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Mittwoch, 29. Oktober 2014

Gestehen Sie, Dr. Corda! (1958) Josef von Báky

Inhalt: Dr. Corda (Hardy Krüger), Familienvater und Anästhesie-Arzt in der örtlichen Klinik, hat ein heimliches Liebesverhältnis mit der Krankenschwester Gabriele Montag (Eva Pflug), was ihren Kollegen nicht verborgen blieb. Sie versucht deshalb Abstand von ihm zu bekommen und hat den Chefarzt um ihre Versetzung gebeten, aber Corda kann Gabriele noch einmal zu einem Treffen überreden, wofür sie auf ihren geplanten Besuch bei der Volkshochschule verzichtet.

Auf Grund eines Notfalls im Krankenhaus verspätet sich Corda, findet Gabriele aber weder am geplanten Treffpunkt, noch an der Volkshochschule an, wo er sie ebenfalls sucht. Erst als er erneut in den Wald zurückkehrt, wo sie sich üblicherweise verabredeten und die Umgebung absucht, stößt er auf ihren am Fluss liegenden Körper. Gabriele wurde erschlagen. Geschockt und panisch verwischt er seine Spuren, kehrt mit lehmbeschmierten Schuhen ins Krankenhaus zurück und versucht nach außen hin Ruhe zu bewahren. Nach einer unruhigen Nacht neben seiner Frau (Elisabeth Müller) scheint er die Leiche als Mitglied eines Suchtrupps zufällig zu finden, aber die Polizei fasst ihn schnell als Täter ins Auge…

"Gestehen Sie, Dr. Corda!" , von der PIDAX am 14.10.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht, gehört nicht zu den Vorboten der zukünftigen Krimi-Welle um die Edgar-Wallace-Reihe - wie die Vermarktung des Films vorgab, die damit eine falsche Erwartungshaltung erzeugte - , sondern vermittelte in seiner sachlichen Inszenierung ein realistisches Zeitbild der BRD, Ende der 50er Jahre. Drehbuchautor Stemmle beabsichtigte gemeinsam mit Regisseur Josef von Báky eine Kritik an der aus ihrer Sicht veralteten Strafrechtsordnung, die bis heute wenig von ihrer Aktualität verloren hat. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 













Ein schlichterer Beginn ist kaum vorstellbar. Im Stil einer Akte wurden die Credits zu Beginn mit einer Schreibmaschine auf einfaches Papier geschrieben - signifikant für einen Film, der sich um größtmögliche Sachlichkeit bemühte. Drehbuchautor Robert A. Stemmle orientierte sich an dem realen "Fall Hoflehner", einem österreichischen Anästhesisten, der 1955 fälschlich eines Mordes verdächtigt wurde und nur zufällig seine Unschuld beweisen konnte. Die Vorverurteilung auf Grund von Indizienbeweisen, die Funktion der Sachverständigen und die Stellung des Beschuldigten waren für Stemmle Ausdruck einer veralteten Strafgesetzverordnung, deren Reform er wiederholt anmahnte.

Er selbst bezeichnete sich als Spezialisten für Justizirrtümer, hatte 1948 das Drehbuch zu dem DEFA-Film "Affäre Blum" verfasst, der einen Fall während der Weimarer Republik behandelte, verfilmte die Story 1962 erneut, diesmal für das westdeutsche Fernsehen, um ein Jahr später "Der Fall Rohrbach - eine Rekonstruktion" über die Hausfrau Maria Rohrbach als TV-Trilogie herauszubringen. Ihr war vorgeworfen worden, ihren Mann zuerst vergiftet und dann zerstückelt zu haben, weshalb sie 1958 auf Basis eines Sachverständigengutachtens verurteilt wurde. Erst nach vier Jahren Haft wurde dem Urteil in einem Wiederaufnahmeverfahren widersprochen. Tatsächlich war ihr ihre stadtbekannte Leichtlebigkeit zum Verhängnis geworden, die sie in der Augen der Bevölkerung moralisch vorverurteilte - ein wesentlicher Aspekt auch für die Eigendynamik in „Gestehen Sie, Dr.Corda!“.

Die ermordete Krankenschwester Gabriele Montag (Eva Pflug) war die Geliebte des verheirateten Anästhesie-Arztes Dr.Corda (Hardy Krüger), die an diesem Abend ursprünglich zum Englisch-Kurs an der Volkshochschule gehen wollte. Corda hatte sie überredet, sich mit ihm noch einmal zu treffen. Seine Frage, ob sie ihn noch liebt, lässt sie unbeantwortet, aber daran wird deutlich, dass er spürt, dass sie sich von ihm entfernt. Als er sie weder am verabredeten Treffpunkt, noch an der Volkshochschule anfindet, beginnt er sie zu suchen und stößt dabei auf ihre Leiche. Anstatt die Polizei zu rufen, versucht er dilettantisch seine Spuren zu verwischen, begibt sich nach Hause zu seiner Frau (Elisabeth Müller), um am nächsten Morgen als Mitglied einer Suchgruppe scheinbar zufällig die am Fluss liegende Tote zu entdecken. Die Polizei braucht nicht lange, um ihn ins Auge zu fassen. Von seiner Affäre wusste die gesamte Krankenhaus-Belegschaft, Indizien für seine Anwesenheit am Tatort gibt es genügend und die offensichtlichen Lügen, die er der Polizei auftischt, machen ihn zum perfekten Täter.

Leider geht die Story auf die Qualität der Beziehung von Corda und Gabriele später nicht mehr ein, sondern betont nur dessen hektisches Reagieren auf den Tod der Geliebten. Stattdessen wird seine Ehefrau Beate zu einer Idealfigur hochstilisiert, die trotz der erdrückenden Beweislast und seines Betrugs als Einzige an die Unschuld ihres Mannes glaubt. Obwohl er es war, der sich unbedingt mit der Krankenschwester treffen wollte, die schon ihre Verlegung in ein anderes Krankenhaus beantragt hatte, erhält die Liebes-Affäre zunehmend den Charakter einer früheren Sünde, weshalb Corda seine Rolle als Ehemann und Vater einer kleinen Tochter nicht in Frage stellen muss. Offensichtlich wollte Stemmle die Identifikationsfigur Hardy Krüger nicht weiter belasten, um die Tragik des unschuldig Verurteilten Dr.Corda noch zu betonen, und sparte sich den logischen Konflikt zwischen ihm und seiner Frau. Und damit die Frage, wieso er dieser schönen und scheinbar idealen Ehefrau eine Andere vorzog?

Diese manipulative, oberflächliche Charakterisierung, die zudem in einen unnötig dramatisierenden Selbstmordversuch der Ehefrau mündet (der damals noch strafrechtlich hätte geahndet werden müssen) nimmt dem Film ein wenig von seiner sonst realistischen, auf emotionale Schürungen verzichtenden Qualität. Wie schon ein Jahr zuvor in „Die Frühreifen“ (1957) gelang es Regisseur Josef von Báky stimmig die bürgerliche Atmosphäre einer mittelgroßen Stadt einzufangen. Die Arbeit im Krankenhaus, Volkshochschule und selbst das Fassnachts-Treiben erzeugen ein Umfeld der Normalität, in der der Mord durch einen unauffällig wirkenden Mann wie nebenbei geschieht. Auch das Vorgehen der Polizei kommt ohne besondere Härten aus - anders als es der Filmtitel vermuten lassen könnte. Weder setzen sie Corda besonders unter Druck, noch verhalten sie sich ungesetzlich. Für Inspektor Guggitz (Siegfried Lowitz) und seinen Vorgesetzten Oberinspektor Dr.Pohlhammer (Fritz Tillmann) ist der Mann, der seine Geliebte loswerden wollte, einfach der logische Täter, auf den alle Spuren hindeuten. Warum sollen sie sich auf die Suche nach dem großen Unbekannten machen? - Genauso nachvollziehbar verhält sich Cordas Verteidiger (Hans Nielsen), der ohne die aus US-Justiz-Filmen bekannten Tricks auskommt.

Mit einem klassischen Thriller hat der Film entsprechend wenig gemeinsam, auch spielt die Suche nach dem wahren Täter nur eine untergeordnete Rolle. Die Vermarktung betonte leider einen reißerischen Charakter und erzeugte damit eine Erwartungshaltung, die Stemmle und Von Báky weder erfüllen konnten noch wollten. Sie vermieden in der Schilderung der Justiz-Vorgänge jeden Eindruck von Übertreibung, um ihre Kritik an diesem Beispiel möglichst objektiv ausdrücken zu können. Extrem sind nur die Reaktionen der Bevölkerung, die Corda und seine Familie vorverurteilen und massiv bedrohen, womit ihnen die Chance auf ein normales Weiterleben genommen wird. Stemmle wollte damit seinen Wunsch nach einer Reform der Strafgesetzordnung noch betonen, aber geändert hat sich seitdem wenig – die hier gezeigten Abläufe könnten heute noch in ähnlicher Form stattfinden.

"Gestehen Sie, Dr. Corda!" Deutschland 1958, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Robert A. Stemmle, Darsteller : Hardy Krüger, Elisabeth Müller, Lucie Mannheim, Siegfried Lowitz, Hans Nielsen, Eva Pflug, Rudolf Fernau, Paul Edwin Roth, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Josef von Báky:

Montag, 25. November 2013

Die Frühreifen (1957) Josef von Báky

Inhalt: Wolfgang (Christian Doermer) arbeitet unter Tage in einer Essener Zeche. Obwohl er fleißig und sparsam ist, redet der ältere Kollege Messmann (Paul Esser) nicht mit ihm, da er mit dessen Tochter Inge (Heidi Brühl) befreundet ist. Wolfgang beabsichtigt sie zu heiraten, sobald er seine Weiterbildung beendet hat und es sich leisten kann, aber Inge, die ihre Ausbildung zu einer Verkäuferin in einem Essener Mode-Geschäft macht, ist er zu vernünftig und abwartend. Sie möchte etwas erleben und will ihn dazu überreden, sich ein Motorrad zu kaufen, damit sie gemeinsam Ausflüge machen können. Lange widersetzt er sich ihrem Wunsch, aber dann greift er seine Ersparnisse an, um sie nach einer Modenschau, wo seine hübsche Freundin als Mannequin auftritt, mit dem neu erworbenen Motorrad abzuholen.

Doch sein Plan misslingt, denn unter den Gästen befanden sich Günther (Peter Kraus) und seine Freunde, die die Mädchen nach der erfolgreichen Modenschau zu einer Party in die mondäne Villa von Günthers reichen Eltern einladen – anstatt zu Wolfgang steigt sie zu Freddy (Christian Wolff) in dessen Mercedes. Die jungen Männer um Günther verfolgen klare Absichten, aber Freddy gelingt es nicht, Inge herumzukriegen, die anstatt mit zu ihm zu kommen, am frühen Morgen allein nach Hause geht. Dort erwartet sie schon ihr Vater, um ihr die Leviten zu lesen, weshalb sie spontan ihren Koffer packt und auszieht. Als sie nach ihrem Arbeitstag keine Unterkunft findet und Wolfgang nur Unverständnis für ihre Reaktion zeigt, steht sie abends vor Freddys Tür und bittet ihn um Hilfe…


Der Filmtitel "Die Frühreifen" klingt nicht nur ähnlich altmodisch wie "Die Halbstarken", der 1956 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle erfolgreich in den Kinos lief, sondern machte auch kein Geheimnis daraus, auf die selbe Thematik zu setzen: eine deutsche Jugend, die Gefahr lief, Anstand und Moral zu verlieren, verführt von den Errungenschaften eines Wirtschaftswunders, für das ihre Eltern hart arbeiten mussten. Auch Veit Harlans kurz zuvor gedrehter Film "Anders als du und ich (§175)" (1957) warnte unter dem Deckmantel der homosexuellen Thematik vor den Versuchungen der bis in bürgerliche Schichten vordringenden Moderne, die in allen drei Filmen nur zu abschreckenden Konsequenzen führen konnte: sexueller Missbrauch, Gefängnis oder Tod.

Wenig überraschend wurden mit Christian Wolff ("Anders als du und ich (§175)") und Christian Doermer ("Die Halbstarken") zwei wichtige Protagonisten der Vorgängerfilme auch in "Die Frühreifen" in tragenden Rollen besetzt, ergänzt von der damals erst 15jährigen Heidi Brühl, die dank der "Immenhof"-Filme schon ein großer Star in Deutschland war, erstmals Sabine Sinjen und nicht zuletzt Peter Kraus in einer scheinbaren Nebenrolle. Der 18jährige Kraus, der drei Jahre zuvor in "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) seinen ersten Auftritt hatte, begann 1957 auch seine Gesangs-Karriere, besaß aber noch nicht die Reputation seiner Mitspieler Wolff, Doermer und Brühl. Regisseur Josef von Báky, der mit "Münchhausen" (1943) einen großen Erfolg während der NS-Zeit feierte, ohne sich vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen, galt zudem als Spezialist für dramatische und gesellschaftskritische Filme – einen Ruf, den er schon kurz nach dem Krieg mit sogenannten „Trümmerfilmen“ ("...und über uns der Himmel" (1947)) gefestigt hatte.

Er ließ das Drehbuch nach dem Roman "Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann" der Autoren Klaus Bloehmer und Peter Heim anfertigen, aber wie nah sich der Film an die literarische Vorlage hielt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da diese - wie der Autor Bloehmer – heute unbekannt ist. Einzig Peter Heim verfügt noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad, den er seinem Erfolg "Die Schwarzwaldklinik" verdankt, nach dem die gleichnamige Fernsehserie entstand. Letztlich spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung des Films, da der dramatische Aufbau der in Essen, mitten im Ruhrgebiet, spielenden Handlung vorhersehbar blieb und die gängigen Klischees über die deutsche Jugend bedient wurden. Entsprechend nah liegt es, "Die Frühreifen" als veraltetes Abbild der konservativen deutschen Nachkriegsgesellschaft abzutun, aber ähnlich wie in "Die Halbstarken" gelang es auch hier, dank überzeugender Darsteller und eines im Detail mutigen Drehbuchs, die ursprüngliche Absicht des Films zu relativieren.

Christian Doermer wiederholte seine Rolle als solider junger Mann aus "Die Halbstarken", aber wie dort blieb er der unspektakulärste Charakter, weshalb seine Vorbildwirkung schwach geblieben sein dürfte. Zwar sollte der Sprung vom 10m -Turm zu Beginn auch eine verwegene Seite des jungen Arbeiters betonen, der täglich unter Tage fährt, sich weiter bildet und einen Teil seines Gehalts spart, aber Wolfgang (Christian Doermer) agiert gegenüber seiner Freundin Inge (Heidi Brühl) zu unbeweglich und altväterlich, um auf das Publikum attraktiv zu wirken. In der Realität hätte sein Typus sicherlich gute Chancen gehabt, aber im Film bedarf es anderer erzählerischer Mittel, wie der im Jahr darauf entstandene, thematisch verwandte Film "Der Pauker" (1958) bewies, der seine rückständige Botschaft konsequenter ausarbeitete. Dort spielte der inzwischen populär gewordene Peter Kraus zuerst die faszinierende Rolle, um - nachdem er aus den drohenden Konsequenzen die richtigen Lehren gezogen hatte - zu seinem anständigen jungen Mann zu reifen.

In "Die Frühreifen" wurde Peter Kraus dagegen noch als übler Charakter besetzt. Erst stiehlt er zum Spaß ein Auto, um es nach einer verwegenen Verfolgungsjagd mit der Polizei irgendwo abzustellen - er selbst besitzt als Sohn reicher Eltern ein eigenes Cabriolet - dann füllt er junge Mädchen mit Alkohol ab und filmt sie nackt, ohne auf irgendwelche Gefühle Rücksicht zu nehmen. Sein Spiel orientierte sich an James Dean, was besonders in der Schlussszene deutlich wird, in der er weinend zusammenbricht. Sollte der Film beabsichtigt haben, ihn als warnendes Beispiel einer dekadenten, egoistischen Jugend zu brandmarken, kann dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden. In seinem coolen Auftreten wurde Peter Kraus zum heimlichen Star des Films - schade, dass seine steigende Popularität ähnlich zwiespältige Rollen später nicht mehr ermöglichte.

Noch bemerkenswerter, wenn auch weniger plakativ und im Zeitkontext feststellbar, ist die von Heidi Brühl gespielte Rolle der jungen Verkäuferin Inge, deren strenger Vater (Paul Esser) ihr jeden Umgang mit jungen Männern verbietet und sie zu Hause tyrannisiert. Vordergründig spielt sie die Rolle der geläuterten Jugendlichen, die zuerst den Versuchungen erliegt, um nach schrecklichen Erfahrungen wieder auf den Weg der Tugend zurückzukehren, aber - selbst im Vergleich zum aktuellen Hollywood-Film - fiel ihr Buß-Gang sehr schwach aus, der sündig gewordenen Frauen normalerweise abverlangt wurde. Heidi Brühl agierte zudem erstaunlich selbstbewusst – erst zieht sie aus dem Elternhaus aus, beendet die Beziehung zum braven Wolfgang, nachdem dieser ihre Konsequenz kritisiert hatte, um wenig später mit dem attraktiven, aber psychisch gestörten Freddy (Christian Wolff) zusammen zu ziehen, den sie gemeinsam mit seinen reichen Freunden auf einer Party nach einer Modenschau kennengelernt hatte. Nachdem sie erwartungsgemäß mit den Abgründen hinter der glitzernden Fassade konfrontiert wurde, kehrt sie wieder zurück in ihre einfachen, aber anständigen Verhältnisse, ohne sich unterwerfen zu müssen – bis zum Ende verzichtete Josef von Báky auf die üblichen plakativen Korrekturen eines vorherigen Fehlverhaltens. Selbst die Rolle des evangelischen Vikars (Horst Brockmann), der sich als Tugendwächter in alle Angelegenheiten einmischt, wurde für die Entstehungszeit des Films modern angelegt.

Trotzdem lässt sich der Staub der 50er Jahre nicht vollends von „Die Frühreifen“ abschütteln. Die damaligen Aufreger erzeugen heute nur noch ein müdes Lächeln und Bakys Film ist anzumerken, wie sehr er sich um provozierende Details herum winden musste. Obwohl Inge und Freddy in einer Wohnung zusammenleben, sind sie nur einmal bei einem Kuss zu sehen – ihre wahrscheinliche Sexualität wird nicht thematisiert. Zwar lässt Günther (Peter Kraus) an Hand des gefilmten nackten Rückens der jungen und naiven Hannelore (Sabine Sinjen) keinen Zweifel daran, dass sie sich vor ihm auszog, gleichzeitig betont er aber, dass er darüber hinaus kein Interesse an dem Mädchen gehabt hätte. Ähnlich unrealistisch ist die Szene im Leichenschauhaus, denn die Polizei hätte die Jugendlichen auf diese Weise nicht konfrontieren dürfen – hier war der mahnende, moralische Zeigefinger wichtiger als die sonst schlüssige Milieuschilderung, die die eigentliche Qualität des Films ausmacht.

Die hier mit kontrastierenden Bildern von Fördertürmen und modernen Villen gezeigte materielle Diskrepanz war für die entstehenden Konflikte ausschlaggebend, und erinnert daran, dass die Phase eines großen sozialen Gefälles auch in der BRD noch nicht lange vorbei ist. Der nach dem 2.Weltkrieg einsetzende Wirtschaftsaufschwung verteilte die Einkommen zunächst sehr unterschiedlich. Während erfolgreiche Unternehmer sich jeden Luxus leisten konnten, war die Anschaffung eines Motorrads, wie sie hier - wie in „Der Pauker“ – thematisiert wurde, für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter und Angestellten nur mit Ratenzahlungen möglich, verbunden mit der drohenden Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Eine starke Mittelschicht, die diese Unterschiede nivellieren konnte, befand sich erst im Aufbau. Filme wie „Die Frühreifen“ verstanden sich angesichts wachsender sozialer Brennpunkte als Appell an die Jugend, sich von den Verheißungen eines Luxus-Lebens nicht verführen zu lassen, bedienten aber gleichzeitig dessen Faszination. Heidi Brühl und Peter Kraus konnten in ihren Rollen dagegen anspielen, verkörperten als junge Stars aber den Wunsch nach Ruhm und sozialem Aufstieg.

"Die Frühreifen" Deutschland 1957, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Gerda Corbett, Heinz Oskar Wuttig, Peter Heim (Roman), Klaus Bloehmer (Roman), Darsteller : Heidi Brühl, Peter Kraus, Christian Doermer, Christian Wolff, Paul Esser, Sabine SinjenLaufzeit : 87 Minuten


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