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Freitag, 17. Juli 2015

Schloss Hubertus (1973) Harald Reinl

Inhalt: Schipper (Klaus Löwitsch) und Lenz Bruckner (Gerhard Riedmann) werden von dem alten Jagd-Aufseher Hornegger beim Wildern erwischt und schießen gleichzeitig auf ihn, als er sie verhaften will. Tödlich getroffen bricht er zusammen. Bruckner behauptet daneben gezielt zu haben, Schipper entgegnet ihm dasselbe. Der Mord bleibt unaufgeklärt, aber Schipper hat den vom schlechten Gewissen geplagten Bruckner jetzt in der Hand. Jahre später ist Franz Hornegger (Robert Hoffmann) an die Stelle seines Vaters gerückt. Ohne zu wissen, dass Schipper für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, arbeitet er an dessen Seite im Dienst des Grafen Egge (Carl Lange).

Schipper, der seinen Einfluss beim Grafen geschickt geltend macht, nutzt seine Stellung nicht nur für weitere Wilderei, sondern integriert auch gegen den ihm unliebsamen Franz Hornegger. Ihm missfällt, dass dieser sich mit Bruckners Schwester Mali (Gerlinde Döberl) gut versteht, auf die er selbst ein Auge geworfen hat. Inzwischen treffen am Schloss Hubertus die Söhne des Grafen ein. Der Älteste, Tassilo (Karlheinz Böhm), kommt in der Begleitung seiner zukünftigen Frau Anna Herwegh (Evelyn Opela), einer bekannten Münchner Opernsängerin. Graf Egge erwartet sie zur Jagd und Tassilo möchte die Gelegenheit nutzen, seinem dann hoffentlich gut gelaunten Vater von der geplanten Hochzeit mit Anna zu berichten…

Ausgehend von meinem Essay "Vom Bergdrama zur Sex-Klamotte - Der Heimatfilm im Zeitkontext"  gehört mein erster Blick in die Tiefen des Genres nicht zufällig dem Ganghofer-Roman "Schloss Hubertus" und seinen drei Verfilmungen 1934, 1954 und 1973. "Schloss Hubertus", 1892 erschienen und erfolgreichster Roman des Heimatdichters Ganghofer, beinhaltete schon früh einige der wesentlichen Merkmale des Genres - Kontrast Moderne/Tradition, eine alles überragende Führungsfigur und das sehr spezifische Frauenbild von Tochter "Geislein" und ihre Liebe zum Maler Forbeck. Aber auch die Wilderer-Thematik, Armut, Kindstot, große materielle Unterschiede, Doppelmoral und die offensichtliche Abhängigkeit fast Aller vom Willen eines Einzelnen fanden Einzug in einen Roman, der aus heutiger Sicht gelesen keineswegs uneingeschränkte Sehnsüchte nach "der guten alten Zeit" weckt. 

Umso interessanter ist es, die Umsetzung der Romanvorlage mit wachsendem zeitlichen Abstand zu beobachten, auch weil die Filmrechte über mehr als ein halbes Jahrhundert in der Hand Peter Ostermayrs lagen, der sie 1918 noch von Ludwig Ganghofer selbst erwarb. Dank der Veröffentlichung aller drei Versionen auf DVD durch FILMJUWELEN, besteht endlich die Möglichkeit die Filme nicht nur mit dem Romantext zu vergleichen, sondern ihre Entwicklung genauer zu analysieren:             "Schloss Hubertus" (1934)        "Schloss Hubertus" (1954)


Die Wilderer Bruckner (Gerhard Riedmann) und Schipper (Klaus Löwitsch) 
Der Heimatfilm hatte sich in den 60er Jahren an den veränderten Publikumsgeschmack angepasst und überlebte nur noch in einer Mischung aus Schlagerfilm, Bauernkomödie und Sex-Klamotte (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969") - bis es Anfang der 70er Jahre zu einer kurzen Renaissance kam. Der während der Hochphase des Genres entstandene "Wo der Wildbach rauscht" (1956) lief überraschend erfolgreich noch einmal in den Kinos und bewies, dass die damaligen Rezepturen noch funktionierten. Auch Harald Reinl, von 1949 bis 1957 ("Almenrausch und Edelweiß") zu den meist beschäftigten Regisseuren des Heimatfilms gehörend - eine Phase, die dank seiner Karl May-, Dr.Mabuse- und Edgar Wallace-Filme ein wenig in Vergessenheit geraten war - hatte das Genre 1972 für sich wieder entdeckt. Seine Neufassung von "Grün ist die Heide" (1951) schwamm aber noch ganz auf der Schlagerfilm-Welle und hatte mit dem 51er Film von Hans Deppe kaum etwas gemeinsam.

Franz Hornegger (Robert Hoffmann) und Mali (Gerlinde Döberl) 
Ganz anders dagegen seine Herangehensweise ein Jahr später an "Schloss Hubertus" nach dem zuvor zweimal 1934 und 1954 verfilmten Ganghofer-Roman. Von 1918 bis 1970 hatten die Filmrechte an den Ganghofer-Werken allein bei Peter Ostermayr gelegen, der neben der Produktion meist auch die Drehbucharbeiten übernahm, zuletzt 1959 bei "Der Schäfer von Trutzberg". Sein Sohn Paul May hatte 1962 noch ein Remake von "Waldrausch" in die Kinos gebracht, aber seitdem hatte es keine weiteren Kinofilme auf Basis des Erfolgsautoren mehr gegeben - der längste Zeitraum seit 1918. Reinl, in den frühen 50er Jahren selbst bei zwei Ganghofer-Produktionen als Regisseur beteiligt („Der Klosterjäger“ (1953)), nahm die Angelegenheit sehr ernst und holte sich erfahrene und bewährte Heimatfilm-Veteranen ins Boot, um die erste Ganghofer-Fassung nach der Ostermayr-Ära auf die Leinwand zu bringen.

Tassilo (Karlheinz Böhm) und sein Bruder Robert (Folker Bohnet)
Wie Reinl gehörte Drehbuchautor Werner P.Zibaso zu den Aktivposten des Heimatfilms der 50er Jahre, hatte aber auch sein Händchen für die soziokulturellen Entwicklungen der 60er und frühen 70er Jahre bewiesen („Die Klosterschülerinnen“ (1972)). Sepp Rist und Gerhard Riedmann, die in ihren jüngeren Jahren als Helden-Darsteller im Heimatfilm bekannt wurden, traten in Nebenrollen auf, Karlheinz Böhm, seit "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) dem Genre konsequent fern geblieben, übernahm mit der Figur des Tassilo, Graf Egges ältestem Sohn, eine Hauptrolle. Eine signifikante Besetzung sowohl für Zibasos Interpretation des Romans, als auch Reinls Umsetzung, denn Tassilo hatte in den beiden bisherigen Verfilmungen, entgegen Ganghofers Intention, nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Ankunft von Robert und Willy auf Schloss Hubertus
Im Roman vertritt der junge Graf als Rechtsanwalt, der sich auch für die verachteten Wilderer einsetzt, eine liberale Position. Unabhängig vom Geld seines Vaters lebt er in München und will die Opern-Sängerin Anna Herwegh heiraten, eine vom Adel missbilligte Verbindung. Die Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vater ist nicht nur ein Generationskonflikt, sondern steht für die klassischen Gegensätze Stadt/Land sowie Moderne/Tradition. Dass Ganghofer der zwiespältigen, aber faszinierenden Figur des alten Grafen seinen sympathischen und selbstbewussten Sohn gegenüber stellte, verdeutlicht, dass es ihm nicht um einfache Antworten ging. Dagegen reduzierte Peter Ostermayr den Disput zwischen Vater und Sohn auf einfache Fakten, verortete Anna Herwegh als eine Freundin Kittys in der Nachbarschaft und nahm ihren gegensätzlichen Haltungen so die Tragweite. Besonders in der 54er Version kam die Figur des Tassilo kaum über einen Stichwortgeber für seinen souveränen Vater hinaus.

Mali mag Schipper nicht
Dass Karlheinz Böhm unter Harald Reinl erstmals wieder in einem Heimatfilm mitwirkte, zeugt von dem generell hohen Anspruch an die Neuverfilmung. Einzig die erste Szene, in der die ertappten Wilderer Schipper (Klaus Löwitsch) und Bruckner (Gerhard Riedmann) den Jagd-Aufseher Hornegger erschießen, wurde neu hinzugefügt. Der nicht aufgeklärte Mord an dem Vater von Franz Hornegger (Robert Hoffmann), der inzwischen dessen Position in Graf Egges Revier übernommen hat, geschah in der Vergangenheit, schwebt aber ständig über der Handlung. Der intrigante Schipper, Horneggers Kollege im Dienst des Grafen, hat Bruckner auf Grund dieser Schuld unter Kontrolle. Dass Bruckners Schwester Mali (Gerlinde Döberl), die in seinem Haushalt seine verstorbene Frau ersetzen muss, ausgerechnet in Franz Hornegger verliebt ist, passt weder Bruckner, noch Schipper, der selbst an Mali interessiert ist.

Graf Egge (Carl Lange)
Schon an dieser Ausgangssituation wird die Akribie sichtbar, mit der sich Werner P.Zibaso an Ganghofers Text hielt. Neben dem jüngsten Sohn Willy (Sascha Hehn), erstmals im Film von 1954 berücksichtigt, gehörte endlich auch der standesbewusst arrogante mittlere Bruder Robert (Folker Bonet) zum Ensemble, den einzig seine Spielschulden zum Vater treiben. Dass Tassilo (Karlheinz Böhm) mit seiner zukünftigen Frau, der Sängerin Anna Herwegh (Evelyn Opela), anreist, ist zwar ein kleiner Stilbruch – im Roman kommt er allein, Kitty (Ute Kittelberger) lernt Anna erst bei der Hochzeit in München kennen – widersprach aber nicht Ganghofers Intention. Zu verdanken ist das der authentischen Charakterisierung Graf Egges (Carl Lange), der gar nicht daran denkt, aus den Bergen zu seinem Schloss zurückzukehren, nur weil seine Söhne gekommen sind oder Tochter Kitty, sein „Geislein“, Sehnsucht nach ihm hat. Zibaso sparte nichts aus: Egges Adler-Käfig am Schloss, seine fanatische Vorliebe für die Jagd, seine Sturheit und seine Härte im Umgang mit seinen Mitmenschen, aber auch die Fähigkeit zur Selbstironie und emotionalen Nähe zu seiner Tochter sowie sein Verständnis für den kränklichen Sohn Willy – eine Paraderolle für Carl Lange.

Maler Forbeck (Richard Rüdiger) mit Kitty (Ute Kittelberger) und Franz Hornegger
Die bis in kleine Details des zweibändigen Romans reichende Umsetzung bei einer nur wenige Minuten längeren Laufzeit gegenüber den Vorgängern, brachte auch Nachteile mit sich. Ostermayr hatte sich nicht ohne Grund auf die zwei wesentlichen Handlungslinien um Graf Egge und Kitty beschränkt, Zibasos Einbeziehung auch der Nebenhandlungen erforderte an anderer Stelle Kürzungen. Schon an der Besetzung der Kitty mit dem damals 15jährigen Bravo-Girl Ute Kittelberger in ihrer ersten Rolle, wird die geringere Gewichtung auf ihre Liebesgeschichte mit dem Maler Hans Forbeck (Richard Rüdiger) erkennbar, die im Schnellverfahren abgehandelt wurde. Nach der in jeder Verfilmung gezeigten humorvollen Szene, in der Forbeck im Unwissen darüber, wen er vor sich hat, Graf Egge in den Bergen zeichnet, um ihn danach fürs Modellstehen zu bezahlen, verläuft die erste Begegnung mit Kitty schnell.

Graf Egge lässt sich zeichnen
Ihre ausführlichen gemeinsamen Szenen in der Waldhütte, die in den beiden ersten Verfilmungen von zentraler Bedeutung waren (so aber nicht im Roman vorkommen), existieren hier ebenso wenig, wie die spätere Italienreise Kittys mit ihrer Anstandsdame Tante Gundi (Rose Renée Roth), auf der sie Forbeck wieder begegnet - ein auch im Roman mehrere Kapitel einnehmender Handlungsbestandteil. Obwohl sie die Story wieder ins späte 19.Jahrhundert versetzten, nachdem Ostermayr die 54er Version mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland spielen ließ, wollten Zibaso und Reinl offensichtlich das rückständige Frauenbild des Romans vermeiden, das in den beiden ersten Verfilmungen ungefiltert übernommen worden war. Die Charakterisierung der „Geislein“ genannten Kitty als „süßes Ding“ hatte dem jeweiligen Zeitgeist entsprochen und förderte die Karrieren der Kitty-Darstellerinnen Hansi Knoteck und Marianne Koch – Ute Kittelberger kam dagegen über vier Nebenrollen nicht hinaus.

Der jüngste Sohn Willy (Sascha Hehn)
Das hatte auch zur Folge, dass Zibaso die Story um Liesl (Eva Garden), die Geliebte von Egge-Sohn Willy, abschwächte. An der Doppelmoral, die dazu führt, dass Liesl noch in derselben Nacht, nachdem Willy beim „Fensterln“ tödlich abstürzte, mit einem grobschlächtigen Handwerksburschen verlobt wird, ließ er keinen Zweifel. Noch am Tag zuvor war der junge Mann von ihrer ehrgeizigen Mutter, die ihre Tochter schon als Gräfin sah, vom Hof gejagt worden. Doch als er sich bei der Hochzeit als schlagkräftiger Bursche herausstellt, verliebt sie sich in ihn. Eine geschönte Sichtweise, denn bei Ganghofer verprügelt er seine frisch angetraute, ihm zu widerspenstige Ehefrau, die ihn deshalb aus seiner Sicht „jetzt schon etwas mehr mag“. Eine vom Autor keineswegs positiv geschilderte Situation, die der Realität näher kam. Und eine für den Gesamteindruck des Films beispielhafte Szene, denn Reinl ließ zwar kaum einen Konflikt aus, wagte aber selten die letzte Konsequenz.

Liesl (Eva Garden) kommt nach Willys Tod schnell unter die Haube
Im Film nimmt sich Robert als Offizier das Leben, nachdem sein Vater nicht mehr bereit war, seine immer höheren Spielschulden zu begleichen. So tragisch das klingt, ist es doch das vereinfachende Klischee eines ehrenvollen Todes. Im Roman übernimmt Tassilo die Schulden, wofür er fast sein gesamtes Vermögen aufbringen muss – unter der Voraussetzung, dass sein Bruder in seiner Einheit ab sofort unter totale Kontrolle gestellt wird. Eine für den selbstverliebten Robert viel größere Strafe, da sie ihm seine Ehre nimmt. Auch Graf Egges Tod fehlt am Ende eine wichtige Komponente, obwohl Reinl auf das konstruierte Happy-End seiner beiden Vorgänger verzichtete. Erblindet vom Adlermist, nachdem er über eine 60 Meter lange Leiter versuchte Jungadler aus deren Nest zu rauben, nimmt Egge wütende Rache an den noch im Käfig verbliebenen Adlern. Erst diese sinnlose Tat führt zu seinem Tod und sorgte im Roman dafür, dass sein zwiespältiger Charakter bis zum Ende gewahrt blieb – trotz der Versöhnung mit seinen Kindern vom Sterbebett aus.

Versöhnung am Sterbebett
Gemessen an den beiden ersten „Schloss Hubertus“-Filmen, sogar an Literaturverfilmungen generell, wirken diese Kritikpunkte kleinlich. Auch wenn die Haarschnitte der männlichen Protagonisten sehr am 70er Jahre Schönheitsideal orientiert waren, ist Reinls Film die Ernsthaftigkeit, Ganghofers Mischung aus dramatischer Unterhaltung und realistischem Hintergrund adäquat umsetzen zu wollen, jederzeit anzumerken. Trotzdem ist eine Kritik, wie sie die „Cinema“ formulierte: 

„Winnetou- und Wallace-Regisseur Harald Reinl inszenierte seine Version als bieder-bunten Alpengruß. Fazit: Trotz hoher Berge ganz schön flach.“ 

nicht ganz von der Hand zu weisen, so sehr die Aussage von der üblichen Ignoranz gegenüber Reinls intensiver Heimatfilm-Vergangenheit zeugt. Werner P. Zibaso und Reinl wollten zu viel. Die Fülle an Protagonisten, Nebengeschichten und kleinen Anspielungen verhinderte eine Tiefe in den Charakterisierungen, auch wenn besonders Klaus Löwitsch, Gerhard Riedmann und Carl Lange ihren Figuren Profil gaben.

Der Eindruck eines Heimatfilm-Potpourris drängt sich auf, basiert aber vor allem auf Unkenntnis der Romanvorlage. Ähnlich heutiger populärer Literaturverfilmungen von „Harry Potter“ bis „Herr der Ringe“ entsteht erst durch die Kombination aus Buch und Film das Verständnis für die inneren Zusammenhänge, bekommen auch nebensächlich wirkende Sätze Gehalt. Anders als seine Vorgänger konnte Reinl nicht mehr davon ausgehen, dass die Zuschauer Ganghofers Roman kannten. Seine engagierte Verfilmung wirkte deshalb 1973 ein wenig aus der Zeit gefallen – einerseits modern im Bemühen, gesellschaftskritische Aspekte nicht zu unterschlagen, andererseits altmodisch in der Anlage. Dem Film eine gewisse Oberflächlichkeit anzulasten ist korrekt, man kann es aber auch als Chance begreifen, Ganghofers Roman zu lesen – dann entfaltet sich erst die Qualität des Films.

"Schloss Hubertus" Deutschland, Österreich 1973, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Werner P.Zibaso, Ludwig Ganghofer (Roman), Darsteller : Carl Lange, Karlheinz Böhm, Robert Hoffmann, Klaus Löwitsch, Gerhard Riedmann, Sepp Rist, Rose Renée Roth, Evelyn Opela, Ute Kittelberger, Richard Rüdiger, Sascha Hehn, Folker Bohnet, Gerlinde DöberlLaufzeit : 92 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Reinl:
"Die Bande des Schreckens" (1960)

Thematisch weiterführender Link:

- "Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)

Freitag, 5. Juni 2015

Mädchen mit Gewalt (1970) Roger Fritz

Inhalt: Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch) sind Arbeitskollegen, aber ihr gemeinsames Interesse gilt nur den Frauen, denen sie nach Feierabend hinterher jagen. Mit Werners schnittigem Auto fahren sie durch München, sprechen Mädchen auf der Straße an oder besuchen alte Bekannte, um ihre Chancen erneut zu testen. Dabei reagieren sie genauso schnell auf Zuwendung wie Ablehnung – die nächste Gelegenheit wartet schon.

Nachdem sie zwei junge Frauen einfach auf der Straße zurückließen, da diese ihnen schon nach kurzer Zeit auf die Nerven gingen, landen sie auf einer Go-Kart-Bahn, wo sie auf eine Gruppe von Studenten treffen. Es kommt zu offenen Feindseligkeiten mit den jungen Männern, von denen sich besonders Werner provoziert fühlt, aber Alice (Helga Anders) versucht zwischen ihnen zu vermitteln und beruhigt die Situation wieder. Die junge Frau ist ganz nach dem Geschmack der beiden Freunde, die ihre Chance wittern, als alle noch zum nächtlichen Baden aufbrechen wollen. Sie nehmen Alice in ihrem Auto mit, haben aber ein ganz eigenes Ziel…


"Mädchen mit Gewalt" , liegt seit dem 20.05.2015 nicht nur erstmals auf DVD / Blue-Ray vor, sondern wurde von Subkultur Entertainment in ihrer "Edition Deutsche Vita" nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Damit wurde nicht nur eine filmhistorische Lücke geschlossen - Roger Fritz' Filme spiegeln sehr genau die soziologischen Veränderungen in der BRD der 60er und 70er Jahre wider - sondern auch meine ganz persönliche Lücke. Aufmerksam wurde ich auf seinen Film Mitte der 70er Jahre auf dem Cover des "Soundtrack" -Albums der Rockgruppe CAN, ohne jemals näher hinter das Versprechen des Filmtitels zu gelangen. Bis zu dieser Veröffentlichung, die hinsichtlich Bildqualität und Ausstattung ein Optimum bietet. Interessant sind der Audio-Kommentar von Roger Fritz und Arthur Brauss, sowie das Interview mit Rolf Zacher nicht nur hinsichtlich ihres Informationswerts, sondern in ihrer selbstverständlichen Haltung, die weit von unserem heutigen Analyse-Denken entfernt ist. Sie waren damals dabei, haben unmittelbar auf ihre Umgebung reagiert und ihr Ding gemacht - genau das sieht man diesem Film in jedem Moment an. (Die grünen Links führen zur OFDb-Bestellseite). 


Schon der Titel klingt verabscheuungswürdig: "Mädchen mit Gewalt" - Gibt es etwas Feigeres und Niederträchtigeres, als gegenüber Frauen Gewalt anzuwenden? - Nicht überraschend, dass Roger Fritz‘ dritter Langfilm nach "Mädchen, Mädchen" (1967) und "Häschen in der Grube" (1969) in die Ecke "Zynischer Reißer" (Katholischer Filmdienst) gestellt wurde, obwohl Klaus Löwitsch für seine Rolle als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet wurde. Doch ähnlich der parallel erschienenen Filme "Deadlock" (Regie Roland Klick) und "Rote Sonne" (Regie Rudolf Thome) blieb Roger Fritz die Anerkennung im Rahmen des "Neuen deutschen Films" versagt und geriet sein Film schnell in Vergessenheit als ein gesellschaftskritische Aspekte effektheischend formulierendes Genre-Werk. Ein Urteil, dass sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten eines Regisseurs zieht, der - ausgehend von Georg Tresslers Film "Die Halbstarken" (1956), über den der 20jährige Roger Fritz eine Bildreportage fertigte, bis zu seiner letzten Regie-Arbeit "Frankfurt Kaiserstraße" (1981) - die soziokulturelle Entwicklung der BRD nach dem Krieg begleitete und wie unter einem Brennglas fokussierte.

Das galt auch für seine Mitstreiter. Mit Klaus Löwitsch, der schon in "Der Pauker" (1958) einen gewalttätigen, kriminellen Jugendlichen als warnendes Beispiel mimte, hatte Fritz 1960 in "...und noch frech dazu" gemeinsam vor der Kamera gestanden, dazu unter Frank Wisbar in dessen NS-kritischen "Fabrik der Offiziere" (1960) einen Wehrmachtssoldaten gespielt, um nach einer Rolle in Marran Gosovs Kurzfilm "Iris auf der Bank" (1965) erstmals in "Mädchen, Mädchen" (1967) Regie, Drehbuch und Produktion zu vereinen. Der Karrierebeginn seiner damaligen Frau Helga Anders, die Fritz in seinen frühen Filmen immer in der weiblichen Hauptrolle besetzte, findet sich ebenfalls im moralisch ambitionierten Film der späten 50er/frühen 60er Jahre wieder. An der Seite Heinz Rühmanns in „Max, der Taschendieb“ (1962) trat sie noch als kecke Tochter auf, bevor sie selbst ins Fahrwasser immer freizügigerer Filme geriet („Das Rasthaus der grausamen Puppen“, 1967).

Auch dem dritten Hauptdarsteller, Arthur Brauss, und Co-Autor Jürgen Knop war dieses Sujet vertraut, dessen beim Feuilleton anrüchiger Ruf übersehen ließ, wie genau sich darin die entstehenden Konflikte durch eine sich verändernde Sozialisation widerspiegelten. Mit „Treibgut der Großstadt“ (1967), „Heißer Sand auf Sylt“ (1968) und „Straßenbekanntschaften auf St. Pauli“(1968) hatte Knop sein Gefühl für den 60er Jahre-Zeitgeist ebenso bewiesen, wie Brauss – hier schon gemeinsam mit Klaus Löwitsch - in „Heisses Pflaster Köln“ (1967, Regie Ernst Hofbauer) und Radley Metzgers „Carmen Baby“ (1967). Kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten zu „Mädchen mit Gewalt“, spielte Roger Fritz noch eine tragende Rolle in der deutsch-italienischen Co-Produktion „Femmine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969) unter der Regie von Alberto De Martino, der darin Emanzipation, sexuelle Revolution und wachsenden Hedonismus zu einer Thriller-Handlung verband. Fritz‘ Rolle eines italienischen Familienvaters, der jede moralische Instanz verliert und Sex nur noch zur Machtausübung und Erniedrigung nutzt, kam einem frühen Abgesang auf die Ende der 60er Jahre noch propagierten Ideale gleich.

In ihrem sezierenden, schonungslosen und letztlich fatalistischen Blick auf die Geschlechterrollen ähneln sich beide Filme, aber Roger Fritz ging in „Mädchen mit Gewalt“ noch darüber hinaus und entwarf eine kammerspielartige Situation, die zwei Drittel des Films prägt, unterstützt von der sparsam eingesetzten „Can“-Musik und einer Kiesgruben-Location, die jeden unnötigen Ballast von der Story fernhalten. Nur die ersten 30 Minuten geben Zeugnis von der Lebenswelt der zwei männlichen Protagonisten Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch), ihrer Arbeit und ihrem Freizeitverhalten, das allein von der gemeinsamen Jagd auf Frauen bestimmt wird. Als eingespieltes Team nehmen sie jede Gelegenheit war, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen, wenn sich nicht der erwartete Erfolg einstellt. Nachdem sie auf einer Go-Kart-Rennbahn Alice (Helga Anders) kennenlernten, die eine vielversprechende Erotik ausstrahlt, gelingt es ihnen, sie von ihrer Gruppe zu separieren und nachts allein mit ihr in einer Kiesgrube zu landen. Zuerst entwickelt sich die Situation wie gewünscht, doch als der jungen Frau bewusst wird, dass die Anderen nicht mehr nachkommen, fordert sie die beiden Männer auf, sie wieder zurückzubringen.

Von besonderer Bedeutung dieser ersten Minuten ist der Konflikt zwischen den beiden knapp über 30jährigen Arbeitskollegen und der Studentengruppe, zu der Alice gehört. Rolf Zacher, der in den Jahren zuvor mehrfach als junger Freigeist in den Filmen von George Moorse auftrat („Der Griller“, 1968), steht für das damalige Selbstverständnis der jungen Männer in ihrem liberalen Umgang mit jungen Frauen – ein Umgang, der 10 Jahre zuvor noch ausgeschlossen und auch 1970 nur in einer Großstadt wie München vorstellbar war. Der Betrachter erfährt nichts von der Vergangenheit von Werner und Mike, aber dass sie mit Anfang 20 noch nicht diese Möglichkeiten hatten, steht außer Zweifel. Das verleiht ihrer permanenten Baggerei etwas getriebenes, wie der Versuch, die eigene Jugend nachzuholen. Zacher und seine Kumpels spüren das sofort und provozieren die „Älteren“ – Alice kann den handgreiflich werdenden Konflikt zwar schlichten, empfiehlt sich damit aber unbewusst noch mehr als Objekt der Begierde.

Der von Roger Fritz nicht autorisierte Alternativ-Filmtitel „Mädchen…nur mit Gewalt“ (gemäß seiner Aussage im Audio-Kommentar) erweist sich schon zu diesem Zeitpunkt als Unsinn. Weder Werner, noch Mike wollen Gewalt anwenden. Im Gegenteil überspielt ihr forsches Vorgehen nur ihre Sehnsucht nach Liebe, die sie sich in ihrer jeweiligen Männer-Rolle nicht zugestehen, die in der später eskalierenden Situation aber von wesentlicher Bedeutung wird. Die Antipoden Werner und Mike stehen geradezu prototypisch für den männlichen Charakter – eine legitime, auch in Theaterdramen übliche Zuspitzung, der nichts „reißerisches“ anhaftet. Werner ist der Macher, Mike gibt sich intelligent und gebildet. Normalerweise eine schwer vorstellbare Verbindung, aber Männer verstanden es schon immer, bei gleichem Interesse Unterschiede zu akzeptieren oder mehr noch, diese für sich zu nutzen. Für die Jagd auf Frauen erweisen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten als vorteilhaft, vorausgesetzt sie kommen gleichberechtigt zum Zug. Doch Alice weckt in beiden Männern eigene Bedürfnisse, weshalb die sonst unterdrückten Empfindungen explosionsartig herausbrechen und zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen.

Die umstrittenste Figur in diesem Dreieck ist die Frauenrolle. Helga Anders, schon optisch dafür prädestiniert, verkörperte eine sexuell freizügig auftretende junge Frau, die nicht nur sofort nackt baden geht, sobald die Drei in der Kiesgrube angekommen waren, sondern selbst nach der Vergewaltigung nie ihr Dekolleté zuhält. Die oberen zwei Knöpfe ihres Kleides waren abgerissen und Roger Fritz, der sich sonst mit Nacktaufnahmen sehr zurückhielt, lässt die Kamera permanent auf ihren nur knapp verhüllten Busen halten und bediente damit nicht nur den Voyeurismus des Betrachters, sondern auch das von Werner formulierte Vorurteil, dass Alice doch selbst schuld an ihrer Situation wäre. Auch das Verhalten der jungen Frau, dass zwischen verzweifelter Wut und Mitgefühl changiert, fördert diesen Eindruck noch.

Diese Form der Inszenierung, die entscheidend zum „reißerischen“ Eindruck beitrug, lässt wiederholt deutlich werden, welche Risiken Filmemacher eingehen, wenn sie vom Betrachter Selbstreflexion einfordern. Zur Entstehungszeit des Films provozierte Alice' Verhalten zwar deutlich mehr, aber an Mikes Ausführungen über die Folgen einer Anzeige wegen Vergewaltigung hat sich bis heute ebenso wenig geändert, wie an dem allgemeinen Urteil über promiskuitiv auftretende Frauen. Auch Mike und Werner – sieht man von der Verheißung einer damals noch frischen sexuellen Liberalisierung einmal ab – stehen stellvertretend für bis heute übliche männliche Charakterzüge. Zwar storytechnisch fokussiert und einer extremen Situation ausgesetzt, aber in ihrer Demaskierung generell gültig. „Mädchen mit Gewalt“ als zeitlos zu bezeichnen, ist deshalb noch zu schwach, auch Attribute wie „zynisch“ oder „böse“ - heute anerkennend gemeint - lassen nach wie vor den Abstand des Betrachters zum Geschehen erkennen. Doch dieser existiert hier nicht und das macht die Größe dieses Films aus.

"Mädchen mit Gewalt" Deutschland 1970, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Roger Fritz, Jürgen Knop, Winfried SchnitzlerDarsteller : Helga Anders, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Rolf Zacher, Astrid Bohner, Monika ZinnenbergLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Roger Fritz:

Montag, 13. Mai 2013

Der Pauker (1958) Axel von Ambesser


Inhalt: Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist voll des Lobes für den Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann), dessen Klasse wie gewohnt den besten Eindruck hinterlässt. Doch diesmal belässt er es nicht bei der Anerkennung für den zwar respektierten, aber wenig beliebten Lehrer, sondern fordert ihn heraus. Eine Oberprima in der Großstadt bereite ihm Sorgen, die sich als schwer erziehbar erwiesen hätte. Da der bisherige Klassenlehrer entnervt aufgegeben hätte, sucht er eine neue Lehrkraft, aber das wäre eine ganz andere Herausforderung für einen Pädagogen, als in einem Provinzstädtchen zu lehren. Als Wagner ihn fragt, ob er sich diese Aufgabe zutraut, kann Dr. Seidel gar nicht anders, als sie anzunehmen.

In der neuen Schule angekommen, wird er mit einer allgemeinen Ablehnung konfrontiert. Weder zollen ihm seine neuen Schüler Respekt, noch reagieren sie auf seinen Unterricht. Stattdessen wird er versehentlich mit einem Faustschlag zu Boden geschickt, als er auf dem Schulhof in eine Rangelei gerät. Seidel versucht es deshalb mit Härte, als er Achim Bork (Peter Kraus) mit anzüglichen Fotos einer jungen Frau erwischt. Er konfisziert sie und bestellt seine Erziehungsberechtigten zu sich. Da seine Eltern beide tot sind, lebt Achim bei seiner älteren Schwester Vera Bork (Wera Frydtberg), die auf den Aufnahmen zu sehen ist, die sie für ihre Arbeit machen ließ. Achim hatte sie beim Fotografen abgeholt, weshalb sie sehr abweisend auf die autoritären Methoden des Lehrers reagiert und seine altmodische Haltung kritisiert. Ihr Bruder kann ihr da nur beipflichten, denn ihn interessieren nur sein Moped und die Gang, mit der er um die Häuser zieht. Ihr Anführer ist Harry Engelmann (Klaus Löwitsch), der vom Gymnasium gewiesen wurde, wodurch sein Einfluss aber nicht geringer wurde, wie Dr. Seidel bald feststellen muss…


In dem kleinen Provinzstädtchen ist die Welt Ende der 50er Jahre noch in Ordnung. Wenn Herr Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann) morgens zum Gymnasium schreitet, hängt die Kioskbetreiberin schnell den "Spiegel" vor die Blätter mit den unzüchtigen Fotografien, der Verkehrspolizist grüßt freundlich und die Schüler stehen stramm, sobald er das Klassenzimmer betritt. Selbstverständlich rattern sie perfekt die Jahreszahlen aus der Zeit Napoleons herunter, die ihnen ihr Geschichtslehrer zuvor eingebläut hatte. Der anwesende Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist zwar voll des Lobes für den Vorzeigelehrer, aber es gelingt ihm, Seidel zu provozieren, indem er dessen Leistung relativiert. Eine Oberklasse an einem großstädtischen Gymnasium wäre eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe für einen Lehrer, besonders da sie als schwer erziehbar gilt und gerade einen Klassenlehrer verschlissen hätte. Das lässt sich Dr. Hermann Seidel nicht zweimal sagen und zeigt sich bereit, auch dort seine pädagogischen Fähigkeiten zu beweisen.

Sobald das Stichwort „Oberklasse“ fällt, ist die Erinnerung an die „Feuerzangenbowle“ (1944) nicht fern, in der Heinz Rühmann noch als Schüler aktiv war. Regisseur Axel von Ambesser und Drehbuchautor Curth Flatow nutzten diese Popularität, um Rühmann erneut auf die Schule zu schicken - diesmal als Lehrkraft, die es mit einer problematischen Klasse zu tun bekommt. Doch anders als die „Feuerzangenbowle“, die aus ihrem fantasievollen Charakter kein Geheimnis machte, verankerte Komödienspezialist Flatow seine Story um einen konservativen Lehrer in der damaligen Gegenwart der BRD. Mit Heinz Rühmann wurde ein Sympathieträger auf die rebellierende Jugend losgelassen, die ihre schulischen Pflichten vernachlässigte, um lieber auf Mopeds die Gegend unsicher zu machen - für die damalige Gesellschaft der direkte Weg zur Bandenkriminalität. Ähnlich wie „Die Halbstarken“ (1956) verstand sich auch „Der Pauker“ als Warnung vor den Versuchungen eines an us-amerikanischen Vorbildern orientierten Lebensgefühls, versuchte aber seine Botschaft weniger offensichtlich zu formulieren.

Dafür war Heinz Rühmann die Idealbesetzung, denn selbst autoritäre Rollen wusste er immer mit einem Augenzwinkern zu versehen, die seinen humanen Charakter verrieten. In einer der ersten Szenen korrigiert er einen leicht begriffstutzigen Jungen humorvoll und ohne ihn herab zu würdigen. Entsprechend unglaubwürdig wirken die Charaktereigenschaften, die ihm zu Beginn angedichtet werden – zwar respektiert, aber beim Kollegium wenig beliebt, fristet der etwa 50jährige Dr. Seidel ein einsames Dasein in der Kleinstadt, hat aber unmittelbar nach seiner Ankunft in der Großstadt kein Problem damit, Freunde wie den Catcher Freddie Blei (Gert Fröbe) für sich zu gewinnen, dem er mit viel Verständnis die Grundregeln der deutschen Grammatik beibringt - als Gegenleistung für ein paar Ringertricks, die in der gefährlichen Großstadt unumgänglich zu sein scheinen. Dahinter verbirgt sich der Versuch, seine Entwicklung vom streng autoritären Lehrer zum einfühlsamen Pädagogen zu vermitteln, der auch Verständnis für die „heutige Jugend“ aufbringt. Mehrfach wird er später betonen, dass er viel „von seinen Jungs“ gelernt hätte, womit die Illusion einer Annäherung entstehen soll, obwohl Rühmann sich in seiner Rolle wie immer treu blieb und die Oberprimaner am Ende genau das tun, was von ihnen verlangt wird – stramm stehen und Jahreszahlen herunter beten. 

Wirkliches Verständnis für die jungen Heranwachsenden versucht „Der Pauker“ gar nicht erst zu entwickeln, sondern präsentiert mit Harry Engelmann (Klaus Löwitsch) den geeigneten Sündenbock für die grundanständigen, aber fehl geleiteten Oberprimaner – äußerlich in Marlon-Brando-Lederkluft gekleidet und um keinen Spruch verlegen, erweist er sich nicht nur als Krimineller, sondern nutzt auch das Vertrauen der anderen Jungs für seine Zwecke aus. Praktischerweise wurde er schon vor Dr. Seidels Ankunft von dem Gymnasium verwiesen, so dass dessen pädagogischen Fähigkeiten bei dem „hoffnungslosen Fall“ nicht mehr wirken müssen. Diese einseitige Schuldzuweisung wird noch durch die Besetzung von Peter Kraus als Oberprimaner Achim Bork unterstützt, der nur dank Dr.Seidels Eingreifen davor bewahrt wird, auf die schiefe Bahn zu geraten, wonach er als erster Geläuterter dessen Partei ergreift. Harry Engelmann hatte ihn nicht nur in die Schulden getrieben, sondern auch einen nicht ganz legalen Tipp parat, wie er diese abzahlen könnte.

Die gesamte Jugend-Szenerie und der Wunsch, aus einem reglementierten Alltag auszubrechen, werden hier verunglimpft. Unabhängiges Gedankengut und gute schulische Leistungen galten Ende der 50er Jahre noch als nicht vereinbar, was angesichts eines Unterrichtsstoffs, der nur daraus bestand, Wissen auswendig zu lernen, nicht überrascht. Aus heutiger Sicht, ohne die damalige Brisanz, wirken die Szenen wie ein folkloristischer Blick auf die 50er Jahre mit Rock’n Roll, Motorrädern, Prügeleien und flotten Sprüchen. Doch obwohl sich Regisseur von Ambesser am Zeitgeist orientierte und reale Ängste seines Publikums bediente - der Erfolg an der Kinokasse gab ihm recht - nahm er die Konstruktion seiner Story weniger genau. Die Zuspitzung eines Konflikts zwischen einem vorbildhaften, etwas altmodischen Lehrer und einer aufmüpfigen Gymnasialklasse hätte nie so stattfinden können. Wie schon die „Feuerzangenbowle“ anschaulich vermittelte, sind viele Lehrer nötig, um eine Oberprima auf das Abitur vorzubereiten, aber das hätte die einfache Botschaft des Films nur unnötig verkompliziert.

Axel von Ambessers Film ist unterhaltsam und flott inszeniert, aber nur Gert Fröbe als witziger Side-Kick und Heinz Rühmanns Mut, auch tragische Momente zuzulassen, retten den Film vor der Beliebigkeit typischer Komödien dieser Phase, dessen rückwärts gewandter Umgang mit der Jugend inzwischen komisch wirkt, damals aber ernst gemeint war. Die Komplexität, die „Der Pauker“ wagt, als Dr. Seidel sein Liebesleid mit Vera Bork (Wera Frydtberg) gegenüber der heimlich in ihn verliebten Musiklehrerin Fräulein Selinski (Bruni Löbel) beklagt, hätte dem Film auch gegenüber Harry Engelmann und seinen Freunden sehr gut getan.

"Der Pauker" Deutschland 1958, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Curth Flatow, Eckart Hachfeld, Darsteller : Heinz Rühmann, Wera Frydtberg, Gert Fröbe, Peter Kraus, Bruni Löbel, Ernst F. Fürbringer, Peter Vogel, Laufzeit : 89 Minuten

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