Montag, 17. April 2017

Tunnel 28 (Escape from East Berlin) 1962 Robert Siodmak

Erika (Christine Kaufmann) am Grenzstreifen
Inhalt: Ost-Berlin 1962, wenige Monate nach dem Bau der Mauer - Kurt Schröder (Don Murray), Chauffeur des Grenzschutz-Offiziers Major Eckhardt (Carl Schell), lässt sich von dem Mechaniker Günther (Horst Jansen) mit einem Abschleppwagen von der Werkstatt nach Hause mitnehmen. Dass mit Günther etwas nicht stimmt, spürt Kurt sofort, bekommt aber kein Wort aus ihm heraus. Entsprechend überrascht reagiert er, als Günther – nachdem dieser ihn an seinem direkt an der Mauer gelegenen Haus abgesetzt hatte - mit vollem Tempo auf die Grenzanlagen losfährt, sich von den Schüssen der Grenzsoldaten nicht aufhalten lässt und die Mauer durchbricht. Doch er kommt nicht weit. Schwer verletzt steigt er aus dem Fahrerhaus, verfängt sich im Stacheldraht und wird von hinten erschossen. 

Kurt (Don Murray) gelingt es, die Grenzsoldaten zu täuschen
Als seine Schwester Erika (Christine Kaufmann) ihn am nächsten Morgen nicht in seinem Zimmer auffindet, sucht sie ihn zuerst in der Werkstatt, bevor sie zu Kurt fährt, der ihn als Letzter gesehen haben soll. Sie glaubt, dass Günther die Flucht in den Westen gelungen ist, weil Kurt nicht in der Lage ist, ihr vom Tod ihres Bruders zu berichten. Ohne zu zögern geht sie zur Grenze und will unter dem Stacheldraht hindurchklettern, als Kurt sie in letzter Sekunde zurückreißt. Die Grenzsoldaten nähern sich schon und Kurt täuscht ein heimliches Rendezvous mit Erika vor. Die Soldaten schicken sie zwar weg, glauben ihm aber – bis sie einen Stoffrest ihres Mantels im Stacheldraht entdecken... 


Zum Tod von Christine Kaufmann, am 28.03.2017 mit 72 Jahren gestorben 

Schon 1959 mit 14 Jahren wirkte Christine Kaufmann erstmals in einer italienischen Produktion mit. Nach einer Nebenrolle in "Vacanze d'inverno" übernahm sie in dem Sandalen-Film "Gli ultimi giorni di Pompei" (Die letzten Tage von Pompeji, 1959) ihre erste Hauptrolle. Mit "Totò, Fabrizi e i giovani d'oggi" (1960) und "Labbra rosse" (Rote Lippen - schlanke Beine, 1960) setzte die gebürtige Österreicherin ihre Karriere in Italien zügig fort. Während diese Filme außerhalb Italiens nur auf wenig Resonanz stießen, wurde die US-amerikanische / deutsche Co-Produktion "Stadt ohne Mitleid" (1961) zur endgültigen Initialzündung ihrer internationalen Karriere. In Folge davon spielte sie an der Seite von Jean-Paul Belmondo in "Un nommé La Rocca" (Ein Mann namens Rocca, 1961) und traf bei der Hollywood-Produktion "Taras Bulba" (1962) auf ihren späteren Mann Tony Curtis. Da war sie 17.

In Deutschland war sie zu dieser Zeit schon seit Jahren ein Star - ein Kinderstar. Nach ihrem Erfolg mit "Rosen-Resli" (1954) wurde sie zu einer festen Institution im Heimatfilm ("Wenn die Alpenrosen glüh'n", 1955), in Familienkomödien ("Witwer mit fünf Töchtern", 1957) oder seltener in Dramen wie "Mädchen in Uniform" (1958) in der Rolle einer jugendlichen Schülerin neben Romy Schneider und Lilly Palmer. Deutsche Filme, in denen sie junge erwachsene Frauen spielte, existieren dagegen nur wenige. In "Via mala" (1961) mimte sie als 16jährige zwar eine junge Mutter und Ehefrau eines Staatsanwalts, die Heimatfilm-Anklänge waren hier aber noch unübersehbar. Zeitgenössische Filme wie "Toller Hecht auf krummen Touren" (1961) und "90 Minuten nach Mitternacht" (1962), ihrem bis Ende der 60er Jahre letzten deutschen Kino-Film, sind dagegen nahezu vergessen. Das gilt auch für "Tunnel 28", der in seinem unmittelbaren Gegenwartsbezug eine Ausnahme in ihrem Werk war.


"Es gibt viele Gründe, die man anführen kann, warum man weggegangen ist. Das ist für mich ein riesiger Wartesaal geworden." (Deutschlandfunk, Kalenderblatt vom 24.01.2017)

Erika (mit Klaus Dahlen im Hintergrund) sucht ihren Bruder...
so ein Zeitzeuge über die Gründe, warum er nach dem Bau der Berliner Mauer am 13.08.1961 durch einen Tunnel vom Ostteil in den Westen geflohen war. Regisseur Robert Siodmak und der gebürtige Berliner Drehbuchautor Peter Berneis - Beide nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigriert und nach erfolgreicher Hollywood-Karriere in den 50er Jahren wieder nach Deutschland zurückgekehrt - reagierten unmittelbar auf die damaligen Ereignisse, als eine Vielzahl an Menschen oft auch vergeblich versuchten, mit selbst gebauten Tunnelanlagen die abgeschottete und streng bewachte Grenze zu überwinden. Zum Vorbild nahmen sie sich die Flucht von 28 Menschen im Januar 1962 und holten mit Erwin Becker deren Initiator als technischen Berater ans Set, woran die Nähe des Films zum damaligen Zeitgeschehen deutlich wird.

...und glaubt, ihm wäre die Flucht in den Westen gelungen
Das galt auch für die Phase des „Kalten Kriegs“, die mit dem Mauerbau einen Höhepunkt erreichte. Entsprechend war von „Tunnel 28“ keine differenzierte Sichtweise auf die DDR zu erwarten, zumal der Film als Co-Produktion mit den US-Amerikanern entstanden war, was zu seltsamen Blüten führte. Statt Horst Buchholz übernahm mit Don Murray ein US-Schauspieler die männliche Hauptrolle und der sonst ausschließlich deutsche Cast drehte den Film in Englisch. Mit dem Ergebnis, dass die deutsche Fassung nachsynchronisiert wurde und die englischsprachige Version, die unter dem reißerischen Titel „Escape from East Berlin“ herauskam, klingt, als ob deutsche Schauspieler in Schulenglisch Sprachübungen absolvieren. Das Urteil des „Spiegel“ fiel vernichtend aus: 

„…erweist sich das Lichtspiel als unkünstlerisch und nicht frei von Peinlichkeiten. (…) Die Dialoge zwischen den Hauptdarstellern Don Murray und Christine Kaufmann könnten bundesministeriellen Ansprachen entnommen sein.“ 

Kurt mit seiner Geliebten (Kai Fischer)...
Dabei ist der Story anzumerken, dass die Hauptfigur Kurt Schröder ambivalenter angelegt werden sollte. Als Chauffeur des Offiziers Major Eckhardt (Carl Schell) verfügt er über Privilegien und plant keineswegs die DDR zu verlassen. Gemeinsam mit seiner Mutter (Edith Schultze-Westrum), Schwester Ingeborg (Ingrid van Bergen), seinem kleinen Bruder Helmut (Ronald Dehne) und Onkel Albrecht (Bruno Fritz) bewohnt er ein noch von Kriegsschäden gezeichnetes Haus unmittelbar an der Mauer und hat es sich gut eingerichtet. Zudem pflegt er eine Liebesbeziehung mit der Ehefrau seines Chefs, Heidi (Kai Fischer), und lässt auch sonst nichts anbrennen. Ob es am Einfluss der US-amerikanischen Co-Autoren lag, lässt sich nur noch schwer feststellen, aber leider deutete der Film diese Seite seines Charakters nur zu Beginn an und vertiefte sie nicht weiter.

...und handgreiflich bei der unwilligen "Bambi" (Anita Kupsch)
Stattdessen wird Kurt Schröder der Terror-Staat brachial vor Augen geführt. Erst wird er Zeuge des Todes von Günther Jürgens (Horst Janson), nachdem dieser mit seinem LKW in die Mauer gefahren und in Stacheldraht liegend von Grenzsoldaten hinterrücks erschossen worden war. Dann gelingt es ihm im letzten Augenblick dessen Schwester Erika (Christine Kaufmann) von einer unüberlegten Aktion an der Grenze abgehalten. Weil Kurt es nicht wagte, ihr von Günthers Tod zu berichten, glaubt sie, ihm wäre die Flucht in den Westen gelungen und will ihm folgen. Er reißt sie am Stacheldraht zurück und täuscht gegenüber den Grenzsoldaten ein Liebesabenteuer mit ihr vor. Doch der Bluff gelingt nur kurz, denn sie entdecken einen Stoffrest ihres Mantels im Stacheldraht und verfolgen sie bis zu Kurts Haus. Dort hatte er sie in der Nische eines Zimmers ohne Fußboden versteckt, weshalb selbst der Spürhund nicht weiter kommt. Die Soldaten geben ihre Suche auf, aber dass sie Schröder danach nicht auf die Wache mitnehmen, war unrealistisch. Schließlich hatten sie ihn zusammen mit der Flüchtigen angetroffen.

Kurt erläutert seinen Fluchtplan, will selbst aber nicht mit
Trotz dieser spontanen Hilfe für Erika, die ihn unmittelbar ins Gefängnis hätte bringen können, weigert sich Schröder weiter, ihr und seinen Familienangehörigen bei einer Flucht zu helfen. Um plötzlich angesichts der unglücklichen jungen Frau doch einen konkreten Plan für einen Fluchttunnel zu fassen, mit dessen Umsetzung er sofort beginnt. Allerdings nicht ohne im nächsten Satz hinzuzufügen, dass er selbst in der DDR bleiben will. Diese inkonsequent und konstruiert wirkende Charakterisierung – von Don Murray zudem zu amerikanisch lässig verkörpert - verdeutlichte den damaligen Zwiespalt in der Drehbuchgestaltung. Als einzige Figur des Films ohne eindeutige Haltung sollte Kurt den durchschnittlichen Mitläufer personifizieren, der auf Grund der realen Ereignisse umzudenken beginnt. Gleichzeitig war er für die „Heldenrolle“ vorgesehen und musste mutig handeln. Deshalb durfte er als Identifikationsfigur keine zu große Nähe zur Ideologie des Staates aufweisen.

Erikas Vater (Kurt Waitzmann) weist seine Frau (Helma Seitz) zurecht
Bei dessen Vertretern handelt es sich in „Tunnel 28“ entweder um gnadenlose Grenzsoldaten, die sofort mit der Kalaschnikow bei der Hand sind, oder über sogenannte „100 Prozentige“ wie Erikas Vater (Kurt Waitzmann), der seiner Frau (Helma Seitz) den Kirchgang verbieten will und die Flucht am Ende fast zum Scheitern bringt. Der interessanten Frage, wieso ausgerechnet seine Kinder ihr Leben riskieren, um aus dem von ihm geliebten Staat zu entkommen, ging der Film nicht weiter nach. Für Zwischentöne gab es 1962 keinen Spielraum, vor Plattitüden scheute sich der Film dagegen weniger. Die üblichen Verweise auf fehlende Seife und Nylonstrümpfe, ausfallenden Strom oder Wasser in der „Planwirtschaft“ durften nicht fehlen. „Tunnel 28“ gilt heute als erste filmische Reaktion auf den Mauerbau, verhalf dem Film aber nicht zum Erfolg. Trotz der noch Jahrzehnte andauernden Phase des „Kalten Krieges“ spielte der Film auch im aufkommenden Fernsehzeitalter keine Rolle. Zu reißbrettartig gerieten die Dialoge und zu offensichtlich war der propagandistische Hintergrund.

Diese Nähe zum politischen Zeitgeist verstellt den Blick auf einen Thriller, der in seiner überwiegenden Beschränkung auf Schröders Haus und der Grenzanlage in dessen Vorgarten klaustrophobische Züge annimmt. Während die Hausgemeinschaft, verstärkt um immer mehr Mitwisser, die sich der Flucht anschließen wollen, in einer von Dunkelheit und Verfall geprägten Umgebung durch die Erde graben, zieht sich der Ring der Verfolger zu. Sieht man von der Nachlässigkeit um Erikas Versteck zu Beginn ab, handeln die Grenzsoldaten mit professioneller Intensität. Kein fremdartiges Geräusch, kein seltsames Verhalten entgeht ihrer Aufmerksamkeit. Mehrfach stehen die Tunnelbauer davor, entdeckt zu werden, bis die Soldaten, alarmiert von Erikas Vater, von allen Seiten gleichzeitig in das Haus eindringen. Robert Siodmaks düstere, kaum Tageslicht zulassende Inszenierung erinnert an seine „Film noir“ – Phase der 40er Jahre („The dark mirror“ (Der schwarze Spiegel, 1946)) und vermittelte stimmig die Atmosphäre diktatorischer Machtausübung und das generelle Gefühl des Ausgeliefertseins. Der Erklärungen mit erhobenem Zeigefinger hätte es nicht bedurft. 

"Tunnel 28Deutschland, USA 1962, Regie: Robert SiodmakDrehbuch: Peter Berneis, Gabrielle Upton, Millard Lampell, Darsteller : Christine Kaufmann, Don Murray, Werner Klemperer, Carl Schell, Ingrid van Bergen, Edith Schultze-Westrum, Bruno Fritz, Horst Janson, Kai Fischer, Anita Kupsch, Helma Seitz, Kurt Waitzmann, Klaus DahlenLaufzeit : 89 Minuten