Freitag, 26. September 2014

...und noch nicht sechzehn (1968) Peter Baumgartner

Inhalt: Während Helen Sheira (Helen Vita) ihr Lied „Sexy und noch nicht 16“ in einem Nachtclub zum Besten gibt, benimmt sich ein Gast daneben. Kein Problem für Johnny (Peter Capra), der persönlich den Störenfried hinauswirft und sich auch sonst um alle Belange der eigenwilligen Diva kümmert. Die 15jährige Rosy (Rosemarie Heinikel) ist aus dem Fürsorgeheim abgehauen und irrt durch die nächtlichen Straßen bis sie zufällig auf Helen und ihre Begleiter trifft, als diese den Abend noch ausklingen lassen wollen. Rolf, ein Bewunderer Helens, nimmt sich des jungen Mädchens gleich an und sorgt für ihre Unterkunft in seiner Studentenwohnung.

Doch es gibt nicht nur liebevolle Interessenten an dem hübschen Mädchen. Besonders Johnny, der sich als künstlerischer Direktor nicht genügend anerkannt fühlt, plant ein großes Ding mit ihr. Er gibt sich Rosy gegenüber großzügig und nett, so dass sie ihn ganz begeistert zum 6-Tage-Rennen begleitet, nicht ahnend, dass er sie an einen der Radrennfahrer als Prostituierte verschachern will…



Mit "...und noch nicht 16" setzte die PIDAX am 23.09.2014 ein Ausrufezeichen. Der zwischen "Unruhige Töchter" und "Die Nichten der Frau Oberst" von Erwin C.Dietrich produzierte Film fällt in seiner ungewöhnlichen Kombination aus Kabarett-Gesang, Dokumentation und Thriller aus dem Rahmen üblicher Erotik-Filme und wirkt wie eine Zusammenfassung der zuvor in Dietrich-Produktionen verwendeten Stile von der Komödie bis zum Bénazéraf-Einfluss aus "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen".  Zudem waren mit Helen Vita und Rosy-Rosy (bürgerlich Rosemarie Heinikel) zwei ungewöhnliche weibliche Stars mit an Bord, die dem Film ein unverwechselbares Zeitkolorit verliehen. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).











In einem Interview erläuterte Peter Baumgartner, wie es zu den Pünktchen kam, obwohl der zu Beginn eingeblendete Filmtitel "Sex und noch nicht sechzehn" lautet. Produzent Erwin C.Dietrich durfte den Film nur mit diesen Pünktchen vermarkten, so die deutschen Tugendwächter - eine Entscheidung, die direkt ins Filmgeschehen überleitet. Helen Vita, die sich hier selbst als Nachtclub-Sängerin Helen Sheira spielte und insgesamt drei wunderbar frivole Lieder zum Besten gab - der Film startet mit ihrem Lied "Sexy und noch nicht 16" - hatte in den Jahren zuvor reichlich Erfahrung mit der deutschen Justiz gesammelt, die ihre insgesamt vier Schallplatten mit "Frechen Chansons aus dem alten Frankreich" aus dem Verkehr gezogen hatte, so dass diese nur noch unter dem Ladentisch gehandelt werden durften. Erst 1969 wurden ihre Interpretationen per Gerichtsbescheid als "künstlerisch wertvoll" wieder freigegeben, deutlich nach dem Entstehungszeitpunkt des Films, der Helen Vita offensichtlich eine Bühne für ihre Songs geben sollte.

Ein naheliegender Gedanke, denn Helen Vita war die Ehefrau des Komponisten Walter Baumgartner, dessen Neffe Peter Baumgartner, sonst bei Dietrichs Filmen ausschließlich hinter der Kamera anzutreffen, hier einmalig auf den Regie-Stuhl wechselte, um die Inszenierung Vitas persönlich zu übernehmen. Walter Baumgartner komponierte dazu nicht nur wie gewohnt die Filmmusik, sondern schrieb seiner Frau die Lieder auf den Leib - eine künstlerisch kongeniale Familienzusammenführung. Doch damit nicht genug. Mit der damals 20jährigen Rosemarie Heinikel, hier unter ihrem Künstlernamen Rosy-Rosy, besetzte Dietrich erstmals eine junge Schauspielerin in der Rolle der titelgebenden „unter 16jährigen“, die wenig später neben Uschi Obermaier zu den bekanntesten weiblichen „Kommunarden“ der 68er Generation gehören sollte. Obwohl das aus einem Heim geflüchtete Mädchen im Film mehrfach Opfer von Vergewaltigern wird, strahlte Rosemarie Heinikel jederzeit Coolness und Stärke aus und spielte auch ihre Nacktszenen mit größter Natürlichkeit. Entsprechend absurd wirkt die Betonung ihrer Oberweite aus Marketing-Gründen, so sehr fehlt diesen Szenen die künstliche Perfektion heutiger Inszenierungen.

Im Vergleich zu Helen Vita und Rosemarie Heinikel hinterlassen die männlichen Protagonisten im Film einen jämmerlichen Eindruck, abgesehen von Rolf, dem fleißigen Studenten, der sich zum Ritter für die kleine Rosy aufschwingt – sehr schön die Szene im Schnee vor einer Burg, wo er mit einem Ast als Schwert gegen sich selbst um das begehrte Fräulein kämpft. Wieder in der Realität angekommen, ist er ganz der vernünftige junge Mann, der sich intensiv um sein Studium kümmern muss, weshalb er Rosy hin und wieder aus den Augen verliert, um ihr mehrfach in letzter Minute zu Hilfe zu kommen. Sein dabei geäußerter Vorwurf an diverse Herren, sie wäre noch keine Sechzehn, hindert ihn aber nicht daran, selbst mit ihr zu schlafen – natürlich im gegenseitigen Einvernehmen.

Peter Baumgartner, der auch das Drehbuch schrieb, kümmerte sich um keine Konstante im Film. Mal liegt der Schwerpunkt auf Helen Vitas Präsenz, mal auf Rosis Erlebnissen als Herumtreiberin, um beide Story-Lines nach Gelegenheit spielerisch zu verzahnen. Straighter wurde die Handlung erst in der zweiten Hälfte, als sich zunehmend der Bènazeraf-Einfluss aus „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ (1967) durchsetzte, der aus dem Nachtleben-Lokalkolorit, samt künstlerischer Erotik-Einlage, eine Crime-Story um Prostitution und Erpressung werden ließ. Peter Capra, der in „Unruhige Töchter“ (1968) schon als fieser Mitschüler und Vergewaltiger auftrat, gibt hier erneut den schmierigen Bösewicht, der erst Rosy an Freier vermittelt, um diese dann wegen ihrer Minderjährigkeit zu erpressen.

Dass er in der ersten Hälfte des Films noch den künstlerischen Direktor des Nacht-Clubs gab und mit Helen Vita deren Abendprogramm einstudierte, passt zu einem Film, der die unterschiedlichsten Sujets – kabarettistischer Gesang, dokumentarische Aufnahmen des Zürcher Nachtlebens mit dem 6-Tage-Rennen, komödiantische Elemente, Erotikszenen und eine brutale Kriminalgeschichte – zu einem knapp 70minütigen Konglomerat zusammenfasste, dass nicht nur jeden Moment unterhalten kann, sondern aus seiner stilistischen Vielfalt von spontan wirkenden Aufnahmen bis zu ästhetisch komponierten Schwarz-Weiß-Bildern eine nächtlich-flirrende Einheit entwickelte.

"...und noch nicht sechzehn" Deutschland / Frankreich 1968, Regie: Peter Baumgartner, Drehbuch: Peter Baumgartner, Darsteller : Helen Vita, Rosemarie Heinikel, Peter Capra, Andy Burton, Alfred FreiLaufzeit : 70 Minuten 



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