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Mittwoch, 18. Januar 2017

Drei Mann in einem Boot (1961) Helmut Weiss


Georg (Heinz Erhardt), Harry (Hans-Joachim Kulenkamff) und Jo (Walter Giller)...
Inhalt: Die Werbefachleute Jerome (Walter Giller), genannt „Jo“, und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen ein paar ruhige Tage am Bodensee verbringen. In der Sonne liegen und über einen neuen Slogan für einen Kunden nachdenken – die ideale Kombination aus Urlaub und Arbeit. Doch ganz will die Konzentration auf das Wesentliche nicht funktionieren. Jo hat Grit (Ina Duscha) kennengelernt und ist frisch verliebt und Harry muss feststellen, dass ihm Julischka (Ida Boros) hinterher gefahren ist, mit der er zuvor Schluss gemacht hatte. Eine für sie nicht akzeptable Entscheidung, weshalb sie ständige Aufmerksamkeit einfordert. 

...fahren in einem kleinen Motorboot vom Bodensee aus den Rhein entlang
In seiner Not erwirbt der gelernte Kapitän spontan ein kleines Motorboot, um sich auf dem Bodensee zurückziehen zu können. Während Jo eher unwillig mit an Bord kommt, ergreift der Kunsthändler Georg Nolte (Heinz Erhardt) die Gelegenheit, nachdem er zufällig ein Gespräch der beiden Männer über Harrys Plan belauscht hatte. Seine Frau Carlotta (Loni Heuser) lässt ihm keinen Moment der Ruhe, um ein wenig am Bodensee zu angeln. Für sie zählen nur gesellschaftliche Anlässe und Geschäftstermine, weshalb er ohne sie zu informieren spontan mit Jo und Harry in See sticht. Doch so einfach gibt es kein Entrinnen. Carlotta und die zurückgestoßene Julischka machen sich auf die Verfolgung...


Im Gegensatz zu Helmut Weiss' kurz zuvor herausgekommenem Film "Vertauschtes Leben" (1961) und dem 1962 folgenden "Auf Wiedersehen am blauen Meer" hat sich "Drei Mann in einem Boot" seine Popularität bis heute bewahrt. Das ist einerseits den drei Hauptdarstellern zu verdanken, andererseits fehlt dem Film der gehobene Zeigefinger der beiden anderen Helmut Weiss-Werke, die in dieser Phase der soziokulturellen Veränderungen in der BRD mit ihrer Warnung vor dem moralischen Verfall nicht allein standen. Ein Großteil dieser Filme, die gleichzeitig den Voyeurismus ihrer Betrachter bedienten, sind heute vergessen. Auch in "Drei Mann in einem Boot" lassen sich diese Tendenzen wiederfinden, aber der Film nahm sich schlicht weniger ernst.










Ursprünglich wollten Jo und Harry Arbeit und Freizeit kombinieren...
"Drei Mann in einem Boot...ganz zu schweigen vom Hund" beruft sich auf den gleichnamigen, zu seiner Zeit sehr populären Roman von Jerome K.Jerome, den der britische Schriftsteller 1889 herausbrachte. Aus der Ich-Perspektive beschrieb er den zweiwöchigen Ausflug dreier Freunde mit einem Ruder-Boot auf der Themse, der aber nur die Rahmenhandlung für eine Vielzahl komischer Geschichten und Anekdoten abgab. Auch in der Verfilmung von 1961 ist Jerome (Walter Giller) mit an Bord eines kleinen Motorschiffs, mit dem drei Männer erst auf dem Bodensee und dann auf dem Rhein herumschippern. Doch darüber hinaus hat der Film mit der Buchvorlage kaum etwas gemeinsam. Jerome lässt sich "Jo" nennen (wahrscheinlich war der Name damals im deutschen Film zu ungewöhnlich) und der Anlass für die Bootsreise war kein Ausflug unter männlichen Freunden, sondern die Flucht vor den Frauen.

...und Georg wollte in Ruhe angeln. Sie hatten aber die Rechnung ohne...
Obwohl die Männer im Filmtitel dominieren, beherrschen die Frauen die Szenerie als fordernde, kritisierende und kontrollierende Persönlichkeiten. Ganz konkret in Person von Carlotta Nolte (Loni Heuser), der Frau des Kunsthändlers Georg Nolte (Heinz Erhardt), und der ehemaligen Geliebten des Werbefachmanns Harry Berg (Hans-Joachim Kulenkampff), Julischka (Ida Boros), genannt „Fee“ von Wendorf, eine üppig gebaute ungarische Blondine mit entsprechend klischeehaftem Temperament. Besagte „Fee“ legt nicht nur Wert auf Luxus, sie räkelt sich auch im rosa Negligee in Erwartung ihres geliebten Harry auf dem Hotelzimmer. Womit sie als ernsthafte Partnerin schon disqualifiziert ist, zumal sie jede Zuwiderhandlung gegen ihren Willen ignoriert - auch das Harry ihre Beziehung beendet hatte. Angesichts ihres exaltierten und nervigen Auftretens, wäre es interessant gewesen, warum er überhaupt mit ihr zusammen war, aber solche komplexen Hintergedanken sparte der Film aus. Entscheidend war, dass Harrys Fluchtinstinkte auf eine breite Zustimmung trafen.

...Carlotta (Loni Heuser) und Julischka (Ida Boros) gemacht
Das galt auch für Georg Noltes Motivation. Seine Gattin Carlotta verkörpert den weiblichen Gegenentwurf zur emotionalen Julischka – die allein Vernunftgründe gelten lassende Unternehmergattin, die nur den nächsten Geschäftstermin im Blick hat. Anstatt irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen im gehobenen Ambiente beizuwohnen, will Georg am Bodensee in Ruhe angeln gehen. Flieht der eine Mann vor permanenter Aufdringlichkeit, sehnt sich der Andere nach den einfachen Genüssen des Lebens. Beide suchen nur ihre Ruhe auf dem kleinen Motorboot und haben die Sympathien auf ihrer Seite. Jo, der Dritte im Bunde, schließt sich ihnen aus Solidarität an, denn er hat den weiblichen Idealtyp abbekommen – die junge und schöne Grit (Ina Duscha). Dass es sich um die Tochter seines Mitstreiters Georg handelt, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, nur dass sie aus wohlhabender Familie kommt und angemessen selbstbewusst auftritt. Ihr Flirt wird schnell konkret, denn viel Zeit bleibt der Handlung nicht, bevor die Männer in See stechen, aber das aus ihrer Liebelei etwas Ernsthaftes werden wird, ist schon klar – nur der vermeintlich gestrenge Papa muss noch überzeugt werden.

Steuerfrau Beetje Ackerboom (Susanne Cramer)...
Im weiteren Verlauf der Handlung kommt noch eine vierte weibliche Protagonistin hinzu, die einerseits die nicht mehr genehme Julischka bei Harry ersetzen sollte, die dank der Schweizer Polizei – sie hatte keinen gültigen Pass – aus dem Verkehr gezogen wird, andererseits für die Rückbesinnung auf die weiblichen Werte stand. Zuerst gibt Beetje Ackerboom (Susanne Kramer) die toughe Steuerfrau eines Lastschiffs, die die Männer anzupacken weiß, aber als sie ausrutscht und von den drei Helden aus dem Rhein gefischt wird, entdeckt sie ihre weiche Seite. Der gelernte Seemann Harry hat es ihr gleich angetan und bei ihrer nächsten Verabredung trägt sie statt Arbeitsklamotten ein langes Kleid. Auch die Männer blieben nicht von Klischees verschont, aber mit den spaßigen Anspielungen auf ihre Unfähigkeit zu kochen und Ordnung zu halten, die regelmäßig in Slapstick-Einlagen mündeten, konnten sie gut leben. Am Ende - nach der allgemeinen Versöhnung - übernahmen wieder die Frauen ihr angestammtes Ressort und sorgten für Ordnung.

...legt eine rasante Wandlung hin
Angesichts der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den beliebten Stars Erhardt, Kulenkampff und Giller konnte diese Sympathie-Gewichtung kaum überraschen, zudem „Drei Mann in einem Boot“ den Geschlechter-Kampf von der lässigen Seite nahm und sogar Julischka noch ein versöhnliches Ende gönnte. Trotz der Leichtigkeit eines Rhein-Ausflugs mit Landschaftsaufnahmen, die nochmals tief in die Heimatfilm-Kiste griffen, lässt der hier verbreitete Humor den Konflikt zwischen den traditionellen Geschlechterrollen und einer im Wandel befindlichen Sozialisation, Anfang der 60er Jahre, nicht übersehen. Frivolitäten wechselten mit Moralpredigten und Anflüge weiblicher Emanzipation trafen auf das Beharren männlicher Hoheit. Regisseur Helmut Weiss und sein Autor Wolf Neumeister nahmen diese Entwicklung in ihrem folgenden gemeinsamen Film "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962) deutlich schwerer und winkten kräftig mit der Moralkeule, hier dagegen blieben sie noch zurückhaltend.

Jo bei der schnellen Überzeugung von Grit (Ina Duscha)
Das war auch den männlichen Darstellern zu verdanken, deren anklingende Macho-Allüren Niemand ernst nahm. Walter Giller und mehr noch Heinz Erhardt ironisierten mit ihrem Spiel die klassische männliche Autoritätsperson. Entsprechend endet der Film gegen die Erwartungshaltung, als eine Hand sanft den Nacken des Fahrers eines us-amerikanischen Cabriolets krault. Sie gehört Jo und am Steuer sitzt seine Braut Grit. 






"Drei Mann in einem BootDeutschland 1961Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Margarete Reinhardt, Richard Billinger, Wolf NeumeisterDarsteller : Heinz Erhardt, Walter Giller, Hans-Joachim Kulenkampff, Susanne Cramer, Ida Boros, Loni Heuser, Ina Duscha, Bum Krüger, Sepp Rist, Rolf Wanka, Willy Reichert, Laufzeit : 91 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

 "Die Feuerzangenbowle" (1944)

Freitag, 17. Juli 2015

Schloss Hubertus (1973) Harald Reinl

Inhalt: Schipper (Klaus Löwitsch) und Lenz Bruckner (Gerhard Riedmann) werden von dem alten Jagd-Aufseher Hornegger beim Wildern erwischt und schießen gleichzeitig auf ihn, als er sie verhaften will. Tödlich getroffen bricht er zusammen. Bruckner behauptet daneben gezielt zu haben, Schipper entgegnet ihm dasselbe. Der Mord bleibt unaufgeklärt, aber Schipper hat den vom schlechten Gewissen geplagten Bruckner jetzt in der Hand. Jahre später ist Franz Hornegger (Robert Hoffmann) an die Stelle seines Vaters gerückt. Ohne zu wissen, dass Schipper für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, arbeitet er an dessen Seite im Dienst des Grafen Egge (Carl Lange).

Schipper, der seinen Einfluss beim Grafen geschickt geltend macht, nutzt seine Stellung nicht nur für weitere Wilderei, sondern integriert auch gegen den ihm unliebsamen Franz Hornegger. Ihm missfällt, dass dieser sich mit Bruckners Schwester Mali (Gerlinde Döberl) gut versteht, auf die er selbst ein Auge geworfen hat. Inzwischen treffen am Schloss Hubertus die Söhne des Grafen ein. Der Älteste, Tassilo (Karlheinz Böhm), kommt in der Begleitung seiner zukünftigen Frau Anna Herwegh (Evelyn Opela), einer bekannten Münchner Opernsängerin. Graf Egge erwartet sie zur Jagd und Tassilo möchte die Gelegenheit nutzen, seinem dann hoffentlich gut gelaunten Vater von der geplanten Hochzeit mit Anna zu berichten…

Ausgehend von meinem Essay "Vom Bergdrama zur Sex-Klamotte - Der Heimatfilm im Zeitkontext"  gehört mein erster Blick in die Tiefen des Genres nicht zufällig dem Ganghofer-Roman "Schloss Hubertus" und seinen drei Verfilmungen 1934, 1954 und 1973. "Schloss Hubertus", 1892 erschienen und erfolgreichster Roman des Heimatdichters Ganghofer, beinhaltete schon früh einige der wesentlichen Merkmale des Genres - Kontrast Moderne/Tradition, eine alles überragende Führungsfigur und das sehr spezifische Frauenbild von Tochter "Geislein" und ihre Liebe zum Maler Forbeck. Aber auch die Wilderer-Thematik, Armut, Kindstot, große materielle Unterschiede, Doppelmoral und die offensichtliche Abhängigkeit fast Aller vom Willen eines Einzelnen fanden Einzug in einen Roman, der aus heutiger Sicht gelesen keineswegs uneingeschränkte Sehnsüchte nach "der guten alten Zeit" weckt. 

Umso interessanter ist es, die Umsetzung der Romanvorlage mit wachsendem zeitlichen Abstand zu beobachten, auch weil die Filmrechte über mehr als ein halbes Jahrhundert in der Hand Peter Ostermayrs lagen, der sie 1918 noch von Ludwig Ganghofer selbst erwarb. Dank der Veröffentlichung aller drei Versionen auf DVD durch FILMJUWELEN, besteht endlich die Möglichkeit die Filme nicht nur mit dem Romantext zu vergleichen, sondern ihre Entwicklung genauer zu analysieren:             "Schloss Hubertus" (1934)        "Schloss Hubertus" (1954)


Die Wilderer Bruckner (Gerhard Riedmann) und Schipper (Klaus Löwitsch) 
Der Heimatfilm hatte sich in den 60er Jahren an den veränderten Publikumsgeschmack angepasst und überlebte nur noch in einer Mischung aus Schlagerfilm, Bauernkomödie und Sex-Klamotte (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969") - bis es Anfang der 70er Jahre zu einer kurzen Renaissance kam. Der während der Hochphase des Genres entstandene "Wo der Wildbach rauscht" (1956) lief überraschend erfolgreich noch einmal in den Kinos und bewies, dass die damaligen Rezepturen noch funktionierten. Auch Harald Reinl, von 1949 bis 1957 ("Almenrausch und Edelweiß") zu den meist beschäftigten Regisseuren des Heimatfilms gehörend - eine Phase, die dank seiner Karl May-, Dr.Mabuse- und Edgar Wallace-Filme ein wenig in Vergessenheit geraten war - hatte das Genre 1972 für sich wieder entdeckt. Seine Neufassung von "Grün ist die Heide" (1951) schwamm aber noch ganz auf der Schlagerfilm-Welle und hatte mit dem 51er Film von Hans Deppe kaum etwas gemeinsam.

Franz Hornegger (Robert Hoffmann) und Mali (Gerlinde Döberl) 
Ganz anders dagegen seine Herangehensweise ein Jahr später an "Schloss Hubertus" nach dem zuvor zweimal 1934 und 1954 verfilmten Ganghofer-Roman. Von 1918 bis 1970 hatten die Filmrechte an den Ganghofer-Werken allein bei Peter Ostermayr gelegen, der neben der Produktion meist auch die Drehbucharbeiten übernahm, zuletzt 1959 bei "Der Schäfer von Trutzberg". Sein Sohn Paul May hatte 1962 noch ein Remake von "Waldrausch" in die Kinos gebracht, aber seitdem hatte es keine weiteren Kinofilme auf Basis des Erfolgsautoren mehr gegeben - der längste Zeitraum seit 1918. Reinl, in den frühen 50er Jahren selbst bei zwei Ganghofer-Produktionen als Regisseur beteiligt („Der Klosterjäger“ (1953)), nahm die Angelegenheit sehr ernst und holte sich erfahrene und bewährte Heimatfilm-Veteranen ins Boot, um die erste Ganghofer-Fassung nach der Ostermayr-Ära auf die Leinwand zu bringen.

Tassilo (Karlheinz Böhm) und sein Bruder Robert (Folker Bohnet)
Wie Reinl gehörte Drehbuchautor Werner P.Zibaso zu den Aktivposten des Heimatfilms der 50er Jahre, hatte aber auch sein Händchen für die soziokulturellen Entwicklungen der 60er und frühen 70er Jahre bewiesen („Die Klosterschülerinnen“ (1972)). Sepp Rist und Gerhard Riedmann, die in ihren jüngeren Jahren als Helden-Darsteller im Heimatfilm bekannt wurden, traten in Nebenrollen auf, Karlheinz Böhm, seit "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) dem Genre konsequent fern geblieben, übernahm mit der Figur des Tassilo, Graf Egges ältestem Sohn, eine Hauptrolle. Eine signifikante Besetzung sowohl für Zibasos Interpretation des Romans, als auch Reinls Umsetzung, denn Tassilo hatte in den beiden bisherigen Verfilmungen, entgegen Ganghofers Intention, nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Ankunft von Robert und Willy auf Schloss Hubertus
Im Roman vertritt der junge Graf als Rechtsanwalt, der sich auch für die verachteten Wilderer einsetzt, eine liberale Position. Unabhängig vom Geld seines Vaters lebt er in München und will die Opern-Sängerin Anna Herwegh heiraten, eine vom Adel missbilligte Verbindung. Die Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vater ist nicht nur ein Generationskonflikt, sondern steht für die klassischen Gegensätze Stadt/Land sowie Moderne/Tradition. Dass Ganghofer der zwiespältigen, aber faszinierenden Figur des alten Grafen seinen sympathischen und selbstbewussten Sohn gegenüber stellte, verdeutlicht, dass es ihm nicht um einfache Antworten ging. Dagegen reduzierte Peter Ostermayr den Disput zwischen Vater und Sohn auf einfache Fakten, verortete Anna Herwegh als eine Freundin Kittys in der Nachbarschaft und nahm ihren gegensätzlichen Haltungen so die Tragweite. Besonders in der 54er Version kam die Figur des Tassilo kaum über einen Stichwortgeber für seinen souveränen Vater hinaus.

Mali mag Schipper nicht
Dass Karlheinz Böhm unter Harald Reinl erstmals wieder in einem Heimatfilm mitwirkte, zeugt von dem generell hohen Anspruch an die Neuverfilmung. Einzig die erste Szene, in der die ertappten Wilderer Schipper (Klaus Löwitsch) und Bruckner (Gerhard Riedmann) den Jagd-Aufseher Hornegger erschießen, wurde neu hinzugefügt. Der nicht aufgeklärte Mord an dem Vater von Franz Hornegger (Robert Hoffmann), der inzwischen dessen Position in Graf Egges Revier übernommen hat, geschah in der Vergangenheit, schwebt aber ständig über der Handlung. Der intrigante Schipper, Horneggers Kollege im Dienst des Grafen, hat Bruckner auf Grund dieser Schuld unter Kontrolle. Dass Bruckners Schwester Mali (Gerlinde Döberl), die in seinem Haushalt seine verstorbene Frau ersetzen muss, ausgerechnet in Franz Hornegger verliebt ist, passt weder Bruckner, noch Schipper, der selbst an Mali interessiert ist.

Graf Egge (Carl Lange)
Schon an dieser Ausgangssituation wird die Akribie sichtbar, mit der sich Werner P.Zibaso an Ganghofers Text hielt. Neben dem jüngsten Sohn Willy (Sascha Hehn), erstmals im Film von 1954 berücksichtigt, gehörte endlich auch der standesbewusst arrogante mittlere Bruder Robert (Folker Bonet) zum Ensemble, den einzig seine Spielschulden zum Vater treiben. Dass Tassilo (Karlheinz Böhm) mit seiner zukünftigen Frau, der Sängerin Anna Herwegh (Evelyn Opela), anreist, ist zwar ein kleiner Stilbruch – im Roman kommt er allein, Kitty (Ute Kittelberger) lernt Anna erst bei der Hochzeit in München kennen – widersprach aber nicht Ganghofers Intention. Zu verdanken ist das der authentischen Charakterisierung Graf Egges (Carl Lange), der gar nicht daran denkt, aus den Bergen zu seinem Schloss zurückzukehren, nur weil seine Söhne gekommen sind oder Tochter Kitty, sein „Geislein“, Sehnsucht nach ihm hat. Zibaso sparte nichts aus: Egges Adler-Käfig am Schloss, seine fanatische Vorliebe für die Jagd, seine Sturheit und seine Härte im Umgang mit seinen Mitmenschen, aber auch die Fähigkeit zur Selbstironie und emotionalen Nähe zu seiner Tochter sowie sein Verständnis für den kränklichen Sohn Willy – eine Paraderolle für Carl Lange.

Maler Forbeck (Richard Rüdiger) mit Kitty (Ute Kittelberger) und Franz Hornegger
Die bis in kleine Details des zweibändigen Romans reichende Umsetzung bei einer nur wenige Minuten längeren Laufzeit gegenüber den Vorgängern, brachte auch Nachteile mit sich. Ostermayr hatte sich nicht ohne Grund auf die zwei wesentlichen Handlungslinien um Graf Egge und Kitty beschränkt, Zibasos Einbeziehung auch der Nebenhandlungen erforderte an anderer Stelle Kürzungen. Schon an der Besetzung der Kitty mit dem damals 15jährigen Bravo-Girl Ute Kittelberger in ihrer ersten Rolle, wird die geringere Gewichtung auf ihre Liebesgeschichte mit dem Maler Hans Forbeck (Richard Rüdiger) erkennbar, die im Schnellverfahren abgehandelt wurde. Nach der in jeder Verfilmung gezeigten humorvollen Szene, in der Forbeck im Unwissen darüber, wen er vor sich hat, Graf Egge in den Bergen zeichnet, um ihn danach fürs Modellstehen zu bezahlen, verläuft die erste Begegnung mit Kitty schnell.

Graf Egge lässt sich zeichnen
Ihre ausführlichen gemeinsamen Szenen in der Waldhütte, die in den beiden ersten Verfilmungen von zentraler Bedeutung waren (so aber nicht im Roman vorkommen), existieren hier ebenso wenig, wie die spätere Italienreise Kittys mit ihrer Anstandsdame Tante Gundi (Rose Renée Roth), auf der sie Forbeck wieder begegnet - ein auch im Roman mehrere Kapitel einnehmender Handlungsbestandteil. Obwohl sie die Story wieder ins späte 19.Jahrhundert versetzten, nachdem Ostermayr die 54er Version mitten im Wirtschaftswunder-Deutschland spielen ließ, wollten Zibaso und Reinl offensichtlich das rückständige Frauenbild des Romans vermeiden, das in den beiden ersten Verfilmungen ungefiltert übernommen worden war. Die Charakterisierung der „Geislein“ genannten Kitty als „süßes Ding“ hatte dem jeweiligen Zeitgeist entsprochen und förderte die Karrieren der Kitty-Darstellerinnen Hansi Knoteck und Marianne Koch – Ute Kittelberger kam dagegen über vier Nebenrollen nicht hinaus.

Der jüngste Sohn Willy (Sascha Hehn)
Das hatte auch zur Folge, dass Zibaso die Story um Liesl (Eva Garden), die Geliebte von Egge-Sohn Willy, abschwächte. An der Doppelmoral, die dazu führt, dass Liesl noch in derselben Nacht, nachdem Willy beim „Fensterln“ tödlich abstürzte, mit einem grobschlächtigen Handwerksburschen verlobt wird, ließ er keinen Zweifel. Noch am Tag zuvor war der junge Mann von ihrer ehrgeizigen Mutter, die ihre Tochter schon als Gräfin sah, vom Hof gejagt worden. Doch als er sich bei der Hochzeit als schlagkräftiger Bursche herausstellt, verliebt sie sich in ihn. Eine geschönte Sichtweise, denn bei Ganghofer verprügelt er seine frisch angetraute, ihm zu widerspenstige Ehefrau, die ihn deshalb aus seiner Sicht „jetzt schon etwas mehr mag“. Eine vom Autor keineswegs positiv geschilderte Situation, die der Realität näher kam. Und eine für den Gesamteindruck des Films beispielhafte Szene, denn Reinl ließ zwar kaum einen Konflikt aus, wagte aber selten die letzte Konsequenz.

Liesl (Eva Garden) kommt nach Willys Tod schnell unter die Haube
Im Film nimmt sich Robert als Offizier das Leben, nachdem sein Vater nicht mehr bereit war, seine immer höheren Spielschulden zu begleichen. So tragisch das klingt, ist es doch das vereinfachende Klischee eines ehrenvollen Todes. Im Roman übernimmt Tassilo die Schulden, wofür er fast sein gesamtes Vermögen aufbringen muss – unter der Voraussetzung, dass sein Bruder in seiner Einheit ab sofort unter totale Kontrolle gestellt wird. Eine für den selbstverliebten Robert viel größere Strafe, da sie ihm seine Ehre nimmt. Auch Graf Egges Tod fehlt am Ende eine wichtige Komponente, obwohl Reinl auf das konstruierte Happy-End seiner beiden Vorgänger verzichtete. Erblindet vom Adlermist, nachdem er über eine 60 Meter lange Leiter versuchte Jungadler aus deren Nest zu rauben, nimmt Egge wütende Rache an den noch im Käfig verbliebenen Adlern. Erst diese sinnlose Tat führt zu seinem Tod und sorgte im Roman dafür, dass sein zwiespältiger Charakter bis zum Ende gewahrt blieb – trotz der Versöhnung mit seinen Kindern vom Sterbebett aus.

Versöhnung am Sterbebett
Gemessen an den beiden ersten „Schloss Hubertus“-Filmen, sogar an Literaturverfilmungen generell, wirken diese Kritikpunkte kleinlich. Auch wenn die Haarschnitte der männlichen Protagonisten sehr am 70er Jahre Schönheitsideal orientiert waren, ist Reinls Film die Ernsthaftigkeit, Ganghofers Mischung aus dramatischer Unterhaltung und realistischem Hintergrund adäquat umsetzen zu wollen, jederzeit anzumerken. Trotzdem ist eine Kritik, wie sie die „Cinema“ formulierte: 

„Winnetou- und Wallace-Regisseur Harald Reinl inszenierte seine Version als bieder-bunten Alpengruß. Fazit: Trotz hoher Berge ganz schön flach.“ 

nicht ganz von der Hand zu weisen, so sehr die Aussage von der üblichen Ignoranz gegenüber Reinls intensiver Heimatfilm-Vergangenheit zeugt. Werner P. Zibaso und Reinl wollten zu viel. Die Fülle an Protagonisten, Nebengeschichten und kleinen Anspielungen verhinderte eine Tiefe in den Charakterisierungen, auch wenn besonders Klaus Löwitsch, Gerhard Riedmann und Carl Lange ihren Figuren Profil gaben.

Der Eindruck eines Heimatfilm-Potpourris drängt sich auf, basiert aber vor allem auf Unkenntnis der Romanvorlage. Ähnlich heutiger populärer Literaturverfilmungen von „Harry Potter“ bis „Herr der Ringe“ entsteht erst durch die Kombination aus Buch und Film das Verständnis für die inneren Zusammenhänge, bekommen auch nebensächlich wirkende Sätze Gehalt. Anders als seine Vorgänger konnte Reinl nicht mehr davon ausgehen, dass die Zuschauer Ganghofers Roman kannten. Seine engagierte Verfilmung wirkte deshalb 1973 ein wenig aus der Zeit gefallen – einerseits modern im Bemühen, gesellschaftskritische Aspekte nicht zu unterschlagen, andererseits altmodisch in der Anlage. Dem Film eine gewisse Oberflächlichkeit anzulasten ist korrekt, man kann es aber auch als Chance begreifen, Ganghofers Roman zu lesen – dann entfaltet sich erst die Qualität des Films.

"Schloss Hubertus" Deutschland, Österreich 1973, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Werner P.Zibaso, Ludwig Ganghofer (Roman), Darsteller : Carl Lange, Karlheinz Böhm, Robert Hoffmann, Klaus Löwitsch, Gerhard Riedmann, Sepp Rist, Rose Renée Roth, Evelyn Opela, Ute Kittelberger, Richard Rüdiger, Sascha Hehn, Folker Bohnet, Gerlinde DöberlLaufzeit : 92 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Reinl:
"Die Bande des Schreckens" (1960)

Thematisch weiterführender Link:

- "Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Jägerblut (1957) Hans H. König

Inhalt: Als der langjährige Förster Ferdinand Aiblinger (Willy Rösner) des nachts glaubt, zwei Schmugglern auf die Spur gekommen zu sein, muss er feststellen, dass es sich nur um Direktor Emil Zoppel (Ernst Waldow) aus Berlin handelt, der seinen Urlaub in den bayerischen Bergen verbringt. Gemeinsam mit dem Knecht der Pension seiner zwei Nichten Barbara (Edith Mill) und Gretl (Elisabeth Terval) Aiblinger, versucht dieser einem seltenen Nachtvogel auf die Spur zu kommen. Diese Art Misserfolg begleitete den Förster schon länger, weshalb er gegen seinen Willen in die Pension versetzt wird und ein jüngerer Kollege seine Stelle übernimmt.

Entsprechend ablehnend reagiert er auf seinen Nachfolger Franz Sixt (Helmuth Schneider), als dieser abends ausgerechnet in der Pension seiner Nichten auftaucht und ganz offensichtlich mit ihnen flirtet. Es kommt zu einem offenen Streit, den Sixt damit beendet, dass er die Gaststätte verlässt. Sie ahnen nicht, dass Schmuggler ihre Ware im Keller der Pension versteckt hatten, als sie in der Nacht zuvor von Grenzpolizisten gestört wurden. Als sie deshalb versuchen, wieder an ihr Schmuggelgut heranzukommen, werden sie zufällig von dem jungen Förster gestört. Der Schuss, der ihn trifft, verletzt ihn nicht schwer, aber die Tatwaffe gehört eindeutig dem alten Förster Aiblinger, weshalb er von der Polizei als Verdächtiger verhaftet wird...


Als "Jägerblut" Weihnachten 1957 in die deutschen Kinos kam, hatte das Heimatfilm-Genre seine Hochphase schon überschritten. Zwar bestand nach wie vor eine große Nachfrage, aber die Standards, die sich seit den frühen 50er Jahren als Erfolg versprechend erwiesen hatten, wurden in der Regel nur noch leicht verändert wiederholt - ein signifikantes Verhalten für eine abklingende Phase, die von dem möglichst risikolosen Versuch bestimmt wird, letzten wirtschaftlichen Nutzen aus einem Erfolgsmodell zu ziehen. Der Hintergrund einer intakten, vertrauten Landschaft gehörte von Beginn an zu den Grundlagen des Heimatfilms, ebenso wie eine hierarchisch geprägte, die traditionellen Geschlechterrollen betonende Sozialisation, aber zunehmend war der häufig ernsthafte, teilweise dramatische Grundtenor früher Heimatfilme einer ausgewogenen Unterhaltungsmischung gewichen - komödiantische Elemente und eine voraussehbare Liebesgeschichte, die nur Komplexität vortäuschte,  wechselten sich mit eingestreuten folkloristischen Szenen ab, um eine möglichst große Zuschauerzahl zu befriedigen. Die eigenständigen Heimatfilme unter der Regie von Hans H. König blieben eine seltene Ausnahme innerhalb des Genres, aber in "Jägerblut", seinem letzten Film als Regisseur - wie gewohnt mit Johannes Kai als Drehbuchautor an seiner Seite - schien ihn diese individuelle Ausrichtung verlassen zu haben.

Zum wiederholten Mal stand ein Förster im Mittelpunkt, der in die Mühlen aus Ablehnung, Eifersucht und Verbrechen gerät. Da der alternde Förster Ferdinand Aiblinger (Willy Rösner) seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein scheint, wird er von Franz Sixt (Helmuth Schneider) abgelöst, der auch das Forsthaus neu bezieht. Schon an einem der ersten Abende, als Sixt sich in die Gaststätte der Pension der Schwestern Barbara (Edith Mill) und Gretl Aiblinger (Elisabeth Terval) begibt – Tanz und Heimatgesang inbegriffen – gerät er in Streit mit seinem dickköpfigen Vorgänger. Auch Toni Moosbacher (Jan Henricks), ortsansässiger Frauenheld, reagiert nicht erfreut auf den Neuankömmling, der Gretl zu nah rückt. Zudem erschwert der junge Förster seine einträgliche Arbeit als Schmuggler, die er mit den beiden Brüdern Benno (Hans von Bosordy) und Simon Schaidler betreibt. Zusätzlich wird der bayerische Bergort noch von den gewohnten Witzfiguren bevölkert, wie dem „preußischen“ Touristen aus Berlin (Ernst Waldow), der nachts nach einer Eule sucht, die es in den Bergen nicht gibt, und Schleifspuren eines Seils an einem Baum für eine Tierspur hält. Gemeinsam mit dem Knecht seiner Pension begibt er sich auf nächtliche Ausflüge, die meist in alkoholischen Exzessen münden, was wiederum den Ärger der Ehefrau (Ruth Lommel) des Urlaubers und der Magd hervorruft, die ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat.

Es dauert nicht lange, bis es zu einem Schuss kommt. Der neue Förster wird getroffen und sein Vorgänger verhaftet, weil die Patrone aus seiner Dienstpistole stammt, die am Tatort aufgefunden wird. Aiblinger gibt zwar zu, den Verlust seiner Dienstwaffe nicht gemeldet zu haben, weil er zuvor schon in die Kritik geraten war, schwört aber, unschuldig zu sein – doch die Indizien sprechen gegen ihn. „Jägerblut“ verfügt über sämtliche Voraussetzungen für eine wilde Schmonzette. Große Liebesgefühle im Kampf um eine begehrte Frau und dramatische Szenen um Recht und Unrecht könnten auf der Leinwand herrschen, während die Flachlandtiroler neckischen Spielchen nachgehen und der Damenchor heimatliches Volksliedgut erklingen lässt. Und was macht Hans H. König daraus? – Einen straff erzählten, fast provokativ zurückhaltenden Film.

Der Schuss auf Franz Sixt hat nur eine Fleischwunde zur Folge, die den Protagonisten nicht aus der Bahn wirft. Dass Aiblinger auf ihn geschossen haben soll, glaubt außer der Polizei Niemand, denn auf das übliche Schüren übertriebener Emotionen - Hassgefühle, Verzweiflung oder dramatische Vorwürfe - verzichtete König vollständig. Auch die Liebesgeschichten bewahren sich in „Jägerblut“ einen eigenartig nebensächlichen Charakter. Besonders um Edith Mill, die in den meisten Heimatfilmen unter Königs Regie die Hauptrolle spielte und hier ebenfalls ihren Abschied vom Genre gab, geschieht fast nichts. Mit Ludwig Angerer (Armin Dahlen) entwickelt sich eine Beziehung, die nur kurz Irritationen ausgesetzt wird. Selbst die Eifersüchteleien um ihre Schwester Gretl, die versucht Toni Moosbacher gegen den Förster auszuspielen, erhalten keinen ernsthaft dramatischen Gestus, so wie den komödiantischen Szenen die übliche Penetranz und Überheblichkeit fehlt.

Oberflächlich betrachtet erscheint „Jägerblut“ heute als typischer, die gängigen Stilmittel verwendender Genre-Vertreter, doch im Vergleich wird deutlich, dass Hans H. König die Thematik nicht nur entschlackte, sondern auch Klischees vermied. Die beiden weiblichen Protagonistinnen werden zwar geheiratet, aber weder untergeordnet, noch müssen sie als zu rettende Opfer für die männlichen Helden herhalten - besonders Edith Mill tritt wie häufig in Königs Filmen („Der Fischer vom Heiligensee“ (1955)) selbstbewusst und bestimmt auf. Ihr grantiger Onkel, der gegen seinen Willen pensioniert wird, nimmt als Familienältester nicht die Position eines Oberhauptes ein – ein klassisches Motiv im Heimatfilm - sondern wird gezwungen, sich in seine Situation zu fügen. Zu verdanken ist der geradlinige Charakter des Films einer kammerspielartigen Szenerie, in der nur selten Statisten ins Bild gerückt werden, und einer Bildsprache, die neben den klassischen Gebirgsbildern mit nächtlichen Aufnahmen von Schluchten und Baumwipfeln auch eine melancholisch, düstere Stimmung verbreiten kann, wie sie auch in dem von Edith Mill gesungenen Lied nachzuempfinden ist.

Ob Hans H. König, der in seinem vorletzten Heimatfilm „Heiße Ernte“ (1956) eine individuellere Storyanlage wählte, in „Jägerblut“ den Gesetzen der Branche folgen musste, bleibt Spekulation. Es wurde sein letzter Film, mit dem es ihm gelang, die klassischen Genre-Regeln in einen nachvollziehbaren, unangenehme Auswüchse vermeidenden Rahmen unterzubringen.

"Jägerblut" Deutschland 1957, Regie: Hans H. König, Drehbuch: Johannes Kai, Darsteller : Edith Mill, Helmuth Schneider, Elisabeth Therval, Jan Hendricks, Ernst Waldow, Hans von Bosordy, Sepp RistLaufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Hans H. König:

Mittwoch, 25. September 2013

Die Geierwally (1940) Hans Steinhoff

Inhalt: Während die Männer des Ortes im Wirtshaus sitzen und darüber diskutieren, dass es zu gefährlich ist, sich zum Nest des Lämmergeiers abzuseilen, um dessen Nachwuchs zu stehlen, befindet sich Wally Fender (Heidemarie Hatheyer) schon in der Felswand und greift sich das Junge. Doch dessen Mutter ist nicht weit und beginnt, Wally zu attackieren, die versucht, sich mit einem Messer zu wehren. Das gelingt ihr nur schlecht, da sie noch das Junge halten muss, während sie von den Männern wieder hoch gezogen wird. Erst ein gezielter Schuss des Jägers Joseph Brandl (Sepp Rist) rettet sie. Wieder auf dem Plateau dankt Wally ihrem Retter, der für sie aber nur Verachtung übrig hat, da sie sich nicht wie eine Frau verhielte - er nennt sie spöttisch "Geierwally". 

Trotzdem liebt Wally Joseph, was sie auch ihrem Vater Alois (Eduard Köck) zu Verstehen gibt, für den der Jäger nur ein armer Schlucker ist, der als Schwiegersohn nicht in Frage kommt. Stattdessen plant er ihre Hochzeit mit dem Großbauern Vinzenz (Leopold Esterle), um die beiden größten Höfe der Gegend zusammen zu bringen. Doch Wally widersetzt sich ihrem Vater, weshalb er sie mit ihrem jungen Geier hoch auf die Alm verbannt, wo sie monatelang bei widrigen Bedingungen, nur in Begleitung des seltsamen Klettenmaier (Ludwig Auer), ausharren muss. Als sie wieder herunter darf, haben sich wesentliche Dinge im Ort verändert...


Der von Wilhelmine von Hillern 1873 geschriebene Roman "Die Geier-Wally" entstand aus der Begeisterung über eine Frau, die eine gefährliche Männerarbeit übernommen hatte, und ist aus einem Zeitkontext heraus zu verstehen, als einem solchen Handeln noch etwas Sensationelles anhaftete. Gesehen hatte die Autorin die Szene, in der sich eine junge Frau zu einem Adlerhorst abgeseilt hatte, um weitere Angriffe auf die Schafherde ihres Dorfes zu unterbinden, auf einem Selbstporträt der Tiroler Malerin Anna Stainer-Knittel, bei der es sich tatsächlich um eine früh emanzipierte Frau handelte, die ihren Ehemann gegen den Willen ihres Elternhauses wählte und bis ins hohe Alter mit ihrer "Zeichen- und Malschule für Damen" in Innsbruck berufstätig blieb, aber die dramatischen Ereignisse, die sie um Walburga Fender ersann - wie sie sie in ihrem Roman nannte - entsprangen nur ihrer Fantasie.

Nicht weniger typisch für die Entstehungszeit ist die gleichzeitige Relativierung dieser selbstbewussten, körperlich starken und schönen weiblichen Figur, die sich, um als Frau geliebt zu werden, letztlich einem Mann hingeben muss. Mit dem "Bären-Joseph" - so genannt, weil der Jäger Joseph Brandl einen gefährlichen Bären erlegte - existiert auch das entsprechende Objekt ihrer Begierde, aber dieser verachtet Wally nicht zuletzt deshalb, weil sie sich so eigensinnig und unweiblich verhält. Besonders mit ihrem strengen Vater, der zwar stolz reagiert, als sie den jungen Geier aus dem Nest stiehlt, sie aber mit dem Bauern Vinzenz Gellner aus wirtschaftlichen Erwägungen verheiraten will, steht sie in einem ständigen Konflikt, weshalb sie von ihm auf die Hoch-Alm verbannt wird, um bei widrigen Bedingungen zur Vernunft zu kommen - eine Erziehungsmethode, die bei der "Geierwally" nicht funktioniert.

An dieser Story über weiblichen Widerstandsgeist ist besonders interessant, dass sie sich ihre Attraktivität bis heute bewahrt hat. 1892 hatte die Oper "La Wally" von Alfredo Catalani Premiere und 1920 erschien die erste filmische Version des Romans mit Henny Porten in der Rolle der "Geierwally". 2005 wurde der Stoff zuletzt für das deutsche Fernsehen adaptiert, nachdem Walter Bockmayer 1988 eine Parodie herausgebracht hatte, die sich als Satire auf den deutschen Heimatfilm verstand - ein aus heutiger Sicht verbreitetes Missverständnis, das jeden in wilden Bergwelten spielenden Stoff automatisch dem in den 50er Jahren populären Heimatfilm-Genre zurechnet. 1956 entstand auch eine zeitgemäß angepasste Variante mit Barbara Rütting in der Hauptrolle, aber die Romanvorlage verfolgte eine andere Intention. Der Hintergrund einer rauen, teilweise menschenfeindlichen Landschaft spitzte noch die in einem archaischen Umfeld entstehende Situation zu, mit der die Autorin die Ausweglosigkeit und damit die Widerstandskraft ihrer Protagonistin betonte. Daran lässt sich auch der Anlass für die von Hans Steinhoff in der Frühphase des 2.Weltkriegs umgesetzte Version erkennen, dessen "Geierwally" die Stärke der deutschen Frau symbolisieren und herausfordern sollte. Mit einer heilen Welt, wie sie in den 50er Jahren im Gegensatz zu den im Krieg zerstörten Städten hochstilisiert wurde, hatte das wenig zu tun.

An Afra, einer wichtigen Nebenfigur, lässt sich diese unterschiedliche, sich nach dem Krieg verändernde Sichtweise an einem scheinbar nebensächlichen Detail verdeutlichen. In Wilhelmine von Hillerns Roman handelt es sich bei Afra um die uneheliche Halbschwester des "Bären-Joseph", in Steinhoffs Film um dessen uneheliche Tochter. In beiden Fällen führt die Verheimlichung ihres Status, um sie vor einer Ausgrenzung zu schützen, zu dem Missverständnis, dass Afra für Josephs Geliebte gehalten wird, was die Situation zwischen ihm und Wally eskalieren lässt. Auch im Heimatfilm von 1956 kommt es zu dieser Verwechslung, aber Afra ist hier die Nichte von Joseph, was diesen von persönlicher moralischer Schuld freispricht, dessen hartnäckiges Verschweigen ihres Verwandtschaftsgrads aber unglaubwürdiger wirken lässt. Diese Abschwächung innerer Konflikte zugunsten einer geglätteten Moralvorstellung ist in vielen Remakes der 50er Jahre zu beobachten - etwa in den zwei Versionen nach Ebner-Eschenbachs Roman "Krambambuli" (1940) und "Heimatland" (1955) - und signifikant für das Heimatfilm-Genre.

An Glätte war Regisseur und Drehbuchautor Hans Steinhoff auch nicht gelegen, sondern an einer dramatischen Hochstilisierung, wie schon die offensichtlich an Richard Wagners Musik orientierten Orchesterklänge vermitteln, mit denen der Film beginnt. Brutal schlägt der Vater (Eduard Köck) mit einem Knüppel auf seine Tochter Wally (Heidemarie Hatheyer) ein, greift sie in das Gesicht von Joseph (Sepp Rist), als er sie mit Gewalt küssen will, und schlägt Wally den niederträchtigen Bauern Vinzenz Gellner (Leopold Esterle) von Hinten nieder, als dieser auf eine alte Magd einschlägt. Wutverzerrt begegnen sich die Gesichter und schreien sich hasserfüllt an - in "Die Geierwally" gibt es nur Emotionen pur, folgt ein dramatisches Ereignis dem nächsten. Obwohl sich Regisseur Hans Steinhoff, über den Zeitgenossen wie Billy Wilder oder Hans Albers, die mit ihm zusammen gearbeitet hatten, sehr negativ urteilten, schon vor 1933 der nationalsozialistischen Ideologie zuwandte, von der NSDAP entsprechend gefördert wurde und mit "Hitlerjunge Quex: Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend" (1933) einen der ersten Propagandafilme fertigte, der heute nur noch unter Vorbehalt zu sehen ist - mit "Ohm Krüger" (1941) ließ er "Der Geierwally" einen weiteren heute nur beschränkt zugänglichen Propagandafilm folgen – hielt er sich größtenteils an die Romanvorlage und verzichtete auf ideologisch geprägte Veränderungen.

Sicherlich kam die Story einer starken, kämpferischen Frau, die nicht aufgeben wollte, der Zielsetzung des Propagandaministerium zu Beginn des Krieges entgegen, welche von Steinhoff auch entsprechend herausgearbeitet wurde, aber die Konsequenz, mit der Heidemarie Hatheyer hier spielt, ihr Mut, auch hässlich, ungerecht und egoistisch zu wirken, und die Kompromisslosigkeit, mit der die Auseinandersetzungen geführt werden, können heute noch faszinieren, ebenso wie eine Bergwelt, die felsig, hart und kalt wirkt und ohne die für die 50er Jahre typische heimliche Touristenwerbung auskam. Angesichts des sehr kurz gehaltenen Happy-Ends, dass anders als der Roman und die 1956er Verfilmung auf die abschließende dramatische Rettung des von Gewehrkugeln getroffenen Josephs aus einer Felsspalte verzichtete, entsteht am Ende nicht der Eindruck einer Unterordnung, sondern bleibt das Bild einer durchsetzungsfähigen, selbstständigen Frau bestehen.

"Die Geierwally" Deutschland 1940, Regie: Hans Steinhoff, Drehbuch: Hans Steinhoff, Jacob Geis, Alexander Lix, Wilhelmine von Hillern (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Sepp Rist, Winnie Markus, Eduard Köck, Leopold EsterleLaufzeit : 98 Minuten