Donnerstag, 28. März 2013

La Habanera (1937) Detlef Sierck


Inhalt: Gemeinsam mit ihrer alten Tante Ana (Julia Serda) reist die Schwedin Astree (Zarah Leander) nach Puerto Rico und ist sofort von der mittelamerikanischen Insel, ihren Bewohnern und nicht zuletzt ihrer Musik begeistert. Don Pedro (Ferdinand Marian), ein mächtiger Großgrundbesitzer, wirbt um sie, aber ihre Tante möchte schnell wieder abreisen, da sie im Gegensatz zu ihrer Nichte nur Missfallen empfindet. Schon auf dem Schiff hört Astree noch einmal die Klänge der „Habanera“ und beschließt spontan, auf Puerto Rico zu bleiben und Don Pedro zu heiraten.

10 Jahre später ist von der damaligen Begeisterung nichts mehr übrig. Während ihr eifersüchtiger Ehemann streng über sie wacht, sind Astree die Lebensverhältnisse auf der Insel zunehmend zuwider und sie sehnt sich nach ihrer schwedischen Heimat zurück. In diesem Geiste erzieht sie gegen den Willen ihres Mannes ihren inzwischen 9jährigen Sohn - der einzige Grund, warum sie sich noch nicht von ihm getrennt hatte. Doch als mit Dr.Nagel (Karl Matell), einem Jugendfreund Astrees, und seinem brasilianischen Kollegen zwei Ärzte auf die Insel kommen, um das Puerto-Rico-Fieber zu bekämpfen, spitzt sich die Lage zu…


"La Habanera" beweist, dass es auch 1937 in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus möglich war, Filme zu drehen, die intelligent unterhalten konnten, differenzierte Charaktere boten und mit authentischen Emotionen berührten. Trotzdem war es signifikant für die Situation engagierter Künstler dieser Zeit, dass Regisseur Detlev Sierck, der wenig später als "Douglas Sirk" nach Hollywood ging und berühmt wurde, den Drehort Teneriffa nützte, um sich mit seiner jüdischen Frau aus Deutschland abzusetzen.

Dabei gefiel Göbbels "La Habanera" ungemein, obwohl der Film keinerlei Zugeständnisse an faschistisches Gedankengut aufweist, sondern im Gegenteil die Begegnung zweier fremder Welten differenziert und auch aus heutiger Sicht modern wiedergibt. Aber auch ihm konnte spätestens nach Siercks letztem Film "Zu neuen Ufern" nicht entgangen sein, wie virtuos der Regisseur auf der Klaviatur der Emotionen zu spielen in der Lage war und wie konkret und gleichzeitig spielerisch ihm die Balance gelang, nicht in Kitsch oder Klischees abzugleiten - außer er bediente sich diesen Stilmitteln bewusst. Um ihre demagogischen Ziele zu erreichen, galten diese Fähigkeiten als sehr nützlich für die Nationalsozialisten, weshalb sie sich um Sierck bemühten - eine "Umarmung", der er sich nur durch Flucht entziehen konnte.

Wer nicht floh war Zarah Leander, die nach ihren großen Erfolgen in Siercks Filmen "Zu neuen Ufern" und "La Habanera" zum populärsten UFA-Star aufgebaut wurde. Betrachtet man sie in "La Habanera", ist das nicht erstaunlich, denn trotz ihrer großen, schlanken Gestalt und ihres klassisch schönen Gesichts, konnte sie schwärmerisch und mädchenhaft wirken. Gleichzeitig hinterließ sie den Eindruck einer stolzen, ehrlichen Frau und sang mit ihrer tiefen, erotischen Stimme wunderschöne, gefühlvolle Lieder. Allerdings vermied sie einen zu engen Kontakt mit den Nazis - so gibt es keinerlei Fotos, die sie zusammen mit Adolf Hitler zeigen, obwohl dieser sich mit fast allen populären UFA-Stars schmückte.

Doch neben Zarah Leander, die als Schwedin Astree (ein die Authentizität fördernder Schachzug von Sierck) das weibliche Objekt der Begierde gibt, liegt es besonders an den männlichen Darstellern, dass "La Habanera" auch aus heutiger Sicht noch modern und vielschichtig wirkt. Hervorzuheben ist hier Ferdinand Marian, der das egoistische, autoritäre Auftreten des Großgrundbesitzers Don Pedro mit der inneren Zerrissenheit und Unsicherheit gegenüber Astree verband. Astree und er hatten sich bei einem Stierkampf kennengelernt, einem für Sierck typischen Beginn, da er die Grundsituationen seiner Filme jeweils sehr schnell herzustellen pflegte.

Astree wird von ihrer älteren Tante Ana (Julia Serda) begleitet, die die damalige (und vielfach noch heutige) bürgerliche Einstellung verkörpert. Ihr ist das mittelamerikanische Puerto Rico zu heiß und unwirtlich, die hier lebende Bevölkerung zu unzivilisiert und fremd. Schnell will sie wieder nach Schweden zurück, aber Astree entscheidet sich spontan auf der Insel zu bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil der Klang der "Habanera" sie auf dem Schiff einholt und sie wieder unweigerlich an Land zieht. Dort fällt sie Don Pedro in die Arme und heiratet ihn. Noch während der Hochzeit erhält sie ein Telegramm der Tante, die ihr darin als Hochzeitsgeschenk die "Kosten für die Scheidung" schenkt. Schnitt - Zeitsprung von zehn Jahren.

Für den Aufbau des Plots benötigt Sierck kaum 15 Minuten und zeigt hier schon in einem frühen Filme seine große erzählerische Meisterschaft. Ohne zu polarisieren oder Extreme zu nutzen, arbeitet er den tragischen Konflikt heraus. Die Tante, die an ihrer Abneigung gegen Astrees Ehemann keinen Zweifel ließ, ist keine überlegene Figur, sondern verkörpert eine damals weit verbreitete Meinung des "zivilisierten" Europas gegenüber scheinbar unterentwickelten Ländern wie Puerto Rico. Eine Haltung, die Sierck entlarvt und demaskiert, die er aber umgekehrt ebenfalls auf Seiten der Südamerikaner beschreibt. Don Pedros alte Hausdame steht stellvertretend für die Haltung gegenüber den Europäern, die als unerwünschte Eindringlinge angesehen werden. Auch hier hält sich Sierck nicht mit Andeutungen auf, sondern zeigt, wie die alte Dame verächtlich den Ring aus dem Fenster wirft, den ihr Astree kurz zuvor geschenkt hatte. Es bahnt sich ein komplexer, schwer lösbarer Konflikt an.

Der Zeitsprung um 10 Jahre hat die Situation zwischen den Eheleuten verändert. Astree hat einen neunjährigen Sohn, der aus Sicht seines Vaters zu wenig in seinem Geiste und damit zu europäisch erzogen wird. Astree verabscheut ihren Mann und das Leben auf der Insel und will ihn verlassen, hat aber Angst ihren Sohn zu verlieren. Ferdinand Marians Spiel ist großartig, denn hinter seiner äußerlichen Strenge bleibt immer die innere Verzweiflung darüber zu spüren, dass seine Frau ihn nicht mehr liebt. Selbst nachdem sie ihn öffentlich gedemütigt hatte, bleibt er äußerlich beherrscht und greift zu keinen brachialen Mitteln. Es ist wenig nachvollziehbar, warum der von Marian gespielte Inselherrscher in der Regel als negative Figur beschrieben wird. Diese oberflächliche Interpretation fußt noch auf der damalige Denkweise, die offensichtlich später nicht mehr hinterfragt wurde. Zarah Leander, die durch ihre Kindergesänge mit ihrem kleinen Sohn zusätzlich als Mutter hochstilisiert wurde, wurde zur eindeutigen Identifikationsfigur und damit stand der sie scheinbar unterdrückende Don Pedro auf verlorenem Posten.

Heute lässt sich das Spiel der Beiden differenzierter betrachten. So wirkt Zarah Leander in ihrer Rolle ungerecht und verbohrt, nicht bereit sich auf ein anderes Land - über eine romantische Begeisterung hinaus - einzulassen. Don Pedro dagegen ist anzumerken, wie sehr ihn seine europäische Frau begeistert, auch wenn er viele ihrer Denkweisen ablehnt und die ihm anerzogenen Verhaltensmuster nicht abzulegen in der Lage ist. In dieser Situation wirkt er fast angreifbar und schwach und Detlev Sierck vermittelt Sympathie für ihn, da er Don Pedro einen letzten Augenblick des Glücks noch gönnt.

Sierck war mit dieser komplexen Sichtweise seiner Zeit so weit voraus, dass sie heute deutlicher hervor tritt als zur Entstehungszeit des Films. Darüber hinaus verbindet er die Geschichte um diese unglückliche Liebe mit einem spannenden Geschehen um gefährliche Viren, die regelmäßig als "Puerto Rico"-Fieber die Insel heimsuchen und viele Tote fordern. Zusätzlich kommen damit der schwedische Arzt Dr.Nagel (Karl Matell) und sein brasilianischer Kollege Dr.Gomez ins Spiel, die vom schwedischen Tropeninstitut nach Puerto Rico geschickt wurden.

Obwohl sie Leben retten wollen, werden sie mit Ablehnung empfangen, denn den reichen Potentaten der Insel sind die Ärzte ein Dorn im Auge, da sie befürchten, dass Puerto Rico, sollte die Krankheit allgemein bekannt werden, im internationalen Handel geächtet wird und damit ihre Geschäfte schlecht laufen. Diese Kapitalisten scheinen unmittelbar nordamerikanischen oder europäischen Ländern entsprungen, womit Sierck Klischees gegenüber Südamerika vermeidet, aber auch die gegen die Krankheit kämpfenden Ärzte haben nicht nur edle Seiten. Besonders Dr.Nagel, ein alter Jugendfreund von Astree, der sie immer noch liebt, vergreift sich bei seinem Drängen im Ton und erntet damit eine unerwartete Reaktion. Bei Sierck gibt es keine eindimensionalen Charaktere und keine einfachen Lösungen.

"La Habanera" ist ein herausragender Film, der auch heute noch uneingeschränkt empfohlen werden kann. Es ist eine traurige Fußnote des Schicksals, dass der überragend spielende Ferdinand Marian wenige Jahre später von den Nationalsozialisten in der Rolle des "Süß" in dem Propagandawerk "Jud Süß" (1941) von Veit Harlan missbraucht wurde. Auch Detlev Sierck benötigte viele Jahre, um als "Douglas Sirk" wieder Erfolg zu haben. Letztlich gelang ihm das erst, als er wieder auf seinen Stil aus "La Habanera" zurück griff.

"La Habanera" Deutschland 1937, Regie: Detlef Sierck, Drehbuch: Gerhard Menzel, Darsteller : Zarah Leander, Ferdinand Marian, Karl Martell, Julia Serda, Boris Alekin, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:
"Magnificent obsession" (Die wunderbare Macht, 1954)
"All that heaven allows" (Was der Himmel erlaubt, 1955)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)

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