Samstag, 20. April 2013

Die wunderbare Macht (Magnificent Obsession, 1954) Douglas Sirk


Inhalt: Bob Merrick (Rock Hudson) ist ein Playboy und Lebemann, der nur an sein eigenes Vergnügen denkt. Als er versucht mit einem Rennboot einen Geschwindigkeitsrekord zu brechen, verunglückt er schwer und kann nur mit einer Spezialmaschine, die schnell herbei geholt wird, gerettet werden. Das medizinische Gerät stammt aus dem Haus des bekannten Arztes und Klinikbesitzers Dr.Wayne Philipps, der kurz nach Merricks Unfall einen Anfall erleidet. Da die für diesen Notfall entwickelte Maschine nicht im Haus ist, stirbt Dr.Phillips, während der am Leben erhaltene Merrick in dessen Klinik gebracht wird.

Der arrogante Merrick hält es dort nicht lange aus und entfernt sich heimlich aus der Klinik. Zufällig begegnet er außerhalb des Gebäudes Helen Philipps (Jane Wyman), die den sichtlich nicht gesunden Mann in ihrem Auto mitnimmt. Er flirtet sofort mit ihr und lässt erst davon ab, als er erfährt, dass sie Dr.Phillips Witwe ist. Spontan will er aus dem Wagen aussteigen und bricht ohnmächtig zusammen.

Nachdem sie ihn zur Klinik zurückbrachte, sagt man ihr, wen sie mitgenommen hatte und Merrick wird mit der Tatsache konfrontiert, dass er sein Leben auf Kosten des Wohltäters Dr.Phillips behielt. Voller Schuldgefühle will er es wieder gut machen, aber stattdessen reißt er alles nur noch mehr in die Tiefe...


Betrachtet man zeitgenössische Plakate kann man den Eindruck gewinnen, dass „Magnificent Obsession“ 1954 das Werk des Lloyd C.Douglas war, obwohl dieser 3 Jahre zuvor gestorben war. Der Lutheraner und Autor stark moralisierender Novellen war seit den 30er Jahren sehr populär in den USA, was dazu führte, dass mehrere seiner Werke verfilmt wurden. Darunter sein erfolgreichstes Buch „The Robe“ („Das Gewand“) 1953, doch selbst „Magnificent Obsession“ wurde schon 1935 erstmals verfilmt. Douglas Sirk’s Name wird dagegen sehr klein am Rande vermerkt, was darauf hin weist, dass sein Bekanntheitsgrad, 17 Jahre nachdem er aus Deutschland weg gegangen war, noch immer eher gering war.

1943 hatte er mit "Hitler's madman" seinen ersten Film in den USA gedreht, dem bis zu "Magnificent Obsession" 17 weitere Filme in zehn Jahren folgen sollten, die heute größtenteils in Vergessenheit geraten sind, obwohl er sich in dieser Phase als begabter Regisseur für die unterschiedlichsten Genres bewies und in "Has anybody seen my gal?" (Hat Jemand meine Braut gesehen?, 1952) erstmals mit Rock Hudson zusammen arbeitete. "All I desire" (All meine Sehnsucht, 1953) zeigte schon seine Vorliebe für melodramatische Stoffe, mit denen er die Hintergründe der Sozialisation auslotete, aber die Story war noch zeitlich versetzt im Jahr 1911 angesiedelt. Auch „Magnificent Obsession“ schien die Reihe der Auftragsarbeiten als Regisseur fortzusetzen, weshalb er bis heute im Schatten von „All that Heaven allows“ (Was der Himmel erlaubt, 1955) steht, den Douglas Sirk ein Jahr später ebenfalls mit Jane Wyman, Rock Hudson und Agnes Moorehead in den Hauptrollen verwirklichte, denn während er mit diesem Film ein Meisterwerk über menschliche Toleranz schuf, musste er sich in „Magnificent Obsession“ mit einer kruden Story über Schuld und Sühne herumschlagen.

Lloyd C.Douglas’ Novelle strotzt nur so vor Schicksalsschlägen und Wendungen, die zwei Personen in den Mittelpunkt stellen, die im gesellschaftlichen Sinne moralisch kaum unterschiedlicher beurteilt werden könnten. Während Dr.Wayne Philipps als Arzt und Klinikbesitzer ein Wohltäter der Menschheit ist, der oft auch auf die Bezahlung seiner Leistungen verzichtete, interessiert sich Bob Merrick (Rock Hudson) nur für sein Vergnügen. Sein früh verstorbener Vater vererbte ihm ein Vermögen, das er für ein ausschweifendes, egoistisches Playboy-Leben nutzt. Dazu gehören auch waghalsige sportliche Ambitionen, die er mit Rekordfahrten in einem Rennboot umsetzt.

Bei einem solchen Rekordversuch verunglückt er so schwer, dass ihm nur mit einer speziellen Lungen-Maschine geholfen werden kann, die Dr.Phillips gehört und die von der Ambulanz aus dessen Haus an den Unfallort gebracht wird. Diese Maschine soll normalerweise Dr.Phillips zur Verfügung stehen. Ausgerechnet als Bob Merrick an die Maschine angeschlossen wird, erleidet dieser einen Anfall, an dem er stirbt. Obwohl Merrick faktisch unschuldig ist an dessen Tod, wird durch den Plot eine moralische Schuld aufgebaut, indem gegeneinander abgewogen wird, wessen Leben wertvoller ist. Der Maßstab, der dabei angewendet wird, beurteilt den Nutzen, den der Einzelne für die Gesellschaft hat - ein im Grunde inhumaner Ansatz.

Bei seiner Flucht aus dem Krankenhaus begegnet Merrick zum ersten Mal Helen Phillips (Jane Wyman), die den keineswegs gesunden Mann in ihrem Auto mitnimmt, und ist sofort fasziniert von ihr. Erst als er erfährt, dass sie Dr.Phillips Witwe ist, lässt er von seinem Flirt ab, und will sofort aus ihrem Auto steigen. Doch er kann kaum laufen und bricht zusammen. Nachdem sie ihn ins Krankenhaus zurückbrachte, erfährt sie von ihrer Stieftochter Joyce (Barbara Rush), wen sie da transportierte. Merrick erfährt darauf hin die gesamte Missachtung der anständigen Gesellschaft, die ihn spüren lässt, dass sein Tod die wesentlich bessere Variante gewesen wäre. Obwohl das Krankenhaus sich dank Dr.Phillips Großzügigkeit in finanziellen Schwierigkeiten befindet, lehnt Hellen Phillips Merrick’s sehr großzügigen Scheck ab, den er bei der Entlassung aus dem Krankenhaus überreicht. Mit Geld – und das gibt sie ihm unmissverständlich zu verstehen – kann er seine Schuld nicht begleichen.

Der bisher so arrogante, selbstbewusste Merrick wirkt zum ersten Mal verunsichert, hat an dem abendlichen Barbesuch mit Freunden und schönen Frauen plötzlich keine Freude mehr, und fährt in betrunkenem Zustand in eine Baustelle. Hier kommt eine Schlüsselfigur ins Spiel, die am deutlichsten Lloyd C.Douglas’ fast perfide Freude an der moralischen Läuterung zeigt – der Maler Edward Randolph (Otto Kruger). Nachdem Merrick bei diesem seinen Rausch ausgeschlafen hatte, kommt es beim Frühstück zu einem langen Gespräch. Randolph stellt sich als Freund des verstorbenen Dr.Phillips heraus, der aber keineswegs in den Tenor gegen Merrick einstimmt. Im Gegenteil versteht er dessen Gewissensnöte und erzählt ihm, dass es der verstorbene Freund war, der ihm damals Mut machte und damit überhaupt seine Künstlerkarriere ermöglichte. Die Worte, die dieser für ihn damals benutzte, gibt Randolph auch Merrick mit auf den Weg – „The magnificent Obsession“.

Dadurch wird Merrick endgültig in den Sog des „Heiligen“ Dr.Phillips gezogen, der nicht nur der Anlass für seine Läuterung zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft ist, sondern ihm dank dessen „Sprachrohr“ Randolph mit Vergebung und Ermutigung Beistand leisten wird. Die protestantische Haltung des Autors und der religiöse Bezug zeigt sich in dieser Konstellation überdeutlich, denn Merrick wird weiter dazu gezwungen Abbitte zu leisten, da seine ersten "Gehversuche" sehr ungeschickt verlaufen und er seine Umgebung noch tiefer ins Unglück stürzt. Als sich Helen Phillips von ihm bedrängt fühlt, steigt sie spontan aus einem Taxi und wird von einem Auto überfahren. Sie überlebt, aber sie erblindet. Jetzt ist Merricks Widerstand endgültig gebrochen. Er besucht seinen alten Professor und bittet diesen, sein Medizinstudium wieder aufnehmen zu dürfen, während sein Kontakt zur Familie Phillips für längere Zeit unterbrochen ist.

Erst im Sommer des nächsten Jahres kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Als er am Strand eines Sees sitzt, erscheint plötzlich die blinde Helen, die von der minderjährigen Judy begleitet wird. Das kontaktfreudige Mädchen aus der Nachbarschaft spricht ihn an und es kommt zu einer ersten freundlichen Begegnung, bei der er sich als Mr.Robinson ausgibt. Während Merrick so den Kontakt vertieft und sich erste Gefühle zwischen den Beiden entwickeln, bemüht er sich darum, Ärzte in Europa zu finden, die ihre Blindheit heilen können. Tatsächlich finden sich Spezialisten in der Schweiz, die sie – ohne dass Helen ahnt, dass Merrick dabei seine Hände im Spiel hat – zu sich einladen. Voller Hoffnung fliegt sie in die Schweiz. Auch wenn an Lloyd C.Douglas’ eindeutiger Intention kein Zweifel besteht, ist doch der abwechslungsreiche und originelle Aufbau der Story zu bewundern, der Stoff für mehrere Filme bieten würde. Und was macht Douglas Sirk aus dieser Vorlage? – Einen wunderbar kitschigen Film, in dem er die schicksalshaften Verstrickungen so stark betont, dass "Magnificent obsession" damit jegliche moralisierende Wirkung wieder ausgetrieben wird.

Schon die Wahl der Filmmusik verdeutlicht Sirks Intention, denn er verwendet bekannte Werke Chopins und die „Ode an die Freude“ von Beethoven als wiederkehrende Leitmotive, die passend zum Film mit viel Violineinsatz und Chören stark verkitscht werden. Gerade Chopins Etüde Nr.3, Opus 10, die nicht ohne Grund „Tristesse“ im Volksmund genannt wird, und schon auf dem Klavier gespielt, Zurückhaltung vom Interpreten erfordert, wird in „Magnificent Obsession“ als Hauptmotiv verwendet und soll - mit Chor und Violinen aufgebauscht - die besonders dramatisch-traurigen Szenen des Films unterstreichen. Genauso entbehrt es nicht der Ironie, dass immer wenn von dem Wohltäter Dr.Phillips gesprochen wird, leise „Freude schöner Götterfunken“ im Hintergrund erklingt.

Im Gegensatz zu diesen Überhöhungen, strafft Sirk die Story gleichzeitig und beschränkt sich auf wenige Szenen, um den vielfältigen Plot voran zu treiben. Nachdem Helen und Joyce den Tod des geliebten Menschen festgestellt haben, zeigt Sirk nur einen kurzen Moment Helens Trauer, um dann in der nächsten Szene die geschäftige Helen bei der Organisation des Krankenhauses zu zeigen. Die Figur des Dr.Phillips gerät bei Sirk zum Phantom, dessen „Makellosigkeit“ betont wird, diese damit aber den Charakter einer  künstlichen Abgehobenheit erhält – bewusst verzichtet Sirk darauf, Phillips ein Gesicht zu geben (sei es durch ein Photo oder eine Rückblende). Die Hinterbliebenen trauern zwar um einen besonders wertvollen Menschen, aber Sirk vermittelt keine wirkliche Bindung. Rock Hudson, der in den ersten Minuten als arroganter Egoist auftritt, bekommt zunehmend Gelegenheit seine menschliche Seite zu zeigen, und so überrascht es letztendlich nicht, dass sich Helen in ihn verliebt.

Das „Ideal“, das Dr.Phillips zu Beginn verkörpert, verblasst mit der Zeit und es ist bezeichnend, dass Helen ihren verstorbenen Mann niemals gegenüber Merrick/Robinson erwähnt. Der größte, fast unmerkliche Unterschied zur Intention des Romans, ist darin zu erkennen, dass die männlichen Protagonisten Merrick und Dr.Phillips (vertreten durch Randolph) während der Laufzeit an Bedeutung verlieren und Hellens Rolle zunehmend stärker betont wird. Während der Film in seiner ersten Hälfte den Plot in Atem beraubendem Tempo von einer Katastrophe zur nächsten führt, gibt er Helen zum Ende hin immer mehr die Gelegenheit, ihre Emotionen auszuleben. Dabei kann sich Sirk komplett auf das überzeugende Spiel von Jane Wyman verlassen, die auch in den tragischsten Momenten nachvollziehbar und authentisch bleibt.

Im Gegensatz zu ihr ist Rock Hudson ein Aktionist, dessen Veränderungen ausschließlich im Außenraum stattfinden. Wenn er am Ende des Films im weißen Arztkittel und mit grauen Schläfen auf den Spuren Dr.Phillips wandelt, ist seine Läuterung im moralischen Sinne abgeschlossen, aber sie ist nicht wirklich überzeugend. Rock Hudson lässt die Veränderungen im Charakter des Bob Merrick nicht deutlich werden, sondern wirkt wie ein anderer Mensch. Bob Merrick und das was er einmal war, existiert nicht mehr. Diese idealisierte Konstellation passt in ihrer Überhöhung zum Charakter des Films, der dem Zuschauer eine melodramatische Geschichte bietet (und damit sehr erfolgreich war) und Sirk die Gelegenheit gibt, sein Publikum geschickt zu manipulieren – weg von der moralisierenden Intention des Romans, hin zu authentischen Emotionen.

"Magnificent obsession" USA 1954, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: Wells Root, Robert Blees, Lloyd C.Douglas (Novelle), Darsteller : Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Barbara Rush, Otto Kruger, Laufzeit : 108 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)

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