Freitag, 14. November 2014

Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel (1967) Julius Hofherr

Inhalt: Bei ihrem Versuch, mit ihrem Auto weiter in ein Waldgebiet hinein zu fahren wird Tanja (Anne Famos) von einem Jäger (Gregor Uhlberg) aufgehalten. Nachdem sie ihr Fahrzeug abgestellt hat, lässt er es sich nicht nehmen, der jungen Biologie-Studentin, die mit ihrem Fotoapparat die Tierwelt dokumentieren möchte, die schönsten Einblicke in diesen Landstrich zu zeigen. Leider kann er sich ihr nur kurz widmen, da er am nächsten Tag zu einer Weiterbildung muss - nicht aber, ohne sie auf eine kleine Bergsee-Insel hinzuweisen, deren Natur noch unberührt ist. Dass diese den Namen „Teufels-Insel“ trägt, hält Tanja für einen Scherz.

Mit einem Ruderboot gelangt sie zum anderen Ufer, um ein paar Tage allein in der freien Natur zu verbringen. Begeistert von der Tier- und Pflanzenwelt der Insel, entledigt sie sich bald aller Kleidung und begibt sich auf Entdeckungstour…


Nur einmal kurz zu Beginn des Films zeigen sich die Spuren der Zivilisation, als Tanja (Anne Famos) von dem Jäger (Gregor Uhlberg) gebeten wird, nicht weiter mit ihrem Auto in den Wald hinein zu fahren. Die junge Biologiestudentin folgt dem erfahrenen Waidmann und lässt sich von ihm die hiesige Tierwelt zeigen, die sie mit ihrer Kamera dokumentieren möchte. Offensichtlich ungern lässt er die hübsche Blondine allein, um an einer Weiterbildung teilzunehmen, aber nicht ohne ihr noch einen Tipp zu geben. Inmitten eines Bergsees befindet sich eine menschenleere Insel, genannt „Die Teufelsinsel“, mit einer unberührten Fauna und Flora – ideal für die Beobachtung der Natur. Nur mit leichtem Gepäck versehen wechselt Tanja zum anderen Ufer, schläft in einem kleinen Zelt und wird zunehmend eins mit ihrer Umgebung. Erst noch notdürftig mit einem Bikini aus geflochtenen Gräsern bekleidet, entledigt sie sich bald jeden Ballasts und wird Teil der Natur.

Der Filmtitel suggeriert Erotik und Suspense, aber das täuscht. Viel mehr geschieht nicht in "Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel", dessen intensive Tier- und Landschaftsaufnahmen zur Entschleunigung einer knapp über 60 Minuten andauernden Handlung beitragen, in der die schöne Nackte mit derselben Unschuld betrachtet wird wie die unberührte Natur. Außer in einer kurzen Episode mit zwei jungen Frauen, die Tanja mit Proviant versorgen und sich sogleich unverkrampft ihrer natürlichen Lebensweise anschließen, bleiben Dialoge sparsam – begleitet wird die Handlung nur von gelegentlichen an Wilhelm Busch erinnernden Schüttelreimen aus dem Off, die ein wenig unfreiwillige Komik verbreiten.

Trotz der geschickten Montage des Schwarz-Weiß-Films lässt sich nicht übersehen, dass er aus zwei unabhängig gedrehten Teilen zusammengesetzt wurde. Die Spielhandlung um Tanja dient als Leitfaden für die dokumentarischen Tieraufnahmen, deren Bandbreite weit über die Fauna einer kleinen Bergsee-Insel hinausgeht – einmal erklettert Tanja sogar Felsgestein, um Gemsen zu beobachten. Gedreht wurden die Tanja-Szenen offensichtlich am Ufer eines Sees, aber die Insel als Handlungsort hatte - neben der Legende um einen angeblich hier hausenden Teufel - die Funktion, die Abgeschiedenheit Tanjas von ihrer Außenwelt noch zu betonen. Herausgekommen ist ein Film, der sich in seiner Mischung aus Naturdokumentation und Nacktaufnahmen unter Verzicht auf jede Handlungszuspitzung jeder Einordnung entzieht und doch ein Abbild der soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg wurde.

Die Faktenlage ist dünn. Von Regisseur, Drehbuchautor und Kameramann in Personalunion Julius Hofherr lässt sich kein anderes Werk finden, Tanja-Darstellerin Anne Famos spielte noch eine Nebenrolle in Schott-Schöbingers "Andrea - ein Blatt im Wind" (1968) und über die übrigen Darsteller, von denen nur der als Jäger agierende Gregor Uhlberg namentlich aufgeführt wurde, ist nichts bekannt. Die Spur führt zu Produzent Hubert Schonger, der auch als Regisseur und Drehbuchautor schon auf ein sehr umfangreiches Oevre zurücksehen konnte, in dessen Mittelpunkt Naturaufnahmen, Märchen- und Heimatfilme standen. Schon 1923 gründete er die Produktionsgesellschaft „Naturfilm Hubert Schonger“, unter deren Ägide in den 20er und frühen 30er Jahren eine große Anzahl Natur- und Kulturfilme („Storch in Not“, 1927), aber auch Sportfilme („Die deutschen Leichtathleten rüsten zur Olympiade“, 1928) und Auftragsarbeiten für die NSDAP entstanden („Hakenkreuz am Stahlhelm“, 1933). Wahrscheinlich stammen große Teile der Tieraufnahmen in „Tanja – die Nackte von der Teufelsinsel“ aus diesem Fundus, wofür auch die teilweise sehr grobkörnigen Aufnahmen sprechen.

Ab Mitte der 30er Jahre konzentrierte sich Schonger zunehmend auf Märchenfilme (Schneeweißchen und Rosenrot“ 1938), bevor er mit „Bergkristall“ (1949, Regie Harald Reinl), einen der ersten Heimatfilme nach dem Krieg produzierte, bei dem er auch am Drehbuch mitwirkte. Neben den Märchenfilmen folgten weitere Heimatfilme („Hubertusjagd“ 1959), aber die neugegründete „Schlongerfilm GmbH“ förderte auch junge Regisseure wie Peter Fleischmann, Marran Gosov und Klaus Lemke, die zu den Protagonisten des „Neuen deutschen Kinos“ gehören. Kurz vor „Tanja – die Nackte von der Teufelsinsel“ produzierte er Lemkes Kurzfilm „Henker Tom“ (1966) mit Werner Enke in der Hauptrolle, der wenig später Berühmtheit in dem Schwabing-Film „Zur Sache Schätzchen“ (1968) erlangen sollte. Parallel drehte Marran Gosov den 20minüter „Pfeiffer“ (1967) mit Marthe Keller, bevor er ein Jahr später die erotische Komödie „Engelchen – oder die Jungfrau von Bamberg“ (1968) herausbrachte.

Offensichtlich stand Schonger dem jungen deutschen Kino nah, aber mehr noch setzte „Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel“ die inhaltliche Linie zwei seiner eigenen Regie-Arbeiten fort. Schon der in der Schweiz entstandene „Paradies auf Erden“ (1950, auch bekannt als „Das nackte Paradies“) und „Paradies ohne Sünde“ (1963) nach einem Drehbuch Peter Fleischmanns kombinierten die Schönheit der Natur mit dem Wunsch nach einem freien, ungezwungenen Leben. Das „Paradies“ verstand sich als ein Ort natürlicher Nacktheit wie er auch in „Das verbotene Paradies“ (1958) über die Entstehung der Freikörperkultur thematisiert wurde. Dieser spielerische, die parallele Hippie-Bewegung zitierende Charakter zeichnet auch „Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel“ aus, der trotz des für seine Entstehungszeit hohen Anteils an Nacktaufnahmen keinen Voyeurismus bediente, sondern beinahe märchenhafte Züge annahm.

"Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel" Deutschland 1967, Regie: Julius Hofherr, Drehbuch: Julius Hofherr, Darsteller : Anne Famos, Gregor UhlbergLaufzeit : 63 Minuten

Lief am dritten Tag des 1. Auswärtigen Sondergipfel des Hofbauer Kommando in Frankfurt/Main vom 07. bis 09.11.2014

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