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Donnerstag, 7. April 2016

Banditen der Autobahn (1955) Géza von Cziffra

In der Nachtbar: Wolfgang Wahl, Hans Christian Blech, Charles Regnier
Inhalt: Einer gerissenen Diebesbande unter der Leitung von Paul Barra (Charles Regnier) gelingt es immer wieder der Polizei zu entkommen. Erst suchen sie sich ein potentes Opfer, dann stoppen sie dessen Fahrzeug nachts auf der Autobahn, berauben ihn und schlagen ihn nieder. Die Polizei weiß nicht, dass der Opel danach im Laderaum eines Getränkelasters verschwindet, den Franz Möller (Wolfgang Wahl) entspannt an den Kontrollen vorbei lenkt. Um sich nicht weiter an der Nase herumführen zu lassen, beschließt die Polizeiführung Straßensperren aufzustellen - mit der klaren Anweisung nach dem zweiten Durchbruch von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Kurt Heinze (Erich Scholz), dem sein Chef zu seiner Freude seinen Porsche für eine Dienstfahrt überlassen hatte, ahnt davon nichts. Seine Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz), die ihn auf der Fahrt begleitet, hatte das Radio ausgestellt, als die Warnung durchgesagt wurde. Im Anblick der nächtlichen Straßensperren und ohne die vergessenen Papiere unterwegs, gerät der junge Mann in Panik, hält nicht an und wird nach der zweiten Straßensperre tödlich von Maschinengewehr-Kugeln getroffen. Geschossen hatte Willi Kolanski (Hans Christian Blech). Die Polizei spricht ihn von jeder Schuld frei, aber die Öffentlichkeit hat dazu eine andere Meinung. Außerdem erfährt Kolanski, dass der Witwer Heinze (Paul Hörbiger) auf diese Weise auch seinen dritten und jüngsten Sohn verloren hat, nachdem die beiden Älteren im Krieg gefallen waren. Er beschließt, sich um ihn zu kümmern…


"Banditen der Autobahn" gehört in die Reihe der Nachkriegs-Filme, die trotz ihrer attraktiven Thematik und prominenten Besetzung vor und hinter der Kamera schnell in Vergessenheit gerieten und auch nicht im TV-Zeitalter der 60er und 70er Jahre ankamen. Die Frage nach dem Grund, macht diese Filme so interessant, denn meist entziehen sie sich einer eindeutigen Genre-Zuordnung, liefern überraschende Einsichten und vermitteln einen Eindruck ihrer Entstehungszeit.

Das gilt auch für "Banditen der Autobahn", den die PIDAX erstmals a08.04.2016 auf DVD herausbrachte. Nicht nur, dass der Film vom Krimi bis zur Satire eine Vielzahl an Stilen vereinte, er wagte unter dem Deckmantel des Unterhaltungsfilms einen Blick in die damalige Realität - eher wenig förderlich für den Publikumserfolg(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 







Vorfreude auf die Porsche-Fahrt: Kurt, Freundin Eva und Chef
Maschinengewehrsalven hallen durch die Nacht. Ein Porsche hatte zwei Straßensperren der Polizei durchbrochen und damit den Schießbefehl ausgelöst. Der Fahrer stirbt, erweist sich aber als unschuldig. Er bekam den Wagen von seinem Chef für einen Geld-Transport überlassen, hatte aber die Papiere vergessen und war beim Anblick der Sperren auf der Autobahn in Panik geraten. Anlass für die polizeiliche Maßnahme waren die unaufgeklärten nächtlichen Überfälle auf der Autobahn, bei denen wiederholt Fahrer ausgeraubt und niedergeschlagen wurden. Der schwarze Opel Kapitän, mit dem die Räuber ihre Opfer zum Halten zwangen und danach entkamen, blieb spurlos verschwunden, egal wie schnell die Polizei vor Ort war und an den Ausfahrten kontrollierte. Angesichts des markigen Filmtitels "Banditen auf der Autobahn“ ein zu erwartendes Szenario, das sich aber schon nach wenigen Minuten erschöpft. Vielleicht der Grund dafür, warum der Film trotz der Mitwirkung der Kölner Polizei, die hier mehrfach beim Martinshorn gesättigten Großeinsatz auf der nachts nur spärlich befahrenen Autobahn gezeigt wurde, weder zur gängigen Krimi-TV-Ware gehören sollte, noch darüber hinaus Erwähnung fand.

Wolfgang Neuss singt über die Autofahrer und die Polizei...
Offensichtlich plante Regisseur Géza von Cziffra, Mitte der 50er Jahre im Komödien- und Musikfilm-Fach erfolgreich zu Hause („Musikparade“, 1956), etwas Besonderes, denn er hatte sich Robert Thoeren und Wolfgang Neuss an seine Seite geholt. Für den gebürtigen Österreicher Thoeren, der 1933 nach Frankreich emigriert war und später US-amerikanischer Staatsbürger wurde, war es die zweite Mitwirkung an einem Drehbuch in deutscher Sprache - nach "Abenteuer in Wien" (1952), einer österreichisch-US-amerikanischen Co-Produktion. Auf seiner Idee zu „Fanfare d’amour“ (Frankreich 1935) basierte Billy Wilders „Some like it hot“ (Manche mögen’s heiß, USA 1959), die zuvor schon von Kurt Hoffmann in „Fanfaren der Liebe“ (1951) neu verfilmt wurde. Zuletzt hatte er am Drehbuch zu „La minute de vérité“ (Geständnis einer Nacht, Frankreich 1952) mitgewirkt, später folgte der Entwurf zum Drama „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ (1956) und die Thomas Mann Adaption „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957). Auch für Wolfgang Neuss, der Von Cziffra schon seine erste Kinorolle in „Der Mann der sich selber suchte“ (1950) verdankte, war die Beteiligung an einem Film-Drehbuch Neuland. Sein Beitrag blieb aber streng kabarettistisch, denn er trat im Film als Chansonnier auf einer Kleinkunst-Bühne auf.

...Kolanskis Begleitung (Ingrid van Bergen) gefällt`s
Mit an Bord waren zudem sein Dauer-Partner Wolfgang Müller als Friseurgehilfe mit frecher Schnauze, Paul Hörbiger als demütiger Witwer, der zwei seiner Söhne im Krieg verloren hatte, bevor sein Jüngster Opfer der Polizeikugeln auf der Autobahn wurde, sowie Hans-Christian Blech als Polizist und unfreiwilliger Todesschütze, der parallel als harter Hund in der "08/15" (1954) – Trilogie reüssierte. Eine bunte Mischung, zu der noch Charles Regnier in der Rolle eines kultivierten Gang-Anführers mit Vorliebe für klassische Musik stieß, sowie die vielseitige Eva-Ingeborg Scholz, ebenfalls gerade in „08/15“ aktiv. Herausgekommen ist ein Unikat, das sich jeder Genre-Zuordnung verweigert. Zuerst Kriminalfilm wandelt sich „Banditen der Autobahn“ in Richtung Satire und Gesellschaftskritik, wird zur Sozialstudie mit dramatischen Elementen, bevor am Ende die Krimi-Handlung wieder aufgenommen wird.

Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) reagiert kühl auf Kolanski
Das Drehbuch schlug entsprechende Kapriolen. Wirkt Willi Kolanski (Hans-Christian Blech) nach seinen tödlichen Schüssen auf den unglücklichen Porsche-Fahrer noch professionell abgebrüht, bekommt er plötzlich Gewissensbisse. Beim Friseur muss er sich anhören, dass bei der Polizei nur schießwütige ehemalige Wehrmachtssoldaten beschäftigt sind, dann macht sich Wolfgang Neuss bei einem Kabarettbesuch per Chanson über die Uniformierten lustig. Verärgert verlässt Kolanski das Etablissement, während sich seine Begleitung (Ingrid van Bergen) köstlich amüsiert. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, sammelt er Geld für den Vater (Paul Hörbiger) des getöteten Fahrers, um sofort als Untermieter in dessen Wohnung zu ziehen – in das verwaiste Zimmer des Jungen, in dem ein gemeinsames Bild mit dessen Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) steht, die mit im Porsche saß. Da trifft es sich gut, dass er in einer Nachtbar nach 10 Jahren seinem alten Freund und Armee-Kameraden Franz Möller (Wolfgang Wahl) wieder begegnet, der als Fahrer zur Bande der Autobahn-Verbrecher gehört. Und schon schließt sich der Kreis.

Der Gangsterboss (Charles Regnier) in seiner möblierten Unterkunft
Offensichtlich beschränkte sich der knapp 40jährige Kolanski während der 10 Jahre nach dem Kriegsende ausschließlich auf seine Polizei-Arbeit, denn weder verfügt er über soziale Bindungen, noch sonstige Verpflichtungen. Ein klassischer Drehbuch-Kniff, um dem Helden unbelastet ein neues Leben andichten zu können. Doch so konstruiert die Story-Anlage daher kam, so authentisch blieb der Film im Detail. „Banditen der Autobahn“ gab keinen Wirtschaftswunder-Optimismus wieder, sondern die Situation eines Landes nur wenige Jahre nach dem Kriegsende. Der Wunsch nach einem geordneten bürgerlichen Leben ist vorherrschendes Motiv der Protagonisten. Selbst die Mitglieder der Autobahn-Banditen leben in einer möblierten Wohnung und vertreiben sich die Abende in einem einfachen Nacht-Lokal. Als ihnen der Boden im Kölner Raum zu heiß wird, reicht ihr Geld gerade noch, um das Benzin Richtung Baden-Württemberg bezahlen zu können. Mehr Broterwerb als schillerndes Gangsterleben.

Weniger konkret, aber unmissverständlich ist der sexuelle Subtext des Films. Schon in einer frühen Szenen ziehen männliche Finger eine weibliche Hand vom Radio zurück und stellen es aus - der Grund dafür, warum der Liebhaber die Warnung der Polizei vor dem Schießbefehl auf der Autobahn überhörte. Ob es Eva Bergers Hand war, bleibt offen, aber für sie war die Beziehung mit dem jungen Mann eine Chance, ihrem bisherigen Leben zu entkommen, wie sie später einmal gegenüber Kolanski ausführt. Begriffe wie „Geliebte“ und „Animierdame“ fielen nicht im Film, um die weibliche Hauptfigur nicht zu diskreditieren, aber täuschen konnte man damit Niemand. Die Nachtbar, in der sie als Tänzerin arbeitet, ist das eigentliche Zentrum des Films.

Zwar versuchte die „Illustrierte Filmbühne“ (Beilage der PIDAX-DVD) mit Begriffen wie „untadeliger Beamter“ und „Lohn für seinen selbstlosen Einsatz“ in gewohnter Manier Eindeutigkeit herzustellen, konnte damit aber die Ambivalenz eines Films nicht überspielen, dessen Qualität in seiner Uneinheitlichkeit liegt. Ist die äußerliche Anlage noch konventionell und an der üblichen Erwartungshaltung orientiert, entwickelt der Film besonders im zentralen Teil einen pessimistischen Drive, der viel von der damaligen Realität widerspiegelt.


"Banditen der AutobahnDeutschland 1955, Regie: Géza von Cziffra, Drehbuch: Géza von Cziffra, Wolfgang Neuss, Rolf Thoeren, Darsteller : Eva Ingeborg Scholz, Hans Christian Blech, Paul Hörbiger, Charles Regnier, Wolfgang Wahl, Ellen Schwiers, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Josef Offenbach, Ingrid van BergenLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Cziffra:

"Die Beine von Dolores" (1957)

Montag, 10. August 2015

Einer von uns beiden (1973) Wolfgang Petersen

Inhalt: Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) lebt in einem kleinen Zimmer in einer Hinterhauswohnung in Kreuzberg zur Untermiete. Mehr kann sich der gescheiterte Student nicht leisten, der vergeblich versucht, einen Verlag für sein Buch zu finden. Als er einen kleinen Recherche-Job übernimmt, entdeckt er zufällig, dass der renommierte Universitäts-Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben, sondern einen englischen Text ins Deutsche übersetzt hatte. Er meldet sich in dessen Uni-Büro an und konfrontiert ihn mit dieser Tatsache. Für sein Stillschweigen verlangt er 10000 Mark und weitere monatliche Zahlungen.

Erste Begegnung: Professor und Ex-Student
Kolczyk zahlt, macht aber kein Geheimnis daraus, dass er sich das nicht dauerhaft gefallen lassen wird. Ziegenhals, der sein Geld in ein Auto steckt und in eine bessere Gegend umzieht, unterschätzt den Professor, der beginnt, in seinem Privatleben nachzuforschen. Dabei lernt er auch Miezi (Elke Sommer) kennen, eine Prostituierte, die in Kreuzberg bis vor kurzem mit Ziegenhals in einer Wohnung lebte. Doch bevor sich Kolczyk erneut mit ihr treffen kann, wird Mieze ermordet aufgefunden, weshalb wenig später ein Inspektor (Peter Schiff) der Berliner Polizei vor seiner Tür steht, der seinen Namen in ihrem Kalender fand. Auch für Ziegenhals interessiert sich der Inspektor, der erstaunt die hohe Zahlung des Professors an den jungen Mann registriert…


Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) ist wütend, sehr wütend. Erneut erhielt er sein Buch-Manuskript zurück, Absage inclusive. Obwohl er sein geisteswissenschaftliches Studium an der Freien Universität geschmissen hat, sind nur die Anderen an seiner Misere schuld - als Untermieter von Opa Melzer (Walter Gross) wohnt er in einem heruntergekommenen Altbau in Kreuzberg, gemeinsam mit Miezi (Elke Sommer), die hier anschaffen geht. Die Hochphase der 68er Studentenproteste an der FU lag nur wenige Jahre zurück, als Horst Bosetzkys unter dem Kürzel -ky seinen ersten Kriminalroman herausbrachte, den Regisseur Wolfgang Petersen wiederum als Grundlage für seinen ersten Kinofilm nahm - nur ist von einer klassenkämpferischen Attitüde hier nichts mehr zu merken.

Ziegenhals (Jürgen Prochnow) mit der Professoren-Tochter (Kristina Nel)
Dabei ist Bernd Ziegenhals der Idealtypus eines studentischen Bürgerschrecks, wie er Anfang der 70er Jahre noch provozierte - längere Haare, saloppe Kleidung, keinen Job und ein entspanntes Verhältnis gegenüber Kriminellen. Als er bei einem Quellenstudium zufällig feststellt, dass der bekannte Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit komplett abgeschrieben hatte - er hatte eine us-amerikanische Arbeit einfach ins Deutsche übertragen - bedarf es keiner großen Überwindung, ihn zu erpressen. Schuldgefühle gegenüber dem Professor entwickeln sich auch nicht im weiteren Verlauf der Story. Im Gegenteil nimmt er sich nur das, was ihm aus seiner Sicht zusteht. Mit Umverteilung von oben nach unten oder der Demaskierung einer betrügerischen Elite hat das nichts zu tun - von seinem erpressten Geld kauft sich Ziegenhals zuerst einen Mercedes und zieht ins gutbürgerliche Zehlendorf.

Zuhälter Prötzel (Claus Theo Gärtner) macht Miezi (Elke Sommer) Ärger
Dass es in Bosetzkys Kriminalroman auch einen Mord gibt, erhöht nur die Dynamik in einem Duell auf Augenhöhe, dessen Ausgang bis zuletzt offen bleibt. Darüber hinaus spielt er nur eine geringe Rolle. Claus Theo Gärtner gab den Zuhälter so schmierig, dass dessen Schuld an Miezis Tod kaum in Zweifel steht – zumindest im Kiez. Peter Schiff als ermittelnder Inspektor interessiert sich dagegen mehr für Ziegenhals und Kolczyk, die Beide Miezi kannten – und stört damit ihre zuerst noch austarierte Konstellation. Es ist Jürgen Prochnows überzeugendem Spiel zu verdanken, dass der Erpresser Bernd Ziegenhals nicht unsympathisch herüber kommt. Ihm gelang die Schere zwischen lässigen Umgangsformen und intellektuellem Selbstverständnis, die sowohl seine Beliebtheit bei seinem Vermieter und den Kleinkriminellen im Kreuzberger Kiez, als auch seinen späteren Erfolg bei Ginny (Kristina Nel), der Tochter des Professors, glaubwürdig werden ließ.

Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) im Kreis seiner Familie
Zu verdanken ist dieser Eindruck nicht zuletzt seinem Gegenspieler, Professor Kolczyk, der schon bei der ersten Geldübergabe betont, dass nur „Einer von uns beiden“ am Ende übrig bleiben wird. Zunehmend geht er fanatischer vor, um seine gehobene gesellschaftliche Position zu verteidigen. Auf diese Weise verschob Petersen die Sympathien langsam in Richtung des verkrachten Studenten und damit entgegen der damaligen Erwartungshaltung, die er allein schon durch die Besetzung der beiden Hauptrollen erzeugte. Während Klaus Schwarzkopf seit Jahren zu den beliebtesten TV-Darstellern gehörte – seine Verkörperung des „Tatort“ - Kommissars Finke zählt heute noch zu den herausragenden Leistungen des Genres – war Prochnow ein Newcomer, der zwar faszinierte, aber anti-bürgerliche Typen spielte. In der „Tatort“ – Folge „Jagdrevier“ (1973) hatte er erstmals gemeinsam mit Schwarzkopf unter Wolfgang Petersens Regie vor der Kamera gestanden - als aus dem Gefängnis geflohener Mörder, dessen Fall sich ebenfalls weniger eindeutig entwickelte als es zuerst schien.

Der Inspektor (Peter Schiff)
Mehr als dass Prochnow in seiner Rolle an Sympathie gewann, überraschte Klaus Schwarzkopfs Dekonstruktion eines hoch angesehenen Bürgers. Dazu trugen auch die stimmigen Nebenfiguren bei. Während Ziegenhals im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung fair bleibt, kann sich Kolczyk nicht einmal mehr auf seine Frau (Ulla Jacobsson) einlassen, die versucht, ihm die Angst vor dem Ansehensverlust zu nehmen. Als sich Ziegenhals ernsthaft in die Tochter des Professors verliebt, neigt sich die Waagschale endgültig in Richtung des Erpressers. Ursache und Wirkung geraten in Vergessenheit, Ziegenhals‘ Verfehlungen wirken angesichts der kriminellen Energie des Professors als lässliche Sünde.

Treffen an der Mauer mit zwei Mercedes
„Einer von uns beiden“ kommt ohne konkret formulierte Gesellschaftskritik aus, zeitgenössische Aspekte scheinen angesichts eines rein um Besitz und Ansehen geführten Duells nebensächlich. Doch das täuscht. Geschickt spielte Petersen mit bürgerlichen und anti-bürgerlichen Klischees, manipulierte Erwartungshaltungen und Gerechtigkeitsempfinden vor der Kulisse einer Stadt im Umbruch. West-Berlin gibt ein unfertiges Bild ab, bestehend aus staubigen Straßen inmitten sanierungsbedürftiger Altbauten, kleinbürgerlichen Villen-Siedlungen, Betonplätzen entlang der Mauer und hohen Stahlbetonskelettneubauten. Eine Stadt, auf der Suche nach einer eigenen Identität – und damit das Abbild einer Gesellschaft im Wandel.

Schöne Neubauwelt in Gropiusstadt
Als Bernd Ziegenhals dem Professor auf der Baustelle eines Hochhausblocks in der Gropiusstadt voller Stolz erklärt, wo in seiner zukünftigen Wohnung die Essecke und der Fernseher stehen wird, ist er endgültig zum Spießer mutiert, ist nichts von seiner unangepassten Attitüde mehr übrig geblieben. Kolczyk hingegen, angesehenes Mitglied der Gesellschaft, hat jede bürgerliche Moral hinter sich gelassen und ist nur noch an seiner Rache interessiert. Sie haben ihre Identitäten getauscht – gesellschaftskritischer in seiner zynischen Konsequenz konnte das Ende nicht sein. 

"Einer von uns beiden" Deutschland 1973, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: Manfred Purzer, Hans Otto Besetzky (Roman), Darsteller : Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Elke Sommer, Berta Drews, Otto Sander, Ulla Jacobsson, Walter Gross, Christina Nel, Peter Schiff, Claus Theo Gärtner, Anita KupschLaufzeit : 101 Minuten

Montag, 4. Mai 2015

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit (1961) Harald Philipp

Inhalt: Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck) hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten Dr. Werner Rüttgen (Claus Holm), dass dieser den Mord an seiner Frau begangen hatte, um frei für seine Geliebte Helga Dahms (Susanne Rüttger) sein zu können, mit der er schon längere Zeit ein Verhältnis hatte. Doch Kesslers Ansicht basiert allein auf Indizien, weshalb die überraschende Zeugenaussage von Laura Beaumont (Eva Bartok), die kurz vor dem Ende seines Plädoyers im Zuschauerraum auftaucht, seine Argumentation zum Fallen bringt. Sie gibt dem Angeklagten ein Alibi.

Die Verhandlung wird unterbrochen, um die neue Sachlage prüfen zu können, aber Kessler muss sich der Haltung des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff) beugen, der die Freilassung des Angeklagten anordnet. Kessler glaubt der Zeugin nicht, da er sie von früher her kennt, aber mit dieser Ansicht steht er allein. Als kurz darauf, der Angeklagte ebenfalls an einem angeblichen Selbstmord stirbt – tatsächlich hatte der Täter die Tabletten ausgetauscht – und einen Brief hinterlässt, der den Staatsanwalt beschuldigt, er hätte ihn in den Tod getrieben, gerät Kessler noch mehr unter Druck. Auf eigene Faust beginnt er zu ermitteln und wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert…


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" , der von der PIDAX am 23.12.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht wurde, scheint aus der Reihe der Sozialdramen der späten 50er / frühen 60er Jahre heraus zu stechen, um die sich die PIDAX zuletzt umfangreich kümmerte, aber das täuscht. Zwar gehört der Film äußerlich dem Justiz-Thriller oder Kriminal-Genre an und reiht sich damit in die Mabuse- und Edgar-Wallace-Filme ein, die Anfang der 60er Jahre sehr populär waren, aber allein schon die Tatsache, dass der Film nicht annähernd über den Bekanntheitsgrad typischer Kriminalfilme dieser Zeit verfügt - unabhängig von deren Qualität - deutet eine weitere Ebene an. Wesentlich konsequenter als etwa in den Edgar-Wallace-Filmen kombinierte Regisseur Harald Philipp die Handlung mit den sozialen Veränderungen nach dem Krieg in Deutschland, speziell hinsichtlich des Wandels in der Sexualität.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Ein unbekannter Strippenzieher im Hintergrund, Mord, Spionage, Prostitution - und mitten drin ein engagierter Staatsanwalt, der versucht dieses Geflecht aufzulösen und den wahren Täter zu ermitteln. "Unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beginnt wie ein klassischer Gerichtsfilm mit dem Plädoyer des Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck), ändert aber schnell seinen Charakter in Richtung Kriminalfilm, als die überraschende Zeugenaussage der schönen Laura Beaumont (Eva Bartok) den vermeintlichen Mörder (Claus Holm) entlastet. Kessler muss ihn gegen seine Überzeugungen laufen lassen, will dieses Ergebnis, dass schwer seiner Reputation schadet, aber nicht hinnehmen. Doch mit seinen erneuten Nachforschungen wird er einem international agierenden Verbrecher-Ring zunehmend lästig und gerät selbst in Lebensgefahr.

Als "Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" im Oktober 1961 in die deutschen Kinos kam, stand die Premiere des achten Edgar Wallace-Streifens "Die seltsame Gräfin" (1961) kurz bevor und lag Peter von Eycks Auftritt in "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" (1960) schon mehr als ein Jahr zurück. Dessen Fortsetzung "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" (1961) sollte ebenfalls noch im Oktober erscheinen, allerdings ohne Van Eyck, der erst im fünften Teil („Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, 1963) wieder mitspielte. Der Eindruck entsteht, Regisseur und Drehbuchautor Harald Philipp wollte, nachdem er im Jahr zuvor zwei Kriegsfilme gedreht hatte ("Strafbataillon 999" und „Division Brandenburg“, 1960), ebenfalls auf die Gruselkrimi-Karte setzen, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Doch im Gegensatz zu den Wallace- und Mabuse-Filmen, die trotz erheblicher Qualitätsunterschiede im Film-Gedächtnis blieben und bis in die heutige Gegenwart wiederholt vermarktet und im Fernsehen gezeigt wurden, erreichte „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ nie deren Popularität.

Anders als die erfolgreichen Krimi-Reihen, deren Stories nur wenig Berührung mit der Realität aufwiesen, blieb Harald Philipp, der wie sein Co-Autor Fred Ignor in den 50er Jahren im Schlagerfilm aktiv war, mit seiner Story in der Gegenwart der BRD verankert. Zwar klingt die Aussage eines Beobachters der Gerichtsszene zu Beginn, der Staatsanwalt hätte die Geschworenen schon auf seine Seite gebracht, nach anglizistisch geprägter Dramatik, aber offensichtlich war es noch nicht im kollektiven Gedächtnis angekommen, dass es in Deutschland seit 1924 keine Geschworenen mehr gab. Für besonders schwere Delikte ist bis heute das „Schwurgericht“ zuständig, das nur noch mit dem Namen daran erinnert, aber der „Großen Strafkammer“ entspricht, der neben den zwei Schöffen drei Berufsrichter angehören. Im Film ist das gut an der Besetzung der Richterbank zu erkennen, so wie sich Harald Philipp auch sonst an die juristischen Gepflogenheiten hielt. Sowohl die Rolle des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff), der den ehrgeizigen Dr. Kessler in die Schranken weist, als auch des Strafverteidigers (Leon Askin) kommen ohne Polemik oder eine zugespitzte Konfrontation aus. Nachdem die Zeugenaussage den Angeklagten entlastet hatte, wurde er selbstverständlich aus der Haft entlassen.

Auch die Wallace-Krimis nutzten die in den 60er Jahren entstehenden Freiräume für sexuell offensivere Elemente, trennten gleichzeitig aber streng zwischen Gut und Böse und betonten das moralisch einwandfreie Verhalten des Helden und seines jeweiliges Love-Interests. In dieser Hinsicht ist „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ mutiger und direkter. Schon die Anspielung Dr. Kepplers auf die Teilnahme des verheirateten Konzern-Chefs Generaldirektor Delgasso (Rudolf Fernau) bei Partys einer Model-Agentur, ließ wenig an der tatsächlichen Aufgabe der Mannequins zweifeln. Die Nackt-Szene, in der der schwule Fotograf (Ralf Wolter) die Vorzüge der Mädchen ablichtet, hätte jedem frühen Erotik-Film zur Ehre gereicht. Besonders aber die Ausarbeitung der Dreieck-Konstellation zwischen Dr. Kessler, seiner Verlobten Ingrid Hansen (Marianne Koch) und der überraschend auftretenden Zeugin Laura Beaumont, lässt Harald Philipps ernsthaften Umgang mit den Veränderungen der Sozialisation nach dem Krieg erkennen.

Schnell stellt es sich heraus, dass der Staatsanwalt mit der schönen Französin vor Jahren eine Affäre hatte, die unglücklich für ihn endete. Seiner Verlobten hatte er davon nichts erzählt, weshalb diese zuerst eifersüchtig reagiert. Daraus hätte sich erneut die Mär vom angeblich untreuen Helden entwickeln lassen, der am Ende als Unschuldslamm die zukünftige Ehefrau in die Arme schließen darf. Stattdessen knistert es zwischen Kessler und der Schönen wieder gewaltig, als er versucht herauszubekommen, warum sie mit der geschickt platzierten Zeugenaussage seine Reputation beschädigen wollte. Zudem verfiel Phillip nicht in den gewohnten Reflex, eine sexuell offensive Frau einseitig als Luder zu diffamieren, sondern betrachtete sie mit Sympathie. Das gilt auch für Ingrid Hansen als optisch bravem Gegenpol, die nicht nur als Journalistin jederzeit selbstbewusst agiert, sondern auch als Verlobte ihre eigenen Schlüsse zieht. Peter van Eyck blieb gewohnt souverän innerhalb dieses Spannungsfelds, dessen Modernität den Film über die übliche Krimi-Ware dieser Zeit hinaus hob.

Dass „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ das Zusammenspiel dieser differenziert angelegten Charaktere, zu denen auch der großartige Wolfgang Reichmann in einer Nebenrolle als seltsam undurchsichtiger Freund gehört, mit einer Story um Industrie-Spionage und Call-Girl-Ring verband, führte zu einer falschen Erwartungshaltung. Der Krimi-Plot kommt nie richtig in Schwung und der Hintergrund für die Spionage-Tätigkeit spielt keine wirkliche Rolle. Im Subtext verbirgt sich, worum es Regisseur Philipp tatsächlich ging – um Sexualität und den Wandel der Geschlechterrollen. Die Öffentlichkeit wird zu Beginn noch ausgeschlossen, als die Geliebte (Susanne Rüttger) über ihr Verhältnis zu dem Angeklagten vor Gericht aussagt, aber diese Maßnahme wirkt veraltet angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der hier Prostitution, Erotikaufnahmen und unehelicher Sex als Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit dargestellt werden. Die Auflösung am Ende, um wen es sich bei dem „großen Unbekannten“ handelt, kann entsprechend Niemand mehr überraschen. Sie folgt nicht den Regeln eines Verbrechers, sondern eines in seinem Selbstbewusstsein erschütterten Mannes:

„Wie oft war ich schon unglücklich - mir laufen sie nicht hinterher wie dir!“


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" Deutschland 1961, Regie: Harald Philipp, Drehbuch: Harald Philipp, Fred Ignor, Darsteller : Peter van Eyck, Eva Bartok, Marianne Koch, Claus Holm, Wolfgang Reichmann, Werner Peters, Leon Askin, Ralf Wolter, Rudolf FernauLaufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Philipp:

Montag, 18. November 2013

Zinksärge für die Goldjungen (1973) Jürgen Roland

Regelmäßig kam es zu italienisch-deutschen Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren, die in der jeweiligen Sprachfassung in nahezu identischer Form in die Kinos kamen. "Zinksärge für die Goldjungen" (italienischer Titel: Il re della mala) war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn Jürgen Rolands Film an der Schwelle zum Poliziesco, wurde konzeptionell in zwei Fassungen gefertigt, die auf das Publikum der beiden Länder zugeschnitten waren. Die Unterschiede sind prägnant und gehen über den unterschiedlichen Namen der deutschen Hauptfigur (Otto Westermann/Hans Werner) hinaus - eine vergleichende Betrachtung und ein weiteres Bindeglied zwischen "Grün ist die Heide" und "L'amore in città" , meinem Blog zum italienischen Film.


Inhalt: Otto Westermann (Herbert Fleischmann) kontrolliert mit seiner Bande, die unter dem Deckmantel eines Kegelclubs ihre Treffen abhält, das Glücksspiel und die Prostitution in Hamburg und erpresst Schutzgeld. Wer nicht pünktlich bezahlt oder sich nicht bei Wetten an Westermann Forderungen hält, bekommt Besuch von seinen Männern, die auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken. Doch es bahnt sich Ärger für den Platzhirsch an, als der italo-amerikanische Unterweltboss Luca Messina (Henry Silva) ebenfalls plant, die friedliche Stadt Hamburg unter seine Fittiche zu nehmen.

Nachdem er mit Mutter (Ermelinda De Felice), Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und seiner Geliebten Kate (Véronique Vendell) aus den USA angekommen ist, geht er mit seinen Männern gezielt gegen Westermanns Geschäfte vor, übernimmt die Leitung und verlangt 40 Prozent von dessen Einnahmen. Doch so leicht lässt sich Werner nicht verdrängen und nimmt den Kampf an, der zunehmend außer Kontrolle gerät…


Betrachtet man Jürgen Rolands Film "Zinksärge für die Goldjungen" von Italien aus, kam er unter dem Titel "Il re della mala" (Der König des Bösen) im Juli 1974 erst spät an der Schnittstelle zwischen Mafia-Film und Polizieschi in die Kinos. Fernando Di Leos Trilogie über das organisierte Verbrechen hatte mit "Il boss" (Der Teufel führt Regie) 1973 ihren Abschluss gefunden und Andrea Bianchi Anfang 1974 mit "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) noch einen weiteren Mafia-Film nachgelegt, bevor die Hochphase des Polizieschi mit Umberto Lenzis "Milano odia: la polizia non vuole sparare" (Der Berserker, 1974) endgültig begann. An allen genannten Filmen war Henry Silva als Hauptdarsteller maßgeblich beteiligt, dem der Wechsel vom Unterweltboss zum Commissario spielend gelang.

Dass Jürgen Roland ihn ebenfalls in seinem Film über den Machtkampf zweier organisierter Verbrecherbanden in Hamburg besetzte, geht auf den unmittelbaren Einfluss der Di Leo-Trilogie zurück, verdeutlicht aber auch, dass sich Roland und seine Mitstreiter – der renommierte Drehbuchautor Werner Jörg Lüddecke („Das Beil von Wandsbek“, 1951) und Produzent Wolf C. Hartwig - auf der Höhe der Zeit befanden, denn ihr Film entstand noch vor Bianchis "Die Rache des Paten" und kam Ende 1973 in die deutschen Kinos. Produzent Hartwig hatte schon Mitte der 60er Jahre ein gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen und früh Ernst Hofbauer unterstützt, der ihm mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) und dessen Fortsetzungen einen großen finanziellen Erfolg einbrachte. Auch mit Jürgen Roland, der seit Ende der 50er Jahre ("Stahlnetz") als Genre Spezialist galt, hatte er schon bei "St.Pauli Report" (1971) und "Das Mädchen aus Hongkong" (1973) zusammengearbeitet, zu denen Autor Lüddecke jeweils das Drehbuch beisteuerte.

Trotzdem begingen sie nicht den Fehler, ohne italienisches Know-How an die geplante Story heranzugehen. Mit Coriolano Gori holten sie sich einen erfahrenen Komponisten ins Team, dessen Score das treibende Tempo des Films stimmungsvoll unterstützte. Zudem wurden neben Silva viele weitere Rollen international besetzt, was dem Konflikt zwischen dem deutschen und dem italo-amerikanischen Gangsterboss und deren Anhang die notwendige Authentizität verlieh. Besonderes Einfühlungsvermögen bewiesen die Macher auch damit, dass sie von einem deutschen und einem italienischen Cutter zwei unterschiedliche Fassungen fertigen ließen, die zwar auf das selbe Bildmaterial zurückgriffen und die selbe Story erzählten, trotzdem aber über entscheidende Unterschiede verfügen, die signifikant sind für die jeweiligen Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten in den zwei Ländern – ein Vergleich, bei dem die 5 Minuten längere deutsche Fassung ein wenig schlechter abschneidet.

In beiden Fassungen beginnt der Film mit einer Einleitung, die von einer Stimme aus dem Off begleitet wird, die der Story einen gewissen Realitätsbezug verleihen sollte. Hinsichtlich der Existenz des organisierten Verbrechens besteht daran kein Zweifel, aber „Zinksärge für die Goldjungen“ reduzierte die Handlung einzig auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gangster-Banden, ohne das die Strafverfolgungsbehörden hier irgendeine Rolle spielen, obwohl Schießereien, Hinrichtungen und wilde Verfolgungsjagden mitten in Hamburg an der Tagesordnung sind. Damit folgte Jürgen Roland strikt den Genre-Regeln, ohne der typischen Ausgewogenheit im deutschen Kriminalfilm Rechnung zu tragen. Auch dass der Italo-Amerikaner Luca Messina (Henry Silva) nach Hamburg kommt, um die Geschäfte von Otto Westermann (Herbert Fleischmann) zu übernehmen, benötigte keine schlüssige Intention – einmal äußert er gegenüber seiner Mutter, dass er noch ein paar gute Geschäfte machen will, bevor er sich auf Sizilien zur Ruhe setzen will, aber das wirkt nur wenig überzeugend, angesichts der üppigen Geldmittel und sehr guten Organisationsstruktur, die ihm in Hamburg von Beginn an zur Verfügung stehen.

Entscheidend für das Genre sind die emotionalen Abhängigkeiten – beide Bosse haben im Film Familie und sind damit angreifbar – und die entstehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, gepaart mit der ewigen Jagd nach dem eigenen Vorteil, die aus der zugespitzten Situation eines Machtkampfs zwischen zwei Verbrechersyndikaten eine Sicht auf menschliche Abgründe entstehen lässt, die realistischer ist als das Ergebnis einer ausgewogenen Betrachtungsweise. Auch wenn „Zinksärge für die Goldjungen“ inzwischen unter Genre-Fans Anerkennung findet, schloss sich dieser Meinung damals kaum Jemand an. Filme dieser Art – auch die italienischen Vorbilder – sahen sich in Deutschland dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung ausgesetzt, mit der eine schnelle Mark an der Kinokasse gemacht werden sollte. Der deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Macher versuchten, dieser vorhersehbaren Kritik entgegen zu treten, in dem sie die Szene, in der Karl von den Kung-Fu Kämpfern erschlagen wird, kürzten, und die Story mit Klischee-Witzen über italienische Gepflogenheiten anreicherten. Auch die konstruiert wirkende Liebesgeschichte zwischen dem flippigen Horst Janson als Westermann-Sohn und der attraktiven Patrizia Gori als Messina-Tochter, die im Gegensatz zu ihren Vätern, die sich hübsche Betthäschen halten, ganz brav heiraten wollen, lässt sich in italienischer Genre-Ware dieser Zeit kaum finden.

Sie blieb auch in der italienischen Fassung erhalten - im Gegensatz zu fünf Minuten, die fast ausschließlich Vorurteile gegenüber italienischen Gewohnheiten betrafen. Darf Luca Messinas „Mamma“ in „Zinksärge für die Goldjungen“ als streitbare und laute Mutter auftreten, die Moral predigt und Ohrfeigen verteilt, während sie in ihren Spaghetti wühlt, spielt sie in „Il re della mala“ kaum eine Rolle. Auch die Ärztin, die angesichts des Herzinfarkts von Lucas Mutter nach der Art der Krankenversicherung fragt, fehlt in der italienischen Fassung glücklicherweise. Deutsche Fans mögen angesichts der „Clementine“ – Darstellerin in Erinnerungen schwelgen, der Straffung der Szene, die zwischen der Hinrichtung Karls und Westermanns großzügigem Verhalten in Messinas Haus pendelt, kommt dieser Schnitt entgegen.

Teilweise mutet die Art, wie die von Jürgen Roland ursprünglich gewählte Szenenreihenfolge in der italienischen Fassung ummontiert wurde, abenteuerlich an. Der Brandanschlag auf den Striptease-Club kommt in „Il re della mala“ schon im Vorspann vor, um die Gewalttätigkeit der deutschen Gang früh zu betonen, und Westermanns Plan, die eigenen Überfälle und Hinrichtungen der Italo-Gang in die Schuhe zu schieben, erfolgt hier als unmittelbare Reaktion auf Messinas Übernahmeversuch. In der deutschen Fassung löst erst der Mord an seinem Sohn Karl diese Konsequenzen aus, was sein Verhalten im Auge des Zuschauers stärker legitimierte. Der italienische Schnitt versuchte so, dass Verhältnis zwischen den Banden ausgewogener zu gestalten – eine notwendige Maßnahme, da Silva in seiner Rolle wesentlich kompromissloser auftrat als Fleischmann.

Trotz dieser Unterschiede zwischen den Fassungen, die von der Anpassung an den jeweiligen Markt geprägt sind, ändern diese Details nichts an der grundsätzlichen Aussage eines Films, der konsequent und ohne zu beschönigen die Folgen einer ungebremsten Gewaltspirale zeigt, rasant inszeniert ist und bis zum Schluss hochspannend bleibt - getragen von zwei überzeugend agierendenden Protagonisten.

"Zinksärge für die Goldjungen" Deutschland / Italien 1973, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, August Rieger, Darsteller : Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassare, Dan van HusenLaufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Jürgen Roland:

Sonntag, 10. November 2013

Er kann's nicht lassen (1962) Axel von Ambesser

Inhalt: Pater Brown (Heinz Rühmann) lässt sich auch als Gemeindepfarrer der kleinen Insel Evert's Rock, auf die er vom Bischof strafversetzt wurde, nicht unterkriegen. Rigoros mischt er sich in einen Streit um ein Fässchen Whiskey ein, was ihm nur wenige Sympathiepunkte bei den hart gesottenen irischen Schmugglern einbringt. Als er in einem unzugänglichen Kellergewölbe des Pfarrhauses ein wertvolles Gemälde findet, das kurz darauf gestohlen wird, kann er deshalb auf keine Informationen von Seiten der Einheimischen hoffen. Der Diebstahl geschah ausgerechnet in dem Moment, als er beim Bischof (Rudolf Forster) zum Rapport antreten musste, weil er mit dem Fund erneut Schlagzeilen verursacht hatte – mit dem Ergebnis, dass er sofort wieder auf die Insel zurückkehren soll, um das Bild wieder zu beschaffen.

Selbstverständlich gelingt Brown dieses Unterfangen, aber er verschont die Diebe, indem er sie zur Beichte bittet – niemals zuvor war die Kirche so gut gefüllt, wie an diesem Tag. Dieser Erfolg verhindert zwar seine Strafversetzung in den Innendienst, aber trotzdem muss er mit seiner Haushälterin (Lina Carstens) den Gang in eine neue Gemeinde antreten. Angeblich bestand dort das einzige Verbrechen der letzten sieben Jahre aus dem Diebstahl eines Golfballs, aber schon auf seiner Fahrt zum Pfarrhaus wird er Zeuge eines heftigen Streits zwischen seit langem verfeindeten Nachbarn…


Auch wenn "Er kann's nicht lassen" am Ende von "Das schwarze Schaf" (1960) als Fortsetzung schon angekündigt wurde, dauerte es beinahe zwei Jahre bis Heinz Rühmann als "Pater Brown" wieder auf die Leinwand zurückkehrte - nicht zum letzten Mal, denn Lucio Fulci sollte ihn 1967 in der internationalen Produktion "Operazione San Pietro" (Die Abenteuer des Kardinal Braun) erneut auf das Publikum loslassen, aber das hatte mit den gemütlichen Schwarz-Weiß-Krimis der frühen 60er Jahre um den detektivisch begabten Geistlichen nichts mehr gemeinsam. Dagegen wurde "Er kann's nicht lassen" dem sehr erfolgreichen Erstling stark nachempfunden, weshalb es überrascht, dass der Cast fast vollständig ausgetauscht wurde - nur die unverzichtbaren Lina Carstens und Heinz Rühmann gehörten erneut zur Crew.

Wie weit Rühmann selbst darauf Einfluss nahm, bleibt Spekulation, aber mit Axel von Ambesser übernahm ein Regisseur die Leitung, der zuvor schon "Der Pauker" (1958) und "Der brave Soldat Schwejk" (1960) mit ihm gedreht hatte - Kameramann Ashley hatte bei "Das schwarze Schaf" das erste Mal am Regiepult gestanden. Sieht man von Siegfried Lowitz einmal ab, der Browns besten Freund Flambeau im ersten Teil spielte und hier nur einmal kurz erwähnt wird, spielte der Austausch der übrigen Darstellerriege keine entscheidende Rolle. Rudolf Forster als Bischof gab ganz offiziell den Nachfolger und gehörte wie Grit Boettcher und Siegfried Wischnewski ebenso dem damaligen Mabuse/Edgar-Wallace-Darstellerkreis an, wie die Kollegen in "Das schwarze Schaf". Bemerkenswerter ist dagegen, dass mit Egon Eis ganz offiziell der Mann das Drehbuch übernahm, der seit "Der Frosch mit der Maske" (1959) entscheidend an der Entwicklung der Edgar-Wallace-Filmreihe beteiligt war - dem Film selbst ist das nicht positiv anzumerken.

Zwar setzte "Er kann's nicht lassen" erneut auf die Qualitäten seines Hauptdarstellers, schneidet im direkten Vergleich aber schlechter ab. War "Das schwarze Schaf" noch klar gegliedert in einen kurzen Kriminalfall zu Beginn, um den Charakter des Priesters mit detektivischem Spürsinn einzuführen, bevor sich der restliche Film einem komplexen Mordkomplott widmete, kann sein Nachfolger den typischen Hang zur krampfhaften Steigerung nicht leugnen. Dass Brown (Heinz Rühmann) beim Bischof (Rudolf Forster) antreten muss, weil er ein wertvolles Bild gefunden hat - womit er erneut auf den Titelseiten der Zeitungen landete - , von diesem aber sofort wieder zurückgeschickt wird, weil er den just während seiner Anreise begangenen Diebstahl des Bildes aufklären soll, um nach dessen Wiederbeschaffung doch in eine angeblich besonders harmlose Gemeinde versetzt zu werden, ist mindestens eine Wendung zu viel.

Die Macher konnten der Versuchung nicht widerstehen, Szenen, die im ersten Film gut angekommen waren, verstärkt zu bedienen. Die Auseinandersetzungen zwischen Pater Brown und dem Bischof gehörten in "Das schwarze Schaf" zu den Höhepunkten, waren aber sinnvoll platziert und überzeugten in ihrer Kritik an einer wenig liberalen kirchlichen Haltung. Dagegen ist Browns Versuch, die Münzsammler - Leidenschaft des Bischofs herauszufordern, völlig unnötig, wie auch der Einsatz von körperlicher Gewalt. Wahrscheinlich wurden die Judo-Szenen aus "Der Pauker" hier zum Vorbild, so dass Regisseur Von Ambesser und Heinz Rühmann darauf zurückgriffen und Brown sich mit einem Schulterwurf über die Kaimauer gegen einen Angreifer verteidigt. Abgesehen davon, dass sich ein paar hartgesottene irische Kerle kaum davon einschüchtern lassen, ist es gerade die Intelligenz, gepaart mit der friedlichen Aura des Geistlichen, die diese Figur so außergewöhnlich werden lässt. Endgültig ins Alberne verfällt der Film am Ende mit einer Verfolgungsjagd, die sowohl film- als auch storytechnisch nicht zu dem - trotz Rühmanns humorvollem Spiel - letztlich ernsthaften Kriminalfilm passt.

Den damaligen Kinobesuchern wird es egal gewesen sein, denn die Ansicht des Erstlings lag schon fast zwei Jahre zurück und ein unmittelbarer Vergleich war nur schwer möglich. Zwar fehlte „Er kann’s nicht lassen“ die atmosphärische Dichte und innere Schlüssigkeit des Vorgängerfilms, aber Heinz Rühmann blieb seiner Verkörperung des detektivisch begabten Pfarrers treu - letztlich die entscheidende Komponente für den Erfolg. Zudem ließ auch der Nachfolger für die Entstehungszeit erstaunlich liberale Ansichten erkennen, auch wenn die Kritik an der katholischen Kirche dezenter ausfiel. Der junge Mann, der seine Drogenabhängigkeit überwunden hat, und seine Freundin (Grit Boettcher), die mit ihm in "Wilder Ehe" zusammenlebt, werden zu Sympathieträgern, für die sich Brown einsetzt. Aus heutiger Sicht erscheint das wenig gewagt, zumal die moralischen Standards am Ende wieder in Ordnung gebracht werden, aber es trägt zum Vergnügen bei der Ansicht dieser im besten Sinn altmodischen Filme bei, auch wenn „Er kann’s nicht lassen“ zeitweise ein wenig aus der seriösen Spur gerät.

"Er kann's nicht lassen" Deutschland 1962, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Egon Eis, Carl Merz, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Rudolf Forster, Grit Boettcher, Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Horst Tappert, Laufzeit : 91 Minuten

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