Posts mit dem Label Zarah Leander werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Zarah Leander werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 24. September 2015

Das gewisse Etwas der Frauen (1966) Luciano Salce

Noch muss sich Roberto (Robert Hoffmann) zurechtweisen lassen...
Inhalt: Roberto (Robert Hoffmann) lebt nur geduldet in einem herrschaftlichen Gebäude, das der Direktor (Gianrico Tedeschi) einer Knabenpension von seinem hoch verschuldeten und inzwischen verstorbenen Vater erwarb. Unter der Auflage, dass Roberto bis zu seiner Volljährigkeit hier Wohnrecht genießt. Trotz der Strenge seines Vormunds genießt er das Leben an diesem Ort, denn sowohl die Frau des Direktors (Sandra Milo), als auch das Hausmädchen Agnese (Orchidea De Santis) sind ihm sehr wohlgesonnen.

...doch bald beginnt das wahre Leben
Gestärkt von den ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verdingt Roberto sich bei einer kleinen Autowerkstatt, wodurch er die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) kennenlernt, die Gefallen an dem jungen Mann findet. Sehr zum Ärger ihres Liebhabers Renzino (Vittorio Caprioli), der sich noch steigert, als Monica Roberto zu ihrem neuen Beifahrer macht. Auch für ihn kein reines Vergnügen, denn Monica kennt keine Grenzen, um ein Rennen zu gewinnen…


Die Liste deutsch-italienischer Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren ist lang, sagte aber in der Regel nur etwas über die Geldgeber aus, denn das jeweilige Kreativ-Team ließ sich meist einem Land zuordnen, von einzelnen Darstellern einmal abgesehen. Aus diesem Grund komme ich selten in die Situation, zwischen meinen Blogs wählen zu müssen, zudem ich eventuelle Verbindungen oder Einflussnahmen untereinander verlinken kann. Nur sehr wenige Filme wurden von mir - meist aus persönlichen Gründen - in beiden Blogs berücksichtigt.


"Come imparai ad amare le donne" oder auf deutsch "Das gewisse Etwas der Frauen" sollte Teil meiner Filmreihe zur "Commedia sexy all'italiana" werden, entstanden unter der Regie von Luciano Salce, einem wichtigen Wegbereiter der italienischen Erotik-Komödie. Die Einordnung des Films in meinen Italo-Filmblog "L'amore in città" stand deshalb nicht zur Disposition. Bis ich ihn mir ansah - in beiden Sprachfassungen, die glücklicherweise auf DVD vorliegen - und feststellte, dass sich hier die deutschen und italienischen Vorstellungen von erotischen Komödien begegneten. Mit dem erwartbar uneinheitlichen Ergebnis, dass mir die Gelegenheit gab, die Unterschiede genauer zu analysieren. 


Erotik im deutschen und italienischen Film nach dem Krieg

Protagonisten der Rahmenhandlung: Robert Hoffmann und Romina Power
Die Entwicklung des erotischen Films verlief in Deutschland und Italien ab den 50er Jahren parallel, spiegelte in ihrer Unterschiedlichkeit aber die jeweiligen Eigenarten beider Länder wider. Blieb in Westdeutschland das konservative Bürgertum bis weit in die 60er Jahre politisch bestimmend, entstand im Nachkriegs-Italien neben der christlichen Regierungspartei eine starke Linke, die nicht zuletzt das künstlerische Leben beeinflusste. Ein Großteil der prägenden Regisseure der 50er und 60er Jahre sympathisierte mit dem linksgerichteten Spektrum, viele von ihnen waren zumindest phasenweise Mitglied der kommunistischen Partei. Sexualität verstanden sie als antibürgerlich, als Protest gegen die von der katholischen Kirche bestimmten rigiden moralischen Gesetze im Land. Erotische Filme wie „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) mussten sich zwar optisch einschränken, propagierten aber eine aufgeklärte Moral mit gleichberechtigten Geschlechterrollen.

Zarah Leander singt im Salon "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön"
Dank des geringeren Einflusses der Kirche setzte in der BRD trotz des konservativen Klimas eine langsame Aufweichung der moralischen Normen ein. Zudem besaß die Freikörperkultur seit Beginn des Jahrhunderts in Deutschland Tradition und erhielt in den 50er Jahren vermehrt Zulauf, wie in Nossecks „Das verbotene Paradies“ (1958) thematisiert wurde, der eingebettet in eine moralisch einwandfreie Handlung junge Frauen nackt bei Sport und Gymnastik zeigen konnte. Hatte Hildegard Knef mit der Momentaufnahme ihres entblößten Oberkörpers in "Die Sünderin" 1951 noch für einen veritablen Skandal gesorgt – auch wenn dieser mehr dem als unmoralisch geltenden Inhalt zu verdanken war - dienten Nacktaufnahmen in Filmen wie "Anders als du und ich (§175)" (1957) oder "Alle Sünden dieser Erde" (1958) der Warnung vor dem allgemeinen moralischen Verfall. Unterschwellig bedienten sie die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums, wollten aber den sozialen Status Quo stärken und standen damit entgegen der Intention der italienischen Filmemacher.

Agnese (Orchidea de Santis) hat keine Chance bei Roberto...
Diese unterschiedlichen Voraussetzungen führten zu einer gegensätzlichen Entwicklung des erotischen Films beider Länder in den folgenden Jahren (siehe auch „Bis die Schulmädchen kamen“, Essay). Der deutschsprachige Erotikfilm wurde ab Mitte der 60er Jahre optisch immer freizügiger, nahm aber Themen wie Ehebruch oder frei gelebte Sexualität in der Regel die Tragweite mit Komödienhandlungen („Die Liebesquelle“, 1965) oder einem kriminell anrüchigen Hintergrund („Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, 1967) – der bürgerliche Kosmos sollte gewahrt bleiben. Dagegen richteten sich die Macher im italienischen Erotik-Film radikal gegen die vorherrschende Moral. Besonders in den zahlreichen Episodenfilmen von 1962 bis 1967 wurde mit Vergnügen durchgespielt, was offiziell nicht sein durfte – entweder zum Vorteil der aus der Norm ausbrechenden Protagonisten oder als bissige Satire auf die verklemmte Realität. Nur optisch bewahrten sie weiterhin Zurückhaltung.

...und Filmstar Margaret Joyce (Anita Ekberg) keine Zeit für die Liebe
An drei prägnanten deutsch-italienischen Co-Produktionen der 60er Jahre lassen sich diese unterschiedlichen Gewichtungen anschaulich demonstrieren. Entstand der Episoden-Film „L’amore difficile“ (Erotica) 1962 noch ganz unter italienischer Hoheit - mit Beteiligung von Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - führte Ende der 60er Jahre bei „Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (Professione bigamo, 1969) Franz Antel Regie. Zwar teilte sich die deutsche und italienische Seite Handlungsort, Drehbuch und Darsteller, aber vom gesellschaftskritischen Geist ließ sich bei der turbulenten Verwechslungskomödie nur in der italienischsprachigen Fassung noch etwas erahnen. 1966 kam es mit „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) zu einer deutsch-italienisch-französischen Zusammenarbeit, deren zwitterartiger Charakter sowohl die kommende „Commedia sexy all’italiana“ spüren ließ, als auch die Erwartungshaltung an eine deutsche Komödie mit frivolem Einschlag erfüllte.


Episodenform trifft auf Lustspiel


Was lustvoll beginnt...
Luciano Salce, dessen „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) das erotische Komödien-Genre entscheidend beeinflusste, übernahm hier die Regie, überließ das Drehbuch aber Franco Castellano und Giuseppe Moccia (Castellano/Pipolo), mit denen er zuvor im Episodenfilm „Oggi, domani, doppodomani“ (1965) zusammengearbeitet hatte. Sowohl Salce („Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)), als auch seine Drehbuchpartner („Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964)) schätzten die damals populäre episodische Form, was sich auch in „Come imparai ad amare le donne“ (schöner als der deutsche Titel: Wie man lernt, Frauen zu lieben) nicht übersehen ließ. Zwar existiert ein grober Handlungsrahmen und stehen die Frauen, die Robertos (Robert Hoffmann) Weg zuvor begleitet hatten, am Ende bei seiner Hochzeit mit Irene (Romina Power) Spalier, aber ihre vorherigen Erlebnisse wurden in linear aneinander gereihten unabhängigen Einzelgeschichten erzählt.

...zwischendurch zu Irritationen führt...
Dass die Episodenform nicht konsequenter angewendet wurde, ist wahrscheinlich auf Willibald Eser zurückzuführen, der für den deutschen Einfluss am Drehbuch sorgte. Esers Verdienste als Autor lagen zwar ein paar Jahre zurück, aber bei Käutners „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) oder „Ingeborg“ (1960), eine Leinwand-Adaption des gleichnamigen Curt-Goetz-Bühnenstücks, hatte er sein Einfühlungsvermögen für unkonformistische Komödienstoffe schon bewiesen. Dem deutschen Kinobesucher traute er die italienische Kurzfilm-Variante aber offensichtlich nicht zu, denn er ließ die fünf Episoden von Robert Hoffmann ausführlich aus dem Off begleiten, um einen inhaltlichen Prozess zu vermitteln, der hier nicht existiert. Eine in der italienischen Version fehlende Geschwätzigkeit, die Überleitungen fabulierte und damit Zusammenhänge herstellte.

...endet doch ganz konventionell
Das gilt auch für die Rahmenhandlung, der ihre nachträgliche Konstruktion deutlich anzumerken ist. Die damals erst 15jährige US-Amerikanerin Romina Power wurde in ihren frühen Filmen („Femminine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969)) fast ausschließlich als verführerische Nymphe besetzt. Eine Rolle, die sie hier in der vierten Episode verkörperte, in der sie sich als minderjährige Nichte der Großindustriellen Olga (Zarah Leander) erst an Robertos Hals schmeißt, um ihn dann weinend der sexuellen Belästigung zu beschuldigen. Ein ernsthafter Vorfall, auf den im Film nicht weiter eingegangen wird. Stattdessen wurde diese Figur dazu auserkoren, um eine unglaubwürdige Liebesgeschichte um die einzelnen Episoden zu ranken. Obwohl in der Eingangssequenz und zwei hinein geschnittenen Szenen lasziv und selbstbewusst auftretend, mündet alles in Irenes kirchlicher Trauung mit Roberto, der zudem einen lukrativen Job in der Firma ihrer Tante erhält – eine Konzession an das deutschsprachige Publikum, denn eine ähnliche Legitimierung der zuvor gezeigten Frivolitäten lässt sich im italienischen Erotik-Film dieser Phase nicht finden.


Die Episoden

Roberto mit der Frau des Direktors (Sandra Milo)
Die einzelnen Episoden, in denen jeweils eine schöne, erfahrene Frau im Mittelpunkt steht, die Roberto in die Kunst der Liebe einweist, sind von sehr unterschiedlichem Zuschnitt und Qualität. Der Beginn im Knabenpensionat mit hübschem Hausmädchen (Orchidea de Santis in einer ihrer ersten Rollen) und der attraktiven Direktoren-Gattin (Sandra Milo) ist noch ganz traditionell. Das Motiv des Schülers, der von einer reifen Frau in die Liebe eingeführt wird, gehört zum Repertoire im italienischen Erotik-Film und wurde hier amüsant und atmosphärisch dicht umgesetzt. Sehr viel aktionistischer dagegen Episode zwei, die sich als Parodie auf die Emanzipation verstand, zeitweise aber in Albernheiten abrutschte. Die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) nahm hier konsequent die männliche Position ein. Nachdem sie Roberto in einer Werkstatt kennenlernte, holte sie ihn zu sich nach Hause, wo sie aber noch einen Zweikampf gegen ihre Mitbewohnerin gewinnen muss, um sich das Recht auf ihn zu sichern. Der junge Mann selbst wird nicht gefragt, auch nicht, als er neben ihr auf dem Beifahrersitz bei einer Rallye Platz nehmen soll.

Im Zweikampf gewinnt Monica (Elsa Martinelli) das Recht auf Roberto
Als Kritik an männlichen Verhaltensmustern war das nicht zu verstehen, wie spätestens in der Endphase des Rennens deutlich wird. Dank eines Striptease hinter dem Steuer und der damit verbundenen Gewichtseinsparung fährt Monica als Erste über die Ziellinie. Für die Einführung in die Liebeskunst blieb da wenig Zeit, aber immer noch mehr als im dritten Teil, in dem Anita Ekberg ihre Rolle als Sex-Symbol persiflierte. Assistiert von Heinz Erhardt vertreibt sich Margaret Joyce (Anita Ekberg) die Zeit in Alltags-Klamotten beim Pokern. Bis sich plötzlich Roberto ankündigt, um seinen Job als Chauffeur anzutreten. Er wird stattdessen für den Gewinner eines Preisausschreibens gehalten, bei dem es eine Nacht mit dem bekannten Erotik-Star zu gewinnen gab, weshalb sie sich in einen Sexy-Fummel schmeißt und auf Verführerin macht. Allerdings nur für die Horde an Journalisten, denen sie eine Badeszene á la „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) vorführt – die einzigen konkreten Nacktaufnahmen des Films. Doch die Erotik ist nur Fassade. Sobald die Nacht hereinbricht wendet sich Margaret Joyce wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu – dem Pokerspiel.

Heinz Erhardt pokert mit Anita Ekberg
Abgesehen von den Witzchen über den stotternden Gewinner, der eine halbe Stunde zu spät kommt, eine Episode im ironischen Geist der „Commedia all’italiana“. Und damit konträr zum folgenden längsten Abschnitt, dem der Charakter einer „deutschen Episode“ anhaftet. Nadia Tiller als Mode-Designerin Baronessa Laura, die die Rolle der reifen Verführerin übernahm, war stimmig besetzt, aber darüber hinaus fehlt es der Story an Stringenz. Auch weil Zarah Leander als Großindustrielle Olga jeden anderen an Präsenz übertraf und es sich nicht nehmen ließ, am Klavier eines ihrer Lieder zum Besten zu geben, dass sie zuvor 1938 in „Heimat“ gesungen hatte: "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön". Ob Roberto als Autoverkäufer arbeitet, er seinen Bentley-Vorführwagen einer Horde Teenager überlässt, die Modenschau der Baronessa auf Marquis De Sade anspielt oder Irene ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt – vieles geschieht hier, aber ohne schlüssige Intention.

Die Damen lassen bitten: Nadja Tiller und Zarah Leander mit Vittorio Caprioli
Bemerkenswert ist auch ein kurzer Dialog zwischen den zwei Unternehmerinnen, indem die Baronessa gegenüber Olga anmerkt, dass diese Art von Verantwortung für sie als Frauen doch zu groß wäre. Eine angesichts ihres selbstbewussten Auftretens unglaubwürdige Kleinmachung, die nur als weitere Konzession an ein Publikum zu verstehen ist, das in „Come imparai ad amare le donne“ ausschließlich mit sexuell selbstbestimmt auftretenden Frauen konfrontiert wurde. Zuletzt noch mit „Angelique“ – Darstellerin Michéle Mercier als Wissenschaftlerin, die in einer Art atomarer Zeitreise ihr eigenes „Angelique“-Image veralberte und den armen Roberto zum sexuellen Leistungssport antrieb.

Roberto mit der Atom-Wissenschaftlerin (Michèle Mercier)
Trotz der manchmal despektierlichen männlichen Sicht auf die Geschehnisse und einiger relativierender Details, eint alle Episoden die Rolle einer starken Frau, die sich der üblichen Geschlechterrolle entzog – Mitte der 60er Jahre noch eine echte Provokation. Roberto ist hübsch und kommt gut bei den Frauen an, bestimmt aber nie selbst über sein Leben. Darüber kann auch seine angebliche Karriere, sein abschließendes Lob an die ihn in der Liebeskunst unterrichtenden Frauen und die traditionelle Hochzeit mit einer 15jährigen Jungfrau nicht hinwegtäuschen – ganz abgesehen davon, dass diese zuvor sehr fordernd und wenig brav auftrat. Diese Qualitäten lassen leider nicht die stilistische Uneinheitlichkeit und inhaltliche Inkonsequenz einer Inszenierung übersehen, die die deutsche und italienische Komödien-Auffassung zu kombinieren versuchte. Als abwechslungsreiches Stimmungsbild seiner Zeit, dass den Weg einer sich verändernden Sozialisation weiter vorzeichnete, kann „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) aber auch heute noch bestens unterhalten.

"Das gewisse Etwas der Frauen" Italien, Deutschland, Frankreich 1966, Regie: Luciano Salce, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moccia, Willibald Eser, Darsteller : Robert Hoffmann, Romina Power, Nadja Tiller, Zarah Leander, Anita Ekberg, Heinz Erhardt, Elsa Martinelli, Sandra Milo, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Laufzeit : 105 Minuten

Freitag, 10. Mai 2013

Das Herz der Königin (1940) Carl Froelich


Inhalt: Maria Stuart (Zarah Leander), ehemalige Königin von Schottland, ist seit vielen Jahren Gefangene der englischen Königin Elisabeth I. (Maria Koppenhöfer). Immer wieder versucht sie, diese mit Briefen von ihrer Unschuld zu überzeugen, aber Elisabeth liest ihre Briefe gar nicht erst, sondeern fällt das Todesurteil über sie.

In Gedanken lässt Maria Stuart nochmals die Zeit Revue passieren, als sie aus Frankreich in ihr Heimatland zurückkehrte, um Schottland zu regieren. Doch nicht nur das Volk lehnte sie ab, sondern auch die Machtinteressen der schottischen Lords sollten ihr das Leben schwer machen...


Als Zarah Leander 1940 "Das Herz der Königin" drehte, war sie schon zum großen UFA-Filmstar aufgestiegen, hatte es aber trotzdem verstanden, sich nicht zu sehr in der Nähe der Nazi-Machthaber aufzuhalten. Ihr Status erlaubte diese Eigenständigkeit, der auch darin deutlich wurde, dass sie im prüden Deutschland der 30er Jahre selbstbewusste und sexuell offensive Frauenfiguren spielen konnte. Trotzdem wäre es eine Illusion anzunehmen, dass sie den Propaganda-Interessen entkommen wäre, denn Joseph Göbbels, der sie persönlich sehr schätzte, wusste sie geschickt für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Die Rolle der "Maria Stuart" war Zarah Leander geradezu auf den Leib geschrieben. Die schottische Königin war nicht nur für ihre Schönheit berühmt, sondern hatte im französischen Exil, wo sie aufwuchs, musikalische Fertigkeiten gelernt. Als sie nach Schottland zurückkehrte, befand sie sich in Begleitung des italienischen Sängers David Riccio (Friedrich Benfer), der als ihr Privatsekretär arbeitete. Den rauen Gesellen im Norden der britischen Insel waren diese "französischen Sitten" äußerst suspekt, ebenso wie man der eher als emotional geltenden Königin die "harte Hand, die das Volk braucht" nicht zutraute. So konnte Zarah Leander quasi im historischen Sinn ihre Stärken ausspielen - ihr schöner Gesang, ihre emotionale, aber durchaus selbstsichere Art passten gut zu dem überlieferten Charakter der Maria Stuart.

"Das Herz der Königin" leistet sich dabei eine erzählerische Klammer, die Maria Stuart zu Beginn als Gefangene der englischen Königin Elizabeth I. (Maria Koppenhöfer) zeigt. Mehrfach hatte sie die Königin von ihrer Unschuld überzeugen wollen, aber diese hatte ihre Briefe ignoriert und verurteilte sie nach langer Gefangenschaft zum Tode. In Erwartung der Hinrichtung, lässt sie noch einmal ihr Leben seit der Ankunft in Schottland vor ihrem geistigen Auge ablaufen.

"Das Herz der Königin" hielt sich an die historischen Abläufe und versuchte, die damaligen Intrigen und Machtinteressen komplex zu schildern. In beeindruckenden, in ihrer Schwarz-weiß Schattierung dramatisch wirkenden Bildern entfaltet sich die Geschichte theaterartig. In einzelnen Szenen, die an nur wenigen Orten stattfinden, wird dialoglastig eine Situation aufgezeigt, die von Opportunismus und Hinterhältigkeit geprägt ist. Marias Halbbruder Jacob ( Walther Süssenguth), der in ihrer Abwesenheit das Land regierte, unterstützt zuerst seine Schwester, um später doch mit der englischen Königin gemeinsame Sache zu machen. Auch Lord Bothwell (Willy Birgel) hat eigensüchtige Interessen und täuscht sie. Einzig Maria Stuart und ihre Getreuen, besonders ihr Diener Olivier (Will Quadflieg), vermitteln einen ehrlichen Charakter.

Die Wahl Zarah Leander als schottischer Königin ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, wem das Publikum seine Sympathie schenken würde. So konnte es sich Regisseur Carl Froelich leisten, die Charaktere der Gegner Marias ohne Übertreibungen zu schildern. Trotzdem war Froelich an einer objektiven Betrachtung der damaligen Situation in Schottland keineswegs interessiert, sondern zeichnete unterschwellig das negative Bild einer rücksichtslosen, expansiven englischen Politik. Diese Intention war angesichts des parallel stattfindenden Kriegs mit England gewollt, so das Froelich - der seit 1939 der Reichsfilmkammer als Präsident vorstand - als Regisseur den Willen seines direkten Vorgesetzten Joseph Goebbels umsetzte.

Tatsächlich wurde Maria Stuart in vielen internationalen Produktionen häufig verklärt, so dass „Das Herz der Königin“ keineswegs als besonders negativ für die englische Krone heraus sticht. Schon immer mochte das Publikum - auch in der Hollywood-Umsetzung - die unglückliche Königin mehr als die scheinbar hartherzige, unattraktive Elisabeth, die zudem noch ohne Mann und Kinder blieb. Das Maria Stuart in der Realität ziemlich arrogant gewesen sein soll, ihren Halbbruder Jakob als „Bastard“ ansah, der es nicht wert war zu regieren, und auch ihre Mitwirkung beim Tod ihres zweiten Mannes nie wirklich aufgeklärt werden konnte, wird hier nicht berührt. Zarah Leander ist ganz in ihrem Element als emotionale, liebevolle Regentin, die nur selbstlos das Beste für ihr Volk will. Alle Unglücke, Morde und sonstigen tragischen Ereignisse lassen keinen Schatten auf ihren hehren Charakter fallen. Selbst die schon kurz nach dem "Unfalltod" ihres Mannes erfolgte erneute Trauung mit Lord Bothwell, die damals dazu führte, dass Maria Stuart zugunsten ihres zu diesem Zeitpunkt einjährigen Sohnes abdanken musste, wird hier als eine für sie erzwungene Situation geschildert.

Dagegen werden der englischen Königin bösartige Sätze wie „Alle, die uns helfen, werden getötet“ in den Mund gelegt, als sie weitere Lords nach Schottland schickt, die Maria Stuarts vordergründig stützen sollen, tatsächlich aber ihre Basis aushöhlen. Solche Sätze sollten konkret vermitteln, das man den Engländern nicht trauen kann. Das die erzählerische Klammer den Film mit der Hinrichtung Maria Stuarts beendet, überrascht schon nicht mehr, denn so wird sie noch zur Märtyrerin hochstilisiert. Trotz dieser Intention gehört "Das Herz der Königin" nicht zu den auffälligen Propagandawerken, da die negative Sicht auf die englische Vorgehensweise eher subtil geschildert wurde und die tatsächlichen Ereignisse kaum verfälscht, sondern nur sehr einseitig betrachtet wurden. Die größte Parteinahme verbirgt sich letztlich in der Besetzung der Hauptrolle mit Zarah Leander, denn dadurch waren die Sympathien von vornherein verteilt.

"Das Herz der Königin" Deutschland 1940Regie: Carl Fröelich, Drehbuch: Harald Braun, Jacob Geis, Darsteller : Zarah Leander, Willi Birgel, Maria Koppenhöfer, Axel Von Ambesser, Hans  Mierendorff, Erich Ponto, Will Quadflieg, Laufzeit : 105 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Carl Froelich:

Donnerstag, 28. März 2013

La Habanera (1937) Detlef Sierck


Inhalt: Gemeinsam mit ihrer alten Tante Ana (Julia Serda) reist die Schwedin Astree (Zarah Leander) nach Puerto Rico und ist sofort von der mittelamerikanischen Insel, ihren Bewohnern und nicht zuletzt ihrer Musik begeistert. Don Pedro (Ferdinand Marian), ein mächtiger Großgrundbesitzer, wirbt um sie, aber ihre Tante möchte schnell wieder abreisen, da sie im Gegensatz zu ihrer Nichte nur Missfallen empfindet. Schon auf dem Schiff hört Astree noch einmal die Klänge der „Habanera“ und beschließt spontan, auf Puerto Rico zu bleiben und Don Pedro zu heiraten.

10 Jahre später ist von der damaligen Begeisterung nichts mehr übrig. Während ihr eifersüchtiger Ehemann streng über sie wacht, sind Astree die Lebensverhältnisse auf der Insel zunehmend zuwider und sie sehnt sich nach ihrer schwedischen Heimat zurück. In diesem Geiste erzieht sie gegen den Willen ihres Mannes ihren inzwischen 9jährigen Sohn - der einzige Grund, warum sie sich noch nicht von ihm getrennt hatte. Doch als mit Dr.Nagel (Karl Matell), einem Jugendfreund Astrees, und seinem brasilianischen Kollegen zwei Ärzte auf die Insel kommen, um das Puerto-Rico-Fieber zu bekämpfen, spitzt sich die Lage zu…


"La Habanera" beweist, dass es auch 1937 in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus möglich war, Filme zu drehen, die intelligent unterhalten konnten, differenzierte Charaktere boten und mit authentischen Emotionen berührten. Trotzdem war es signifikant für die Situation engagierter Künstler dieser Zeit, dass Regisseur Detlev Sierck, der wenig später als "Douglas Sirk" nach Hollywood ging und berühmt wurde, den Drehort Teneriffa nützte, um sich mit seiner jüdischen Frau aus Deutschland abzusetzen.

Dabei gefiel Göbbels "La Habanera" ungemein, obwohl der Film keinerlei Zugeständnisse an faschistisches Gedankengut aufweist, sondern im Gegenteil die Begegnung zweier fremder Welten differenziert und auch aus heutiger Sicht modern wiedergibt. Aber auch ihm konnte spätestens nach Siercks letztem Film "Zu neuen Ufern" nicht entgangen sein, wie virtuos der Regisseur auf der Klaviatur der Emotionen zu spielen in der Lage war und wie konkret und gleichzeitig spielerisch ihm die Balance gelang, nicht in Kitsch oder Klischees abzugleiten - außer er bediente sich diesen Stilmitteln bewusst. Um ihre demagogischen Ziele zu erreichen, galten diese Fähigkeiten als sehr nützlich für die Nationalsozialisten, weshalb sie sich um Sierck bemühten - eine "Umarmung", der er sich nur durch Flucht entziehen konnte.

Wer nicht floh war Zarah Leander, die nach ihren großen Erfolgen in Siercks Filmen "Zu neuen Ufern" und "La Habanera" zum populärsten UFA-Star aufgebaut wurde. Betrachtet man sie in "La Habanera", ist das nicht erstaunlich, denn trotz ihrer großen, schlanken Gestalt und ihres klassisch schönen Gesichts, konnte sie schwärmerisch und mädchenhaft wirken. Gleichzeitig hinterließ sie den Eindruck einer stolzen, ehrlichen Frau und sang mit ihrer tiefen, erotischen Stimme wunderschöne, gefühlvolle Lieder. Allerdings vermied sie einen zu engen Kontakt mit den Nazis - so gibt es keinerlei Fotos, die sie zusammen mit Adolf Hitler zeigen, obwohl dieser sich mit fast allen populären UFA-Stars schmückte.

Doch neben Zarah Leander, die als Schwedin Astree (ein die Authentizität fördernder Schachzug von Sierck) das weibliche Objekt der Begierde gibt, liegt es besonders an den männlichen Darstellern, dass "La Habanera" auch aus heutiger Sicht noch modern und vielschichtig wirkt. Hervorzuheben ist hier Ferdinand Marian, der das egoistische, autoritäre Auftreten des Großgrundbesitzers Don Pedro mit der inneren Zerrissenheit und Unsicherheit gegenüber Astree verband. Astree und er hatten sich bei einem Stierkampf kennengelernt, einem für Sierck typischen Beginn, da er die Grundsituationen seiner Filme jeweils sehr schnell herzustellen pflegte.

Astree wird von ihrer älteren Tante Ana (Julia Serda) begleitet, die die damalige (und vielfach noch heutige) bürgerliche Einstellung verkörpert. Ihr ist das mittelamerikanische Puerto Rico zu heiß und unwirtlich, die hier lebende Bevölkerung zu unzivilisiert und fremd. Schnell will sie wieder nach Schweden zurück, aber Astree entscheidet sich spontan auf der Insel zu bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil der Klang der "Habanera" sie auf dem Schiff einholt und sie wieder unweigerlich an Land zieht. Dort fällt sie Don Pedro in die Arme und heiratet ihn. Noch während der Hochzeit erhält sie ein Telegramm der Tante, die ihr darin als Hochzeitsgeschenk die "Kosten für die Scheidung" schenkt. Schnitt - Zeitsprung von zehn Jahren.

Für den Aufbau des Plots benötigt Sierck kaum 15 Minuten und zeigt hier schon in einem frühen Filme seine große erzählerische Meisterschaft. Ohne zu polarisieren oder Extreme zu nutzen, arbeitet er den tragischen Konflikt heraus. Die Tante, die an ihrer Abneigung gegen Astrees Ehemann keinen Zweifel ließ, ist keine überlegene Figur, sondern verkörpert eine damals weit verbreitete Meinung des "zivilisierten" Europas gegenüber scheinbar unterentwickelten Ländern wie Puerto Rico. Eine Haltung, die Sierck entlarvt und demaskiert, die er aber umgekehrt ebenfalls auf Seiten der Südamerikaner beschreibt. Don Pedros alte Hausdame steht stellvertretend für die Haltung gegenüber den Europäern, die als unerwünschte Eindringlinge angesehen werden. Auch hier hält sich Sierck nicht mit Andeutungen auf, sondern zeigt, wie die alte Dame verächtlich den Ring aus dem Fenster wirft, den ihr Astree kurz zuvor geschenkt hatte. Es bahnt sich ein komplexer, schwer lösbarer Konflikt an.

Der Zeitsprung um 10 Jahre hat die Situation zwischen den Eheleuten verändert. Astree hat einen neunjährigen Sohn, der aus Sicht seines Vaters zu wenig in seinem Geiste und damit zu europäisch erzogen wird. Astree verabscheut ihren Mann und das Leben auf der Insel und will ihn verlassen, hat aber Angst ihren Sohn zu verlieren. Ferdinand Marians Spiel ist großartig, denn hinter seiner äußerlichen Strenge bleibt immer die innere Verzweiflung darüber zu spüren, dass seine Frau ihn nicht mehr liebt. Selbst nachdem sie ihn öffentlich gedemütigt hatte, bleibt er äußerlich beherrscht und greift zu keinen brachialen Mitteln. Es ist wenig nachvollziehbar, warum der von Marian gespielte Inselherrscher in der Regel als negative Figur beschrieben wird. Diese oberflächliche Interpretation fußt noch auf der damalige Denkweise, die offensichtlich später nicht mehr hinterfragt wurde. Zarah Leander, die durch ihre Kindergesänge mit ihrem kleinen Sohn zusätzlich als Mutter hochstilisiert wurde, wurde zur eindeutigen Identifikationsfigur und damit stand der sie scheinbar unterdrückende Don Pedro auf verlorenem Posten.

Heute lässt sich das Spiel der Beiden differenzierter betrachten. So wirkt Zarah Leander in ihrer Rolle ungerecht und verbohrt, nicht bereit sich auf ein anderes Land - über eine romantische Begeisterung hinaus - einzulassen. Don Pedro dagegen ist anzumerken, wie sehr ihn seine europäische Frau begeistert, auch wenn er viele ihrer Denkweisen ablehnt und die ihm anerzogenen Verhaltensmuster nicht abzulegen in der Lage ist. In dieser Situation wirkt er fast angreifbar und schwach und Detlev Sierck vermittelt Sympathie für ihn, da er Don Pedro einen letzten Augenblick des Glücks noch gönnt.

Sierck war mit dieser komplexen Sichtweise seiner Zeit so weit voraus, dass sie heute deutlicher hervor tritt als zur Entstehungszeit des Films. Darüber hinaus verbindet er die Geschichte um diese unglückliche Liebe mit einem spannenden Geschehen um gefährliche Viren, die regelmäßig als "Puerto Rico"-Fieber die Insel heimsuchen und viele Tote fordern. Zusätzlich kommen damit der schwedische Arzt Dr.Nagel (Karl Matell) und sein brasilianischer Kollege Dr.Gomez ins Spiel, die vom schwedischen Tropeninstitut nach Puerto Rico geschickt wurden.

Obwohl sie Leben retten wollen, werden sie mit Ablehnung empfangen, denn den reichen Potentaten der Insel sind die Ärzte ein Dorn im Auge, da sie befürchten, dass Puerto Rico, sollte die Krankheit allgemein bekannt werden, im internationalen Handel geächtet wird und damit ihre Geschäfte schlecht laufen. Diese Kapitalisten scheinen unmittelbar nordamerikanischen oder europäischen Ländern entsprungen, womit Sierck Klischees gegenüber Südamerika vermeidet, aber auch die gegen die Krankheit kämpfenden Ärzte haben nicht nur edle Seiten. Besonders Dr.Nagel, ein alter Jugendfreund von Astree, der sie immer noch liebt, vergreift sich bei seinem Drängen im Ton und erntet damit eine unerwartete Reaktion. Bei Sierck gibt es keine eindimensionalen Charaktere und keine einfachen Lösungen.

"La Habanera" ist ein herausragender Film, der auch heute noch uneingeschränkt empfohlen werden kann. Es ist eine traurige Fußnote des Schicksals, dass der überragend spielende Ferdinand Marian wenige Jahre später von den Nationalsozialisten in der Rolle des "Süß" in dem Propagandawerk "Jud Süß" (1941) von Veit Harlan missbraucht wurde. Auch Detlev Sierck benötigte viele Jahre, um als "Douglas Sirk" wieder Erfolg zu haben. Letztlich gelang ihm das erst, als er wieder auf seinen Stil aus "La Habanera" zurück griff.

"La Habanera" Deutschland 1937, Regie: Detlef Sierck, Drehbuch: Gerhard Menzel, Darsteller : Zarah Leander, Ferdinand Marian, Karl Martell, Julia Serda, Boris Alekin, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:
"Magnificent obsession" (Die wunderbare Macht, 1954)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)

Dienstag, 19. März 2013

Zu neuen Ufern (1937) Detlef Sierck


Inhalt: 19. Jahrhundert - Sir Albert (Willi Birgel) gehört zwar zum verarmten Adel, was ihn aber nicht davon abhält, in London gesellschaftlich selbstbewusst auszutreten. Er lässt sich von einem reichen Bürgersohn aushalten, den er trotzdem seine Überlegenheit spüren lässt. Die Sänger Gloria Vane (Zarah Leander), die mit ihren verruchten Liedern die puritanische Bevölkerung provoziert, hat es ihm besonders angetan, weshalb er sie mit geschickt gewählten Worten verteidigt.

Trotzdem sieht er keine Zukunft mehr für sich in England und will nach Australien auswandern, wo er sich eine Karriere als Offizier erhofft. Um das Schiff nehmen zu können, muss er zuerst seine Schulden bezahlen, aber sein bisheriger Financier weigert sich, den dafür notwendigen Scheck zu unterschreiben. Kurz entschlossen fälscht er den Scheck und verlässt für immer England. Doch nur wenig später fliegt sein Schwindel auf. Um ihren Geliebten zu schützen, nimmt Gloria Vane die Schuld auf sich, was ihr eine Verurteilung einbringt und die Deportation nach Australien in ein Frauengefängnis…


Die Worte „Zu neuen Ufern“ werden nur einmal im Film gesprochen und sind gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Warum sie von Regisseur Detlef Sierck, der wie in den meisten seiner Filme auch hier am Drehbuch mit geschrieben hatte, als Filmtitel genommen wurde, ergibt sich erst aus dem Gesamtkontext. Zarah Leander spricht sie in ihrer Rolle als Theatersängerin Gloria Vane und lässt damit deutlich werden, dass sich ihre Haltung geändert hat – und zwar unumstößlich. Im  Nazi-Deutschland 1937 bedeutete Haltung Alles, Grauzonen oder Möglichkeiten der Abwägung waren nicht möglich. Entweder man war dafür oder dagegen, was gleichzeitig mit Gefahr für Leib oder Seele verbunden gewesen wäre. Sierck machte aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber den Nationalsozialisten nie einen Hehl, aber im Gegensatz zu anderen kritisch eingestellten Regisseuren beschwor er mit seinen Filmen keine Verbote oder Verbannung herauf. Im Gegenteil – seine beiden ersten Filme mit Zarah Leander (neben "Zu neuen Ufern" noch "La Habanera" (1937)) machten diese zum umjubelten Ufa-Star der Nazi-Zeit.

Möglicherweise lag es daran, dass Sierck und Zarah Leander zum Zeitpunkt der Entstehung von „Zu neuen Ufern“ noch nicht den ganz großen Starruhm erlangt hatten. Zwar hatte Sierck mit "Das Hofkonzert" (1936) und "Schlussakkord" (1936) schon zwei populäre Filme abgeliefert, aber Zarah Leander war in Deutschland noch unbekannt. Zudem spielt die Story, die sich auf eine Romanvorlage bezieht, zuerst in London und dann größtenteils in Sidney, Australien, welches Mitte des 19.Jahrhunderts noch einen sehr unfertigen, wenig zivilisierten Eindruck hinterließ. Diese Konstellation ermöglichte Sierck Anspielungen auf bigotte und spießbürgerliche Eigenschaften der Gesellschaft und die Darstellung einer dekadenten Offiziers- und Adeligenkaste, gegen die auch die Nationalsozialisten nichts einzuwenden hatten, da hier englische Staatsbürger im Mittelpunkt standen.

Das gilt gleichbedeutend auch für alle sympathischen Charaktere, so wie das „neue Land“ Australien die Chance auf einen Neuanfang symbolisierte und damit einen eventuellen Schritt "zu neuen Ufern". Es wird deutlich, dass es nicht die einmal gesprochenen Worte sind, die Sierck zum Titel erhob, sondern ihre programmatische Bedeutung für den gesamten Film liegen. Vielleicht war es auch ein persönliches Statement, denn nur kurz danach brach Sierck selbst zu neuen Ufern auf und wanderte über Umwege in die USA aus. Aber auch die Nazis hielten ihre zerstörerische Ideologie für eine zwingend notwendige Veränderung der Gesellschaft und konnten sich darin bestätigt fühlen.

Das Verwirrspiel beginnt schon mit der ersten Szene, in der der Adelige Sir Albert (Willi Birgel), überlegen parlierend, einem dicklichen Bürgersohn dessen Niveaulosigkeit humorvoll vor Augen führt. Nur kurz danach befindet er sich im Theater, um der populären Sängerin Gloria Vane, seiner Geliebten, dabei zuzusehen, wie sie in gewagtem Outfit ein frivoles Lied vorträgt. Natürlich erheben sich Stimmen aus dem Volk, die ihre Verderbtheit anklagen, aber Sir Albert weiß mit wohlgesetzten Worten deren pöbelhaftem Auftreten ein Ende zu bereiten. Sierck schildert die puritanischen Moralapostel als verlogene Gesellschaft, die sich den Hals nach Gloria Vane verrenkt, gleichzeitig aber mit erhobenem Zeigefinger Anstand predigt.

Doch auch Sir Albert ist kein Musterknabe, sondern ein verarmter Schmarotzer, der den von ihm kurz zuvor noch veräppelten Bürgersohn benötigt, ihm die notwendigen Geldmittel für seine gesellschaftlichen Auftritte zur Verfügung zu stellen. Ausgerechnet als Sir Albert noch dessen Geld für die Bezahlung seiner Schulden benötigt, um nach Australien ausreisen zu dürfen, wo er sich ein neues angemesseneres Leben erhofft, weigert sich dieser erstmals, einen Scheck zu unterschreiben. So sieht er sich gezwungen, diesen zu fälschen und bricht ins gelobte Land auf, womit er nicht nur einen geprellten Freund hinterlässt, sondern auch Gloria Vane, an deren Seite sich der Frauenheld in London gerne zeigte.

Als der Scheckbetrug auffliegt und Gloria erfährt, dass ihr Geliebter in Verdacht gerät, nimmt sie spontan die Schuld auf sich, um dessen in Australien beginnende Offizierskarriere nicht zu gefährden. Sie versucht zwar noch einen Rückzug, aber ihr, einer Sängerin verdorbener Lieder, glaubt man nicht und so gelangt sie ebenfalls nach Australien, allerdings als Strafgefangene. Sir Albert, der in Australien schnell Fuß gefasst hatte und seine Karriere durch eine Beziehung mit der Tochter des Garnison-Chefs fördert, erfährt nichts von diesen Vorgängen, obwohl er nur unweit von dem Gefängnis stationiert ist.

Die Machenschaften der Offiziere scheinen überhaupt nichts mit soldatischem Leben zu tun zu haben, da man diese nur bei gesellschaftlichen Auftritten und dem nächsten geplanten amourösen Abenteuer erlebt. Nicht erstaunlich, dass Sir Albert auch in Australien sofort wieder erfolgreich ist, da er schon in London der beste Selbstdarsteller war. Während er dort aber noch sympathisch wirkte und mit seiner Intelligenz den Neureichen und dem Pöbel den Spiegel vor Augen hielt, so kommt sein Egoismus in Sidney zunehmend zum Vorschein. Als er einen Brief aus dem Gefängnis erhält, in dem ihn Gloria um Hilfe bittet, zeigt sich sein wahrer Charakter.

Die Figur des Sir Albert ist sicherlich die interessanteste, weil ambivalenteste Rolle, während Zarah Leander hier eher eindimensional als schöne Leidende angelegt ist, die fast immer mit von Gram gebeugter Haltung auftritt und scheinbar nur zum Leben erweckt wird, wenn sie ihre wunderschönen Lieder singt, wozu sie auch ausreichend Gelegenheit bekommt. Trotzdem handelt es sich bei „Zu neuen Ufern“ um kein dramatisches Trauerspiel, sondern um eine Mischung aus burlesken, komödiantischen Szenen und einer dramatischen Liebesgeschichte, getragen von einem gut aufgelegten Willi Birgel und einer tragischen Zarah Leander. Bewundernswert ist Siercks Stilsicherheit bei dem Zusammenspiel von derber Komödie, Drama und Musikstück, dass bis heute seinen unterhaltenden und abwechslungsreichen Gestus nicht verloren hat.

Seinen später prägenden, melodramatischen Stil hatte Sierck noch nicht gefunden. Den konnte er erstmals in seinem folgenden, als letztem in Deutschland vor dem Krieg gedrehten Film, „La Habanera“ demonstrieren.

"Zu neuen Ufern" Deutschland 1937, Regie: Detlef Sierck (später Douglas Sirk), Drehbuch: Detlef Sierck, Kurt Heuser, Lovis Hans Lorenz (Roman)Darsteller : Zarah Leander, Willi Birgel, Victor Staal, Carola Höhn, Edwin Jürgensen, Lina CarstensLaufzeit : 97 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"La Habanera" (1937)
"Magnificent obsession" (Die wunderbare Macht, 1954)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)