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Sonntag, 11. Dezember 2016

Mein Schatz komm mit ans blaue Meer (1959) Rudolf Schündler


Lilo (Renate Ewert) und Hansi (Monika Dahlberg) mit Camillo Felgen von RTL
Inhalt: Camillo Felgen von Radio Tele Luxemburg stellt vor einem großen Publikum die Gewinnerinnen des „Bravo“- Preisausschreibens vor:  Lilo (Renate Ewert), von Beruf Maniküre, und Hansi (Monika Dahlberg), die ihrer Mutter im Haushalt hilft. Von ihr ist der auf den Rängen wild klatschende Bubi Hannemann (Harald Juhnke) so begeistert, dass er sie gegenüber seinem Freund schon als seine zukünftige Frau vorstellt. Der hält ihn für verrückt, aber Bubi hat einen konkreten Plan. Als LKW-Fahrer fährt er demnächst eine Tour nach Italien - genau dorthin, wohin auch die beiden jungen Frauen reisen sollen, um 10000 Mark zu gewinnen. 

Der Wohnwagen wurde von der "Bravo" übergeben - es kann los gehen...
Für diese fängt der eigentliche Wettbewerb jetzt erst an. Mit dem Wohnwagen, der ihnen von der „Bravo“ zur Verfügung gestellt wurde, sollen sie ans Mittelmeer und wieder zurückreisen. Innerhalb von drei Wochen und ohne eigenes Auto. Das Zugfahrzeug sollen sie sich per Anhalter organisieren. Zudem müssen sie unterwegs noch ein paar Aufgaben lösen, kontrolliert von Dr.Karin Beer (Christine Görner), die sie als Journalistin der „Bravo“ begleitet und für die Jugendzeitschrift berichtet. Doch bevor Bubi mit seinem LKW vor Ort sein kann, hat Lilo schon den ersten "Kavalier der Straße“ organisiert. 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Als Genre tritt der "Tourismusfilm" heute kaum in Erscheinung, da er sich vom Schlagerfilm nur wenig abgrenzte und sich stark an einem Zeitgeist orientierte, der sich vehement wandelte. "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" spiegelte den wachsenden Trend zu mehr Aktionismus und einer freizügigeren Optik wider, auch dank der Zusammenarbeit mit der aufstrebenden Jugendzeitschrift "Bravo", die ein besonders junges Publikum ansprechen wollte. Für ruhige Momente an beschaulichen Orten blieb da keine Zeit mehr. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 


Lilo organisert den ersten "Kavalier" (Werner Finck)
Gemessen an den nackten Zahlen, gehörte die Urlaubsreise in den europäischen Süden Ende der 50er Jahre noch zu den exklusiven Vergnügungen in Deutschland - 1960 reiste etwa jeder Zehnte über die Alpen - im schnelllebigen Kino galt sie schon als alter Hut. Wie in den artverwandten Genres Heimat- und Schlagerfilm ging der Trend auch im Tourismusfilm zunehmend in Richtung Aktionismus. Es genügte nicht mehr, malerische Küstenorte vor der untergehenden Mittelmeer-Sonne ins Bild zu rücken, sondern es bedurfte einer abwechslungsreichen und zeitgemäßen Story. Das galt doppelt für eine aufstrebende Jugendzeitschrift wie die "Bravo", deren Auflage seit ihrer Premiere 1956 ständig gestiegen war und die in "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" nicht einfaches "Product Placement" betrieb, sondern eng mit der Franz Seitz Filmproduktion zusammenarbeitete.

Dany Mann singt "Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin"
Offensichtlich zu beiderseitigem Vorteil, denn die Besetzung sowohl vor als auch hinter der Kamera sollte ein möglichst breit gefächertes Publikum erreichen. Der Schauspieler Rudolf Schündler, seit 1950 („Der Geigenmacher aus Mittenwald“) auch im Regie-Fach tätig, und die Autorin Ilse Lotz-Dupont („Wetterleuchten um Maria“, 1957) gehörten in den 50er Jahren zu den Aktivposten im Heimatfilm-Genre (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1958") und hatten schon mehrfach ihre Anpassungsfähigkeit an den Zeitgeist bewiesen. Anders als in "Das blaue Meer und Du", der im letzten Drittel zu einem bebilderten Reise-Prospekt mit Musik wurde, legten sie gemeinsam mit Co-Autor Franz Marischka ("Liebe, Sommer und Musik", 1956) das Gewicht auf eine turbulente Story mit einer großen Anzahl bekannter Film-Stars wie Renate Ewert, Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke und Hans von Bosordy sowie den noch frischen Gesichtern von Christine Görner und Monika Dahlberg. Dazu gesellten sich diverse Show-Acts um die mitspielende Sängerin Dany Mann:

„Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin,
möcht‘ ich küssen, alles wissen, von der Liebe und vom Glück“ 

Lilo gefällt Mercedes-Fahrer Martin (Hans von Bosordy)...
singt sie gleich zu Beginn und gab damit das Motto eines Films vor, in dessen Mittelpunkt verschiedene Varianten der Beziehungsanbahnung stehen. Auch Dany Mann bekam mit dem Sänger Günther Frank einen Partner an die Seite gestellt, aber ihre Rollen als Annabelle und Tommy blieben im Schatten der drei „Haupt-Paare“. Tommy war seiner angebeteten Lilo (Renate Ewert) per Goggomobil an den Comer See gefolgt und Annabelle befand sich als Cousine des reichen Hoteliers Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) auf Grund des Bootrennens dort. Dass sie im Handumdrehen ein Paar werden, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie wie ihre Musiker-Kollegen Ted Herold, Gus Backus oder das Orchester unter der Leitung von Max Greger ausschließlich für die Untermalung im Film zuständig waren.

...ahnt aber nicht, dass der Wagen seinem Chef Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) gehört
Das galt auch für die geographischen Schönheiten im Hintergrund, auf die sich der Film entgegen der Betonung des „blauen Meers“ im Filmtitel nur selten konzentrierte. Stattdessen trieben die Macher das im Tourismusfilm beliebte Motiv des „Reisens per Anhalter“ auf die Spitze. Die zwei Gewinnerinnen eines „Bravo“- Preisausschreibens Lilo und Hansi (Monika Dahlberg) sollen mit einem von der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Wohnwagen innerhalb von drei Wochen ans Mittelmeer und wieder zurück nach München reisen – ohne eigenes Zugfahrzeug. Das müssen sie sich per Anhalter organisieren. Damit noch nicht genug. Als Reise-Reporterin wird ihnen Dr. Karin Beer (Christine Görner) an die Seite gestellt, die nicht nur an einer Kolumne für die „Bravo“ arbeitet, sondern noch einige Überraschungs-Aufgaben parat hat, die die beiden jungen Frauen erfüllen müssen, wollen sie am Ende 10000 Mark gewinnen - darunter innerhalb eines Tages 10 Mark verdienen und eine Nacht im Gefängnis verbringen.

Spielchen auf dem Markus-Platz
Mit einer typischen Urlaubsreise hatte das nichts mehr zu tun. Entsprechend schnell wurden auch die touristischen Höhepunkte abgehandelt. Vor dem Anblick der Salzburg gibt Ted Herold einen Rock’n Roll auf einem Camping-Platz zum Besten, der Comer See dient als Ort für ein rasantes Schnellbootrennen und der Campanile am Markus-Platz bildet die pittoreske Kulisse für die abschließende Aufgabe mit „verbundenen Augen über einen verkehrsreichen Platz zu laufen“. Einmal sitzen Lilo und Hansi beim Rotwein auf einer Terrasse einer Osteria am Mittelmeer und betrinken sich aus Liebeskummer. Ein beschaulicher Ort, an dem sich auch viele Italiener aufhalten. Nur die Musik passt nicht dazu. Es erklingt der Schlager „So lange du einen Freund hast“ des österreichischen Vokal-Quartetts „Die blauen Jungs“, schunkelnde Gäste inclusive. Das „Blaue Meer“, Venedig und typische Italien-Vorurteile, wie der rasende Klein-LKW-Fahrer, der sich in den Bergen des Wohnwagens annimmt, bildeten nur den Rahmen, Authentizität war nicht gefragt.

Bubi (Hans Juhnke) macht die Sache mit Hansi klar...
„Mein Schatz komm mit ans blaue Meer“ hätte sich als Potpourri aus Schlager, Urlaubskulisse und einer Handlung ohne Anspruch auf Logik bis heute seinen Unterhaltungswert bewahrt, steckten die erstaunlich vielen weiblichen Hauptrollen nicht so tief in der Klischeekiste. Hansi ist der hausfrauliche Typ und erhält vom selbstbewussten LKW-Fahrer Bubi Hannemann (Harald Juhnke) schon bei der ersten Verabredung einen Heiratsantrag. Allein das sie „Eisbein mit Sauerkraut“ wie seine Mutter kochen kann, beflügelt seine Liebe. Einen Moment reagiert Hansi ob dieser wenig romantischen Argumentation beleidigt, worauf Bubi schnell einen Strauß Rosen ordern will. Doch sie stoppt ihn und begnügt sich mit einer Rose – sie müssten schließlich sparen. Die Kombination aus rustikalem Kraftfahrer und genügsamer, fleißiger Hausfrau ließe sich heute als ironische Überhöhung verstehen, war damals aber als Sympathieträger ernst gemeint.

...und Paul nimmt Dr. Karin Beer (Christine Görner) die Brille ab
Entgegengesetzt steht die flatterhafte Figur der Lilo, deren wichtigstes Kriterium für die Männer-Wahl in deren finanzieller Potenz zu finden ist. Selbstbewusst weiß sie ihre körperlichen Vorzüge ins Licht zu setzen und glaubt, jeden Mann um den Finger wickeln zu können. Natürlich einzig und allein, um den richtigen Ehemann für die zukünftige Vollversorgung sicherzustellen. Ein Anstand, um den sich die Kamera wenig scherte, die die schöne Renate Ewert meist stöckelnd und leicht geschürzt ins rechte Bild rückte. Selbstverständlich durfte Lilos berechnende Strategie nicht aufgehen. In Salzburg lernt sie den feschen Martin (Hans von Bosordy) kennen, der ihr mit seinem Mercedes-Cabriolet imponiert. Dass er nur der Mechaniker seines Chefs Marzez ist, verrät er ihr (noch) nicht. Der reiche Hotelier interessiert sich dagegen für die studierte Dr.Karin Beer, die hier für den berufstätigen, früh-emanzipierten Frauentyp steht, der seine weibliche Seite freudlos unterdrückt. Ein Fall für „Blacky“ Fuchsberger, der erst einmal dafür sorgt, dass sie ihre Brille abnimmt und ihre schönen Augen hervorkommen. Der Rest läuft dann von allein.

Nimmt man noch die ständig plappernde Annabelle hinzu, die gar nicht versteht, warum sie ihr Cousin stoppen will, ist das Frauenquartett an Vorurteilen komplett, ohne dass der Film diese Charakteristika besonders schwer nahm. Typischer Komödienstoff der späten 50er Jahre, der die beliebten Klischees ungeniert bediente. Am Ende kommen alle vier Damen unter die Haube und feiern den Gewinn von 10tsd Mark mit ihren zukünftigen Männern gemeinsam auf der „Bravo“-Bühne. Mit der „gefährlichen Jugend“ war es damit natürlich vorbei. 


"Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" Deutschland 1959, Regie: Rudolf SchündlerDrehbuch: Ilse Lotz-Dupont, Franz MarischkaDarsteller : Joachim Fuchsberger, Christine Görner, Harald Juhnke, Monika Dahlberg, Hans von Bosordy, Renate Ewert, Dany Mann, Werner Finck, Gus Backus, Ted Herold, Ady Berber, Laufzeit : 93 Minuten

Mittwoch, 14. August 2013

Die Zürcher Verlobung (1957) Helmut Käutner

Inhalt: Die bisher wenig erfolgreiche Schriftstellerin Juliane Thomas (Lieselotte Pulver) beendet enttäuscht die Beziehung mit ihrem untreuen Freund Jürgen Kolbe (Wolfgang Lukschy) und fährt nach Berlin zu ihrem Onkel Dr.Julius Weyer (Werner Finck), einem Zahnarzt, um die Angelegenheit zu verdauen. Damit sie auf andere Gedanken kommt, dient sie sich als Zahnarzthelferin an, zeigt dabei aber nur wenig Engagement. Das ändert sich, als mit Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid) ein attraktiver Mann im Wartezimmer erscheint, der seinen Freund Paul Frank (Bernhard Wicki) begleitet, den die Zahnschmerzen zum Arzt trieben. Obwohl schon mit Alkohol beruhigt, erweist sich Frank wenig souverän im Patientenstuhl, während dessen Freund Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, weshalb sich Juliane Hals über Kopf in ihn verliebt.

Wieder zu Hause in Hamburg, nimmt sie dieses Erlebnis zum Anlass, ein Drehbuch zu schreiben. Den ungehobelten Paul Frank nennt sie darin „Büffel“ und aus ihrer Begegnung mit Dr. Berner lässt sie eine Liebesgeschichte entstehen - selbstverständlich mit Happy-End. Zu ihrer Überraschung wird ihr Drehbuch angenommen und sie soll bei dem Regisseur vorsprechen, bei dem es sich ausgerechnet um den besagten „Büffel“ handelt…


"Die Zürcher Verlobung" gehört zu den unverwüstlichen Komödien des Fernsehzeitalters, die meist an irgendwelchen Sonntagnachmittagen wiederholt werden, was der Reputation nicht unbedingt dienlich war. Dabei drehte Regisseur Helmut Käutner nach seinem Erfolg mit der Zuckmayer-Verfilmung „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) im Jahr darauf neben „Monpti“ noch eine zweite Komödie, die neben ihrem intelligenten, charmanten und witzigen Drehbuch nach dem Roman von Barbara Noack noch eine weitere, Mitte der 50er Jahre im deutschen Film, seltene Eigenschaft aufwies – sie befand sich auf der Höhe der Zeit, oder genauer, war ihr vielleicht sogar ein wenig voraus. Selten beschäftigte sich ein humorvoll angelegter Film dieser Phase so unmittelbar mit der bundesrepublikanischen Gegenwart und wurde zudem von Käutner, obwohl die Handlung unter Filmprominenz und Besserverdienenden angelegt ist, gleichzeitig selbstironisch und ohne kitschige Peinlichkeiten inszeniert.

Neben Liselotte Pulver, die zwischen den Kurt Hoffmann Filmen „Heute heiratet mein Mann“ (1956) und „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957) erstmals mit Helmut Käutner zusammen arbeitete, wählte er nicht zufällig Bernhard Wicki für die Rolle des Regisseurs Paul Frank aus, dessen im Film vertretene Meinung viel über Käutners eigene Haltung verrät. Wicki hatte nicht nur in „Die letzte Brücke“ (1954) unter ihm seine erste Hauptrolle gespielt, er ging noch im selben Jahr bei den Dreharbeiten zu „Monpti“ als Assistent bei ihm in die Lehre, bevor er selbst mit „Die Brücke“ (1959) als Regisseur reüssierte – entsprechend viel Persönliches wird in „Zürcher Verlobung“ spürbar, von Käutner noch auf die Spitze getrieben, indem er selbst in einem Cameo-Auftritt als Journalist äußert, er fände es nicht gut, wenn ein Regisseur in seinem eigenen Film mitspielt. Auch Sonja Ziemann tritt als sie selbst auf und spielt darin mit ihrem Image, nicht die talentierteste zu sein.

Dieser hintergründige, selbstironische Humor zeichnet den gesamten Film aus, der nach außen hin eine scheinbar normale Liebesgeschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht Juliane Thomas (Liselotte Pulver), die in einem großen 50er Jahre - Wohnblock in Hamburg lebt. Zu Beginn sieht man sie enttäuscht Reliquien einer vergangenen Liebes-Affäre verbrennen, um dann - um Abstand zu gewinnen - nach Berlin zu ihrem Onkel, dem Zahnarzt Dr.Julius Weyer (Werner Finck), zu fahren, der sie mit den freundlichen Worten empfängt, wann endlich eine ihrer Beziehungen klappt und sie einen ordentlichen Job findet. Finck wiederholte damit seine Rolle als Zahnarzt in „Heute heiratet mein Mann“, in dem Liselotte Pulver ebenfalls eine selbstbewusste, junge Frau spielte, allerdings noch nicht mit der Konsequenz wie in „Die Zürcher Verlobung“. Die Szene, in der sich Lieselotte Pulver in knappem Negligé über ihren ins Nebenzimmer ausgelagerten Ex (Wolfgang Lukschy) beugt, um die Schallplatte auszumachen, während er versucht, sie zu sich ins Bett zu ziehen, erzählt eine andere Geschichte als im konservativ geprägten Heimatfilm oder moralisch genormten Komödien dieser Zeit – Sex vor der Ehe ist hier genauso selbstverständlich wie unsichere Arbeitsverhältnisse.

Ihre Erlebnisse als Zahnarzthelferin bei ihrem Onkel, hatte die selbstbewusste Juliane in einem Drehbuch umgesetzt, welches sie an diverse Produktionsgesellschaften geschickt hatte. Im Mittelpunkt ihrer Story stehen zwei Männer – Einer, den sie "Büffel" nennt, da er einen besonders unfreundlichen und gleichzeitig feigen Eindruck hinterließ, als er auf denkbar unvorteilhafteste Weise auf dem Zahnarztstuhl randalierte, und im Gegensatz dazu, dessen Freund und Begleiter Dr. Jean Berner (Paul Hubschmid), einem attraktiven Schweizer Arzt, in den sich die junge Frau sofort verliebt, weshalb sie aus dieser Begegnung eine romantische Liebesgeschichte entwickelte. Ihre Freude, als ihr Drehbuch angenommen wird, ist zuerst sehr groß, trübt sich aber, als sie sich bei dem Regisseur des geplanten Films vorstellt, bei dem es sich um Niemand Anderen als den von ihr beschriebenen "Büffel" handelt. Paul Frank (Bernhard Wicki), der sich gut getroffen findet, gefällt das Drehbuch gerade deshalb, hält aber die Liebesgeschichte für unrealistisch und kitschig – besonders das typische Happy-End lehnt er ab.

Von ihm darauf angesprochen, ob sie selbst in seinen Freund verliebt wäre, widerspricht Juliane diesem Verdacht und erfindet in ihrer Erklärungsnot einen anderen Mann, mit dem sie sich demnächst in Zürich verloben würde. Die Titel gebende „Zürcher Verlobung" ist entsprechend eine Fälschung, die der Film zum Anlass für eine Vielzahl an Diskussionen nimmt, die bis heute aktuell geblieben sind. Allein die Frage, ob sich die Story nach dem Willen des Publikums richten soll oder künstlerische Gesichtspunkte wichtiger sind, wird wiederholt aufgeworfen. Beide Haltungen gelten nicht als vereinbar und geben die unterschiedlichen Herangehensweisen an einen Film wider – während der Produzent von Julianes Liebesgeschichte sehr angetan ist und schon die Begeisterung des Publikums vor Augen hat, lässt Regisseur Paul Frank ständig das Drehbuch ändern, um die Story authentischer und realistischer werden zu lassen.

Trotz dieser Thematik blieb Käutner in „Die Zürcher Verlobung" schwerelos und siedelte die Handlung, deren Liebesgeschichte sich unerwartet und untypisch entwickelt, vor den verschneiten Berge um St.Moritz an. Und bewies damit, dass auch deutsche Komödien der 50er Jahre geistreich, witzig und modern wirken konnten.

"Die Zürcher Verlobung" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Heinz Pauck, Barbara Noack (Roman), Darsteller : Liselotte Pulver, Bernhard Wicki, Paul Hubschmid, Rudolf Platte, Wolfgang Lukschy, Werner Finck, Maria Sebaldt, Sonja Ziemann, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner:

Donnerstag, 16. Mai 2013

Rosen für den Staatsanwalt (1959) Wolfgang Staudte


Inhalt: April 1945, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs – der Gefreite Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) wartet darauf, dass er dem Militärgericht vorgeführt wird. Wirklich ernst nimmt er die Situation nicht, da er nur dabei erwischt wurde, wie er sich zwei Dosen Schokolade „organisiert“ hatte, wie es auch bei vielen Offizieren üblich war. Doch er gerät an den Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held), der von Wehrkraftzersetzung und Verrat an der Sache spricht, offensichtlich noch vom Glauben an den „Endsieg“ beseelt, und für den es in dieser Angelegenheit nur eine angemessene Strafe gibt – die Todesstrafe. Doch Kleinschmidt hat Glück – beim morgendlichen Marsch zum Standgericht, werden sie von einem Flugzeug angegriffen, und er kann in dem entstehenden Chaos fliehen. Das von Schramm unterschriebene Todesurteil flattert ihm dabei zufällig entgegen.

1959 – in der BRD sind die Folgen des Wirtschaftswunders überall ersichtlich. An allen Ecken wird gearbeitet und den Menschen geht es wirtschaftlich gut, nur Rudi Kleinschmidt fristet als fahrender Händler ein wenig illustres Dasein. Einzig das Todesurteil, das er immer bei sich trägt, verhilft ihm hin und wieder zu einer gewonnenen Wette, während seine Verkaufserlöse schwach sind. Von den Lastwagenfahrern Karl (Wolfgang Müller) und Paul (Wolfgang Neuss) wird er in einer Großstadt abgesetzt, wo er Lissy (Ingrid van Bergen) besuchen will, eine alte Freundin. Damit gerät er, ohne es zu ahnen, wieder in die Nähe von Dr. Schramm, der nach dem Krieg zum Oberstaatsanwalt aufgestiegen ist…


Zwischen Regisseur Wolfgang Staudte und der von ihm erdachten Figur Rudi Kleinschmidt, lassen sich Parallelen feststellen. Weniger hinsichtlich des Erfolges, den Staudte dank seiner Regie-Tätigkeit erlebte - im Gegensatz zu dem fahrenden Händler Kleinschmidt (Walter Giller) - als hinsichtlich seiner Haltung zur Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg. Auch Staudte war Teil der nationalsozialistischen Filmindustrie, übernahm eine kleine Rolle im Propagandafilm "Jud Süss" (1940) und drehte mit "Akrobat Schö-ö-ö-n" 1943 seinen ersten Langfilm, bevor er in Ungnade fiel und nur dank Heinrich Georges Intervention nicht den Wehrdienst antreten musste. Rudi Kleinschmidt entkommt dem Tod ebenfalls nur dank eines Eingriffs von Außen. Weil er Schokolade gestohlen haben soll, wird er von dem Kriegsgerichtsrat Schramm (Martin Held) noch unmittelbar vor dem Ende des Kriegs zum Tode verurteilt, kann aber fliehen, als ein feindliches Flugzeug das Strafkommando angreift.

So wie Rudi Kleinschmidt sein eigenes Todesurteil in die Hände flattert als Beweis für den menschenverachtenden Irrsinn im Generellen, aber auch für die Mittäterschaft des Einzelnen, so entstanden nach dem Krieg Staudtes Filme "Die Mörder sind unter uns" (1946) und "Rotation" (1949), die sich der der Schuld-Thematik stellten, ohne einseitig zu verurteilen. Staudte verarbeitete damit auch seine eigene Rolle während des Nationalsozialismus, geriet aber zwischen die Mühlen des "Kalten Krieges", da diese Filme bei der DEFA unter sowjetischer Führung entstanden waren und von der westlichen Seite abgelehnt wurden. Seine Verfilmung des Heinrich Mann Romans "Der Untertan" (1951) wurde in der BRD sogar für fünf Jahre verboten und erstmals 1971 ungeschnitten gezeigt - zu einem Zeitpunkt als Staudte schon viele Jahre regelmäßig für das westdeutsche Fernsehen arbeitete. 1952 hatte er noch die Forderung des BRD-Innenministerium, nicht mehr für die DEFA zu arbeiten, abgelehnt, aber nach Eingriffen in seine geplante DEFA-Verfilmung von "Mutter Courage" entschied sich der gebürtige Saarländer endgültig in der BRD zu bleiben.

Aus dieser Zeit stammt seine Aussage "wie schwer es sei, die Welt verbessern zu wollen mit dem Geld von Leuten, die die Welt in Ordnung finden", was sich auch weiterhin bewahrheitete, denn in den folgenden Jahren sollte es ihm nicht gelingen, eine Finanzierung für seine zeitkritischen Projekte zu bekommen. Bis 1959 dauerte es, bis mit "Rosen für den Staatsanwalt" ein Unterhaltungsfilm entstand, dessen ironisch-desillusionierter Charakter Staudtes Haltung widerspiegelte, indem er seine Gesellschaftskritik unter dem äußeren Gewandt einer Komödie verbarg, die ihm diese Produktion erst ermöglichte.

Die Überblendung vom Chaos der letzten Kriegstage zu einer in der Sonne strahlenden, frisch glänzenden BRD, in der an allen Ecken gewerkelt wird - begleitet von schmissiger 50er Jahre Musik - könnte nicht kontrastreicher sein. Einzig Rudi Kleinschmidt wirkt darin wie ein Fremdkörper, wenn er auf die gut gefüllten Teller sieht, die der Kellner einen Moment lang auf seinem Tisch abgestellt hatte. Er selbst kann sich ein solches Essen nicht leisten. Erst als er eine Wette dank seines Todesurteils gewinnt, spendiert ihm der Lastwagenfahrer Paul - Wolfgang Müller wie immer gemeinsam mit seinem kongenialen Partner Wolfgang Neuss - eine Mahlzeit. Doch das Todesurteil ist mehr Fluch als Segen, denn es hängt wie ein Damoklesschwert über Rudi Kleinschmidt, der sich in einer Umgebung nicht mehr zurechtfindet, die von dieser Vergangenheit, die er schwarz auf weiß bei sich trägt, nichts mehr wissen will - ähnlich dürfte es auch Staudte empfunden haben.

Besonders gelungen ist "Rosen für den Staatsanwalt" in den Momenten, in denen die Menschen mit diesem kleinen Schriftstück konfrontiert werden. Werner Peters, seit seiner Hauptrolle in "Der Untertan" auf die Rolle des opportunistischen Kleinbürgers spezialisiert, Kabarettist Werner Finck und Komödiant Ralf Wolter sind großartig als Durchschnittsbürger, die erst mit Erstaunen und Empörung reagieren, bevor sie die Sache wieder zu den gedanklichen Akten legen, da sie Nachteile für ihr eigenes Dasein befürchten. Einzig Werner Peters als Bauunternehmer Otto Kugler geht persönlich zu Oberstaatsanwalt Dr. Schramm, dessen Unterschrift unter dem Todesurteil steht, aber keineswegs um dessen damaliges Vorgehen als Kriegsgerichtsrat anzuprangern, sondern um ihn dazu zu erpressen, bei städtischen Bauvorhaben ein Wort für seine Firma einzulegen.

Waren diese ironischen Anspielungen noch hinzunehmen, durfte besonders die Figur des Oberstaatsanwalts, die stellvertretend für eine Justiz stand, die den Übergang zwischen Diktatur und Demokratie ohne größere personelle Verluste hin bekommen hatte, nicht zu sehr konfrontieren. Martin Held entwarf den Dr. Schramm als Abbild eines deutschen Patriarchen, der zu Hause Moral und Anstand predigt, bei sich selbst aber gerne eine Ausnahme macht. Dank seines pointierten Spiels gelingt Held die Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und ernsthafter Charakterisierung, aber sein Festhalten an den Idealen der Nazi-Zeit, das er zu Beginn beweist, als er einem Mann die Flucht ermöglicht, für den schon ein Haftbefehl wegen antisemitischer Äußerungen vorlag, schwächt die Wirkung dieser Figur ab. Zwar orientierte sich Staudte damit an einem realen Vorfall, aber innerhalb des generell noch sehr konservativen Klimas Ende der 50er Jahre, galt eine konkrete Parteinahme für nationalsozialistische Ideale als ungeschickt.

So wird Dr. Schramm zu einem Präzedenz-Fall, der bei der Entnazifizierung zudem gelogen haben soll – eine beschönigende Darstellung, da der größte Teil der Justizbeamten nach dem Krieg übernommen wurde und die Überprüfungen keineswegs streng waren, wie noch der Fall des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger im Jahr 1978 bewies, dessen Akten aus den Jahren 1943 – 45 selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig eingesehen werden konnten. Dem Film daraus einen Vorwurf zu machen, wäre übertrieben, denn „Rosen für den Staatsanwalt“ ist zuerst ein Unterhaltungsfilm, der trotz seiner unterschwelligen Kritik ein großes Publikum erreichen konnte. Dieser Tatsache ist es zudem geschuldet, das Wolfgang Staudte Rudi Kleinschmidt auch ein wenig Glück gönnte – in Person der selbstständigen und emanzipierten Lissy Flemming (Ingrid van Bergen), deren Moral noch nicht vom Pragmatismus erschlagen wurde. Für diese Zeit eine sehr modern gestaltete Frauenrolle.

Am Beispiel von „Rosen für den Staatsanwalt“ ließe sich trefflich diskutieren, welche Form der Inszenierung geeigneter ist, um gesellschaftskritische Inhalte zu transportieren. Ein Unterhaltungsfilm, der seine Kritik satirisch formuliert, dabei in Kauf nehmend, dass sie nicht wahrgenommen wird, oder ein ernsthafter, konkret den Finger in die Wunde legender Film, der nur ein zahlenmäßig kleines Publikum erreicht. Nachdem Wolfgang Staudte gemeinsam mit Harald Braun und Regisseur Helmut Käutner eine eigene Produktionsgesellschaft gegründet hatte, brachte er 1960 „Kirmes“ heraus, eine kompromisslose Abrechnung mit der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg. 1964 erschien mit „Herrenpartie“ sein letzter Film, der sich mit den Folgen des Nationalsozialismus auseinandersetzte, der ihm heftige Kritik und den Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ einbrachte. Beide Filme wurden vom damaligen Publikum abgelehnt und sind heute nahezu unbekannt – nur „Rosen für den Staatsanwalt“ hat überlebt.

"Rosen für den Staatsanwalt" Deutschland 1959, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang Staudte, George Hurdalek, Darsteller : Martin Held, Walter Giller, Ingrid van Bergen, Werner Peters, Werner Finck, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Ralf Wolter, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte: