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Freitag, 24. Februar 2017

Heimatlos (1958) Herbert B. Fredersdorf


Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) interessiert sich für Barbara (Marianne Hold)...
Inhalt: Dass Barbara (Marianne Hold) Franz (Rudolf Lenz) liebt und ihre Hochzeit bevor steht, heißt nicht, dass sie sich allein auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken will. Gegen den Willen ihres Vaters (Willy Rösner) und ihres Verlobten plant sie, ihre Freundin in München für ein paar Tage zu besuchen, und lässt sich auch von einem Fremden beim Volksfest ihres Heimatdorfs ansprechen. Barbara weiß selbstbewusst Grenzen zu ziehen, was den Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) erst richtig reizt. Als Barbara am nächsten Tag im Bus nach München fährt, setzt er sich überraschend zu ihr und weicht ihr auch am Ziel nicht von der Seite. 

...was den einheimischen Herren (Joe Stöckel, Willy Rösner und Rudolf Lenz) missfällt
Im Glauben, ihn spätestens bei ihrer Freundin loszuwerden, fährt sie noch gemeinsam mit ihm im Taxi zu deren Elternhaus, muss dort aber erfahren, dass die Herrschaften überraschend abgereist sind, ohne sie noch rechtzeitig informieren zu können. Für Conny Fürst die Gelegenheit, seine Beziehungen und Ortskenntnisse zu nutzen. Da kein Bus mehr zurückfährt, bringt er sie erst in einer hochanständigen Pension bei einer strengen Oberst-Witwe unter, um mit ihr Abends schick auszugehen. Doch obwohl er seinen Charme zu Höchstform auflaufen lässt, wehrt Barbara seine Annäherungen ab und verbringt die Nacht allein. Nur glaubt das ihr eifersüchtiger Verlobter nicht, der ihr nachgefahren war, nachdem er erfahren hatte, dass sie nicht bei ihrer Freundin untergekommen war. Als Conny Fürst noch mit einem Blumenstrauß auftaucht, eskaliert die Situation… 

"Heimatlos" konnte mit einigen Stars aufwarten. Die Heimatfilm-Größen Marianne Hold und Rudolf Lenz standen an der Spitze eines Casts, der mit Joe Stöckel, Peter Weck, Willy Rösner, Werner Fuetterer und Helen Vita bis in die Nebenrollen prominent besetzt war. Dazu kam der schauspielerische Newcomer, aber aktuelle Schlager-Star Freddy Quinn in seiner zweiten Filmrolle und Sängerin Dany Mann mit einem kurzen Auftritt. Diese angesagte Darsteller-Riege täuscht darüber hinweg, dass sich die Popularität des Heimatfilms im Niedergang befand (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Für Regisseur Fredersdorf wurde "Heimatlos" sein letzter Heimatfilm, ebenso für Joe Stöckel, der ein Jahr später mit 64 Jahren starb.

Mehr als die äußerlichen Anzeichen steht das Drehbuch für diesen schleichenden Prozess, denn der nicht weiter in Erscheinung getretene Autor E.A. Wildenburg kombinierte Heimatfilm-Klischees mit dem Ende der 50er Jahre angesagten "Moral"- oder "Halbstarken-Film" und stellte dem gestandenen Helden Rudolf Lenz einen großstädtischen Gauner und Verführer gegenüber. Dazu mit Freddy Quinn auch einen Sänger, dessen Filmkarriere noch bevor stand, die beispielhaft für den Wandel im Heimatfilm steht. Zwar konservativ und heimatverbunden bleibend, verlieh Quinn dem Heimatfilm ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) ein internationales und mordernes Image. 


Anfangsszenario: Franz (Rudolf Lenz) und Barbara als Liebespaar...
Rudolf Lenz befand sich 1958 auf dem Höhepunkt seiner Helden-Karriere. Berühmt geworden mit dem österreichischen Film "Echo der Berge" (1954), der den Heimatfilm-Boom unter dem Titel "Der Förster vom Silberwald" erst richtig anfachte (siehe Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), entstanden in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Genre-Vertretern mit ihm in der Hauptrolle - darunter die Ganghofer-Verfilmungen "Das Schweigen im Wald" (1955), "Der Jäger von Fall" (1956) und "Der Edelweißkönig" (1957). Ebenfalls 1957 war auch eine Art Fortsetzung seiner Förster-Rolle in "Der Wilderer vom Silberwald" an der Seite seiner Dauerpartnerin Anita Gutwell herausgekommen, mit der er im Jahr darauf "Einmal noch die Heimat seh'n" drehte. Zwischen diesen beiden Filmen kam im Sommer 1958 „Heimatlos“ in die Kinos, bei dem Rudolf Lenz erstmals an der Seite von Marianne Hold spielte, der neben Gutwell populärsten Darstellerin dieser Phase im Heimatfilm. Doch obwohl er sie schon in der ersten Einstellung küsst, spielte er im Film nur die dritte Geige.

...aber der smarte Conny Fürst lässt nicht locker
Geplant war das nicht, denn selbstverständlich stand Lenz in den Credits neben Marianne Hold an erster Stelle und war als tüchtiger und heimatverbundener Besitzer eines Sägewerks in Tirol für die Rolle des anständigen Kerls vorgesehen, der die begehrte Maid erobert. Nur setzte die Handlung in "Heimatlos" mit diesem sonst am Ende stehenden Szenario ein, was erwarten ließ, dass es sich nicht wie üblich fortsetzen sollte. Eine Auto-Hupe, die rücksichtslos ein Blasorchester unterbricht, das gerade gen Festplatz marschierte, gibt das Signal für die Störung der Heimat-Idylle. Conny Fürst (Peter Weck) hatte sein Cabriolet mitten in die Menschenmenge gesteuert, um kurz daraus Barbara (Marianne Hold) bei dem jährlichen Volksfest ihres Heimatorts anzusprechen - ein Umstand, der bei ihrem Vater (Willy Rösner), dem Pfarrer (Joe Stöckel) und besonders bei ihrem Verlobten Franz (Rudolf Lenz) für Missstimmung sorgt. Und die schöne Barbara verärgert, die sich dieses Misstrauen der versammelten Männer verbittet.

Im Nachtclub lässt er Champagner springen...
Deutlich wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass mit der selbstbewusst auftretenden Barbara etwas nicht stimmen kann – so zumindest die übereinstimmende Meinung der Altvorderen. Während ihr Vater den Einfluss der Großstadt München beklagt, glaubt der Pfarrer, dass sie schnell wissen wird, wo ihr Platz ist, sobald sich Nachwuchs ankündigt. Doch weder sie, noch ihr zukünftiger Ehemann können Barbara davon abbringen, dass sie für ein paar Tage eine Freundin in München besuchen möchte. Eine junge Frau, die ihr Heimatdorf zurückgelassen hätte, um ihren Fuß in einen Großstadt-Moloch zu setzen, wäre wenige Jahre zuvor noch diskreditiert gewesen, aber auch im Heimatfilm war die Zeit nicht stehen geblieben. Der wachsende Wohlstand in den 50er Jahren hatte das Freizeitverhalten und die Mobilität verändert, die Entfernung zwischen den Tiroler Bergen und München war geschrumpft. Geradezu mit den Händen zu greifen ist deshalb das Bemühen der Macher um Regisseur Herbert B. Fredersdorf, Barbaras Reputation als anständige junge Frau nicht zu beschädigen – das Unheil musste von außen kommen.

...und im Hinterzimmer macht er krumme Geschäfte mit Hanuschke (Werner Fuetterer)
In Person des Großstädters, Bonvivants und - wie sich bald herausstellt - Ganoven Conny Fürst, weshalb die Leistung Peter Wecks in dieser Rolle nicht hoch genug einzuschätzen ist. Weck gelang der Spagat zwischen Charmeur und Hallodri so gut, dass Barbaras zunehmend schwächer werdender Widerstand gegenüber seinem hartnäckigen Werben verständlich wird, gleichzeitig seine Funktion als unlauterer Verführer junger Mädchen nicht in Frage gestellt wurde. Zwar bemühte das Drehbuch noch den Zufall – Barbaras Freundin war überraschend verreist und ihr eifersüchtiger Verlobter bezichtigt sie zu Unrecht der Unmoral und treibt sie damit erst in Connys Arme – aber das ändert nichts an Wecks Darstellung eines unterhaltsamen und im Kern sympathischen Typen. Der es auch ernst mit Barbara meint und sie heiraten will, aber nicht das einträgliche Geschäft des Autoschmuggels lassen kann, weshalb er vom Drehbuch schnöde fallen gelassen wird. Bei der Flucht erschossen, was Ende der 50er Jahre offensichtlich kein Problem war, obwohl Conny Fürst nie eine Waffe bei sich trug. Zurück blieb die schwangere, unverheiratete Barbara – und Auftritt Freddy Quinn!

Freddy (Freddy Quinn) und Gertie (Helen Vita) kümmern sich um Barbara
Zwar war Quinn schon zu den Anfangs-Credits mit seinem Hit „Heimatlos“ zu hören und spielte eine Nummer in Conny Fürsts Lieblings-Nachtclub, aber erst nach dessen Tod bekam seine Rolle Gewicht. Zuständig für die Liedtexte war erneut Aldo von Pinelli, auf dessen Drehbuchidee Quinns erste kleine Filmrolle in „Die große Chance“ (1957) zurückging und der später gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif und Co-Autor Gustav Kampendonk für dessen Aufstieg zum Filmstar („Freddy, die Gitarre und das Meer“ (1959)) verantwortlich werden sollte. Sein Einfluss auf die Figur des Freddy in „Heimatlos“ blieb aber gering, denn diese folgte allein der inneren Logik der Drehbuch-Konstruktion um Barbara. Schwanger und ohne Geld in der Großstadt zurückgelassen, droht ihr der endgültige Niedergang, als ausgerechnet der schmierige Nachtclub-Besitzer Hanuschke (Werner Fuetterer), der mit Fürst zuvor gemeinsame Sache gemacht hatte, ihr eine Anstellung anbietet. Doch mit dem Musiker Freddy und Helen Vita als resoluter Bardame mit Herz existieren auch positive Charaktere an diesem finsteren Ort, die die junge Frau unter ihre Fittiche nehmen.

Der Pfarrer (Joe Stöckel) begibt sich in die menschlichen Niederungen, um zu vermitteln
Leider vertiefte „Heimatlos“ diese spannende Situation nicht, sondern leitete mit einem großen Zeitsprung weiter in Richtung zu erwartender Entwicklung. Barbara verdient ihr Geld inzwischen mit einem eigenen Schneiderladen und geht in ihrer verantwortlichen Rolle als Mutter einer fünfjährigen Tochter auf. Freddy, wagt es endlich, ihr einen Heiratsantrag zu machen, nachdem er seinen ersten Plattenvertrag erhalten hatte, aber inzwischen ist Franz wieder aufgetaucht, der sein damaliges Benehmen bereut und sich wieder um seine frühere Verlobte bemüht. Barbara erwidert seine Gefühle, aber sie zögert, Franz von ihrer Tochter zu erzählen, auch weil sich dieser wiederholt über deren verstorbenen Erzeuger echauffiert. „Heimatlos“ ließe sich als Plädoyer für Toleranz begreifen, denn eine unverheiratete Mutter besaß Ende der 50er Jahre nur wenig Ansehen, aber dafür ist der Film zu bemüht, jeden Eindruck von Unmoral von Barbara fernzuhalten. Ihr Schicksal sollte hier beispielhaft für den Gegensatz Stadt/Land stehen - und daraus folgernd für Gefahr/Sicherheit bzw. Fremde/Heimat.

Mit seinem Holzhund kann Freddy nicht punkten...
Damit verband der Film ein klassisches Heimatfilm-Thema mit dem in dieser Phase populären „Moral-Film“, der die als negativ betrachteten Auswirkungen einer sich verändernden Sozialisation auf Moral und Geschlechterrollen anprangerte. Entsprechend rückt Franz die landschaftliche Schönheit der heimatlichen Bergwelt gegenüber den städtischen Mietskasernen ins rechte Licht und durfte Joe Stöckel in einer seiner letzten Rollen als warmherziger Pfarrer die heimatliche Toleranz betonen, mit der auch eine verlorene Tochter wieder aufgenommen wird. Nahezu perfide ist die abschließende Szene in der Großstadt, in der Franz der Tochter einen echten Hund schenkt und von ihr sofort als „Papa“ akzeptiert wird, während der abgewiesene Freddy mit einem Spielzeughund bei der Kleinen abstinkt. Nicht nur, dass dieser wie ein Depp dasteht, der Film ließ außen vor, dass Freddy seit Jahren Barbara als Freund zur Seite stand und deren Tochter von klein auf kannte.

...und das Happy-End nicht verhindern
Am Ende kehrt Barbara wieder in ihre Heimat zurück, nur spielte diese im Film - von schönen Bildern abgesehen - nur eine Nebenrolle. „Heimatlos“ erging es wie vielen Moral-Filmen in der Tradition von "Die Halbstarken" (1956) – die Welt, vor der sie warnen wollten, wirkte auf der Leinwand faszinierender als das fiktive Ideal. Dagegen konnte auch der Heimatfilm-Held Rudolf Lenz nicht anspielen, dessen Franz gegenüber dem charmanten Conny und dem Musiker Freddy wie ein altbackener Langweiler wirkt. Dass Barbara - von Marianne Hold mit sanftem emanzipatorischen Gestus verkörpert - wieder zu Franz zurückkehrte, entsprach zwar der Erwartungshaltung, überzeugte aber nicht. Der Zwiespalt des Films, die bisherige Ordnung bewahren zu wollen, gleichzeitig aber modische Stile zu bedienen, manifestierte sich in Freddy Quinns melancholischen Schlagern. Seine Texte betonten zwar den Wert von Heimat und Verlässlichkeit, aber seine Musik und sein auch an internationalen Vorbildern orientiertes Auftreten entsprachen dem Zeitgeist – Quinns Nummer 1-Hit „Heimatlos“ ist auch ein Abgesang auf den traditionellen Heimatfilm. 

"HeimatlosDeutschland 1958, Regie: Herbert B. FredersdorfDrehbuch: E.A.Wildenburg, Darsteller : Marianne Hold, Rudolf Lenz, Peter Weck, Freddy Quinn, Helen Vita, Joe Stöckel, Willy Rösner, Werner Fuetterer, Dany Mann, Laufzeit : 95 Minuten

Sonntag, 18. September 2016

Von der Liebe besiegt (1956) Luis Trenker

Inhalt: Der Ingenieur Mario Clar (Wolfgang Preiss) wird zwar aus der Haft entlassen, aber nur bedingt unter der Auflage, nicht das Land zu verlassen. Nach wie vor gilt er als Hauptbeschuldigter an dem Einsturz einer Eisenbahnbrücke, bei dem in den Schweizer Bergen fast 40 Menschen starben. Clar bewahrt vor seiner 12jährigen Tochter, die ihn im Gerichtsgebäude freudig abholt, zwar Ruhe, aber seine Entscheidung steht schon fest. Er schreibt ihr, die bei seiner geschiedenen Frau (Marina Ried) lebt, noch einen Abschiedsbrief und begibt sich in die Berge, wo er sich in die Tiefe stürzen will.

Sein Plan misslingt, weil er einen Hirten durch herunterfallende Felsbrocken verletzt, die sich bei seinem hastigen Aufstieg lösen. Unter größter Anstrengung gelingt es ihm, den alten Mann bis zum Arzt (Armin Schweizer) des kleinen Bergdorfs zu tragen, wo er eine Nacht in einem Hotel verbracht hatte. Er selbst fällt vor Erschöpfung in einen ohnmachtsartigen Schlaf. Als er erwacht, sieht er nicht nur in das Gesicht der Arzttochter (Marianne Hold), die ihn gepflegt hatte, auch seine Ex-Frau und sein Compagnon Leo Seduc (Fritz Tillmann) stehen bald vorwurfsvoll in seinem Zimmer. 


Luis Trenker als launiger Gastgeber mit Marianne Hold und Wolfgang Preiss

"Von der Liebe besiegt" kam in der Hochphase des Heimatfilms in die deutschen Kinos, steht aber für den Beginn und das Ende der Film-Karrieren zweier prägender Genre-Repräsentanten. Letztmals führte Luis Trenker hier Regie nach eigenem Drehbuch, gleichzeitig wurde es sein vorletzter von vier Langfilmen mit der von ihm 1950 ("Barriera a Settentrione" (Duell in den Bergen)) entdeckten Marianne Hold. Diese war zwar schon mehrfach in tragenden Rollen besetzt worden, aber erst der wenige Monate zuvor herausgekommene "Die Fischerin vom Bodensee" (1956) ließ sie zum großen Heimatfilm-Star der späten 50er Jahre aufsteigen. Zudem agierte der damals 64jährige Trenker hier das letzte Mal selbst auf der Kinoleinwand. Ganz klassisch als Bergführer, der ein Rettungskommando anführt und - wie seit den 20er Jahren im Berg-Film gewohnt - persönlich in die Felswand steigt (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"). 

Trotzdem blieb seine Rolle austauschbar und ohne Relevanz für die eigentliche Handlung. Er gefällt als launiger Hausherr einer hochgelegenen Berghütte und am Ende als Retter des verunglückten Mario Clar (Wolfgang Preiss), aber den Job hätte auch ein Anderer übernehmen können. Mit den Ereignissen, die erst zu den dramatischen Konsequenzen im Hochgebirge führten, hatte Trenkers Figur nichts zu tun. Das galt mit Abstrichen auch für Marianne Hold als Arzttochter, auch wenn der Titel „Von der Liebe besiegt“ etwas anderes vermitteln sollte. Entstanden war das Drehbuch nach Trenkers Roman „Schicksal am Matterhorn“ und es spricht viel dafür, dass der Film auch ursprünglich unter diesem Namen herauskommen sollte. Offensichtlich wollten die Macher die wachsende Popularität der Hauptdarstellerin nutzen, obwohl ihre Rolle dem Klischee widersprach.

Schon zu Beginn des Films ließ Trenker keinen Zweifel daran, dass Angela Gassard (Marianne Hold) nicht zum Genre-gewohnten Typus der Dorfschönheit gehörte, die nur auf den richtigen Kerl wartet. Ihr ganzes Auftreten als Tochter des ortansässigen Arztes (Armin Schweizer) zeugt von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Der kernige Bergführer Beni Kronig (Robert Freitag) schenkt ihr zwar aus Italien geschmuggelte Schuhe, aber Chancen hat er bei ihr keine. Da muss schon ein Mann wie der Ingenieur Mario Clar auftauchen – älter, gebildet, weltgewandt – um sie zu begeistern. Doch nicht er bemüht sich um sie, sondern sie kümmert sich um den psychisch schwer angeschlagenen Mann. Zwar den Anstand wahrend, ist sie es, die ihm mit ihrer Liebeserklärung wieder Lebensmut gibt.

Die Figur des Ingenieurs war im Heimatfilm nicht ungewöhnlich, denn der Kontrast Stadt/Land ließ sich in der Konfrontation eines rein nach rationellen Gesichtspunkten vorgehenden Planers mit einer traditionell lebenden Bevölkerung dramaturgisch zuspitzen. Das Ergebnis war zwiespältig. Einerseits wurde die heile Welt der Berge idealisiert, andererseits galten Talsperren, Brücken- und Tunnelbauwerke Mitte der 50er Jahre als Zeichen von Fortschritt und Schaffenskraft. Dieser Disput setzte sich auch in der Charakterisierung des Ingenieurs fort, der je nach Gesichtspunkt als Eindringling oder Heilsbringer angesehen wurde. Für eine positive Ausrichtung half die Verwurzelung in der Heimat. Der junge Mann, der nach Jahren der Ausbildung als Fachmann zurückkehrt („Waldrausch“ (1955)), verband Tradition und Zukunft in idealer Weise.

Leo Seduc (Fritz Tillmann) und seine Frau (Marina Ried) mit dem Abschiedbrief

Auch in „Von der Liebe besiegt“ ist dieser Konflikt gegenwärtig, fand aber auf einer anderen Ebene statt. Für Luis Trenker, der erst kurz zuvor seine Dokumentation „Gold aus Gletschern“ (1956) über den Bau des Wasserkraftwerks Kaprun herausgebracht hatte, ist der Ingenieur eine integre Figur. Auch wenn Mario Clar unter Vorbehalt aus dem Gefängnis entlassen wurde, weil er im Verdacht steht, den Einsturz einer Eisenbahnbrücke in den Bergen verursacht zu haben, bei dem viele Menschen starben. Die Gefahren erkannte Trenker dagegen in den Geschäftemachern, deren Streben nicht dem technischen Fortschritt galt, sondern allein ihrer persönlichen Bereicherung. Fritz Tillmann spielte den so verschlagenen wie gewieften Bauunternehmer Leo Seduc, der minderwertige Baustoffe bei dem Brückenbau einsetzte, um seine hohen finanziellen Bedürfnisse befriedigen zu können. Trotzdem sitzen ihm die Gläubiger weiterhin im Nacken, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt, der den Tod des Ingenieurs mit einbezieht.

Die Dramatik entwickelt sich in Trenkers Film aus dem Spannungsfeld von Idee und Kapital, der Gegenüberstellung von untadeligem Forschungsgeist mit rücksichtslosem Profitdenken. Dass es sich bei dem Bauunternehmer und dem Ingenieur um Partner handelt, Leo Seduc zudem die Ex-Frau (Marina Ried) seines Compagnons geheiratet hatte und damit auch eine Art Stiefvater für dessen 12jährige Tochter wurde, verlieh der Handlung eine Komplexität, die sich auch in der ungewöhnlichen Charakterisierung des männlichen Helden widerspiegelte. Wolfgang Preiss strahlte in seinem Spiel zwar Ernsthaftigkeit und Anstand aus, aber als geschiedener Mann und Vater, der sich in die Berge begibt, um dort Suizid zu begehen – er gibt sich die Schuld an dem Tod der Verunglückten – war er Mitte der 50er Jahre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für die Rolle des Liebhabers. Und bedurfte eines ebenso untypischen weiblichen Gegenparts.

Trotz der Berührung damaliger Tabus und einer nicht nur für den Heimatfilm außergewöhnlichen Drehbuch-Anlage, ist Trenkers Spätwerk in Vergessenheit geraten und zählt auch nicht zu Marianne Holds populären Filmen. Erklärbar wird das durch die fehlende Konsequenz, die Ausgangssituation aufrecht zu erhalten. Ist die Figur des Bauunternehmers zuerst noch differenziert gestaltet, wird er zum Ende hin zum panisch reagierenden Hasardeur. Es ist kaum noch vorstellbar, wie dieser Mann der langjährige Partner des Ingenieurs sein konnte und als Ehemann seiner Ex-Frau in Frage kam. Parallel zu dieser in die negative Einseitigkeit abdriftenden Charakterisierung wurde die männliche Hauptrolle aufgewertet. Dessen Selbstmord-Gedanken werden zunehmend in Richtung finanzielle Verantwortung für die Tochter gewandelt, die nach seinem vorgetäuschten Unfall-Tod eine hohe Versicherungssumme erhalten soll. Tatsächlich hat es Leo Seduc auf das Geld abgesehen.

Mehr noch widersprach das abschließende Kapitel des Films den zuvor aufgebauten Qualitäten, denn er gab dem Film eine Wendung in typische Heimatfilm-Gefilde. Mit einer mehr als dürftigen Begründung schickte er den Ingenieur und den bisher nur als Nebenfigur aufgefallenen Bergführer auf die Berggipfel, wo es zum klassischen Drama im Kampf um das weibliche Objekt kommt. Passend zu ihrer passiven Rolle trug Marianne Hold plötzlich Tracht, nachdem sie zuvor pragmatisch-modern gekleidet war. Geholfen hat es dem Film nicht, dessen aufgesetzt wirkendes Ende die Erwartungshaltung an einen Heimatfilm nicht mehr befriedigen konnte. Trenkers „Von der Liebe besiegt“ kam zwar nicht ohne Klischees aus, verband in seiner Anlage aber Elemente der Bergromantik mit den sozialen Veränderungen der 50er Jahre. Die Anspielungen auf Missstände der „Wirtschaftswunder“-Zeit, die Veränderungen im Familienbild sowie die selbstbewusst gestaltete Frauenrolle sind überraschend modern für das Genre und laden zu einer Wiederentdeckung ein. 

"Von der Liebe besiegtDeutschland 1956, Regie: Luis Trenker, Drehbuch: Kurt Heuser, Luis Trenker (Roman), Darsteller : Marianne Hold, Wolfgang Preiss, Fritz Tillmann, Robert Freitag, Marina Ried, Luis Trenker, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luis Trenker: 

"Der Berg ruft!" (1938)

Montag, 25. April 2016

Marianne (1955) Julien Duvivier

Inhalt: Das Schuljahr in Schloss Heiligenstadt, einem abseits in den bayerischen Bergen gelegenen Jungen-Internat, beginnt. Unter der Leitung vom Professor (Friedrich Domin) erwartet die Jungen – Halbwaisen oder Söhne geschiedener Eltern - ein Leben ungezwungenen Lernens und großer Freiheiten. Innerhalb der Schülerschaft existieren Hierarchien. Es gibt die älteren Schüler wie Manfred (Udo Vioff), die eine Aufsichtspflicht ausüben, oder „Klein-Felix“ (Michael Ende), den Jüngsten, der von Niemandem ernst genommen wird. Für sehr stark hält sich die "Räuber-Bande" um ihren Hauptmann Alexis (Michael Verhoeven), die ihre Mitglieder nach strengen Kriterien auswählt und martialische Regeln pflegt.

Sie alle werden konfrontiert mit einem Neuankömmling, der sich nicht einordnen lässt. Vincent (Horst Buchholz) erhält schon bald den respektvollen Namen „Argentinier“, weil er in der südamerikanischen Pampa groß geworden ist und einen übernatürlichen Zugang zu allen Tieren besitzt. Obwohl sie ihm misstrauen, sind sie gleichzeitig von seiner Ausstrahlung fasziniert, weshalb die "Räuber-Bande" ihn als Mitglied aufnehmen will. Er soll ihnen helfen, in das geheimnisvolle Haus mit den geschlossenen Fenstern auf der anderen Seite des Sees einzudringen – eine Reise ins Unbekannte…


"Marianne" hatte ich zuvor noch nie gesehen, aber der Film war mir bei meinen Recherchen über den Heimatfilm, Marianne Hold oder Horst Buchholz schon früh aufgefallen. Das Wenige, was ich darüber fand, machte mich neugierig und weckte Erwartungen - nur gab es kein Herankommen an den Film. Entsprechend groß war meine Freude, dass die PIDAX ihn a15.04.2016 erstmals auf DVD herausbrachte.

Und meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Wiederholt stellte sich heraus, dass gerade die Filme, die trotz prominenter Besetzung und populärer Thematik schnell in Vergessenheit gerieten, von außergewöhnlicher Qualität sind. Der Versuch dem Originatlitel "Marianne" mit der Hinzufügung "meine Jugendliebe"  mehr Publikumsaffinität zu verleihen, zeugt von der Hilflosigkeit gegenüber einem Film, der sich einfachen Zuordnung entzieht. "Meine Jugendliebe" klingt viel zu prosaisch gemessen an den Emotionen und der Fantasie, die Julien Duvivier und Autor Peter von Mendelssohn hier visualisierten(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Es gibt Filme, die wirken aus der Zeit gefallen - altmodisch oder ihr weit voraus. Und es gibt Filme, die nicht zum Werk eines Künstlers zu passen scheinen, weshalb sie schnell ausgeklammert werden. Oder der umgekehrte Fall tritt ein: sehr typisch, nur im Detail abweichend und damit auch gegen die geweckte Erwartungshaltung verstoßend. Und es gibt Filme, die zwar populäre Genres bedienen, diese aber so miteinander kombinieren, dass sie sich nicht mehr einordnen lassen. Oder welche, die einen hohen künstlerischen, quasi literarischen Anspruch erheben, gleichzeitig von einfachem, leicht verständlichem Zuschnitt bleiben. Auf "Marianne" treffen alle diese Kriterien zu.

Das beginnt bei den Mitwirkenden, deren Namen heute zwar nicht mehr geläufig sind, deren Schaffen aber bis in die Gegenwart populär geblieben ist. Obwohl er seit frühen Stummfilmzeiten in mehr als 70 Filmen hinter dem Regie-Pult stand, ist der französische Regisseur Julien Duvivier in Deutschland nahezu unbekannt, von den zwei ersten 1952 und 1953 entstandenen „Don Camillo und Peppone“- Filmen hat dagegen beinahe Jeder schon gehört. Für internationale Co-Produktionen wie diese wurde Duvivier häufig engagiert, auch mit deutschen Filmschaffenden arbeitete er mehrfach zusammen. Hildegard Knef spielte in „La fête à Henriette“ (1953) die weibliche Hauptrolle, später übernahm er die Regie bei „Das kunstseidene Mädchen“ (1960) und seinem letzten Film „Diaboliquement vôtre“ (Mit teuflischen Grüßen, 1967) - jeweils mit intensiver deutscher Beteiligung. Die Umstände der Entstehung von „Marianne“ fielen trotzdem aus dem Rahmen.

Die Schaffung zweier Sprachversionen mit unterschiedlicher Besetzung in tragenden Rollen war im internationalen Film-Business nicht ungewöhnlich, betonte in „Marianne“ aber noch zusätzlich die enge deutsch-französische Zusammenarbeit. Das Drehbuch stammte von Peter von Mendelssohn, der seinen eigenen 1932 veröffentlichten Roman „Schmerzliches Arkadien“ für die Verfilmung interpretierte. Unterstützt wurde er von dem späteren Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, der wie Von Mendelssohn in Deutschland geboren wurde und vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flüchtete. Peter von Mendelssohn kehrte als britischer Staatsbürger nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück, Marcel Ophüls blieb bis heute ein Wanderer zwischen Frankreich und Deutschland. Auch der Filmtitel „Marianne“ besitzt eine übergreifende Bedeutung, denn die „Marianne“ gilt in Frankreich seit der „Französischen Revolution“ als nationales Symbol der Freiheit – jedes Rathaus besitzt eine „Marianne“-Büste.

Trotzdem lässt sich die Gewichtung einer deutschen Charakteristik nicht übersehen. Die Kulisse von Hohenschwangau mit dem eine zentrale Rolle spielenden Alpsee stehen symbolisch für die deutsche Romantik, der Handlungshintergrund des abgelegenen Jungen-Internats Schloss Heiligenstadt in den bayerischen Alpen war schon Mitte der 50er Jahre von altmodischem Zuschnitt, die kleinen Geschichten um die Jungen-Bande und ihre Aufnahme-Rituale erinnern an zeitgenössische Jugendliteratur. Die Bildsprache schien unmittelbar dem „Heimatfilm“ entnommen, der gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen war (siehe den Essay "Im Zenit des Wirtschaftswunders"), aber Duvivier stilisierte den Handlungsraum zu einem paradiesischen Ideal und hob ihn damit über die Realität – die tatsächliche geografische Lage spielte keine Rolle. Als Kritik am „Heimatfilm“-Genre war das nicht zu verstehen, sondern als Abbild eines subjektiven Standpunkts. Alles in „Marianne“ ist dem eigenen Empfinden untergeordnet. Die Grenze zwischen Ratio und Fantasie lässt sich nicht ziehen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Manfred (Udo Vioff in seiner ersten Rolle), der selbst nur eine Nebenrolle einnimmt, als Freund von Vincent (Horst Buchholz) aber von dessen Erlebnissen in dem geheimnisvollen Schloss am anderen Ende des Sees erfährt. Der Film nimmt auf diese Weise eine doppelte subjektive Perspektive ein. Nur so lässt sich die Figur des „Argentiniers“ verstehen, wie die anderen Jungen den Neuankömmling Vincent nennen, da er in Südamerika aufwuchs. Mit ihm stößt etwas Neuartiges und Fremdes in die Idylle. Eine ideale Rolle für Horst Buchholz (in der deutschsprachigen Version), der ein Jahr später als „deutscher James Dean“ in „Die Halbstarken“ (1956) zum Star aufsteigen sollte. Die Verkörperung des Vincent besitzt schon viel von dem Rebell, für den Buchholz berühmt wurde, aber sein Einfluss kommt hier von Innen, nach Außen ist Vincent von fast übernatürlicher Freundlichkeit und Ehrlichkeit.

Betont wird dieser Eindruck noch durch seinen Umgang mit den Tieren des Waldes, die ihm bedingungslos vertrauen, oder seiner Beziehung zu dem jüngsten Schüler Felix (Michael Ande), der von den Anderen als „Klein-Felix“ ausgegrenzt wird. Dank seines emotionalen Überschwangs und seines Muts zum Irrationalen, nahm Buchholz dieser Figur gleichzeitig wieder die Künstlichkeit und verlieh ihr eine menschliche Dimension. Genauer, eine männliche Dimension, denn Peter von Mendelssohn erzählte autobiografisch gefärbt die so schöne, wie schmerzliche Erfahrung des Heranwachsenden von der ersten großen Liebe. Ihm gelang in seiner einzigen Filmarbeit der Spagat zwischen Historie und Gegenwart, zwischen authentischen Gefühlen und einer ins Künstliche gesteigerten Stilisierung. Die Frau existiert hier nur in zwei charakteristischen Versionen – als geheimnisvolle jungfräuliche Schönheit und als sexuell forderndes Wesen, oszillierend zwischen Wunsch- und Alptraum des Mannes.

Die französische Schauspielerin Isabelle Pia spielte die jugendliche Liselotte, die als einziges Mädchen ausnahmsweise auf dem Jungen-Internat unterrichtet wird. Sie ist pure Perfektion. Kühl und blond gibt sie im Innenhof des Schlosses ein Klavierkonzert. Ein Auftritt, der ihr unter ihren männlichen Mitschülern Respekt, aber keine Sympathien einbringt. Anders als Vincent, der zur Gitarre ein melancholisches südamerikanisches Lied singt. Sie begehrt ihn und macht aus ihren Gefühlen kein Geheimnis. Nackt bietet sie sich ihm an, konkret von Duvivier ins Bild gesetzt. Vincent weist sie zurück, aber es ist weniger eine klare Haltung, mehr ein Zurückschrecken vor ihrer direkten Sexualität. Als sie sich rächt, indem sie sein geliebtes Rehkitz tötet, schlägt er sie verzweifelt - für ihren Tod sorgen die Tiere selbst.

Auch die Aura um „Marianne“ ist ehrfurchtgebietend, aber es ist die Art von Gefahr, deren Überwindung einen Mann zum Helden werden lässt. Die selbsternannte „Räuber-Bande“ um ihren Anführer Alexis (Michael Verhoeven) und Vincents Zimmerkameraden Jan (Peter Vogel) plante schon lange, dem geheimnisvollen Schloss auf der anderen Seite des Sees einen Besuch abzustatten. Obwohl sie Vincent misstrauen, nehmen sie seine Hilfe an, lassen ihn aber bei ihrer Flucht allein zurück. Erst in den frühen Morgenstunden kehrt er zurück, begleitet von einem verheerenden Sturm. Er ist vollkommen verändert, fast paralysiert, denn er hat Marianne (Marianne Hold) kennengelernt, die von dem alten Schlossbesitzer und dessen brutalen Diener (Ady Berber) gegen ihren Wille festgehalten wird. So zumindest ist es aus den Worten Vincents zu vernehmen, denn einen Beweis für ihre Existenz gibt es nicht.

Marianne Holds Verkörperung einer unschuldigen Schönheit prädestinierte sie im „Heimatfilm“ zum Objekt der Begierde. Als „Fischerin vom Bodensee“ erlebte sie 1956 ihren endgültigen Durchbruch, wurde aber schon seit Luis Trenkers „Barriera a Settentrione“ (Duell in den Bergen, 1950) wiederholt in der Rolle einer bodenständigen jungen Frau besetzt, deren Eroberung zu einer Herausforderung für den männlichen Protagonisten wurde. Ihr Typus war so eng mit dem „Heimatfilm“- Genre verbunden, dass sie nach dessen Niedergang Anfang der 60er Jahre - obwohl erst Anfang 30 - keine Chance mehr im Film erhielt. 1964 spielte sie ihre letzte Rolle im Karl-May-Film „Der Schut“.

Ihre Besetzung in der Rolle der „Marianne“ war ein Glücksfall, lässt aber gleichzeitig deutlich werden, warum Duviviers Film im Gegensatz zu Marianne Holds parallel erschienenen Heimatfilmen schnell in Vergessenheit geriet. Die große Liebe wurde im Heimatfilm zum erreichbaren Ideal, in Von Mendelssohns Roman blieb sie eine unerreichbare Fantasie. So beglückend wie schmerzlich, so real wie irreal – und so zerrissen und schön wie dieser Film.  







"Marianne" Deutschland, Frankreich 1955, Regie: Julien Duvivier, Drehbuch: Julien Duvivier, Marcel Ophüls, Peter von Mendelssohn (Roman), Darsteller : Horst Buchholz, Marianne Hold, Udo Vioff, Isabelle Pia, Friedrich Domin, Ady Berber, Michael Verhoeven, Michael Ande, Peter VogelLaufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog "L'amore in città" besprochene Filme von Julien Duvivier:

"Don Camillo" (1952)

Montag, 1. Juli 2013

Die Fischerin vom Bodensee (1956) Harald Reinl

Inhalt: Wie jeden Tag ist Maria Gassl (Marianne Hold), begleitet von dem Nachbarjungen Loisl, auf dem Bodensee, um für ihren Lebensunterhalt zu fischen. Ihr Fang ist sowieso schon spärlich, aber als die Zwillingsschwestern Schweizer (Isa und Jutta Günther) absichtlich mit ihrem Motorboot in ihr Netz fahren, bleibt nicht mehr viel übrig. Gemeinsam mit Loisl versucht Maria die wenigen Fische auf dem Markt zu verkaufen, aber sie hat keine Chance gegen die Fischereifirma Bruckberger, die ihre gezüchtete Ware deutlich günstiger anbieten kann. Zufällig trifft sie auch auf Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), der erst seit kurzem wieder in seiner Heimat zurück ist, und der nicht wenig erstaunt auf die inzwischen erwachsen gewordene schöne junge Frau reagiert.

Sie macht ihm Vorwürfe, dass seine Firma ihrem Großvater die Fangrechte unter Preis abkaufen will und sie bewusst beim Fischen gestört wurde. Hans versteht zuerst nicht, wovon sie spricht, aber schnell bekommt er heraus, dass seine Eltern die wirtschaftliche Notsituation der alteingesessenen Fischer-Familie Gassl ausnutzen und die beiden Zwillingsmädchen die aus ihrer Sicht arrogante Maria bestrafen wollten. Er schreitet ein und bringt die Sache in Ordnung, aber Maria bleibt weiterhin abweisend ihm gegenüber, was ihn nur noch weiter antreibt…


Ein Jahr nach "Der Fischer vom Heiligensee" kam auch "Die Fischerin vom Bodensee" in die deutschen Kinos, unter der Regie von Harald Reinl, der zuerst Heimatfilme drehte, bevor er sich im Action- und Krimi-Genre („Der Frosch mit der Maske“ (1959)) einen Namen machte. Außer dem Fischer bzw. der Fischerin und dem dazugehörigen See vor einem atemberaubendem Berg-Panorama haben beide Filme nur wenig gemeinsam, denn während Heinz H.König ein ernsthaftes Melodrama entwarf, drehte Reinl ein Sammelsurium aus den beliebtesten Ingredienzien des Heimatfilm-Genres in der Tradition von "Grün ist die Heide" (1951). Die dramatische Liebesgeschichte um die schöne, aber arme und vaterlose Fischerin Maria Gassl (Marianne Hold) und den Sohn aus wohlhabendem Hause Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), wird umrankt von viel Bodensee-Folklore, alkoholgetränktem Überschwang („Im Himmel gibt’s kein Bier“), Gesang („Die Fischerin vom Bodensee“) und Bauernschwank - eine Mischung, die damals hervorragend ankam.

Die Konsequenz, mit der der Film die Klischees und Geschlechterrollen in einer abwechslungsreichen Inszenierung bediente, ist bemerkenswert und lässt "Die Fischerin vom Bodensee" zu einem exemplarischen Beispiel für das Heimatfilm-Genre werden. Männer und Frauenrollen werden hier eindeutig definiert, was sich schon am selbstbewussten Auftreten des naseweisen Fischerjungen Loisl beweist, der Maria Gassl bei ihrer Arbeit begleitet. Als gleich zu Beginn die Zwillingsschwestern Anny und Fanny Schweizer (in dieser Zeit notorisch mit Isa und Jutta Günther besetzt) mit ihrem Motorboot absichtlich das Fischernetz kaputt fahren, hat Loisl für die verwöhnten Fratzen aus reichem Hause nur Verachtung übrig. Tatsächlich kann ihnen ihr Vater Anton Schweizer (Rudolf Bernhard), ein erfolgreicher Holzhändler, nichts abstreiten, weshalb sie als ernsthafte Ehe-Kandidatinnen für den begehrten Junggesellen Hans Bruckberger nicht in Frage kommen. Trotz der nach außen hin behaupteten Freundschaft zwischen Bruckberger und den Zwillingsmädchen, behandelt er sie meist wie verzogene Gören, weshalb er sie auch dazu vergattert, nachts Marias Netz mit Fischen zu füllen, nachdem er von ihrem Anschlag erfahren hatte.

An der Verbindung zwischen ihm und einer der Schweizer-Töchter hat vor allem seine Mutter Stefanie Bruckmeier (Annie Rosar) Interesse, die den wirtschaftlichen Vorteil ihrer Familie im Auge hat. Annie Rosar gibt in der Nebenhandlung den Part der herrschsüchtigen Alten, die ihren Ehemann Karl (Joe Stöckel) so knapp hält, dass der eine uneheliche Tochter erfindet, um 100 Mark Alimente monatlich kassieren zu können, die er immer persönlich über die Grenze bringt. Gemeinsam mit seinem Freund Anton Schweizer nutzt er die Gelegenheit, um einmal im Monat am Stammtisch seinem Vergnügen nachgehen zu können. Reinl gestaltet diese Szenen im Stil eines Bauernschwanks, dessen Realitätsanspruch gegen Null geht, aber er nutzt die Konstellation für typische Seitenhiebe auf die Geschlechter, wobei die Männer deutlich besser wegkommen.

Während die Alte immer streng und diszipliniert den Laden führt, fragt man sich, wofür ihr Mann in dem Fischerei-Betrieb zuständig ist. Weniger hübsche Mägde beleidigt er ganz selbstverständlich wegen ihres Aussehens, während er seine Frau ständig zu besänftigen versucht. Darüber hinaus gibt er als gut gelaunter Dampfplauderer den Sympathieträger. Doch zunehmend gerät er gegenüber seiner Frau in Erklärungsnot, was ihn am Ende zu einer Notlüge zwingt, die dramatische Folgen hat – doch in diesem Moment begreift er, dass er ein Mann ist und setzt sich gegenüber seiner Frau durch, was sie sofort mit freudiger Unterwürfigkeit belohnt. Eine solche Situation wäre für seinen Sohn Hans unvorstellbar, den Gerhard Riedmann mit kernig, selbstbewusster Männlichkeit spielt. Im Gegensatz zu seinem Vater packt er - kaum wieder an den Bodensee zurück gekommen – in der Firma seiner Eltern an und begegnet auf dem Markt Maria, als sie versucht, ihre wenigen Fische zu verkaufen, die gerade so zum Überleben für sie und ihren Großvater (Joseph Egger) reichen, bei dem sie aufgewachsen ist. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben und nahm das Geheimnis mit ins Grab, wer Marias Vater ist.

Marianne Hold hatte zwar seit „Duell in den Bergen“ (1950) unter der Regie von Luis Trenker schon mehrere Hauptrollen gespielt, aber „Die Fischerin vom Bodensee“ ließ sie zum großen Star in den späten 50er Jahren werden, ein Ruhm, der nur bis zum Ende der Heimatfilm-Ära anhielt – schon 1964 spielte sie in dem Karl-May-Film „Der Schut“ ihre letzte Rolle. Als Maria verkörperte sie das Idealbild einer unnahbaren, jungfräulichen Schönheit, die für einen echten Kerl zur Herausforderung werden muss. Der Wettkampf beim Maifest ist geradezu prototypisch zugespitzt, als sie - in der historischen Tracht einer unverheirateten jungen Frau gekleidet – zuerst kaum hinsehen kann, als Hans versucht, als Erster den Maibaum zu erklettern, um seinen dabei gewonnenen Tanz nach kurzer Zeit wieder abzubrechen. Ihre ständigen Zurückweisungen wirken angesichts der Tatsache, dass an ihren gegenseitigen Gefühlen von Beginn an kein Zweifel besteht, etwas übertrieben, erfüllen aber die Erwartungen an das Klischee, dass nur der stärkste und beste Mann die begehrenswerteste Frau erhält. Hans, der nicht daran zweifelt, sie zu erobern und zwischendurch auch schon mal anmerkt, man müsste sie wegen ihres Trotzes übers Knie legen, gewinnt sie letztlich, indem er sie gegen ihren Willen küsst – ein richtiger Mann nimmt sich seine Frau, die ihm danach hoffnungslos verfällt.

Dank der Lüge seines Vaters kommt es noch einmal zu einer kurzen Irritation zwischen ihnen, aber in „Die Fischerin vom Bodensee“ gibt es keine wirklichen Gefahren wie etwa in „Der Fischer vom Heiligensee“, sondern nur eine dramatische Liebesgeschichte inmitten eines fröhlichen und unbeschwerten Treibens in schönster landschaftlicher und historischer Umgebung, die sich als Urlaubsort geradezu anbietet. Dass sich am Ende auch die Vaterfrage klärt und Marias Armut damit Geschichte ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf, so dass letztlich nur zwei Fragen offen bleiben – soll man den Film wegen seiner vorhersehbaren Story und seines klischeehaften Weltbilds kritisieren oder eine Machart bewundern, die die damalige Erwartungshaltung des Publikums in Perfektion umsetzte und die damit verbundene Faszination bis heute transportieren kann?

"Die Fischerin vom Bodensee" Deutschland 1956, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Ernst Neubach, Karl-Heinz Busse, Harald Reinl, Darsteller : Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Annie Rosar, Joe Stöckel, Josef Egger, Isa und Jutta GüntherLaufzeit : 88 Minuten

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