Donnerstag, 10. Oktober 2013

Jägerblut (1957) Hans H. König

Inhalt: Als der langjährige Förster Ferdinand Aiblinger (Willy Rösner) des nachts glaubt, zwei Schmugglern auf die Spur gekommen zu sein, muss er feststellen, dass es sich nur um Direktor Emil Zoppel (Ernst Waldow) aus Berlin handelt, der seinen Urlaub in den bayerischen Bergen verbringt. Gemeinsam mit dem Knecht der Pension seiner zwei Nichten Barbara (Edith Mill) und Gretl (Elisabeth Terval) Aiblinger, versucht dieser einem seltenen Nachtvogel auf die Spur zu kommen. Diese Art Misserfolg begleitete den Förster schon länger, weshalb er gegen seinen Willen in die Pension versetzt wird und ein jüngerer Kollege seine Stelle übernimmt.

Entsprechend ablehnend reagiert er auf seinen Nachfolger Franz Sixt (Helmuth Schneider), als dieser abends ausgerechnet in der Pension seiner Nichten auftaucht und ganz offensichtlich mit ihnen flirtet. Es kommt zu einem offenen Streit, den Sixt damit beendet, dass er die Gaststätte verlässt. Sie ahnen nicht, dass Schmuggler ihre Ware im Keller der Pension versteckt hatten, als sie in der Nacht zuvor von Grenzpolizisten gestört wurden. Als sie deshalb versuchen, wieder an ihr Schmuggelgut heranzukommen, werden sie zufällig von dem jungen Förster gestört. Der Schuss, der ihn trifft, verletzt ihn nicht schwer, aber die Tatwaffe gehört eindeutig dem alten Förster Aiblinger, weshalb er von der Polizei als Verdächtiger verhaftet wird...


Als "Jägerblut" Weihnachten 1957 in die deutschen Kinos kam, hatte das Heimatfilm-Genre seine Hochphase schon überschritten. Zwar bestand nach wie vor eine große Nachfrage, aber die Standards, die sich seit den frühen 50er Jahren als Erfolg versprechend erwiesen hatten, wurden in der Regel nur noch leicht verändert wiederholt - ein signifikantes Verhalten für eine abklingende Phase, die von dem möglichst risikolosen Versuch bestimmt wird, letzten wirtschaftlichen Nutzen aus einem Erfolgsmodell zu ziehen. Der Hintergrund einer intakten, vertrauten Landschaft gehörte von Beginn an zu den Grundlagen des Heimatfilms, ebenso wie eine hierarchisch geprägte, die traditionellen Geschlechterrollen betonende Sozialisation, aber zunehmend war der häufig ernsthafte, teilweise dramatische Grundtenor früher Heimatfilme einer ausgewogenen Unterhaltungsmischung gewichen - komödiantische Elemente und eine voraussehbare Liebesgeschichte, die nur Komplexität vortäuschte,  wechselten sich mit eingestreuten folkloristischen Szenen ab, um eine möglichst große Zuschauerzahl zu befriedigen. Die eigenständigen Heimatfilme unter der Regie von Hans H. König blieben eine seltene Ausnahme innerhalb des Genres, aber in "Jägerblut", seinem letzten Film als Regisseur - wie gewohnt mit Johannes Kai als Drehbuchautor an seiner Seite - schien ihn diese individuelle Ausrichtung verlassen zu haben.

Zum wiederholten Mal stand ein Förster im Mittelpunkt, der in die Mühlen aus Ablehnung, Eifersucht und Verbrechen gerät. Da der alternde Förster Ferdinand Aiblinger (Willy Rösner) seinen Aufgaben nicht mehr gewachsen zu sein scheint, wird er von Franz Sixt (Helmuth Schneider) abgelöst, der auch das Forsthaus neu bezieht. Schon an einem der ersten Abende, als Sixt sich in die Gaststätte der Pension der Schwestern Barbara (Edith Mill) und Gretl Aiblinger (Elisabeth Terval) begibt – Tanz und Heimatgesang inbegriffen – gerät er in Streit mit seinem dickköpfigen Vorgänger. Auch Toni Moosbacher (Jan Henricks), ortsansässiger Frauenheld, reagiert nicht erfreut auf den Neuankömmling, der Gretl zu nah rückt. Zudem erschwert der junge Förster seine einträgliche Arbeit als Schmuggler, die er mit den beiden Brüdern Benno (Hans von Bosordy) und Simon Schaidler betreibt. Zusätzlich wird der bayerische Bergort noch von den gewohnten Witzfiguren bevölkert, wie dem „preußischen“ Touristen aus Berlin (Ernst Waldow), der nachts nach einer Eule sucht, die es in den Bergen nicht gibt, und Schleifspuren eines Seils an einem Baum für eine Tierspur hält. Gemeinsam mit dem Knecht seiner Pension begibt er sich auf nächtliche Ausflüge, die meist in alkoholischen Exzessen münden, was wiederum den Ärger der Ehefrau (Ruth Lommel) des Urlaubers und der Magd hervorruft, die ein Auge auf ihren Kollegen geworfen hat.

Es dauert nicht lange, bis es zu einem Schuss kommt. Der neue Förster wird getroffen und sein Vorgänger verhaftet, weil die Patrone aus seiner Dienstpistole stammt, die am Tatort aufgefunden wird. Aiblinger gibt zwar zu, den Verlust seiner Dienstwaffe nicht gemeldet zu haben, weil er zuvor schon in die Kritik geraten war, schwört aber, unschuldig zu sein – doch die Indizien sprechen gegen ihn. „Jägerblut“ verfügt über sämtliche Voraussetzungen für eine wilde Schmonzette. Große Liebesgefühle im Kampf um eine begehrte Frau und dramatische Szenen um Recht und Unrecht könnten auf der Leinwand herrschen, während die Flachlandtiroler neckischen Spielchen nachgehen und der Damenchor heimatliches Volksliedgut erklingen lässt. Und was macht Hans H. König daraus? – Einen straff erzählten, fast provokativ zurückhaltenden Film.

Der Schuss auf Franz Sixt hat nur eine Fleischwunde zur Folge, die den Protagonisten nicht aus der Bahn wirft. Dass Aiblinger auf ihn geschossen haben soll, glaubt außer der Polizei Niemand, denn auf das übliche Schüren übertriebener Emotionen - Hassgefühle, Verzweiflung oder dramatische Vorwürfe - verzichtete König vollständig. Auch die Liebesgeschichten bewahren sich in „Jägerblut“ einen eigenartig nebensächlichen Charakter. Besonders um Edith Mill, die in den meisten Heimatfilmen unter Königs Regie die Hauptrolle spielte und hier ebenfalls ihren Abschied vom Genre gab, geschieht fast nichts. Mit Ludwig Angerer (Armin Dahlen) entwickelt sich eine Beziehung, die nur kurz Irritationen ausgesetzt wird. Selbst die Eifersüchteleien um ihre Schwester Gretl, die versucht Toni Moosbacher gegen den Förster auszuspielen, erhalten keinen ernsthaft dramatischen Gestus, so wie den komödiantischen Szenen die übliche Penetranz und Überheblichkeit fehlt.

Oberflächlich betrachtet erscheint „Jägerblut“ heute als typischer, die gängigen Stilmittel verwendender Genre-Vertreter, doch im Vergleich wird deutlich, dass Hans H. König die Thematik nicht nur entschlackte, sondern auch Klischees vermied. Die beiden weiblichen Protagonistinnen werden zwar geheiratet, aber weder untergeordnet, noch müssen sie als zu rettende Opfer für die männlichen Helden herhalten - besonders Edith Mill tritt wie häufig in Königs Filmen („Der Fischer vom Heiligensee“ (1955)) selbstbewusst und bestimmt auf. Ihr grantiger Onkel, der gegen seinen Willen pensioniert wird, nimmt als Familienältester nicht die Position eines Oberhauptes ein – ein klassisches Motiv im Heimatfilm - sondern wird gezwungen, sich in seine Situation zu fügen. Zu verdanken ist der geradlinige Charakter des Films einer kammerspielartigen Szenerie, in der nur selten Statisten ins Bild gerückt werden, und einer Bildsprache, die neben den klassischen Gebirgsbildern mit nächtlichen Aufnahmen von Schluchten und Baumwipfeln auch eine melancholisch, düstere Stimmung verbreiten kann, wie sie auch in dem von Edith Mill gesungenen Lied nachzuempfinden ist.

Ob Hans H. König, der in seinem vorletzten Heimatfilm „Heiße Ernte“ (1956) eine individuellere Storyanlage wählte, in „Jägerblut“ den Gesetzen der Branche folgen musste, bleibt Spekulation. Es wurde sein letzter Film, mit dem es ihm gelang, die klassischen Genre-Regeln in einen nachvollziehbaren, unangenehme Auswüchse vermeidenden Rahmen unterzubringen.

"Jägerblut" Deutschland 1957, Regie: Hans H. König, Drehbuch: Johannes Kai, Darsteller : Edith Mill, Helmuth Schneider, Elisabeth Therval, Jan Hendricks, Ernst Waldow, Hans von Bosordy, Sepp RistLaufzeit : 93 Minuten

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