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Samstag, 20. September 2014

Alle Sünden dieser Erde (1958) Fritz Umgelter

Inhalt: Dr.Regine Lenz (Barbara Rütting) arbeitet als Assistenzärztin in einem städtischen Krankenhaus, argwöhnisch beobachtet von ihrem Chefarzt, der sich nicht an Frauen in dieser Position gewöhnen will. Auch ihr Vater (Herbert Kroll), ein pensionierter Witwer, in dessen Haus sie noch lebt, verlangt von ihr trotz ihres anstrengenden Jobs ihre hausfraulichen Pflichten zu erfüllen, während ihr jüngerer Bruder (Peter Vogel) alle Freiheiten genießt, obwohl er die Schule und Ausbildung geschmissen hatte. Dass er auf seinen mager bezahlten Job keine Lust mehr hat hat, weiß sein Vater nicht.

Die größte Freude ist es deshalb für Regine, dass ihr Verlobter sie mit seinem Auto abholt, das er sich dank seiner neuen, gut bezahlten Festanstellung als Arzt leisten kann. Endlich könnten sie heiraten, aber stattdessen gesteht er ihr, die Tochter seines Chefs ehelichen zu wollen. Das müsste sie verstehen, denn sonst hätte er den Job nicht bekommen. Es tröstet sie auch nicht, dass er ihr schwört, nur sie zu lieben. Sie will aussteigen und greift ihm dabei ins Lenkrad, was zu einem für ihn tödlichen Unfall führt. Leicht verletzt flieht sie vom Unfallort, aber ein drogensüchtiger Patient hatte sie gesehen, als sie bei ihm eingestiegen war und erpresst sie. Er braucht Morphium, das sie ihm aus dem Krankenhaus besorgen soll…


Die 50er Jahre gelten nach wie vor als letzte Bastion moralischen Anstands, bevor die 60er mit ihrer "sexuellen Revolution" die Wende zur heutigen freizügigen Gesellschaft einläuteten. Die Klischees von klaren Geschlechterrollen und intakten Familienverhältnissen verdanken ihre Langlebigkeit auch dem Kino, dessen immenser Output an Heimatfilmen, musikalischen und sonstigen Komödien dieses Bild bis heute prägen. Dabei lässt die Beschwörung dieser vermeintlichen Idylle auch die Notwendigkeit erkennen, einer Realität nachhelfen zu müssen, die diesem Ideal nicht entsprach - letztlich auch der Anlass für die in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts aufkommenden moralisch motivierten Dramen ("Die Halbstarken", 1956), die mit unverhohlen formulierten Warnungen eine Entwicklung aufhalten wollten, die schon unmittelbar nach dem Krieg einsetzte.

Auch Produzent Wolf C.Hartwig wird heute vor allem als Initiator des semi-dokumentarischen Sex-Films der frühen 70er Jahre angesehen, der mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) eine Popularitäts-Welle lostrat, ohne das es noch bekannt ist, dass die Wurzeln seiner Erotik-Filme schon in den 50er Jahren zu finden sind. Nach seinem frühen Dokumentarfilm "Bis fünf nach zwölf - Adolf Hitler und das 3. Reich" (1953) dauerte es noch vier Jahre, bis er mit "Liebe, wie die Frau sie wünscht" (1957) seinen ersten Spielfilm produzierte, der eine Reihe ähnlich gelagerter Filme nach sich zog, die als "Schmuddel-Filme" betrachtet wurden, weil sie der propagierten Außendarstellung der Gesellschaft widersprachen. Sein zweiter Spielfilm "Alle Sünden dieser Erde" kann in dieser Hinsicht als prototypisch gelten, da Hartwig darin in dichter Folge Aspekte behandelte - Drogenmissbrauch, Abtreibung, Frauenknast, Promiskuität, Sex und Prostitution - die selten mit den 50er Jahren assoziiert werden.

Die gesamte Story um Unfallflucht und verratene Liebe bettete er in eine kaputte Familienkonstellation mit rückständigem Vater (Herbert Kroll), fleißiger, aber nicht anerkannter Tochter (Barbara Rütting) und einem Hallodri als Sohn, dem der junge Peter Vogel so ziemlich alle negativen Charaktereigenschaften verlieh, die faulen und verwöhnten Jugendlichen nachgesagt wurden. Besonders schön perfide die Szene, in der Willi (Peter Vogel) seinen alten, kränklichen Vater erneut bestiehlt und als Alibi einen Einbruch vortäuscht, ohne zu bemerken, dass dieser auf Grund der Geräusche gerade einem Herzinfarkt erlegen ist. Die ganze Mühe hätte er sich sparen können. Auch hinsichtlich der Nacktdarstellungen ließ sich Wolf C.Hartwig nicht lumpen, weshalb es nicht erstaunt, dass "Alle Sünden dieser Erde" wenig Reputation erfuhr, obwohl der Produzent bewährtes Personal an Bord hatte.

Drehbuchautor Johannes Kai hatte bei seiner intensiven Zusammenarbeit mit Regisseur Hans H.König schon bewiesen, dass auch das Heimatfilm-Genre über einen erotischen Subtext verfügen kann ("Heiße Ernte", 1956) und blieb noch über Jahre hinweg Hartwigs Begleiter ("Der schwarze Panther von Ratana", 1963). Der viel beschäftige Fernseh-Regisseur Fritz Umgelter unterbrach kurz seine TV-Karriere und mit Albert Lieven, Paul Dahlke und Ivan Desny gehörten weitere renommierte Darsteller zum Ensemble. Auch Wolfgang Büttner glänzte erstmals in einer Hartwig-Produktion als Moralapostel - eine damals noch unumgängliche Figur, um einen solchen Film in die Kinos bringen zu können. Hier gab er einen toleranten Priester, der auch für die tief gefallenen Schäfchen noch ein offenes Ohr und natürlich einen guten Ratschlag parat hat. In "Die Wahrheit über Rosemarie" (1959) spielte er später einen Psychologen, der über die Prostitution als "heilbare Krankheit" sinniert.

Trotz dieser erst ganz am Ende auftretenden relativierenden Figur - nur Ivan Desny bewahrt in seiner Rolle als engagierter Anwalt noch den Glauben an das Gute im Menschen - hielt sich der Film mit dem erhobenen Zeigefinger wohltuend zurück. Zu verdanken ist das dem Spiel Barbara Rüttings, die ohne zu lamentieren ihren Weg von der studierten Ärztin zur Prostituierten geht. Dr. Regine Lenz hatte ihrem Verlobten bei einem gemeinsamen Ausflug mit dessen neuen Auto ins Lenkrad gegriffen, nachdem dieser ihr offenbart hatte, die Tochter seines Chefs zu heiraten. Natürlich nur aus Karriere-Gründen, Sex wollte er weiter mit ihr haben. Damit verursachte sie einen für ihn tödlich ausgehenden Unfall, flieht aber vom Unfallort, ohne sich der Polizei zu stellen. Ein drogenabhängiger Patient, der zufällig gesehen hatte, dass sie in dessen Auto eingestiegen war, erpresst sie, ihm Medikamente auszuhändigen – und bringt damit ihren Niedergang ins Rollen.

Die herbe Schönheit Rütting - zuvor schon Hauptdarstellerin in "Liebe, wie die Frau sie wünscht" – entsprach nicht dem braven, unschuldig wirkenden Typus, was sie für diese Rolle prädestinierte, deren Schicksal sie mit einer solch stoischen Gelassenheit ertrug, dass sie trotz ihrer menschlichen Verfehlungen inmitten ihrer selbstsüchtigen Zeitgenossen zur Identifikationsfigur wird. Paul Dahlke als schmieriger Unternehmer, ihre frühere Kommilitonin Hannelore (Marion Blanc-Evert), die gemeinsam mit ihrem Mann eine geheime Abtreibungs-Klinik trotz ihres abgebrochenen Medizin-Studiums führt, und eine Vielzahl weiterer selbstzufriedener Zeitgenossen geben hier Parade-Beispiele rücksichtsloser Kapitalisten in der „Wirtschaftswunder-BRD“ ab, die das Abrutschen Regines in die Kriminalität als lässliche Sünde ansehen lassen.

„Alle Sünden dieser Erde“ entfaltete um seine sympathische Protagonistin das wunderbar polemische Kaleidoskop einer egoistischen Sozialisation. Leider blieb dem Film die Anerkennung als Gesellschaftskritik wegen seines so unterhaltenden, wie kalkulierten Charakters versagt, zeigte aber schon früh Wolf C. Hartwigs Gespür für tabuisierte Realitäten.








"Alle Sünden dieser Erde" Deutschland 1958, Regie: Fritz Umgelter, Drehbuch: Johannes Kai, Darsteller : Barbara Rütting, Peter Vogel, Ivan Desny, Paul Dahlke, Albert Lieven, Wolfgang Büttner, Laufzeit : 96 Minuten

Sonntag, 14. September 2014

Die feuerrote Baronesse (1959) Rudolf Jugert

In Erinnerung an Joachim Fuchsberger, mit 87 Jahren gestorben am 11.09.2014 

Inhalt: Frühjahr 1944 - Bei einem Fliegerangriff auf Deutschland springt der englische Agent Tailor (Joachim Fuchsberger), dank seiner deutschen Mutter die Sprache perfekt beherrschend, heimlich in der Nähe Berlins ab, verletzt sich aber bei der Landung leicht an den Zähnen. Erwartet wird er von einem Mitglied einer Fronttheater-Gruppe, bei der er unerkannt unterkommen kann, um unauffällig in der Hauptstadt herauszufinden, wie weit die Entwicklung der Atombombe schon fortgeschritten ist.

Als Kontaktperson wurde ihm die Spionin Szaga de Bor (Dawn Addams) genannt, bekannt als Nachclub-Sängerin „Die feuerrote Baronesse“, die er in Berlin aufsucht. Obwohl sie ihm einen wichtigen Hinweis gibt, traut Tailor der frivolen Dame nicht, da zuletzt ein Agent enttarnt wurde. Um näheres über einen wenig überzeugenden Archäologen zu erfahren, der höchstwahrscheinlich zu dem Atomwaffen-Forscherteam gehört, begibt er sich in die Zahnarztpraxis von Professor Reimer (Hans Nielsen), seine Zahn-Verletzung nutzend. Dabei begegnet er der hübschen Zahnarzthelferin Juliane (Wera Frydtberg), mit der er anbandelt, obwohl er weiß, dass es sich um die Tochter des Oberst der Gestapo Urbaneck (Paul Dahlke) handelt, ahnt aber nicht, wie nah dieser ihm schon auf den Fersen ist…


Der Trench steht ihm schon gut
"Der Frosch mit der Maske" (1959) unter der Regie Harald Reinls startete nicht nur die Edgar-Wallace-Reihe, sondern gilt auch für seinen Hauptdarsteller Joachim Fuchsberger als Sprungbrett weg von den Musikkomödien und Heimatfilmen der 50er Jahre ("Mein Schatz ist aus Tirol", 1958), hin zu einem der führenden deutschen Kriminalfilm-Darsteller der 60er Jahre. Dass er gemeinsam mit Harald Reinl zuvor schon zwei Kriegsfilme drehte ("Die grünen Teufel von Monte Cassino" und "U47 - Kapitänleutnant Prien", 1958), die seinen kommenden Status als Action-Helden förderten, ist noch bekannt, vergessen hingegen ist die kurze Phase seiner Zusammenarbeit mit Regisseur Rudolf Jugert, mit dem er zwischen 1958 und 1960 drei Filme drehte.

Gehört "Eva küsst nur Direktoren" (1958) noch in die Kategorie leichter Komödien, leitete ihr Anfang 1959 und damit vor "Der Frosch mit der Maske" herausgekommener zweiter Film "Die feuerrote Baronesse" schon einen Imagewandel für Fuchsberger ein. Seine Rolle als englischer Agent Tailor, der in Nazi-Deutschland herauszufinden versucht, wie weit die Entwicklung einer Atom-Bombe fortgeschritten ist, bot Fuchsberger die Möglichkeit, sich sowohl als smarter Frauen-Typ, als auch als souveräner Held in den Vordergrund zu spielen – selbst die Gelegenheit, in Ruhe seine Pfeife zu rauchen, ließ er sich von den Nazi-Schergen nicht verderben, obwohl diese ihm besonders in der Person eines mit allen Klischees gewaschenen SS-Obersturmbannführer (von Werner Peters mit gewohnter Perfidität gespielt) zunehmend auf den Leib rücken.

Trotz der von Jugert eingefügten dokumentarischen Aufnahmen, beanspruchte der Film keine historische Authentizität, sondern ist reine Fantasie in der Schilderung eines Katz-und Maus-Spiels zwischen dem nach seinem Fallschirm-Absprung bei einer Fronttheater-Gruppe untergetauchten Tailor und Oberst Urbaneck (Paul Dahlke) von der Gestapo, der ihm schnell auf der Spur ist. Zwar ließ „Die feuerrote Baronesse“ in Tailors Liebesgeschichte mit Juliane Urbaneck (Wera Frydtberg), Tochter des Gestapo-Obersts, auch bitter-süße Momente zu, und spielte der angebliche Heldentod ihres gefallenen Bruders auf die Propaganda-Lüge um den Flieger-General Ernst Udet an – die am Ende entdeckte Wahrheit über den Tod seines Sohnes zerstört das Weltbild Urbanecks – aber eine kritische Haltung gegenüber der jüngeren Vergangenheit entfaltete der Film darüber hinaus nicht, sondern ordnete alles einer Spannungs-Schraube unter, deren stark kontrastierenden Schwarz-Weiß-Bilder und leicht verruchten Anspielungen nicht zufällig auf die Edgar-Wallace-Reihe hinwiesen.

Autor J.Joachim Bartsch, der die Agenten-Story erdachte, schrieb nicht nur die Drehbücher zu den zwei Reinl-Kriegsfilmen, sondern war auch an zwei frühen Wallace-Verfilmungen der Rialto-Film-Produktionsgesellschaft beteiligt (nach „Der Frosch mit der Maske“ noch "Die Bande des Schreckens", 1960), so dass von einer stilistischen Linie in Fuchsbergers Schaffen gesprochen werden kann, in der "Die feuerrote Baronesse" zwischen Kriegs- und Kriminal-Genre einen zentralen Platz einnahm. Zudem schrieb Bartsch auch das Drehbuch zu Jugerts kommender Kolportage über den Mord an der Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959), deren libertäres Sexualverhalten hier die Nachtclub-Sängerin Szaga de Bor (Dawn Addams) übernahm, deren rotes Haar für den Filmtitel verantwortlich war.

Ihre Gesangs-Nummer mit erotisch anzüglichem Inhalt erinnert schon an spätere Wallace-Gepflogenheiten, ebenso ihre zwielichtige Rolle als Kontaktperson für Tailor, der ihr nicht traut und sie für eine Doppelagentin hält. Zwar verdankt er ihr einen wichtigen Hinweis, der ihn zu dem Zahnarzt Professor Reimer (Hans Nielsen) führt, aber lieber fängt er etwas mit dessen hübscher Zahnarzthelferin an als mit der frivolen Szaga de Bor, die sich ihm unverhohlen anbietet (auch wenn Dawn Addams dafür etwas zu brav wirkt). Zudem treibt sie ihre Spielchen mit dem Obersturmbannführer, der ihr in verklemmter sexueller Abhängigkeit zu Willen ist. So bekannt diese Voraussetzungen klingen, gelang es Jugert, daraus eine klar strukturierte, schlüssige Handlung in atmosphärischen Bildern zu entwickeln, die mit überraschenden Pointen aufwarten kann. Zwar wies der von Joachim Fuchsberger verkörperte Typus schon deutliche Charakteristika seiner zukünftigen Rollen auf, aber in ihrer moralischen Sichtweise war „Die feuerrote Baronesse“ im Vergleich zu den Wallace-Filmen weniger konservativ.

"Die feuerrote Baronesse" Deutschland 1959, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: J.Joachim Bartsch, Darsteller : Joachim Fuchsberger, Dawn Addams, Wera Frydtberg, Paul Dahlke, Hans Nielsen, Werner PetersLaufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rudolf Jugert:

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Die Wahrheit über Rosemarie (1959) Rudolf Jugert

Inhalt: Nachdem Heinz Pohlmann (Jan Hendricks), der als Hauptverdächtiger galt, aus Mangel an Beweisen entlassen werden musste, verfügt der ermittelnde Kommissar (Hans Elwenspoek) über keine neue Spur im Mord an der Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee). Als der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) ihn besucht und mit den Worten beginnt, dass zwei Menschen die junge Frau umgebracht hätten, horcht er auf  - von zwei Mördern war er bisher nicht ausgegangen. Doch Guttberg versteht seinen Hinweis in psychologischer Hinsicht, denn neben dem ausführenden Täter wäre Rosemarie Nitribitt selbst schuld an ihrem Tod, wahrscheinlich schon mit ihrer ersten Entscheidung nach der Entlassung aus der Erziehungsanstalt, die ihr angebotene Arbeitsstelle nicht anzutreten, sondern stattdessen auf den Strich zu gehen.

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, beginnt Guttberg die Geschichte der Nitribitt detailliert nachzuerzählen. In Frankfurt/Main angekommen leiht sie sich von einer älteren Prostituierten 80 Mark, um sich ein paar passende Klamotten zu kaufen. Obwohl sie mit diesem Startgeld schnell Gewinn macht, zahlt sie es nicht zurück, als sie erfährt, dass ihre Kollegin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo diese kurz darauf stirbt. Um an potente Kunden heranzukommen, begibt sie sich zur Anbahnung in Bars, was strafrechtlich verboten ist. Als sie beinahe von einer Polizeikontrolle erwischt wird, kommt ihr der ältere russische Geschäftsmann Alexander Woltikoff zu Hilfe (Walter Rilla), der sie als seine Begleiterin ausgibt. Er gesteht ihr, dass er sich in sie verliebt hat und sie für sich allein haben möchte…



Daran, um welche Wahrheit es sich in "Die Wahrheit über Rosemarie" handelt, lässt der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) gegenüber dem ermittelnden Kommissar (Hans Elwenspoek) von Beginn an keinen Zweifel: zwei Personen haben seiner Meinung nach Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee) getötet - ihr von der Polizei gesuchter (und bis heute nicht entdeckter) Mörder und sie selbst. Drehbuchautor J.J.Bartsch, der auch das Drehbuch zu Jugerts Vorgängerfilm "Die feuerrote Baronesse" (1959) schrieb und im Heimatfilm ("Die Prinzessin von St. Wolfgang", 1957) und Kriegsfilm-Genre ("Die grünen Teufel von Monte Cassino", 1958) zuvor an der Seite von Regisseur Harald Reinl tätig war, versuchte gar nicht erst, erhellende Fakten hinsichtlich des Kriminalfalls zu finden, sondern konzentrierte sich allein auf die Figur der jungen Frau aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die - anstatt die Chancen zu nutzen, die ihr staatlicherseits geboten wurden - auf den Strich ging und damit letztlich die Hauptschuld an ihrem frühen Tod trug.

"Die Wahrheit über Rosemarie" ist in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit, unterstützt von einfachsten psychologischen Weisheiten, die nur eindeutige kausale Zusammenhänge kennen, nahezu unerträglich und weist darin Parallelen zu Veit Harlans "Anders als du und ich (§175)" (1957) auf - nur dass es sich hier statt um Homosexualität um Prostitution handelt. Beide Filme verfolgten eine ähnliche Intention – ein gewisses Mitleid für die vom Virus der Unmoral Befallenen heuchelnd, sollte der semi-dokumentarische Stil zuerst die Gefahren des Verfalls demonstrieren, um daraufhin erzieherische, eine negative Vorbildwirkung verhindernde Maßnahmen zu propagieren. Zynisch ließe sich feststellen, der Tod der Frankfurter Edel-Prostituierten wäre den Machern entgegen gekommen, so folgerichtig wird er hier als Konsequenz ihres Lebensstils dargestellt.

Unterschiedlicher zu Rolf Thieles schon ein Jahr zuvor in die Kinos gekommener „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) hätten Intention und Storyanlage kaum sein können. Während Thieles Film die Ereignisse um Rosemarie für einen satirischen Rundumschlag auf die verlogene Scheinmoral in der Wirtschaftswunder - BRD nutzte, in der die von Nadja Tiller gespielte Rosemarie trotz ihrer Berufswahl die sympathischste Figur abgab, spielte Belinda Lee ein Mädchen aus der Gosse, das dank ihrer Schönheit zwar auch Männer aus besseren Kreisen zu betören wusste, nie aber ihre primitive Herkunft überwinden konnte. Anstatt wohl situierte und verheiratete Freier in den Mittelpunkt zu stellen, die bei ihren Geschäftsterminen in der Großstadt Frankfurt Ablenkung von ihrem bürgerlichen Leben suchten, zauberte „Die Wahrheit über Rosemarie“ einen reichen älteren Herren russischer Herkunft (Walter Rilla) hervor, der es angeblich sehr ernst mit Rosemarie Nitribitt meint. Er verzeiht ihr Vorleben, finanziert Wohnung und Auto, verlangt aber, dass sie ihm treu ist, wenn er sich auf Geschäftsreise befindet.

Die gesamte Konstellation hat nur die Funktion, zu untermauern, dass Rosemarie ihre Chancen, ein bürgerliches Leben zu führen, nicht nutzte. Wieso ausgerechnet die junge, ihn kaum beachtende Prostituierte Gefühle, die „sich nicht kaufen lassen“, bei ihm erzeugt haben soll, bleibt das Geheimnis des älteren Herrn. Entsprechend wenig nimmt sie ihn und seine Bedingungen ernst und gerät in die Bredouille, als er sie zu sich nach Cannes einlädt und nach ihrem Verhalten während seiner Abwesenheit fragt. Nur weil sie lügt beendet er ihre Beziehung, hätte sie ihm gestanden, weiter als Prostituierte gearbeitet zu haben, hätte er ihr angeblich großzügig verziehen – eindeutiger konnte der Film die Schuld nicht zuweisen. Um zu begründen, wieso sie sich trotz dieser Zurückweisung einen luxuriösen Stil in Frankfurt samt Mercedes-Cabrio leisten konnte, ließ der Film den honorigen Russen noch in derselben Nacht an einem Herzinfarkt sterben, was die Nitribitt sofort dazu nutzt, Anspruch auf sein Erbe zu erheben, obwohl es dafür kaum eine Rechtsgrundlage gegeben haben dürfte.

Ausgehend von ihrer Vergangenheit bis zu ihrer Entlassung aus der Erziehungsanstalt – die einzigen echten Fakten, an denen sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ orientierte – erscheint die Charakterisierung der Nitribitt als etwas einfältiges, ungebildetes Mädchen realistischer als die schnell zur eleganten Dame reifende Prostituierte in Thieles Film. Doch das egoistische und zickige Auftreten, mit dem Belinda Lee in ihrer Rolle auch die wenigen ihr wohl gesonnenen Menschen vergrault, wirkt unglaubwürdig - selbst Karl Lieffen als sich um sie bemühender Zuhälter ist dagegen ein echter Sympathieträger - denn die real unscheinbarere Rosemarie Nitribitt wäre so kaum erfolgreich gewesen. Offensichtlich wollte der Film keinen Moment den Eindruck entstehen lassen, dass es irgendeinen, auch nur minutiösen Grund gäbe, um als Prostituierte zu arbeiten. Den einzig liebenden Mann ignorierte Rosemarie, während alle anderen Freier den Eindruck hinterlassen, jederzeit auf sie verzichten zu können oder sie sogar betrügen (Karl Schönböck). Selbst der Luxus, mit dem sie sich umgibt, verliert seine Wirkung, angesichts einer ständig unzufriedenen jungen Frau, die nichts zu schätzen weiß.

So einseitig wertend ihr Niedergang generell geschildert wurde, stehen besonders zwei Szenen signifikant für die moralische Haltung des Films. Paul Dahlke, der schon in Harlans „Anders als du und ich (§175)“ den Kampf gegen die Homosexualität antrat, spielt hier den braven, unscheinbaren Ehemann Reimer, der unter der Kontrolle einer wenig liebenswürdigen Ehefrau steht. Heimlich zweigt er sich Geld ab, bis er genügend zu besitzen glaubt, um zu Rosemarie Nitribitt gehen zu können. Erstmals scheint der Film die bürgerliche Scheinmoral aufzugreifen, aber Reimer will keinen Sex, sondern für Informationen über seine verschwundene Schwägerin zahlen, von der er glaubt, dass sie in den Prostitutionssumpf gezogen wurde. Verzweifelt prügelt er auf die junge Frau ein – eine Reaktion, die der Film keineswegs kritisch betrachtete, trotz der Scham, die Reimer danach empfindet. Ebenso eindeutig sind die Ausführungen des Polizeipsychologen, der am Beispiel seines Sohnes Fred (Claus Wilcke) demonstriert, dass es nur der richtigen Erziehung bedarf, um gegenüber den Versuchungen der Prostitution resistent zu sein. Rosemarie Nitribitt verliebt sich in den gut aussehenden jungen Mann und wendet alle weiblichen Tricks an, um ihn zu verführen – bis sie sich sogar vor ihm entblößt. Doch dank seiner "geistig gesunden" Haltung empfindet er nur Ekel.

„Die Wahrheit über Rosemarie“ ließe sich ähnlich wie Harlans Abhandlung über die Homosexualität nur im historischen Kontext als moralisches Abbild der späten 50er Jahre betrachten, bediente der Film nicht gleichzeitig die Sensationsgier der Zuschauer. Produzent Wolf C.Hartwig hatte schon mit seinem ersten Film „Adolf Hitler – ein Volk, ein Reich, ein Führer: Dokumente der Zeitgeschichte“ (1953) den Weg eines semi-dokumentarischen Stils betreten, mit dem er ein umstrittenes, aber beim Publikum attraktives Thema auf die Leinwand bringen konnte. Mit seinem nachfolgenden Film „Liebe, wie die Frau sich wünscht“ (1957) begann seine Beschäftigung mit dem Sex, die auf direktem Weg zum „Schulmädchen-Report“ (1970) führen sollte. Unter der Regie von Rudolf Jugert, der im Jahr darauf erneut mit Belinda Lee „Der Satan lockt mit Liebe“ (1960) unter der Produktion Hartwigs folgen ließ, widmete sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ nur vordergründig einem realen Thema, dass Hartwig vor allem dazu nutzte, tiefe Einblicke in das Prostitutions-Gewerbe zu wagen.

Entsprechend nehmen die Szenen einer meist leicht geschürzten Belinda Lee bei der Ausführung ihrer Arbeit einen wesentlich größeren Teil ein als in Thieles Nitribitt - Film. Damit wies „Die Wahrheit über Rosemarie“ schon auf das spätere „Schulmädchenreport“ – Rezept hin. Begleitet von dem scheinbar seriösen Kommentar eines Psychologen wurde um Verständnis geworben, gleichzeitig aber moralischer Anstand gepredigt, um den Freiraum für die Darstellung gesellschaftlich tabuisierter Themen zu erhalten. Das relativiert die Handlung aus heutiger Sicht ein wenig, ändert aber nichts daran, dass der Film im Vergleich zu Thieles - auch das spätere Bild der Rosemarie Nitribitt prägende - Gesellschafts-Satire zurecht in Vergessenheit geriet.

"Die Wahrheit über Rosemarie" Deutschland 1959, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: J.Joachim Bartsch, Darsteller : Belinda Lee, Wolfgang Büttner, Claus Wilcke, Walter Rilla, Karl Lieffen, Paul Dahlke, Hans Nielsen, Karl Schönböck, Lina CarstensLaufzeit : 95 Minuten

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Donnerstag, 21. November 2013

Anders als du und ich (§175) (1957) Veit Harlan

Inhalt: Der 17jährige Klaus Teichmann (Christian Wolff) ist nicht nur der Beste seiner Schulklasse, sondern auch ein begabter Maler, der sich der abstrakten Kunst widmet. Gemeinsam mit seinem besten Freund Manfred (Guenther Theil), der einen Roman schreibt, begeistert er sich für moderne, atonale Musik und gegenseitig spornen sie sich an, ihrer künstlerischen Passion zu folgen. Deshalb stellt Manfred seinen Freund auch dem Kunsthändler Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), einem Förderer der modernen Kunst, vor, der gerne junge Männer in seinem mondänen Haus zu gemeinsamen Kunst-Happenings versammelt.

Klaus Eltern, der Bankdirektor Werner Teichmann (Paul Dahlke) und seine Frau Christa (Paula Wessely), sehen seine Begeisterung nicht gerne, die sie unpassend für einen jungen Mann finden, aber Sorgen bereitet ihnen vor allem, dass sich Klaus trotz seines Alters nicht für Mädchen interessiert, sondern die Nähe von homosexuellen Männern bevorzugt. Während es sein Vater mit vergeblichen Verboten versucht, begibt sich seine Mutter zu einem Psychologen, um diesen um Rat zu bitten. Dessen Diagnose führt zu einer folgenschweren Entscheidung...


Regisseur Veit Harlan war während der Phase der nationalsozialistischen Diktatur für eine Vielzahl von Propagandafilmen verantwortlich, darunter der antisemitische Hetzfilm "Jud Süss" (1940), weshalb ihm noch 1944/45, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, alle verfügbaren Ressourcen an Mensch und Material für den Durchhaltefilm "Kolberg" (1945) zur Verfügung gestellt wurden, der von Goebbels Propagandaministerium als "kriegswichtig" erachtet wurde. Obwohl er 1950 endgültig von dem Vorwurf freigesprochen wurde, Mitschuld an dem Völkermord zu tragen - er hatte argumentiert, zur Regie von "Jud Süss" gezwungen worden zu sein - konnte er an die großen Erfolge der NS-Zeit nicht mehr anschließen. Fast alle seiner wenig erfolgreichen Nachkriegsfilme gerieten in Vergessenheit, darunter auch "Anders als du und ich (§175)" von 1957, obwohl dieser bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste und heftige Diskussionen hervorrief.

Ursprünglich sollte Harlans nach einer längeren Schaffenspause gedrehter Film - sein letztes Werk "Verrat an Deutschland" war Mitte 1955 in die Kinos gekommen - unter dem Titel "Das dritte Geschlecht" vertrieben werden, wurde aber von der "Freiwilligen Selbstkontrolle" stark moniert, weshalb Harlan gezwungen war, die ursprüngliche Fassung zu schneiden, einige Szenen nachzudrehen und den Film endgültig zu "Anders als du und ich (§175)" umzubenennen, womit er auf den Stummfilm "Anders als die Andern" aus dem Jahr 1919 anspielte, der sich erstmals offen mit der Homosexualität auseinandersetzte und frühzeitig die Streichung des §175 forderte, unter dem die Ausübung gleichgeschlechtlicher Liebe von Männern unter Strafe gestellt war. Veit Harlan behauptete, angesichts der Kritik an den anti-homosexuellen Tendenzen seines Films, die selbe Absicht gehabt zu haben, wodurch die These entstand, erst durch das Eingreifen der FSK, die das sittliche Empfinden der Mehrheit des deutschen Volkes gefährdet sah, wäre der homosexuellenfeindliche Gestus entstanden.

Einem Vergleich beider Fassungen kann diese These nicht standhalten, richtig ist aber, dass "Das dritte Geschlecht" den §175 zumindest in Frage stellte, während er in "Anders als du und ich (§175)" am Ende vollzogen wird, obwohl die Handlung dafür keine klaren Beweise liefern kann. Harlans Kritik am §175 lässt sich aus seiner Aussage "...dass es zweierlei Homosexuelle gibt – nämlich diejenigen, an denen die Natur etwas verbrochen hat, und diejenigen, die gegen die Natur verbrecherisch vorgehen..." (Zitat Veit Harlan) heraus lesen, womit er die Meinung vertrat, dass Menschen für etwas bestraft werden konnten, woran sie keine persönliche Schuld traf. Entsprechend angereichert ist sein Film mit wissenschaftlich anmutenden Vorträgen von Psychologen, die von der Gefährdung Jugendlicher und noch rechtzeitiger Heilbarkeit der "Krankheit" Homosexualität reden.

Es fällt entsprechend leicht, Harlan die selben perfiden Absichten zu unterstellen, wie er sie schon bei seinen geschickt inszenierten NS-Propagandafilmen bewiesen hatte, aber die Kritik der FSK, "Das dritte Geschlecht" würde die Homosexualität zu wohlwollend darstellen, lässt deutlich werden, dass Harlans Haltung in der BRD, Ende der 50er Jahre, schon einen progressiven Touch hatte. Angesichts der Ungeheuerlichkeit, dass der §175 erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde, wird häufig vergessen, dass "Ehebruch", "Unzucht" - gemeint war außerehelicher Geschlechtsverkehr - und "Kuppelei" bis zur Strafrechtsreform 1969 ebenfalls noch mit Gefängnis bestraft werden konnten. Ursprünglich sollte bei dieser Reform das Strafmaß für "Ehebruch" sogar verdoppelt werden, was die neu gewählte Regierung unter Willi Brandt verhinderte - von einer generellen gesellschaftlichen Akzeptanz konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein.

Die von der FSK geforderten Schnitte an "Das dritte Geschlecht" betrafen deshalb nicht nur die angeblich zu positiv beleuchteten Aspekte der Homosexualität - das Gespräch mit einem sehr seriös wirkenden, homosexuellen Anwalt oder den internationalen Freundeskreis des Kunsthändlers Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), der hier die Rolle des Verführers junger Männer spielte - sondern auch die sexuellen Interaktionen zwischen Mann und Frau. Die ausführlichen Nacktszenen von Ingrid Stenn in der Rolle der hübschen Gerda, die den 17jährigen, vom homosexuellen Fieber schon befallenen Klaus Teichmann (Christian Wolff in seiner ersten Rolle) mit weiblicher Verführungskunst heilen soll, wurden stark gestrichen  - das ihr kurz zu sehender nackter Busen nicht zum Skandal wurde, lag wahrscheinlich an der allgemeinen Thematik - und dem Psychologen wurden die Worte "die Liebe einer Frau" in den Mund gelegt, obwohl er vom Liebesakt redete, womit dem Film das Kunststück gelang, ausschließlich von Sex zu handeln, ohne diesen Begriff zu erwähnen.

Sollte Veit Harlan versucht haben, seine Intention ähnlich unterschwellig zu vermitteln wie in seinen Propagandafilmen, ist ihm das bei "Anders als du und ich (§175)" (ebenso wie bei der Urfassung "Das dritte Geschlecht") gründlich misslungen. Der Film verfügt weder über eine Story, noch einen klaren Handlungsbogen, sondern wirkt wie ein Flickenteppich aus Jugenddrama, Dokumentation, Kriminal- und Gerichtsfilm. Entscheidender ist aber die mangelhafte Charakterisierung der Protagonisten und damit die Schlüssigkeit ihres Handelns. Dass der zuvor so künstlerisch interessierte und sich für seinen Freund Manfred (Guenther Theil) einsetzende Klaus, nach dem Geschlechtsakt mit Gerda nur noch händchenhaltend und von Heirat redend (um die moralischen Regeln zumindest im Nachhinein noch zu erfüllen, obwohl klar ist, dass er nicht Gerdas erster Mann ist) mit ihr zu sehen ist - seine frühere Vergangenheit scheinbar vollständig hinter sich lassend - war selbst einem sittlich gefährdeten Publikum kaum zu vermitteln.

Der zuvor so engagierte und in seiner Aufmüpfigkeit gegen sein bürgerliches Elternhaus sympathische, intelligente junge Mann wird zu einem angepassten Duckmäuser - wenig erstaunlich, dass Harlans Film in der Publikumsgunst keine Chance hatte, da Klaus damit auch nach seiner Bekehrung nicht als Identifikationsfigur funktionierte. Um Nachahmungseffekte zu verhindern, gab sich Harlans Film in der Schilderung homosexueller Vergnügungen zudem bewusst intellektuell abgehoben und zog sich damit Kritik an seiner Sichtweise über zeitgenössische Kunst zu, die nicht weniger homophob daher kam. Im Vergleich zu erfolgreichen Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) oder "Der Pauker" (1958), die ebenfalls die Verführung Jugendlicher und damit die Gefährdung der bürgerlichen Moral in dieser Zeit anprangerten, wird deutlich, dass "Anders als du und ich (§175)" jede Authentizität fehlte. Der Misserfolg des Films beweist, dass die Handlung selbst für ein Publikum unglaubwürdig wirkte, das der Homosexualität nicht wohlwollend gegenüber stand.

Angesichts der neuen Gesetzgebung in Russland, in der jede Homosexualität in der Öffentlichkeit bei Strafe verboten ist, um Heranwachsende nicht zu beeinflussen, fällt es schwer, "Anders als du und ich (§175)" unter dem Aspekt unfreiwilliger Komik oder als im Zeitkontext unterhaltenden Film zu beurteilen. Auch in Deutschland existieren die hier gezeigten Tendenzen noch, aber noch unerträglicher wirkt die Selbstgerechtigkeit, mit der die Eltern von Klaus, gespielt von Paula Wessely und Paul Dahlke, hier handeln. Die Fassungslosigkeit, mit der sie reagieren, als Christa Teichmann (Paula Wessely) wegen Kuppelei angeklagt wird, das eigene Empfinden, sich immer korrekt verhalten zu haben und nie gegen Gesetze zu verstoßen, ist auch heute noch verbreitet - und führt immer wieder dazu, härtere Gesetze zu fordern, ganz im Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit.

Als Christa Teichmann vor den Richter tritt, um ihr Urteil zu erfahren, erhält sie Zustimmung von der anwesenden Öffentlichkeit - eine Szene, die nur in "Das dritte Geschlecht" existiert und erstaunlicherweise in der Endfassung fehlt. Empfehlenswert sind beide Fassungen nicht, außer als Betrachtung einer Geisteshaltung, die bis heute nicht ausgestorben ist.

"Anders als du und ich (§175)" Deutschland 1957, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Fritz Lützkendorf, Hans Habe, Darsteller : Christian Wolff, Paul Dahlke, Paula Wessely, Hans Nielsen, Ingrid Stenn, Friedrich Joloff, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Veit Harlan:

"Kolberg" (1945)

Montag, 20. Mai 2013

Drei Männer im Schnee (1955) Kurt Hoffmann


Inhalt: Der Geheimrat Schlüter (Paul Dahlke) ist zwar schwerreich und Direktor eines großen Konzerns, hat sich aber eine kindliche Lebensfreude bewahrt, die seine Tochter Hildegard (Nicole Heesters), seinen Diener Johann Kesselhut (Günther Lüders) und die Gouvernante Frau Kunkel (Margarete Haagen) regelmäßig in helle Aufregung stürzt. Diesmal hat Schlüter unter dem falschen Namen Schulze den zweiten Platz eines Preisausschreibens seiner eigenen Firma belegt und beabsichtigt als einfacher Mann die gewonnene Reise an einen mondänen Wintersportort auch anzutreten. Er akzeptiert, dass Kesselhut nicht als sein Diener, sondern als wohlhabender Tourist ebenfalls dorthin reist, um ein wenig auf ihn aufzupassen. Er weiß aber nicht, dass seine Tochter hinter seinem Rücken die Hotelleitung informieren wollte, dabei aber unterbrochen wurde, was ungeahnte Konsequenzen nach sich ziehen sollte.

Den ersten Preis hatte Dr. Fritz Hagedorn (Klaus Biederstädt) gewonnen, der die Reise lieber in Geld ausbezahlt bekommen hätte. Der studierte Werbefachmann ist arbeitslos und schämt sich, dass er noch seiner Mutter (Alma Seidler) zu Lasten ist. Doch eine Umwandlung in Geld ist nicht möglich, weshalb er in die verschneiten Berge reist. Zwar in Kenntnis gesetzt, dass ein verkappter Millionär ankommen wird, aber im Unwissen über dessen Identität, glaubt die Hotelleitung in ihm den reichen Fabrikbesitzer zu erkennen und hofiert ihn zu Hagedorns Überraschung, während Herr Schlüter, vermeintlich ein armer Schlucker, mit Verachtung behandelt wird… 


Erich Kästner schrieb seinen Roman "Drei Männer im Schnee" während seines von den Nationalsozialisten verhängten Berufsverbots, weshalb dieser 1934 zuerst in der Schweiz veröffentlicht wurde. Eventuelle Bezüge zur damaligen gesellschaftspolitischen Realität in Deutschland sind trotzdem nicht zu erkennen, denn Kästner konzentrierte sich auf eine originelle Konstellation, die später noch mehrfach Drehbuchautoren beschäftigen sollte - der Tausch eines armen mit einem reichen Mann und die Reaktion ihrer Umgebung auf diese Verwechslung.

Soziologisch handelt es sich um ein interessantes Thema, denn es entlarvt die Behauptung als Lüge, dass man sich bei seinem Urteil auf seinen Verstand verlassen könnte. Gerade Hoteldirektor Kühne (Hans Olden) und Portier Polter (Fritz Imhoff) bilden sich viel auf ihre Menschenkenntnisse ein, weshalb ihre Reaktion bei drei neuen Gästen in ihrem mondänen Wintersport-Hotel sehr unterschiedlich ausfällt. Während der angeblich wohlhabende Johann Kesselhut (Günther Lüders) wie jeder solvente Gast behandelt wird, ist das bei Dr. Fritz Hagedorn (Claus Biederstädt) und Herrn Schulze (Paul Dahlke) völlig anders. Die Beiden hatten den Hotelaufenthalt bei einem Preisausschreiben der Schlüter-Werke gewonnen und passen nicht in die übrige Gesellschaft, da sie sich kostspielige Vergnügungen wie Ski zu fahren oder teure Restaurantaufenthalte nicht leisten können.

Allerdings gab es vor ihrer Ankunft einen geheimnisvollen Anruf im Hotel, der darauf hinwies, dass es sich bei einem der beiden Herren, die ein Preisausschreiben gewonnen hatten, in Wirklichkeit um den Millionär Geheimrat Schlüter handeln soll, was für reichlich Aufregung sorgt. Da Herr Hagedorn aus Sicht der Hotelleitung einen seriösen Eindruck macht, bekommt er prompt eine Suite zur Verfügung gestellt, während Herr Schulze in die unbeheizte Besenkammer muss, weil man den armen Schlucker möglichst schnell wieder loswerden will. Natürlich spricht sich die Geschichte vom heimlichen Millionär schnell herum, was auch gewisse Damen auf den Plan ruft, die nach einem solventen Ehemann suchen. Doch sie unterliegen alle einem Irrtum, denn tatsächlich ist der ärmliche Herr Schulze der echte Millionär. Und Herr Kesselhut ist dessen Diener, der auf diese Weise ein bisschen auf ihn aufpassen soll.

Erich Kästner und Regisseur Kurt Hoffmann, der mit „Das fliegende Klassenzimmer“ schon ein Jahr zuvor einen Kästner-Roman verfilmt hatte und auch diesmal um eine werkgetreue Umsetzung bemüht war, befriedigen mit dieser Geschichte emotionale Grundbedürfnisse. Mit freudiger Gelassenheit kann der Betrachter dabei zusehen, wie dem vermeintlich armen Schlucker das Leben schwer gemacht wird, während der anständige, aber arme Typ aus dem Volke, der Anfang der 50er Jahre als Arbeitsloser noch der Mutter auf der Tasche liegt (und sich dafür angemessen schämt), von den arroganten Hotelleitern verwöhnt wird. Über die reichen, nicht mehr ganz jungen zickigen Frauen, die sich zwecks Wohlstandserhaltung mit allen Mitteln dem vermeintlichen Millionär an den Hals schmeißen, lässt es sich ebenfalls leicht lästern, während sich der so Begehrte in ein anständiges junges Mädel verliebt (Nicole Heesters), ohne zu Wissen, dass diese die Tochter des echten Millionärs ist.

Keine Frage, "Drei Männer im Schnee" ist die Umsetzung eines Wunschtraums, aber die Story macht es sich zu leicht und bedient nur klischeehafte Ressentiments, ohne das kritische Potential, dass diese Konstellation bietet, dafür zu nutzen, einen zwar humorvollen, aber auch entlarvenden Blick auf die Auswirkungen plötzlichen Reichtums bzw. Armut zu zeigen. Paul Dahlke als Geheimrat verliert auch bei den größten Erniedrigungen nie seine Souveränität. Sein Selbstbewusstsein ist offensichtlich so stabil, dass weder ein ungeheiztes Zimmer, noch die skandalöse Verpflichtung, unentgeltlich Eis fegen zu müssen, seiner Laune schadet. Zudem wirkt diese Form der erzwungenen Arbeitsrekrutierung eines vermeintlich armen, aber zahlenden Gastes stark übertrieben und soll den Betrachter zusätzlich gegen die Hotelleitung einnehmen. Hätten diese ihn loswerden wollen, hätte ein einfacher Rausschmiss genügt, aber an einer realistischen Darstellung war den Machern nicht gelegen.

Doch während die Handlung um den Geheimrat noch eine ansatzweise kritische Sichtweise andeutet, verfällt der Film bei der Figur des Dr. Hagedorn endgültig ins Seichte. Claus Biederstaedt ist in seiner Rolle eine Spur zu wohlerzogen, zu bescheiden und anständig. Die Vorzugsbehandlung im Hotel ist ihm selbstverständlich peinlich, die Damen, die sich ihm an den Hals schmeißen, unangenehm und sein ganzes Denken wird nur davon bestimmt, endlich eine Arbeit zu finden, damit er seiner armen Mutter nicht mehr zur Last fällt. Nicht einen Moment gerät er in den Sog der Verführung, fühlt sich durch die Behandlung gebauchpinselt oder lässt es sich einfach nur ungeniert gut gehen. Dagegen flirtete selbst Heinz Rühmann in einer kalkulierten Komödie wie „Der Gasmann“ (1941), die die Bevölkerung während des Krieges ablenken sollte, einen Moment lang mit der Versuchung, bevor er sich wieder dem moralischen Anstand hingab. Das Hagedorn sich mit dem scheinbar armen Herrn Schulze anfreundet, ist nur folgerichtig und nutzt ihnen in doppelter Hinsicht  – der Reiche erhält einen echten Freund und der Arme bekommt die richtigen Beziehungen. Dass der Geheimrat zudem noch eine hübsche Tochter hat, die auf diese Weise an einen Ehemann gerät, der es nicht auf ihr Erbe abgesehen hat, lässt alles in Wohlgefallen aufgehen.

Vielleicht war diese Art Unterhaltung, die flott inszeniert, gut gespielt und mit witzigen Dialogen daher kommt, Mitte der 50er Jahre in der BRD einfach notwendig, denn was Dr.Hagedorn hier an Wohltaten widerfährt, war nur noch wenig zu steigern. Die sanfte Kritik an arroganten und selbstüberheblichen Menschen und die Geschichte vom Aufstieg eines bescheidenen Mannes aus dem Bürgertum zum reichen Schwiegersohn, erinnert an ein Märchen, bei dem am Ende der Held die Prinzessin heiraten darf. Unrealistisch, aber motivierend.

Doch die Klischeehaftigkeit der Charaktere und das einseitige Gut-Böse-Schema lassen in ihrer freudvollen Erfüllung vorhandener Vorurteile übersehen, dass hier nicht die Durchlässigkeit einer modernen Gesellschaft gepredigt wird, sondern die Erhaltung hierarchischer Strukturen. Der Firmenchef besitzt eine natürliche Autorität und ist ein freundlicher und selbstloser Mann, mit dem man auch seinen Spaß haben kann, während Frauen generell – außer es handelt sich um jungfräuliche, heiratsfähige und hübsche Mädchen - und niedere Angestellte hier nur als egoistische und gemeine Zeitgenossen geschildert werden. Auch der scheinbare Aufstieg eines einfachen Bürgers, den Dr. Fritz Hagedorn hier erlebt, täuscht die Chancen einer modernen Gesellschaft vor, denn die Handlung korrigiert nur das, was von Beginn an offensichtlich ist – das ein so feiner, bescheidener und gebildeter Mensch wie Dr.Fritz Hagedorn zur gesellschaftlichen Elite gehört. „Drei Männer im Schnee“ war ein typisches Kind der 50er Jahre, das seine unterschwellige Botschaft geschickt unter dem Deckmantel einer optimistisch stimmenden, menschelnden Komödie verbarg. 

"Drei Männer im Schnee" Österreich 1955, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Erich Kästner (Roman), Darsteller : Paul Dahlke, Claus Biederstaedt, Günther Lüders, Nicole Heesters, Margarethe Haagen, Fritz Imhoff, Laufzeit : 89 Minuten

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