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Sonntag, 18. September 2016

Von der Liebe besiegt (1956) Luis Trenker

Inhalt: Der Ingenieur Mario Clar (Wolfgang Preiss) wird zwar aus der Haft entlassen, aber nur bedingt unter der Auflage, nicht das Land zu verlassen. Nach wie vor gilt er als Hauptbeschuldigter an dem Einsturz einer Eisenbahnbrücke, bei dem in den Schweizer Bergen fast 40 Menschen starben. Clar bewahrt vor seiner 12jährigen Tochter, die ihn im Gerichtsgebäude freudig abholt, zwar Ruhe, aber seine Entscheidung steht schon fest. Er schreibt ihr, die bei seiner geschiedenen Frau (Marina Ried) lebt, noch einen Abschiedsbrief und begibt sich in die Berge, wo er sich in die Tiefe stürzen will.

Sein Plan misslingt, weil er einen Hirten durch herunterfallende Felsbrocken verletzt, die sich bei seinem hastigen Aufstieg lösen. Unter größter Anstrengung gelingt es ihm, den alten Mann bis zum Arzt (Armin Schweizer) des kleinen Bergdorfs zu tragen, wo er eine Nacht in einem Hotel verbracht hatte. Er selbst fällt vor Erschöpfung in einen ohnmachtsartigen Schlaf. Als er erwacht, sieht er nicht nur in das Gesicht der Arzttochter (Marianne Hold), die ihn gepflegt hatte, auch seine Ex-Frau und sein Compagnon Leo Seduc (Fritz Tillmann) stehen bald vorwurfsvoll in seinem Zimmer. 


Luis Trenker als launiger Gastgeber mit Marianne Hold und Wolfgang Preiss

"Von der Liebe besiegt" kam in der Hochphase des Heimatfilms in die deutschen Kinos, steht aber für den Beginn und das Ende der Film-Karrieren zweier prägender Genre-Repräsentanten. Letztmals führte Luis Trenker hier Regie nach eigenem Drehbuch, gleichzeitig wurde es sein vorletzter von vier Langfilmen mit der von ihm 1950 ("Barriera a Settentrione" (Duell in den Bergen)) entdeckten Marianne Hold. Diese war zwar schon mehrfach in tragenden Rollen besetzt worden, aber erst der wenige Monate zuvor herausgekommene "Die Fischerin vom Bodensee" (1956) ließ sie zum großen Heimatfilm-Star der späten 50er Jahre aufsteigen. Zudem agierte der damals 64jährige Trenker hier das letzte Mal selbst auf der Kinoleinwand. Ganz klassisch als Bergführer, der ein Rettungskommando anführt und - wie seit den 20er Jahren im Berg-Film gewohnt - persönlich in die Felswand steigt (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"). 

Trotzdem blieb seine Rolle austauschbar und ohne Relevanz für die eigentliche Handlung. Er gefällt als launiger Hausherr einer hochgelegenen Berghütte und am Ende als Retter des verunglückten Mario Clar (Wolfgang Preiss), aber den Job hätte auch ein Anderer übernehmen können. Mit den Ereignissen, die erst zu den dramatischen Konsequenzen im Hochgebirge führten, hatte Trenkers Figur nichts zu tun. Das galt mit Abstrichen auch für Marianne Hold als Arzttochter, auch wenn der Titel „Von der Liebe besiegt“ etwas anderes vermitteln sollte. Entstanden war das Drehbuch nach Trenkers Roman „Schicksal am Matterhorn“ und es spricht viel dafür, dass der Film auch ursprünglich unter diesem Namen herauskommen sollte. Offensichtlich wollten die Macher die wachsende Popularität der Hauptdarstellerin nutzen, obwohl ihre Rolle dem Klischee widersprach.

Schon zu Beginn des Films ließ Trenker keinen Zweifel daran, dass Angela Gassard (Marianne Hold) nicht zum Genre-gewohnten Typus der Dorfschönheit gehörte, die nur auf den richtigen Kerl wartet. Ihr ganzes Auftreten als Tochter des ortansässigen Arztes (Armin Schweizer) zeugt von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Der kernige Bergführer Beni Kronig (Robert Freitag) schenkt ihr zwar aus Italien geschmuggelte Schuhe, aber Chancen hat er bei ihr keine. Da muss schon ein Mann wie der Ingenieur Mario Clar auftauchen – älter, gebildet, weltgewandt – um sie zu begeistern. Doch nicht er bemüht sich um sie, sondern sie kümmert sich um den psychisch schwer angeschlagenen Mann. Zwar den Anstand wahrend, ist sie es, die ihm mit ihrer Liebeserklärung wieder Lebensmut gibt.

Die Figur des Ingenieurs war im Heimatfilm nicht ungewöhnlich, denn der Kontrast Stadt/Land ließ sich in der Konfrontation eines rein nach rationellen Gesichtspunkten vorgehenden Planers mit einer traditionell lebenden Bevölkerung dramaturgisch zuspitzen. Das Ergebnis war zwiespältig. Einerseits wurde die heile Welt der Berge idealisiert, andererseits galten Talsperren, Brücken- und Tunnelbauwerke Mitte der 50er Jahre als Zeichen von Fortschritt und Schaffenskraft. Dieser Disput setzte sich auch in der Charakterisierung des Ingenieurs fort, der je nach Gesichtspunkt als Eindringling oder Heilsbringer angesehen wurde. Für eine positive Ausrichtung half die Verwurzelung in der Heimat. Der junge Mann, der nach Jahren der Ausbildung als Fachmann zurückkehrt („Waldrausch“ (1955)), verband Tradition und Zukunft in idealer Weise.

Leo Seduc (Fritz Tillmann) und seine Frau (Marina Ried) mit dem Abschiedbrief

Auch in „Von der Liebe besiegt“ ist dieser Konflikt gegenwärtig, fand aber auf einer anderen Ebene statt. Für Luis Trenker, der erst kurz zuvor seine Dokumentation „Gold aus Gletschern“ (1956) über den Bau des Wasserkraftwerks Kaprun herausgebracht hatte, ist der Ingenieur eine integre Figur. Auch wenn Mario Clar unter Vorbehalt aus dem Gefängnis entlassen wurde, weil er im Verdacht steht, den Einsturz einer Eisenbahnbrücke in den Bergen verursacht zu haben, bei dem viele Menschen starben. Die Gefahren erkannte Trenker dagegen in den Geschäftemachern, deren Streben nicht dem technischen Fortschritt galt, sondern allein ihrer persönlichen Bereicherung. Fritz Tillmann spielte den so verschlagenen wie gewieften Bauunternehmer Leo Seduc, der minderwertige Baustoffe bei dem Brückenbau einsetzte, um seine hohen finanziellen Bedürfnisse befriedigen zu können. Trotzdem sitzen ihm die Gläubiger weiterhin im Nacken, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt, der den Tod des Ingenieurs mit einbezieht.

Die Dramatik entwickelt sich in Trenkers Film aus dem Spannungsfeld von Idee und Kapital, der Gegenüberstellung von untadeligem Forschungsgeist mit rücksichtslosem Profitdenken. Dass es sich bei dem Bauunternehmer und dem Ingenieur um Partner handelt, Leo Seduc zudem die Ex-Frau (Marina Ried) seines Compagnons geheiratet hatte und damit auch eine Art Stiefvater für dessen 12jährige Tochter wurde, verlieh der Handlung eine Komplexität, die sich auch in der ungewöhnlichen Charakterisierung des männlichen Helden widerspiegelte. Wolfgang Preiss strahlte in seinem Spiel zwar Ernsthaftigkeit und Anstand aus, aber als geschiedener Mann und Vater, der sich in die Berge begibt, um dort Suizid zu begehen – er gibt sich die Schuld an dem Tod der Verunglückten – war er Mitte der 50er Jahre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für die Rolle des Liebhabers. Und bedurfte eines ebenso untypischen weiblichen Gegenparts.

Trotz der Berührung damaliger Tabus und einer nicht nur für den Heimatfilm außergewöhnlichen Drehbuch-Anlage, ist Trenkers Spätwerk in Vergessenheit geraten und zählt auch nicht zu Marianne Holds populären Filmen. Erklärbar wird das durch die fehlende Konsequenz, die Ausgangssituation aufrecht zu erhalten. Ist die Figur des Bauunternehmers zuerst noch differenziert gestaltet, wird er zum Ende hin zum panisch reagierenden Hasardeur. Es ist kaum noch vorstellbar, wie dieser Mann der langjährige Partner des Ingenieurs sein konnte und als Ehemann seiner Ex-Frau in Frage kam. Parallel zu dieser in die negative Einseitigkeit abdriftenden Charakterisierung wurde die männliche Hauptrolle aufgewertet. Dessen Selbstmord-Gedanken werden zunehmend in Richtung finanzielle Verantwortung für die Tochter gewandelt, die nach seinem vorgetäuschten Unfall-Tod eine hohe Versicherungssumme erhalten soll. Tatsächlich hat es Leo Seduc auf das Geld abgesehen.

Mehr noch widersprach das abschließende Kapitel des Films den zuvor aufgebauten Qualitäten, denn er gab dem Film eine Wendung in typische Heimatfilm-Gefilde. Mit einer mehr als dürftigen Begründung schickte er den Ingenieur und den bisher nur als Nebenfigur aufgefallenen Bergführer auf die Berggipfel, wo es zum klassischen Drama im Kampf um das weibliche Objekt kommt. Passend zu ihrer passiven Rolle trug Marianne Hold plötzlich Tracht, nachdem sie zuvor pragmatisch-modern gekleidet war. Geholfen hat es dem Film nicht, dessen aufgesetzt wirkendes Ende die Erwartungshaltung an einen Heimatfilm nicht mehr befriedigen konnte. Trenkers „Von der Liebe besiegt“ kam zwar nicht ohne Klischees aus, verband in seiner Anlage aber Elemente der Bergromantik mit den sozialen Veränderungen der 50er Jahre. Die Anspielungen auf Missstände der „Wirtschaftswunder“-Zeit, die Veränderungen im Familienbild sowie die selbstbewusst gestaltete Frauenrolle sind überraschend modern für das Genre und laden zu einer Wiederentdeckung ein. 

"Von der Liebe besiegtDeutschland 1956, Regie: Luis Trenker, Drehbuch: Kurt Heuser, Luis Trenker (Roman), Darsteller : Marianne Hold, Wolfgang Preiss, Fritz Tillmann, Robert Freitag, Marina Ried, Luis Trenker, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luis Trenker: 

"Der Berg ruft!" (1938)

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Geständnis einer Sechzehnjährigen (1961) Georg Tressler

Inhalt: Für die 16jährige Jutta (Barbara Frey) bricht eine Welt zusammen, als sie von dem Verhältnis ihrer Mutter (Nina Sandt) zu dem Diplomaten George Romanescu (Ivan Desny) erfährt. Auch ihr Vater (Wolfgang Preiss) weiß davon, glaubt aber, dass die Affäre beendet sei. Als Jutta ihre Mutter daraufhin anspricht, bestätigt diese das vorläufige Ende ihrer Beziehung. Bis sie feststellte, dass ihr Mann weiter seinen außerehelichen Liebschaften nachging. Eine Begründung, die Jutta nicht glauben kann, da sie überzeugt davon ist, dass ihr geliebter Vater treu war.

Nach der Schule wartet zum wiederholten Male Hans (Michael Hinz) auf sie, der sie unbedingt näher kennenlernen will. Jutta ist sein Drängen zu viel, aber seine Hartnäckigkeit bricht langsam ihren Widerstand und sie verbringt den Nachmittag mit ihm. Hans ist der Sohn getrennter Eltern, die ihn bei seinem Onkel in Deutschland wohnen lassen. Als Jutta ihm von den Eheproblemen ihrer Eltern erzählt, an denen aus ihrer Sicht allein der Liebhaber ihrer Mutter die Schuld trägt, rät er ihr, einen anonymen Brief an ihren Vater zu schreiben, um ihn über die wieder aufgenommene Affäre zu informieren…

Mit "Geständnis einer Sechzehnjährigen" kam Regisseur Georg Tressler scheinbar noch einmal auf seine "Halbstarken" - Vergangenheit zurück, mit dem er, gemeinsam mit Will Tremper, den "Moral-Film" der späten 50er Jahre initiierte. Der gleichnamige Roman des Schweizer Schriftstellers Robert Pilchowski (kein Pseudonym von Hans Habe, wie in einigen Quellen fälschlich angegeben wurde) von 1956, atmete noch den Geist der damaligen Furcht vor dem moralischen Verfall.

Doch dieser Eindruck täuscht, denn schon bei den "Halbstarken" ließ Tressler sich nicht vor den Zug des pädagogischen Zeigefingers spannen und machte aus "Geständnis einer Sechzehnjährigen" ein düsteres Abbild der noch jungen BRD, dass wie andere leider wenig bekannte Filme dieser Zeit schon lange auf DVD vorliegt.







"Ich schrieb es nicht, um zu moralisieren, sondern um darzulegen, wie ernst Kinder zu nehmen sind. Es ist besser, ihnen harte Wahrheiten zuzumuten, als sie mit sanften Lügen zu betrügen."

Die Mutter (Nina Sandt)
sagte der Schweizer Autor Robert Pilchowski über sein Buch "Geständnis einer Sechzehnjährigen", das 1956 in der BRD erschienen war. Fälschlicherweise wird der Roman in unterschiedlichen Quellen (darunter auch die Imdb) dem Schriftsteller und Journalisten Hans Habe untergeschoben - als ob der sechsmal verheiratete Intellektuelle sich den Problemen von Ehescheidungen angenommen hätte, die auf Grund der soziokulturellen Veränderungen in den 50er Jahren langsam zunahmen. Dagegen war die Thematik für Pilchowski von besonderer Bedeutung, wie schon sein 1951 erschienener Roman "Daddy und Do" (verfilmt unter dem Titel "Ein Leben für Do" (1953)) zeigte, der sich ebenfalls mit einer Scheidung aus der Sicht eines Kindes auseinandersetzte. Der Text des herausgebenden Verlags brachte es entsprechend auf den Punkt:

„So wird das Tagebuch (der Sechzehnjährigen) zu einem schonungslosen Spiegel, den der Kommissar den Eltern vorhält. Waren sie noch vor wenigen Stunden bereit, die Verantwortung für das tragische Geschehen dem anderen zuzuschieben, müssen sie jetzt erkennen, wie schwer die eigene Schuld wiegt.“

Der Vater (Wolfgang Preuss)
Bei dem „tragischen Geschehen“ handelt es sich um den Mord an dem Geliebten der Mutter der Sechzehnjährigen, den das Mädchen gleich zu Beginn des Buchs einem Kommissar gesteht. Dieser kann sich angesichts des „kindlich reinen Geschöpfs“ (Verlagstext) die Tat nicht vorstellen. Dank des Tagebuchs der Sechzehnjährigen stellt es sich heraus, dass es sich um ein Unglück „durch eine Verkettung tragischer Umstände“ handelte, für das moralisch die Eltern mit ihrem „Betrug und ihren Lügen“ verantwortlich gemacht werden.

Die Tochter (Barbara Frey)
Idealer Stoff für den Typus „Moralfilm“ mit seiner klaren Warnung vor dem moralischen Verfall, wie er Ende der 50er Jahre Hochkonjunktur hatte, als sich die sozialen Veränderungen auf Grund des Wirtschaftswunders und der sich wandelnden Geschlechterrollen zunehmend bemerkbar machten. Dass hier das Verhalten der Erwachsenen-Generation in der Kritik stand, war kein Widerspruch, da auch die Inhalte der Jugendfilme immer als Reaktion auf ihre Eltern zu verstehen waren. Autor Pilchowski hatte zuvor schon mit seiner Vorlage für den Veit Harlan-Film „Anders als du und ich (§175)“ (1957) seine Eignung für moralische Aufklärung bewiesen, weshalb „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ mit einschlägig erfahrenen Darstellern wie Wolfgang Preiss („Ich war ihm hörig“, 1958) und Ivan Desny („Alle Sünden dieser Erde“, 1958) ganz der angestrebten Richtung entsprach.

Szenen einer Ehe
Das galt auch für die Besetzung von Michael Hinz („Und sowas nennt sich Leben“, 1961) und Barbara Frey in den Rollen der jugendlichen Protagonisten. Frey hatte im Jahr zuvor in „Und keiner schämte sich“ (1960) schon ein Scheidungskind gespielt und erlebte ihr Debut in „Endstation Liebe“ (1958) unter der Regie Georg Tresslers, der mit „Die Halbstarken“ (1956) den Auslöser für die Moralfilme abgeliefert und 1957 in der Otto-Dürer-Produktion „Unter 18“ ein weiteres Mal sein Einfühlungsvermögen für die Belange der Jugend in der Nachkriegszeit bewiesen hatte. Vielleicht der Grund für Otto Dürer, ihn erneut als Regisseur zu verpflichten, dabei übersehend, dass sich Tressler in seinen Filmen nie den warnenden Gestus typischer Moral-Filme aneignete. Im Gegenteil hatten er und Will Tremper in ihren zwei gemeinsamen Filmen „Die Halbstarken“ und „Endstation Liebe“ die ambivalente Situation der Jugendlichen zwischen konservativer Moral und einer sich unaufhaltsam verändernden deutschen Nachkriegsgesellschaft realistisch und ohne erhobenen Zeigefinger beschrieben.

Auch Tresslers Film „Das Totenschiff“ (1959) zeichnete sich vor allem durch seinen pessimistischen Blick auf die menschliche Sozialisation aus. Positiv stimulierende Zukunftsaussichten waren von ihm kaum zu erwarten, wie sie der herausgebende Verlag angesichts der Buchvorlage noch für möglich hielt:

„Dass es sich nicht um einen Mord, sondern um einen Unglücksfall handelt, entlastet die Eltern nicht, lässt ihnen aber die Hoffnung, das verloren gegangene Vertrauen ihres Kindes wieder zurückzugewinnen.“

Der Liebhaber (Ivan Desny)
So eindeutig die Botschaft des Buches, so indifferent zwischen konservativer Warnung und desillusionierter Zustandsbeschreibung wurde das filmische Ergebnis. Im Moral-Film war die geografische und soziale Verortung von besonderer Bedeutung, da er oft an Brennpunkten wie Berlin (West) oder im Ruhrgebiet spielte. Obwohl die Außenaufnahmen der österreichischen Produktion in Wien stattfanden, verzichtete Tressler auf  diesen Bezug und siedelte die Handlung in Deutschland an. Diesen generelleren Ansatz nutzte der Regisseur für die Konzentration auf eine kleine Gruppe, deren inneren Zustand er gleich zu Beginn bei der Dinner-Party im Haus von Juttas wohlhabenden Eltern offenbarte: der Vater (Wolfgang Preiss), angesehener Geschäftsmann, die Mutter (Nina Sandt), attraktive Ehefrau und Gastgeberin, ihr Liebhaber (Ivan Desny) und die offensichtlich am Vater interessierte Frau (Senta Wengraf) eines Kollegen – einzig Jutta (Barbara Frey) glaubt noch an das Funktionieren der Ehe ihrer Eltern.

Die zukünftige Frau (Senta Wengraf)
Nur kann man diesen daraus keinen Vorwurf machen, da sie ihr angespanntes Verhältnis offen gegenüber ihrer Tochter kommunizieren, sogar über die rechtlichen Konsequenzen einer Scheidung mit ihr sprechen. Trotz ihrer Entfremdung bewahren sie einen disziplinierten Umgang – nur einmal brechen die inneren Gefühle aus ihnen heraus, als sie ihm zu verstehen gibt, dass ihr Geliebter gewusst hätte, wie man mit Frauen umgeht, und er sie daraufhin ohrfeigt. Doch Jutta, die die Schuld an dem Zerwürfnis allein ihrer Mutter und deren Geliebten gibt, will nicht wahrhaben, dass auch ihr abgöttisch geliebter Vater untreu war. Selbst als ihre Mutter eine Puderdose zugeschickt bekommt, die ihr nicht gehört, die sie aber in einem Hotel vergessen haben soll, glaubt die Tochter noch an eine Verwechslung. Ihr zuliebe arrangieren sich die Eltern noch einmal, aber von Lügen oder äußerlich behaupteter Harmonie, wie es in der Romanvorlage betont wird, ist hier wenig zu spüren.

 Hans (Michael Hinz) und Jutta
Auch Jutta ist nicht das „kindlich reine Geschöpf“ aus dem Buch. Sie lässt sich auf Hans (Michael Hinz) ein, obwohl ihr sein Drängen zuerst missfällt. Hans steht hier stellvertretend für die Opfer moralischer Verwahrlosung. Seine Eltern verbringen ihre Zeit mit wechselnden Partnern und haben den jungen Mann deshalb zu seinem Onkel nach Deutschland ausquartiert, wo er inmitten von moderner Musik und aufreizender Literatur in seiner Fantasie-Welt lebt. Der Staatsanwalt wird später von seinem schlechten Einfluss reden, den er wegen seiner negativen Weltsicht auf Jutta ausübte. Von ihm hat sie auch die Pistole. Sollte Hans als abschreckende Figur dienen – ein im Moral-Film üblicher Charakter – misslang diese Absicht. Der junge Mann wirkt in seiner stilisierten Bindungslosigkeit zu Familie und jeder gesellschaftlichen Institution verloren und um äußerliche Sicherheit bemüht, aber als Einziger auch zu Emotionen fähig. Es ist die stärkere Jutta, die ohne sein Wissen seine Waffe an sich nimmt.

Barbara Frey ist in ihrem Spiel keine kindliche Angst vor dem Verlust von Sicherheit und Vertrautheit anzumerken, im Gegenteil verliert Jutta trotz ihrer Jugend nie die Kontrolle über sich. Ihr Weg zu dem Liebhaber ihrer Mutter wird nicht von Unsicherheit begleitet, sondern zeigt eine junge Frau, die mit der Waffe in der Hand bewusst vorgeht. Ob sie ihn töten wollte, bleibt offen, aber ihr Schuss fällt aus Entfernung und ist weder die Folge tragischer Umstände, noch eines Gerangels. Hier handelte kein verzweifeltes Opfer, sondern eine Täterin, um sich ihre Illusionen zu bewahren. Mit ihrem Geständnis bei der Polizei will sie nicht, wie im Roman, den Verdacht von den Eltern fern halten, sondern reagiert damit auf ihren Vater, den sie auf einem Rock’n Roll-Konzert mit einer Frau antrifft, die er zu heiraten gedenkt. Es ist der einzige Moment im Film, in dem er heiter wirkt. Juttas Gesichtszüge bleiben dagegen stoisch, fast regungslos erträgt sie die polizeilichen Untersuchungen, nicht mehr zu Emotionen fähig.

Am Beispiel einer gutsituierten Bürgerfamilie entlarvte „Geständnis einer Sechzehnjährigen“ den äußerlichen Glanz der Wirtschaftswunderjahre als hohle Fassade und spiegelte mit seiner kaum Lebensfreude ausstrahlenden Inszenierung die innere Entfremdung seiner Protagonisten wider. Aber der Film musste auch dem moralischen Auftrag der Romanvorlage gerecht werden, sollte vor den Folgen einer Ehescheidung für die Trennungskinder warnen. Entsprechend betroffene Gesichter machen die Eltern angesichts ihrer inhaftierten Tochter, predigt der Staatsanwalt von schlechtem Einfluss und Schuld der Erwachsenen und beschränkt sich der Richter deshalb auf zwei Jahre Jugendhaft – mit der Aussicht, diese vielleicht noch auf Bewährung aussprechen zu können. Doch Tressler hatte zuvor eindeutige Schuldzuweisungen vermieden, hatte kein kindliches Opfer hochstilisiert, um mit dem Mitgefühl des Publikums rechnen zu können, sondern ließ es in das desillusionierte Gesicht einer jungen Frau blicken. 

"Geständnis einer Sechzehnjährigen" Österreich 1961, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Eberhard Kleindorff, Johanna Sibelius, Robert Pilchowski (Roman)Darsteller : Barbara Frey, Michael Hinz, Nina Sandt, Wolfgang Preiss, Ivan Desny, Rose Renee RothLaufzeit : 83 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler:

Montag, 15. Juli 2013

Haie und kleine Fische (1957) Frank Wisbar

Inhalt: 1940 – der 18jährige Hans Teichmann (Hansjörg Felmy) und seine Kameraden Gerd Heyne (Horst Frank), Emil Stollenberg (Thomas Braut) und Vögele (Ernst Reinhold) treten ihren ersten Dienst als angehende Offiziere auf dem Minensuchboot „Albatros“ an, und lassen sich ihre gute Laune auch nicht von dem unfreundlichen Empfang durch Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) vermiesen. Im Gegenteil – schon bald überqueren Teichmann und ein Freund den nahe gelegenen See mit ihrer Jolle, bis sie fast mit einem Motorboot zusammen stoßen, dem Teichmann unfreundliche Worte hinterher ruft.

Zurecht wie er findet, auch als er erfährt, dass die Frau seines Flotillen-Chefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) am Steuer saß. Zur Strafe muss er ihr beim Einkauf und der Einrichtung der Wohnung helfen, aber die Nähe zu der jungen und hübschen Frau Engelmann (Sabine Bethmann) empfindet Teichmann zunehmend als Vergnügen. Als er sie küsst, wehrt sie sich einen Moment nicht, weist ihn dann aber von sich, womit sein Job bei ihr beendet ist. Kurz darauf sticht er mit dem Minensuchboot in See, wo es zu dramatischen Ereignissen kommt, in die auch sein Flotillen-Chef verwickelt wird…


Obwohl der Kriegsfilm seit der "08/15" - Trilogie (1954/55) erfolgreich in den deutschen Kinos lief, hielten sich die Produzenten mit der Darstellung von Kampfhandlungen merklich zurück. Das änderte sich mit "Der Stern von Afrika" und "Haie und kleine Fische", die kurz nacheinander im Herbst 1957 in die deutschen Lichtspielhäuser kamen. Basierte "Der Stern von Afrika" noch auf der Biografie eines bekannten Kampffliegers und stand in der Tradition zuvor entstandener Kriegsfilme, die der Thematik auf diese Weise einen seriösen Anstrich geben sollte ("Canaris" 1954), verarbeitete der sonst unbekannt gebliebene Schriftsteller Wolfgang Ott in "Haie und kleine Fische" seine persönlichen Erfahrungen als Soldat der Marine und wirkte auch am Drehbuch der Verfilmung mit.

Sein überraschender Erfolg als Autor stand signifikant für die damalige Sehnsucht nach Stoffen, die das Erleben eines durchschnittlichen Soldaten im Krieg wiedergaben, weshalb "Haie und kleine Fische" stilbildend für die zukünftigen Kriegsfilme werden sollte. Im Mittelpunkt steht der angehende Marine-Offizier Hans Teichmann (Hansjörg Felmy), der als gerade 18jähriger kurz nach Kriegsbeginn auf einem Minensuchboot dient, bevor er 1941 an Bord eines U-Bootes versetzt wird. Das gab Regisseur Frank Wisbar die Gelegenheit, zuerst Gefechte auf See zu zeigen, bevor er die intensiven Erlebnisse der Männer unter Wasser mit der Enge an Bord, Luftknappheit und Torpedoangriffen wiedergab, die vom Gegner mit Echolot-Suche und Wasserbomben beantwortet wurden. Geschickt verband Wisbar dazu originale Aufnahmen mit gespielten Szenen, was einen authentischen Eindruck hinterlässt, auch wenn einzelnen davon die Studio-Atmosphäre anzumerken ist.

Regisseur Frank Wisbar hatte zum Zeitpunkt seines ersten deutschen Films nach dem Krieg schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit "Anna und Elisabeth" war er 1933 erstmals bei den Nationalsozialisten angeeckt, die seinen Film als Verstoß "gegen das gesunde Volksempfinden" betrachteten, bevor er mit "Fährmann Maria" (1936) zwar wenig Begeisterung bei Joseph Göbbels auslöste, aber einen exemplarischen Fantasy-Film mit Sybille Schmitz in der Hauptrolle ablieferte. 1946 drehte er mit "Strangler of the swamp" ein Remake des Films in Hollywood, nachdem er 1938 in die USA emigriert war, da seine halbjüdische Frau unter die Rassegesetze fiel. Erfolg hatte er dort erst, als er begann, für das Fernsehen zu arbeiten und daraufhin eine eigene Produktionsgesellschaft aufbaute. Seine Rückkehr nach Deutschland wurde von der Intention begleitet, die jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, weshalb er nach "Haie und kleine Fische" mit "Hunde, wollt ihr ewig leben" (1958), "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959) und "Fabrik der Offiziere" (1960) drei weitere während des 2.Weltkriegs spielende Filme herausbrachte, die trotz ihres offensichtlichen Unterhaltungscharakters eine kritische Betrachtungsweise versuchten.

Die bemerkenswerteste Szene in "Haie und kleine Fische" erinnert direkt an Wisbars Schicksal. Horst Frank, der Teichmanns Freund und Kameraden Gerd Heyne spielt, der gerade zum Oberleutnant befördert wurde, sinniert angesichts des Todes seines Vaters im KZ Bergen-Belsen darüber, was denn wäre, wenn er eine Frau heiratet, die nicht jüdisch wäre wie seine Großeltern. Dann wären seine Kinder Achtel-Juden und hätten eine Überlebenschance - nur kurz danach erschießt er sich selbst. Abgesehen von dieser kurzen, spät im Film angeordneten Sequenz, die verdeutlicht, dass die nationalsozialistische Ideologie in jeden Lebensbereich eindrang, taucht sie im übrigen Film nicht mehr auf. Stattdessen verkörperte Hansjörg Felmy den Typus des unangepassten Burschen, der zwar freiwillig zur Marine geht und auch für sein Vaterland kämpfen will, darüber hinaus aber jede soldatische Disziplin vermissen lässt und auch einen Vorgesetzten schlägt, wenn es der moralischen Gerechtigkeit dient  - eine idealisierte Mischung aus Kriegsheld und antiautoritärem Geist, die mehr die Coolness der 50er Jahre, als das Soldatenleben in der Wehrmacht abbildete.

Der Beginn des Films erinnert entsprechend an eine Sommerfrische. Während ihr Vorgesetzter Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) nur Wert auf korrekte Kleidung und respektvolles Grüßen legt, darüber hinaus aber nichts vom soldatischen Handwerk versteht, vergnügt sich Teichmann mit Freunden beim Segeln und hilft der Frau seines Flottillenchefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) "zur Strafe" für freche Bemerkungen beim Einkaufen und Einrichten der Wohnung. Da es sich bei Frau Engelmann (Sabine Bethmann) zudem um eine hübsche und junge Frau handelt, kann Charmeur Teichmann einfach nicht dagegen an, mit ihr anzubändeln - zwar wird er von ihr zurückgewiesen, aber nur weil es Sitte und Anstand so verlangen. Die "Tragik" dieser verhinderten Liebesgeschichte, die sich durch die gesamte Handlung zieht, kann ihren konstruierten und unrealistischen Charakter zwar nicht ablegen, förderte aber Hansjörg Felmys Reputation als ganzer Kerl und Womanizer.

Felmy, der auch in "Der Stern von Afrika" mitspielte (ebenso wie Horst Frank), gab die wichtige Identifikationsfigur, die die linear erzählte und sich vorhersehbar entwickelnde Story unbedingt benötigte. Seine Kriegserlebnisse - Lebensgefahr, Erfolg, Mannschaftsfeiern, aber auch großes Leid und der Verlust enger Freunde - deckten sich mit den Erfahrungen vieler Betrachter, ohne das schwierige Themen wie Kriegsverbrechen oder ideologische Verflechtungen berührt wurden. Selbst der Feind wird auch in den gefährlichsten Momenten kaum einmal sprachlich verdammt, so dass der Film keinen Moment vermitteln kann, warum es überhaupt zum Krieg gekommen war und welche Ziele damit verfolgt wurden. Schuld daran sind abstrakt die "Haie" - also die Nationalsozialisten - die die "kleinen Fische" - die Soldaten  - einem gefährlichen und sinnlosen Abenteuer aussetzten. Diesen Abenteuer-Charakter vermittelt zumindest der Film, der Teichmann die Gelegenheit gibt, zu zeigen, dass er ein mutiger Kämpfer ist, der sich damit letztlich auch den Respekt seines U-Boot-Kommandanten Jochen Lüttke verdient, den Wolfgang Preiss als autoritären Offizier gibt, der für den ängstlichen Berichterstatter - kein Soldat und der Partei nahe stehend - nur Verachtung übrig hat. Seine Bemerkungen wirken aus heutiger Sicht kleinlich und unsouverän, sprachen den ehemaligen Soldaten aber aus dem Herzen.

"Haie und kleine Fische" galt zum Zeitpunkt seiner Entstehung als "Anti-Kriegsfilm" und an Frank Wisbars Intention lässt sich auch nicht zweifeln, aber gleichzeitig wird deutlich, welche Kompromisse notwendig waren, um mit einem Kriegsfilm an der Kinokasse Erfolg zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt der Film nicht nur verharmlosend, sondern regelrecht naiv in der völligen Abwesenheit einer alles beherrschenden Diktatur. Zudem spielte Felmy den Soldaten in einer Mischung aus kernigem Held und Freigeist, wie er in der Realität nicht hätte überleben können, mit der die Identifikation 1957 aber leicht fiel. Dass der Film Kampfhandlungen konkret zeigte und Teichmann am Ende als Einer von Wenigen überlebte, genügte schon als Kritik an einem Krieg, der noch nicht lange genug vorbei war, um ihn in auch nur annähernd ermessen zu können.

"Haie und kleine Fische" Deutschland 1957, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Alf Teichs, Wolfgang Ott (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Horst Frank, Wolfgang Preiss, Sabine Bethmann, Mady Rahl, Siegfried LowitzLaufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Frank Wisbar:

Donnerstag, 16. Mai 2013

Rosen für den Staatsanwalt (1959) Wolfgang Staudte


Inhalt: April 1945, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs – der Gefreite Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) wartet darauf, dass er dem Militärgericht vorgeführt wird. Wirklich ernst nimmt er die Situation nicht, da er nur dabei erwischt wurde, wie er sich zwei Dosen Schokolade „organisiert“ hatte, wie es auch bei vielen Offizieren üblich war. Doch er gerät an den Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held), der von Wehrkraftzersetzung und Verrat an der Sache spricht, offensichtlich noch vom Glauben an den „Endsieg“ beseelt, und für den es in dieser Angelegenheit nur eine angemessene Strafe gibt – die Todesstrafe. Doch Kleinschmidt hat Glück – beim morgendlichen Marsch zum Standgericht, werden sie von einem Flugzeug angegriffen, und er kann in dem entstehenden Chaos fliehen. Das von Schramm unterschriebene Todesurteil flattert ihm dabei zufällig entgegen.

1959 – in der BRD sind die Folgen des Wirtschaftswunders überall ersichtlich. An allen Ecken wird gearbeitet und den Menschen geht es wirtschaftlich gut, nur Rudi Kleinschmidt fristet als fahrender Händler ein wenig illustres Dasein. Einzig das Todesurteil, das er immer bei sich trägt, verhilft ihm hin und wieder zu einer gewonnenen Wette, während seine Verkaufserlöse schwach sind. Von den Lastwagenfahrern Karl (Wolfgang Müller) und Paul (Wolfgang Neuss) wird er in einer Großstadt abgesetzt, wo er Lissy (Ingrid van Bergen) besuchen will, eine alte Freundin. Damit gerät er, ohne es zu ahnen, wieder in die Nähe von Dr. Schramm, der nach dem Krieg zum Oberstaatsanwalt aufgestiegen ist…


Zwischen Regisseur Wolfgang Staudte und der von ihm erdachten Figur Rudi Kleinschmidt, lassen sich Parallelen feststellen. Weniger hinsichtlich des Erfolges, den Staudte dank seiner Regie-Tätigkeit erlebte - im Gegensatz zu dem fahrenden Händler Kleinschmidt (Walter Giller) - als hinsichtlich seiner Haltung zur Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg. Auch Staudte war Teil der nationalsozialistischen Filmindustrie, übernahm eine kleine Rolle im Propagandafilm "Jud Süss" (1940) und drehte mit "Akrobat Schö-ö-ö-n" 1943 seinen ersten Langfilm, bevor er in Ungnade fiel und nur dank Heinrich Georges Intervention nicht den Wehrdienst antreten musste. Rudi Kleinschmidt entkommt dem Tod ebenfalls nur dank eines Eingriffs von Außen. Weil er Schokolade gestohlen haben soll, wird er von dem Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held) noch unmittelbar vor dem Ende des Kriegs zum Tode verurteilt, kann aber fliehen, als ein feindliches Flugzeug das Strafkommando angreift.

So wie Rudi Kleinschmidt sein eigenes Todesurteil in die Hände flattert als Beweis für den menschenverachtenden Irrsinn im Generellen, aber auch für die Mittäterschaft des Einzelnen, so entstanden nach dem Krieg Staudtes Filme "Die Mörder sind unter uns" (1946) und "Rotation" (1949), die sich der der Schuld-Thematik stellten, ohne einseitig zu verurteilen. Staudte verarbeitete damit auch seine eigene Rolle während des Nationalsozialismus, geriet aber zwischen die Mühlen des "Kalten Krieges", da diese Filme bei der DEFA unter sowjetischer Führung entstanden waren und von der westlichen Seite abgelehnt wurden. Seine Verfilmung des Heinrich Mann Romans "Der Untertan" (1951) wurde in der BRD sogar für fünf Jahre verboten und erstmals 1971 ungeschnitten gezeigt - zu einem Zeitpunkt als Staudte schon viele Jahre regelmäßig für das westdeutsche Fernsehen arbeitete. 1952 hatte er noch die Forderung des BRD-Innenministerium, nicht mehr für die DEFA zu arbeiten, abgelehnt, aber nach Eingriffen in seine geplante DEFA-Verfilmung von "Mutter Courage" entschied sich der gebürtige Saarländer endgültig in der BRD zu bleiben.

Aus dieser Zeit stammt seine Aussage "wie schwer es sei, die Welt verbessern zu wollen mit dem Geld von Leuten, die die Welt in Ordnung finden", was sich auch weiterhin bewahrheitete, denn in den folgenden Jahren sollte es ihm nicht gelingen, eine Finanzierung für seine zeitkritischen Projekte zu bekommen. Bis 1959 dauerte es, bis mit "Rosen für den Staatsanwalt" ein Unterhaltungsfilm entstand, dessen ironisch-desillusionierter Charakter Staudtes Haltung widerspiegelte, indem er seine Gesellschaftskritik unter dem äußeren Gewandt einer Komödie verbarg, die ihm diese Produktion erst ermöglichte.

Die Überblendung vom Chaos der letzten Kriegstage zu einer in der Sonne strahlenden, frisch glänzenden BRD, in der an allen Ecken gewerkelt wird - begleitet von schmissiger 50er Jahre Musik - könnte nicht kontrastreicher sein. Einzig Rudi Kleinschmidt wirkt darin wie ein Fremdkörper, wenn er auf die gut gefüllten Teller sieht, die der Kellner einen Moment lang auf seinem Tisch abgestellt hatte. Er selbst kann sich ein solches Essen nicht leisten. Erst als er eine Wette dank seines Todesurteils gewinnt, spendiert ihm der Lastwagenfahrer Paul - Wolfgang Müller wie immer gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Wolfgang Neuss - eine Mahlzeit. Doch das Todesurteil ist mehr Fluch als Segen, denn es hängt wie ein Damoklesschwert über Rudi Kleinschmidt, der sich in einer Umgebung nicht mehr zurechtfindet, die von dieser Vergangenheit, die er schwarz auf weiß bei sich trägt, nichts mehr wissen will - ähnlich dürfte es auch Staudte empfunden haben.

Besonders gelungen ist "Rosen für den Staatsanwalt" in den Momenten, in denen die Menschen mit diesem kleinen Schriftstück konfrontiert werden. Werner Peters, seit seiner Hauptrolle in "Der Untertan" auf die Rolle des opportunistischen Kleinbürgers spezialisiert, Kabarettist Werner Finck und Komödiant Ralf Wolter sind großartig als Durchschnittsbürger, die erst mit Erstaunen und Empörung reagieren, bevor sie die Sache wieder zu den gedanklichen Akten legen, da sie Nachteile für ihr eigenes Dasein befürchten. Einzig Werner Peters als Bauunternehmer Otto Kugler geht persönlich zu Oberstaatsanwalt Dr. Schramm, dessen Unterschrift unter dem Todesurteil steht, aber keineswegs um dessen damaliges Vorgehen als Kriegsgerichtsrat anzuprangern, sondern um ihn dazu zu erpressen, bei städtischen Bauvorhaben ein Wort für seine Firma einzulegen.

Waren diese ironischen Anspielungen noch hinzunehmen, durfte besonders die Figur des Oberstaatsanwalts, die stellvertretend für eine Justiz stand, die den Übergang zwischen Diktatur und Demokratie ohne größere personelle Verluste hin bekommen hatte, nicht zu sehr konfrontieren. Martin Held entwarf den Dr. Schramm als Abbild eines deutschen Patriarchen, der zu Hause Moral und Anstand predigt, bei sich selbst aber gerne eine Ausnahme macht. Dank seines pointierten Spiels gelingt Held die Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und ernsthafter Charakterisierung, aber sein Festhalten an den Idealen der Nazi-Zeit, das er zu Beginn beweist, als er einem Mann die Flucht ermöglicht, für den schon ein Haftbefehl wegen antisemitischer Äußerungen vorlag, schwächt die Wirkung dieser Figur ab. Zwar orientierte sich Staudte damit an einem realen Vorfall, aber innerhalb des generell noch sehr konservativen Klimas Ende der 50er Jahre, galt eine konkrete Parteinahme für nationalsozialistische Ideale als ungeschickt.

So wird Dr. Schramm zu einem Präzedenz-Fall, der bei der Entnazifizierung zudem gelogen haben soll – eine beschönigende Darstellung, da der größte Teil der Justizbeamten nach dem Krieg übernommen wurde und die Überprüfungen keineswegs streng waren, wie noch der Fall des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger im Jahr 1978 bewies, dessen Akten aus den Jahren 1943 – 45 selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig eingesehen werden konnten. Dem Film daraus einen Vorwurf zu machen, wäre übertrieben, denn „Rosen für den Staatsanwalt“ ist zuerst ein Unterhaltungsfilm, der trotz seiner unterschwelligen Kritik ein großes Publikum erreichen konnte. Dieser Tatsache ist es zudem geschuldet, das Wolfgang Staudte Rudi Kleinschmidt auch ein wenig Glück gönnte – in Person der selbstständigen und emanzipierten Lissy Flemming (Ingrid van Bergen), deren Moral noch nicht vom Pragmatismus erschlagen wurde. Für diese Zeit eine sehr modern gestaltete Frauenrolle.

Am Beispiel von „Rosen für den Staatsanwalt“ ließe sich trefflich diskutieren, welche Form der Inszenierung geeigneter ist, um gesellschaftskritische Inhalte zu transportieren. Ein Unterhaltungsfilm, der seine Kritik satirisch formuliert, dabei in Kauf nehmend, dass sie nicht wahrgenommen wird, oder ein ernsthafter, konkret den Finger in die Wunde legender Film, der nur ein zahlenmäßig kleines Publikum erreicht. Nachdem Wolfgang Staudte gemeinsam mit Harald Braun und Regisseur Helmut Käutner eine eigene Produktionsgesellschaft gegründet hatte, brachte er 1960 „Kirmes“ heraus, eine kompromisslose Abrechnung mit der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg. 1964 erschien mit „Herrenpartie“ sein letzter Film, der sich mit den Folgen des Nationalsozialismus auseinandersetzte, der ihm heftige Kritik und den Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ einbrachte. Beide Filme wurden vom damaligen Publikum abgelehnt und sind heute nahezu unbekannt – nur „Rosen für den Staatsanwalt“ hat überlebt.

"Rosen für den Staatsanwalt" Deutschland 1959, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang Staudte, George Hurdalek, Darsteller : Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Werner Peters, Werner Finck, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Ralf Wolter, Laufzeit : 94 Minuten

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