Posts mit dem Label Erwin C.Dietrich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erwin C.Dietrich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 26. Oktober 2015

Die Nichten der Frau Oberst (1980) Erwin C.Dietrich

Inhalt: „Frau Oberst“ Yanne (Karine Gambier), junge Witwe eines Offiziers, sorgt sich um ihre hübschen Nichten Florentine (Pascale Vital) und Julia (Brigitte Lahaie), die sich mehr miteinander vergnügen als mit Männern. Dabei steht Stallknecht Erik (Eric Falk) immer zur Verfügung und Florentine wird heftig von Simon (Mike Montana) umworben, der sie heiraten möchte. Selbstverständlich will sich die Angebetete vorher von dessen Qualitäten als Liebhaber überzeugen.

Auch für Julia hat Frau Oberst schon einen geeigneten zukünftigen Ehemann im Blick, einen Maler, den sie zuerst selbst ausprobieren will. Als sie sich in seiner Nähe über einen Maiskolben hermacht, braucht er nicht lange, um sie mit etwas Geeigneterem zu beglücken, womit er seine Prüfung schon bestanden hat. Auch auf dem von ihr geleiteten Gutshof kommt Bewegung in die Beziehungs-Konstellationen, nur „Frau Oberst“ scheint ihr Witwendasein noch allein fristen zu müssen…


Das "Nichten" - Double von 1968 und 1980 wirkt angesichts der selben Hintermänner Erwin C.Dietrich, Peter und Walter Baumgartner, sowie der Romanvorlage von Guy de Maupassant wie Original und Remake - oder wie der zweite Versuch, die Kuh nochmal zu melken. Eine oberflächliche Betrachtungsweise, denn die beiden Versionen stehen für den Anfang und das Ende der Karriere von Erwin C.Dietrich als Regisseur und mit Abstrichen auch als Drehbuchautor und Produzent. 

Und damit des Mannes, der den deutschsprachigen Sex-Film nicht nur prägte, sondern mehr als jeder Andere über die gesamte Phase von Mitte der 60er Jahre bis zu den frühen 80er Jahren intensiv begleitete - und damit alle Bewegungen des jungen, unmittelbar auf die soziokulturellen Veränderungen reagierenden Genres miterlebte. Der Vergleich beider Versionen gibt dank der ähnlichen Voraussetzungen einen Einblick in dessen rasante Entwicklung vom Aufstieg bis zum einsetzenden Niedergang.


Erbost unterbricht "Frau Oberst" (Karine Gambier) ..
Seit "Die Nichten der Frau Oberst" 1968 zum Publikumsrenner geworden waren, hatte es Erwin C.Dietrich wiederholt verstanden, Erfolgsformeln am Kinomarkt zu nutzen. "Mein Bett ist meine Burg" nannte sich der 1969 erschienene 2.Teil über die Nichten, in dem er zuvor nicht genutzte Szenen verarbeitete, und mit "Weiße Haut auf schwarzem Markt" (1969) sowie "Schwarzer Nerz auf zarter Haut" (1970) setzte er auf die Erinnerung des Publikums an seine frühe Produktion "Schwarzer Markt der Liebe" (1966). Zu einem Zeitpunkt, als Pornografie in Deutschland noch nicht legalisiert war, wandelte Dietrich die US-Porno-Filme "The devil in Miss Jones" und "Whatever happened to Miss September?" von 1973 in eine Softcore-Variante für den deutschen Markt. Obwohl beide Filme kaum Parallelen zu ihren berühmt-berüchtigten Vorbildern aufwiesen, spielten deren Titel "Der Teufel in Miss Jonas" (1974) und "Was geschah wirklich mit Miss Jonas?" (1974) unmissverständlich darauf an. Und liefen ebenso erfolgreich in den Kinos wie Dietrichs diverse Mädchen-Filme, die es von "Mädchen mit offenen Lippen" (1972) bis "Mädchen im Nachtverkehr" (1976) auf acht Ausgaben brachten.

...die Vergnügungen ihrer Nichten 
Von 1979 bis 1983 folgten noch drei Filme über "Sechs Schwedinnen". Was läge da näher, als auch den 1980 gedrehten "Die Nichten der Frau Oberst" in diese Reihe einzuordnen? - Eine Betrachtungsweise, die auslässt, dass Dietrich zwar gerne mit ähnlich klingenden Titeln jonglierte, keinen Film aber konkret wiederholte. Zudem gelten 12 Jahre im Film-Business als großer zeitlicher Abstand, um sich an einen früheren Erfolg anzuhängen, im noch jungen Erotik-Genre umfassten sie eine ganze Epoche. Entsprechend stehen die beiden "Nichten" - Filme für nicht weniger als für den Anfang und das Ende einer Phase in Deutschland, die ausgehend von der Liberalisierung der 60er Jahre einen Boom erlebte, der ab der Legalisierung der Pornografie Mitte der 70er wieder abebbte und in den frühen 80er Jahren ausklang. Die 68er Verfilmung des Guy de Maupassant-Romans sorgte dank des großen Publikumszuspruchs für die notwendige Akzeptanz am deutschen Kino-Markt und die 80er Variante gehörte zu den letzten Softcore-Filmen unter Dietrich, dessen Karriere als Regisseur größtenteils zwischen diesen beiden Fixpunkten stattfand.

Julia (Brigitte Lahaie) und Florentine (Pascale Vital) begeben sich auf die Suche...
Die Unterscheidung Soft-/Hardcore ist eine Erfindung der späten 70er Jahre, denn als der erste "Nichten"-Film herauskam, konnte von Hardcore noch keine Rede sein. Mitte der 70er Jahre hatte auch Dietrich mit zwei Fassungen seiner Filme experimentiert, war aber während der Zusammenarbeit mit Jesùs Franco (siehe "Die 70er Jahre Erotik-Connection") wieder von den expliziten Darstellungen abgekommen und pflegte in seinen letzten Regie-Arbeiten eine rein auf das weibliche Geschlecht konzentrierte Sichtweise, die nur sanft die Grenze zur Pornografie streifte. Geschlechtsakt und männliche Attribute wurden nur angedeutet, während die dem Hardcore-Bereich entstammende Riege attraktiver Darstellerinnen unverkrampft vor der Kamera agierte. Allen voran Brigitte Lahaie, die in Dietrichs letzten Filmen zu seiner festen Größe wurde.

...nach Männern, doch die Dorfjugend erkennt ihre Chancen nicht
"Die Nichten der Frau Oberst" wirkt aus heutiger Sicht wie ein letzter Versuch, das nicht explizite erotische Genre noch über die Zeit zu retten. Dietrich kombinierte ausgiebige Nacktdarstellungen mit langen Einblendungen des historischen Anwesens und der landschaftlichen Umgebung, die Story selbst auf ein Minimum reduzierend. Damit befand er sich auf der Höhe der Zeit, denn auch der Hardcore-Film hatte die Hochphase des Story-Tellings schon überschritten, mit dem er in den 70er Jahren versuchte, explizite Darstellungen mit einer schlüssigen Handlung zu verbinden, um die Akzeptanz beim bürgerlichen Publikum zu erhöhen. Mit dem beginnenden Siegeszug des Videos und dem gleichzeitigen Sterben der großen Pornofilm-Kinos verschwand diese Absicht zunehmend zugunsten möglichst umfangreicher Darstellungen sexueller Interaktionen.

Da sind Simon (Mike Montana) und...
In Dietrichs Film halten sich die Damen entsprechend kaum mit hochgeschlossener Kleidung auf, sondern tragen nur das nötigste, dessen sie sich möglichst schnell entledigen können. Selbst beim Reiten ist Florentine-Darstellerin Pascale Vital fast nackt, überwindet bemerkenswert gut den Hindernis-Parcours und springt auch mit Stöckelschuhen elegant vom Pferd. In der Inszenierung der attraktiven Frauen liegt die Stärke des Films, gewohnt gekonnt von Kameramann Peter Baumgartner umgesetzt und mit Walter Baumgartners Filmmusik unterlegt, dem eine eingängige, die luftige Liebeswelt auf dem Land betonende Melodie gelang. Leider auch die einzigen Vorzüge eines Films, der sich in seiner 90minütigen Laufzeit zunehmend wiederholt, in dem er die Damen und größtenteils aus Bediensteten bestehenden Herren nach immer gleichem Muster in allen Variationen kombinierte.

...Erik (Eric Falk) von anderem Kaliber
Dass die 80er Variante moderner wirkt als der 68er Erstling scheint zwingend, liegt aber nicht nur an den ausgiebigeren Nacktaufnahmen, sondern dass sich seitdem nicht mehr viel im Softcore-Genre getan hat. Der reine Erotik-Film spielt in der deutschen Kinolandschaft seit den frühen 80er Jahren keine Rolle mehr. „Die Nichten der Frau Oberst“ markierten schon das Ende einer Entwicklung, die sich rasant von den stark reglementierten Filmen der 60er Jahre über die Report-Filme und krachledernen Sex-Komödien bis zur selbstzweckhaften Darstellung sexueller Handlungen bewegt hatte - bei gleichzeitigem Verlust erzählerischer Qualitäten. Der Verweis auf Guy de Maupassant ist hier nur noch Marketing, denn außer den weiblichen Vornamen und der für ihre Nichten sorgenden Tante blieb nichts mehr von der 1886 erschienenen Romanvorlage „Le cousine de collonelle“ übrig.

Doch vor der Verehelichung bedarf es noch des Urteils der Frau Oberst...
Dietrichs Drehbuch zur 68er Version hatte sich noch an Maupassant orientiert (siehe meine Analyse zu „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968)), sein aktualisiertes Drehbuch basierte dagegen nur noch auf den damals schon gegenüber dem Roman vorgenommenen Änderungen. Sowohl die verjüngte, sexuell aktive Frau Oberst als auch deren promiskuitive Nichten kommen in Maupassants Roman nicht vor. Der französische Autor beschrieb sensibel die ersten erotischen Erfahrungen der beiden Schwestern innerhalb einer stark von Etiketten geprägten Gesellschaft. Ihre homoerotische Sexualität, die für Dietrich jeweils zum Auslöser seiner Filmhandlung wurde, findet erst zu Beginn des zweiten Teils statt, nachdem ihre Beziehungen zu ihren jeweils ersten Männern aus unterschiedlichen Gründen endeten. Maupassant begegnete ihrer lesbischen Liebe mit Sympathie, während Dietrich – ganz der Moral von 1968 verpflichtet – ihre empört reagierende Tante dazwischen gehen ließ.

...die auch gerne mit der Marquise (France Lomay) anbändelt
Wer nun glaubt, 1980 hätte sich dieses Ansinnen angesichts der inzwischen eingetretenen sexuellen Freizügigkeit geändert, irrt. Sex zwischen Frauen ist in „Die Nichten der Frau Oberst“ zwar an der Tagesordnung, aber nur zum voyeuristischen Vergnügen männlicher Zuschauer. Deren Selbstverständnis wird gar nicht erst in Frage gestellt, denn auch die bisher ausschließlich weiblichen Sinnenfreuden zugetane Marquise (France Lomay) wird am Ende von einem Mann „bekehrt“ – in dieser Hinsicht hatte sich bis 1980 nichts bewegt, blieb auch die zweite Nichten-Verfilmung im Vergleich zu Guy de Maupassants aus dem 19.Jahrhundert stammenden Roman rückständig.

"Die Nichten der Frau Oberst" Schweiz 1980, Regie: Erwin C.Dietrich, Drehbuch: Erwin C.Dietrich, Christine Lembach, Guy de Maupassant (Roman), Darsteller : Karine Gambier, Brigitte Lahaie, Pascale Vital, Eric Falk, Will Stoer, Mike Montana, France Lomay, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

Freitag, 23. Oktober 2015

Die Nichten der Frau Oberst (1968) Erwin C.Dietrich

Inhalt: „Frau Oberst“ Clarissa (Kai Fischer), junge Witwe eines Offiziers, verbringt die Nacht mit Alexander (Heiner Hitz), der ihr am nächsten Morgen seine Liebe schwört und sie heiraten will. Amüsiert über so viel Begeisterung macht sie ihm schnell klar, worum es ihr wirklich geht und stellt ihm ihre zwei Nichten Florentine (Tamara Baroni) und Julia (Heidrun Hankammer) vor. Diese sind nach ihrem Geschmack zu sehr aneinander interessiert, weshalb sie sie schnell an den Mann bringen will. Florentine gefällt Alexander mehr als die scheinbar nur für ihre Pferde schwärmende Julia und er heiratet sie.

Doch auch für Julia hat „Frau Oberst“ schon einen Plan. Der Lebemann und Frauenheld Gaston (Claus Tinney) scheint ihr geeignet, Julia auf andere Gedanken zu bringen, aber nicht ohne ihn zuvor selbst eine Nacht für sich zu haben. Auch Gaston will sie sogleich am nächsten Morgen heiraten, soll sich aber um die zweite Nichte kümmern. Keineswegs ohne Erfolg, aber Julia verlangt zuerst geheiratet zu werden, bevor sie mit ihm ins Bett geht…


"Die Nichten der Frau Oberst hat vermutlich nicht nur mich und meine Zukunft verändert, sondern auch Diejenige der ganzen deutschen Kinowelt..." (Zitat Erwin C.Dietrich, E-Mail Interview 01/2015)

Klappte es im Bett bei "Frau Oberst" (Kai Fischer) noch wunderbar...
Diese von Erwin C. Dietrich in unterschiedlichen Publikationen zuvor schon in ähnlicher Form gemachte Aussage, lässt sich an Hand eindeutiger Fakten belegen. Dietrich selbst, der als Produzent begonnen hatte, um zunehmend als Drehbuchautor und Regisseur stärker in den Entstehungsprozess seiner Filme einzugreifen, kämpfte seit Jahren um das Überleben seiner Verleih- und Produktionsfirma. Seit seinem Einstieg ins Erotik-Genre mit "Schwarzer Markt der Liebe" (1966) hatte er weitere fünf erotische Filme herausgebracht - zuletzt "Hinterhöfe der Liebe" (1968) unter eigener Regie -, aber ein durchschlagender Erfolg wollte sich nicht einstellen. Immerhin hatte sich inzwischen ein festes Team herausgebildet, bestehend aus dem Kameramann Peter Baumgartner ("St.Pauli - zwischen Nacht und Morgen", 1967), dessen Onkel Walter Baumgartner als Filmkomponist ("...und noch nicht sechzehn", 1968) und den männlichen Darstellern Peter Capra ("Unruhige Töchter", 1968) und Claus Tinney ("Schwarzer Markt der Liebe").

...ging für Alexander (Heiner Hinz) bei Florentine (Tamara Baroni) nichts mehr.
Mit ihnen nahm Dietrich auch "Die Nichten der Frau Oberst" in Angriff, ergänzt durch attraktive Darstellerinnen, die bereit waren sich nackt vor der Kamera zu zeigen - 1968 alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Entsprechend häufig war Dietrich auf Newcomerinnen angewiesen, die erst Erfahrungen als Schauspielerinnen in größeren Rollen sammeln mussten - teils mit Erfolg (Rosemarie Heinikel ("...und noch nicht sechzehn"), Ingrid Steeger ("Ich, ein Groupie", 1970)), teils ohne große Nachwirkungen. Das traf auch auf Heidrun Hankammer und die damalige italienische "Skandalnudel" Tamara Baroni in den Nichten-Rollen zu, die über ihr hübsches Äußeres hinaus nur wenig überzeugen konnten. Dafür hatte Dietrich mit Kai Fischer eine so erfahrene ("...denn das Weib ist schwach" (1961)) wie erotische Schauspielerin für die Rolle der Frau Oberst engagieren können, die sich aber entgegen ihrer früheren Aussage bei den Dreharbeiten nicht mehr ausziehen wollte.

Weder Tropfen...
Neben der Regie kümmerte sich Erwin C. Dietrich auch selbst um das Drehbuch, so dass sich das Gesamtpaket kaum von seinen Vorgängern unterschied. Trotzdem wurde „Die Nichten der Frau Oberst“ zum erfolgreichsten Film des Jahres 1968, der die kommerzielle Basis nicht nur für Dietrichs zukünftige Filmproduktionen schuf, sondern generell zum Durchbruch für den erotischen Unterhaltungsfilm im prüden Deutschland wurde. Der Anfang 1968 in die Kinos gekommene Oswald-Kolle-Film „Das Wunder des Lebens“ (Regie Franz-Josef Gottlieb) musste sich mit seiner dokumentarisch-aufklärerischen Schwarz-Weiß-Optik noch vom verpönten Sex-Film abgrenzen. Trotzdem verzeichnete er schon hohe Besucherzahlen, konnte aber mit Dietrichs Film nicht mithalten, obwohl dieser schlechte Kritiken erhielt:

„Film ist größte Scheiße des Jahrhunderts! Zurückziehen!“

...noch Kneippkur helfen
telegrafierte der Düsseldorfer Avis-Filialleiter Koschella (Quelle „Mädchen, Machos und Moneten“, Eppenberger/Stapfer) an Dietrich, kurz nachdem der Film in die Kinos gekommen war. Doch dann nahmen die Kartenverkäufe in einem Ausmaß zu, der auch für die Beteiligten überraschend kam – der Versuch einer Erklärung:


Die Nichten kommen

Seine Frau amüsiert sich derweil woanders
Im Gegensatz zu seinen ersten Erotik-Produktionen legte Dietrich seinen neuen Film massenkompatibler an und verzichtete sowohl auf exploitive Elemente, als auch einen zu starken Bezug zur Gegenwart. Spielte Bénazérafs avantgardistischer „St.Pauli – zwischen Nacht und Morgen“ im Unterwelt-Milieu, spitzte die Story um „Unruhige Töchter“ die sich verändernden Geschlechterrollen zu und war „…und noch nicht sechzehn“ ein Konglomerat aus Crime, sexueller Revolution und frivolem Gesang, erging sich „Die Nichten der Frau Oberst“ in langen Einblendungen einer sonnenüberfluteten mediterranen Landschaft. Eine prächtige Villa und schön eingerichtete Räume gaben den Hintergrund für ein luxuriöses Landleben, das genügend Zeit für lange Ausritte, ein erfrischendes Seebad oder das obligatorische Liebesleben beließ – entsprechend sparsam und ruhig blieb der Erzählfluss.

Die Naturaufnahmen erinnern an "Tanja - die Nackte von der Teufelsinsel" (1967)
Die so erzeugte Wirkung auf das damalige Publikum ist nicht zu unterschätzen. Nacktheit und sexueller Lust wurden die Direktheit und damit das Anrüchige genommen, einzig Frau Oberst (Kai Fischer) als erfahrene Witwe darf es ein wenig krachen lassen. Die Zurückhaltung in der erotischen Inszenierung lässt sich gut an einer späten Szene ablesen, die von Florentines (Tamara Baroni) Betrug an ihrem Ehemann Alexander (Heiner Hitz) erzählt. Während Alexander in Kur verweilt, vertreibt sich seine Frau mit einem Schönling die Zeit an südlichen Gestaden. In langsamem Rhythmus wechselt der Film die Perspektive zwischen den Eheleuten, bis Alexander, der seine Frau überraschend besuchen wollte, sie aus Entfernung beim Liebesspiel am Strand beobachtet – und ohne Einzugreifen wieder davon geht. Trotz der aktuellen Optik, der modischen Kleidung und zeitgeistigen Sprache, haftete dem Film etwas Altmodisches an, schien er sich nicht zwischen 19. und 20. Jahrhundert entscheiden zu können. Genauer - zwischen Maupassants Erzählung und einer modernen Interpretation des Stoffs.

„Dietrichs Recherchen ergaben, dass der echte Maupassant eine Erzählung mit diesem Titel nie verfasst hatte, das beworbene Buch demnach das Werk eines neueren Ghostwriters sein musste, der das Buch dem bekannten französischen Romancier unterschob.“ (Quelle „Mädchen, Machos und Moneten“, Eppenberger/Stapfer)

Gaston (Claus Tinney) lässt sich von "Frau Oberst" nicht mehr überreden...
Ein Irrtum, denn Guy de Maupassant veröffentlichte „Les Cousines de la Colonelle“ 1886 gemeinsam mit anderen Geschichten, weshalb er nicht als originärer Romantitel existiert. Ob die in einer Illustrierten auf Deutsch veröffentlichte Erzählung, auf die der Regisseur damals aufmerksam wurde, frei umgesetzt wurde oder ob Dietrich sich die Ausgangssituation selbst erdachte, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest die überall im Internet verbreitete Inhaltsangabe des Maupassant-Romans ist falsch und ein Beispiel für die unkritische Übernahme nicht selbst recherchierter Texte. Anders als im Film, in dem die Tante die beiden Schwestern beim gemeinsamen Liebesspiel erwischt, sind Florentine und Julia bei Maupassant zu Beginn noch sexuell unerfahren. Sie werden von ihrer über 60jährigen Tante nicht an den Mann gebracht, um voneinander abzulassen, sondern um sie für die Zukunft abzusichern – dabei penibel auf Etikette und Moral achtend.

...verzockt erst sein Geld beim Roulette...
Nach der Vermählung von Florentine mit dem viel älteren, aber sehr wohlhabenden Georges beschreibt Maupassant ihre sexuelle Erweckung so erotisch wie einfühlsam. Florentine, die nichts vom männlichen Geschlecht weiß, begreift zuerst nicht, dass sie noch gar nicht entjungfert wurde, weil ihr Mann Erektionsstörungen hatte. Hier zeigen sich erste Parallelen zu Dietrichs Drehbuch. Dieser verjüngte zwar die Tante und ließ sie zuerst mit den für ihre Nichten gedachten Männern schlafen, aber die weitere Entwicklung entsprach Maupassants Vorlage. Die Rolle des Georges nimmt hier Alexander Monty (Heiner Hitz) ein, der sich als junger Mann mit den Problemen des viel Älteren herumschlagen muss. Schon die spontane Hochzeit der beiden jungen Leute - selbstverständlich vor dem ersten Geschlechtsverkehr - wirkt im Umfeld der promiskuitiven Tante wie ein Stilbruch. Erst recht fehlt den Erektionsstörungen, den vom Arzt dagegen verschriebenen Tropfen und der wegen lebensgefährlicher Überanstrengung verordneten sechswöchigen Kur die Glaubwürdigkeit - nachdem es zuvor bei Tantchen bestens geklappt hatte.

...um dann die reiche Erbin Wilhelmine (Britt Lindberg) zu heiraten
Auch Claus Tinney als Gaston wandelte auf Maupassants Spuren. Er bändelt mit Julia (Heidrun Hankammer) an, kann sie aber nicht heiraten, weil ihn sonst seine Tante Martha von Stein (Elfriede Volker) enterbt, auf deren finanzielle Unterstützung er angewiesen ist. Diese vom französischen Romancier schlüssig entwickelte Konstellation um einen Playboy und Lebemann, bleibt im Film oberflächlich. Beliebig setzte Dietrich einzelne Story-Elemente zusammen, darunter auch eine Szene, in der Gaston viel Geld beim Roulette verliert, ohne dessen Spielsucht zu erwähnen. Anders als die Julia bei Maupassant, die sich trotz des drohenden Ehrverlusts auf ihren Geliebten einlässt, erweist sich die Julia im Film als prüder. Sie beharrt auf ein Ehegelübde vor dem Geschlechtsverkehr und bringt Gaston damit zur Weißglut. Selbst dessen sehr direkte „Überredungsversuche“ helfen ihm nicht weiter, weshalb er seine Bemühungen um sie wieder einstellt. Die Absicht hinter dieser wenig romantischen Änderung gegenüber Maupassant liegt auf der Hand. Dass Gaston, als er seine Tante überreden will, ihn von seinem Versprechen loszusagen, die reiche Erbin Wilhelmine (Britt Lindberg) kennenlernt, verführt und sogleich heiratet, bedeutete im Roman einen Vertrauensbruch gegenüber Julia. Seine Liebesschwüre erwiesen sich als leer. Diese Verlogenheit fehlt in der Verfilmung.

Da bleiben Julia (Heidrun Hankammar) und Florentine lieber unter sich
Die Konsequenz ist im Film wie im Buch letztlich dieselbe. Julia und Florentine sind wieder ohne Männer vereint. Bei Guy de Maupassant kam es aber erst jetzt, zu Beginn des zweiten Teils der Erzählung, zu einer sexuellen Interaktion - selbstverständlich ohne die empörte Reaktion der sonst so tolerant daher kommenden Tante. Obwohl Dietrich mit der jungen, sexuell aktiven „Frau Oberst“ und der angedeuteten lesbischen Beziehung ihrer Nichten, einen sexploitiven Aufreißer wählte, ist sein in der Gegenwart der später 60er Jahre spielender Film verklemmter als die literarische Vorlage aus dem 19.Jahrhundert. Brach dort Maupassant bewusst mit den moralischen Standards seiner Zeit, ist der Verfilmung die Anpassung an die konservative Haltung in der damaligen BRD deutlich anzumerken. Dass Dietrich auch anders konnte, ist in den kurzen Szenen mit dem lüsternen Priester (Peter Capra) und der Vergewaltigung durch den Stallknecht zu erkennen, die an seine früheren Filme erinnern. In „Die Nichten der Frau Oberst“ wählte er aber den Mittelweg zwischen klassischer Erotik und sanften Soft-Sex-Bildern bei möglichst geringen Provokationen vorherrschender Moralvorstellungen – und traf damit voll den Zeitgeschmack.

"Die Nichten der Frau Oberst" Deutschland, Italien 1968, Regie: Erwin C.Dietrich, Drehbuch: Erwin C.Dietrich, Claude Martin, Guy de Maupassant (Roman), Darsteller : Kai Fischer, Heidrun Hankammer, Tamara Baroni, Claus Tinney, Peter Capra, Giuseppe Cardillo, Heiner Hitz, Britt Lindberg, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

Freitag, 26. September 2014

...und noch nicht sechzehn (1968) Peter Baumgartner

Inhalt: Während Helen Sheira (Helen Vita) ihr Lied „Sexy und noch nicht 16“ in einem Nachtclub zum Besten gibt, benimmt sich ein Gast daneben. Kein Problem für Johnny (Peter Capra), der persönlich den Störenfried hinauswirft und sich auch sonst um alle Belange der eigenwilligen Diva kümmert. Die 15jährige Rosy (Rosemarie Heinikel) ist aus dem Fürsorgeheim abgehauen und irrt durch die nächtlichen Straßen bis sie zufällig auf Helen und ihre Begleiter trifft, als diese den Abend noch ausklingen lassen wollen. Rolf, ein Bewunderer Helens, nimmt sich des jungen Mädchens gleich an und sorgt für ihre Unterkunft in seiner Studentenwohnung.

Doch es gibt nicht nur liebevolle Interessenten an dem hübschen Mädchen. Besonders Johnny, der sich als künstlerischer Direktor nicht genügend anerkannt fühlt, plant ein großes Ding mit ihr. Er gibt sich Rosy gegenüber großzügig und nett, so dass sie ihn ganz begeistert zum 6-Tage-Rennen begleitet, nicht ahnend, dass er sie an einen der Radrennfahrer als Prostituierte verschachern will…



Mit "...und noch nicht 16" setzte die PIDAX am 23.09.2014 ein Ausrufezeichen. Der zwischen "Unruhige Töchter" und "Die Nichten der Frau Oberst" von Erwin C.Dietrich produzierte Film fällt in seiner ungewöhnlichen Kombination aus Kabarett-Gesang, Dokumentation und Thriller aus dem Rahmen üblicher Erotik-Filme und wirkt wie eine Zusammenfassung der zuvor in Dietrich-Produktionen verwendeten Stile von der Komödie bis zum Bénazéraf-Einfluss aus "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen".  Zudem waren mit Helen Vita und Rosy-Rosy (bürgerlich Rosemarie Heinikel) zwei ungewöhnliche weibliche Stars mit an Bord, die dem Film ein unverwechselbares Zeitkolorit verliehen. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).











In einem Interview erläuterte Peter Baumgartner, wie es zu den Pünktchen kam, obwohl der zu Beginn eingeblendete Filmtitel "Sex und noch nicht sechzehn" lautet. Produzent Erwin C.Dietrich durfte den Film nur mit diesen Pünktchen vermarkten, so die deutschen Tugendwächter - eine Entscheidung, die direkt ins Filmgeschehen überleitet. Helen Vita, die sich hier selbst als Nachtclub-Sängerin Helen Sheira spielte und insgesamt drei wunderbar frivole Lieder zum Besten gab - der Film startet mit ihrem Lied "Sexy und noch nicht 16" - hatte in den Jahren zuvor reichlich Erfahrung mit der deutschen Justiz gesammelt, die ihre insgesamt vier Schallplatten mit "Frechen Chansons aus dem alten Frankreich" aus dem Verkehr gezogen hatte, so dass diese nur noch unter dem Ladentisch gehandelt werden durften. Erst 1969 wurden ihre Interpretationen per Gerichtsbescheid als "künstlerisch wertvoll" wieder freigegeben, deutlich nach dem Entstehungszeitpunkt des Films, der Helen Vita offensichtlich eine Bühne für ihre Songs geben sollte.

Ein naheliegender Gedanke, denn Helen Vita war die Ehefrau des Komponisten Walter Baumgartner, dessen Neffe Peter Baumgartner, sonst bei Dietrichs Filmen ausschließlich hinter der Kamera anzutreffen, hier einmalig auf den Regie-Stuhl wechselte, um die Inszenierung Vitas persönlich zu übernehmen. Walter Baumgartner komponierte dazu nicht nur wie gewohnt die Filmmusik, sondern schrieb seiner Frau die Lieder auf den Leib - eine künstlerisch kongeniale Familienzusammenführung. Doch damit nicht genug. Mit der damals 20jährigen Rosemarie Heinikel, hier unter ihrem Künstlernamen Rosy-Rosy, besetzte Dietrich erstmals eine junge Schauspielerin in der Rolle der titelgebenden „unter 16jährigen“, die wenig später neben Uschi Obermaier zu den bekanntesten weiblichen „Kommunarden“ der 68er Generation gehören sollte. Obwohl das aus einem Heim geflüchtete Mädchen im Film mehrfach Opfer von Vergewaltigern wird, strahlte Rosemarie Heinikel jederzeit Coolness und Stärke aus und spielte auch ihre Nacktszenen mit größter Natürlichkeit. Entsprechend absurd wirkt die Betonung ihrer Oberweite aus Marketing-Gründen, so sehr fehlt diesen Szenen die künstliche Perfektion heutiger Inszenierungen.

Im Vergleich zu Helen Vita und Rosemarie Heinikel hinterlassen die männlichen Protagonisten im Film einen jämmerlichen Eindruck, abgesehen von Rolf, dem fleißigen Studenten, der sich zum Ritter für die kleine Rosy aufschwingt – sehr schön die Szene im Schnee vor einer Burg, wo er mit einem Ast als Schwert gegen sich selbst um das begehrte Fräulein kämpft. Wieder in der Realität angekommen, ist er ganz der vernünftige junge Mann, der sich intensiv um sein Studium kümmern muss, weshalb er Rosy hin und wieder aus den Augen verliert, um ihr mehrfach in letzter Minute zu Hilfe zu kommen. Sein dabei geäußerter Vorwurf an diverse Herren, sie wäre noch keine Sechzehn, hindert ihn aber nicht daran, selbst mit ihr zu schlafen – natürlich im gegenseitigen Einvernehmen.

Peter Baumgartner, der auch das Drehbuch schrieb, kümmerte sich um keine Konstante im Film. Mal liegt der Schwerpunkt auf Helen Vitas Präsenz, mal auf Rosis Erlebnissen als Herumtreiberin, um beide Story-Lines nach Gelegenheit spielerisch zu verzahnen. Straighter wurde die Handlung erst in der zweiten Hälfte, als sich zunehmend der Bènazeraf-Einfluss aus „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967) durchsetzte, der aus dem Nachtleben-Lokalkolorit, samt künstlerischer Erotik-Einlage, eine Crime-Story um Prostitution und Erpressung werden ließ. Peter Capra, der in „Unruhige Töchter“ (1968) schon als fieser Mitschüler und Vergewaltiger auftrat, gibt hier erneut den schmierigen Bösewicht, der erst Rosy an Freier vermittelt, um diese dann wegen ihrer Minderjährigkeit zu erpressen.

Dass er in der ersten Hälfte des Films noch den künstlerischen Direktor des Nacht-Clubs gab und mit Helen Vita deren Abendprogramm einstudierte, passt zu einem Film, der die unterschiedlichsten Sujets – kabarettistischer Gesang, dokumentarische Aufnahmen des Zürcher Nachtlebens mit dem 6-Tage-Rennen, komödiantische Elemente, Erotikszenen und eine brutale Kriminalgeschichte – zu einem knapp 70minütigen Konglomerat zusammenfasste, dass nicht nur jeden Moment unterhalten kann, sondern aus seiner stilistischen Vielfalt von spontan wirkenden Aufnahmen bis zu ästhetisch komponierten Schwarz-Weiß-Bildern eine nächtlich-flirrende Einheit entwickelte.

"...und noch nicht sechzehn" Deutschland / Frankreich 1968, Regie: Peter Baumgartner, Drehbuch: Peter Baumgartner, Darsteller : Helen Vita, Rosemarie Heinikel, Peter Capra, Andy Burton, Alfred FreiLaufzeit : 70 Minuten 



weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

Montag, 25. August 2014

Unruhige Töchter (1967) Hansjörg Amon

Inhalt: Nachdem sie mit ihrem schicken Coupé vor der Schule geparkt hatte, geht Susanne, genannt „Sue“ (Brigitte Skay), fröhlich tänzelnd in den Unterrichtsraum, stolz einen Button auf der Brust tragend mit der Aufschrift „Ich liebe Männer“ in französischer Sprache. Als ihre Lehrerin (Heidy Forster) sie auffordert, den Button zu entfernen, antwortet sie mit einem unschuldigen Blick, dass das doch für ein Mädchen ganz normal wäre. Für ihre Klassenkameraden ist Sue Vorbild und Provokation zugleich, besonders ein verklemmter Mitschüler weiß kaum, wie er an sich halten soll.

Im Gegensatz zur hilflosen Kollegin lässt sich der seriöse Lateinlehrer nicht provozieren, bleibt ruhig und erklärt an der Tafel die Funktion der Pille. Nicht zur Freude des Direktors, der die Moral seiner Schüler für gefährdet sieht. Sue reagiert dagegen sehr freundlich auf ihn und bietet ihm nach dem Unterricht an, ihn mit ihrem Auto nach Hause zu fahren. Doch sie hat eine ganz andere Tour im Sinn und sein Widerstand ist angesichts des schönen Autos und der weiteren Perspektive schnell gebrochen – ein Anruf bei seiner zu Hause wartenden Ehefrau leitet einen aufregenden Tag ein…

Nach  "Schwarzer Markt der Liebe" und "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen". fügte die PIDAX am 12.08.2014 mit "Unruhige Töchter" einen weiteren wichtigen Baustein Erwin C.Dietrichs hinzu, auf dessen Weg zu einem der wesentlichen Pioniere des deutschsprachigen Erotik-Films - auch seine folgenden Werke ("...und noch nicht 16") werden bei der PIDAX erstmals auf DVD veröffentlicht und damit endlich wieder allgemein zugänglich. Mehr als lohnende Wiederentdeckungen, die sehr viel über ihre Entstehungszeit und die deutsche Gesellschaft an sich verraten. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).










Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich Blut geleckt. Nach seinem Einstieg als Produzent in das Erotik-Genre mit "Schwarzer Markt der Liebe" (1966, Regie Ernst Hofbauer) und "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967), die vom Stil des französischen Erotik-Pioniers José Bénazeraf geprägt waren, der beim "St.Pauli" - Streifen selbst Regie führte, begann Dietrich sein Engagement und damit den Einfluss bei der Entwicklung seiner Film-Produktionen zu erhöhen. Offiziell wurde er zwar erstmals bei "Hinterhöfe der Liebe" (1968) als Regisseur geführt, aber die sonst unbekannt gebliebenen Regisseure Georg Ammann ("Seitenstraßen der Prostitution" (1967)) und Hansjörg Amon ("Unruhige Töchter") hatten offensichtlich nur die Funktion seines verlängerten Arms, bevor mit Kameramann Peter Baumgartner bei "...und noch nicht sechzehn" (1968) sein ständiger Mitstreiter ausnahmsweise einmal auch auf dem Regie-Stuhl Platz nahm.

Neben Baumgartner, seit "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" festes Crew-Mitglied, hatte der Schweizer Produzent für "Unruhige Töchter" auch Drehbuchautor Wolfgang Steinhardt nach seiner Mitwirkung beim Bénazéraf-Film ein weiteres Mal verpflichtet, um den "Quick"-Fortsetzungsroman "Unruhige Töchter" der Autorin Ilse Collignon für seinen ersten erotischen Farbfilm zu adaptieren. Der Handlungsort Zürich schien angesichts der zuvor in Berlin und Hamburg angesiedelten Filme vordergründig  provinziell, aber Baumgartner fing Zürich mit großstädtischem Flair ein. Begleitet von der Schweizer Beat-Band „The Countdowns“, die bei einem Konzert auch im Bild ist und deren Musik den Film prägt, gelang es, das stylische 60er Jahre Feeling der Vorgängerfilme fortzuführen, kombiniert mit einer Farbgebung, die besonders bei der Garderobe von Hauptdarstellerin Brigitte Skay die gewollte Wirkung erzielte.

Die Story selbst bedeutete hingegen eine Abkehr vom bisher bevorzugten Gangster- und Prostitutions-Milieu und widmete sich jungen Frauen aus der bürgerlichen Mitte, die nicht mehr klaglos bereit waren, die für sie traditionell vorgesehene Rolle als Ehefrau und Mutter einzunehmen. „Unruhige Töchter“ war ein typischer Kolportage-Roman dieser Zeit, der die sozialen Veränderungen in Richtung Hedonismus und frei gelebter Sexualität unter Vorgabe eines angeblichen Realitätsanspruchs bewusst dramatisierte. Damit wurden gleichzeitig Sensationslust und aufkommende Ängste bedient, um diese durch die Beschränkung auf ein Einzelschicksal wieder zu beruhigen.

In Dietrichs Film wurde die im Mittelpunkt stehende Susanne (Brigitte Skay), cool „Sue“ genannt, zu einem entsprechend künstlichen Charakter hochstilisiert. Obwohl die 18jährige, damals noch minderjährige Schülerin kurz vor dem Abitur steht, lebt sie weit entfernt von ihren reichen, sie finanziell großzügig unterstützenden Eltern allein in einer mondän eingerichteten Wohnung und fährt täglich mit dem Sport-Coupé zur Schule. Außer ihren Klassenkameradinnen, mit denen sie sich regelmäßig trifft, existiert kein soziales Umfeld, dass zu ihrem selbstbestimmt, kessen Verhalten hätte Stellung nehmen müssen. So kommt es zu der außergewöhnlichen Situation, dass es die Schülerin ist, die ihren Lehrer zuerst mit ihren Besitztümern beeindruckt und dann verführt. Während die Ehefrau des sonst so pünktlichen Lateinlehrers zu Hause auf ihn wartet, lässt Sue ihn ans Steuer ihres Motorboots und cruist mit ihm durchs nächtliche Bern, bevor sie in einem angesagten Dance-Club zu Beat-Rhythmen eine Sohle aufs Parkett legen. Mit der Konsequenz, dass er danach sein kleinbürgerliches Leben satt hat und sich in seine Schülerin verliebt.

So irreal diese Konstellation auch wirkt, auf illegalen Sex zwischen Lehrer und Schülerin wollte sich der Film nicht einlassen, sondern nutzte die Szenerie nur dafür, um Sues kaltblütiges, strategisches Vorgehen zu demonstrieren. Dem verliebten Lehrer zeigt sie nach dem gemeinsamen Abend nur noch die kalte Schulter – für den Sex ist dagegen ihr Fotograf zuständig, dessen von ihr gemachten Aktaufnahmen sie nicht nur bereitwillig vorzeigt, sondern die auch ihren Einstieg ins Film-Business vorbereiten sollen. Ihm verdankt sie auch die gute psychologische Vorbereitung auf den älteren Regisseur (Ruedi Walter) ihres ersten Films, dessen Vorliebe für sehr junge Frauen noch durch deren jungfräuliche Zurückhaltung gesteigert wird. Kein Problem für Sue, die nicht lange dafür braucht, bis ihr der selbstverliebte Künstler aus den Händen frisst. Doch auch er ist nur Mittel zum Zweck, denn Sue will ganz nach oben - bis nach Hollywood.

Die Rolle der Sue bedeutete für die damalige Mittzwanzigerin Brigitte Skay den Durchbruch nach zuvor kleineren Rollen, legte sie aber auf den Rollentypus der verführerischen Schönen fest („Bengelchen liebt kreuz und quer“, 1968). In Dietrichs Film blieben ihre Nacktaufnahmen noch dezent, zudem begleitet von einem bewusst mädchenhaften Gestus, der wenig von der „Femme fatale“ an sich hatte, die die Handlung vorsah. Weder das Schicksal der Männer, die nur ihrem Ehrgeiz dienten, noch die Vergewaltigung ihrer lesbischen, ebenfalls in Sue verliebten Mitschülerin (Bella Neri) durch einen verklemmten Klassenkameraden, lassen Tragik aufkommen – immer bleibt die linear vorgetragene Story spielerisch leicht und ohne dramatische Wendungen. Sue tröstet ihre Freundin eben ganz auf ihre direkte, mitfühlende Art.

Ob Autor Steinhardt und Erwin C.Dietrich dem Kolportage-Charakter der literarischen Vorlage die Schärfe nehmen wollten, um sie Mitte der 60er Jahre als Erotik-Film auf die Kinoleinwand bringen zu können, bleibt spekulativ, aber sie trieben der Story damit erfolgreich den pädagogischen, warnenden Gestus aus. Die Figur der Sue ist so überhöht, dass sie weder als Vorbild, noch als abschreckendes Beispiel für junge Frauen dienen konnte. In Erinnerung bleibt ein jederzeit fröhliches, zunehmend sympathisches Mädchen, das reihenweise lächerliche Männer hinter sich lässt, ohne Schaden daran zu nehmen. Dass der griesgrämige Lateinlehrer sie am Ende durchs Abitur fallen lässt, spielt da schon keine Rolle mehr.

"Unruhige Töchter" Deutschland, Schweiz 1967, Regie: Hansjörg Amon, Drehbuch: Wolfgang Steinhardt, Ilse Collignon (Roman), Darsteller : Brigitte Skay, Heidy Forster, Ruedi Walter, Bella Neri, Peter CapraLaufzeit : 78 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich: