Posts mit dem Label West-Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label West-Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 5. Juni 2016

Freddy und die Melodie der Nacht (1960) Wolfgang Schleif

Freddy (Freddy Quinn) kümmert sich um Inge (Heidi Brühl)...
Inhalt: Wie jeden Abend tritt Freddy (Freddy Quinn) seinen Job als Taxi-Fahrer an, der seine Kunden durchs nächtliche Berlin transportiert. Zu seinen ersten Fahrgästen gehören Karl (Peter Carsten) und Willy (Harry Engel), die am Tempelhofer Flughafen in sein Taxi steigen. Freddy ahnt nicht, dass sie einen Überfall auf einen Geldtransport begangen hatten, ohne Beute zu machen. Ihre Flucht aus Berlin (West) per Flugzeug scheiterte an 50 Mark, weshalb sie das fehlende Geld dringend auftreiben wollen. Als sie mitbekommen, wie Freddy seinem Kollegen Paul (Werner Stock) 50 Mark für eine Tankfüllung gibt, wechseln sie mit dessen Einverständnis das Taxi.

...Karl (Peter Carsten) und Willy (Harry Engel) sind erst später dran
Die scheinbar lukrative Fahrt wird für den Familienvater Paul schnell zum Alptraum, denn Karl schießt rücksichtslos auf ihn. Mit den 50 Mark fliehen die beiden Männer und lassen den Schwerverletzten zurück. Inzwischen kümmert sich Freddy um Direktor Wendlandt (Hans Nielsen), der auf der Suche nach frivoler Unterhaltung im Berliner Nachtleben ist. Zuerst musste Freddy die Blumenverkäuferin Inge (Heidi Brühl) aus dessen Fängen befreien, aber der Mittfünfziger erweist sich zunehmend als sympathische Frohnatur…


Coolness war 1960 noch kein stehender Begriff für einen souveränen Charakter, der nie die Nerven verliert. Und Freddy Quinn, der Schlagersänger und "Junge von St.Pauli", gehört aus heutiger Sicht kaum zu den üblichen Verdächtigen dieser Spezies, aber genau das war er in seinen Rollen - cool bis zum Abwinken. In "Freddy und die Melodie der Nacht" spielte er einen Taxifahrer in Berlin (West), der immer weiß was zu tun ist und immer die richtigen Worte findet. Egal ob er einen reichen Unternehmer (Hans Nielsen) zu den einschlägigen Etablissements der Stadt kutschiert, seinem Kollegen - Typ kinderreicher Familienvater – eine lukrative Fahrt überlässt, auf dem Polterabend seines Chefs die Unterhaltungs-Kanone gibt, für die Imbissverkäuferin Frau Bremer (Grethe Weiser) ein paar charmante Worte übrig hat oder Jagd auf Verbrecher macht.

Selbstverständlich weiß er auch Inge (Heidi Brühl) zu umgarnen, die als Blumenmädchen nachts Geld für ihr Studium verdient und Anmache gewohnt ist. Sie lässt sonst Jeden abblitzen, nur Freddy findet den Zugang zu ihr - dabei jederzeit den gebotenen Anstand wahrend. Mühelos kombinierte Quinn den Typus "idealer Schwiegersohn" mit dem Typus "einsamer Wolf", zu dem er zu Beginn des Films hochstilisiert wird, wenn er in Lederjacke seinem nächtlichen Gewerbe nachgeht und das Lied "Melodie der Nacht" zum Besten gibt:


"Melodie der Nacht, wenn die Dunkelheit erwacht,
zieh' ich durch die große Stadt,
einsam hallt mein Schritt, es geht Niemand mit mir mit,
durch die menschenleeren Straßen,
so bin ich allein und frage mich, gibt`s ein Herz, das mich vermisst,
und wo ist der Mensch, der zu mir hält, der genau wie ich einsam ist?
Melodie der Nacht, du hast Freud' und Leid gebracht, doch die Nacht, sie wird vergeh‘n,
Melodie der Nacht, wenn ein neuer Tag erwacht, wird dein Klang im Wind verweh'n"

Direktor Wendlandt (Hans Nielsen) schlägt ein wenig über die Strenge...
Drehbuchautor und Liedtexter Aldo von Pinelli, seit "Schlagerparade" (1953) eine Institution im deutschen Schlagerfilm, hatte wieder ganze Arbeit geleistet und kein Klischee ausgelassen. Gemeinsam mit Gustav Kampendonk und Regisseur Wolfgang Schleif war er seit "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) für den Aufstieg Quinns zum Superstar verantwortlich. Im Schlagerfilm "Die große Chance" (1957) nach Von Pinellis Drehbuch spielte Quinn noch eine Nebenrolle, "Freddy und die Melodie der Nacht" wurde nach "Freddy unter fremden Sternen" (1959) dann schon sein dritter Film als Hauptdarsteller innerhalb eines Jahres - immer gemeinsam mit dem Kreativ-Trio.

...und Mutter Brehmer (Grethe Weiser) sorgt für nächtliches Wohlbefinden
Das ließ auch sonst keinen Zweifel am Charakter der übrigen Rollen, die streng auf Linie gebürstet wurden. Hans Nielsen als Direktor Wendlandt spielte einen Kapitalisten mit menschlichem Anstrich, der nach langer Ehe hin und wieder ein wenig Ablenkung sucht. Natürlich ganz im Verständnis-Modus für männliche Schwächen – angetrunken, leicht über die Strenge schlagend, aber auch spendabel und selbstironisch. Im Stil eines großen Bruders sorgt Freddy dafür, dass er am Ende wohlbehalten nach Hause kommt. Auch Grethe Weiser als Würstchenverkäuferin mit Berliner Schnauze ist hier in ihrem Element. Immer herzlich direkt gegenüber ihrer Kundschaft, nur Sohn Willy (Harry Engel) kann bei ihr machen was er will – ihm kann sie nicht böse sein.

„Der Junge ist kein schlechter Kerl, nur zu verwöhnt“

Kai Fischer als promiskuitive Anka...
Keine typischen Worte eines Altvorderen, sondern von Inge, der Idealverkörperung einer tüchtigen jungen Frau. Hübsch, aber dezent gekleidet, nachts für ihr Sprachen-Studium arbeitend, aber moralisch integer bei Mutter Bremer zur Untermiete wohnend. Heidi Brühl gegenüber steht Kai Fischer in ihrer gewohnten Rolle als „billiges Flittchen“ (Zitat Mutter Bremer). Optisch sexuell herausfordernd, lässt sich Anka (Kai Fischer) gerne von den Männern aushalten, ohne sich festzulegen. Der schwache Willy ist für sie ein willkommenes Opfer – bei Freddy hätte sie keine Chance. Das gilt auch für Willys Freund Karl Bachmann (Peter Carsten), ein Krimineller, der keine Skrupel kennt, Frauen zu schlagen und auf Wehrlose zu schießen. Mit Willy zusammen hat er einen Geldtransport überfallen, musste aber ohne Beute abziehen. Jetzt fehlt ihnen das Geld, um aus dem Berliner Westen in die Bundesrepublik zu fliehen.

...und Erotik im Berliner Nachtleben
An dieser Figuren-Konstellation wird die Nähe des Films zum damals populären „Moral-Film“ deutlich, mit dem die Jugend vor den Gefahren einer sich verändernden Sozialisation gewarnt werden sollte. Anka, Willy und Karl stehen für die negativen Auswirkungen loser Moral- und egoistischer Konsumvorstellungen, Inge für die gewünschte Rolle einer zukünftigen Hausfrau und Mutter. Und Freddy ist „der Fels in der Brandung“, ein Mann, der immer zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, dabei auch mal ein Auge zudrückend. Gesanglich blieb er zurückhaltend. Wie der gesamte Film, dessen Musiknummern sich - anders als im „Schlagerfilm“ üblich - stimmig ins Geschehen integrierten. Das Hauptgewicht lag auf zwei professionellen Tanznummern, die im Zusammenhang mit Freddys Tour durch die Berliner Nacht-Clubs gezeigt wurden. Hier durfte es hemmungslos erotisch zugehen, damit nicht nur Direktor Wendlandt auf seine Kosten kam.

Geschuldet war diese frivole Seite auch dem Bild Berlins als verruchte Großstadt zwischen Kriminalität und Verlockung. Der Heimatfilm-Charakter, den Quinns Filme im Kontrast zu seinem weltmännischen Auftreten (Motto „in der Heimat ist’s am schönsten“) sonst auszeichneten, blieb wie die Sehenswürdigkeiten der Stadt oder deren politische Teilung fast vollständig ausgeblendet. Betont wurde dagegen die fehlende Sperrstunde. Berlin hat nie geschlossen – die Wurst bei Mutter Brehmer nachts um 2 ist genauso selbstverständlich wie die geöffnete Kneipe am frühen Morgen. Zwischendurch geht Freddy auch aufs Polizeirevier und macht eine Aussage über die zwei Verbrecher. Anzusehen ist den Protagonisten die nächtliche Stunde nicht, müde wirkt hier Niemand, viel mehr wurde die Handlung einfach in die Dunkelheit verlegt.

Will man von Handlung reden, denn eine echte Story existiert hier nicht. Einzig die beiden Kriminellen Karl und Willy sorgen für etwas Dynamik, aber ihr Verhalten ist an Unlogik schwer zu übertreffen. Da ihnen Geld für die Flucht per Flugzeug aus dem Westteil Berlins fehlt, überfallen sie Freddys Taxi-Kollegen, nachdem sie mit angesehen hatten, dass er von Freddy 50 Mark für eine Tankfüllung erhalten hatte. Blöderweise hatte Karl das Ersatzmagazin seiner Waffe zuvor in Freddys Taxi verloren, weshalb sie sich in den folgenden Stunden auf dessen Spur setzen, um das mögliche Beweisstück gegen sie wiederzubekommen. Nicht nur das sie sich dabei ungeschickt und zögerlich verhalten, sie hatten inzwischen so viele Indizien hinterlassen, dass es darauf gar nicht angekommen wäre – sie verlieren nur unnötig Zeit.

Eine Rolle spielte das nicht, denn „Freddy und die Melodie der Nacht“ erinnert in seiner Ziellosigkeit, dem Aufnehmen unterschiedlicher Handlungselemente, ohne sie zu Ende bringen zu müssen, an die parallel aufkommende „Nouvelle vague“. Von Pinelli, Kampendonk und Schleif kombinierten Schlagerfilm, Großstadt-Drama, Moralfilm, Liebes- und Kriminalgeschichte zu einem Mix, der den einzelnen Bestandteilen wieder ihr Gewicht nahm. In seiner auf Relativierungen verzichtenden Tragik ist der Film zudem von einer überraschenden Konsequenz. Das Bild der zurückgelassenen Grethe Weiser brennt sich in die Erinnerung und widerspricht Freddys Liedtext – der Klang der Nacht verweht nicht beim Tagesanbruch.

"Freddy und die Melodie der Nacht" Deutschland 1960, Regie: Wolfgang Schleif, Drehbuch: Aldo von Pinelli, Gustav Kampendonk, Darsteller : Freddy Quinn, Heidi Brühl, Grethe Weiser, Peter Carsten, Kai Fischer, Harry Engel, Hans Nielsen, Werner Stock, Laufzeit : 89 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Schleif: 

"Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) 
"Freddy unter fremden Sternen" (1959)

Sonntag, 6. März 2016

Perle der Karibik (1981) Manfred Stelzer

Inhalt: Diethard (Diethard Wendtland) arbeitet als Vertreter für Lexika und lebt allein in einer neu bezogenen Sozialbauwohnung in einem noch im Bau befindlichen Block. Sein Tagesablauf ist gut organisiert und er hat ein paar Ersparnisse zur Seite gelegt, aber zu seinem Glück fehlt ihm noch eine Ehefrau. Auch Kontaktanzeigen brachten bisher keinen Erfolg – trotz des Stichworts „Idealer Partner". Entsprechend aufmerksam reagiert er, als er die asiatische Ehefrau eines Kunden (Horst Pinnow) kennenlernt. Sie wurde dem Mittvierziger von einem auf ausländische Frauen spezialisierten Institut vermittelt.

Diethard hebt sein Geld ab und investiert es nicht nur in eine Ehefrau, sondern auch in die Einrichtung seiner Wohnung. Der erste Weg, nachdem er die junge Frau aus der Karibik (Alisa Saltzmann) am Flughafen abholte, führt sie zum Standesamt, wo die Ehe sogleich geschlossen wird. Auch das weitere Zusammenleben als Mann und Frau wurde von Diethard schon exakt vorausgeplant…






Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Perle der Karibik" (wie der Film ohne Artikel korrekt heißt) lief am letzten Tag des 15. Hofbauer-Kongresses und konfrontierte mich mit meiner Vergangenheit. Der über einen Abzweig des Stadtrings gebaute terrassierte Wohnblock, der in Stelzers Film eine wichtige atmosphärische Rolle einnahm, ließ mich sofort erschaudern, als ich ihn 1982 das erste Mal sah. Und übte gleichzeitig eine große Faszination auf mich aus. Bis heute gehört er für mich zu den prägnantesten Gebäuden der westberliner Phase bis zum Mauerfall.

Dank Stelzer, der ein Jahr zuvor noch auf der Baustelle drehte, erhielt ich einen Einblick in den Komplex, der mir bisher verwehrt blieb. Ganz abgesehen davon, dass mir 1982 nicht bewusst war, wie neu der Wohnblock war, der ähnlich wie das nicht weit entfernt liegende raumschiffartige Kongresszentrum in einer Zeit - Mitte der 70er Jahre - konzipiert wurde, die noch vom unbedingten Fortschrittglauben geprägt war. Anfang der 80er Jahre zeigten sich erste Risse - eine Entwicklung, die in Stelzers Film gegenwärtig ist.


Die Geschichte vom deutschen Mann, der sich eine Ehefrau aus dem Ausland besorgt, war 1981 nicht mehr neu. Das Institut, an das sich Diethard (Diethard Wendtland) wendet, um per Katalog eine Bestellung aufzugeben, hatte sich auf die Vermittlung solcher Ehen spezialisiert. Ein nicht ganz billiger Service, der aber professionell abgewickelt wird: pünktlich erreicht die gewünschte junge Frau (Alisa Saltzman) den Flughafen in Berlin-Tegel, ausgestattet mit den geeigneten Papieren, um sofort am Standesamt geheiratet werden zu können. Diethard hatte alle Vorbereitungen abgeschlossen, war zuvor schon in eine neue Wohnung in einem noch im Bau befindlichen Block eingezogen und hatte sie ehegerecht mit Doppelbett und Einbauküche eingerichtet. Exakter lässt sich ein solches Arrangement auch in heutigen Internet-Zeiten kaum planen.

Ebenso wenig hat sich die landläufige Meinung über diese Art der Beziehungsanbahnung in den letzten Jahrzehnten geändert und Regisseur Manfred Stelzer bemühte sich auch nicht, gängige Klischees außer Kraft zu setzen. Herr Diethard ist ein besonders steifes Exemplar Mann, dessen geringe Fähigkeit zur Empathie offensichtlich beim Verkauf von Lexika aufgebraucht wird. Bei einem Termin hatte der Vertreter die asiatische Ehefrau eines Kunden kennengelernt, der sich sehr zufrieden über diese Verbindung äußerte. Einzig das undurchdringliche ständige Lächeln seiner Frau irritiere ihn, gab dieser zu bedenken, weshalb Diethard sich für eine andere Variante entschied - eine „Perle der Karibik“. Mit der vorhersehbaren Konsequenz. Zwischen den Beiden entsteht keine Nähe und das Arrangement scheitert.

Gerade auf Grund der klaren Voraussetzungen – sie sucht wirtschaftliche Sicherheit, er eine Sexualpartnerin und Hausfrau – besitzen diese nach jahrtausendealten Regeln geschlossenen Verbindungen nicht selten gute Chancen. Hätte der Regisseur einen umgänglichen Typ Mann in den Mittelpunkt gestellt, hätte ihre Beziehung vielleicht halten können. Doch darum ging es Manfred Stelzer nicht. Die organisierte Eheschließung zweier Menschen unmittelbar nach ihrer ersten Begegnung geschieht hier im Stil einer Versuchsanordnung. Über ihre genaue Herkunft und die näheren Beweggründe der jungen Frau erfährt der Zuschauer ebenso wenig, wie über die Vergangenheit und sozialen Umstände des 41jährigen Diethard. Im Stil seiner vorherigen Dokumentarfilme („Monarch“ (1980)) nutzte Stelzer die Thematik der Partnervermittlung für den Blick auf sein eigentliches Interesse – auf Deutschland.

Im Hintergrund das Bauschild mit der innenliegenden Autobahn...
Berlin-West Anfang der 80er Jahre ist ein Ort der Kälte. Der noch im Bau befindliche Neubaublock, den Stelzer als Hintergrund wählte, ist bis heute eines der markantesten Beispiele für die Schaffung neuen Wohnraums bei größtmöglicher Verkehrs-Mobilität. Turmartig erhebt sich der Wohn-Koloss über die Stadtautobahn. Detailliert ist das im Film nicht zu sehen, aber wiederholt fängt die Kamera das Bauschild ein und konfrontiert die junge Frau aus der Karibik mit den noch aktiven Bautätigkeiten, sobald sie die vier Wände der Sozialbauwohnung verlässt. Ihr Versuch, diese in einen aus ihrer Sicht lebenswerten Raum zu verwandeln, scheitert sowohl an den baulichen Voraussetzungen, als auch an ihrem Ehemann, der die aus seiner Sicht artfremde Nutzung mit Pflanzen und Früchten ablehnt.

...und Beanboats (Alisa Saltzman) Blick hoch zu den Terrassen.
Erneut ließe sich die mangelnde Toleranz und Flexibilität des Ehemanns als Ursache anführen, aber Diethard ist weder frustriert, noch besonders autoritär. Und er bemüht sich, seiner neuen Frau die Eingewöhnung zu erleichtern. Er besorgt vermeintlich vertraute Utensilien aus ihrer Heimat und ist auch beim Haushaltsgeld nicht knausrig. Seine Unzufriedenheit und aufkommende Strenge entstehen aus seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Verhalten der jungen Frau, die aus seiner Sicht das Geld für unnütze Dinge ausgibt, die Wohnung verschandelt und die Aufgaben einer Hausfrau nicht erfüllt. Diethard steht bei Stelzer für den Geist eines gut organisierten, allein rationale Beweggründe gelten lassenden Deutschlands, kombiniert mit einer männlichen Haltung, die durch ein Jahrzehnt Emanzipation verunsichert ist. Diethards Ehe mit einer Frau aus dem Ausland entsprang nicht zuletzt auch dem Wunsch nach der Aufrechterhaltung der gewohnten Geschlechterrollen.

In Stelzers Film werden Form und Inhalt zu einer Einheit. „Die Perle der Karibik“ ist klar strukturiert und linear erzählt. Der Film interessiert sich weder für Vergangenheit, noch Zukunft, sondern beschreibt eine Gegenwart, in der für das Irrationale und Spontane kein Platz vorhanden ist. Es wird nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfunden. Stelzer stilisierte Deutschland auf diese Weise zu einem Ort, an dem selbst Lebensfreude bis in die privatesten Nischen organisiert wird. Dank seines dokumentarischen Stils und des Verzichts auf emotionale Zuspitzungen bewahrte Stelzer die notwendige Distanz zu seinen Protagonisten und urteilte nicht. Seine generelle Sicht spiegelt die zwangsläufige Konsequenz wider. Die junge Frau aus der Karibik verschwindet und Diethard setzt sein normiertes Leben allein fort - verloren sind sie Beide.

"Perle der Karibik" Deutschland 1981, Regie: Manfred Stelzer, Drehbuch: Manfred Stelzer, Wolfgang Quest, Axel Voigt, Darsteller : Diethard Wendtland, Alisa Saltzman, Alfred Edel, Horst Pinnow, Gertrud HoffmannLaufzeit : 81 Minuten

Mittwoch, 19. August 2015

Verführung am Meer (Ostrva) (1963) Jovan Zivanovic

Inhalt: Eva (Elke Sommer) verlässt die U-Bahn-Station und eilt in hochhackigen Schuhen über die winterlichen Straßen Berlins zu einem Termin. Ihr Aussehen ist gefragt bei der Vorstellung im Haus einer älteren Dame (Blaženka Katalinić), von der sich Eva einen gut bezahlten Job erhofft. Ihre Attraktivität überzeugt und sie erhält den Auftrag – 2000 DM bekommt sie sofort, die restlichen 2000 nach Erledigung.

Schon am nächsten Tag fliegt sie nach Dalmatien an die Adria-Küste, um dort als Urlauberin einzuchecken. Schnell lernt sie einen jungen Einheimischen (Branimir Tori Jankovic) kennen, der sich näher für die junge Blondine interessiert. Eva erwidert seine Avancen zwar nicht, freundet sich aber mit ihm an und erfährt so, auf welcher der vielen kleinen Inseln sich der von ihr gesuchte Mann (Peter van Eyck) befindet. Sie mietet sich ein Boot und legt an dessen Rückzugsort an, muss aber feststellen, dass er sich nicht nur verbarrikadiert hat, sondern auch die Hunde auf sie hetzt…


Als "Verführung am Meer" am 04.11.2014 von der PIDAX veröffentlicht wurde, nahm ich den Film zuerst nicht wahr. Zu wenig ließ er sich trotz Elke Sommer und Peter van Eyck in die deutsche Kino-Historie einordnen. Deutsch-jugoslawische Co-Produktionen waren zu dieser Zeit keine Seltenheit, aber bei "Verführung am Meer" lag die Sache irgendwie anders - bis ich mich näher mit Regisseur Zivanovic auseinander setzte und seinen Film „Čudna devojka“ entdeckte, den er ein Jahr zuvor mit dem selben Team gedreht hatte. Er kam unter dem Titel "Studentenliebe" 1963 in einer deutsch synchronisierten Fassung in die DDR-Kinos und hätte ich einen Wunsch frei, dann sähe ich ihn gerne auf DVD.

So sehr ich es schätze, dass die PIDAX "Verführung am Meer" wieder zugänglich machte, so sehr beließ sie es dabei, die falsche Erwartungshaltung an den Film zu unterstützen, die ihm schon zu seiner Entstehungszeit schadete. Die Überschrift "Vom Drehbuchautor von "Todesschüsse am Broadway" und "Dynamit in grüner Seide"" ist auch insofern falsch, dass Rolf Schulz, der die Drehbücher zu den genannten Filmen erst viele Jahre später schrieb, hier nur unterstützend tätig war. Stattdessen war der jugoslawische Autor Jug Grizelj dafür verantwortlich, der sein Drehbuch zu „Čudna devojka“ variierte. Die Parallelen zwischen beiden Filmen in der Charakterisierung einer jungen Frau in einer Phase, in der sich moralische Standards und die Geschlechterrollen zu ändern begannen, sind offenkundig - "Verführung am Meer" ist junges modernes Kino der frühen 60er Jahre im Geist der "Nouvelle vague" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 


"Und das übrige…ist das auch echt?"

Die hübsche Blondine bejaht. Sie will den Job und das Geld, denn sie mag die Dinge, die sie sich davon kaufen kann. Die eine Hälfte sofort, die zweite bei Erfolg. Ihr Auftrag wird nicht genannt, aber der deutsche Filmtitel lässt keinen Zweifel daran: "Verführung am Meer". Sie reist vom winterlichen Berlin an die jugoslawische Adria-Küste. Schnell bekommt sie Kontakt vor Ort, denn die junge als Urlauberin getarnte Deutsche weckt Begehrlichkeiten, die sie für ihre Zwecke nutzen kann. Sie verfolgt eine klare Strategie - ihre körperlichen Vorzüge am richtigen Ort so zu präsentieren, dass sie der Zielperson ins Auge fallen. An dessen Reaktion hegt sie keinen Zweifel.

Das Wort "Prostitution" fällt nicht im Film, aber die Unmoral ist mit Händen zu greifen. Elke Sommer ist "Eva" und sie nähert sich dem Mann, um ihn aus dem Paradies zu vertreiben. Sie täuscht eine Notlage vor, um den so herbei gelockten Peter (van Eyck) zum Sex zu verführen. Er, der auf einem felsigen Eiland vor der Adria-Küste sein Refugium abseits der Menschen gefunden hat, soll wieder in eine bürgerliche Existenz nach Deutschland zurückkehren. Verlockt von dem einzigen, was ihm in seiner selbst gewählten Einsamkeit vermeintlich fehlt - die Nähe zu einer Frau.

"Wer bist du?“ – „Ein Mann, und du?“ – „Eine Frau“

"Verführung am Meer" hätte eine böse, mahnende Geschichte erzählen können über vorgetäuschte Gefühle und die zunehmende sexuelle Verkommenheit in der Gesellschaft - Elke Sommer ("...und sowas nennt sich Leben", 1961) und Peter van Eyck ("Endstation 13 Sahara", 1963) besaßen ausreichend Erfahrung im Genre des Moralfilms - doch der Film wählte einen anderen Weg. Eva und Peter kommen sich näher und die junge Frau verliebt sich in den deutlich älteren Mann. Eine Entwicklung, die wiederum reflexartig den Verdacht provoziert, hier handelte es sich um eine lüsterne Alt-Herren-Fantasie, untermalt von den für diese Zeit offenherzigen Bildern einer hübschen jungen Frau. Dieser Vorwurf will oder kann den entscheidenden Unterschied zu einem solchen Männer-Traum vielleicht nicht erkennen - nicht der Mann steht hier im Mittelpunkt, sondern die Frau, aus deren Perspektive der Film erzählt wird.

Zwar entfaltet sich im Lauf der Handlung die Vergangenheit Peters und werden seine Beweggründe deutlich, warum er an diesem einsamen Ort lebt, aber sein Charakter erfährt keine Entwicklung. Ganz anders dagegen die junge Frau, auch wenn der Betrachter bis zum Schluss kaum etwas über sie weiß. Sie agiert, während er reagiert. Zuerst auf ihre Verführung, dann auf das beginnende Liebesspiel bis zur Offenbarung ihrer ursprünglichen Intention. Nicht der Mann ist es, der dank seiner moralischen und geistigen Überlegenheit bzw. seines liebenswerten Wesens der Frau den richtigen Weg weist – Grundvoraussetzung eines feuchten Männertraums – sondern sie selbst zieht eigene Konsequenzen. Peter wäre ihr sonst wie geplant auf den Leim gegangen.

„Du spielst mit mir?“ – „Und warum nicht?“

„Verführung am Meer“ ist ein Wunder. Er moralisiert, wertet und relativiert nicht, sondern erzählt eine einfache Geschichte inmitten einer in ihrer felsigen Kargheit wunderschönen Landschaft. Die üblichen halbseidenen Assoziationen – Sex, Nacktheit, junge Frau, älterer Mann – verfangen hier nicht, denn „Verführung am Meer“ oder schlicht „Ostrva“ (Inseln), wie der Film auf serbo-kroatisch heißt, ist tief im jungen jugoslawischen Kino der frühen 60er Jahre verankert, das sich an der französischen „Nouvelle Vague“ orientierte. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Jovan Zivanovic die Romanverfilmung „Čudna devojka“ (Studentenliebe, 1962) herausgebracht – die Geschichte einer jungen Studentin, die unangepasst und sexuell offensiv ihren eigenen Weg sucht. „Cudna devojka“ spielte vor dem Hintergrund der sozialistischen Gesellschaft in Jugoslawien und war nur in der DDR in die Kinos gekommen, weshalb „Verführung am Meer“ – mit westdeutschen Produktionsgeldern entstanden und den Filmstars Elke Sommer und Peter van Eyck prominent besetzt - vordergründig wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgängerfilm aufzuweisen scheint.

Spela Rozin in "Cudna devojka" (Studentenliebe, 1962)
Tatsächlich überwiegen die Parallelen, denn Regisseur Zivanovic versammelte dasselbe Kreativ-Team um sich - nur um den damaligen Newcomer Rolf Schulz ergänzt, der für die deutschsprachigen Dialoge zuständig war. Gemeinsam mit Drehbuchautor Jug Grizelj, Kameramann Stevan Miskovic, Komponist Darko Kraljic und Cutterin Jelena Bjenjas variierte Zivanovic die in „Čudna devojka“ verfilmte Story einer selbstbewussten jungen Frau neu – vor dem Hintergrund einer Urlaubslandschaft und ohne offensichtliche Nähe zur gesellschaftspolitischen Tagesaktualität. Besonders in der Gegenüberstellung beider Filme wird deutlich, dass die Geschichte um Peter nur als Rahmen dient – die Charakterisierung der jungen Frau und ihr Weg der Selbstfindung blieb dem Geist von „Čudna devojka“ treu. Zivanovic betrachtete seine weiblichen Protagonistinnen mit Sympathie und verurteilte ihre offene sexuelle Attitüde nicht. Im Gegenteil erweisen sich Beide als intelligent und in der Lage ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu korrigieren.

Damit widersprach „Verführung am Meer“ den damaligen moralischen Standards, die einforderten, dass junge Frauen für ihr promiskuitives Verhalten büßen sollten. Zumindest ihr Ruf wurde nachhaltig beschädigt, wie auch ihre Auftraggeberin annimmt. Doch Eva ordnet sich nicht unter, sondern behält die Hoheit über ihr Handeln – am Ende wirkt ihr Verhalten moralischer als das der alten Dame. Unterstützt wurde Zivanovics Gespür für die beginnenden soziokulturellen Veränderungen durch eine kontrastreiche Bildsprache, deren Perspektiven die Menschen immer in Bezug zu ihrer Umgebung setzen. Mal verleiht er ihnen Dominanz, mal bleiben sie im Hintergrund oder assimilieren sich fast bis zur Unsichtbarkeit in der Landschaft. Obwohl nur wenige Minuten zu Beginn ins Bild gerückt, vermittelt der Weg Evas durch Berlin (auch wenn die Anordnung geografisch nicht logisch ist) eine Verlorenheit, die ihre späteren Motive verständlich werden lässt.

In stilistischer Hinsicht ähnelt „Verführung am Meer“ seinem Vorgänger „Čudna devojka“, aber Regisseur Zivanovic konnte für den westdeutschen Markt etwas mehr wagen – Elke Sommer inszenierte er in ihrer Erotik konkreter als zuvor Spela Rozin. Beim Publikum geholfen hat es ebenso wenig wie die Küstenlandschaft und die populäre Besetzung. Obwohl dem Film seine inszenatorischen Qualitäten nicht abgesprochen wurden, lassen die wenigen Kritiken die Unfähigkeit erkennen, sich auf die inneren Beziehungen der Protagonisten, besonders aber auf die weibliche Hauptrolle einlassen zu wollen - bis hin zu der zwar werbewirksamen, die Intention des Films massiv missverstehenden Bezeichnung einer „modernen Robinsonade“. Sowohl „Čudna devojka“ (Studentenliebe) als auch „Verführung am Meer“ waren hinsichtlich ihres Umgangs mit der Sexualität und den Geschlechterrollen ihrer Zeit voraus – und sind es immer noch.

"Verführung am Meer" Deutschland, Jugoslawien 1963, Regie: Jovan Zivanovic, Drehbuch: Jug Grizelj, Rolf Schulz, Darsteller : Elke Sommer, Peter van Eyck, Blazenka Katalinic, Branimir Tori Jankovic, Laufzeit : 76 Minuten

Montag, 10. August 2015

Einer von uns beiden (1973) Wolfgang Petersen

Inhalt: Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) lebt in einem kleinen Zimmer in einer Hinterhauswohnung in Kreuzberg zur Untermiete. Mehr kann sich der gescheiterte Student nicht leisten, der vergeblich versucht, einen Verlag für sein Buch zu finden. Als er einen kleinen Recherche-Job übernimmt, entdeckt er zufällig, dass der renommierte Universitäts-Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben, sondern einen englischen Text ins Deutsche übersetzt hatte. Er meldet sich in dessen Uni-Büro an und konfrontiert ihn mit dieser Tatsache. Für sein Stillschweigen verlangt er 10000 Mark und weitere monatliche Zahlungen.

Erste Begegnung: Professor und Ex-Student
Kolczyk zahlt, macht aber kein Geheimnis daraus, dass er sich das nicht dauerhaft gefallen lassen wird. Ziegenhals, der sein Geld in ein Auto steckt und in eine bessere Gegend umzieht, unterschätzt den Professor, der beginnt, in seinem Privatleben nachzuforschen. Dabei lernt er auch Miezi (Elke Sommer) kennen, eine Prostituierte, die in Kreuzberg bis vor kurzem mit Ziegenhals in einer Wohnung lebte. Doch bevor sich Kolczyk erneut mit ihr treffen kann, wird Mieze ermordet aufgefunden, weshalb wenig später ein Inspektor (Peter Schiff) der Berliner Polizei vor seiner Tür steht, der seinen Namen in ihrem Kalender fand. Auch für Ziegenhals interessiert sich der Inspektor, der erstaunt die hohe Zahlung des Professors an den jungen Mann registriert…


Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) ist wütend, sehr wütend. Erneut erhielt er sein Buch-Manuskript zurück, Absage inclusive. Obwohl er sein geisteswissenschaftliches Studium an der Freien Universität geschmissen hat, sind nur die Anderen an seiner Misere schuld - als Untermieter von Opa Melzer (Walter Gross) wohnt er in einem heruntergekommenen Altbau in Kreuzberg, gemeinsam mit Miezi (Elke Sommer), die hier anschaffen geht. Die Hochphase der 68er Studentenproteste an der FU lag nur wenige Jahre zurück, als Horst Bosetzkys unter dem Kürzel -ky seinen ersten Kriminalroman herausbrachte, den Regisseur Wolfgang Petersen wiederum als Grundlage für seinen ersten Kinofilm nahm - nur ist von einer klassenkämpferischen Attitüde hier nichts mehr zu merken.

Ziegenhals (Jürgen Prochnow) mit der Professoren-Tochter (Kristina Nel)
Dabei ist Bernd Ziegenhals der Idealtypus eines studentischen Bürgerschrecks, wie er Anfang der 70er Jahre noch provozierte - längere Haare, saloppe Kleidung, keinen Job und ein entspanntes Verhältnis gegenüber Kriminellen. Als er bei einem Quellenstudium zufällig feststellt, dass der bekannte Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit komplett abgeschrieben hatte - er hatte eine us-amerikanische Arbeit einfach ins Deutsche übertragen - bedarf es keiner großen Überwindung, ihn zu erpressen. Schuldgefühle gegenüber dem Professor entwickeln sich auch nicht im weiteren Verlauf der Story. Im Gegenteil nimmt er sich nur das, was ihm aus seiner Sicht zusteht. Mit Umverteilung von oben nach unten oder der Demaskierung einer betrügerischen Elite hat das nichts zu tun - von seinem erpressten Geld kauft sich Ziegenhals zuerst einen Mercedes und zieht ins gutbürgerliche Zehlendorf.

Zuhälter Prötzel (Claus Theo Gärtner) macht Miezi (Elke Sommer) Ärger
Dass es in Bosetzkys Kriminalroman auch einen Mord gibt, erhöht nur die Dynamik in einem Duell auf Augenhöhe, dessen Ausgang bis zuletzt offen bleibt. Darüber hinaus spielt er nur eine geringe Rolle. Claus Theo Gärtner gab den Zuhälter so schmierig, dass dessen Schuld an Miezis Tod kaum in Zweifel steht – zumindest im Kiez. Peter Schiff als ermittelnder Inspektor interessiert sich dagegen mehr für Ziegenhals und Kolczyk, die Beide Miezi kannten – und stört damit ihre zuerst noch austarierte Konstellation. Es ist Jürgen Prochnows überzeugendem Spiel zu verdanken, dass der Erpresser Bernd Ziegenhals nicht unsympathisch herüber kommt. Ihm gelang die Schere zwischen lässigen Umgangsformen und intellektuellem Selbstverständnis, die sowohl seine Beliebtheit bei seinem Vermieter und den Kleinkriminellen im Kreuzberger Kiez, als auch seinen späteren Erfolg bei Ginny (Kristina Nel), der Tochter des Professors, glaubwürdig werden ließ.

Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) im Kreis seiner Familie
Zu verdanken ist dieser Eindruck nicht zuletzt seinem Gegenspieler, Professor Kolczyk, der schon bei der ersten Geldübergabe betont, dass nur „Einer von uns beiden“ am Ende übrig bleiben wird. Zunehmend geht er fanatischer vor, um seine gehobene gesellschaftliche Position zu verteidigen. Auf diese Weise verschob Petersen die Sympathien langsam in Richtung des verkrachten Studenten und damit entgegen der damaligen Erwartungshaltung, die er allein schon durch die Besetzung der beiden Hauptrollen erzeugte. Während Klaus Schwarzkopf seit Jahren zu den beliebtesten TV-Darstellern gehörte – seine Verkörperung des „Tatort“ - Kommissars Finke zählt heute noch zu den herausragenden Leistungen des Genres – war Prochnow ein Newcomer, der zwar faszinierte, aber anti-bürgerliche Typen spielte. In der „Tatort“ – Folge „Jagdrevier“ (1973) hatte er erstmals gemeinsam mit Schwarzkopf unter Wolfgang Petersens Regie vor der Kamera gestanden - als aus dem Gefängnis geflohener Mörder, dessen Fall sich ebenfalls weniger eindeutig entwickelte als es zuerst schien.

Der Inspektor (Peter Schiff)
Mehr als dass Prochnow in seiner Rolle an Sympathie gewann, überraschte Klaus Schwarzkopfs Dekonstruktion eines hoch angesehenen Bürgers. Dazu trugen auch die stimmigen Nebenfiguren bei. Während Ziegenhals im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung fair bleibt, kann sich Kolczyk nicht einmal mehr auf seine Frau (Ulla Jacobsson) einlassen, die versucht, ihm die Angst vor dem Ansehensverlust zu nehmen. Als sich Ziegenhals ernsthaft in die Tochter des Professors verliebt, neigt sich die Waagschale endgültig in Richtung des Erpressers. Ursache und Wirkung geraten in Vergessenheit, Ziegenhals‘ Verfehlungen wirken angesichts der kriminellen Energie des Professors als lässliche Sünde.

Treffen an der Mauer mit zwei Mercedes
„Einer von uns beiden“ kommt ohne konkret formulierte Gesellschaftskritik aus, zeitgenössische Aspekte scheinen angesichts eines rein um Besitz und Ansehen geführten Duells nebensächlich. Doch das täuscht. Geschickt spielte Petersen mit bürgerlichen und anti-bürgerlichen Klischees, manipulierte Erwartungshaltungen und Gerechtigkeitsempfinden vor der Kulisse einer Stadt im Umbruch. West-Berlin gibt ein unfertiges Bild ab, bestehend aus staubigen Straßen inmitten sanierungsbedürftiger Altbauten, kleinbürgerlichen Villen-Siedlungen, Betonplätzen entlang der Mauer und hohen Stahlbetonskelettneubauten. Eine Stadt, auf der Suche nach einer eigenen Identität – und damit das Abbild einer Gesellschaft im Wandel.

Schöne Neubauwelt in Gropiusstadt
Als Bernd Ziegenhals dem Professor auf der Baustelle eines Hochhausblocks in der Gropiusstadt voller Stolz erklärt, wo in seiner zukünftigen Wohnung die Essecke und der Fernseher stehen wird, ist er endgültig zum Spießer mutiert, ist nichts von seiner unangepassten Attitüde mehr übrig geblieben. Kolczyk hingegen, angesehenes Mitglied der Gesellschaft, hat jede bürgerliche Moral hinter sich gelassen und ist nur noch an seiner Rache interessiert. Sie haben ihre Identitäten getauscht – gesellschaftskritischer in seiner zynischen Konsequenz konnte das Ende nicht sein. 

"Einer von uns beiden" Deutschland 1973, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: Manfred Purzer, Hans Otto Besetzky (Roman), Darsteller : Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Elke Sommer, Berta Drews, Otto Sander, Ulla Jacobsson, Walter Gross, Christina Nel, Peter Schiff, Claus Theo Gärtner, Anita KupschLaufzeit : 101 Minuten

Dienstag, 4. August 2015

Tätowierung (1967) Johannes Schaaf

Inhalt: Benno (Christof Wackernagel) wird von allen Jungs seiner Erziehungsanstalt so lange gejagt, bis sie ihn endlich erwischen. Doch er rückt auch dann nicht mit der erwünschten Information heraus, als einer der Kameraden ihn mit einem Bohrer quält. Bevor dieser zu weit gehen könnte, taucht der Direktor der Anstalt auf, um Benno zu holen, da er an diesem Tag entlassen wird. Der Unternehmer Herr Lohmann (Alexander May) hat den 16jährigen adoptiert und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.

Während der Junge schweigend neben ihm herläuft, stellt ihm Herr Lohmann stolz seine Firma vor und zeigt ihm sein zukünftiges eigenes Zimmer. Zudem hat er ihm ein Motorrad gekauft und eine Lehrstelle als Koch besorgt, so dass Benno schnell sein eigenes Geld verdienen kann. Für Benno ist das alles sehr fremd, einzig seine neue Stiefschwester Gaby (Helga Anders), die ebenfalls von dem Ehepaar Lohmann adoptiert wurde, gefällt ihm. Obwohl sein neuer Stiefvater ihm alle Freiheiten lässt, fällt es dem Jungen schwer, sich auf das bürgerliche Leben einzulassen…



Johannes Schaafs Haupt-Interesse galt der Literatur und dem Theater. Schon früh inszenierte er Michel Vinaver ("Hotel Iphigenie" (1964)) im TV oder übernahm eine Rolle in Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt" (1967) - drei seiner vier Kinofilme basieren auf Romanen. Nach "Momo" (1986) übernahm er nur noch Theater- und Operninszenierungen. Einzig sein erster Kinofilm "Tätowierung" entstand nicht nur nach einem von ihm selbst verfassten Originaldrehbuch,Schaaf reagierte damit auch unmittelbar auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen in Westdeutschland, als sich der Generationskonflikt immer mehr zuspitzte. Die Konsequenz seines Films nahm nicht nur die Radikalisierung der Studentenbewegung vorweg, die Besetzung des späteren RAF-Mitglieds Christof Wackernagel in der Rolle eines aufsässigen Jugendlichen und dessen Rollenname Benno (der Student Benno Ohnesorg wurde am 02.06.1967 von einem Polizisten bei einer Demonstration erschossen, Schaafs Film lief erstmals bei der BERLINALE im selben Monat) verleiht "Tätowierung" einen beinahe prophetischen Anstrich.

Vielleicht einer der Gründe, warum Schaafs damals vielfach ausgezeichneter Film in Vergessenheit geriet, in den 70er möglicherweise sogar geächtet wurde - mir, im Jahrzehnt nach seiner Entstehung sozialisiert, war der Film bis vor kurzem unbekannt. Dank FILMJUWELEN liegt "Tätowierung" endlich in adäquater Form vor und führt mich zu einem weiteren persönlichen Thema - West-Berlin. Anlass für mich, Filme, die den Geist dieser Phase einfingen und die damit einhergehenden Veränderungen dokumentierten, ein eigenes Kapitel auf meinem Blog zu widmen. 


"Vergänglichkeit" - aus heutiger Sicht betrachtet scheint alles in Johannes Schaafs erstem Kinofilm "Vergänglichkeit" auszudrücken, obwohl er mit dem Filmtitel "Tätowierung" das Gegenteil betonen wollte - die gesellschaftliche Klassifizierung eines Menschen ohne Aussicht auf Veränderung. 1967 befand er sich mit dieser kontrovers diskutierten Thematik auf der Höhe der Zeit, mitten im Aufbruch einer sich der Moderne öffnenden Nachkriegsgeneration. Wirtschaftliche Prosperität, Chancengleichheit, Emanzipation und freie Sexualität waren in vollem Gang, die Erfüllung lang gehegter Bestrebungen schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Wer immer noch glaubt, die 68er Bewegung wäre die Initialzündung für die heutige Sozialisation gewesen und nicht überfällig nach zwei Jahrzehnten gesellschaftlichen Wandels seit dem Kriegsende, wird in "Tätowierung" eines Besseren belehrt. Und trotzdem wirkt alles an Schaafs Film vergangen - die Stadt, die Menschen, die Kontroverse und in Konsequenz daraus auch sein Film.

Fabrikgebäude Puhl & Wagner - 1972 abgerissen
Vordergründig steht dafür der Drehort unmittelbar an der Berliner Mauer, das Fabrikgebäude der traditionsreichen Keramikfirma Puhl & Wagner, das vom Architekten der Kaiser-Wilhelm-Kirche, Franz Schwechten, 1903 erbaut wurde. Es musste 1972 einer Straße entlang der Mauer weichen, nachdem die Stadt Berlin es vom Konkursverwalter erworben hatte. 1967, als Johannes Schaaf dort drehte, befand sich die Firma zwar schon seit Jahren im Niedergang, war aber noch aktiv, was der Authentizität als Hintergrund eines von Herrn Lohmann (Alexander May) geführten Familienbetriebs sehr dienlich war. Wiederholt beschreibt er gegenüber seinem Adoptivsohn Benno (Christof Wackernagel) die Geschichte der vom Großvater gegründeten Firma - ein wichtiger Aspekt in dem sich zuspitzenden Generationskonflikt - die dank der Location von größter Glaubwürdigkeit ist. Angesichts der intakten Innenräume mit den wertvollen Mosaiken an den Wänden und des gut erhaltenen Fabrikgebäudes erschließt sich bei Betrachtung des Films erst die Dimension dieser jeden denkmalpflegerischen Gedanken missachtenden Vorgehensweise der Stadt.

Steilwandkurve der Avus - 1967 abgerissen
Auch die zur Avus gehörende Steilwandkurve, auf der sich junge Motorradfahrer in Schaafs Film noch austoben, überlebte die Dreharbeiten nur kurz und wurde 1967 abgerissen, um den Anschluss der Autobahn an den Berliner Ring neu zu ordnen – eine Neuordnung, die symbolisch für den Film steht. Herr Lohmann ist geradezu besessen davon, die alten gesellschaftlichen Regeln auszuhebeln. Er und seine Frau (Rosemarie Fendel) haben zwei Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen adoptiert, neben dem 16jährigen Benno noch die wenig ältere Gaby (Helga Anders). Allein schon Heranwachsende dieses Alters aufzunehmen, birgt ein großes Risiko, aber Herr Lohmann will weit darüber hinaus. Seine Vorgehensweise erinnert an eine Versuchsanordnung, mit der er beweisen will, dass Jeder in der BRD dieselben Chancen zu einem sozialen Aufstieg hat. Er spendiert Benno zu humanen Konditionen ein Motorrad, organisiert ihm eine Ausbildungsstelle und verliert auch nicht die Geduld, als der Junge sich nicht an die Abmachungen hält. Im Gegenteil besorgt er ihm einen neuen Job und unterstützt sogar Bennos erste sexuelle Erfahrungen mit Gaby in der gemeinsamen Wohnung.

Herr und Frau Lohmann
Immer wieder betont er dessen Zugehörigkeit zur Familie, bewahrt auch bei kritischen Äußerungen einen ruhigen Gestus, nur fehlt Herrn Lohmann gegenüber Benno jede Empathie. Emotional ist er in der Vergangenheit stehengeblieben, von der er gerne wortreich erzählt, dabei immer die Phase des Nationalsozialismus ausklammernd. Auch die Beziehung zu seiner Frau verweist noch auf die traditionellen Geschlechterrollen, so modern sie sich äußerlich geben. Über die Funktion als unterstützende Arbeitskraft in der Firma kommt sie nicht hinaus, während sein erotisches Interesse an seiner hübschen Stieftochter latent spürbar bleibt. Es wäre zu kurz gegriffen, Herrn Lohmanns liberale und selbstlose Außendarstellung nur als verlogen zu bezeichnen – sie steht zugespitzt für eine Nachkriegsgeneration, die gezwungen wurde, ihre anerzogenen Maßstäbe in Frage zu stellen. Hinsichtlich seiner „eintätowierten“ Prägung ähnelt seine Situation der Bennos.

Gaby und Benno
Den 16jährigen auf ein Kind aus einfachen Verhältnissen zu reduzieren, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht einfinden kann, oder ihn gar als Revoluzzer gegen das Establishment zu begreifen, bliebe an der Oberfläche. Diese Assoziation ist mehr dem Lebensweg Christof Wackernagels zu verdanken, dessen Verkörperung eines unangepassten Jugendlichen aus heutiger Sicht beinahe wie ein Menetekel wirkt. In Folge der späten 60er Jahre zunehmend politisiert, schloss er sich Mitte der 70er Jahre der RAF an. Nach Gefängnisaufenthalt und Auslandsjahren fand er in den 90er Jahren den Weg zurück in den Schauspielberuf. Im Gegensatz zur damals 19jährigen Helga Anders, deren Rolle in „Tätowierung“ sie weiter als verführerische Kindfrau festlegte – ein Klischee, dem sie bis zu ihrem frühen Tod nicht mehr entkam. Schaaf inszenierte ihren Charakter zwar zurückhaltend, ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie wie Benno eine Verlorene ist, auf der Suche nach Nähe und Verständnis. Gefühle, die ihnen das Ehepaar Lohmann nicht geben kann.

Benno und die anderen Jungs in der Erziehungsanstalt
Dank ihrer Attraktivität kommt Gaby scheinbar zurecht, Benno muss dagegen erfahren, dass weder der Ex-Häftling Sigi (Heinz Meier), mit dem er sich angefreundet hatte, noch seine früheren Kameraden aus der Erziehungsanstalt, deren Zorn er sich schon vor der Adoption zugezogen hatte, seinen Wunsch nach Geborgenheit erfüllen können. Und als er begreift, dass auch sein Zusammensein mit Gaby keine Tiefe besitzt, bleibt nur noch Herr Lohmann, dessen hartnäckiges Aufrechterhalten einer heilen Fassade für ihn zu einer unerträglichen Provokation wird. Benno zerstört nicht den Menschen Lohmann, sondern dessen Ignoranz gegenüber der Realität und den dadurch verursachten Stillstand. Die Beurteilung des Endes hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Aus bürgerlicher Sicht eine Katastrophe, für Benno ein Moment des Glücks und im Film die Konsequenz aus einem nur nach außen hin behaupteten Veränderungswillen.

Trotz seiner klar strukturierten, jede emotionale Zuspitzung vermeidenden unterhaltenden Erzählweise geriet der Film in Vergessenheit. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt voran und ließ den Eindruck entstehen, die „Tätowierung“ der Menschen gehöre der Vergangenheit an. Ein Irrtum – Schaafs Film blieb bis heute von höchster Aktualität.

"Tätowierung" Deutschland 1967, Regie: Johannes Schaaf, Drehbuch: Johannes Schaaf, Günter Herburger, Darsteller : Christof Wackernagel, Helga Anders, Alexander May, Rosemarie Fendel, Heinz Schubert, Heinz MeierLaufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Johannes Schaaf:

"Trotta" (1971)