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Mittwoch, 31. Juli 2013

Liebe - Kälter als der Tod (1969) Rainer Werner Fassbinder



Inhalt: Franz (Rainer Werner Fassbinder), ein mehrfach vorbestrafter Krimineller, soll für das Syndikat arbeiten, weigert sich aber, obwohl er deshalb zusammen geschlagen wird. Ähnlich ergeht es Bruno (Ulrich Lommel), der ebenfalls von den Männern des Syndikats bewusstlos geschlagen wird, weshalb ihm Franz anbietet, zu ihm nach München zu kommen, wo er mit seiner Freundin Johanna (Hanna Schygulla) zusammen lebt, die für ihn als Prostituierte auf den Strich geht. 

Als Bruno an die Adresse kommt, die ihm Franz gegeben hatte, erfährt er, dass dieser längst mit Johanna weggezogen ist. Ihn zu finden ist sehr schwierig, denn Franz befindet sich auf der Flucht. Er fürchtet die Rache für einen Mord an einem Türken, dem man ihm in die Schuhe geschoben hat. Trotzdem gelingt es Bruno, dessen neue Wohnung ausfindig zu machen und zieht zu Franz und Johanna, was zu neuen Konflikten führt...


Dass sich Rainer Werner Fassbinder bei der Entwicklung seines ersten Langfilms "Liebe - Kälter als der Tod" an vielen Vorbildern orientierte, bedarf keiner Interpretation. Schon im Vorspann werden die Namen von Claude Chabrol, Jean Marie Straub und Eric Rohmer aufgeführt, dazu spielt er mit "Lino et Cuncho" auf "Quién sabe?" (Töte, Amigo!, 1967) von Damiano Damiani an, den er in einem Dialog auch leicht abgewandelt zitiert. Auch innerhalb der Handlung verklausulierte Fassbinder seine Vorbilder nicht, benennt konkret "Psycho" (1960) von Hitchcock und bekleidet Bruno (Ulli Lommel) exakt mit dem Outfit von Alain Delon in „Le samouraï" (Der eiskalte Engel, 1967) von Jean-Pierre Melville. Von diesem hat er auch die sparsame Ausstattung und die langen Kameraeinstellungen übernommen, die die Szenerie aus einer festen Perspektive betrachten, die den Agierenden nur in wenigen Momenten folgt.

Entsprechend entzündete sich die damalige Kritik auch an diesen offensichtlichen Vorbildern ("Und auch die Mittel, Melancholie zu bebildern, waren untauglich: sowohl das Zitieren von Figuren aus anderen Filmen (Lommel Alain Delon aus dem stark überschätzten „Eiskalten Engel“)..., Peter Handke in der Zeit, 1969) und werden in aktuellen Interpretationen gerne die Vielzahl an Anspielungen aufgezählt, als ob Fassbinder dafür schwere Hürden aufgestellt hätte. Was Handke und Co. zu erwähnen vergaßen, ist Fassbinders transparenter Umgang mit seinen Vorbildern, wie ihn kein anderer Regisseur jemals ähnlich direkt in seinem Erstlingswerk formulierte. Er wollte sich weder mit fremden Federn schmücken, noch ging es ihm allein um den souveränen Umgang mit vorhandenen Stilmitteln, sondern letztlich um seine individuelle, persönliche Umsetzung, die er mit dem bewussten Zitieren seiner Einflüsse erst verdeutlichen konnte.

Auch der Titel „Kälter als der Tod“ (das Wort „Liebe“ stellte er erst nach der Uraufführung davor) ließ keinen Zweifel an den Emotionen, die seinen Film bestimmen sollten. Die bewusst zu hell ausgeleuchteten Figuren (am Ende des Films verschwindet das Bild in völliger Helligkeit) lassen sie konturloser erscheinen – einen Eindruck, den das theaterartige Agieren der Darsteller (es handelte sich um die Mitglieder des von Fassbinder gegründeten „Antiteater“ in München) noch betont. Die Protagonisten Franz (Rainer Werner Fassbinder), Bruno (Ulli Lommel) und Johanna (Hanna Schygulla) sind Stereotypen des Genre-Films – der aufsässige Hitzkopf, der eiskalte Killer und die Hure. Ihre Interaktionen werden von typgerechten Verhaltensmustern bestimmt – Franz lässt sich nichts gefallen und rebelliert auch gegen das „Syndikat“ (Fassbinder begnügte sich mit diesem aussagekräftigen Begriff und verzichtete auf weitere Hintergründe), das ihn an sich binden will, hat aber kein Problem damit seine Freundin auf den Strich zu schicken. Bruno ist reserviert und beherrscht, tötet aber skrupellos und hintergeht seine Freunde. Johanna ist sexuell offensiv und selbstbewusst, akzeptiert aber Franz’ Position als Zuhälter und will ihn am Ende retten.

Fassbinder wollte, wie er selbst einmal anmerkte, Menschen in den Mittelpunkt stellen, die unbewusst gesellschaftlich vorgegebene Rollen einnehmen, obwohl sie ihnen nicht entsprechen. Emotionen haben darin keinen Platz, denn sie werden nur missbraucht, da ihr Verhalten zwanghaft ist. Damit kehrt der Regisseur seine an Genre-Konventionen orientierte Handlung ins Gegenteil, denn die Mörder, Gangster und Prostituierten agieren nicht selbst bestimmt oder gar cool berechnend. Obwohl Bruno dem Profikiller in „Der eiskalte Engel“ optisch und in seinem Verhalten ähnelt, ist er in „Liebe – Kälter als der Tod“ letztlich die Dekonstruktion dieser Figur. Beeindruckend verdeutlichte Fassbinder diese Intention mit sehr langen Kameraeinstellungen, in denen mehr geschieht als in den wenigen Action-Szenen. Es sind die kleinen Regungen, das Zucken eine Fußes, eine unmotivierte Handbewegung oder – wie in der frühen Szene im Zug, begleitet nur von den eintönigen Schienengeräuschen – das Beißen in einen Apfel, die ahnen lassen, was sich unter der nach außen gezeigten Fassade abspielt. Es lohnt sich, diese Bilder genau zu beobachten.

Zudem verzahnte er seine an der „Nouvelle vague“ und dem Gangsterfilm orientierte Handlung eng mit der Realität von Supermärkten, Häusern und Straßenräumen, die konträr zum im konventionellen Kino gepflegten Deutschlandbild stand. Trotzdem fand Fassbinders Film 1969 auch bei der studentischen Protestbewegung keine Gnade, zu sehr widersprach „Liebe - Kälter als der Tod“ allen Erwartungshaltungen – inhaltlich kritisch, aber von großem Stilbewusstsein bis zum exakten, sparsamen Einsatz einer musikalischen Untermalung, die den inneren Zustand der Protagonisten widerspiegelt. Fassbinders Film sieht man das geringe Budget zwar an, trotzdem erstaunt der souveräne Umgang mit den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Den Raum klar definierende Kameraeinstellungen und ruhige, exakte Schnitte erzeugten den stimmigen Rhythmus eines Films, der weniger ein Gangsterfilm ist, als ein Film über Deutschland.

"Liebe - Kälter als der Tod" Deutschland 1969, Regie: Rainer Werner Fassbinder, Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder, Darsteller : Rainer Werner Fassbinder, Hanna Schygulla, Ulli Lommel, Kurt Raab, Ingrid Caven, Katrin Schaake, Irm HermannLaufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rainer Werner Fassbinder:

Freitag, 26. April 2013

Rote Sonne (1970) Rudolf Thome


Inhalt: Thomas (Marquard Bohm) lässt sich von einem Mercedes-Fahrer per Anhalter mitnehmen und bittet ihn, an einer Diskothek zu halten, wo er auf seine Ex-Freundin Peggy (Uschi Obermaier) trifft, die dort an der Bar arbeitet. Er schläft auf der Rückbank ihres Käfers bis sie am frühen Morgen ihren Arbeitsplatz verlässt. Nachdem sie am frühen Morgen gemeinsam am Starnberger See spazieren waren, bittet er sie, mit zu ihrer Wohnung kommen zu dürfen und verspricht ihr, sie nicht zu bedrängen.

Sie willigt ein und fällt todmüde ins Bett, wird aber bald schon von Christine (Diana Körner) geweckt, die ihre Hilfe braucht. Mit Silvy (Silvia Kekulé) gibt es Probleme, da sie nicht wie, von den Frauen der Wohngemeinschaft vereinbart, nach fünf Tagen ihren Geliebten erschießen will, sondern heulend im Bett liegt. Von diesem Gesetz weiß auch Thomas noch nichts, der erst langsam Peggys Mitbewohnerinnen kennenlernt, ohne zu ahnen, dass er selbst bald in den Fokus rücken wird…


Dank des nach wie vor hohen Bekanntheitsgrades der „60er Jahre Ikone“ Uschi Obermaier gerät hin und wieder auch ihr Film "Rote Sonne" in den Fokus. Auch wenn er so nur Ende der 60er Jahre entstehen konnte, die erst den spielerischen Umgang mit kontroversen Themen ermöglichten, hat der Film sich seine Eigenständigkeit unabhängig von seiner Hauptdarstellerin und dem 60er Jahre Flair bewahrt. Regisseur Thome hatte in den früher 60er Jahren als Filmkritiker gearbeitet und man spürt in seinen Filmen, beginnend bei seinem Erstling „Detektive“ (1969), den Einfluss nicht nur der "Nouvelle Vague", sondern auch des amerikanischen Kinos, das sich Ende der 60er Jahre mit seiner Lässigkeit im gesellschaftskritischen Gestus selbst als "New Hollywood" neu definierte. „Rote Sonne“ setzte diese Vorbilder eigenständig um, biederte sich aber weder an, noch ahmte er sie nach, sondern wurde im besten Sinn ein deutscher Film.

Die ersten Minuten sind von einer unnachahmlichen Dichte, die alleine schon das damalige Lebensgefühl transportieren. Thomas (Marquard Bohm) sitzt im Fond eines Autos, während die Großstadt ihre Lichter auf sein unbewegtes Gesicht wirft. Er bittet den Fahrer um eine Zigarette, was dieser zum Anlass nimmt, sich über den schweigsamen Thomas zu beschweren, den er nur mitgenommen hätte, um sich mit ihm unterhalten zu können. Stattdessen hatte er zwei Stunden geschlafen, aber auch jetzt sieht er  weder einen Grund, auf den Vorwurf zu reagieren, noch bemüht er sich um eine Konversation. Im Gegenteil - im Stile eines Autobesitzers, der seinem Chauffeur den Weg weist, fordert er den Fahrer auf, ihn zu einer Diskothek zu fahren. Auf dessen Reaktion, es läge nicht in seiner Richtung, erinnert ihn Thomas nur daran, dass der Weg dorthin nur zehn Minuten Umweg bedeuten würde.

Während der gesamten Szene richtet Regisseur Thome die Kamera ausschließlich auf Thomas und lässt den Fahrer nur aus dem Off reden. Das Wort "Coolness" war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfunden, aber wenn es eine Szene gibt, die im eigentlichen Sinne diesen Charakter verkörpert, dann diese. Erst als Thomas aussteigt, erkennt man den Mercedes Benz im Hintergrund. Thome betonte damit Thomas’ Respektlosigkeit vor bürgerlichen Statussymbolen, ohne in eine ideologische Abwehrhaltung zu verfallen. Darin liegt die Besonderheit von "Rote Sonne", der auf jede Psychologisierung, politische Haltung oder sonstige Botschaft verzichtete – und sich damit deutlich von den gesellschaftskritischen Filmen dieser Zeit abhob. Selbst der feministische Ansatz kommt ohne Zeigefinger aus und zeigte mit seinen vier sehr hübschen Darstellerinnen einen Mut, wie er im intellektuellen deutschen Film nicht üblich war. 

Deshalb wird „Rote Sonne“ gerne in die Trash-Ecke geschoben, da auch die Story wild und Effekt heischend konstruiert wirkt. Dabei ist die Geschichte über die Frauen-Wohngemeinschaft, die sich die Regel gegeben hat, jeden Liebhaber spätestens nach fünf Tagen zu ermorden, reine Symbolik, die gar nicht erst versucht, realistisch zu wirken. Die Leichtigkeit und das spielerische Element stehen hier im Vordergrund, weshalb die Waffen unecht wirken und die Morde nur angedeutet werden. Ob dieser Eindruck zufällig entstand oder von Thome und seinem Drehbuchautor Max Zihlmann geplant war, bleibt nebensächlich - herausgekommen ist ein Film, dem man nicht anmerkt, dass er inszeniert wurde und bei dem sämtliche Protagonisten authentisch wirken. Allein ihre Sprache ist in ihrer Rigorosität, die einerseits kein Wort zu viel zu erlauben scheint, gleichzeitig aber auch von ausschmückender Vielfalt ist, gänzlich eigenständig.

Uschi Obermaier als Thomas Ex-Freundin Peggy ist von einer unglaublich lässigen Natürlichkeit, aber auch Diana Körner, die nach dem Film eine langjährige Fernsehkarriere startete, ist attraktiv, selbstbewusst und gleichzeitig verletzlich. Herausragend bleibt trotzdem Marquard Bohm, der alles gleichzeitig ist - wortkarg und gesprächig, machohaft und sensibel, traurig und hoffnungsfroh - und diese Mischung selbstverständlich ohne aufgesetzte Attitüde verkörpert. Ob man ihn für arrogant oder einen kleinen Jungen hält, bleibt Ansichtssache. Am besten beides gleichzeitig, denn damit repräsentiert er einen Film, der so künstlerisch wie spielerisch ist, albern und ernsthaft, der eine spannende Story erzählt und zeitweise einfach vor sich hin plätschert.

Dabei weist er eine Vielzahl beeindruckender Szenen auf. Besonders die fast 10-minütige Musikszene, bei der die Frauen und Thomas zur Musik von den "Small Faces" und "The Nice" tanzen und reden, vermittelt so unmittelbar den Zeitgeist, das man sie wiederholt ansehen möchte. Doch nicht allein das Lebensgefühl einer Epoche zeigt sich darin, sondern eine Modernität, die bis heute nachwirkt. Auch jenseits von 68er Romantik, politischem und gesellschaftlichem Aufbruch oder der Ikone Uschi Obermaier erschließt sich daraus die filmische Qualität von „Rote Sonne“.

"Rote Sonne" Deutschland 1970, Regie: Rudolf Thome, Drehbuch: Max ZihlmannDarsteller : Marquard Bohm, Uschi Obermaier, Diana Körner, Gaby Go, Silvia KekuléLaufzeit : 86 Minuten