Freitag, 22. März 2013

Unter den Brücken (1945) Helmut Käutner


Inhalt: Hendrik Feldkamp (Carl Raddatz) und sein Freund Willy (Gustav Knuth) arbeiten auf ihrem gemeinsamen Schleppkahn. Sie sind von den Schiffen abhängig, die sie von Hafen zu Hafen schleppen, weshalb sie von einem eigenen Schiffsmotor träumen. Auch ihr Liebesleben leidet unter diesen Bedingungen. Kleine Techtelmechtel sind zwar drin, aber die Frau fürs Leben lernt man bei dieser Arbeit  nur schwer kennen.

Das erfahren sie erneut, als Willy kurz entschlossen in Brandenburg aussteigt, um bei einem Mädchen um die Hand anzuhalten. Er fordert auch Hendrik dazu auf, aber als sie feststellen, dass beide um die selbe Frau werben, die dazu noch Angebote vom Festland hat, entscheiden sie sich noch in der selben Nacht für ihren Kahn und einen eigenen Motor, für dessen Erwerb sie noch acht Jahre arbeiten müssen. Kurz danach beobachtet Hendrik eine junge Frau (Hannelore Schroth), die scheinbar von einer Brücke springen will, es aber dabei belässt, Geld hinab zu werfen. Er spricht sie darauf hin an. Erst wehrt sie sich gegen die Annäherung, aber dann steht sie plötzlich vor dem Schleppkahn und will von den beiden Männern mitgenommen werden...


In dem 1944 an Originalschauplätzen in Berlin und an der Havel gedrehten Film ist nichts von der damaligen Gegenwart zu erkennen - kein Krieg, keinerlei Zerstörungen und auch kein Nationalsozialismus in irgendeiner Form - und doch (oder vielleicht gerade deswegen) ist Käutners Werk eines der wenigen Beispiele für einen deutschen Film dieser Zeit, der von frappierender Modernität ist. Tendenzen des poetischen Realismus waren schon in seinen ersten Filmen zu erkennen, die Farbgestaltung seines Musikfilms "Große Freiheit Nr.7" (1944), dessen Aufführung durch die Nationalsozialisten verboten wurde, war von großer Reife, bevor er in "Unter den Brücken" seine kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder, mit denen er Gesichter, Landschaft und Maschinen einfing, auf qualitative Höhe zu den französischen und italienischen Vorbildern brachte.

Auch wenn die Ausleuchtung von Kränen, Hafenanlagen und besonders dem Gesicht von Anna (Hannelore Schroth) optisch mehr Nähe zu den französischen Regisseuren des "poetischen Realismus" aufweist, liegt der Vergleich zu Viscontis neorealistischem Film "Ossessione" (1942) von der Story her nah. In beiden Filmen wird eine Geschichte erzählt, die vordergründig nichts mit der Gegenwart in einer faschistischen Staatsform während des Krieges zu tun hatte und sich auf drei Protagonisten beschränkt - und die sich doch kritisch mit diesen Zuständen auseinander setzt. Während Visconti eine mörderische Geschichte um eine Frau zwischen zwei Männern erzählt, bleibt Käutner in dieser Konstellation leicht und komödiantisch. Die Story selbst ist nur das Vehikel zur Beobachtung des individuellen Lebens einfacher Menschen - ihrer Wohnungen, ihrer Arbeit, Sehnsüchte und Momente des Glücks oder Unglücks. Diese Reduzierung auf das Individuum widersprach der auf Größe und Gleichmachung der Massen zielenden faschistischen Propaganda.

Die Nähe zum italienischen Film erklärt sich auch durch Käutners Regie-Assistenten Rudolf Jugert, der sein Handwerk in Italien bei Alessandro Blasetti lernte, der mit „Quattro passi fra le nuvole“ (Lüge einer Sommernacht, 1942) als Wegbereiter des Neorealismus gilt. Jugert hatte seit Käutners erstem Film „Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) an dessen Seite gestanden und führte erstmals in „Film ohne Titel“ (1948) selbst Regie nach einem Drehbuch Käutners, bevor er in den 50er Jahren als Regisseur von Liebes- und Heimatfilmen („Der Meineidbauer“ 1956) bekannt wurde.

Doch während Visconti auch den Verfall von Häusern und Infrastruktur zeigte, ist Käutners Film von beinahe unwirklicher Schönheit. Größtenteils aus der Perspektive der Binnenschiffer Hendrik (Carl Raddatz) und Willy (Gustav Knuth) aufgenommen, bekommen Brücken, Hafenanlagen, Kräne und die Natur an der Havel in ihren Schattierungen einen an Gemälde erinnernden Gestus, der gleichzeitig Melancholie ausstrahlt, als wollte Käutner etwas mit der Kamera festhalten, was in der Realität schon zerstört war. Auch die Geschichte von Hendrik und Willy, die gerne eine feste Beziehung haben wollen, was ihnen als Eigner eines Schleppkahns durch die ständigen Ortswechsel erschwert wird, entbehrt der heutigen spaßigen Einseitigkeit ähnlicher Konstellationen.

Dabei fällt (und darin werden wieder Parallelen zu Viscontis "Ossessione" sichtbar) der offene und unverklemmte Umgang mit Sexualität auf, der nicht nur dem im Nationalsozialismus propagierten Frauenbild widersprach, sondern sich auch von den heutigen mit Promiskuität und sexuellen Kraftausdrücken angereicherten Komödien in seiner Natürlichkeit wohltuend abhebt. Ähnliches lässt sich von der Entwicklung der Gefühle sagen, die nicht durch konstruierte Storyabläufe erzeugt werden, sondern in ihrer sensiblen Darstellung nachvollziehbar bleiben. Darin befindet sich gleichzeitig ein Stück Tragik, denn wenn sich zwei Männer um eine Frau bemühen, dann muss es auch einen Verlierer geben...

"Unter den Brücken" ist ein Glücksfall - ein deutscher Film, der in seiner optischen Gestaltung und Story nicht nur im künstlerischen Sinne auf der Höhe seiner Zeit war, sondern bis heute in seiner Modernität überzeugen kann. Nicht nur angesichts seiner Entstehungszeit grenzt das an ein Wunder.

"Unter den Brücken" Deutschland 1944/45Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Leo de Laforgue, Darsteller : Carl Raddatz, Gustav Knuth, Hannelore Schroth, Hildegard Knef, Margarete Haagen, Laufzeit : 99 Minuten


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