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Sonntag, 5. März 2017

Freddy, die Gitarre und das Meer (1959) Wolfgang Schleif

Freddy (Freddy Quinn) und Stefan (Christian Machalet) mussten von Bord gehen
Inhalt: Ein 10jähriger Junge (Christian Machalet) treibt sich im Hamburger Hafengebiet herum und nutzt einen unbeobachteten Moment, um an Bord eines Frachters zu gelangen. Er ahnt nicht, dass ihm Freddy (Freddy Quinn), der es sich unter der Plane eines Rettungsboots eingerichtet hatte, dabei zusieht. Doch als ein Kran seine Ladung in den Frachtraum absetzen will, kommt diese dem Jungen gefährlich nah, so dass Freddy ihm zur Seite springt und ihn wegzieht. Mit dem Ergebnis, dass Beide erwischt werden und von Bord verwiesen werden. Statt als blinder Passagier nach Kanada zu schippern, muss Freddy in einem Schuppen übernachten, in dem sich Stefan, der aus dem Waisenhaus abgehauen war, versteckt hält. 

Freddy gefällt Susi (Corny Collins)
Freddy ist dem Jungen deshalb nicht böse und will ihn nicht im Stich lassen. Als sie am kommenden Tag ein wenig Geld für etwas Essbares auftreiben wollen, hält Stefan einer Dame (Sabine Sesselmann) die Tür ihres Cabriolets auf, wofür er 50 Pfennig erhält. Dabei fällt dieser unbemerkt ein 50 Markschein aus dem Portmonee, den Stefan sofort an sich reißt. Aber Freddy ermahnt ihn und gibt ihn ihr wieder zurück. Eine Begegnung, an die sich die junge Journalistin sofort erinnert, als sie einige Stunden später erneut auf Freddy trifft, der im Lokal "Bei Onkel Max" einige Lieder singt, um ein wenig Geld zu verdienen. Susi (Corny Collins), die dort kellnert, hatte ihm und Stefan eine Bulette zukommen lassen und sich ein wenig mit Freddy angefreundet. Doch die angenehme Situation ändert sich, als Polizisten das Lokal betreten. Freddy ergreift die Flucht. 


In "Heimatlos" wurde Freddy Quinn noch von der weiblichen Protagonistin zugunsten eines anderen Mannes zurückgewiesen, ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" stieg er endgültig zum Hauptdarsteller und Star auf, dem die Frauenherzen nur so zuflogen. Das betonten die diversen Filmplakate, die ihn wahlweise mit Sabine Sesselmann oder Corny Collins zeigten, und passte zu Freddys neuem Image als cooler Seemann, der den Widrigkeiten des Lebens mit der Gitarre in der Hand trotzt - eine Kreation, die auf die Autoren Aldo von Pinelli und Gustav Kampendonk zurückging, die gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif die ersten drei Freddy-Filme innerhalb eines Jahres herausbrachten, deren großer Erfolg Quinns Image bis heute verfestigte.

Tatsächlich spielten die Macher nur mit der Aura eines Frauenhelden, denn Quinn blieb immer ein Muster an Anstand, der die Gelegenheiten selbstverständlich nicht ausnutzte. Mit Sabine Sesselmann, deren Porträt im Hintergrund des Filmplakats eine bedeutungsvolle Schwere vermitteln sollte, existiert im Film nicht einmal ein kleiner Flirt. Stattdessen erlebt Freddy seine Abenteuer mit einem 10jährigen Jungen, den er am Ende aus einem Waisenhaus befreit und als blinden Passagier mit nach Kanada nimmt. Bei solch menschlich nachvollziehbaren Umständen durft auch ein wenig über die Strenge geschlagen werden. 


"Freddy, die Gitarre und das Meer" wurde der "kassenstärkste Film deutsch" (goldener Bambi 1960) im Jahr 1959 und stand am Beginn einer Reihe von insgesamt zehn Freddy Quinn-Filmen innerhalb der kommenden fünf Jahre. Doch so selbstverständlich wie dieser Erfolg rückwirkend erscheint, war er nicht. Als Sänger seit seinem ersten Nummer 1-Hit "Heimweh" (1956) in Deutschland ein Star, war Quinn bis dahin im Kino nur in zwei Nebenrollen zu sehen. Zuletzt in dem Heimatfilm "Heimatlos" (1958), dessen gleichnamiger Titelsong für Quinn zu einem weiteren Nummer-1-Hit avancierte. Der Text stammte von Aldo von Pinelli, dem Impresario hinter einer Figur, die er gemeinsam mit Co-Autor Gustav Kampendonk und Regisseur Wolfgang Schleif zu einer Reife brachte, dass sie zum "Alter Ego" des aus Österreich stammenden Sängers wurde: der bodenständige, großherzige und weitgereiste Seemann, der seine Gitarre und die Einsamkeit des Meers jederzeit einer aufgeregten, materiell orientierten Gesellschaft vorzog.

Freddy bei Katja (Sabine Sesselmann) zu Hause - natürlich ganz züchtig
Den Machern musste das Risiko dieser Kreation bewusst gewesen sein, denn die Produktionskosten blieben verglichen mit seinem unmittelbaren Nachfolger "Freddy unter fremden Sternen" (1959) bescheiden - gedreht in Schwarz/Weiß, ohne große Co-Stars und mit einer auf das Hafengebiet von Hamburg beschränkten Location. Dabei bewiesen sie ein gutes Gespür sowohl für den damaligen Zeitgeist, als auch den Menschen Quinn. Dieser hatte, als er 1954 als 23jähriger von Jürgen Roland auf der Reeperbahn entdeckt worden war, schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit seinem irischen Vater war er als Kleinkind in die USA gezogen, später zu seiner Mutter nach Wien zurückgekehrt, bevor er schon als Minderjähriger jahrelang singend durch Südeuropa und Nordafrika gereist war. Quinn nahm man den Typus des selbstbewussten, jeder Situation gewachsenen Kerls ab, dessen zwischen Abenteuerlust und Biederkeit austarierter Charakter exakt den Nerv des Publikums traf.

Jan (Peter Carsten) hat Freddy wieder erkannt
Entsprechend angelegt ist auch die Handlung. Der von der Polizei wegen Totschlags in Genua gesuchte Freddy schlägt sich als blinder Passagier bis Hamburg durch, um von dort weiter nach Kanada zu gelangen, wo ihm sein Onkel ein großes Stück Land vererbt hat. Weil er Stefan (Christian Machalet), einem aus dem Waisenhaus geflohenen etwa 10jährigen hilft, wird er entdeckt und muss von Bord des Schiffes gehen, das ihn nach Nordamerika bringen sollte. Gemeinsam mit dem Jungen schlägt er sich in St.Pauli durch, übernachtet in einem heruntergekommenen Schuppen und versucht in einem Lokal mit seinem Gesang etwas zu verdienen. Dabei lernt er die Kellnerin Susi (Corny Collins) kennen, aber auch eine hübsche Journalistin (Sabine Sesselman) aus besten Hamburger Kreisen wird auf ihn aufmerksam. Sie will sein Talent als Sänger fördern und nimmt ihn mit zu sich nach Hause, was ihrem arroganten Verlobten gar nicht gefällt. Auch Susi reagiert eifersüchtig, aber Freddy hat noch ganz andere Probleme. Ein ehemaliger Kamerad (Peter Carsten) hat ihn wieder erkannt und droht ihn an die Polizei zu verraten.

"Mutter" Ossenkamp (Camilla Spira) steckt Fietjes (Ralf Wolter) Lohntüte ein
St.Pauli, Kriminalität, Frauen. Von Pinelli und Kampendonk entwarfen eine Story, die nach Sex und Gewalt klang, sich aber als familientauglicher Musikfilm entpuppte. Keiner der hier behaupteten Konflikte wird auch nur annähernd ausgespielt, mögliche Missverständnisse oder Animositäten lösen sich umgehend in Wohlwollen auf. Eine Inszenierung, die um Freddy die Aura eines Vagabunden und Abenteurers schuf, diesen aber am heimischen Küchenherd verortete. Hamburg-Reeperbahn, die Hafengegend, die schmalen Gassen, selbst das Tanzlokal, in dem Vicky Henderson die einzige nicht von Quinn gesungene Nummer zum Besten gab, wirken sauber und aufgeräumt. Dagegen war selbst Rühmanns "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1954) ein Ort finsterer Verruchtheit. Das Traumziel Kanada und der Blick über das Meer sollten Fernweh demonstrieren, aber das Lokal "Bei Onkel Max" des Ehepaars Ossenkamp, obwohl kinderlos von allen nur „Mutter“ (Camilla Spira) und „Vater“ (Walter Scherau) genannt, wird zum Rückzugort für Freddy und Stefan.

"Vater" Ossenkamp (Walter Scherau) lässt sich schnell von Susi und Stefan erweichen
Allein das Aldo von Pinelli seinem Hauptdarsteller mit Christian Machalet ein Kind an die Seite stellte, das dem Film altklug und redselig den Stempel aufdrückte, nahm der Handlung jede Chance auf eine dramatische Entwicklung. Freddy rückte sofort in die Rolle des großen Bruders, der den Kleinen nicht im Stich lassen konnte, weshalb es die beiden Frauen an seiner Seite schwer hatten. Das ist umso erstaunlicher, da Corny Collins ("Schmutziger Engel", 1958) und Sabine Sesselmann („Liebe kann wie Gift sein“, 1958) zuvor sexuell aktive Frauen gespielt hatten, hier an Hochgeschlossenheit aber kaum zu übertreffen sind. Collins als Kellnerin Susi ist ganz das einfache Mädchen, dass sich ein anständiger Kerl wie Freddy an seiner Seite wünscht – fleißig, zurückhaltend und dezent hübsch. Klar, dass er sie will, aber mehr als ein Kuss am Kai, als er sich von ihr gen Kanada verabschiedet, springt nicht für sie heraus. Trauer ist ihm wegen der Trennung nicht anzumerken, dagegen große Freude, als in seiner Schiffskajüte zu seiner Überraschung Stefan aus dem See-Sack springt.

Sein Verhältnis zu den Frauen ist signifikant für die Kunstfigur „Freddy“. Einerseits gehörte es zum Klischee des Abenteurers, dass ihm die Herzen der Frauen zufliegen, andererseits hätte eine intensive Beziehung, gar eine dramatische „Amour fou“, nicht nur dem Saubermann-Image widersprochen, sondern auch seinen Status als cooler Einzelgänger in Frage gestellt. Ein kleiner Junge an seiner Seite wurde akzeptiert, denn gehören sollte „Freddy“ allein dem Publikum.

Katja kann ihren Verlobten Lothar (Harry Meyen) beruhigen
Die Rolle der Journalistin Katja besaß darüber hinaus noch eine andere Funktion. Obwohl das Filmplakat eine emotionale Beziehung zwischen ihr und Freddy andeutete, durfte ihre Aufmerksamkeit allein seinem Gesangstalent gelten. Selbst als sie ihn mit zu sich nach Hause nimmt, wird jede größere Nähe ausgeschlossen. Betont wird dagegen ihr mondäner Hintergrund mit Villa, Sportwagen und Hausmädchen, der in keinem größeren Kontrast zur kleinbürgerlichen Welt der Ossenkamps stehen könnte, der hier selbstverständlich die Sympathien gehörten. Zwar agierte Sabine Sesselmann in ihrer Rolle freundlich – sonst hätte Freddy nichts mit ihr zu tun haben wollen - aber Harry Meyen als ihr Verlobter durfte die gesamte Palette von Arrogant bis Hochnäsig abdecken. Wenn Katja ihm am Ende zu verstehen gibt, dass Jemand wie Freddy bei ihr keine Chance hatte und sie auch dessen Gesangsaufnahmen wieder löscht, unterscheidet sie nichts mehr von ihm.

Wahre Freude - Stefan kommt mit nach Kanada
Diese Trennung zwischen den sozialen Schichten war ein weiterer Grund für den Erfolg der „Freddy“-Filme, die den Heimatfilm modern interpretierten (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Hier die klar umrissene, vertraute Scholle, bevölkert mit Menschen, die trotz kleinerer Schwächen das Herz auf dem rechten Fleck haben, dort eine gebildete und auf Etikette wert legende Oberschicht. Auch dieser Kontrast wurde nicht übertrieben zugespitzt, denn das hätte den harmonischen Gesamteindruck gestört – selbst die Polizei ging hier ganz in ihrer Funktion als „Freund und Helfer“ auf - aber er machte deutlich, auf welcher Seite Freddy stand. Dass er in die weite Welt hinausfahren wollte, war kein Widerspruch. Ein Verbleiben zu Hause, wie es die frühen Heimatfilme propagierten, war nicht mehr zeitgemäß. Der Blick in die Fremde sollte das Hochhalten der eigenen Heimat legitimieren – eine Rolle, die Freddy stellvertretend für das Publikum einnahm. Am Ende von „Freddy, die Gitarre und das Meer“ begibt er sich auf die große Reise, aber das war noch nicht das Ende seiner Geschichte. 

"Freddy, die Gitarre und das MeerDeutschland 1959, Regie: Wolfgang Schleif, Drehbuch: Aldo von Pinelli, Gustav Kampendonk, Darsteller : Freddy Quinn, Corny Collins, Sabine Sesselmann, Christian Machalet, Peter Carsten, Walter Scherau, Camilla Spira, Harry Meyen, Ralf Wolter, Laufzeit : 89 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Schleif: 

"Freddy unter fremden Sternen" (1959) 
"Freddy und die Melodie der Nacht" (1960)

Sonntag, 27. November 2016

Verdammt die jungen Sünder nicht (Morgen beginnt das Leben, 1961) Hermann Leitner

Dr. Behrmann (Josef Kastrel) bemüht sich um die junge Mutter (Cordula Trantow)
Inhalt: Die Schreie ihres neugeborenen Babys können Silvia (Cordula Trantow) kein Lächeln ins Gesicht zaubern, denn die 17jährige hatte es nicht gewollt. Aus einem ärmlichen Elternhaus stammend, der Vater schon lange abgehauen, hatte sie versucht mit einer guten Ausbildung diesem Teufelskreis zu entkommen. Doch dann wurde sie schwanger und der Kindsvater verließ sie. Jetzt befindet sie sich in einer Abteilung für junge unverheiratete Mütter, die von Dr. Behrmann (Josef Kastrel) geleitet wird, der sich für seine Patientinnen einsetzt. Er möchte Silvia die Freude am eigenen Kind vermitteln, aber sie tut sich schwer. 

Ruth (Corny Collins) findet Freds (Michael Heltau) Cabrio cool
Ganz anders verläuft dagegen das Leben der Gymnasiastin Ruth (Corny Collins), die wohlbehütet aufwächst. Ihre Eltern Oskar (Werner Hinz) und Vera (Magda Schneider) sehen es zwar nicht gern, wie freizügig sich ihre Tochter anzieht und mehr Party als Schule im Kopf hat, aber sie wollen ihr auch Freiheiten lassen. Nachdem Ruth betrunken und ohne Führerschein einen Autounfall mit dem Wagen eines Freundes verursacht hatte, ändert sich ihre Strategie. Besonders ihr Vater hält es für notwendig, die Zügel anzuspannen, was Ruth aber nur noch tiefer in einen Kreis von Gaunern hineintreibt, die ihr Geld mit Autodiebstählen und Sex-Fotos verdienen… 


Pitt (Rainer Brandt) und Fred haben neue Objekte im Blick:
Regisseur Hermann Leitner, Jahrgang 1927, war Mitte 30 als er nach 1962 begann, nur noch für das Fernsehen zu arbeiten - nicht nur gemessen am Durchschnittsalter von Regisseuren noch ein junger Mann. Trotzdem hatte er zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zehn Kinofilm in einer Art Querschnitt des populären Kinos in der BRD der späten 50er Jahre abgedreht: Heimatfilm ("Pulverschnee nach Übersee", 1956), Kriminalkomödie ("Lilli - ein Mädchen aus der Großstadt", 1958) und Musik-/Tourismusfilm ("Glück und Liebe in Monaco", 1959). Sogar ins exotisch, abenteuerliche Fach hatte er sich mit der Fortsetzung von "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" (1956) gewagt. "Liane: die weiße Sklavin" (1957) wurde ebenso ein Erfolg an der Kinokasse wie seine anderen, meist kunterbunten Unterhaltungsfilme. 

Gymnasiastinnen - Ruth und ihre Klassenkameradin Eva (Getraud Jesserer)
Umso mehr fallen die drei Film-Dramen aus dem Rahmen, mit denen Hermann Leitner Anfang der 60er Jahre seine Kino-Karriere beendete, sieht man von dem Heimatfilm „Heimweh nach dir, mein grünes Tal“ (1961) einmal ab (bei der Veröffentlichung von „Liane, die Tochter des Dschungels“ im selben Jahr handelte es sich um einen Zusammenschnitt der beiden 50er Jahre Filme). Wartete der erste dieser drei Filme "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch mit einem veritablen Kino-Star auf - Hans Söhnker - und integrierte Elemente des damals populären Schlagerfilms, nahm dessen Nachfolger den trockenen Charakter eines Schul-Lehrfilms an. „Verdammt die jungen Sünder nicht“, der in Leitners Heimatland Österreich gleichzeitig unter dem Titel „Morgen fängt das Leben an“ herauskam, erzählt die Geschichte zweier 17jähriger Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, begleitet von den analytischen Betrachtungen eines allgegenwärtig scheinenden Arztes.

Dr. Behrmanns Ratschläge beginnen zu fruchten...
Neben diesem existieren einige weitere Berührungspunkte im Leben der beiden jungen Frauen. Gegen Ende des Films landen sie sogar in derselben Schlafunterkunft im städtischen Fürsorgeheim, ohne sich näher kennenzulernen. Das war auch nicht beabsichtigt, denn ihr jeweiliger Entwicklungsprozess sollte exakt entgegengesetzt verlaufen und sowohl Gefahren wie Chancen vermitteln – ganz gemäß dem deutschen Verleihtitel „Verdammt die jungen Sünder nicht“. Als „Sünderin“ taucht gleich in der ersten Einstellung Silvia Reimers (Cordula Trantow) auf, die gerade ihr Kind zur Welt bringt. Unehelich natürlich, vom Vater keine Spur. Ein Fall für das Jugendamt, das sich der jungen Frau verständnisvoll annimmt. Dr. Behrmann (Josef Kastrel) weiß zwar von Silvias schwieriger Herkunft - ihre arbeitslose Mutter (Gaby Banschenbach) hatte gerade selbst erst ein Kind von ihrem Liebhaber bekommen - aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass aus dem grundanständigen Mädchen noch etwas werden kann.

...und Silvia nimmt sich zunehmend ihres Kindes an
Schon die Besetzung dieser Rolle mit der damals 18jährigen Cordula Trantow gab die Richtung vor, denn sie hatte in "Wegen Verführung Minderjähriger" die brave Teenager-Tochter eines Lehrer-Ehepaars gespielt, die noch ohne die frühreife Attitüde ihrer von Marisa Mell verkörperten Klassenkameradin auftrat. Fast ist man geneigt, zu hinterfragen, wie sie schwanger werden konnte, so bescheiden und sexuell zurückhaltend sie hier erneut spielte. Nicht überraschend beginnt sich Silvia langsam an ihren kleinen Sohn zu gewöhnen, den sie zu Beginn noch zur Adoption freigeben wollte, und macht sich auch auf die Suche nach dem Kindsvater, der sie verlassen hatte. Es ist Hermann Leitner, der diesmal auch am Drehbuch mitwirkte, zugute zu halten, dass er auch die Schwierigkeiten dieses Prozesses einbezog, aber das lässt nicht die Idealisierung eines „gefallenen Mädchens“ übersehen, dass hier als unrealistisches Beispiel für eine gelungene Resozialisierung herhalten musste.

Ihre Tochter bereitet ihnen Sorgen (Werner Hinz und Magda Schneider)
Das verlieh dem Film einen verständnisvollen Habitus, der die gewünschte pädagogische Wirkung unterstützen sollte. Eine übliche Strategie im „Moral-Film“ der späten 50er/frühen 60er Jahre, der der vom Absturz bedrohten Figur immer ein positives Beispiel gegenüberstellte. Als „gefährdet“ gilt hier Ruth Jüttner, gespielt von der inzwischen schon 27jährigen Corny Collins, seit Jahren eine feste Größe im so genannten „Halbstarken-Film“ ("Schmutziger Engel" (1958)). Leitners Intention wird an der Gestaltung des sozialen Umfelds deutlich, in dem die Gymnasiastin Ruth aufwächst. Eine Art Vorzeigefamilie in der BRD, Anfang der 60er Jahre: Vater (Werner Hinz), gut verdienender Angestellter, streng und gerecht, Mutter (Magda Schneider, hier in ihrer letzten Kinorolle zu sehen), Hausfrau, ausgleichend und nachsichtig, gepflegte Wohnung, geordnete Verhältnisse.

Ruth landet auf der Polizeiwache
Und selbstverständlich kümmern sie sich um ihre kecke Tochter und versuchen ihr die Flausen auszutreiben. Als Ruth eifersüchtig, weil sich der von ihr bevorzugte Kerl um eine Andere kümmert, mit dessen VW Käfer losfährt - betrunken und ohne Führerschein - landet sie schnell am nächsten Laternenpfahl. Für die teure Reparatur will Vater Oskar sie in die Pflicht nehmen, damit sie die Folgen ihres Fehlverhaltens spürt. Eine nachvollziehbare pädagogische Maßnahme, die bei Ruth aber nicht fruchtet. Anstatt ihren Stubenarrest abzusitzen, haut sie heimlich ab, um in einer stadtbekannten Bar selbst Geld für die Reparatur zu verdienen. Ganz harmlos natürlich, wie ihr Fred (Michael Heltau) versichert. Ein Typ mit Sportwagen, der bei Ruth sehr gut ankommt, und gemeinsam mit seinem Freund Pitt (Rainer Brandt) in Leitners Film als Sündenbock herhalten muss. Für Heltau ("Schloss Hubertus", 1954) ein eher untypisches Rollenfach, aber Rainer Brandt war früh auf den verschlagenen Mädchenverführer festgelegt. Hier betätigte er sich mit Autoschiebereien und als Fotograf von Nackt-Aufnahmen. Einen Job, den er in seiner Rolle in "Straßenbekanntschaften auf St.Pauli" (1968) wiederholte.

Vater Oskar Jüttner erweist sich als beratungsresistent und setzt auf Härte
Die Botschaft dahinter war klar. Da konnte das Elternhaus noch so seriös sein – gegen die Versuchungen von Sex und Materialismus half bei schweren Fällen wie Ruth nur professionelle Hilfe. Doch anstatt auf die pädagogischen Ratschläge des Doktors einzugehen, der der unverheirateten Mutter Silvia den Weg in Richtung eines geordneten Lebens weisen konnte, setzt Vater Oskar nur auf mehr Strenge und bringt seine Tochter damit auf direkten Weg ins staatliche Fürsorgeheim, aus dem sie bei erster Gelegenheit wieder ausbricht. Der tiefe Fall der Ruth wurde in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ genauso zugespitzt wie die Resozialisierung Silvias. Ein Hinterfragen ihrer Situation, basierend auf ihrer bürgerlichen Erziehung, findet bei Ruth nicht einmal ansatzweise statt. Selbst als ihre Klassenkameradin Eva (Gertraud Jesserer) davor zurückscheut, mit ihr zu Pitt und Fred in ein Haus zu gehen, wo diese angeblich Modefotos von ihnen machen wollen, weckt das kein Misstrauen bei ihr.

Ruth lässt sich von Pitt und Fred zu gewagten Aufnahmen überreden
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, wieso ein junger Regisseur wie Hermann Leitner, nur wenig älter als die handelnden Personen in seinem Film, einen solch konservativen Standpunkt einnehmen konnte? – Ein täuschender Eindruck, denn Leitner nahm den Titel seines Films ernst. Zwar stellte er die vorherrschenden pädagogischen Ansichten nicht in Frage und gab – wie im „Moral-Film“ üblich – der sich verändernden Sozialisation nach dem Krieg die Schuld an der Verführung der Jugend, aber er ließ seine Protagonistinnen nicht fallen. Ein Mann wie Dr. Behrmann, so professoral und altbacken sich sein Verständnis für die Situation der Mädchen heute anhören mag, dachte für die damalige Zeit tolerant. Leitners im Stil einer technischen Versuchsanordnung angelegtes Drehbuch war entsprechend notwendig. Nur mit einer klaren Ausrichtung – hier das gefallene, aber grundanständige Mädchen, dort die in Versuchung geratene junge Frau aus gutem Elternhaus – ließ sich Verständnis beim Publikum aufbauen.

Bei Gerda (Chris van Loosen) ist das nicht mehr notwendig
Ob der Film die angestrebte Wirkung erzielte, ist fraglich, denn Leitner, der mit "Liane: die weiße Sklavin" (1957) schon früh ein einschlägiges Werk mit erotischem Subtext abgeliefert hatte, nutzte den angeprangerten gesellschaftlichen Verfall gleichzeitig als Attraktion. Ein im moralisch konnotierten Problemfilm dieser Phase gewohntes Bild, das den Weg in Richtung Sex-Film in der BRD bereitete, der in seinen Anfängen noch vielfach den pädagogischen Zeigefinger einsetzte ("Sünde mit Rabatt", 1968). Allein die Gewichtung in Richtung optischer Freizügigkeit änderte sich. Doch auch in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ besitzen die Szenen um Fred und Pitt schon den höchsten Unterhaltungswert. Zuerst gehört noch Walter (Walter Wilz) dazu, der ihnen die geklauten Autos neu lackiert, aber bei ihm handelt es sich um Silvias Ex-Freund und Vater ihres Kindes, wie sich später herausstellt, weshalb ihm die Läuterung zugestanden wird. Gerda (Chris van Loosen), blonder Mittelpunkt der erotischen Aufnahmen und sexuell aktiv, wurde dieser Prozess dagegen nicht mehr zugetraut, obwohl sie sich eine ernsthafte Beziehung mit Walter wünscht. Soweit ging das Verständnis nun doch nicht. 

"Verdammt die jungen Sünder nicht" Österreich 1961, Regie: Hermann Leitner, Drehbuch: Hermann Leitner, August Rieger, Wolfgang Schnitzler, Darsteller : Corny Collins, Cordula Trantow, Werner Hinz, Magda Schneider, Josef Krastel, Chris van Loosen, Rainer Brandt, Michael Heltau, Gertraud Jesserer, Walter WilzLaufzeit : 81 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Hermann Leitner:

 "Wegen Verführung Minderjähriger" (1961)

Montag, 23. Mai 2016

Schmutziger Engel 1958 Alfred Vohrer

Der souveräne Lehrer Dr. Agast (Peter van Eyck)
Inhalt: Gerade hatte der beliebte Studienrat Dr.Agast (Peter van Eyck) gemeinsam mit seinem Sohn Dieter (Jörg Holmer) das Ruderboot-Rennen im Doppelzweier auf der Innen-Alster gewonnen, als Beate (Corny Collins) ihn schon mit einem Blumenstrauß an der Anlegestelle empfängt. Die Blumen hatte sie zuvor ihrer Klassenkameradin Ruth (Sabine Sinjen) entwendet, die damit Dieter gratulieren wollte, für den sie schwärmt. Doch sie hat keine Chance gegen Beate, die es nicht nur auf ihren Lehrer abgesehen hat, sondern auch dessen Sohn schon auf ihrer Seite weiß.

Böses Mädchen (Corny Collins), braves Mädchen (Sabine Sinjen)
Dessen Begeisterung für Beate, die verwöhnte Tochter eines reichen Unternehmers, teilt Dr.Agast aber nicht, der sie im Gegenteil nicht nur im Unterricht kritisiert, sondern ihre ständigen Annäherungsversuche konsequent und eindeutig zurückweist. Dr.Agast, der als Favorit für das Amt des Direktors im neuen Schulgebäude gilt, interessiert sich stattdessen für seine neue Kollegin Norma Berg (Doris Kirchner), der er den Hof macht. Das bemerkt auch die eifersüchtige Beate, die sich das nicht gefallen lassen will…


Dr. Agast hilft Peter (Rex Gildo)
Als Alfred Vohrer 1958 erstmals bei "Schmutziger Engel" die Regie übernahm, besaß er schon langjährige Erfahrungen im Filmgeschäft. Gelernt hatte er unter Harald Braun, dem er seit den frühen 40er Jahren mehrfach assistierte, nachdem er als Soldat im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte. In den 50er Jahren konzentrierte er sich auf die Synchronisations-Regie, bevor er im "Halbstarken-Film" reüssierte, so genannt nach dem gleichnamigen Horst Buchholz-Erfolg von 1956. Für das Drehbuch nach dem in der "Welt am Sonnabend" erschienenen Roman "Im Hauptfach: Liebe" war mit Harald G.Petersson ein Veteran verantwortlich. Schon in den 30er und 40er Jahren viel beschäftigt, startete der früher mit der inzwischen verstorbenen Schauspielerin Sybille Schmitz verheiratete Autor nach einer knapp 10jährigen Auszeit noch einmal richtig durch. Vohrer begleitete er bei einigen frühen Edgar-Wallace-Filmen ("Das Gasthaus an der Themse", 1962), noch mehr war er verantwortlich für die Erfolgsgeschichte der Karl-May-Filme. Nach seinen Drehbüchern entstanden "Der Schatz im Silbersee" (1962) und die "Winnetou"-Trilogie.

Studienrat Kalweit (Werner Peters) hält sich für geeigneter als Direktor
Neben diesen Voraussetzungen konnte "Schmutziger Engel" auch mit einem prominenten Cast überzeugen. An erster Stelle sei Peter van Eyck genannt, damals im Zentrum seiner Karriere. Bis zu seinem frühen Tod mit 58 Jahren im Jahr 1969 übernahm er ab Mitte der 50er Jahre Hauptrollen in mehr als 50 Kinofilmen. Daneben verfügt der Film über attraktive und populäre Darstellerinnen, beginnend bei der 17jährigen Sabine Sinjen, seit "Die Frühreifen" (1957) auf dem Weg zum Kino-Star, dazu Corny Collins, Dauergast im "Moral-Film" dieser Zeit ("Am Tag als der Regen kam", 1959), Doris Kirchner, Edith Hancke und Adelheid Seeck. Hans Nielsen, Werner Peters, Ralf Wolter und der junge Alexander "Rex" Gildo in männlichen Nebenrollen vervollständigten eine beeindruckende Besetzung, die die Frage aufwirft, warum der in Hamburg gedrehte "Schmutziger Engel" – alles andere als ein Anfänger-Werk - im Gegensatz zum Großteil von Vohrers Filmen in der Versenkung verschwand?

Beate (Corny Collins) weiß ihre Reize einzusetzen...
Dem ließe sich entgegnen, dass sehr nah am jeweiligen Zeitgeist orientierte Filme häufig dieses Schicksal ereilte. Besonders der wenig verklausulierte pädagogische Auftrag der Jugend-Problemfilme der späten 50er Jahre verlor schnell den Wettlauf gegen die Zeit. Junge Männer sollten vor dem Abrutschen in die Kriminalität gewarnt werden, junge Frauen galt es vor dem Verlust ihres Rufes zu bewahren, der durch sexuelle Liberalisierung und Emanzipation drohte. „Schmutziger Engel“ scheint in dieser Hinsicht prototypisch zu sein: gleich zu Beginn wird Peter Utesch (Rex Gildo) eines Diebstahls überführt, weshalb er von der Schule verwiesen wird. Er hatte einem Mädchen imponieren wollen. Nur Studienrat Dr.Torsten Agast (Peter van Eyck) gibt ihm noch eine Chance, bringt ihn an einem anderen Gymnasium unter und lässt ihn die von ihm übernommene Schuld abarbeiten. Eine souveräne Vorgehensweise, die an Heinz Rühmanns Rolle im parallel erschienenen „Der Pauker“ (1958) erinnert, hier aber nur eine Nebenrolle spielte.

...nur bei Papa (Hans Nielsen) gibt sie die brave Tochter
Im Mittelpunkt steht die Schülerin Beate (Corny Collins), Tochter aus reichem Unternehmer-Haus, gewöhnt alles zu bekommen was sie will. Mit ihrer offenen Sexualität verführt sie die Männer reihenweise – auch Peter Utesch wurde ihretwegen kriminell – nur am Studienrat Agast beißt sie sich die Zähne aus. Negative weibliche Figuren wie diese gehörten zum Standard-Repertoire des Moralfilms, ihr Beispiel sollte vor den Gefahren von Egoismus und Unmoral warnen. Doch damit endeten die Parallelen, denn in „Schmutziger Engel“ fehlte der gefährdete positive Gegenpol. Sabine Sinjen als Klassenkameradin Ruth ist mit ihrem Pferdeschwanz zwar positiv konnotiert, aber viel zu brav und blass, um als Identifikation dienen zu können. Im Gegensatz zu ihrer Rolle in „Die Frühreifen“, in dem sie neben Hauptdarstellerin Heidi Brühl fasziniert ist vom Luxus und Lebenswandel einer Gruppe junger Männer – und damit Gefahr läuft, moralisch abzurutschen – ist Ruth hier nur ein nettes Mädchen, ohne charakterliches Profil. Ihre Freundschaft zu der berechnenden Beate, mit deren Machenschaften sie nichts zu tun hat, wirkt unglaubwürdig.

Dr. Agast wirbt um die Kollegin Norma Berg (Doris Kirchner)
Diese Eindimensionalität durchzieht den gesamten Film. Anders als Hans Söhnker in „Wegen Verführung Minderjähriger“ (1960) gerät Peter van Eyck in seiner Lehrer-Rolle trotz der sich ungeniert anbietenden Schülerin keinen Moment in Versuchung. Stattdessen wird sein Werben um die neue Studienrätin Norma Berg (Doris Kirchner) von der korrektesten Seite gezeigt. Bevor sich der Witwer, der mit seinem jugendlichen Sohn Dieter (Jörg Holmer) ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, Norma annähert, ihr auch nur das „Du“ anbietet, stellt er ihr einen Heiratsantrag. Dass Dr. Agast, nachdem sich Beate die Bluse in seiner Wohnung selbst zerrissen hatte, in die Mühlen des Gesetzes gerät, löst deshalb nur ein Scheindrama aus – selbstverständlich halten alle zu dem hochanständigen, beliebten Lehrer. Nur sein Sohn zeigt kurz Aversionen, da Beate ihn zuvor verführt hatte, und gemäß Rollenklischee Werner Peters als missgünstiger Kollege, der selbst gerne Direktor im neuen Schulgebäude werden möchte. Dass Beates Vater (Hans Nielsen) sich für seine Tochter einsetzt und den Lehrer anzeigt, wird dagegen akzeptiert – schließlich wendet sie bei ihm alle Tricks an.

Beate gesteht vor einem Tribunal ihrer Mitschüler die Wahrheit...
Es hätte nur an wenigen Stellschrauben gedreht werden müssen, um aus der Story ein ambivalentes Drama entstehen zu lassen. Die Andeutung einer Schwäche bei dem Lehrer, eine weniger konkrete Inszenierung des körperlichen Übergriffs in dessen Wohnung, die unterschiedliche Interpretationen zugelassen hätte, und eine Charakterisierung der Schülerin, die auch Verständnis für deren Jugend aufgebracht hätte. Das war offensichtlich nicht gewollt. Stattdessen zweifelt nicht einmal der Staatsanwalt an dem Angeklagten und von Rufschädigung ist in „Schmutziger Engel“ keinen Moment die Rede. Dessen am Ende wieder hergestellte Reputation war auch Ende der 50er Jahre, trotz der Vorurteile gegenüber sexuell aktiven Frauen, genauso unrealistisch wie das von den Mitschülern erzwungene Geständnis Beates, das den Tatbestand der Folter erfüllte und vor keinem Gericht Bestand gehabt hätte.

...kommt aber gut davon
Dem Unterhaltungswert des Films, der wie im Jugend-Problemfilm üblich auch freizügige Blicke zuließ, schadete das nicht, verhärtet aber den Eindruck, dass es Vohrer und Autor Petersson mehr um eine schöne Kolportage-Story als um pädagogische Aufklärung ging. In ihrem Film fehlte die entscheidende Essenz - die Warnung vor dem gesellschaftlichen Niedergang. Nicht nur dem Lehrer wurde ein Happy-End erster Klasse gegönnt, auch Beate muss nur wenig einstecken. Ihr Papa tadelt sie noch liebevoll, bevor sie den Flieger Richtung Schweizer Internat besteigt, schon begleitet von einem Kavalier, der ihren Koffer trägt. Einsicht in ihr vorheriges Verhalten oder gar Büßergang Fehlanzeige. Fast scheint es, als wollte Vohrer dem „Moralfilm“ mit „Schmutziger Engel“ am Ende eine lange Nase drehen.

"Schmutziger Engel" Deutschland 1958, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Harald G. Petersson, Roland Ragge (Roman), Darsteller : Peter van Eyck, Corny Collins, Sabine Sinjen, Doris Kirchner, Edith Hancke, Adelheid Seeck, Jörg Holmer, Werner Peters, Hans Nielsen, Rex Gildo, Ralf Wolter, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Dienstag, 17. Februar 2015

Am Tag als der Regen kam (1959) Gerd Oswald

Inhalt: Der Herr (Arno Paulsen), der in seiner Limousine auf der nächtlichen Avus unterwegs ist, kann der hübschen blonden Anhalterin nicht widerstehen, nicht ahnend, dass es sich bei ihr um ein Mitglied einer berüchtigten Bande handelt, die unter der Leitung von Werner Maurer (Mario Adorf) in Berlin ihr Unwesen treibt. Selbst als Ellen (Elke Sommer) noch eine Freundin mit einlädt, bei der es sich um einen verkleideten Mann handelt, erregt das noch keinen Verdacht bei dem Geschäftsmann, der ganz eigene Absichten mit der jungen Frau hat.

Doch dazu erhält er keine Chance. Zwei Motorradfahrer heften sich an seine Fersen und er wird von dem Mann im Fonds überwältigt, seines Geldes beraubt und ohne Fahrzeug zurückgelassen. Robert (Christian Wolff), der mit seinem Motorrad bei dem Raub beteiligt war, gerät auf der Flucht zum verabredeten Treffpunkt in eine Verkehrskontrolle wegen zu schnellen Fahrens. Die inzwischen alarmierte Polizei befragt ihn auch wegen des Überfalls, kann ihm aber nichts beweisen. Der ermittelnde Kriminalassistent Thiel (Horst Naumann), der sich in der Jugend-Szene gut auskennt, ahnt aber, dass Robert ihm eine Hilfe sein könnte und versucht, Vertrauen zu ihm aufzubauen…

"Am Tag als der Regen kam" , den die PIDAX am 23.12.2014 herausbrachte, gehört zu einer Filmgattung der späten 50er/frühen 60er Jahre, die eine eigene Genrebezeichung verdient gehabt hätte. Äußerlich zwar in Form eines Dramas oder Thrillers, selten als Komödie daher kommend, verbarg sich hinter den höchst unterhaltend inszenierten Stoffen eine Warnung an die Jugend vor den Versuchungen einer sich wandelnden Gesellschaft - Kriminalität, Drogen und nicht zuletzt der allgemeine moralische Verfall. Diese dank der PIDAX wieder dem Vergessen entrissenen Filme vermitteln ein stimmiges Bild dieser Phase in der BRD und lassen die Entwicklung in Richtung der 68er Generation früh erkennen. Bemerkenswert ist auch, dass viele dieser Filme trotz ihrer prominenten Besetzung nur selten im Fernsehen gezeigt wurden - als hätte man sie vergessen wollen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 






"Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht..."

Allein 1959 brachte es der Song auf acht Cover-Versionen in Deutschland, aber in Erinnerung blieb nur das "Original" der französischen Sängerin Dalida, die die Gilbert Bècaud-Komposition "Le jour où la pluie viendra", begleitet vom Orchester Raymond Lefèvre, schon Ende 1957 in Frankreich herausgebracht hatte. Doch erst ihre deutschsprachige Version "Am Tag als der Regen kam" traf Mitte 1959 den Nerv eines Publikums, das sich von der Mischung aus melancholischer Musik, rauchiger Stimme und der erlösenden Funktion des Regens offensichtlich angesprochen fühlte, die kaum gegensätzlicher zur damals in Deutschland populären Schlagermusik hätte ausfallen können. Zwar besingt Dalida darin auch die Wonnen der Liebe, aber der tragische Unterton des Songs bleibt gegenwärtig und hält immer die Waage zwischen Glück und Trauer.

Diesen Eindruck hatte scheinbar auch Regisseur Gerd Oswald, der „Am Tag als der Regen kam“ nicht nur als Hintergrundmusik nutzte, sondern gleich seinen Film danach benannte. Bemerkenswerterweise seinen ersten deutschen Film, denn der 1938 in die USA als 19jähriger emigrierte Oswald war in Hollywood vom Darsteller zum Regisseur aufgestiegen und hatte in den Jahren zuvor Filme mit Anita Ekberg („Screaming Miami“ (Die blonde Venus, USA 1958)), Bob Hope („Paris Holiday“ (Falsches Geld und echte Kurven, USA 1958)) oder Barbara Stanwyck („Crime of passion“ (Das war Mord, Mr.Doyle, USA 1957)) gedreht. Im Gegensatz zu diesen Auftragsarbeiten leichter Unterhaltungsware schwebte ihm für seine erste Regie-Arbeit in seiner Heimatstadt Berlin offensichtlich etwas ernsteres, gesellschaftsrelevanteres vor - gut an den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu erkennen, mit der er die geteilte, von den Spuren des Krieges gezeichnete Stadt inszenierte.

Die aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Bilder des stark beschädigten Reichstagsgebäudes, dessen Kellergewölbe der Jugendbande im Film als Rückzugsort dienen, und des nur wenige Meter entfernt liegenden, noch offenen Grenzübergangs am Brandenburger Tor, symbolisierten eine unsichere Nachkriegs-Situation, die - verbunden mit den soziokulturellen Veränderungen der 50er Jahren – als Ursache für eine angeblich kriminalisierte und sexuell offensive deutsche Jugend angesehen wurde, wie sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre häufig im Film thematisiert wurde. Besonders die Orientierung an US-Vorbildern wurde kritisch in den Mittelpunkt gerückt. Motorradbanden, Nachtbars und die Regeln der Coolness, die die soziale Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmten, beherrschten auch die Szenerie in Oswalds Film.

Die Hinzuziehung von Heinz Oskar Wuttig, der zuvor mit seinem Drehbuch zu „Die Frühreifen“ (1957) Einfühlungsvermögen für die sexuellen Belange der Heranwachsenden bewiesen hatte, betonte noch Oswalds aufklärerische Intention, die an das Vorbild „Die Halbstarken“ erinnert, der 1956 erstmals die Situation der Jugendlichen in Deutschland nach dem Krieg beleuchtet hatte. Neben dem identischen Handlungsort Berlin, das als pulsierende, die Nachkriegszeit brennglasartig zuspitzende Großstadt den idealen Hintergrund für eine abenteuerliche Story um Bandenkriminalität und moralischen Niedergang abgab, liegt eine bemerkenswerte Parallele in der Auseinandersetzung mit der Väter-Generation. Wurde Horst Buchholz in seiner Rolle in „Die Halbstarken“ mit einem frustrierten Vater konfrontiert, der auf Grund einer Kredit-Bürgschaft gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, unterstützt Werner Maurer (Mario Adorf) in „Am Tag als der Regen kam“ seinen ständig alkoholisierten Vater Albert (Gerd Fröbe) nach dessen Verlust der ärztlichen Zulassung mit dem ergaunerten Geld.

Diese konstruierte Dramatik verklausulierte den Generations-Konflikt, der in den 50er Jahren zwischen den Kriegsheimkehrern und einer aufbegehrenden Jugend entstanden war. Trotz der Zerstörungen und der von Oswald thematisierten Teilung der Stadt mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen, wurden der wenige Jahre zurückliegende Krieg und die Diktatur im Film tabuisiert und fanden keine Erwähnung. Fröbes überzeugende Darstellung eines Alkoholikers hätte enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären seine Depressionen als Folge der jüngsten Vergangenheit beschrieben worden, aber dieser Zusammenhang wurde nicht hergestellt. Stattdessen blieb der psychologische Hintergrund für sein Verhalten ebenso oberflächlich, wie die geschilderten Mechanismen innerhalb der Jugendbande. Der Brille tragende Außenseiter wird durch den sozialen Druck zum Mörder, um seine Zugehörigkeit zu beweisen, und der sonst so großmäulige Anführer erweist sich in einer schwierigen Situation als Feigling.

Ähnlich vieler ambitionierter Gesellschaftsdramen dieser Phase nutzte „Am Tag als der Regen kam“ seine unterhaltsame, sich tragisch zuspitzende Thriller-Handlung, um die Jugend vor den Versuchungen der Konsumgesellschaft und liberaleren moralischen Standards zu warnen. Äußerlich zeitgemäß inszeniert, verbarg sich im Sub-Text die pädagogische Intention. Dafür spricht auch die Besetzung von Christian Wolff als Bandenmitglied Robert, der damaligen Allzweckwaffe als „anständiger“ junger Mann im deutschen Film. Nachdem er in „Anders als du und ich“(1957) von der Homosexualität „geheilt“ worden war, verkörperte er in den folgenden Jahren mehrfach einen Jugendlichen, der erst auf die schiefe Bahn gerät, um schließlich seinen Fehler einzusehen und doch den „richtigen Weg“ einzuschlagen. Die von ihm gespielten jungen Männer durften nicht zu brav sein, um eine Identifikation beim Publikum zu ermöglichen. Erst dadurch erhielt seine spätere Einsicht die gewünschte Vorbildwirkung.

Gleiches galt für seine Partnerin Corny Collins, mit der Wolff damals real verheiratet war. In „Am Tag als der Regen kam“ spielte sie Inge aus Ostberlin, die mit Robert gemeinsam nach Westdeutschland gehen will, was Bandenboss Werner nicht gefällt. Collins stand für die moderne, aber wohl erzogene junge Frau – hübsch, aber mit ihren kurzgeschnittenen dunklen Haaren und hochgeschlossener Kleidung gegensätzlich zur sexuell aufreizenden blonden Ellen (Elke Sommer) auftretend, der attraktiven Geliebten des Anführers. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Paare bediente „Am Tag als der Regen kam“ kein typisches Gut-/Böse-Schema, vermied Oswald eine zu einseitige, rückwärtsgewandte Sichtweise. Inge und Robert verbringen unverheiratet eine Nacht miteinander und auch wenn an ihren hehren Zukunftsabsichten kein Zweifel bestehen konnte, bewiesen die Macher damit ihren Sinn für die Realitäten und verfolgten keine übertriebene Idealisierung ihres Vorzeige-Paars.

Ob ihre Botschaft beim damaligen Publikum ankam, lässt sich heute nur noch schwer feststellen, von langer Wirkung war sie nicht. „Am Tag als der Regen kam“ erging es wie den meisten Filmen dieser Phase, die vor den Gefahren der Moderne warnten, gleichzeitig aber deren Faszination bedienten. Statt Christian Wolff und Corny Collins wurden Elke Sommer, die hier in einer frühen Nebenrolle zu sehen war, und Mario Adorf zu internationalen Stars. Adorf gelang es seiner Rolle als Bandenboss mit blonder Freundin und Cabriolet sympathische Züge zu verleihen, ließ er neben konsequenter Härte auch soziale Kompetenz erkennen, nicht zuletzt im Umgang mit seinem Vater. Das nahm dieser Figur die abschreckende Wirkung, trotz der durch ihn ausgelösten tragischen Konsequenzen. Nicht der geläuterte Robert bleibt in Erinnerung, sondern der am Ende hilflos wirkende Werner und sein demoralisierter Vater – und die Stimme Dalidas: 

„…dann kamst du, dann kamst du!“

"Am Tag als der Regen kam" Deutschland 1959, Regie: Gerd Oswald, Drehbuch: Gerd Oswald, Heinz Oskar Wuttig, Will Berthold, Darsteller : Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer, Claus Wilcke, Arno PaulsenLaufzeit : 81 Minuten