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Donnerstag, 16. Juli 2015

Schloss Hubertus (1954) Helmut Weiss


Inhalt: Graf Egge (Friedrich Ulmer) verhindert, dass sein Revier-Jäger Franz Hornegger (Paul Richter) auf einen Adler anlegt, denn er will erst wissen, wo der Raubvogel seinen Horst hat. Als Hornegger ihn darauf hinweist, dieser könnte sich im Nachbarrevier befinden, entgegnet ihm Egge, dass das auch bald sein Revier wäre. Sein Sohn Tassilo (Heinz Baumann) würde es für ihn ersteigern. Doch er täuscht sich, denn Tassilo kommt zu spät zu der Versteigerung der Jagdrechte, da er von Lieserl (Erika Remberg) aufgehalten wurde, deren Fuhrwerk im Graben landete, als sie seinem Mercedes ausweichen wollte. Sein jüngerer Bruder Willy (Raidar Müller-Elmau), der mit ihm aus München gekommen war, hatte sich nicht wohl gefühlt und war bei Lieserl geblieben.

Inzwischen war Anna Herwegh (Renate Hoy) auf Schloss Hubertus angekommen, freudig von Kitty (Marianne Koch) begrüßt, die augenzwinkernd den Verdacht äußert, dass sie immer dann erscheint, wenn sich auch ihr Bruder Tassilo angemeldet hat. Eine gerechtfertigte Bemerkung wie sich wenig später herausstellt, nachdem Tassilo endlich am Schloss angekommen war. Feierlich gibt er seine Verlobung mit Anna bekannt. Eine freudige Nachricht, wäre da nicht sein Vater, denn bei Anna handelt es sich um die Tochter des Geschäftsmanns, der statt Graf Egge die Jagdrechte ersteigert hatte…


Ausgehend von meinem Essay "Vom Bergdrama zur Sex-Klamotte - Der Heimatfilm im Zeitkontext"  gehört mein erster Blick in die Tiefen des Genres nicht zufällig dem Ganghofer-Roman "Schloss Hubertus" und seinen drei Verfilmungen 1934, 1954 und 1973. "Schloss Hubertus", 1892 erschienen und erfolgreichster Roman des Heimatdichters Ganghofer, beinhaltete schon früh einige der wesentlichen Merkmale des Genres - Kontrast Moderne/Tradition, eine alles überragende Führungsfigur und das sehr spezifische Frauenbild von Tochter "Geislein" und ihre Liebe zum Maler Forbeck. Aber auch die Wilderer-Thematik, Armut, Kindstot, große materielle Unterschiede, Doppelmoral und die offensichtliche Abhängigkeit fast Aller vom Willen eines Einzelnen fanden Einzug in einen Roman, der aus heutiger Sicht gelesen keineswegs uneingeschränkte Sehnsüchte nach "der guten alten Zeit" weckt. 

Umso interessanter ist es, die Umsetzung der Romanvorlage mit wachsendem zeitlichen Abstand zu beobachten, auch weil die Filmrechte über mehr als ein halbes Jahrhundert in der Hand Peter Ostermayrs lagen, der sie 1918 noch von Ludwig Ganghofer selbst erwarb. Dank der Veröffentlichung aller drei Versionen auf DVD durch FILMJUWELEN, besteht endlich die Möglichkeit die Filme nicht nur mit dem Romantext zu vergleichen, sondern ihre Entwicklung genauer zu analysieren:             "Schloss Hubertus" (1934), "Schloss Hubertus" (1973)


50er Jahre Idyll - Kaffeetafel vor dem Schloss
Nach dem Ende des 2.Weltkriegs dauerte es nur wenige Jahre bis Peter Ostermayr wieder Filme zu produzieren begann. Mit "Ein Mann gehört ins Haus" brachte er April 1948 einen Film in die Kinos, dessen Konzeption noch aus dem Jahr 1945 stammte, dann aber nicht mehr fertiggestellt werden konnte. 1950 stieg er wieder voll in die Ludwig Ganghofer-Verfilmungen ein. "Der Geigenmacher von Mittenwald" kam drei Monate nach "Schwarzwaldmädel" (1950) heraus, der unter der Regie seines alten Partners Hans Deppe entstanden war. Von „Schloss Hubertus“ (1934) bis „Der Ochsenkrieg“ hatten Deppe und Ostermayr bei sechs Filmen eng zusammen gearbeitet, nur sein Drehbuch zu „Waldrausch“ ließ Ostermayr von seinem Sohn Paul May (noch unter dem Namen Paul Ostermayr) umsetzen. Nach 1945 gingen sie konsequent getrennte Wege, obwohl Beide in den 50er Jahren zu den aktivsten Vertretern des Heimatfilm-Genres zählten. Auch Paul May drehte keinen Film mehr unter der Hoheit seines Vaters, der nach dem Krieg gemeinsam mit seinem Bruder Ottmar eine neue Produktionsgesellschaft gründete. Wieso es zu dieser bemerkenswerten Konsequenz kam, lässt sich leider nicht in Erfahrung bringen.

50er Jahre-Wirtschaftswunderidyll - Mercedes vor der Bergkulisse
Da Peter Ostermayr die Rechte besaß, suchte er sich neue Regisseure für seine Ganghofer-Interpretationen, wechselte die Künstler aber regelmäßig. Nur anfänglich wagte er Experimente, später wählte er seine Favoriten fast ausschließlich aus dem kleinen Kreis erfahrener Genre-Regisseure (siehe „Der innere Zirkel wächst“). Nach zwei Filmen mit Harald Reinl engagierte er für seine sechste Ganghofer-Verfilmung nach dem Krieg Helmut Weiss, bekannt geworden als Regisseur der „Feuerzangenbowle“ (1944) und zuvor schon mit „Einmal am Rhein“ (1952) im Heimatfilm erfolgreich.„Schloss Hubertus“ war nicht das erste Remake einer eigenen Ganghofer-Produktion, aber die erste Wiederholung eines Films, zu dem Ostermayr auch das Drehbuch geschrieben hatte. Aus dem Vergleich beider Versionen lässt sich detailliert auf den Wandel des Publikumsgeschmacks schließen:


1. Die Romanvorlage

Graf Egge und Sohn Willy mit den Jägern Schipper und Hornegger
An den Grundzügen seiner Romanbearbeitung änderte Ostermayr nur wenig. Weiterhin beschränkte er sich auf die beiden Handlungslinien um den fanatischen Jäger Graf Egge (Friedrich Domin) und die Liebesgeschichte seiner Tochter Kitty (Marianne Koch) mit dem Maler Forbeck (Michael Heltau). Die Nebengeschichten, die Ludwig Ganghofers Roman einen realistischen Hintergrund verliehen (ausführliche Analyse, siehe „Schloss Hubertus“ (1934)), ließ er erneut größtenteils weg. Auf Grund des fortgeschrittenen Alters von Paul Richter, der mit knapp 60 Jahren ein zweites Mal den Jäger Hornegger spielte, ist die Hochzeit mit der von ihm begehrten Mali (Elisabeth Wischert) schon vollzogen. Die im Roman beschriebenen dramatischen Umstände um ihre Verbindung – finanzielle Not, Kindstod, Versorgung des brüderlichen Haushalts – fehlten schon in der Erstfassung. Einzig Egges Sohn Willy (Raidar Müller-Elmau) fand diesmal Eingang in die Verfilmung, die negativ besetzte Figur des arroganten dritten Sohns Robert wurde wie schon 1934 nicht berücksichtigt.

Willy (Raidar Müller-Elmau) und Dorfschönheit Lieserl (Erika Remberg)
Die Umstände, die zum Tod Willys führen, und die Folgen daraus, hätte Ostermayr für einen kritischen Blick auf die vorherrschende Doppelmoral nutzen können, wie es Ganghofer in seinem Roman trefflich gelang, aber der Autor reduzierte die Szene allein auf Willys plötzlichen Herztod beim Versuch die Fassade zu erklettern, um an Lieserls (Erika Remberg) Fenster zu gelangen. Weder wurde Willys betrunkener Zustand betont, für den er zuvor im Wirtshaus gesorgt hatte, noch dessen Absicht, nur noch einmal bei Lieserl auf seine Kosten kommen zu wollen - nachdem ihm sein Bruder Robert geraten hatte, daraus bloß keine ernste Sache werden zu lassen. Im Film erhielt die Verbindung zwischen dem Grafen und der Dorfschönheit dagegen den Charakter einer ernsthaften Liebesgeschichte. Entsprechend fehlte auch die Konsequenz, dass Lieserl noch am frühen Morgen mit einem ihr unliebsamen Handwerker aus dem Dorf verlobt wurde, um ihren Ruf zu wahren.


2. Die Führungsfigur

Graf Egge (Friedrich Ulmen) und der verschlagene Jäger Schipper (Karl Hanft)
Der kränkliche, aber liebenswerte jüngste Sohn Willy hatte auch im Roman die Funktion, den despotisch-fanatischen Charakter des Grafen Egge etwas abzuschwächen, der mit ihm vergleichsweise rücksichtsvoll umgeht und ernsthaft schockiert auf dessen Tod reagiert. Da Ostermayr aber die generelle Verbitterung des Grafen im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht einbezog, relativierte er dessen unbedingten Machtanspruch, seine streng konservative Haltung und ausschließliche Fixierung auf die Jagd im Vergleich zur 34er Fassung noch weiter. Beide Filme beginnen zwar fast identisch - Egge und Jäger Hornegger (Paul Richter) beobachten den Flug eines Adlers, dessen Horst sie finden wollen  – aber auf die folgende Sequenz, in der der Graf zu der Geburtstagsfeier seiner Tochter ins Schloss kommt, verzichtete Ostermayr in seiner Neufassung. Zurecht, ließe sich anmerken, denn diese Szene stammte nicht von Ganghofer. Aber sie vermittelte in der ersten Verfilmung noch viel von Egges Geisteshaltung, seiner harten Kritik an seinem ältesten Sohn Tassilo und seiner abschätzigen Meinung über eine Gesellschaft, die es sich auf seine Kosten gut gehen lässt.

Krach zwischen Vater und Sohn Tassilo (Heinz Baumann)
Dass damit auch die unglaubwürdige Story von dem Prozess, der angeblich das Vermögen des Grafen gefährdet, entfiel – in der weiteren Handlung kam Ostermayr auf diese anfänglich aufgebaute Dramatik nicht mehr zurück – war positiv, aber das veranlasste den Autor nicht, sich in seiner Überarbeitung wieder Ganghofers Roman anzunähern. Im Gegenteil konstruierte er eine noch unrealistischere Situation, nur um die Auseinandersetzung zwischen dem Grafen und Tassilo (Heinz Baumann) zu begründen, ohne die im Roman geschilderten Standesdünkel des Adligen gegenüber der Münchner Sängerin und zukünftigen Frau Tassilos, Anna Herwegh (Renate Hoy), anführen zu müssen. Stattdessen stammt die junge Frau erneut aus der Nachbarschaft. Diesmal ist sie nicht die Tochter eines Prozessgegners, sondern eines Geschäftsmanns, der die Jagd ersteigert, die an Egges Gebiet grenzt und für deren Erwerb der Graf seinen Sohn als Rechtsanwalt beauftragt hatte. Da Tassilo eine Viertelstunde zu spät eintraf, misslang das Vorhaben. Er hatte Lieserl geholfen, die mit ihrem Fuhrwerk vor seinem Mercedes erschreckte und in einem Graben gelandet war.

Graf Egge mit dem Ehepaar Franz und Mali Hornegger
Wahrscheinlich brachte das Tassilo beim damaligen Publikum Sympathiepunkte ein, aber die Wut seines Vaters ist ebenso verständlich wie Ostermayrs Story an den Haaren herbei gezogen. Kaum eine Gemeindeverwaltung wird sich wegen ein paar Minuten Verspätung einen potenten Bieter entgehen lassen, abgesehen davon, dass es die normale Professionalität vorschreibt, mindestens eine Stunde früher vor Ort zu sein. Erst recht, wenn es sich um einen so wichtigen Termin für den eigenen Vater handelt. Vielleicht hielt Ostermayr die Standesdünkel des Grafen gegenüber einer Sängerin auch nicht mehr für zeitgemäß, denn er hatte die Handlung in die Gegenwart, Mitte der 50er Jahre, verlegt, aber das entschuldigt nicht die fehlende innere Schlüssigkeit der von ihm erdachten Alternative. Diese geringen Abweichungen von Ganghofers Roman ließen sich vernachlässigen, beträfen sie nicht den im Gesamtkontext wichtigen Aspekt in der Charakterzeichnung des Grafen, der zum endgültigen Bruch mit seinem ältesten Sohn führt.

Graf Egge bleibt souverän als Forbeck (Michael Heltau) ihn fürs Modellstehen bezahlt
Doch von dessen sturer, ichbezogener Haltung blieb nichts übrig. Stattdessen gab Friedrich Domin den Grafen im Stil eines strengen, aber charmanten Übervaters. Im allgemeinen Umgang jovial, in der Sache genau, nur manchmal etwas über die Strenge schlagend. Wenn ihn wieder die Jagdleidenschaft packt und er spontan einen Bock erschießt, den er eigentlich seinem Sohn Willy hatte überlassen wollen, dann wirkt das verzeihlich. Auch im Roman ist Graf Egge keine einseitig negative Figur, bedingt auch durch die Normalität einer solchen Autoritätsperson Ende des 19.Jahrhunderts, aber seine Uneinsichtigkeit und Fixierung standen für eine in der Vergangenheit verbliebenen Haltung, die ausschlaggebend für den entstehenden Generationskonflikt wurde. Der Graf Egge in der 54er Filmfassung ist dagegen im besten Sinn ein Konservativer, passend zur aufstrebenden BRD der Nachkriegszeit. Seinem Streit mit Sohn Tassilo, dem Heinz Baumann nicht das selbstbewusste Profil seines Vorgängers verleihen konnte, fehlt die Tiefe des Disputs zwischen Tradition und Moderne – sie ist nur verständlicher Ausdruck persönlicher Enttäuschung des Grafen.

Auf die Schauwerte der berühmten Szene, in der Egge über eine mehr als 60 Meter lange Leiter zum Adlernest empor klettert, wollten Ostermayr und Regisseur Weiss trotzdem nicht verzichten, obwohl die Intention, sich auf diese Weise in Lebensgefahr zu bringen, in der 54er Fassung noch weniger nachvollziehbar wurde als in der Erstverfilmung. Der Adlerkäfig am Schloss fehlte ebenso wie die Sucht des Grafen, Jungadler dort gefangen zu halten. Die Wut, mit der er die eingesperrten Tiere nach seiner Erblindung erschießt, fand folgerichtig keine Erwähnung. Offensichtlich sollte dem Publikum die von Ganghofer zwiespältig entworfene Führungsfigur nicht zugemutet werden. Bezeichnend für eine zunehmende Nivellierung dramatischer Aspekte im Heimatfilm Mitte der 50er Jahre. Egges Erblindung wird so unmittelbar mit der allgemeinen Versöhnung des Vaters mit seinen Kindern kontrastiert, dass sich die Tragik dieser Situation kaum entfalten kann. Im Gegensatz zum Graf Egge der 34er Version, der am Ende fast demütig wirkt, blieb der Egge der 54er Fassung trotz seiner Behinderung jederzeit Herr der Situation. Dass Ostermayr seinen abschließenden Tod erneut wegließ, ist da nur noch eine Randnotiz.


3. Das Frauenbild

Erste Begegnung in der Wadhütte - Geislein (Marianne Koch) und Forbeck
Marianne Koch als Nachfolgerin von Hansi Knoteck in der Rolle der Kitty, genannt „Geislein“, zu besetzen, war eine gute Wahl. Sie hatte schon im Jahr zuvor als Gittli in „Der Klosterjäger“ (1953) ihre Eignung für die von Ludwig Ganghofer bevorzugten zarten und großäugigen „ jungen Dinger“ bewiesen, die sich deutlich von den Bauernmädchen mit den „armdicken Zöpfen“ unterschieden. Dieser Typus eines „entzückenden Geschöpfs“ (O-Ton Michael Heltau in der Rolle des Malers Forbeck) galt als besonders schützenswert und erweichte auch das Herz des im Roman frauenverachtenden Grafen Egge. An diesem Idealtypus männlicher Fantasie hatte sich im Gegensatz zu den Männercharakteren seit Ganghofers Zeiten wenig geändert. Tatsächlich wirkte die damals 22jährige Marianne Koch in ihrer Rolle noch mädchenhafter als Hansi Knoteck, der das Leben in der harten Bergwelt eher abzunehmen war.

Wiedersehen in Italien
Zu verdanken ist dieser Eindruck auch dem zeitlichen Hintergrund. Spielte die Erstverfilmung Ende des 19.Jahrhunderts, standen Kitty hier die Errungenschaften der 50er Jahre zu Verfügung, die das Leben im Schloss zum luxuriösen Vergnügen werden ließen. Kaum vorstellbar, dass sich die gräfliche Familie im Winter in wärmere Gefilde begeben musste, wie es Ganghofer noch in seinem Roman beschrieb. In bunten Sommerkleidern und hochhackigen Pumps wandeln die Frauen durch die Gärten und Flure des Schlosses, auch Lil Dagover als Anstandsdame Tante Gundi ist hier von deutlich gefälligerem Zuschnitt als ihre Vorgängerin in der 34er Version. Diese zeitgemäße Optik kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich an den Geschlechterrollen wenig geändert hatte. Das neckische Kennenlernen von Kitty und dem Maler in der Waldhütte, in der sie durchnässt von einem Gewitter Unterschlupf gesucht hatte, variierte die Situation im Erstling nur wenig.


Insgesamt wirkt die gesamte Handlungslinie um Kitty und ihre Liebe zum Maler Forteck leichter und komödiantischer – nicht nur im Vergleich zum Roman, sondern auch zur ersten filmischen Umsetzung. Zu verdanken ist das Michael Heltau, dessen Besetzung als Maler von einem unverkrampfteren Verhältnis der Macher zur Beziehung Komtesse / Künstler als im 1934er Film zeugt, in dem Hans Schlenck die Rolle zackig tüchtig anlegte. Heltau kam Ganghofers Romanfigur näher und wirkte auch im Zusammenspiel mit Marianne Koch entspannter. Obwohl auch er gezwungen ist, erst einmal sein Einkommen und seinen Status zu festigen, bevor er sich dem Schlossfräulein weiter nähern darf – in dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen 1892 und 1954 – ging darüber etwas der dramatische Aspekt verloren. Anders als Hansi Knoteck wurde Marianne Koch in ihrer Rolle nicht zu ständigen Gefühlswallungen gezwungen, sondern agierte meist fröhlich unbeschwert.


4. Entwicklung des Heimatfilms

Diener Moser (Gustav Waldau) und sein Schlossherr
Allgemein gültige Fakten zur Entwicklung des Heimatfilms Mitte der 50er Jahre lassen sich an Hand des Vergleichs zweier Filme schwerlich festlegen, aber Tendenzen werden dank des jeweils von Ostermayr verantworteten Drehbuchs erkennbar. Obwohl der Autor mit der Einbeziehung des Sohns Willy dem Romantext näher kam, ging die kritische Sichtweise Ganghofers weiter verloren. „Schloss Hubertus“ wies damit schon auf den sich verändernden Stil im Heimatfilm-Genre hin, dramatische Wendungen so mit komödiantischen oder gefühlvollen Momenten zu kombinieren, dass der Unterhaltungsfaktor gewährleistet blieb. Produzent Ostermayr und Regisseur Weiss verzichteten zwar weiterhin auf Folklore, führten aber mit dem Diener Moser (Gustav Waldau) eine humoristisch menschelnde Figur ein, die unter dem Original-Graf Egge schnell das Weite gesucht hätte. Ob Wilderer-Thematik, Willys Tod oder Egges Bruch mit seinem Sohn Tassilo – die Tragik dahinter wurde nur noch behauptet, sollte den Betrachter aber nicht mehr ernsthaft konfrontieren.

Ganghofers Romane waren zuerst Unterhaltungs-Literatur, nicht ohne Grund gehörten sie jahrzehntelang zu den Bestsellern. Das hinderte den Autor aber nicht daran, realistische Hintergründe mit einzubeziehen und dramatische Wendungen glaubhaft auszuarbeiten. In der Verfilmung von 1934 lassen sich dank der noch vorhandenen Zwiespältigkeit in der Charakterisierung des Grafen Egge Reste davon spüren, im 54er Film blieb davon nichts mehr übrig. Nachdem er Kitty und ihrem Maler die Erlaubnis zur Vermählung gegeben hatte – natürlich mit der Bitte verbunden, bei ihm im schönen Schloss Hubertus zu bleiben  – versöhnt er sich noch mit seinem Sohn und Schwiegertochter Anna. Damit ist die Welt wieder für ihn in Ordnung. In Ganghofers Roman wäre das für den fanatischen Jäger unvorstellbar gewesen, beim Publikum ist die 54er Version aber bis heute die beliebteste.

"Schloss Hubertus" Deutschland 1954, Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Peter Ostermayr, Ludwig Ganghofer (Roman)Darsteller : Marianne Koch, Friedrich Domin, Paul Richter, Heinz Baumann, Lil Dagover, Michael Heltau, Raidar Müller-Elmau, Erika Remberg, Karl HanftLaufzeit : 86 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

"Die Feuerzangenbowle" (1944)
"Drei Mann in einem Boot" (1961) 
"Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)


 Thematisch weiterführender Link:

- "Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)

Montag, 4. Mai 2015

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit (1961) Harald Philipp

Inhalt: Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck) hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten Dr. Werner Rüttgen (Claus Holm), dass dieser den Mord an seiner Frau begangen hatte, um frei für seine Geliebte Helga Dahms (Susanne Rüttger) sein zu können, mit der er schon längere Zeit ein Verhältnis hatte. Doch Kesslers Ansicht basiert allein auf Indizien, weshalb die überraschende Zeugenaussage von Laura Beaumont (Eva Bartok), die kurz vor dem Ende seines Plädoyers im Zuschauerraum auftaucht, seine Argumentation zum Fallen bringt. Sie gibt dem Angeklagten ein Alibi.

Die Verhandlung wird unterbrochen, um die neue Sachlage prüfen zu können, aber Kessler muss sich der Haltung des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff) beugen, der die Freilassung des Angeklagten anordnet. Kessler glaubt der Zeugin nicht, da er sie von früher her kennt, aber mit dieser Ansicht steht er allein. Als kurz darauf, der Angeklagte ebenfalls an einem angeblichen Selbstmord stirbt – tatsächlich hatte der Täter die Tabletten ausgetauscht – und einen Brief hinterlässt, der den Staatsanwalt beschuldigt, er hätte ihn in den Tod getrieben, gerät Kessler noch mehr unter Druck. Auf eigene Faust beginnt er zu ermitteln und wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert…


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" , der von der PIDAX am 23.12.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht wurde, scheint aus der Reihe der Sozialdramen der späten 50er / frühen 60er Jahre heraus zu stechen, um die sich die PIDAX zuletzt umfangreich kümmerte, aber das täuscht. Zwar gehört der Film äußerlich dem Justiz-Thriller oder Kriminal-Genre an und reiht sich damit in die Mabuse- und Edgar-Wallace-Filme ein, die Anfang der 60er Jahre sehr populär waren, aber allein schon die Tatsache, dass der Film nicht annähernd über den Bekanntheitsgrad typischer Kriminalfilme dieser Zeit verfügt - unabhängig von deren Qualität - deutet eine weitere Ebene an. Wesentlich konsequenter als etwa in den Edgar-Wallace-Filmen kombinierte Regisseur Harald Philipp die Handlung mit den sozialen Veränderungen nach dem Krieg in Deutschland, speziell hinsichtlich des Wandels in der Sexualität.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Ein unbekannter Strippenzieher im Hintergrund, Mord, Spionage, Prostitution - und mitten drin ein engagierter Staatsanwalt, der versucht dieses Geflecht aufzulösen und den wahren Täter zu ermitteln. "Unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beginnt wie ein klassischer Gerichtsfilm mit dem Plädoyer des Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck), ändert aber schnell seinen Charakter in Richtung Kriminalfilm, als die überraschende Zeugenaussage der schönen Laura Beaumont (Eva Bartok) den vermeintlichen Mörder (Claus Holm) entlastet. Kessler muss ihn gegen seine Überzeugungen laufen lassen, will dieses Ergebnis, dass schwer seiner Reputation schadet, aber nicht hinnehmen. Doch mit seinen erneuten Nachforschungen wird er einem international agierenden Verbrecher-Ring zunehmend lästig und gerät selbst in Lebensgefahr.

Als "Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" im Oktober 1961 in die deutschen Kinos kam, stand die Premiere des achten Edgar Wallace-Streifens "Die seltsame Gräfin" (1961) kurz bevor und lag Peter von Eycks Auftritt in "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" (1960) schon mehr als ein Jahr zurück. Dessen Fortsetzung "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" (1961) sollte ebenfalls noch im Oktober erscheinen, allerdings ohne Van Eyck, der erst im fünften Teil („Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, 1963) wieder mitspielte. Der Eindruck entsteht, Regisseur und Drehbuchautor Harald Philipp wollte, nachdem er im Jahr zuvor zwei Kriegsfilme gedreht hatte ("Strafbataillon 999" und „Division Brandenburg“, 1960), ebenfalls auf die Gruselkrimi-Karte setzen, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Doch im Gegensatz zu den Wallace- und Mabuse-Filmen, die trotz erheblicher Qualitätsunterschiede im Film-Gedächtnis blieben und bis in die heutige Gegenwart wiederholt vermarktet und im Fernsehen gezeigt wurden, erreichte „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ nie deren Popularität.

Anders als die erfolgreichen Krimi-Reihen, deren Stories nur wenig Berührung mit der Realität aufwiesen, blieb Harald Philipp, der wie sein Co-Autor Fred Ignor in den 50er Jahren im Schlagerfilm aktiv war, mit seiner Story in der Gegenwart der BRD verankert. Zwar klingt die Aussage eines Beobachters der Gerichtsszene zu Beginn, der Staatsanwalt hätte die Geschworenen schon auf seine Seite gebracht, nach anglizistisch geprägter Dramatik, aber offensichtlich war es noch nicht im kollektiven Gedächtnis angekommen, dass es in Deutschland seit 1924 keine Geschworenen mehr gab. Für besonders schwere Delikte ist bis heute das „Schwurgericht“ zuständig, das nur noch mit dem Namen daran erinnert, aber der „Großen Strafkammer“ entspricht, der neben den zwei Schöffen drei Berufsrichter angehören. Im Film ist das gut an der Besetzung der Richterbank zu erkennen, so wie sich Harald Philipp auch sonst an die juristischen Gepflogenheiten hielt. Sowohl die Rolle des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff), der den ehrgeizigen Dr. Kessler in die Schranken weist, als auch des Strafverteidigers (Leon Askin) kommen ohne Polemik oder eine zugespitzte Konfrontation aus. Nachdem die Zeugenaussage den Angeklagten entlastet hatte, wurde er selbstverständlich aus der Haft entlassen.

Auch die Wallace-Krimis nutzten die in den 60er Jahren entstehenden Freiräume für sexuell offensivere Elemente, trennten gleichzeitig aber streng zwischen Gut und Böse und betonten das moralisch einwandfreie Verhalten des Helden und seines jeweiliges Love-Interests. In dieser Hinsicht ist „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ mutiger und direkter. Schon die Anspielung Dr. Kepplers auf die Teilnahme des verheirateten Konzern-Chefs Generaldirektor Delgasso (Rudolf Fernau) bei Partys einer Model-Agentur, ließ wenig an der tatsächlichen Aufgabe der Mannequins zweifeln. Die Nackt-Szene, in der der schwule Fotograf (Ralf Wolter) die Vorzüge der Mädchen ablichtet, hätte jedem frühen Erotik-Film zur Ehre gereicht. Besonders aber die Ausarbeitung der Dreieck-Konstellation zwischen Dr. Kessler, seiner Verlobten Ingrid Hansen (Marianne Koch) und der überraschend auftretenden Zeugin Laura Beaumont, lässt Harald Philipps ernsthaften Umgang mit den Veränderungen der Sozialisation nach dem Krieg erkennen.

Schnell stellt es sich heraus, dass der Staatsanwalt mit der schönen Französin vor Jahren eine Affäre hatte, die unglücklich für ihn endete. Seiner Verlobten hatte er davon nichts erzählt, weshalb diese zuerst eifersüchtig reagiert. Daraus hätte sich erneut die Mär vom angeblich untreuen Helden entwickeln lassen, der am Ende als Unschuldslamm die zukünftige Ehefrau in die Arme schließen darf. Stattdessen knistert es zwischen Kessler und der Schönen wieder gewaltig, als er versucht herauszubekommen, warum sie mit der geschickt platzierten Zeugenaussage seine Reputation beschädigen wollte. Zudem verfiel Phillip nicht in den gewohnten Reflex, eine sexuell offensive Frau einseitig als Luder zu diffamieren, sondern betrachtete sie mit Sympathie. Das gilt auch für Ingrid Hansen als optisch bravem Gegenpol, die nicht nur als Journalistin jederzeit selbstbewusst agiert, sondern auch als Verlobte ihre eigenen Schlüsse zieht. Peter van Eyck blieb gewohnt souverän innerhalb dieses Spannungsfelds, dessen Modernität den Film über die übliche Krimi-Ware dieser Zeit hinaus hob.

Dass „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ das Zusammenspiel dieser differenziert angelegten Charaktere, zu denen auch der großartige Wolfgang Reichmann in einer Nebenrolle als seltsam undurchsichtiger Freund gehört, mit einer Story um Industrie-Spionage und Call-Girl-Ring verband, führte zu einer falschen Erwartungshaltung. Der Krimi-Plot kommt nie richtig in Schwung und der Hintergrund für die Spionage-Tätigkeit spielt keine wirkliche Rolle. Im Subtext verbirgt sich, worum es Regisseur Philipp tatsächlich ging – um Sexualität und den Wandel der Geschlechterrollen. Die Öffentlichkeit wird zu Beginn noch ausgeschlossen, als die Geliebte (Susanne Rüttger) über ihr Verhältnis zu dem Angeklagten vor Gericht aussagt, aber diese Maßnahme wirkt veraltet angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der hier Prostitution, Erotikaufnahmen und unehelicher Sex als Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit dargestellt werden. Die Auflösung am Ende, um wen es sich bei dem „großen Unbekannten“ handelt, kann entsprechend Niemand mehr überraschen. Sie folgt nicht den Regeln eines Verbrechers, sondern eines in seinem Selbstbewusstsein erschütterten Mannes:

„Wie oft war ich schon unglücklich - mir laufen sie nicht hinterher wie dir!“


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" Deutschland 1961, Regie: Harald Philipp, Drehbuch: Harald Philipp, Fred Ignor, Darsteller : Peter van Eyck, Eva Bartok, Marianne Koch, Claus Holm, Wolfgang Reichmann, Werner Peters, Leon Askin, Ralf Wolter, Rudolf FernauLaufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Philipp:

Montag, 26. August 2013

Der Stern von Afrika (1957) Alfred Weidenmann

Inhalt: Nachdem sich Hans-Joachim Marseille (Joachim Hansen) 1938 freiwillig bei der Luftwaffe gemeldet hatte, wurde zwar sein fliegerisches Talent offensichtlich, hatte ihn aber nur das Eingreifen seines besten Freundes Robert Franke (Hansjörg Felmy) vor dem Rauswurf bewahrt, da er zu eigensinnig und unmilitärisch agierte. Die Fliegerei ist für Marseille ein großer Spaß, weshalb ihn die Nachricht vom Kriegsbeginn genauso überrascht wie seine Kameraden, darunter neben Robert noch Albin Droste (Horst Frank) und Answald Sommer (Peer Schmidt).

Bei einem der ersten Einsätze am Atlantik wird Robert abgeschossen, der nur mit Glück überlebt, nachdem er eine Nacht auf dem Meer verbracht hatte. Erstmals spürt Marseille die Gefahr, die ihre Flüge begleitet, aber nachdem sie nach Afrika versetzt wurden, beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg als Kampfflieger. Gegen die zahlenmäßig überlegenen britischen Flugzeugstaffeln schert er aus dem Flieger-Pulk aus und greift sie individuell an. Das widerspricht militärischen Gepflogenheiten, aber seine Abschusszahlen geben ihm Recht, die ständig neue Rekordhöhen erklimmen…


Einen Film über den von der NS-Propaganda in den ersten Kriegsjahren hochgejubelten Kampfflieger Hans-Joachim - genannt "Jochen" - Marseille in die Hände des Regisseurs Alfred Weidenmann und des Drehbuchautors Herbert Reinecker zu legen, scheint jedes Klischee an einen 50er Jahre Kriegsfilm zu erfüllen, der keine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur suchte, sondern die Heroisierung des tapferen Wehrmachtssoldaten beabsichtigte, der nur seine Pflicht tat. Weidenmann, Jahrgang 1918, drehte schon als junger Mann Reportage-Filme für die Hitlerjugend, nachdem er als Presse- und Propaganda-Referent der HJ mehrere Bücher verfasst und herausgegeben hatte. 1944 erschien sein Propaganda-Film "Junge Adler", zu dem Reinecker ebenfalls das Drehbuch schrieb und in dem mit Dietmar Schönherr, Hardy Krüger und Gunnar Möller drei später renommierte Darsteller ihr Debut gaben - eine weitere Parallele zu "Der Stern für Afrika", der für Joachim Hansen, Hansjörg Felmy und Horst Frank zum Beginn ihrer erfolgreichen Karrieren wurde.

Auch in "Canaris" (1954) hatte sich Alfred Weidenmann schon mit einer realen Figur der jüngeren Geschichte befasst, aber "Der Stern von Afrika" bedeutete eine Zäsur im deutschen Kriegsfilm-Genre, denn erstmals wurden wieder ausführliche Kampfhandlungen gezeigt. Nachdem es 1956 zu einem Jahr ohne Kriegsfilme im deutschen Kino gekommen war, bereitete die Wiedereinführung einer deutschen Armee - die ersten Wehrpflichtigen wurden Anfang 1957 eingezogen - den Weg zu einer konkreteren Darstellung des deutschen Soldatentums. Dazu bot sich Hans-Joachim Marseille als ideale Identifikationsfigur an, denn Abschusszahlen von allein kämpfenden Piloten ließen sich leichter vermarkten und darstellen als Ergebnisse komplexer militärischer Aktionen, weshalb sich auch die Nationalsozialisten seiner Popularität bedient hatten. Entsprechend wird in „Der Stern von Afrika“ nur so mit Zahlen um sich geschmissen, wenn gut aussehende junge Offiziere ihren „Jochen“ angesichts ständiger neuer Rekorde hochleben lassen, als ging es um eine 100m-Bestzeit und nicht um den Tod von Menschen.

Zudem entwickelte der Film um die Kameraden „Jochen“ Marseille (Joachim Hansen), dessen besten Freund Robert Franke (Hansjörg Felmy), den etwas widerborstigen Albin Droste (Horst Frank) und den Witzbold Answald Sommer (Peer Schmidt) eine lockere, meist gut gelaunt agierende Männertruppe, die sich weder besonders militärisch gibt, noch Berührungspunkte mit den Nationalsozialisten und deren Ideologie zu haben scheint. Wie in dem kurz darauf entstandenen Kriegsfilm „Haie und kleine Fische“ (1957) vermitteln auch hier Aufnahmen von sich bei einem Segeltörn vergnügenden jungen Menschen zuerst das Bild eines friedlichen Lebens, über das plötzlich ein schrecklicher Krieg hereinbricht, der die Jugend Deutschlands zerstören sollte – eine Botschaft, die Weidenmanns Film noch mehrfach wiederholt, auch aus den Worten eines alten Franzosen (Erich Ponto), nachdem er mit Marseille in Paris eine Partie Billard spielte. Dass die jungen Offiziere Paris besuchen konnten, weil Frankreich von Deutschland besetzt wurde, das als Aggressor für den Ausbruch des Krieges erst verantwortlich war, wird ebenso wenig erwähnt, wie Zusammenhänge zu den Aktionen des Afrika-Corps hergestellt werden, zu dem die jungen Flieger nach ihrem ersten Einsatz am Atlantik versetzt werden.

Ihr Zelt-Lager im afrikanischen Wüstensand erinnert mehr an eine Abenteuer-Expedition, bei der ausführlich gefeiert (mit Roberto Blanco in seiner ersten Rolle als Stimmungskanone, selbstverständlich frei von rassistischen Ressentiments) und viel geflogen wird, was Weidenmann die Gelegenheit gab, schicke Bilder von schnell startenden und landenden Messerschmidt-Jagdflugzeugen, sowie erfolgreiche Luftkämpfe aus der Ego-Shooter-Perspektive zu zeigen. Weidenmann gelang es sogar, Marseilles Besuch in seiner Heimatstadt Berlin, wo ihm nach seinem 100. Abschuss höchste militärische Ehren zuteil wurden - ein von der NSDAP propagandistisch genutzter Vorgang - ohne die geringsten Verweise auf die herrschende Diktatur darzustellen. Weder Hitlergruß, noch SS-Uniformen sind in „Der Stern von Afrika“ zu sehen, nicht einmal die typischen patriotischen und selbst beweihräuchernden Redewendungen sind zu hören. Im Gegenteil lässt Marseille erkennen, dass ihm die gesamten Ehrenbekundungen eher unangenehm sind, und der Film zeigt ihn einzig bei einer Rede in seiner ehemaligen Schule, in der er nicht von seinen Taten, sondern von seinen Kameraden erzählt. Dabei erwähnt er vor den aufmerksam zuhörenden Schülern auch den fröhlichen Answald Sommer, um sich kurz darauf selbst zu berichtigen, dass dieser jetzt tot wäre – viel unrealistischer und beschönigender hätten Weidenmann und Reinecker diese Situation nicht inszenieren können.

Mit dieser idealisierten, die eigene Verantwortung verharmlosenden Charakterisierung, entsprach Weidenmann der Haltung eines Großteils der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich Mitte der 50er Jahre als Opfer betrachteten. Mehrfach thematisierte er in „Der Stern von Afrika“ auch die Frage nach dem Sinn ihres Handelns. Als Marseille, Selbstzweifel äußernd, seinem Vorgesetzten diese Frage stellt, deutet dieser an, dass der persönliche Einsatz für eine Sache über dem System steht – eine Aussage, die Vielen aus dem Herzen gesprochen haben dürfte, weshalb der Film an der Kinokasse sehr erfolgreich war, obwohl die zeitgenössische Kritik nicht nur die wenig realistische Darstellung des Kampffliegers bemängelte, sondern auch einen Propagandacharakter erkannte, der an die hintergründig beeinflussenden Filme der NS-Zeit erinnerte. Einerseits zurecht, denn mit einer Aufarbeitung historischer Fakten hat „Der Stern von Afrika“ nichts gemeinsam - die tatsächliche Rolle der Wehrmacht wurde bekanntlich erst Jahrzehnte später dokumentiert - andererseits verwendete Weidenmann die selben filmischen Mittel, um die Tragik des Geschehens nicht weniger deutlich herauszuarbeiten.

Der zuerst locker abenteuerliche Charakter des Films wandelt sich zunehmend in Richtung eines Melodramas. Mit dem Auftreten von Brigitte (Marianne Koch), die als Lehrerein Marseilles Rede vor den Schülern mit anhörte, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die die militärischen Aktionen in den Hintergrund drängt. Sowohl Brigittes Bitte an ihren Geliebten, zu desertieren, der Marseille keineswegs vehement widerspricht, als auch ihre körperliche Liebe in Italien als unverheiratetes junges Paar, sind reine Fantasie, aber diese Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht. Es mag eine unrealistische Idealisierung des echten Hans-Joachim Marseille sein, aber der Protagonist in Weidenmanns Film will weder weiter kämpfen, noch irgendwelche Orden erringen, sondern mit seiner Brigitte ein glückliches Leben führen. Dass er doch wieder zu seiner Einheit zurückkehrt, ist dem plötzlichen Auftreten seines besten Freundes Robert zu verdanken, der ihn mit gemessenen Worten an seine Verantwortung erinnert, eine erneute Rechtfertigung der Wehrmachtssoldaten.

Der Vorwurf einer verharmlosend bis verlogenen Darstellung der historischen Ereignisse ist gerechtfertigt, sollte aber im Zusammenhang mit dem Zeitgeist Mitte der 50er Jahre betrachtet werden. Die inszenatorischen Mittel, die den Film weniger als Biographie, denn als reinen Unterhaltungsfilm ausweisen, wendete Weidenmann gleichwertig an, So attraktiv „Der Stern von Afrika“ vom Kameradschaftsleben im afrikanischen Wüstensand erzählt – dabei historische Fakten auf ein Minimum reduzierend – so bewegend gelingt die Liebesgeschichte zwischen Brigitte und Hans-Joachim, deren Ende weder Hurra-Patriotismus, noch Soldatenherrlichkeit vermittelt. Der Tod des 23jährigen Mannes wird von Weidenmann als sinnloses Opfer inszeniert und das letzte eindrucksvolle Bild gilt der jungen Frau, wie sie weinend auf ihrem Pult zusammenbricht, während der Knabenchor verstummt.

"Der Stern von Afrika" Deutschland 1957, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Udo Wolter, Darsteller : Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 99 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952)

Donnerstag, 21. März 2013

Der letzte Ritt nach Santa Cruz (1964) Rolf Olsen


Inhalt: Kurz nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, überfällt Pedro Ortiz (Mario Adorf) die Haftanstalt, um auch seinen Freund Carlos (Thomas Fritsch) zu befreien, den er dort kennengelernt hatte. Gemeinsam mit ihm, José (Klaus Kinski), Fernando (Sieghardt Rupp) und der schönen Juanita (Marisa Mell) will er sich endlich die Beute aus seinem Goldraub holen, die er in einem unwegsamen Berggelände versteckt hatte. Auch der Bar-Pianist Woody (Walter Giller) schließt sich der Gruppe an.

Doch zuvor will Ortiz sich noch an Rex Kelly (Edmund Purdom) rächen, der ihn damals ins Gefängnis gebracht hatte. Inzwischen arbeitet er nicht mehr als Sheriff, sondern als Vorstand einer Bank, weshalb Ortiz seine Frau (Marianne Koch) und seinen Sohn entführt, um ihn zu zwingen, seine eigene Bank auszurauben. Beide nimmt er auch auf den beschwerlichen Weg zu der versteckten Beute mit, weshalb sich Rex Kelly an seine Fersen heftet…


Die Produzenten von "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" hatten prinzipiell alles richtig gemacht, denn sie hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Während sich der Erfolg des Italo-Westerns erst anbahnte - Sergio Leone drehte seinen ersten Western "Per un pugno di dollari“ (Für eine Handvoll Dollar) parallel, ebenfalls mit Marianne Koch in der weiblichen Hauptrolle - siedelten sie ihre Geschichte auch schon in den staubigen Gefilden der südlichen USA, im Grenzgebiet zu Mexico, an. Entscheidender für die Wegbereitung des Westerns im deutschen Kino, waren aber die Erfolge der Karl May -Verfilmungen "Der Schatz im Silbersee" (1962) und "Winnetou I" (1963), von dem sie konsequenterweise gleich Mario Adorf als Bösewicht übernahmen. Auch die Besetzung Klaus Kinskis als Bandit erwies sich als prophetisch, denn nach seinen Schurken-Rollen in den Edgar-Wallace Verfilmungen sollte "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" der Beginn einer langen Western-Karriere werden.

Die Verpflichtung Edmund Purdoms, einem damals populären englischen Darsteller, für die Heldenrolle Rex Kelly, war dem Versuch geschuldet, internationale Standards erreichen zu wollen, wie es im Euro-Western zu Beginn üblich war, aber die Besetzung zweier wichtiger Nebenrollen mit Walter Giller und Thomas Fritsch verweisen schon auf deutsche Eigenheiten. Giller war damals sehr populär, während Fritsch als viel versprechender Newcomer und jugendlicher Held galt, aber auch ihre Dreitagebärte können nicht darüber hinweg täuschen, dass sie in dem Western wie Fremdkörper agieren. Man könnte das als nebensächlich ansehen, wenn die Gestaltung ihrer Rollen nicht symptomatisch für das Drehbuch von Herbert Reinecker und Rolf Olsens Regie-Arbeit wäre, die erstmals im Western-Genre arbeiteten.

Es sind weniger die fehlende Härte und die trotz der staubigen Umgebung meist saubere Kleidung und glatten Gesichter, die im Gegensatz zu Leones für den Italo-Western stilbildenden Werk stehen - "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" orientierte sich in dieser Hinsicht eindeutig an den Karl May-Verfilmungen - sondern die fehlende Authentizität in den Charakterisierungen, die an pubertäre Western-Fantasien erinnern und selbst klischeehafte US-Western nicht erreichen. Der Film hinterlässt über seine gesamte Laufzeit den Eindruck, als wollten ein paar deutsch/österreichische Filmemacher in ihrem Filmstudio-Sandkasten einmal Western spielen - angesichts einer Darstellerriege, die bei diversen späteren Gelegenheiten beweisen sollte, wie überzeugend sie dieses Szenario zu verkörpern in der Lage ist, ein Armutszeugnis.

Nun kann dieser Vorwurf auch einer Vielzahl der Karl-May Verfilmungen aus deutscher Produktion gelten, aber dort wurde eine intensive Identifikation mit den Protagonisten erreicht, die hier vollständig fehlt. Darin zeigt sich die Schwäche eines Drehbuchs, das Konflikte immer nur andeutet, ohne sich weiter auf sie einzulassen. So muss eine an TV-Vorabendserien erinnernde Familienkostellation, bestehend aus Frau und kleinem - in seiner piepsigen, altklugen Art, nervenden - Sohn reichen, um den anständigen Rex Kelly zu einem „Verbrechen“ zu motivieren, denn er ist gezwungen seine eigene Bank auszurauben, um sie zu retten, nachdem sie in die Gewalt des Bandenbosses Pedro Ortiz (Mario Adorf) geraten sind. Einen Moment besteht die Gefahr von seinem eigenen Nachfolger als Sheriff verhaftet zu werden, aber Kelly kann sich mit Gewalt befreien. Doch anstatt diesen inneren Konflikt auf Grund der ungerechfertigten Anschuldigung weiter zu verfolgen, die Edmund Purdom auch die Möglichkeit gegeben hätte, seiner sonst oberflächlichen Figur mehr Tiefe zu verleihen, kommt der Film nicht mehr darauf zurück.

Ähnliches gilt für seinen Gegenspieler Pedro Ortiz, der als sehr gefährlich gilt, was er zu Beginn auch unter Beweis stellt, indem er seinen Freund Carlos (Thomas Fritsch) aus dem Gefängnis befreit, aus dem er selbst erst kurz zuvor entlassen wurde. Für Carlos soll Ortiz eine Art Vaterfigur sein, aber ihre Beziehung lässt sich nicht nachempfinden, da der als Identifikationsfigur für die Jugend vorgesehene glattgesichtige Fritsch nur darauf aus ist, seinen guten Charakter zu beweisen, der mit Verbrechern nichts gemein hat – wie konnte der Knabe nur im Gefängnis landen? Noch unglaubwürdiger ist Woody Johnsons (Walter Giller) Anbiederung an Pedro Ortiz, denn seine penetrante unterwürfige Kriecherei müsste den selbst verliebtesten Gangster misstrauisch werden lassen. Leider erschließt sich auch die Beziehung zwischen der attraktiven Juanita (Marisa Mell) und Ortiz keinen Moment, obwohl sie gut vorstellbar ist, aber der Film verweigert sich familiengerecht jeder erotischen Andeutung.

Das zwingt den optisch überzeugenden Mario Adorf ständig dazu, zwischen üblem Schurken und inkonsequentem Weichling zu wechseln. Mal darf er den abtrünnigen, da inzwischen anständig gewordenen Carlos aus dem Hinterhalt erschießen, damit Fritsch den Heldentod sterben kann, mal nimmt er ohne Grund Kellys Frau mit auf den beschwerlichern Weg und betreut deren Sohn Steve, als wären sie auf einem Familienausflug. Ursprünglich hatte er sich an Kelly rächen wollen, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte, doch während er kein Problem damit hat, einen hilflosen Großgrundbesitzer eiskalt zu ermorden, schickt er jedesmal einen seiner Männer vor, um Kellys Verfolgung zu unterbinden. Dabei besitzt er alle Trümpfe und könnte ihm seinen Willen diktieren. Stattdessen ermöglicht er es Kelly so, im Kampf Mann gegen Mann seine Streitmacht zu reduzieren. Man könnte darin auch die Demaskierung eines angeblich harten Burschen erkennen, bei dem es sich um einen Feigling handelt, aber dafür fehlt es Adorfs Rolle an charakterlicher Tiefe.

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" erinnert mehr an harmlose deutsche Unterhaltungsfilme als an einen spannenden Western, aber wahrscheinlich genügte es Anfang der 60er Jahre schon, dass Adorf und Kinski zwischendurch mordlüsternen Wahnsinn aufblitzen ließen und eine anständige Ehefrau und ihr blonder Junge in Gefahr gerieten, um den Betrachtern den Angstschweiß auf die Stirn zu zaubern. Mit den Rollen von Giller und Fritsch als angeblichen Verbrechern war der Zenit an Tiefgründigkeit und Differenziertheit zudem schon erreicht, weshalb man auf weitere Ambitionen in der Rollengestaltung verzichtete, sieht man von Marisa Mells krampfhaft, gequältem Gesichtsausdruck einmal ab, mit dem sie sich selbst in die Luft jagt.

Ob man dem Film heute noch einen gewissen, unfreiwilligen Charme zugesteht oder in ihm einen legitimen Vertreter des damaligen Zeitgeistes sieht, der einige Strömungen frühzeitig erkannte, liegt im Auge des Betrachters. "Der letzte Ritt von Santa Cruz" blieb einer der wenigen Versuche im deutschen Film, die härtere Gangart der Italo-Western mitzugehen, reihte sich hinsichtlich der Story und Charakterisierungen aber nur in die harmlosen, dafür aber kommerziell erfolgreichen Karl-May Filme ein.

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" Deutschland/Österreich 1964, Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Herbert ReineckerDarsteller : Mario Adorf, Edvard Purdom, Marianne Koch, Klaus Kinski, Walter Giller, Thomas Fritsch, Sieghardt Rupp, Marisa Mell, Laufzeit : 93 Minuten

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