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Freitag, 13. November 2015

Zarte Haut in schwarzer Seide (1961) Max Pécas

Inhalt: Daniela (Elke Sommer) wird von ihrer Mutter (Käthe Haack) zum Münchner Hauptbahnhof begleitet, von wo sie nach Rom fährt, um einen Job als Mannequin anzutreten. Aus einer Zeitschrift, die sie sich am Bahnhof kauft, erfährt sie den Grund für diese Chance – eine Kollegin war tot aufgefunden worden, weshalb die Stelle frei wurde. Für Daniela, die die Welt kennenlernen will, ist das egal, aber ihre Mutter macht sich große Sorgen. In Rom angekommen, scheinen diese Befürchtungen unberechtigt, denn Graf Castellani (Ivan Desny) erweist sich als so charmanter wie großzügiger Chef und empfängt Daniela sehr herzlich.

Ganz anders als Karl Bauer (Helmut Schmid), der im benachbarten Hotelzimmer mitten in der Nacht bei lauter Musik in seine Schreibmaschine tippt und Daniela weckt. Zudem dringt er noch in ihr Zimmer ein, um den Kerl kennenzulernen, der sich dort verbirgt. Ein Betrunkener hatte die Herrenschuhe versehentlich vor Danielas Zimmer geschoben. Nach dieser eher unerfreulichen ersten Begegnung fasst Daniela nur schwer Vertrauen zu dem Journalisten, der sich ständig in der Nähe Castellanis herumtreibt und ihn als Verbrecher bezeichnet…


Die 2004 herausgekommene DVD "Zarte Haut in schwarzer Seide" des nicht mehr existenten Labels "Starmedia" war ein typischer Schnellschuss der frühen DVD-Phase - körniges Bild, falsches Format, ein Screenshot als Cover und ein Begleittext, der keine Ahnung hatte. Bei dem "französischen Model Daniella" handelt es sich um die junge Deutsche Daniela, gespielt von Elke Sommer, die danach noch viele Filme in Europa drehte, nicht zuletzt mit Regisseur Max Pécas im folgenden Jahr. Für den Autoren des Covertextes ist "Zarte Haut in schwarzer Seide" dagegen ihr letzter europäischer Film bevor sie nach Hollywood ging.

Kurz, die DVD ist mies, aber trotzdem empfehlenswert, denn Max Pécas' zweiter Film, zudem seine einzige deutsche Produktion, ist als früher Erotikfilm ein rares Vergnügen. Und es ist kaum zu erwarten, dass es ihn einmal in adäquater Qualität geben wird.








Sorgenvoll verabschiedet die Mutter (Käthe Haack) ihre Tochter Daniela (Elke Sommer) am Münchner Hauptbahnhof. Die blonde junge Frau tritt in Rom eine Stelle als Mannequin an, die frei wurde, nachdem ihre Vorgängerin tot aufgefunden wurde - kein gutes Omen für einen Job in der Fremde. Noch während der Zug den Bahnhof verlässt, sind die kommenden Gefahren schon mit Händen zu greifen: Vergewaltigung, Prostitution, Mord. Was läge näher, als die Warnung vor dem moralischen Verfall in eine aufwühlende Sex-and-Crime-Story zu packen? - Elke Sommer hatte erst kurz zuvor in "...und sowas nennt sich Leben" (1961) ein Mannequin gespielt, dass sich unlauteren Annäherungen erwehren musste, Ivan Desny wurde als Playboy in "Geständnisse einer Sechzehnjährigen" (1961) zum Mordopfer und Helmut Schmid gab wenig später in "...denn das Weib ist schwach" (1961) einen in kriminelle Machenschaften verwickelten Anwalt zwischen zwei Frauen - erneut nach einem Drehbuch von Wolfgang Steinhardt, der auch die Story zu "Zarte Haut in schwarzer Seide" verantwortete.

Und das Erwartete geschieht. Der Leiter des Modestudios Graf Castellani (Ivan Desny) erweist sich als sinistre Persönlichkeit, die offensichtlich über Leichen geht, es aber glänzend versteht, junge Frauen mit seinem Charme zu überzeugen. Auch Daniela ist schnell von dem eleganten Lebemann begeistert und bereit, seinen Ausführungen Glauben zu schenken. Dagegen weckt Karl Bauer (Helmut Schmid), angeblicher Journalist, ihr Misstrauen. Erst stört er als Nachbar im angrenzenden Hotelzimmer ihre Nachtruhe, dann poltert er brachial in ihr Leben. Obwohl er sich für sie einsetzt, als wieder eine Frauenleiche gefunden wird, schenkt sie seinen Worten, Castellani wäre ein Verbrecher, keinen Glauben. Der Beginn eines verwirrenden Spionage- und Erpresserplots, der bis nach Paris führt und mit immer neuen Wendungen aufwarten kann, weshalb der Film auch in Richtung der damals populären „Edgar Wallace“-Reihe vermarktet wurde. Zur Enttäuschung falsch geschürter Erwartungen, denn „Zarte Haut in schwarzer Seide“ ist weder Moralkeule noch Gruselkrimi, sondern ein Max Pécas-Film.

Der Blick auf Pécas‘ folgenden ebenfalls mit Elke Sommer in der Hauptrolle entstandenen Film hilft, sich der ungewöhnlichen Kombination aus deutschem Drehbuch, deutschsprachigen Hauptdarstellern und französischer Regie anzunähern. Das Drama „Douce violence“ (Sie nennen es Liebe, 1962) entwickelt seine Story um eine Gruppe junger Menschen vor dem sonnigen Hintergrund der Mittelmeerküste. Ein Abbild der sich rasant verändernden Sozialisation der Nachkriegsgesellschaft – sexy und cool, eingeleitet von einem Johnny Halliday-Song und begleitet von der Musik Charles Aznavours. Dieser gab schon in Pécas‘ erstem Film "Le cercle vicieux" (Die Begierde treibt den Mann, 1960) den Takt vor und sorgte auch in „Zarte Haut in schwarzer Seide“ für eine Atmosphäre der Moderne, in der die Story nur den Hintergrund abgab für das eigentliche Thema – Sex. Noch vor seinem bekannteren Landsmann José Bénazéraf  („Seine frühen Erotikfilme 1963 – 1974“) ging Max Pécas konsequent den Weg in Richtung Sexfilm, der ihn Mitte der 70er Jahre auch zur Pornografie führte.

Seine Zusammenarbeit mit Wolfgang Steinhardt war in dieser Hinsicht kein Zufall, denn trotz dessen nur wenige Filme umfassenden Oevres zählt der Autor zu den prägenden Figuren der Früh-Phase des deutschen Erotik-Genres. Neben „...denn das Weib ist schwach“ schuf er im selben Jahr noch die Basis zu „Riviera-Story“ mit Ulla Jacobsson unter der Regie von Wolfgang Becker („Liebe wie die Frau sie wünscht“, 1957), um mit seinen Drehbüchern Mitte der 60er Jahre die Linie in Richtung Bénazéraf („St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“, 1967) und „Unruhige Töchter“ (1967) zu schlagen - jeweils Produktionen von Erwin C. Dietrich. Zwar stellte Steinhardt seine Figuren gerne in ein kriminelles Umfeld, aber anders als in den Edgar-Wallace-Filmen, in denen nur die Side-Kicks für frivole Anklänge zuständig waren, während die weiblichen Hauptdarstellerinnen ein Vorbild an Tugendhaftigkeit abgaben, waren seine Protagonistinnen zentraler Teil des sexuell konnotierten Geschehens.

Zudem trieb die Kombination mit Max Pécas dem Drehbuch die letzten Avancen in Richtung Moralkeule aus. Das führte zu so seltsamen Blüten, dass Danielas Mutter ihre Tochter zweimal am Münchner Hauptbahnhof mit wedelndem Taschentuch verabschiedet. Pécas wiederholte die Szene mitten im Film noch einmal, nachdem Daniela aus Rom zurückgekehrt war, um gleich nach Paris weiter zu reisen – diesmal ohne offensichtliches Job-Angebot. In beiden Abschiedsszenen steht dieselbe Statistin als Mitreisende im Zug am Fenster, aber das spielte keine Rolle, denn der französische Regisseur war sowieso an keiner emotionalen Zuspitzung interessiert. Dass inzwischen ein weiterer Mord geschehen war und Graf Castellani die junge Frau für seine Zwecke eingespannt hatte – geschenkt, Muttern hat noch denselben sorgenvollen Blick im Gesicht wie zu Beginn.

Schöner ließ sich diese klassische Betroffenheitssequenz kaum aushebeln, die beispielhaft ist für einen Film, der sein turbulentes Geschehen ohne authentische Gefühlsregungen ausbreitete, sondern nur Klischeetypen aufeinandertreffen ließ – den egoistischen Verführer, die eifersüchtige Geliebte (Claire Maurier), den hemdsärmeligen Ermittler, den geheimnisvollen Vamp (Danik Patisson) und mittendrin die naiv wirkende Blondine. Deren optische Inszenierung lag Pécas besonders am Herzen, weshalb Elke Sommer in vielfältiger Form zu sehen ist - darunter als Fotomodell vor großstädtischer Kulisse, Hotelgast im Negligé, als unfreiwillige Stripperin, die sich von einer Gruppe Matrosen retten lässt, oder mit schwarzer Perücke in einem Nachtclub. So lange die Kamera ihre hübschen Beine einfangen konnte, spielten die Umstände für ihre Abenteuer nur eine untergeordnete Rolle.

„Zarte Haut in schwarzer Seide“ steht beispielhaft für den Typus des frühen deutschen Erotik-Films, dessen Unterwelt-Milieu dafür herhalten musste, um dezente Nacktaufnahmen auf die Leinwand bringen zu können. Regisseur Pécas ließ zwar keinen Zweifel an seinen tatsächlichen Intentionen aufkommen, konnte der Co-Produktion aber den deutschen Gestus nicht ganz austreiben – trotz ihrer sexy Auftritte blieb Elke Sommer immer auch ein braves Mädel.






"Zarte Haut in schwarzer Seide" Deutschland, Frankreich 1961Regie: Max Pécas, Drehbuch: Walter Ebert, Wolfgang Steinhardt, Darsteller : Elke Sommer, Helmut Schmid, Ivan Desny, Claire Maurier, Danik Patisson, Käthe Haack, Laufzeit : 85 Minuten

Mittwoch, 19. August 2015

Verführung am Meer (Ostrva) (1963) Jovan Zivanovic

Inhalt: Eva (Elke Sommer) verlässt die U-Bahn-Station und eilt in hochhackigen Schuhen über die winterlichen Straßen Berlins zu einem Termin. Ihr Aussehen ist gefragt bei der Vorstellung im Haus einer älteren Dame (Blaženka Katalinić), von der sich Eva einen gut bezahlten Job erhofft. Ihre Attraktivität überzeugt und sie erhält den Auftrag – 2000 DM bekommt sie sofort, die restlichen 2000 nach Erledigung.

Schon am nächsten Tag fliegt sie nach Dalmatien an die Adria-Küste, um dort als Urlauberin einzuchecken. Schnell lernt sie einen jungen Einheimischen (Branimir Tori Jankovic) kennen, der sich näher für die junge Blondine interessiert. Eva erwidert seine Avancen zwar nicht, freundet sich aber mit ihm an und erfährt so, auf welcher der vielen kleinen Inseln sich der von ihr gesuchte Mann (Peter van Eyck) befindet. Sie mietet sich ein Boot und legt an dessen Rückzugsort an, muss aber feststellen, dass er sich nicht nur verbarrikadiert hat, sondern auch die Hunde auf sie hetzt…


Als "Verführung am Meer" am 04.11.2014 von der PIDAX veröffentlicht wurde, nahm ich den Film zuerst nicht wahr. Zu wenig ließ er sich trotz Elke Sommer und Peter van Eyck in die deutsche Kino-Historie einordnen. Deutsch-jugoslawische Co-Produktionen waren zu dieser Zeit keine Seltenheit, aber bei "Verführung am Meer" lag die Sache irgendwie anders - bis ich mich näher mit Regisseur Zivanovic auseinander setzte und seinen Film „Čudna devojka“ entdeckte, den er ein Jahr zuvor mit dem selben Team gedreht hatte. Er kam unter dem Titel "Studentenliebe" 1963 in einer deutsch synchronisierten Fassung in die DDR-Kinos und hätte ich einen Wunsch frei, dann sähe ich ihn gerne auf DVD.

So sehr ich es schätze, dass die PIDAX "Verführung am Meer" wieder zugänglich machte, so sehr beließ sie es dabei, die falsche Erwartungshaltung an den Film zu unterstützen, die ihm schon zu seiner Entstehungszeit schadete. Die Überschrift "Vom Drehbuchautor von "Todesschüsse am Broadway" und "Dynamit in grüner Seide"" ist auch insofern falsch, dass Rolf Schulz, der die Drehbücher zu den genannten Filmen erst viele Jahre später schrieb, hier nur unterstützend tätig war. Stattdessen war der jugoslawische Autor Jug Grizelj dafür verantwortlich, der sein Drehbuch zu „Čudna devojka“ variierte. Die Parallelen zwischen beiden Filmen in der Charakterisierung einer jungen Frau in einer Phase, in der sich moralische Standards und die Geschlechterrollen zu ändern begannen, sind offenkundig - "Verführung am Meer" ist junges modernes Kino der frühen 60er Jahre im Geist der "Nouvelle vague" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 


"Und das übrige…ist das auch echt?"

Die hübsche Blondine bejaht. Sie will den Job und das Geld, denn sie mag die Dinge, die sie sich davon kaufen kann. Die eine Hälfte sofort, die zweite bei Erfolg. Ihr Auftrag wird nicht genannt, aber der deutsche Filmtitel lässt keinen Zweifel daran: "Verführung am Meer". Sie reist vom winterlichen Berlin an die jugoslawische Adria-Küste. Schnell bekommt sie Kontakt vor Ort, denn die junge als Urlauberin getarnte Deutsche weckt Begehrlichkeiten, die sie für ihre Zwecke nutzen kann. Sie verfolgt eine klare Strategie - ihre körperlichen Vorzüge am richtigen Ort so zu präsentieren, dass sie der Zielperson ins Auge fallen. An dessen Reaktion hegt sie keinen Zweifel.

Das Wort "Prostitution" fällt nicht im Film, aber die Unmoral ist mit Händen zu greifen. Elke Sommer ist "Eva" und sie nähert sich dem Mann, um ihn aus dem Paradies zu vertreiben. Sie täuscht eine Notlage vor, um den so herbei gelockten Peter (van Eyck) zum Sex zu verführen. Er, der auf einem felsigen Eiland vor der Adria-Küste sein Refugium abseits der Menschen gefunden hat, soll wieder in eine bürgerliche Existenz nach Deutschland zurückkehren. Verlockt von dem einzigen, was ihm in seiner selbst gewählten Einsamkeit vermeintlich fehlt - die Nähe zu einer Frau.

"Wer bist du?“ – „Ein Mann, und du?“ – „Eine Frau“

"Verführung am Meer" hätte eine böse, mahnende Geschichte erzählen können über vorgetäuschte Gefühle und die zunehmende sexuelle Verkommenheit in der Gesellschaft - Elke Sommer ("...und sowas nennt sich Leben", 1961) und Peter van Eyck ("Endstation 13 Sahara", 1963) besaßen ausreichend Erfahrung im Genre des Moralfilms - doch der Film wählte einen anderen Weg. Eva und Peter kommen sich näher und die junge Frau verliebt sich in den deutlich älteren Mann. Eine Entwicklung, die wiederum reflexartig den Verdacht provoziert, hier handelte es sich um eine lüsterne Alt-Herren-Fantasie, untermalt von den für diese Zeit offenherzigen Bildern einer hübschen jungen Frau. Dieser Vorwurf will oder kann den entscheidenden Unterschied zu einem solchen Männer-Traum vielleicht nicht erkennen - nicht der Mann steht hier im Mittelpunkt, sondern die Frau, aus deren Perspektive der Film erzählt wird.

Zwar entfaltet sich im Lauf der Handlung die Vergangenheit Peters und werden seine Beweggründe deutlich, warum er an diesem einsamen Ort lebt, aber sein Charakter erfährt keine Entwicklung. Ganz anders dagegen die junge Frau, auch wenn der Betrachter bis zum Schluss kaum etwas über sie weiß. Sie agiert, während er reagiert. Zuerst auf ihre Verführung, dann auf das beginnende Liebesspiel bis zur Offenbarung ihrer ursprünglichen Intention. Nicht der Mann ist es, der dank seiner moralischen und geistigen Überlegenheit bzw. seines liebenswerten Wesens der Frau den richtigen Weg weist – Grundvoraussetzung eines feuchten Männertraums – sondern sie selbst zieht eigene Konsequenzen. Peter wäre ihr sonst wie geplant auf den Leim gegangen.

„Du spielst mit mir?“ – „Und warum nicht?“

„Verführung am Meer“ ist ein Wunder. Er moralisiert, wertet und relativiert nicht, sondern erzählt eine einfache Geschichte inmitten einer in ihrer felsigen Kargheit wunderschönen Landschaft. Die üblichen halbseidenen Assoziationen – Sex, Nacktheit, junge Frau, älterer Mann – verfangen hier nicht, denn „Verführung am Meer“ oder schlicht „Ostrva“ (Inseln), wie der Film auf serbo-kroatisch heißt, ist tief im jungen jugoslawischen Kino der frühen 60er Jahre verankert, das sich an der französischen „Nouvelle Vague“ orientierte. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Jovan Zivanovic die Romanverfilmung „Čudna devojka“ (Studentenliebe, 1962) herausgebracht – die Geschichte einer jungen Studentin, die unangepasst und sexuell offensiv ihren eigenen Weg sucht. „Cudna devojka“ spielte vor dem Hintergrund der sozialistischen Gesellschaft in Jugoslawien und war nur in der DDR in die Kinos gekommen, weshalb „Verführung am Meer“ – mit westdeutschen Produktionsgeldern entstanden und den Filmstars Elke Sommer und Peter van Eyck prominent besetzt - vordergründig wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgängerfilm aufzuweisen scheint.

Spela Rozin in "Cudna devojka" (Studentenliebe, 1962)
Tatsächlich überwiegen die Parallelen, denn Regisseur Zivanovic versammelte dasselbe Kreativ-Team um sich - nur um den damaligen Newcomer Rolf Schulz ergänzt, der für die deutschsprachigen Dialoge zuständig war. Gemeinsam mit Drehbuchautor Jug Grizelj, Kameramann Stevan Miskovic, Komponist Darko Kraljic und Cutterin Jelena Bjenjas variierte Zivanovic die in „Čudna devojka“ verfilmte Story einer selbstbewussten jungen Frau neu – vor dem Hintergrund einer Urlaubslandschaft und ohne offensichtliche Nähe zur gesellschaftspolitischen Tagesaktualität. Besonders in der Gegenüberstellung beider Filme wird deutlich, dass die Geschichte um Peter nur als Rahmen dient – die Charakterisierung der jungen Frau und ihr Weg der Selbstfindung blieb dem Geist von „Čudna devojka“ treu. Zivanovic betrachtete seine weiblichen Protagonistinnen mit Sympathie und verurteilte ihre offene sexuelle Attitüde nicht. Im Gegenteil erweisen sich Beide als intelligent und in der Lage ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu korrigieren.

Damit widersprach „Verführung am Meer“ den damaligen moralischen Standards, die einforderten, dass junge Frauen für ihr promiskuitives Verhalten büßen sollten. Zumindest ihr Ruf wurde nachhaltig beschädigt, wie auch ihre Auftraggeberin annimmt. Doch Eva ordnet sich nicht unter, sondern behält die Hoheit über ihr Handeln – am Ende wirkt ihr Verhalten moralischer als das der alten Dame. Unterstützt wurde Zivanovics Gespür für die beginnenden soziokulturellen Veränderungen durch eine kontrastreiche Bildsprache, deren Perspektiven die Menschen immer in Bezug zu ihrer Umgebung setzen. Mal verleiht er ihnen Dominanz, mal bleiben sie im Hintergrund oder assimilieren sich fast bis zur Unsichtbarkeit in der Landschaft. Obwohl nur wenige Minuten zu Beginn ins Bild gerückt, vermittelt der Weg Evas durch Berlin (auch wenn die Anordnung geografisch nicht logisch ist) eine Verlorenheit, die ihre späteren Motive verständlich werden lässt.

In stilistischer Hinsicht ähnelt „Verführung am Meer“ seinem Vorgänger „Čudna devojka“, aber Regisseur Zivanovic konnte für den westdeutschen Markt etwas mehr wagen – Elke Sommer inszenierte er in ihrer Erotik konkreter als zuvor Spela Rozin. Beim Publikum geholfen hat es ebenso wenig wie die Küstenlandschaft und die populäre Besetzung. Obwohl dem Film seine inszenatorischen Qualitäten nicht abgesprochen wurden, lassen die wenigen Kritiken die Unfähigkeit erkennen, sich auf die inneren Beziehungen der Protagonisten, besonders aber auf die weibliche Hauptrolle einlassen zu wollen - bis hin zu der zwar werbewirksamen, die Intention des Films massiv missverstehenden Bezeichnung einer „modernen Robinsonade“. Sowohl „Čudna devojka“ (Studentenliebe) als auch „Verführung am Meer“ waren hinsichtlich ihres Umgangs mit der Sexualität und den Geschlechterrollen ihrer Zeit voraus – und sind es immer noch.

"Verführung am Meer" Deutschland, Jugoslawien 1963, Regie: Jovan Zivanovic, Drehbuch: Jug Grizelj, Rolf Schulz, Darsteller : Elke Sommer, Peter van Eyck, Blazenka Katalinic, Branimir Tori Jankovic, Laufzeit : 76 Minuten

Montag, 10. August 2015

Einer von uns beiden (1973) Wolfgang Petersen

Inhalt: Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) lebt in einem kleinen Zimmer in einer Hinterhauswohnung in Kreuzberg zur Untermiete. Mehr kann sich der gescheiterte Student nicht leisten, der vergeblich versucht, einen Verlag für sein Buch zu finden. Als er einen kleinen Recherche-Job übernimmt, entdeckt er zufällig, dass der renommierte Universitäts-Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben, sondern einen englischen Text ins Deutsche übersetzt hatte. Er meldet sich in dessen Uni-Büro an und konfrontiert ihn mit dieser Tatsache. Für sein Stillschweigen verlangt er 10000 Mark und weitere monatliche Zahlungen.

Erste Begegnung: Professor und Ex-Student
Kolczyk zahlt, macht aber kein Geheimnis daraus, dass er sich das nicht dauerhaft gefallen lassen wird. Ziegenhals, der sein Geld in ein Auto steckt und in eine bessere Gegend umzieht, unterschätzt den Professor, der beginnt, in seinem Privatleben nachzuforschen. Dabei lernt er auch Miezi (Elke Sommer) kennen, eine Prostituierte, die in Kreuzberg bis vor kurzem mit Ziegenhals in einer Wohnung lebte. Doch bevor sich Kolczyk erneut mit ihr treffen kann, wird Mieze ermordet aufgefunden, weshalb wenig später ein Inspektor (Peter Schiff) der Berliner Polizei vor seiner Tür steht, der seinen Namen in ihrem Kalender fand. Auch für Ziegenhals interessiert sich der Inspektor, der erstaunt die hohe Zahlung des Professors an den jungen Mann registriert…


Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) ist wütend, sehr wütend. Erneut erhielt er sein Buch-Manuskript zurück, Absage inclusive. Obwohl er sein geisteswissenschaftliches Studium an der Freien Universität geschmissen hat, sind nur die Anderen an seiner Misere schuld - als Untermieter von Opa Melzer (Walter Gross) wohnt er in einem heruntergekommenen Altbau in Kreuzberg, gemeinsam mit Miezi (Elke Sommer), die hier anschaffen geht. Die Hochphase der 68er Studentenproteste an der FU lag nur wenige Jahre zurück, als Horst Bosetzkys unter dem Kürzel -ky seinen ersten Kriminalroman herausbrachte, den Regisseur Wolfgang Petersen wiederum als Grundlage für seinen ersten Kinofilm nahm - nur ist von einer klassenkämpferischen Attitüde hier nichts mehr zu merken.

Ziegenhals (Jürgen Prochnow) mit der Professoren-Tochter (Kristina Nel)
Dabei ist Bernd Ziegenhals der Idealtypus eines studentischen Bürgerschrecks, wie er Anfang der 70er Jahre noch provozierte - längere Haare, saloppe Kleidung, keinen Job und ein entspanntes Verhältnis gegenüber Kriminellen. Als er bei einem Quellenstudium zufällig feststellt, dass der bekannte Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit komplett abgeschrieben hatte - er hatte eine us-amerikanische Arbeit einfach ins Deutsche übertragen - bedarf es keiner großen Überwindung, ihn zu erpressen. Schuldgefühle gegenüber dem Professor entwickeln sich auch nicht im weiteren Verlauf der Story. Im Gegenteil nimmt er sich nur das, was ihm aus seiner Sicht zusteht. Mit Umverteilung von oben nach unten oder der Demaskierung einer betrügerischen Elite hat das nichts zu tun - von seinem erpressten Geld kauft sich Ziegenhals zuerst einen Mercedes und zieht ins gutbürgerliche Zehlendorf.

Zuhälter Prötzel (Claus Theo Gärtner) macht Miezi (Elke Sommer) Ärger
Dass es in Bosetzkys Kriminalroman auch einen Mord gibt, erhöht nur die Dynamik in einem Duell auf Augenhöhe, dessen Ausgang bis zuletzt offen bleibt. Darüber hinaus spielt er nur eine geringe Rolle. Claus Theo Gärtner gab den Zuhälter so schmierig, dass dessen Schuld an Miezis Tod kaum in Zweifel steht – zumindest im Kiez. Peter Schiff als ermittelnder Inspektor interessiert sich dagegen mehr für Ziegenhals und Kolczyk, die Beide Miezi kannten – und stört damit ihre zuerst noch austarierte Konstellation. Es ist Jürgen Prochnows überzeugendem Spiel zu verdanken, dass der Erpresser Bernd Ziegenhals nicht unsympathisch herüber kommt. Ihm gelang die Schere zwischen lässigen Umgangsformen und intellektuellem Selbstverständnis, die sowohl seine Beliebtheit bei seinem Vermieter und den Kleinkriminellen im Kreuzberger Kiez, als auch seinen späteren Erfolg bei Ginny (Kristina Nel), der Tochter des Professors, glaubwürdig werden ließ.

Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) im Kreis seiner Familie
Zu verdanken ist dieser Eindruck nicht zuletzt seinem Gegenspieler, Professor Kolczyk, der schon bei der ersten Geldübergabe betont, dass nur „Einer von uns beiden“ am Ende übrig bleiben wird. Zunehmend geht er fanatischer vor, um seine gehobene gesellschaftliche Position zu verteidigen. Auf diese Weise verschob Petersen die Sympathien langsam in Richtung des verkrachten Studenten und damit entgegen der damaligen Erwartungshaltung, die er allein schon durch die Besetzung der beiden Hauptrollen erzeugte. Während Klaus Schwarzkopf seit Jahren zu den beliebtesten TV-Darstellern gehörte – seine Verkörperung des „Tatort“ - Kommissars Finke zählt heute noch zu den herausragenden Leistungen des Genres – war Prochnow ein Newcomer, der zwar faszinierte, aber anti-bürgerliche Typen spielte. In der „Tatort“ – Folge „Jagdrevier“ (1973) hatte er erstmals gemeinsam mit Schwarzkopf unter Wolfgang Petersens Regie vor der Kamera gestanden - als aus dem Gefängnis geflohener Mörder, dessen Fall sich ebenfalls weniger eindeutig entwickelte als es zuerst schien.

Der Inspektor (Peter Schiff)
Mehr als dass Prochnow in seiner Rolle an Sympathie gewann, überraschte Klaus Schwarzkopfs Dekonstruktion eines hoch angesehenen Bürgers. Dazu trugen auch die stimmigen Nebenfiguren bei. Während Ziegenhals im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung fair bleibt, kann sich Kolczyk nicht einmal mehr auf seine Frau (Ulla Jacobsson) einlassen, die versucht, ihm die Angst vor dem Ansehensverlust zu nehmen. Als sich Ziegenhals ernsthaft in die Tochter des Professors verliebt, neigt sich die Waagschale endgültig in Richtung des Erpressers. Ursache und Wirkung geraten in Vergessenheit, Ziegenhals‘ Verfehlungen wirken angesichts der kriminellen Energie des Professors als lässliche Sünde.

Treffen an der Mauer mit zwei Mercedes
„Einer von uns beiden“ kommt ohne konkret formulierte Gesellschaftskritik aus, zeitgenössische Aspekte scheinen angesichts eines rein um Besitz und Ansehen geführten Duells nebensächlich. Doch das täuscht. Geschickt spielte Petersen mit bürgerlichen und anti-bürgerlichen Klischees, manipulierte Erwartungshaltungen und Gerechtigkeitsempfinden vor der Kulisse einer Stadt im Umbruch. West-Berlin gibt ein unfertiges Bild ab, bestehend aus staubigen Straßen inmitten sanierungsbedürftiger Altbauten, kleinbürgerlichen Villen-Siedlungen, Betonplätzen entlang der Mauer und hohen Stahlbetonskelettneubauten. Eine Stadt, auf der Suche nach einer eigenen Identität – und damit das Abbild einer Gesellschaft im Wandel.

Schöne Neubauwelt in Gropiusstadt
Als Bernd Ziegenhals dem Professor auf der Baustelle eines Hochhausblocks in der Gropiusstadt voller Stolz erklärt, wo in seiner zukünftigen Wohnung die Essecke und der Fernseher stehen wird, ist er endgültig zum Spießer mutiert, ist nichts von seiner unangepassten Attitüde mehr übrig geblieben. Kolczyk hingegen, angesehenes Mitglied der Gesellschaft, hat jede bürgerliche Moral hinter sich gelassen und ist nur noch an seiner Rache interessiert. Sie haben ihre Identitäten getauscht – gesellschaftskritischer in seiner zynischen Konsequenz konnte das Ende nicht sein. 

"Einer von uns beiden" Deutschland 1973, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: Manfred Purzer, Hans Otto Besetzky (Roman), Darsteller : Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Elke Sommer, Berta Drews, Otto Sander, Ulla Jacobsson, Walter Gross, Christina Nel, Peter Schiff, Claus Theo Gärtner, Anita KupschLaufzeit : 101 Minuten

Sonntag, 8. März 2015

...und sowas nennt sich Leben (1961) Géza von Radványi

Inhalt: Irene (Karin Baal) verbringt ihre Zeit meistens in einem angesagten Musik-Club, wo sie nicht nur den Chef Mario (Claus Wilcke), sondern auch die Musiker der jeden Abend aufspielenden Kapelle bestens kennt. Es ist kein Geheimnis, dass sie mit fast allen schon im Bett war, nur der Klavier-Student Martin (Michael Hinz), der sie liebt, wird von ihr zurückgewiesen. Außer sie braucht ein schickes Auto. Als sie ihr Freundin Britta (Elke Sommer) am Busbahnhof abholen will, ist Martin gerade Recht, um mit dem Cabriolet seines reichen Vaters (Wolfgang Lukschy) den Chauffeur spielen zu dürfen.

Für Irene ist der junge Mann ein Schwächling, was sie ihm erneut beweist, als es nach einem Streit zu einem Boxkampf zwischen ihm und dem kräftigen Bob (Karl-Otto Alberty) kommt. Sie verspricht Bob, mit ihm zu schlafen, wenn er absichtlich gegen Martin verliert. Eine Gelegenheit, die sich dieser nicht entgehen lässt und die Irene später Martin gegenüber zum Besten gibt. Doch sie merkt nicht, dass sie immer mehr an Rückhalt in ihrer Umgebung verliert…


"...und sowas nennt sich Leben"  wurde von der PIDAX am 27.01.2015 erstmals auf DVD veröffentlicht und gilt als später Vertreter des 50er Jahre Jugend-Dramas in Folge der durch "Die Halbstarken" 1956 los getretenen Welle. "...und sowas nennt sich Leben" entstand an der Schnittstelle zwischen den noch an Anstand und Moral appellierenden Filmen der späten 50er Jahre und der sich abzeichnenden zunehmenden Liberalisierung der 60er Jahre, die in Richtung Erotik-Film führte. Das macht den Film außergewöhnlich, der nicht mehr auf positive Vorbilder setzte, sondern das Bild einer rein an materialistischen Werten orientierten Gesellschaft entwarf, dass der Abschreckung dienen sollte - sicherlich einseitig und klischeehaft überzeichnet, aber im Detail näher an der Realität. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 









Die genetische Linie von "Die Halbstarken" (1956), dem ersten Film, der sich konkret mit den Auswirkungen der sozialen Veränderungen auf die Heranwachsenden in der Nachkriegszeit auseinandersetzte, zu "...und sowas nennt sich Leben" lässt sich leicht herstellen. Beide Filme wurden von Arthur Brauner produziert, Komponist Martin Böttcher zitierte seine eigene Filmmusik und populäre Jung-Schauspieler gaben sich in der Besetzungsliste ein Stelldichein, von denen einige schon Einsätze im moralisch-pädagogisch motivierten Film der späten 50er Jahre vorzuweisen hatten. Darunter Claus Wilcke ("Verbrechen nach Schulschluss" (1958)), Elke Sommer ("Am Tag als der Regen kam" (1959)) und besonders Karin Baal, die seit ihrer Hauptrolle an der Seite von Horst Buchholz in "Die Halbstarken" auf die Rolle gefährdeter junger Frauen ("Der Jugendrichter", 1960) festgelegt schien. Doch die vergangenen fünf Jahre waren auch an den Jugend-Dramen nicht spurlos vorüber gegangen. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt so schnell voran, dass die in "Die Halbstarken" ausgesprochenen Warnungen aus Sicht des Jahres 1961 altmodisch wirken mussten.

Ob diese rasche Entwicklung Autor Willy Clever nach 10 Jahren ("Heidelberger Romanze" (1951)) noch ein letztes Mal dazu motivierte, ein Drehbuch zu verfassen, bleibt Spekulation, aber offensichtlich wollte er die ganz große Keule schwingen. Schon in der ersten Szene, in der eine junge Frau (Hannelore Elsner) nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus gefahren wird - später stellt sich heraus, dass sie die Sache nur eingefädelt hatte, um ein Auto zu erpressen - erwähnt der Krankenpfleger, sie wäre schon der vierte Fall an diesem Tag. Ein ebenso gewöhnlicher Vorgang in der Großstadt (die Handlung spielt in Frankfurt/Main, gedreht wurde in Berlin) wie die ausschließlich materiell motivierten Taten fast aller Beteiligten.

Was zählt ist ein schicker Wagen und die dicke Kohle, andere Kriterien werden weder bei der Partnerwahl, noch bei der Freizeitgestaltung berücksichtigt. Geldsorgen wie noch in „Die Halbstarken“ scheinen dagegen passé. Das Thema Beruf bleibt entsprechend Nebensache, sieht man von Britta (Elke Sommer) ab, die als Mannequin jobbt. Nur die Elterngeneration sorgt für das notwendige Kleingeld, macht aber auch keine gute Figur. Der Witwer Dr. Bernhard Dirks (Alfred Balthoff), Vater von Irene (Karin Baal), ist weltfremd und merkt nicht, was seine Tochter treibt, und Martins Vater, Bauunternehmer Berger (Wolfgang Lukschy), toppt noch die jungen Leute in Sachen Rücksichtslosigkeit - besonders hinsichtlich seines Frauenverschleißes.

So vielfältig diese Verflechtungen klingen, in „…und sowas nennt sich Leben“ geht es vor allem um Sex. Genauer um die Warnung an die weibliche Jugend vor der Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Wolfgang Lukschy gab zwar gewohnt überzeugend einen egoistischen Chauvinisten, aber keineswegs eine gescheiterte Figur. Im Gegenteil wirkt der erfolgreiche Bauunternehmer mit sich im Reinen, nur etwas genervt von seiner Ehefrau (Heli Finkenzeller) und dem aus seiner Sicht zu weichen Sohn Martin (Michael Hinz). Als er ihm zu verstehen gibt, dass für ihn eine Frau wie Irene, die mit jedem Kerl ins Bett geht, nicht in Frage käme – er selbst ließ sich auch einmal von ihr verführen – dann zeigt sich darin nicht nur seine eigene Doppelmoral, sondern die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft. Nicht er steht in der Kritik, sondern die Frauen, die so dumm sind, sich auf einen wie ihn einzulassen. Sie müssen sich nicht wundern, dann als Huren zu gelten.

Für Irene kommt diese Erkenntnis sowieso zu spät. Die junge Frau gilt als Wanderpokal und merkt nicht, dass sich ihre scheinbare Macht über die Männer als Trugschluss erweist. Als sie schwanger wird, will Niemand der Vater sein (schön abgeklärt Karl-Otto Alberty in seiner ersten Rolle), nur der naive Martin bietet sich als Ehemann noch an. Das ändert sich, als er von seinem Vater die Wahrheit erfährt, weshalb sie gezwungen ist, zum aus ihrer Sicht letzten Überzeugungs-Mittel zu greifen. Dank Karin Baals ambivalenten Spiels ist Irene keine rein negative Figur, wird ihr innerer Zwiespalt zwischen Auflehnung und Sehnsucht nach Liebe ebenso spürbar, wie Martins Gefühle für sie verständlich. Leider ließ sich der Film nicht auf diese Komplexität ein, sondern verfiel immer wieder in Extreme – Irenes unmittelbare Stimmungswechsel zwischen sanftmütigem Einlenken und zornigem Wutausbruch wirken unglaubwürdig und sollten die Vorurteile gegenüber der promiskuitiven Frau offensichtlich noch betonen.

Obwohl abwechslungsreich von  Géza von Radványi inszeniert, geriet „…und sowas nennt sich Leben“ als einer der letzten Vertreter der 50er Jahre-Moral-Filme schnell in Vergessenheit - vielleicht weil er keine positive Alternative mehr anbot, sondern das pessimistische Bild einer materialistischen Nachkriegsgesellschaft zeichnete. Etwas, das den Film aus heutiger Sicht sehr interessant macht. Während „Die Frühreifen“ (1957) der im Film angeprangerten jugendlichen Dekadenz eine fleißige, moralisch ehrbare Jugend gegenüberstellte, existieren solche Charaktere hier nicht mehr. Weder ein engagierter Lehrer („Der Pauker“ (1958)) oder verständnisvoller Pfarrer („Alle Sünden dieser Erde“ (1958)) verirrte sich noch in ein Geschehen, dass die wenigen „Anständigen“ zu Verlierern werden ließ. Martins Charakter eines musisch veranlagten Muttersöhnchens eignete sich nicht als Identifikationsfigur, auch seine verzweifelte Moralpredigt am Ende im Musik-Club verfehlt ihre Wirkung. Und Heli Finkenzeller in der Rolle seiner Mutter, die in "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch unerschütterlich an der Seite ihres beschuldigten Ehemanns stand, lebt ausschließlich für ihren Sohn - nicht mehr in der Lage, sich ihrem sie schamlos betrügenden Mann entgegen zu stellen. Als Vorbild taugt auch sie nicht.

Diese einseitig zugespitzte Situation sollte wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel dienen, kam der Realität im Detail aber näher, als die noch Idealismus predigenden Jugend-Dramen, die den von ihnen angeprangerten moralischen Verfall nur wenigen Außenseitern zuschoben, gleichzeitig aber die Neugierde eines großen Publikums befriedigten. Dass sie zu einem der Wegbereiter für den in den 60er Jahre aufkommenden Erotik-Film wurden, ist eine ironische Fußnote der Filmgeschichte. Erst der Deckmantel der moralischen Empörung schuf den notwendigen Freiraum in noch sehr prüden Zeiten. An „…und sowas nennt sich Leben“ mit seinen dezenten Nacktaufnahmen, erotisch geschnürten jungen Frauen und der allgegenwärtigen Beischlaf-Thematik ist das sehr schön abzulesen. Das Ende des erhobenen Zeigefingers im Film bedeutete es aber nicht. Die Macher waren nur gezwungen, sich den Veränderungen anzupassen, was zu einer Kombination aus Erotik-Film und pädagogischem Auftrag führte („Sünde mit Rabatt“, 1968). Denn bekanntlich herrschte an Gefahrenpotential für die Jugend weiterhin kein Mangel.

"...und sowas nennt sich Leben" Deutschland 1961, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Clever, Darsteller : Karin Baal, Michael Hinz, Wolfgang Lukschy, Heli Finkenzeller, Elke Sommer, Claus Wilcke, Hannelore Elsner, Ilse Pagé, Karl-Otto AlbertyLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Dienstag, 17. Februar 2015

Am Tag als der Regen kam (1959) Gerd Oswald

Inhalt: Der Herr (Arno Paulsen), der in seiner Limousine auf der nächtlichen Avus unterwegs ist, kann der hübschen blonden Anhalterin nicht widerstehen, nicht ahnend, dass es sich bei ihr um ein Mitglied einer berüchtigten Bande handelt, die unter der Leitung von Werner Maurer (Mario Adorf) in Berlin ihr Unwesen treibt. Selbst als Ellen (Elke Sommer) noch eine Freundin mit einlädt, bei der es sich um einen verkleideten Mann handelt, erregt das noch keinen Verdacht bei dem Geschäftsmann, der ganz eigene Absichten mit der jungen Frau hat.

Doch dazu erhält er keine Chance. Zwei Motorradfahrer heften sich an seine Fersen und er wird von dem Mann im Fonds überwältigt, seines Geldes beraubt und ohne Fahrzeug zurückgelassen. Robert (Christian Wolff), der mit seinem Motorrad bei dem Raub beteiligt war, gerät auf der Flucht zum verabredeten Treffpunkt in eine Verkehrskontrolle wegen zu schnellen Fahrens. Die inzwischen alarmierte Polizei befragt ihn auch wegen des Überfalls, kann ihm aber nichts beweisen. Der ermittelnde Kriminalassistent Thiel (Horst Naumann), der sich in der Jugend-Szene gut auskennt, ahnt aber, dass Robert ihm eine Hilfe sein könnte und versucht, Vertrauen zu ihm aufzubauen…

"Am Tag als der Regen kam" , den die PIDAX am 23.12.2014 herausbrachte, gehört zu einer Filmgattung der späten 50er/frühen 60er Jahre, die eine eigene Genrebezeichung verdient gehabt hätte. Äußerlich zwar in Form eines Dramas oder Thrillers, selten als Komödie daher kommend, verbarg sich hinter den höchst unterhaltend inszenierten Stoffen eine Warnung an die Jugend vor den Versuchungen einer sich wandelnden Gesellschaft - Kriminalität, Drogen und nicht zuletzt der allgemeine moralische Verfall. Diese dank der PIDAX wieder dem Vergessen entrissenen Filme vermitteln ein stimmiges Bild dieser Phase in der BRD und lassen die Entwicklung in Richtung der 68er Generation früh erkennen. Bemerkenswert ist auch, dass viele dieser Filme trotz ihrer prominenten Besetzung nur selten im Fernsehen gezeigt wurden - als hätte man sie vergessen wollen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 






"Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht..."

Allein 1959 brachte es der Song auf acht Cover-Versionen in Deutschland, aber in Erinnerung blieb nur das "Original" der französischen Sängerin Dalida, die die Gilbert Bècaud-Komposition "Le jour où la pluie viendra", begleitet vom Orchester Raymond Lefèvre, schon Ende 1957 in Frankreich herausgebracht hatte. Doch erst ihre deutschsprachige Version "Am Tag als der Regen kam" traf Mitte 1959 den Nerv eines Publikums, das sich von der Mischung aus melancholischer Musik, rauchiger Stimme und der erlösenden Funktion des Regens offensichtlich angesprochen fühlte, die kaum gegensätzlicher zur damals in Deutschland populären Schlagermusik hätte ausfallen können. Zwar besingt Dalida darin auch die Wonnen der Liebe, aber der tragische Unterton des Songs bleibt gegenwärtig und hält immer die Waage zwischen Glück und Trauer.

Diesen Eindruck hatte scheinbar auch Regisseur Gerd Oswald, der „Am Tag als der Regen kam“ nicht nur als Hintergrundmusik nutzte, sondern gleich seinen Film danach benannte. Bemerkenswerterweise seinen ersten deutschen Film, denn der 1938 in die USA als 19jähriger emigrierte Oswald war in Hollywood vom Darsteller zum Regisseur aufgestiegen und hatte in den Jahren zuvor Filme mit Anita Ekberg („Screaming Miami“ (Die blonde Venus, USA 1958)), Bob Hope („Paris Holiday“ (Falsches Geld und echte Kurven, USA 1958)) oder Barbara Stanwyck („Crime of passion“ (Das war Mord, Mr.Doyle, USA 1957)) gedreht. Im Gegensatz zu diesen Auftragsarbeiten leichter Unterhaltungsware schwebte ihm für seine erste Regie-Arbeit in seiner Heimatstadt Berlin offensichtlich etwas ernsteres, gesellschaftsrelevanteres vor - gut an den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu erkennen, mit der er die geteilte, von den Spuren des Krieges gezeichnete Stadt inszenierte.

Die aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Bilder des stark beschädigten Reichstagsgebäudes, dessen Kellergewölbe der Jugendbande im Film als Rückzugsort dienen, und des nur wenige Meter entfernt liegenden, noch offenen Grenzübergangs am Brandenburger Tor, symbolisierten eine unsichere Nachkriegs-Situation, die - verbunden mit den soziokulturellen Veränderungen der 50er Jahren – als Ursache für eine angeblich kriminalisierte und sexuell offensive deutsche Jugend angesehen wurde, wie sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre häufig im Film thematisiert wurde. Besonders die Orientierung an US-Vorbildern wurde kritisch in den Mittelpunkt gerückt. Motorradbanden, Nachtbars und die Regeln der Coolness, die die soziale Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmten, beherrschten auch die Szenerie in Oswalds Film.

Die Hinzuziehung von Heinz Oskar Wuttig, der zuvor mit seinem Drehbuch zu „Die Frühreifen“ (1957) Einfühlungsvermögen für die sexuellen Belange der Heranwachsenden bewiesen hatte, betonte noch Oswalds aufklärerische Intention, die an das Vorbild „Die Halbstarken“ erinnert, der 1956 erstmals die Situation der Jugendlichen in Deutschland nach dem Krieg beleuchtet hatte. Neben dem identischen Handlungsort Berlin, das als pulsierende, die Nachkriegszeit brennglasartig zuspitzende Großstadt den idealen Hintergrund für eine abenteuerliche Story um Bandenkriminalität und moralischen Niedergang abgab, liegt eine bemerkenswerte Parallele in der Auseinandersetzung mit der Väter-Generation. Wurde Horst Buchholz in seiner Rolle in „Die Halbstarken“ mit einem frustrierten Vater konfrontiert, der auf Grund einer Kredit-Bürgschaft gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, unterstützt Werner Maurer (Mario Adorf) in „Am Tag als der Regen kam“ seinen ständig alkoholisierten Vater Albert (Gerd Fröbe) nach dessen Verlust der ärztlichen Zulassung mit dem ergaunerten Geld.

Diese konstruierte Dramatik verklausulierte den Generations-Konflikt, der in den 50er Jahren zwischen den Kriegsheimkehrern und einer aufbegehrenden Jugend entstanden war. Trotz der Zerstörungen und der von Oswald thematisierten Teilung der Stadt mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen, wurden der wenige Jahre zurückliegende Krieg und die Diktatur im Film tabuisiert und fanden keine Erwähnung. Fröbes überzeugende Darstellung eines Alkoholikers hätte enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären seine Depressionen als Folge der jüngsten Vergangenheit beschrieben worden, aber dieser Zusammenhang wurde nicht hergestellt. Stattdessen blieb der psychologische Hintergrund für sein Verhalten ebenso oberflächlich, wie die geschilderten Mechanismen innerhalb der Jugendbande. Der Brille tragende Außenseiter wird durch den sozialen Druck zum Mörder, um seine Zugehörigkeit zu beweisen, und der sonst so großmäulige Anführer erweist sich in einer schwierigen Situation als Feigling.

Ähnlich vieler ambitionierter Gesellschaftsdramen dieser Phase nutzte „Am Tag als der Regen kam“ seine unterhaltsame, sich tragisch zuspitzende Thriller-Handlung, um die Jugend vor den Versuchungen der Konsumgesellschaft und liberaleren moralischen Standards zu warnen. Äußerlich zeitgemäß inszeniert, verbarg sich im Sub-Text die pädagogische Intention. Dafür spricht auch die Besetzung von Christian Wolff als Bandenmitglied Robert, der damaligen Allzweckwaffe als „anständiger“ junger Mann im deutschen Film. Nachdem er in „Anders als du und ich“(1957) von der Homosexualität „geheilt“ worden war, verkörperte er in den folgenden Jahren mehrfach einen Jugendlichen, der erst auf die schiefe Bahn gerät, um schließlich seinen Fehler einzusehen und doch den „richtigen Weg“ einzuschlagen. Die von ihm gespielten jungen Männer durften nicht zu brav sein, um eine Identifikation beim Publikum zu ermöglichen. Erst dadurch erhielt seine spätere Einsicht die gewünschte Vorbildwirkung.

Gleiches galt für seine Partnerin Corny Collins, mit der Wolff damals real verheiratet war. In „Am Tag als der Regen kam“ spielte sie Inge aus Ostberlin, die mit Robert gemeinsam nach Westdeutschland gehen will, was Bandenboss Werner nicht gefällt. Collins stand für die moderne, aber wohl erzogene junge Frau – hübsch, aber mit ihren kurzgeschnittenen dunklen Haaren und hochgeschlossener Kleidung gegensätzlich zur sexuell aufreizenden blonden Ellen (Elke Sommer) auftretend, der attraktiven Geliebten des Anführers. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Paare bediente „Am Tag als der Regen kam“ kein typisches Gut-/Böse-Schema, vermied Oswald eine zu einseitige, rückwärtsgewandte Sichtweise. Inge und Robert verbringen unverheiratet eine Nacht miteinander und auch wenn an ihren hehren Zukunftsabsichten kein Zweifel bestehen konnte, bewiesen die Macher damit ihren Sinn für die Realitäten und verfolgten keine übertriebene Idealisierung ihres Vorzeige-Paars.

Ob ihre Botschaft beim damaligen Publikum ankam, lässt sich heute nur noch schwer feststellen, von langer Wirkung war sie nicht. „Am Tag als der Regen kam“ erging es wie den meisten Filmen dieser Phase, die vor den Gefahren der Moderne warnten, gleichzeitig aber deren Faszination bedienten. Statt Christian Wolff und Corny Collins wurden Elke Sommer, die hier in einer frühen Nebenrolle zu sehen war, und Mario Adorf zu internationalen Stars. Adorf gelang es seiner Rolle als Bandenboss mit blonder Freundin und Cabriolet sympathische Züge zu verleihen, ließ er neben konsequenter Härte auch soziale Kompetenz erkennen, nicht zuletzt im Umgang mit seinem Vater. Das nahm dieser Figur die abschreckende Wirkung, trotz der durch ihn ausgelösten tragischen Konsequenzen. Nicht der geläuterte Robert bleibt in Erinnerung, sondern der am Ende hilflos wirkende Werner und sein demoralisierter Vater – und die Stimme Dalidas: 

„…dann kamst du, dann kamst du!“

"Am Tag als der Regen kam" Deutschland 1959, Regie: Gerd Oswald, Drehbuch: Gerd Oswald, Heinz Oskar Wuttig, Will Berthold, Darsteller : Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer, Claus Wilcke, Arno PaulsenLaufzeit : 81 Minuten