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Freitag, 5. Juni 2015

Mädchen mit Gewalt (1970) Roger Fritz

Inhalt: Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch) sind Arbeitskollegen, aber ihr gemeinsames Interesse gilt nur den Frauen, denen sie nach Feierabend hinterher jagen. Mit Werners schnittigem Auto fahren sie durch München, sprechen Mädchen auf der Straße an oder besuchen alte Bekannte, um ihre Chancen erneut zu testen. Dabei reagieren sie genauso schnell auf Zuwendung wie Ablehnung – die nächste Gelegenheit wartet schon.

Nachdem sie zwei junge Frauen einfach auf der Straße zurückließen, da diese ihnen schon nach kurzer Zeit auf die Nerven gingen, landen sie auf einer Go-Kart-Bahn, wo sie auf eine Gruppe von Studenten treffen. Es kommt zu offenen Feindseligkeiten mit den jungen Männern, von denen sich besonders Werner provoziert fühlt, aber Alice (Helga Anders) versucht zwischen ihnen zu vermitteln und beruhigt die Situation wieder. Die junge Frau ist ganz nach dem Geschmack der beiden Freunde, die ihre Chance wittern, als alle noch zum nächtlichen Baden aufbrechen wollen. Sie nehmen Alice in ihrem Auto mit, haben aber ein ganz eigenes Ziel…


"Mädchen mit Gewalt" , liegt seit dem 20.05.2015 nicht nur erstmals auf DVD / Blue-Ray vor, sondern wurde von Subkultur Entertainment in ihrer "Edition Deutsche Vita" nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Damit wurde nicht nur eine filmhistorische Lücke geschlossen - Roger Fritz' Filme spiegeln sehr genau die soziologischen Veränderungen in der BRD der 60er und 70er Jahre wider - sondern auch meine ganz persönliche Lücke. Aufmerksam wurde ich auf seinen Film Mitte der 70er Jahre auf dem Cover des "Soundtrack" -Albums der Rockgruppe CAN, ohne jemals näher hinter das Versprechen des Filmtitels zu gelangen. Bis zu dieser Veröffentlichung, die hinsichtlich Bildqualität und Ausstattung ein Optimum bietet. Interessant sind der Audio-Kommentar von Roger Fritz und Arthur Brauss, sowie das Interview mit Rolf Zacher nicht nur hinsichtlich ihres Informationswerts, sondern in ihrer selbstverständlichen Haltung, die weit von unserem heutigen Analyse-Denken entfernt ist. Sie waren damals dabei, haben unmittelbar auf ihre Umgebung reagiert und ihr Ding gemacht - genau das sieht man diesem Film in jedem Moment an. (Die grünen Links führen zur OFDb-Bestellseite). 


Schon der Titel klingt verabscheuungswürdig: "Mädchen mit Gewalt" - Gibt es etwas Feigeres und Niederträchtigeres, als gegenüber Frauen Gewalt anzuwenden? - Nicht überraschend, dass Roger Fritz‘ dritter Langfilm nach "Mädchen, Mädchen" (1967) und "Häschen in der Grube" (1969) in die Ecke "Zynischer Reißer" (Katholischer Filmdienst) gestellt wurde, obwohl Klaus Löwitsch für seine Rolle als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet wurde. Doch ähnlich der parallel erschienenen Filme "Deadlock" (Regie Roland Klick) und "Rote Sonne" (Regie Rudolf Thome) blieb Roger Fritz die Anerkennung im Rahmen des "Neuen deutschen Films" versagt und geriet sein Film schnell in Vergessenheit als ein gesellschaftskritische Aspekte effektheischend formulierendes Genre-Werk. Ein Urteil, dass sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten eines Regisseurs zieht, der - ausgehend von Georg Tresslers Film "Die Halbstarken" (1956), über den der 20jährige Roger Fritz eine Bildreportage fertigte, bis zu seiner letzten Regie-Arbeit "Frankfurt Kaiserstraße" (1981) - die soziokulturelle Entwicklung der BRD nach dem Krieg begleitete und wie unter einem Brennglas fokussierte.

Das galt auch für seine Mitstreiter. Mit Klaus Löwitsch, der schon in "Der Pauker" (1958) einen gewalttätigen, kriminellen Jugendlichen als warnendes Beispiel mimte, hatte Fritz 1960 in "...und noch frech dazu" gemeinsam vor der Kamera gestanden, dazu unter Frank Wisbar in dessen NS-kritischen "Fabrik der Offiziere" (1960) einen Wehrmachtssoldaten gespielt, um nach einer Rolle in Marran Gosovs Kurzfilm "Iris auf der Bank" (1965) erstmals in "Mädchen, Mädchen" (1967) Regie, Drehbuch und Produktion zu vereinen. Der Karrierebeginn seiner damaligen Frau Helga Anders, die Fritz in seinen frühen Filmen immer in der weiblichen Hauptrolle besetzte, findet sich ebenfalls im moralisch ambitionierten Film der späten 50er/frühen 60er Jahre wieder. An der Seite Heinz Rühmanns in „Max, der Taschendieb“ (1962) trat sie noch als kecke Tochter auf, bevor sie selbst ins Fahrwasser immer freizügigerer Filme geriet („Das Rasthaus der grausamen Puppen“, 1967).

Auch dem dritten Hauptdarsteller, Arthur Brauss, und Co-Autor Jürgen Knop war dieses Sujet vertraut, dessen beim Feuilleton anrüchiger Ruf übersehen ließ, wie genau sich darin die entstehenden Konflikte durch eine sich verändernde Sozialisation widerspiegelten. Mit „Treibgut der Großstadt“ (1967), „Heißer Sand auf Sylt“ (1968) und „Straßenbekanntschaften auf St. Pauli“(1968) hatte Knop sein Gefühl für den 60er Jahre-Zeitgeist ebenso bewiesen, wie Brauss – hier schon gemeinsam mit Klaus Löwitsch - in „Heisses Pflaster Köln“ (1967, Regie Ernst Hofbauer) und Radley Metzgers „Carmen Baby“ (1967). Kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten zu „Mädchen mit Gewalt“, spielte Roger Fritz noch eine tragende Rolle in der deutsch-italienischen Co-Produktion „Femmine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969) unter der Regie von Alberto De Martino, der darin Emanzipation, sexuelle Revolution und wachsenden Hedonismus zu einer Thriller-Handlung verband. Fritz‘ Rolle eines italienischen Familienvaters, der jede moralische Instanz verliert und Sex nur noch zur Machtausübung und Erniedrigung nutzt, kam einem frühen Abgesang auf die Ende der 60er Jahre noch propagierten Ideale gleich.

In ihrem sezierenden, schonungslosen und letztlich fatalistischen Blick auf die Geschlechterrollen ähneln sich beide Filme, aber Roger Fritz ging in „Mädchen mit Gewalt“ noch darüber hinaus und entwarf eine kammerspielartige Situation, die zwei Drittel des Films prägt, unterstützt von der sparsam eingesetzten „Can“-Musik und einer Kiesgruben-Location, die jeden unnötigen Ballast von der Story fernhalten. Nur die ersten 30 Minuten geben Zeugnis von der Lebenswelt der zwei männlichen Protagonisten Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch), ihrer Arbeit und ihrem Freizeitverhalten, das allein von der gemeinsamen Jagd auf Frauen bestimmt wird. Als eingespieltes Team nehmen sie jede Gelegenheit war, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen, wenn sich nicht der erwartete Erfolg einstellt. Nachdem sie auf einer Go-Kart-Rennbahn Alice (Helga Anders) kennenlernten, die eine vielversprechende Erotik ausstrahlt, gelingt es ihnen, sie von ihrer Gruppe zu separieren und nachts allein mit ihr in einer Kiesgrube zu landen. Zuerst entwickelt sich die Situation wie gewünscht, doch als der jungen Frau bewusst wird, dass die Anderen nicht mehr nachkommen, fordert sie die beiden Männer auf, sie wieder zurückzubringen.

Von besonderer Bedeutung dieser ersten Minuten ist der Konflikt zwischen den beiden knapp über 30jährigen Arbeitskollegen und der Studentengruppe, zu der Alice gehört. Rolf Zacher, der in den Jahren zuvor mehrfach als junger Freigeist in den Filmen von George Moorse auftrat („Der Griller“, 1968), steht für das damalige Selbstverständnis der jungen Männer in ihrem liberalen Umgang mit jungen Frauen – ein Umgang, der 10 Jahre zuvor noch ausgeschlossen und auch 1970 nur in einer Großstadt wie München vorstellbar war. Der Betrachter erfährt nichts von der Vergangenheit von Werner und Mike, aber dass sie mit Anfang 20 noch nicht diese Möglichkeiten hatten, steht außer Zweifel. Das verleiht ihrer permanenten Baggerei etwas getriebenes, wie der Versuch, die eigene Jugend nachzuholen. Zacher und seine Kumpels spüren das sofort und provozieren die „Älteren“ – Alice kann den handgreiflich werdenden Konflikt zwar schlichten, empfiehlt sich damit aber unbewusst noch mehr als Objekt der Begierde.

Der von Roger Fritz nicht autorisierte Alternativ-Filmtitel „Mädchen…nur mit Gewalt“ (gemäß seiner Aussage im Audio-Kommentar) erweist sich schon zu diesem Zeitpunkt als Unsinn. Weder Werner, noch Mike wollen Gewalt anwenden. Im Gegenteil überspielt ihr forsches Vorgehen nur ihre Sehnsucht nach Liebe, die sie sich in ihrer jeweiligen Männer-Rolle nicht zugestehen, die in der später eskalierenden Situation aber von wesentlicher Bedeutung wird. Die Antipoden Werner und Mike stehen geradezu prototypisch für den männlichen Charakter – eine legitime, auch in Theaterdramen übliche Zuspitzung, der nichts „reißerisches“ anhaftet. Werner ist der Macher, Mike gibt sich intelligent und gebildet. Normalerweise eine schwer vorstellbare Verbindung, aber Männer verstanden es schon immer, bei gleichem Interesse Unterschiede zu akzeptieren oder mehr noch, diese für sich zu nutzen. Für die Jagd auf Frauen erweisen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten als vorteilhaft, vorausgesetzt sie kommen gleichberechtigt zum Zug. Doch Alice weckt in beiden Männern eigene Bedürfnisse, weshalb die sonst unterdrückten Empfindungen explosionsartig herausbrechen und zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen.

Die umstrittenste Figur in diesem Dreieck ist die Frauenrolle. Helga Anders, schon optisch dafür prädestiniert, verkörperte eine sexuell freizügig auftretende junge Frau, die nicht nur sofort nackt baden geht, sobald die Drei in der Kiesgrube angekommen waren, sondern selbst nach der Vergewaltigung nie ihr Dekolleté zuhält. Die oberen zwei Knöpfe ihres Kleides waren abgerissen und Roger Fritz, der sich sonst mit Nacktaufnahmen sehr zurückhielt, lässt die Kamera permanent auf ihren nur knapp verhüllten Busen halten und bediente damit nicht nur den Voyeurismus des Betrachters, sondern auch das von Werner formulierte Vorurteil, dass Alice doch selbst schuld an ihrer Situation wäre. Auch das Verhalten der jungen Frau, dass zwischen verzweifelter Wut und Mitgefühl changiert, fördert diesen Eindruck noch.

Diese Form der Inszenierung, die entscheidend zum „reißerischen“ Eindruck beitrug, lässt wiederholt deutlich werden, welche Risiken Filmemacher eingehen, wenn sie vom Betrachter Selbstreflexion einfordern. Zur Entstehungszeit des Films provozierte Alice' Verhalten zwar deutlich mehr, aber an Mikes Ausführungen über die Folgen einer Anzeige wegen Vergewaltigung hat sich bis heute ebenso wenig geändert, wie an dem allgemeinen Urteil über promiskuitiv auftretende Frauen. Auch Mike und Werner – sieht man von der Verheißung einer damals noch frischen sexuellen Liberalisierung einmal ab – stehen stellvertretend für bis heute übliche männliche Charakterzüge. Zwar storytechnisch fokussiert und einer extremen Situation ausgesetzt, aber in ihrer Demaskierung generell gültig. „Mädchen mit Gewalt“ als zeitlos zu bezeichnen, ist deshalb noch zu schwach, auch Attribute wie „zynisch“ oder „böse“ - heute anerkennend gemeint - lassen nach wie vor den Abstand des Betrachters zum Geschehen erkennen. Doch dieser existiert hier nicht und das macht die Größe dieses Films aus.

"Mädchen mit Gewalt" Deutschland 1970, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Roger Fritz, Jürgen Knop, Winfried SchnitzlerDarsteller : Helga Anders, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Rolf Zacher, Astrid Bohner, Monika ZinnenbergLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Roger Fritz:

Mittwoch, 19. November 2014

Frankfurt Kaiserstraße (1981) Roger Fritz

Inhalt: Rolf (Dave Balko) möchte noch ein letztes Mal mit seiner Freundin Susanne (Michaela Karger) schlafen, bevor er am nächsten Tag seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr in Frankfurt antreten muss. Leider werden sie von ihrem Vater (Horst Richter) gestört, der gar nicht begeistert von Rolf ist, und dessen Vater ebenfalls froh ist, dass sein Sohn für 15 Monate aus dem Taunus-Städtchen verschwindet. Doch sie haben die Rechnung ohne Susanne gemacht, die spontan entscheidet, nach Frankfurt zu ziehen, um in der Nähe Rolfs zu bleiben – zu ihrem Onkel Ossi (Kurt Raab), der in einer festen Beziehung mit Tonino (Gene Reed) in der Kaiserstraße lebt.

Dort entwickeln sich parallel dramatische Ereignisse. Von Johnny Klewer (Hanno Pöschl) eingefädelt, verüben zwei seiner Männer einen Bombenanschlag auf einen konkurrierenden Geschäftsmann. Es geht um die Macht in der Drogen- und Bordell-Szene. Klewer ist für seine geschickte Anwerbung junger Prostituierter bekannt. Erst gibt er sich charmant und großzügig, bis er die verliebten Mädchen auf den Strich schickt. Auch die hübsche Susanne fällt ihm sofort ins Auge…


Roger Fritz, Ende des 2. Weltkriegs knapp 9 Jahre alt, wuchs als Mitglied der ersten Nachkriegs-Generation inmitten der sozialen Veränderungen der 50er Jahre auf und erlebte intensiv die Phase früher Jugendauflehnung und des Rock'n Roll, wie sie in dem nach einem Will Tremper Drehbuch entstandenen Film "Die Halbstarken" (1956) thematisiert wurde. Nicht zufällig verdankte er einer Bildreportage über diesen Film den Start seiner Karriere als Schauspieler, denn die Nähe zum Zeitgeist zeichnete auch seinen weiteren Fortgang als Drehbuchautor und Regisseur aus. Nachdem er Luchino Visconti bei dessen Episode für "Boccaccio '70" (1962) assistiert hatte, schuf er mit Filmen wie "Mädchen, Mädchen" (1967) oder "Mädchen mit Gewalt" (1970) exemplarische Werke über die entstehenden sozialen Konflikte auf Grund der fortschreitenden sexuellen Liberalisierung und Emanzipationsbewegung.

Danach folgte ein Jahrzehnt mit TV-Arbeiten und intensiverer Schauspiel-Tätigkeit bis Fritz parallel zu seinen Engagements unter der Regie Rainer Werner Fassbinders ("Berlin Alexanderplatz" (1980), "Lili Marleen" (1981)) noch einen letzten Kinofilm drehte - ausgerechnet eine Produktion der "Lisa-Film", die ihren Erfolg seit Mitte der 60er Jahre Exploitation-Filmen ("El caníbal" (Jungfrau unter Kannibalen, 1980)) oder Sex-Komödien ("Drei Schwedinnen in Oberbayern" (1977)) verdankte. Auch "Frankfurt Kaiserstraße" schien diese Erwartungen zu erfüllen, denn keine Großstadt-Region hatte Anfang der 80er Jahre einen schlechteren Ruf in Sachen Drogen-Kriminalität und Prostitution als Frankfurts Bahnhofsviertel – genau der richtige Stoff für ein Publikum, dass nach moralischen Abgründen gierte.

Entsprechend plakativ kommt der Film zur Sache. Nachdem Hauptdarstellerin Michaela Karger, eine ganz dem damaligen Schönheitsideal entsprechende junge Frau, in ihrer Rolle als noch nicht 18jährige Susanne in einer Liebesszene mit ihrem Freund Rolf (Dave Balko) blank gezogen hatte, wird der zentrale Handlungsort „Frankfurt Kaiserstraße“ mit einem perfiden Bomben-Anschlag zwischen rivalisierenden Banden vorgestellt. Hanno Pöschl als schmierig-schöner Zuhälter Johnny Klewer versucht auf diese Weise sein Macht-Territorium auszubauen und verfügt selbstverständlich über die notwendigen Aufreißer-Utensilien wie Cabriolet und ein feudales Liebesnest, um naive Mädchen erst verliebt und dann zu Prostituierten zu machen. Die Story bemühte sich gar nicht erst, irgendein Klischee auszulassen, sondern entwarf vor dem Hintergrund von Bordellen, Nachtclubs und Sex-Shops einen anti-bürgerlichen Mix, in denen Gewalt und wechselnde Sexual-Partner selbstverständlich zu sein scheinen.

Trotz dieser reißerischen Anlage, widerstand Roger Fritz der naheliegenden Versuchung, die Vorurteile gegenüber den hier lebenden Menschen zu bestätigen, sondern nahm sie ernst mit ihren alltäglichen Problemen. Damit bewies er erneut Gespür für eine Zeit, deren liberale Anmutung täuschte. Zwar hatten sich die sozialen Veränderungen in den 70er Jahren manifestiert, wurde die Pornografie legalisiert und der Paragraf 1356 BGB modernisiert, der bis 1977 geregelt hatte, dass Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemanns (oder Vaters) eine Arbeit annehmen durften, aber in den Köpfen war das vielfach noch nicht angekommen. Besonders der Kontrast Stadt/Land war nach wie vor groß, weshalb Susannes spontane Entscheidung, ihr Elternhaus und damit ihren autoritären Vater (Horst Richter) zu verlassen und zu ihrem schwulen Onkel Ossi (Kurt Raab) nach Frankfurt zu ziehen, kein selbstverständlicher Schritt war. Sie will in Rolfs Nähe sein, der dort seinen Wehrdienst antreten muss.

Auch dessen Ärger mit seinem Vater, als dieser erfährt, dass er mit der Tochter des örtlichen Gasthofbesitzers eine intime Beziehung hat, weshalb er Schwierigkeiten innerhalb der dörflichen Gemeinschaft befürchtet, beruhte auf einer tief verankerten Doppelmoral, die Susannes Vater Sex  mit seiner Angestellten erlaubte, die Liebesbeziehung zwischen den beiden jungen Menschen aber untersagte. In der Beschreibung dieses Konfliktpotentials, das sich mit Susannes Ankunft in der ihr unbekannten Großstadt noch steigert, verzichtete Fritz auf Übertreibungen. Zwar bekommt Rolf – nicht bereit, sich klaglos unterzuordnen -  Probleme bei der Grundausbildung mit seinem Zugführer, braucht Susanne einen Job und tauchen erste Missverständnisse zwischen den Liebenden auf, die sich jeweiligen Versuchungen ausgesetzt sehen, aber davon erzählt der Film mit einer nachvollziehbaren Normalität, die in direktem Gegensatz zum hartgesottenen „Kaiserstraßen“-Klischee steht.

Susannes strenger Vater steckt seiner Tochter noch Geld zu, bevor sie ihn in Richtung Frankfurt verlässt. Die Szenen bei der Bundeswehr kommen trotz des geltungsbedürftigen Obergefreiten, Saufgelagen und Rolfs kurzem Knastaufenthalt wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe ohne die typischen Militär-Extreme aus, sondern beschreiben das stimmige Bild einer Armee zwischen autoritärer Vergangenheit und langsam durchdringender Demokratisierung. Obwohl Rolf fremdgeht, hat die Liebesbeziehung zwischen ihm und Susanne noch eine Chance, aber besonders der selbstbewussten, ihre Sexualpartner frei wählenden Chris (Ute Zielinski) und dem schwulen Paar Tonino (Gene Reed) / Onkel Ossi begegnete Fritz mit einer Selbstverständlichkeit und Sympathie, die keineswegs die Meinung der damaligen Mehrheit widerspiegelte.

Vielleicht lässt sich darin der Grund finden, warum „Frankfurt Kaiserstraße“ trotz der Sex-Szenen und seines Exploitation-Charakters nie den Status eines „Party-Films“ erlangte und heute nahezu vergessen ist. Der von Roger Fritz mit Laiendarstellern (für Michaela Karger, Ute Zielinski und Rolf Belko blieben es die einzigen tragenden Rollen) und Kollegen aus dem Fassbinder-Kreis (Kurt Raab, Hanno Pöschl, Isolde Barth) gedrehte Film passt in kein Schema – reißerisch und plakativ aufgemacht, verbirgt sich dahinter ein sensibler, über das Frankfurter Lokalkolorit hinausgehender Blick in die frühen 80er Jahre, verbunden mit einem hohen Maß an Toleranz für seine Figuren. Leider wurde es Roger Fritz‘ letzte Regie-Arbeit.

Lief als Eröffnungsfilm des 1. Auswärtigen Sondergipfel des Hofbauer Kommando in Frankfurt/Main vom 07. bis 09.11.2014

"Frankfurt Kaiserstraße" Deutschland 1981, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Georg EnsorDarsteller : Michaela Karger, Dave Balko, Hanno Pöschl, Kurt Raab, Ute Zielinski, Gene ReedLaufzeit : 87 Minuten

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