neuen Zeiterscheinungen, der beweist, dass fast alles, was heute noch populär ist, damals schon seinen Anfang nahm.

Lex Barkers, seinen sonstigen Heldentypus kontrastierende Rolle ist eine Verballhornung des beginnenden Fitness- und Gesundheitswahns, die in ihrer klischeehaften Ausgestaltung nichts an Aktualität verloren hat. Yoga, Gemüsesäfte und Schlankheitsmaschinen bestimmten schon die Freizeit der Besserverdienenden und was die Macher davon hielten, zeigte sich in ihrer Charakterisierung des Yoga- und Fitnesstrainers Victor, der ständig Lebensweisheiten von sich gibt, dabei sein Einkommen aber nicht vergisst. Zudem hat er keine Hemmungen, sofort nach Henrys Abwesenheit dessen Frau anzubaggern, um genauso schnell den Schwanz einzuziehen, als dieser vermittelt, nichts dagegen zu haben. War Victor zu Beginn noch ganz der charmante Draufgänger, wird er plötzlich zum ungeschickten Frischluftfanatiker, weshalb Liane die Nacht bei ihm auf dem Balkon in einem Schlafsack übernachten muss. Natürlich ohne Sex – idiotischer hätte man diese Figur kaum degradieren können.

Ann Smirnow als sexuell erfahrene Jung-Autorin Claudia, die ihren erotischen, autobiografischen Roman von Henry verlegen lassen will, kommt dagegen besser weg, aber ihre Rolle spielte ironisch auf die zunehmenden Sex-Welle seit Nabokovs Erfolg mit „Lolita“ an. Mehrfach verwendet Henry spöttisch den Begriff „Sexuelle Revolution“ in diesem Zusammenhang, der offensichtlich keine 68er-Erfindung war. Auch Bemerkungen zur „Spiegel“-Affäre oder über das fortgeschrittene Alter von Bundeskanzler Konrad Adenauer fallen, aber „Frühstück im Doppelbett“ kann seine konservative Gesinnung nicht verbergen. Besonders die wiederholt von der Hausangestellten Cilly vorgetragenen Klassenkampf - Parolen sollten, angesichts ihres gut bezahlten Arbeitsplatzes, nur der Lächerlichkeit preisgegeben werden – inclusive ihres angeblich allwissenden Arbeiterführer-Bruders.

Bei seinem Erscheinen traf der Film noch auf eine mehrheitliche Zustimmung, aber die fortschreitende Entwicklung der 60er Jahre überholte dessen keineswegs immer unzutreffende, aber zu einseitigen ironischen Seitenhiebe schnell – zwei Jahre später drehte Axel von Ambesser die Episode „Lolita“ zu der frühen Erotik-Komödie „Das Liebeskarussell“(1965). Für ein Publikum der 70er Jahre musste der Film schon altmodisch wirken - erst aus heutiger Sicht verbirgt sich dahinter dessen Stärke als stimmiges Zeitdokument der frühen 60er Jahre.

"Frühstück im Doppelbett" Deutschland 1963, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Ladislas Fodor, Darsteller : Liselotte Pulver, O.W.Fischer, Lex Barker, Ann Smirnow, Ruth Stephan, Edith Hancke, Laufzeit : 96 Minuten

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Sonntag, 10. November 2013

Er kann's nicht lassen (1962) Axel von Ambesser

Inhalt: Pater Brown (Heinz Rühmann) lässt sich auch als Gemeindepfarrer der kleinen Insel Evert's Rock, auf die er vom Bischof strafversetzt wurde, nicht unterkriegen. Rigoros mischt er sich in einen Streit um ein Fässchen Whiskey ein, was ihm nur wenige Sympathiepunkte bei den hart gesottenen irischen Schmugglern einbringt. Als er in einem unzugänglichen Kellergewölbe des Pfarrhauses ein wertvolles Gemälde findet, das kurz darauf gestohlen wird, kann er deshalb auf keine Informationen von Seiten der Einheimischen hoffen. Der Diebstahl geschah ausgerechnet in dem Moment, als er beim Bischof (Rudolf Forster) zum Rapport antreten musste, weil er mit dem Fund erneut Schlagzeilen verursacht hatte – mit dem Ergebnis, dass er sofort wieder auf die Insel zurückkehren soll, um das Bild wieder zu beschaffen.

Selbstverständlich gelingt Brown dieses Unterfangen, aber er verschont die Diebe, indem er sie zur Beichte bittet – niemals zuvor war die Kirche so gut gefüllt, wie an diesem Tag. Dieser Erfolg verhindert zwar seine Strafversetzung in den Innendienst, aber trotzdem muss er mit seiner Haushälterin (Lina Carstens) den Gang in eine neue Gemeinde antreten. Angeblich bestand dort das einzige Verbrechen der letzten sieben Jahre aus dem Diebstahl eines Golfballs, aber schon auf seiner Fahrt zum Pfarrhaus wird er Zeuge eines heftigen Streits zwischen seit langem verfeindeten Nachbarn…


Auch wenn "Er kann's nicht lassen" am Ende von "Das schwarze Schaf" (1960) als Fortsetzung schon angekündigt wurde, dauerte es beinahe zwei Jahre bis Heinz Rühmann als "Pater Brown" wieder auf die Leinwand zurückkehrte - nicht zum letzten Mal, denn Lucio Fulci sollte ihn 1967 in der internationalen Produktion "Operazione San Pietro" (Die Abenteuer des Kardinal Braun) erneut auf das Publikum loslassen, aber das hatte mit den gemütlichen Schwarz-Weiß-Krimis der frühen 60er Jahre um den detektivisch begabten Geistlichen nichts mehr gemeinsam. Dagegen wurde "Er kann's nicht lassen" dem sehr erfolgreichen Erstling stark nachempfunden, weshalb es überrascht, dass der Cast fast vollständig ausgetauscht wurde - nur die unverzichtbaren Lina Carstens und Heinz Rühmann gehörten erneut zur Crew.

Wie weit Rühmann selbst darauf Einfluss nahm, bleibt Spekulation, aber mit Axel von Ambesser übernahm ein Regisseur die Leitung, der zuvor schon "Der Pauker" (1958) und "Der brave Soldat Schwejk" (1960) mit ihm gedreht hatte - Kameramann Ashley hatte bei "Das schwarze Schaf" das erste Mal am Regiepult gestanden. Sieht man von Siegfried Lowitz einmal ab, der Browns besten Freund Flambeau im ersten Teil spielte und hier nur einmal kurz erwähnt wird, spielte der Austausch der übrigen Darstellerriege keine entscheidende Rolle. Rudolf Forster als Bischof gab ganz offiziell den Nachfolger und gehörte wie Grit Boettcher und Siegfried Wischnewski ebenso dem damaligen Mabuse/Edgar-Wallace-Darstellerkreis an, wie die Kollegen in "Das schwarze Schaf". Bemerkenswerter ist dagegen, dass mit Egon Eis ganz offiziell der Mann das Drehbuch übernahm, der seit "Der Frosch mit der Maske" (1959) entscheidend an der Entwicklung der Edgar-Wallace-Filmreihe beteiligt war - dem Film selbst ist das nicht positiv anzumerken.

Zwar setzte "Er kann's nicht lassen" erneut auf die Qualitäten seines Hauptdarstellers, schneidet im direkten Vergleich aber schlechter ab. War "Das schwarze Schaf" noch klar gegliedert in einen kurzen Kriminalfall zu Beginn, um den Charakter des Priesters mit detektivischem Spürsinn einzuführen, bevor sich der restliche Film einem komplexen Mordkomplott widmete, kann sein Nachfolger den typischen Hang zur krampfhaften Steigerung nicht leugnen. Dass Brown (Heinz Rühmann) beim Bischof (Rudolf Forster) antreten muss, weil er ein wertvolles Bild gefunden hat - womit er erneut auf den Titelseiten der Zeitungen landete - , von diesem aber sofort wieder zurückgeschickt wird, weil er den just während seiner Anreise begangenen Diebstahl des Bildes aufklären soll, um nach dessen Wiederbeschaffung doch in eine angeblich besonders harmlose Gemeinde versetzt zu werden, ist mindestens eine Wendung zu viel.

Die Macher konnten der Versuchung nicht widerstehen, Szenen, die im ersten Film gut angekommen waren, verstärkt zu bedienen. Die Auseinandersetzungen zwischen Pater Brown und dem Bischof gehörten in "Das schwarze Schaf" zu den Höhepunkten, waren aber sinnvoll platziert und überzeugten in ihrer Kritik an einer wenig liberalen kirchlichen Haltung. Dagegen ist Browns Versuch, die Münzsammler - Leidenschaft des Bischofs herauszufordern, völlig unnötig, wie auch der Einsatz von körperlicher Gewalt. Wahrscheinlich wurden die Judo-Szenen aus "Der Pauker" hier zum Vorbild, so dass Regisseur Von Ambesser und Heinz Rühmann darauf zurückgriffen und Brown sich mit einem Schulterwurf über die Kaimauer gegen einen Angreifer verteidigt. Abgesehen davon, dass sich ein paar hartgesottene irische Kerle kaum davon einschüchtern lassen, ist es gerade die Intelligenz, gepaart mit der friedlichen Aura des Geistlichen, die diese Figur so außergewöhnlich werden lässt. Endgültig ins Alberne verfällt der Film am Ende mit einer Verfolgungsjagd, die sowohl film- als auch storytechnisch nicht zu dem - trotz Rühmanns humorvollem Spiel - letztlich ernsthaften Kriminalfilm passt.

Den damaligen Kinobesuchern wird es egal gewesen sein, denn die Ansicht des Erstlings lag schon fast zwei Jahre zurück und ein unmittelbarer Vergleich war nur schwer möglich. Zwar fehlte „Er kann’s nicht lassen“ die atmosphärische Dichte und innere Schlüssigkeit des Vorgängerfilms, aber Heinz Rühmann blieb seiner Verkörperung des detektivisch begabten Pfarrers treu - letztlich die entscheidende Komponente für den Erfolg. Zudem ließ auch der Nachfolger für die Entstehungszeit erstaunlich liberale Ansichten erkennen, auch wenn die Kritik an der katholischen Kirche dezenter ausfiel. Der junge Mann, der seine Drogenabhängigkeit überwunden hat, und seine Freundin (Grit Boettcher), die mit ihm in "Wilder Ehe" zusammenlebt, werden zu Sympathieträgern, für die sich Brown einsetzt. Aus heutiger Sicht erscheint das wenig gewagt, zumal die moralischen Standards am Ende wieder in Ordnung gebracht werden, aber es trägt zum Vergnügen bei der Ansicht dieser im besten Sinn altmodischen Filme bei, auch wenn „Er kann’s nicht lassen“ zeitweise ein wenig aus der seriösen Spur gerät.

"Er kann's nicht lassen" Deutschland 1962, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Egon Eis, Carl Merz, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Rudolf Forster, Grit Boettcher, Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Horst Tappert, Laufzeit : 91 Minuten

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Montag, 13. Mai 2013

Der Pauker (1958) Axel von Ambesser


Inhalt: Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist voll des Lobes für den Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann), dessen Klasse wie gewohnt den besten Eindruck hinterlässt. Doch diesmal belässt er es nicht bei der Anerkennung für den zwar respektierten, aber wenig beliebten Lehrer, sondern fordert ihn heraus. Eine Oberprima in der Großstadt bereite ihm Sorgen, die sich als schwer erziehbar erwiesen hätte. Da der bisherige Klassenlehrer entnervt aufgegeben hätte, sucht er eine neue Lehrkraft, aber das wäre eine ganz andere Herausforderung für einen Pädagogen, als in einem Provinzstädtchen zu lehren. Als Wagner ihn fragt, ob er sich diese Aufgabe zutraut, kann Dr. Seidel gar nicht anders, als sie anzunehmen.

In der neuen Schule angekommen, wird er mit einer allgemeinen Ablehnung konfrontiert. Weder zollen ihm seine neuen Schüler Respekt, noch reagieren sie auf seinen Unterricht. Stattdessen wird er versehentlich mit einem Faustschlag zu Boden geschickt, als er auf dem Schulhof in eine Rangelei gerät. Seidel versucht es deshalb mit Härte, als er Achim Bork (Peter Kraus) mit anzüglichen Fotos einer jungen Frau erwischt. Er konfisziert sie und bestellt seine Erziehungsberechtigten zu sich. Da seine Eltern beide tot sind, lebt Achim bei seiner älteren Schwester Vera Bork (Wera Frydtberg), die auf den Aufnahmen zu sehen ist, die sie für ihre Arbeit machen ließ. Achim hatte sie beim Fotografen abgeholt, weshalb sie sehr abweisend auf die autoritären Methoden des Lehrers reagiert und seine altmodische Haltung kritisiert. Ihr Bruder kann ihr da nur beipflichten, denn ihn interessieren nur sein Moped und die Gang, mit der er um die Häuser zieht. Ihr Anführer ist Harry Engelmann (Klaus Löwitsch), der vom Gymnasium gewiesen wurde, wodurch sein Einfluss aber nicht geringer wurde, wie Dr. Seidel bald feststellen muss…


In dem kleinen Provinzstädtchen ist die Welt Ende der 50er Jahre noch in Ordnung. Wenn Herr Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann) morgens zum Gymnasium schreitet, hängt die Kioskbetreiberin schnell den "Spiegel" vor die Blätter mit den unzüchtigen Fotografien, der Verkehrspolizist grüßt freundlich und die Schüler stehen stramm, sobald er das Klassenzimmer betritt. Selbstverständlich rattern sie perfekt die Jahreszahlen aus der Zeit Napoleons herunter, die ihnen ihr Geschichtslehrer zuvor eingebläut hatte. Der anwesende Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist zwar voll des Lobes für den Vorzeigelehrer, aber es gelingt ihm, Seidel zu provozieren, indem er dessen Leistung relativiert. Eine Oberklasse an einem großstädtischen Gymnasium wäre eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe für einen Lehrer, besonders da sie als schwer erziehbar gilt und gerade einen Klassenlehrer verschlissen hätte. Das lässt sich Dr. Hermann Seidel nicht zweimal sagen und zeigt sich bereit, auch dort seine pädagogischen Fähigkeiten zu beweisen.

Sobald das Stichwort „Oberklasse“ fällt, ist die Erinnerung an die „Feuerzangenbowle“ (1944) nicht fern, in der Heinz Rühmann noch als Schüler aktiv war. Regisseur Axel von Ambesser und Drehbuchautor Curth Flatow nutzten diese Popularität, um Rühmann erneut auf die Schule zu schicken - diesmal als Lehrkraft, die es mit einer problematischen Klasse zu tun bekommt. Doch anders als die „Feuerzangenbowle“, die aus ihrem fantasievollen Charakter kein Geheimnis machte, verankerte Komödienspezialist Flatow seine Story um einen konservativen Lehrer in der damaligen Gegenwart der BRD. Mit Heinz Rühmann wurde ein Sympathieträger auf die rebellierende Jugend losgelassen, die ihre schulischen Pflichten vernachlässigte, um lieber auf Mopeds die Gegend unsicher zu machen - für die damalige Gesellschaft der direkte Weg zur Bandenkriminalität. Ähnlich wie „Die Halbstarken“ (1956) verstand sich auch „Der Pauker“ als Warnung vor den Versuchungen eines an us-amerikanischen Vorbildern orientierten Lebensgefühls, versuchte aber seine Botschaft weniger offensichtlich zu formulieren.

Dafür war Heinz Rühmann die Idealbesetzung, denn selbst autoritäre Rollen wusste er immer mit einem Augenzwinkern zu versehen, die seinen humanen Charakter verrieten. In einer der ersten Szenen korrigiert er einen leicht begriffstutzigen Jungen humorvoll und ohne ihn herab zu würdigen. Entsprechend unglaubwürdig wirken die Charaktereigenschaften, die ihm zu Beginn angedichtet werden – zwar respektiert, aber beim Kollegium wenig beliebt, fristet der etwa 50jährige Dr. Seidel ein einsames Dasein in der Kleinstadt, hat aber unmittelbar nach seiner Ankunft in der Großstadt kein Problem damit, Freunde wie den Catcher Freddie Blei (Gert Fröbe) für sich zu gewinnen, dem er mit viel Verständnis die Grundregeln der deutschen Grammatik beibringt - als Gegenleistung für ein paar Ringertricks, die in der gefährlichen Großstadt unumgänglich zu sein scheinen. Dahinter verbirgt sich der Versuch, seine Entwicklung vom streng autoritären Lehrer zum einfühlsamen Pädagogen zu vermitteln, der auch Verständnis für die „heutige Jugend“ aufbringt. Mehrfach wird er später betonen, dass er viel „von seinen Jungs“ gelernt hätte, womit die Illusion einer Annäherung entstehen soll, obwohl Rühmann sich in seiner Rolle wie immer treu blieb und die Oberprimaner am Ende genau das tun, was von ihnen verlangt wird – stramm stehen und Jahreszahlen herunter beten. 

Wirkliches Verständnis für die jungen Heranwachsenden versucht „Der Pauker“ gar nicht erst zu entwickeln, sondern präsentiert mit Harry Engelmann (Klaus Löwitsch) den geeigneten Sündenbock für die grundanständigen, aber fehl geleiteten Oberprimaner – äußerlich in Marlon-Brando-Lederkluft gekleidet und um keinen Spruch verlegen, erweist er sich nicht nur als Krimineller, sondern nutzt auch das Vertrauen der anderen Jungs für seine Zwecke aus. Praktischerweise wurde er schon vor Dr. Seidels Ankunft von dem Gymnasium verwiesen, so dass dessen pädagogischen Fähigkeiten bei dem „hoffnungslosen Fall“ nicht mehr wirken müssen. Diese einseitige Schuldzuweisung wird noch durch die Besetzung von Peter Kraus als Oberprimaner Achim Bork unterstützt, der nur dank Dr.Seidels Eingreifen davor bewahrt wird, auf die schiefe Bahn zu geraten, wonach er als erster Geläuterter dessen Partei ergreift. Harry Engelmann hatte ihn nicht nur in die Schulden getrieben, sondern auch einen nicht ganz legalen Tipp parat, wie er diese abzahlen könnte.

Die gesamte Jugend-Szenerie und der Wunsch, aus einem reglementierten Alltag auszubrechen, werden hier verunglimpft. Unabhängiges Gedankengut und gute schulische Leistungen galten Ende der 50er Jahre noch als nicht vereinbar, was angesichts eines Unterrichtsstoffs, der nur daraus bestand, Wissen auswendig zu lernen, nicht überrascht. Aus heutiger Sicht, ohne die damalige Brisanz, wirken die Szenen wie ein folkloristischer Blick auf die 50er Jahre mit Rock’n Roll, Motorrädern, Prügeleien und flotten Sprüchen. Doch obwohl sich Regisseur von Ambesser am Zeitgeist orientierte und reale Ängste seines Publikums bediente - der Erfolg an der Kinokasse gab ihm recht - nahm er die Konstruktion seiner Story weniger genau. Die Zuspitzung eines Konflikts zwischen einem vorbildhaften, etwas altmodischen Lehrer und einer aufmüpfigen Gymnasialklasse hätte nie so stattfinden können. Wie schon die „Feuerzangenbowle“ anschaulich vermittelte, sind viele Lehrer nötig, um eine Oberprima auf das Abitur vorzubereiten, aber das hätte die einfache Botschaft des Films nur unnötig verkompliziert.

Axel von Ambessers Film ist unterhaltsam und flott inszeniert, aber nur Gert Fröbe als witziger Side-Kick und Heinz Rühmanns Mut, auch tragische Momente zuzulassen, retten den Film vor der Beliebigkeit typischer Komödien dieser Phase, dessen rückwärts gewandter Umgang mit der Jugend inzwischen komisch wirkt, damals aber ernst gemeint war. Die Komplexität, die „Der Pauker“ wagt, als Dr. Seidel sein Liebesleid mit Vera Bork (Wera Frydtberg) gegenüber der heimlich in ihn verliebten Musiklehrerin Fräulein Selinski (Bruni Löbel) beklagt, hätte dem Film auch gegenüber Harry Engelmann und seinen Freunden sehr gut getan.

"Der Pauker" Deutschland 1958, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Curth Flatow, Eckart Hachfeld, Darsteller : Heinz Rühmann, Wera Frydtberg, Gert Fröbe, Peter Kraus, Bruni Löbel, Ernst F. Fürbringer, Peter Vogel, Laufzeit : 89 Minuten

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