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Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung, in deren Presse- und Propagandaamt Herbert Reinecker seit 1935 tätig war. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gestehen Sie, Dr. Corda! (1958) Josef von Báky

Inhalt: Dr. Corda (Hardy Krüger), Familienvater und Anästhesie-Arzt in der örtlichen Klinik, hat ein heimliches Liebesverhältnis mit der Krankenschwester Gabriele Montag (Eva Pflug), was ihren Kollegen nicht verborgen blieb. Sie versucht deshalb Abstand von ihm zu bekommen und hat den Chefarzt um ihre Versetzung gebeten, aber Corda kann Gabriele noch einmal zu einem Treffen überreden, wofür sie auf ihren geplanten Besuch bei der Volkshochschule verzichtet.

Auf Grund eines Notfalls im Krankenhaus verspätet sich Corda, findet Gabriele aber weder am geplanten Treffpunkt, noch an der Volkshochschule an, wo er sie ebenfalls sucht. Erst als er erneut in den Wald zurückkehrt, wo sie sich üblicherweise verabredeten und die Umgebung absucht, stößt er auf ihren am Fluss liegenden Körper. Gabriele wurde erschlagen. Geschockt und panisch verwischt er seine Spuren, kehrt mit lehmbeschmierten Schuhen ins Krankenhaus zurück und versucht nach außen hin Ruhe zu bewahren. Nach einer unruhigen Nacht neben seiner Frau (Elisabeth Müller) scheint er die Leiche als Mitglied eines Suchtrupps zufällig zu finden, aber die Polizei fasst ihn schnell als Täter ins Auge…

"Gestehen Sie, Dr. Corda!" , von der PIDAX am 14.10.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht, gehört nicht zu den Vorboten der zukünftigen Krimi-Welle um die Edgar-Wallace-Reihe - wie die Vermarktung des Films vorgab, die damit eine falsche Erwartungshaltung erzeugte - , sondern vermittelte in seiner sachlichen Inszenierung ein realistisches Zeitbild der BRD, Ende der 50er Jahre. Drehbuchautor Stemmle beabsichtigte gemeinsam mit Regisseur Josef von Báky eine Kritik an der aus ihrer Sicht veralteten Strafrechtsordnung, die bis heute wenig von ihrer Aktualität verloren hat. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 













Ein schlichterer Beginn ist kaum vorstellbar. Im Stil einer Akte wurden die Credits zu Beginn mit einer Schreibmaschine auf einfaches Papier geschrieben - signifikant für einen Film, der sich um größtmögliche Sachlichkeit bemühte. Drehbuchautor Robert A. Stemmle orientierte sich an dem realen "Fall Hoflehner", einem österreichischen Anästhesisten, der 1955 fälschlich eines Mordes verdächtigt wurde und nur zufällig seine Unschuld beweisen konnte. Die Vorverurteilung auf Grund von Indizienbeweisen, die Funktion der Sachverständigen und die Stellung des Beschuldigten waren für Stemmle Ausdruck einer veralteten Strafgesetzverordnung, deren Reform er wiederholt anmahnte.

Er selbst bezeichnete sich als Spezialisten für Justizirrtümer, hatte 1948 das Drehbuch zu dem DEFA-Film "Affäre Blum" verfasst, der einen Fall während der Weimarer Republik behandelte, verfilmte die Story 1962 erneut, diesmal für das westdeutsche Fernsehen, um ein Jahr später "Der Fall Rohrbach - eine Rekonstruktion" über die Hausfrau Maria Rohrbach als TV-Trilogie herauszubringen. Ihr war vorgeworfen worden, ihren Mann zuerst vergiftet und dann zerstückelt zu haben, weshalb sie 1958 auf Basis eines Sachverständigengutachtens verurteilt wurde. Erst nach vier Jahren Haft wurde dem Urteil in einem Wiederaufnahmeverfahren widersprochen. Tatsächlich war ihr ihre stadtbekannte Leichtlebigkeit zum Verhängnis geworden, die sie in der Augen der Bevölkerung moralisch vorverurteilte - ein wesentlicher Aspekt auch für die Eigendynamik in „Gestehen Sie, Dr.Corda!“.

Die ermordete Krankenschwester Gabriele Montag (Eva Pflug) war die Geliebte des verheirateten Anästhesie-Arztes Dr.Corda (Hardy Krüger), die an diesem Abend ursprünglich zum Englisch-Kurs an der Volkshochschule gehen wollte. Corda hatte sie überredet, sich mit ihm noch einmal zu treffen. Seine Frage, ob sie ihn noch liebt, lässt sie unbeantwortet, aber daran wird deutlich, dass er spürt, dass sie sich von ihm entfernt. Als er sie weder am verabredeten Treffpunkt, noch an der Volkshochschule anfindet, beginnt er sie zu suchen und stößt dabei auf ihre Leiche. Anstatt die Polizei zu rufen, versucht er dilettantisch seine Spuren zu verwischen, begibt sich nach Hause zu seiner Frau (Elisabeth Müller), um am nächsten Morgen als Mitglied einer Suchgruppe scheinbar zufällig die am Fluss liegende Tote zu entdecken. Die Polizei braucht nicht lange, um ihn ins Auge zu fassen. Von seiner Affäre wusste die gesamte Krankenhaus-Belegschaft, Indizien für seine Anwesenheit am Tatort gibt es genügend und die offensichtlichen Lügen, die er der Polizei auftischt, machen ihn zum perfekten Täter.

Leider geht die Story auf die Qualität der Beziehung von Corda und Gabriele später nicht mehr ein, sondern betont nur dessen hektisches Reagieren auf den Tod der Geliebten. Stattdessen wird seine Ehefrau Beate zu einer Idealfigur hochstilisiert, die trotz der erdrückenden Beweislast und seines Betrugs als Einzige an die Unschuld ihres Mannes glaubt. Obwohl er es war, der sich unbedingt mit der Krankenschwester treffen wollte, die schon ihre Verlegung in ein anderes Krankenhaus beantragt hatte, erhält die Liebes-Affäre zunehmend den Charakter einer früheren Sünde, weshalb Corda seine Rolle als Ehemann und Vater einer kleinen Tochter nicht in Frage stellen muss. Offensichtlich wollte Stemmle die Identifikationsfigur Hardy Krüger nicht weiter belasten, um die Tragik des unschuldig Verurteilten Dr.Corda noch zu betonen, und sparte sich den logischen Konflikt zwischen ihm und seiner Frau. Und damit die Frage, wieso er dieser schönen und scheinbar idealen Ehefrau eine Andere vorzog?

Diese manipulative, oberflächliche Charakterisierung, die zudem in einen unnötig dramatisierenden Selbstmordversuch der Ehefrau mündet (der damals noch strafrechtlich hätte geahndet werden müssen) nimmt dem Film ein wenig von seiner sonst realistischen, auf emotionale Schürungen verzichtenden Qualität. Wie schon ein Jahr zuvor in „Die Frühreifen“ (1957) gelang es Regisseur Josef von Báky stimmig die bürgerliche Atmosphäre einer mittelgroßen Stadt einzufangen. Die Arbeit im Krankenhaus, Volkshochschule und selbst das Fassnachts-Treiben erzeugen ein Umfeld der Normalität, in der der Mord durch einen unauffällig wirkenden Mann wie nebenbei geschieht. Auch das Vorgehen der Polizei kommt ohne besondere Härten aus - anders als es der Filmtitel vermuten lassen könnte. Weder setzen sie Corda besonders unter Druck, noch verhalten sie sich ungesetzlich. Für Inspektor Guggitz (Siegfried Lowitz) und seinen Vorgesetzten Oberinspektor Dr.Pohlhammer (Fritz Tillmann) ist der Mann, der seine Geliebte loswerden wollte, einfach der logische Täter, auf den alle Spuren hindeuten. Warum sollen sie sich auf die Suche nach dem großen Unbekannten machen? - Genauso nachvollziehbar verhält sich Cordas Verteidiger (Hans Nielsen), der ohne die aus US-Justiz-Filmen bekannten Tricks auskommt.

Mit einem klassischen Thriller hat der Film entsprechend wenig gemeinsam, auch spielt die Suche nach dem wahren Täter nur eine untergeordnete Rolle. Die Vermarktung betonte leider einen reißerischen Charakter und erzeugte damit eine Erwartungshaltung, die Stemmle und Von Báky weder erfüllen konnten noch wollten. Sie vermieden in der Schilderung der Justiz-Vorgänge jeden Eindruck von Übertreibung, um ihre Kritik an diesem Beispiel möglichst objektiv ausdrücken zu können. Extrem sind nur die Reaktionen der Bevölkerung, die Corda und seine Familie vorverurteilen und massiv bedrohen, womit ihnen die Chance auf ein normales Weiterleben genommen wird. Stemmle wollte damit seinen Wunsch nach einer Reform der Strafgesetzordnung noch betonen, aber geändert hat sich seitdem wenig – die hier gezeigten Abläufe könnten heute noch in ähnlicher Form stattfinden.

"Gestehen Sie, Dr. Corda!" Deutschland 1958, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Robert A. Stemmle, Darsteller : Hardy Krüger, Elisabeth Müller, Lucie Mannheim, Siegfried Lowitz, Hans Nielsen, Eva Pflug, Rudolf Fernau, Paul Edwin Roth, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Josef von Báky:

Mittwoch, 22. Mai 2013

Liane, das Mädchen aus dem Urwald (1956) Eduard von Bosordy


Inhalt: Eine internationale Gruppe um Thoren (Hardy Krüger) und die Ärztin Dr. Jacqueline Goddard (Irene Galter) forscht im afrikanischen Dschungel, als Thoren plötzlich eine verwilderte junge, weiße Frau (Marion Michael) entdeckt, was ihm zuerst Niemand glaubt. Doch wenig später, nachdem er von afrikanischen Stammeskriegern überwältigt wurde, ist sie es, die ihm die Freiheit schenkt, denn sie wird im Dschungel als Göttin verehrt. Als Thoren noch überlegt, wie er sich ihr nähern könnte, wird das Mädchen von anderen Mitgliedern der Gruppe gefangen und ins Lager gebracht.

Um ihre Identität festzustellen – sie trägt ein Amulett mit einem „L“ – funken sie ihre Entdeckung in die Welt hinaus, worauf auch der Hamburger Reeder Amelongen (Rudolf Forster) aufmerksam wird, der seine damals 2jährige Enkelin bei einem Schiffsunglück in der Region verloren glaubte. Sie hieß Liane und die Beschreibung könnte passen. In Begleitung von Thoren und dem Afrikaner Tanga (Jean Pierre Faye) wird Liane nach Hamburg gebracht, um sie dem Reeder vorzustellen, aber nicht alle freuen sich über ihre Ankunft…


Die Wildnis fernab zivilisatorischer Errungenschaften erlaubte eine Ausnahme von vorherrschenden konservativen Moralvorstellungen. Das galt nicht nur in literarischer Form, sondern frühzeitig für den Film, der "Tarzan" schon in der Stummfilmzeit eine leicht geschürzte Jane zur Seite stellen konnte, deren gemeinsames Leben im Baumhaus die Fantasien beflügelte, so brav dieses auch geschildert wurde. Der Mitte der 50er Jahre in Deutschland veröffentlichte Roman „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ der sonst unbekannt gebliebenen Schriftstellerin Anne Day-Helveg bediente sich ungeniert dieser "Tarzan" - Thematik, um die Geschichte eines weißen und - wie sich später herausstellen sollte - deutschen Mädchens im Dschungel zu erzählen, dass nicht zum muskelbepackten Helden, sondern zum Opfer verschiedener Interessen wird.

Am trivialen Inhalt dieser Story bestand kein Zweifel, aber die Mischung aus afrikanischer Exotik und einem blonden deutschen Mädchen war so erfolgreich, dass die filmische Umsetzung nicht lange auf sich warten ließ. Anders als künstlerisch ambitionierte Werke, sind es die am Massengeschmack orientierten Filme, die den damaligen Zeitgeist exakter widerspiegeln können, was die Analyse jenseits der inhaltlichen Qualität interessant werden lässt. Die Story selbst ist von so einfacher Machart, dass sie mit wenigen Worten zusammen gefasst werden kann - eine internationale Forschergruppe entdeckt im afrikanischen Dschungel zufällig eine junge hellhäutige Frau, fängt sie und bringt sie nach Deutschland, wo sie sich als Enkeltochter eines reichen Hamburger Reeders herausstellt. Da dieser schon seinen Neffen als Alleinerben eingesetzt hatte, gefährdet sie dessen Position, was dieser mit verbrecherischen Mitteln zu verhindern versucht.

Nicht dieser vorhersehbare Ablauf, sondern die Details, hinsichtlich der Geschlechterrollen, der Bewertung der Nationalitäten bis zur modernen Unternehmungsführung, lassen tief in die bundesrepublikanische Seele Mitte der 50er Jahre blicken. Das Projekt "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" wurde entsprechend strategisch angegangen. Mit dem österreichischen Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur Eduard von Bosordy stand ein erfahrener Leiter zur Verfügung, der schon in den 30er Jahren mehrere Abenteuerfilme gedreht hatte ("Kautschuk" (1938), "Kongo-Express" (1939)) und nach dem Krieg vor allem Komödien inszenierte, darunter kurz zuvor "Dany, bitte schreiben Sie" (1956) mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack in den Hauptrollen. Der schillernde Drehbuchautor Ernst von Salomon hatte schon bei der Umsetzung der „08/15“-Trilogie bewiesen, dass er keine Berührungsängste vor populären Stoffen hatte und mit Hardy Krüger verpflichtete man einen jungen, aufstrebenden Darsteller für die männliche Hauptrolle, der nicht ohne Grund einer der wenigen auch in Hollywood erfolgreichen deutschen Schauspieler werden sollte. Es ist vor allem seiner lässigen, sich nie ganz ernst nehmenden Umsetzung der Rolle zu verdanken, dass die hier gezeigten Klischees noch halbwegs erträglich blieben.

Die Auswahl der weiblichen Hauptrolle war nicht nur die schwierigste Aufgabe, sondern lässt die Veränderungen in der Bewertung von Erotik und Sexualität seit Mitte der 50er Jahre besonders deutlich werden. Heute in einer Zeit ständiger Verfügbarkeit von Pornografie, wäre es publizistischer Selbstmord eine 16jährige für eine Nacktrolle zu verpflichten – der Verdacht, damit pädophile Neigungen zu bedienen, läge zu nah, auch weil eine junge Erwachsene die Rolle gleichwertig spielen könnte. Die damaligen Produzenten des Films benötigten dagegen einen besonders unschuldig wirkenden, jugendlichen Typ, um die sehr dezenten Nacktbilder auf die Leinwand bringen zu können. Jede direkte Erotik musste vermieden werden, wozu auch Marion Michaels betont verspieltes Agieren beitrug. Selbst als sie die Hand von Thoren (Hardy Krüger) auf ihre bedeckte Brust legt - ein von ihr im Dschungel erlerntes Zeichen, um Zuneigung auszudrücken – vermittelt diese Handlung keine Sexualität. Das gilt auch für ihr Vorleben im Dschungel, denn obwohl sie in Tanga (Jean Pierre Faye) einen afrikanischen Beschützer hat, der auch mit ihr nach Deutschland reist („Er darf in der Küche essen“), war es unvorstellbar, das sie etwas miteinander gehabt hätten. Sie verliebt sich selbstverständlich in den deutschen Protagonisten, drückt diese Gefühle aber mit kindlicher Begeisterung aus, auf die Hardy Krüger mit einem gewissen väterlichen Verständnis reagiert, die Liebkosungen dabei freundlich abwehrend – Marion Michael durfte gar nicht erwachsen wirken.

Wie verlogen und kalkuliert diese Konstellation war, wird an der zweiten weiblichen Rolle offensichtlich, der französischen Ärztin Dr. Jacqueline Goddard (Irene Galter), die auch in Thoren verliebt ist. Durch einen Zufall erfährt er davon, macht aber deutlich, dass sie ihm zu intelligent und gebildet sei. Heute wäre eine solche Aussage ein Armutszeugnis für einen coolen Typen – zumindest würde es keiner mehr zugeben – damals war die Botschaft eindeutig. Die Beziehung des moralisch integren, männlichen Helden, der im Gegensatz zu den übrigen weißen Männern sogar die afrikanischen Ureinwohner für menschliche Wesen hält - wenn auch zweiter Klasse - zu einer unschuldigen, zu beschützenden jungen blonden Frau, war die Idealform der Erotik. Diese musste so unterschwellig wie möglich formuliert werden, um zwar einen gewissen Skandal hervorzurufen, den Film letztlich aber fast ungeschnitten in die Kinos zu bekommen. Die Rechnung ging an den Kinokassen auf, nicht aber für Marion Michael, deren früher Erfolg in dieser wenig die Reputation fördernden Rolle die erwartbaren Konsequenzen nach sich zog. Nachdem mit einem noch schwächeren Sequel „Liane, die weiße Sklavin“ (1957) finanziell nachgelegt wurde, reichte es später trotz einer schauspielerischen Ausbildung nicht mehr für weitere Erfolge. Nach schweren Depressionen entschied sich Marion Michael 1979 in die DDR umzuziehen, da die Menschen aus ihrer Sicht dort harmonischer miteinander umgingen.

Mit dem Österreicher Reggie Nalder verkörperte ein auf Finsterlinge festgelegter Mime den Gegenspieler Viktor Schöninck, der die Firma seines Onkels Theo Amelongen (Rudolf Forster) leitet und durch das Wiederauftauchen von Enkeltochter Liane (Marion Michael) seine Rolle als Alleinerbe gefährdet sieht. Doch schon bevor er sein intrigantes Spiel beginnt, wird er als Firmenchef diskreditiert. Ein Besuch seines Onkels in dessen Büro genügt diesem, um zu erkennen, dass statt tüchtiger Arbeiter nur junge Damen im Vorraum sitzen, die sich die Fingernägel lackieren. Was der alte Patriarch vom modernen Berufsleben hält, steht damit außer Frage, so wie sich Lianes Erziehung darauf beschränkt, die Höflichkeitsformeln zu lernen und in Pumps über Hamburgs von Luxuskarossen befahrenen Straßen zu stöckeln. Dass sie am Ende wieder in den Dschungel zurückkehrt, bedeutet keineswegs eine Kritik an der deutschen Zivilisation, sondern ermöglicht nur, erneut einen Schuss Exotik und barbusige afrikanische Tänzerinnen zu zeigen, deren Anblick der deutschen Prüfstelle - im Gegensatz zu dem der nackten weißen Frau - keinen Anlass zur Sorge bot. Damit schließt sich der Kreis eines Films, der einerseits ein rückwärts gewandtes Weltbild betonte, andererseits keine Hemmungen darin zeigte, sexuell verklemmte Bedürfnisse zu bedienen.

"Liane, das Mädchen aus dem Urwald" Deutschland 1956, Regie: Eduard von Bosordy, Drehbuch: Ernst von Salomon, Thomas Fough, Anne Day-Helveg (Roman), Darsteller : Marion Michael, Hardy Krüger, Irene Galter, Peter Mosbacher, Rudolf Forster, Reggie Nalder, Laufzeit : 78 Minuten