Posts mit dem Label Rock Hudson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rock Hudson werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 20. Oktober 2013

Was der Himmel erlaubt (All That Heaven Allows, 1955) Douglas Sirk

Inhalt: Cary Scott (Jane Wyman) ist eine angesehene Bürgerin ihrer Kleinstadt. Nach dem Tod ihres Mannes kümmert sich nicht nur ihre beste Freundin Sarah (Agnes Moorehead) um sie, auch die übrigen Bewohner versuchen die Witwe wieder in das tägliche Leben zu integrieren, denn die Mittvierzigerin lebte zuletzt stark zurückgezogen und kümmerte sich nur noch um ihre erwachsenen Kinder, wenn diese sie einmal besuchten. Als sie sich erstmals wieder bei einem gesellschaftlichen Ereignis zeigt, sind auch die männlichen Verehrer nicht weit, die sich um die attraktive Frau bemühen.

Doch ihr sind die direkten Annäherungsversuche der älteren Herren unangenehm. Dagegen gefällt ihr die Anwesenheit ihres Gärtners Ron (Rock Hudson), der sich höflich und wohltuend zurückhaltend verhält. Sie beginnt sich langsam dem einige Jahre jüngeren Mann anzunähern. Cary ist erstmals seit dem Tod ihres Mannes wieder in der Lage, Gefühle zuzulassen, aber sie rechnet nicht mit dem vehementen Widerstand nicht nur ihrer Mitbürger, sondern besonders ihrer Kinder…


Eine Frau und ein Mann verlieben sich, wollen heiraten, trennen sich nach einem Streit und versöhnen sich wieder - die Story, die Douglas Sirk in "All that heaven allows“ (Was der Himmel erlaubt) erzählt, klingt vordergründig üblich und ist in ihrer Umsetzung doch bis heute einzigartig. Selbst die wenigen Remakes (darunter herausragend "Angst essen Seele auf" (1974) von Rainer Werner Fassbinder) verbeugen sich vor dem Original, indem sie dieses nicht kopierten, sondern im jeweiligen Zeitkontext interpretierten. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Sirk hier eine Geschichte erzählte, die in ihrer Struktur bis heute aktuell blieb.

Sirks Gestaltung des Films wird durch den Vergleich mit dem ein Jahr zuvor gedrehten Film "Magnificent Obsession" (Die wunderbare Macht, 1954) nachvollziehbar. Auch dort spielten Jane Wyman und Rock Hudson schon das Liebespaar, um das sich alles drehte, aber der Grund für den gesellschaftlich motivierten Widerstand gegen ihre Verbindung lag nicht am jeweiligen Status, sondern in den emotionalen Verstrickungen, die ihnen die bewusst unrealistisch konstruierte Story auferlegte. Ob Sirk der kritische Ansatz zu schwach war, lässt sich nur vermuten, aber "Was der Himmel erlaubt" wurde trotz ähnlicher gestalterischer Mittel in seiner Aussage konkreter.

Der Handlungsspielraum beschränkt sich auf einen sehr kleinen Bereich  - eine amerikanischen Kleinstadt und ihre Umgebung - und ist in ihrer Anlage von zeitloser Realität. Cary Scott (Jane Wyman), eine wohlhabende Witwe Mitte 40, lebt allein in ihrem großen Haus und kümmert sich um ihre zwei erwachsenen Kinder Kay (Gloria Talbott) und Ned (William Reynolds), wenn diese am Wochenende vom Studium nach Hause kommen. Gesellschaftlich ist sie sehr anerkannt, Mitglied des örtlichen Clubs und wird von ihrer besten Freundin Sarah (Agnes Moorehead) umsorgt, die sie auch dazu bringt, endlich einmal wieder an einem gesellschaftlichen Ereignis in der Stadt teilzunehmen.

Sirk inszeniert diese Abläufe im Stil amerikanischer Familienfilme, die in ihrer sozialen Dichte immer Idealtypisch wirken. Doch es sind die Details, die die unter der freundlichen Oberfläche verborgenen Zwänge verraten. Mit völliger Selbstverständlichkeit werden von allen Beteiligten Verhaltensweisen vorausgesetzt, nach der eine allein stehende Frau mittleren Alters zu agieren hat. Dabei wird ihr sogar nahe gelegt, sich einen neuen Mann zu suchen (auch von ihren Kindern), was einige der in Frage kommenden älteren Herren auf den Plan bringt. Deren teilweise rücksichtslos forderndes Verhalten lässt erste Risse im beschaulich harmonischen Beieinander erkennen, führt aber zu keinerlei Konsequenzen, da männliche Eroberungsmuster von den Frauen akzeptiert werden.

Typisch für Sirks Filme sind die großen Zeitsprünge zwischen einzelnen Szenen, mit denen er einerseits seine Story vorantreibt, andererseits das Gewicht der Handlung auf punktuelle Momente legt, während er Einwicklungen dazwischen nicht genauer schildert, sondern nur deren Auswirkungen verdeutlicht. Da er diese Zeitsprünge nicht äußerlich demonstriert, erfordert das vom Betrachter ein genaueres Hinsehen und erspüren der Veränderungen. So entwickelt er auch sensibel und in der zeitlichen Abfolge nachvollziehbar die Beziehung zwischen Cary und Ron (Rock Hudson), den sie kennenlernt, als er sich um den Garten ihrer Villa kümmert.

Diese sehr genaue und emotional nachfühlbare Beziehungsentwicklung ist von wesentlicher Bedeutung für das Gelingen des Films, da Sirk so dem Betrachter die Reinheit dieser Liebe demonstrieren kann, die emotional über den geforderten Verhaltensregeln anzusiedeln ist. Auch wenn die Beziehung einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann - noch dazu unterschiedlichen Standes – heute nicht mehr über den damaligen provokanten Status verfügt, so lässt sich die Wirkung auf das damalige Publikum leicht nachvollziehen. Die Vorurteile, denen sich Cary durch ihre unmittelbare Umgebung ausgesetzt sieht, entsprachen einer generellen gesellschaftlichen Haltung und kein Satz, der in diesem Film fällt, und keine Reaktion (auch ihrer Kinder) wirken übertrieben oder gewollt gehässig. Angesichts der gleichzeitigen Akzeptanz, mit der sich eine junge Frau einen älteren reichen Mann nehmen konnte (von Sirk genüsslich demonstriert), kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass sich seit damals nicht viel verändert hat.

Dank des melodramatisches Ambientes, der bunten Farben und des überzeugenden Spiels seiner beiden Stars (deren Altersunterschied in "Magnificant Obsession" keine Rolle spielte), gelang es Sirk, das Publikum gegen ihre üblichen Vorurteile für das Paar einzunehmen. Zusätzlich noch gefördert durch Rons sehr sympathischen, männlich ruhigen Charakter, der verlässlich im amerikanischen Geist verankert ist. Auf Grund der wiederholt verwendeten Stilelemente werden Sirks Melodramen häufig nach ähnlichen Gesichtspunkten beurteilt, dabei überzuckerte er damit nur einen realen Konflikt, der als ernstes Drama beim Publikum kaum eine Chance gehabt hätte und nicht zu dem großen Erfolg geführt hätte. Nur an wenigen Details ließ Sirk die dahinter verborgene Ironie deutlich erkennen, etwa als er im letzten Bild den Hirsch, den Ron zuvor gefüttert hatte, noch einmal durchs Bild laufen lässt.


"Was der Himmel erlaubt" verfügt keineswegs über einen religiösen Hintergrund, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern betont im Gegenteil, das auf Erden nicht viel erlaubt ist. Sirk gelang damit das seltene Kunststück, einen so unterhaltenden wie berührenden Film für das große Publikum zu drehen, der in der Lage ist, Vorurteile anzugreifen und den Betrachter unmerklich dazu zwingt, sein Wertesystem zu hinterfragen.

"All that heaven allows" USA 1955, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: Edna L.Lee, Harry Lee, Peg Fenwick, Darsteller : Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Gloria Talbott, William Reynolds, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"Magnificent obsession" (Was der Himmel erlaubt, 1954)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)

Dienstag, 11. Juni 2013

Duell in den Wolken (The tarnished angels, 1957) Douglas Sirk


Inhalt: New Orleans, Mitte der 30er Jahre während der Karnevalszeit. Nicht nur die Mardi Gras Umzüge ziehen die Menschen an, sondern auch die verwegenen Kunstflieger in ihren kleinen und wendigen Maschinen. Der Journalist Burke Devlin (Rock Hudson) lernt dort die Familie Shumann kennen, als er dem neunjährigen Jack Shumann (Christopher Olsen) zu Hilfe kommt. Er ist der Sohn des ehemaligen Weltkrieg-Flieger-As Roger Shumann (Robert Stack), der sein Dasein als Flieger bei Wettrennen fristet, und LaVerne Shumann (Dorothy Malone), die mit gewagten Stunts auftritt.

Devlin hilft der in Geldknappheit steckenden Familie und deren Mechaniker Jiggs (Jack Carson), in dem er sie in seiner Wohnung schlafen lässt. Nachts erfährt er von LaVerne viel über deren Leben und will einen Zeitungsartikel über die Menschen schreiben, die immer am Rand des Todes leben. Doch sein Redakteur hält nichts von den "Zigeunern" und schmeißt Devlin, als dieser deshalb wütend reagiert, raus. Als er daraufhin wieder zu dem Veranstaltungsgelände, kommt er noch rechtzeitig zu dem Wettfliegen und wird Zeuge eines tödlichen Unfalls...


"The Party's next door! - And that's the way it's always been!"

Angesichts der blonden Schönheit, die diese Worte mit einem Glas Bourbon in der Hand spricht, möchte man an Ironie glauben, aber Douglas Sirk erzählt hier nach William Faulkner's Roman "Pylon" eine Geschichte der Gegensätze. Und bewies mit "The Tarnished Angels", wie virtuos er in der Lage ist, ein überzeugendes menschliches Drama aufzubauen. Zwei Jahre zuvor drehte er mit den selben Hauptdarstellern (nur Lauren Bacall fehlte diesmal) "Written in the Wind", dessen bonbonfarbene Buntheit die darunter verborgene Tragik nur langsam zum Vorschein kommen ließ - die Schwarz-Weiß Bilder in "The Tarnished Angels" lassen dagegen keine Illusionen mehr entstehen. Dabei böten sich bunte Farben erneut an, denn Sirk erzählt seine Geschichte während der Karnevalszeit in New Orleans. Die Menschen auf den Straßen und in ihren Wohnungen feiern mit fantasievollen Maskierungen, während parallel eine große Flugschau stattfindet - ein buntes Spektakel mit Jahrmarkt, Stunts und Flugzeug-Rennen um eine von Pylonen abgesteckte Strecke.

Schon die ersten Bilder inmitten der Zuckerwatten und Karussell-Fröhlichkeit, lassen den Gegensatz zu den tatsächlichen Empfindungen der Menschen deutlich werden, weshalb Sirk nur wenige Elemente benötigt, um den Betrachter mit den Protagonisten vertraut zu machen. Burk Devlin (Rock Hudson), Journalist einer ansässigen Zeitung, schlendert über das Jahrmarktgelände und kommt einem Jungen zu Hilfe, der von einem Mechaniker damit geärgert wird, dass er in Frage stellt, wer sein Vater ist. Dabei handelt es sich bei Jack Shumann (Christopher Olsen) eindeutig um den Sohn von LaVerne (Dorothy Malone) und Roger Shumann (Robert Stack). Doch angesichts der blonden Schönheit LaVerne, die auch bei Devlin sofort Begehrlichkeiten weckt, sind Verdächtigungen dieser Art schnell ausgesprochen. Besonders wenn man weiß, dass der Mechaniker Jiggs (Jack Carson) immer mit der Familie Shumann von Flugschau zu Flugschau reist.

Douglas Sirk entwirft hier ein Gebilde gegenseitiger Abhängigkeiten, deren tatsächliche Tragweite sich erst zum Schluss herausstellt. Jeder Glamour, der sich auf Grund der Flugzeuge, des abenteuerlichen Ambientes mit seinen Heldengeschichten und der schönen Ehefrau ergeben könnte, wird schon beim ersten Blick in Roger Shumann’s mürrisches Gesicht vertrieben. Ganz abgesehen davon, dass die Familie in Geldnöten steckt und nicht weiß, wie sie ihre Unterkunft bezahlen soll. Devlin hilft ihnen und lädt sie dazu ein, in seiner Wohnung unterzukommen.

Devlin selbst macht trotz aller scheinbaren Entspanntheit auch keinen frischen Eindruck und es ist erstaunlich, wie zerknautscht und fast depressiv Rock Hudson hier gegen sein übliches Image spielt. Die Gespräche, die sich zunehmend zwischen ihm und LaVerne entwickeln, haben von Beginn an den Charakter der Begegnung zweier Menschen, die nach Liebe und Anerkennung dürsten, Trotzdem lässt Sirk keinen Zweifel daran, dass hier keine romantische Geschichte erzählt wird. LaVerne leidet unter der ablehnenden Haltung ihres Ehemannes, der kaum einmal mit ihr spricht, während Devlin, der Ablenkung im Alkohol sucht, sich in seinem intellektuellen Anspruch unterfordert und von der Umgebung nicht anerkannt fühlt. Durch das nächtliche Gespräch mit LaVerne noch zusätzlich aufgeheizt, will er eine Reportage über die Familie schreiben, aber sein Redakteur lehnt die „Zigeuner“, wie er sie nennt, ab. Verletzt und wütend attackiert Devlin ihn und wird rausgeschmissen.

Zurückgekehrt zu der Flugschau, wird er Zeuge eines Wettkampfes zwischen Roger Shumann und einem jungen Flieger, der von Matt Ord (Robert Middleton) ein Flugzeug gestellt bekommt. Matt Ord ist ein wohlhabender Geschäftsmann Ende Fünfzig, der mit den Flugwettbewerben Geld verdient, ohne selbst sein Leben zu riskieren, und wird von Shumann entsprechend abgelehnt. Zudem hat er ein Auge auf LaVerne geworfen. Entgegen der sonst nah an die Personen herangehenden Kamera, inszeniert Sirk die Flugkämpfe als beeindruckendes optisches Spektakel, deren Spannung regelrecht greifbar wird. Die Flugzeuge, die in möglichst engen Kehren um die Pylone fliegen, berühren sich beinahe, und es überrascht nicht, dass tödlichen Unfälle keine Ausnahme sind. So auch diesmal, als dem jungen Flieger bei einem Crash mit Shumann ein Flügel seiner Propellermaschine abbricht. Er stürzt ab, während Shumann sein brennendes Flugzeug noch landen und sich retten kann.

Die Art wie Sirk hier den Tod inszeniert, ist typisch für seine Filme - er nimmt ihn ernst, betont gleichzeitig aber dessen Beiläufigkeit. Als später Männer den Sarg aus einer Halle tragen, sieht man im Vordergrund einen Propeller starten. Trotz des Unglücks macht sich Shumann sofort auf die Suche nach einer Ersatzmaschine, um am nächsten Tag wieder mitfliegen zu können. Doch das einzige zur Verfügung stehende Flugzeug gehört Matt Ord und hat einen kaputten Motor. Shumann drängt seinen Mechaniker Jiggs, diesen zu reparieren, und fordert seine Frau dazu auf, Matt Ord dazu zu überreden, ihm die Maschine zur Verfügung zu stellen, wohl wissend, dass sie ihm dafür schöne Augen machen muss.

Sirks Meisterschaft lag in der geschickten Zuspitzung der Emotionen, die geradezu zwingend auf eine vulkanartige Eruption hinführte, hier aber geht er noch einen Schritt weiter. Nach zwei Dritteln der Laufzeit kommt es zu einer Katastrophe, die normalerweise das Ende eines Films bedeutet hätte oder zu einer Lösung hätte führen müssen. Doch Sirk setzt seinen Film zwar fort, verzichtet aber abrupt auf die sich bisher steigernde Dramatik und verfällt in einen fast emotionslosen Gleichklang. Damit verändern sich auch die Gewichtungen zwischen den einzelnen Personen. Lag Sirks Augenmerk lange Zeit auf Devlin und LaVerne, während Robert Stack als wortkarger und meist unfreundlicher Pilot im Hintergrund agierte, zeigt sich jetzt dessen Bedeutung für das innere Gefüge. Anders als üblich hatte die Katastrophe keine reinigende Wirkung, sondern lässt erst die innere Leere der Beteiligten deutlich werden. Das Ende verspricht zwar ein wenig Hoffnung auf Veränderung, aber davon abgesehen hinterlässt „The Tarnished Angels“ nur verlorene Seelen.

"The tarnished angels" USA 1957, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: George Zuckerman, William Faulkner (Roman), Darsteller : Rock Hudson, Dorothy Malone, Robert Stack, Jack Carson, Robert Middleton, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"Magnificent obsession" (Die wunderbare Macht, 1954)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)

Samstag, 20. April 2013

Die wunderbare Macht (Magnificent Obsession, 1954) Douglas Sirk


Inhalt: Bob Merrick (Rock Hudson) ist ein Playboy und Lebemann, der nur an sein eigenes Vergnügen denkt. Als er versucht mit einem Rennboot einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen, verunglückt er schwer und kann nur mit einer Spezialmaschine, die schnell herbei geholt wird, gerettet werden. Das medizinische Gerät stammt aus dem Haus des bekannten Arztes und Klinikbesitzers Dr.Wayne Philipps, der kurz nach Merricks Unfall einen Anfall erleidet. Da die für diesen Notfall entwickelte Maschine nicht im Haus ist, stirbt Dr.Phillips, während der am Leben erhaltene Merrick in dessen Klinik gebracht wird.

Der arrogante Merrick hält es dort nicht lange aus und entfernt sich heimlich aus der Klinik. Zufällig begegnet er außerhalb des Gebäudes Helen Philipps (Jane Wyman), die den sichtlich nicht gesunden Mann in ihrem Auto mitnimmt. Er flirtet sofort mit ihr und lässt erst davon ab, als er erfährt, dass sie Dr.Phillips Witwe ist. Spontan will er aus dem Wagen aussteigen und bricht ohnmächtig zusammen.

Nachdem sie ihn zur Klinik zurückbrachte, sagt man ihr, wen sie mitgenommen hatte und Merrick wird mit der Tatsache konfrontiert, dass er sein Leben auf Kosten des Wohltäters Dr.Phillips behielt. Voller Schuldgefühle will er es wieder gut machen, aber stattdessen reißt er alles nur noch mehr in die Tiefe...


Betrachtet man zeitgenössische Plakate kann man den Eindruck gewinnen, dass „Magnificent Obsession“ 1954 das Werk des Lloyd C.Douglas war, obwohl dieser 3 Jahre zuvor gestorben war. Der Lutheraner und Autor stark moralisierender Novellen war seit den 30er Jahren sehr populär in den USA, was dazu führte, dass mehrere seiner Werke verfilmt wurden. Darunter sein erfolgreichstes Buch „The Robe“ („Das Gewand“) 1953, doch selbst „Magnificent Obsession“ wurde schon 1935 erstmals verfilmt. Douglas Sirk’s Name wird dagegen sehr klein am Rande vermerkt, was darauf hin weist, dass sein Bekanntheitsgrad, 17 Jahre nachdem er aus Deutschland weg gegangen war, noch immer eher gering war.

1943 hatte er mit "Hitler's madman" seinen ersten Film in den USA gedreht, dem bis zu "Magnificent Obsession" 17 weitere Filme in zehn Jahren folgen sollten, die heute größtenteils in Vergessenheit geraten sind, obwohl er sich in dieser Phase als begabter Regisseur für die unterschiedlichsten Genres bewies und in "Has anybody seen my gal?" (Hat Jemand meine Braut gesehen?, 1952) erstmals mit Rock Hudson zusammen arbeitete. "All I desire" (All meine Sehnsucht, 1953) zeigte schon seine Vorliebe für melodramatische Stoffe, mit denen er die Hintergründe der Sozialisation auslotete, aber die Story war noch zeitlich versetzt im Jahr 1911 angesiedelt. Auch „Magnificent Obsession“ schien die Reihe der Auftragsarbeiten als Regisseur fortzusetzen, weshalb er bis heute im Schatten von „All that Heaven allows“ (Was der Himmel erlaubt, 1955) steht, den Douglas Sirk ein Jahr später ebenfalls mit Jane Wyman, Rock Hudson und Agnes Moorehead in den Hauptrollen verwirklichte, denn während er mit diesem Film ein Meisterwerk über menschliche Toleranz schuf, musste er sich in „Magnificent Obsession“ mit einer kruden Story über Schuld und Sühne herumschlagen.

Lloyd C.Douglas’ Novelle strotzt nur so vor Schicksalsschlägen und Wendungen, die zwei Personen in den Mittelpunkt stellen, die im gesellschaftlichen Sinne moralisch kaum unterschiedlicher beurteilt werden könnten. Während Dr.Wayne Philipps als Arzt und Klinikbesitzer ein Wohltäter der Menschheit ist, der oft auch auf die Bezahlung seiner Leistungen verzichtete, interessiert sich Bob Merrick (Rock Hudson) nur für sein Vergnügen. Sein früh verstorbener Vater vererbte ihm ein Vermögen, das er für ein ausschweifendes, egoistisches Playboy-Leben nutzt. Dazu gehören auch waghalsige sportliche Ambitionen, die er mit Rekordfahrten in einem Rennboot umsetzt.

Bei einem solchen Rekordversuch verunglückt er so schwer, dass ihm nur mit einer speziellen Lungen-Maschine geholfen werden kann, die Dr.Phillips gehört und die von der Ambulanz aus dessen Haus an den Unfallort gebracht wird. Diese Maschine soll normalerweise Dr.Phillips zur Verfügung stehen. Ausgerechnet als Bob Merrick an die Maschine angeschlossen wird, erleidet dieser einen Anfall, an dem er stirbt. Obwohl Merrick faktisch unschuldig ist an dessen Tod, wird durch den Plot eine moralische Schuld aufgebaut, indem gegeneinander abgewogen wird, wessen Leben wertvoller ist. Der Maßstab, der dabei angewendet wird, beurteilt den Nutzen, den der Einzelne für die Gesellschaft hat - ein im Grunde inhumaner Ansatz.

Bei seiner Flucht aus dem Krankenhaus begegnet Merrick zum ersten Mal Helen Phillips (Jane Wyman), die den keineswegs gesunden Mann in ihrem Auto mitnimmt, und ist sofort fasziniert von ihr. Erst als er erfährt, dass sie Dr.Phillips Witwe ist, lässt er von seinem Flirt ab, und will sofort aus ihrem Auto steigen. Doch er kann kaum laufen und bricht zusammen. Nachdem sie ihn ins Krankenhaus zurückbrachte, erfährt sie von ihrer Stieftochter Joyce (Barbara Rush), wen sie da transportierte. Merrick erfährt darauf hin die gesamte Missachtung der anständigen Gesellschaft, die ihn spüren lässt, dass sein Tod die wesentlich bessere Variante gewesen wäre. Obwohl das Krankenhaus sich dank Dr.Phillips Großzügigkeit in finanziellen Schwierigkeiten befindet, lehnt Hellen Phillips Merrick’s sehr großzügigen Scheck ab, den er bei der Entlassung aus dem Krankenhaus überreicht. Mit Geld – und das gibt sie ihm unmissverständlich zu verstehen – kann er seine Schuld nicht begleichen.

Der bisher so arrogante, selbstbewusste Merrick wirkt zum ersten Mal verunsichert, hat an dem abendlichen Barbesuch mit Freunden und schönen Frauen plötzlich keine Freude mehr, und fährt in betrunkenem Zustand in eine Baustelle. Hier kommt eine Schlüsselfigur ins Spiel, die am deutlichsten Lloyd C.Douglas’ fast perfide Freude an der moralischen Läuterung zeigt – der Maler Edward Randolph (Otto Kruger). Nachdem Merrick bei diesem seinen Rausch ausgeschlafen hatte, kommt es beim Frühstück zu einem langen Gespräch. Randolph stellt sich als Freund des verstorbenen Dr.Phillips heraus, der aber keineswegs in den Tenor gegen Merrick einstimmt. Im Gegenteil versteht er dessen Gewissensnöte und erzählt ihm, dass es der verstorbene Freund war, der ihm damals Mut machte und damit überhaupt seine Künstlerkarriere ermöglichte. Die Worte, die dieser für ihn damals benutzte, gibt Randolph auch Merrick mit auf den Weg – „The magnificent Obsession“.

Dadurch wird Merrick endgültig in den Sog des „Heiligen“ Dr.Phillips gezogen, der nicht nur der Anlass für seine Läuterung zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft ist, sondern ihm dank dessen „Sprachrohr“ Randolph mit Vergebung und Ermutigung Beistand leisten wird. Die protestantische Haltung des Autors und der religiöse Bezug zeigt sich in dieser Konstellation überdeutlich, denn Merrick wird weiter dazu gezwungen Abbitte zu leisten, da seine ersten "Gehversuche" sehr ungeschickt verlaufen und er seine Umgebung noch tiefer ins Unglück stürzt. Als sich Helen Phillips von ihm bedrängt fühlt, steigt sie spontan aus einem Taxi und wird von einem Auto überfahren. Sie überlebt, aber sie erblindet. Jetzt ist Merricks Widerstand endgültig gebrochen. Er besucht seinen alten Professor und bittet diesen, sein Medizinstudium wieder aufnehmen zu dürfen, während sein Kontakt zur Familie Phillips für längere Zeit unterbrochen ist.

Erst im Sommer des nächsten Jahres kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Als er am Strand eines Sees sitzt, erscheint plötzlich die blinde Helen, die von der minderjährigen Judy begleitet wird. Das kontaktfreudige Mädchen aus der Nachbarschaft spricht ihn an und es kommt zu einer ersten freundlichen Begegnung, bei der er sich als Mr.Robinson ausgibt. Während Merrick so den Kontakt vertieft und sich erste Gefühle zwischen den Beiden entwickeln, bemüht er sich darum, Ärzte in Europa zu finden, die ihre Blindheit heilen können. Tatsächlich finden sich Spezialisten in der Schweiz, die sie – ohne dass Helen ahnt, dass Merrick dabei seine Hände im Spiel hat – zu sich einladen. Voller Hoffnung fliegt sie in die Schweiz. Auch wenn an Lloyd C.Douglas’ eindeutiger Intention kein Zweifel besteht, ist doch der abwechslungsreiche und originelle Aufbau der Story zu bewundern, der Stoff für mehrere Filme bieten würde. Und was macht Douglas Sirk aus dieser Vorlage? – Einen wunderbar kitschigen Film, in dem er die schicksalshaften Verstrickungen so stark betont, dass "Magnificent obsession" damit jegliche moralisierende Wirkung wieder ausgetrieben wird.

Schon die Wahl der Filmmusik verdeutlicht Sirks Intention, denn er verwendet bekannte Werke Chopins und die „Ode an die Freude“ von Beethoven als wiederkehrende Leitmotive, die passend zum Film mit viel Violineinsatz und Chören stark verkitscht werden. Gerade Chopins Etüde Nr.3, Opus 10, die nicht ohne Grund „Tristesse“ im Volksmund genannt wird, und schon auf dem Klavier gespielt, Zurückhaltung vom Interpreten erfordert, wird in „Magnificent Obsession“ als Hauptmotiv verwendet und soll - mit Chor und Violinen aufgebauscht - die besonders dramatisch-traurigen Szenen des Films unterstreichen. Genauso entbehrt es nicht der Ironie, dass immer wenn von dem Wohltäter Dr.Phillips gesprochen wird, leise „Freude schöner Götterfunken“ im Hintergrund erklingt.

Im Gegensatz zu diesen Überhöhungen, strafft Sirk die Story gleichzeitig und beschränkt sich auf wenige Szenen, um den vielfältigen Plot voran zu treiben. Nachdem Helen und Joyce den Tod des geliebten Menschen festgestellt haben, zeigt Sirk nur einen kurzen Moment Helens Trauer, um dann in der nächsten Szene die geschäftige Helen bei der Organisation des Krankenhauses zu zeigen. Die Figur des Dr.Phillips gerät bei Sirk zum Phantom, dessen „Makellosigkeit“ betont wird, diese damit aber den Charakter einer  künstlichen Abgehobenheit erhält – bewusst verzichtet Sirk darauf, Phillips ein Gesicht zu geben (sei es durch ein Photo oder eine Rückblende). Die Hinterbliebenen trauern zwar um einen besonders wertvollen Menschen, aber Sirk vermittelt keine wirkliche Bindung. Rock Hudson, der in den ersten Minuten als arroganter Egoist auftritt, bekommt zunehmend Gelegenheit seine menschliche Seite zu zeigen, und so überrascht es letztendlich nicht, dass sich Helen in ihn verliebt.

Das „Ideal“, das Dr.Phillips zu Beginn verkörpert, verblasst mit der Zeit und es ist bezeichnend, dass Helen ihren verstorbenen Mann niemals gegenüber Merrick/Robinson erwähnt. Der größte, fast unmerkliche Unterschied zur Intention des Romans, ist darin zu erkennen, dass die männlichen Protagonisten Merrick und Dr.Phillips (vertreten durch Randolph) während der Laufzeit an Bedeutung verlieren und Hellens Rolle zunehmend stärker betont wird. Während der Film in seiner ersten Hälfte den Plot in Atem beraubendem Tempo von einer Katastrophe zur nächsten führt, gibt er Helen zum Ende hin immer mehr die Gelegenheit, ihre Emotionen auszuleben. Dabei kann sich Sirk komplett auf das überzeugende Spiel von Jane Wyman verlassen, die auch in den tragischsten Momenten nachvollziehbar und authentisch bleibt.

Im Gegensatz zu ihr ist Rock Hudson ein Aktionist, dessen Veränderungen ausschließlich im Außenraum stattfinden. Wenn er am Ende des Films im weißen Arztkittel und mit grauen Schläfen auf den Spuren Dr.Phillips wandelt, ist seine Läuterung im moralischen Sinne abgeschlossen, aber sie ist nicht wirklich überzeugend. Rock Hudson lässt die Veränderungen im Charakter des Bob Merrick nicht deutlich werden, sondern wirkt wie ein anderer Mensch. Bob Merrick und das was er einmal war, existiert nicht mehr. Diese idealisierte Konstellation passt in ihrer Überhöhung zum Charakter des Films, der dem Zuschauer eine melodramatische Geschichte bietet (und damit sehr erfolgreich war) und Sirk die Gelegenheit gibt, sein Publikum geschickt zu manipulieren – weg von der moralisierenden Intention des Romans, hin zu authentischen Emotionen.

"Magnificent obsession" USA 1954, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: Wells Root, Robert Blees, Lloyd C.Douglas (Novelle), Darsteller : Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Barbara Rush, Otto Kruger, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)