Dienstag, 19. März 2013

Napoleon ist an allem schuld (1938) Curt Goetz


Inhalt: Lord Cavershott (Curt Goetz) ist ein begeisterter Napoleon-Forscher, dessen luxuriöser Lebensstil diesem Hobby untergeordnet ist. Dabei vernachlässigt er auch seine geliebte Gattin Josephine (Valerie von Martens), obwohl diese über den passenden Vornamen verfügt.

Selbstverständlich begibt er sich enthusiastisch zu einer Reise nach Paris, wo sich die Napoleonforscher zu einem Kongress treffen, um über wichtige historische Details zu diskutieren. Zudem findet die Premiere einer von Cavershott finanziell unterstützten Napoleon-Revue statt, die sich originell und freizügig dem Thema "Napoleon" nähert. Lange Zeit verfolgt er diese Aufführung mit Wohlwollen, bis es plötzlich zum Eklat kommt. Der Regisseur hatte in einer optischen Umsetzung gewagt, hinter dem großen "N" für Napoleon einen "Punkt" vorzusehen. Erbost verlässt er den Saal - bis er besagtes "Pünktchen" (Else von Möllendorff) persönlich kennenlernt...


Als Curt Goetz 1938 "Napoleon ist an allem schuld" drehte, kam das überraschend, da er sich im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte zu einem bekannten Theatermann in Deutschland entwickelt hatte, der mit seinem eigenen Ensemble die selbst verfassten Stücke meist vor ausverkauften Häusern spielte. Zwar hatte er seine schauspielerische Karriere schon in der Stummfilmzeit begonnen und 1922 auch Regie geführt, aber danach widmete er sich fast ausschließlich dem Theater.

Das sich die Nationalsozialisten um den beliebten Komödianten bemühten, lag nahe, aber Goetz konnte sich diesem Ansinnen erfolgreich entziehen, wobei ihm seine Schweizer Staatsbürgerschaft zu Hilfe kam, die er seinem früh verstorbenen Vater verdankte und die er zeitlebens behielt, obwohl er in Mainz geboren wurde und in Deutschland aufwuchs. Als er und seine Frau Valerie von Martens während eines USA-Aufenthaltes vom Beginn des 2.Weltkrieges überrascht wurden, kehrten sie nicht mehr nach Deutschland zurück. Kurze Zeit beteiligte sich Goetz an Drehbüchern für Hollywood-Produktionen, aber ihm gefiel die unpersönliche Machart nicht, weshalb er einen 5-Jahres-Vertrag ausschlug und sich lieber mit dem Hühnerzüchten beschäftigte. Um 1946 nach Europa - allerdings in die Schweiz - zurückzukehren.


Nach seiner Emigration war "Napoleon ist an allem schuld" von den Nationalsozialisten verboten worden. Trotz dieser Tatsache und seinem politisch integren Lebenswandel, galt Goetz lange Zeit vor allem als Mann des Boulevard, der zwar pointierte und witzige Dialoge schreiben konnte, aber dessen Komödien trotz gemäßigt kritischer Tendenzen, die vor allem den menschlichen Schwächen galten, einen harmlosen und entsprechend populären Ruf genossen. Selbst das Nazi-Verbot wirkte eher wie eine beleidigte Reaktion der Machthaber, mit der sie auf Goetz' Missachtung reagierten, als das er sie mit seinem Film ernsthaft verärgert hätte.

Diese Sichtweise war auch der Tatsache geschuldet, dass in Deutschland komödiantische und in ihrer Aussagekraft weniger direkte Werke - zumindest in ihrer gesellschaftskritischen Relevanz - nicht ernst genommen wurden und werden.
Während sich seine nach dem Krieg gedrehten Filme "Frauenarzt Dr. Prätorius" (1950) und "Das Haus in Montevideo" (1951) der bürgerlichen Doppelmoral immerhin noch kritisch-ironisch annahmen, schien ein Film wie "Napoleon ist an allem schuld" vordergründig wie eine alberne Spielerei - bar jeden realistischen Bezugs.


Die Geschichte vom englischen Lord Cavershott (Curt Goetz), dessen Reichtum ihm ein Leben erlaubt, in dem er sich ausschließlich seiner Leidenschaft für Napoleon widmen kann, scheint einer anderen Epoche entsprungen. Auch die Probleme, die er mit seiner Ehefrau Josephine (Valerie von Martens) hat, wirken wie die Bälgereien zwischen frisch Verliebten. Selbst sein Aufenthalt in Paris, wohin er sich wegen eines "Napoleon-Kongress" begibt, macht trotz der diplomatischen Aufgaben, die er für sein englisches Vaterland übernehmen soll, den Eindruck einer Ferienreise mit lauter verrückten, aber sympathischen Zeitgenossen. Die strengsten und deutlichsten Aussagen erfährt der Lord nur im Traum, wenn ihm Napoleon - meist recht erbost - dort erscheint.

Dabei liegt in dieser Figuren-Konstellation Goetz' eigentliche Genialität. Die Darstellung angesehener Würdenträger und Ehepaare aus besten Kreisen, die das Leben wie ein großes Spiel betrachten, war ein deutlicher Affront gegenüber einer sich selbst sehr ernst nehmenden Gesellschaftsschicht. Das gelang ohne Herabsetzung der Protagonisten, weil Goetz sie gleichzeitig ernst nahm. Lord Cavershott, sein bester Freund Lord Cunningham (Paul Henckels), die französischen Freunde - etwa Professor Meunier (Max Gülstorff) - und besonders Frau Josephine wirken bei aller Komik und ihren menschlichen Schwächen immer intelligent und fähig, was sich allein schon an den geschliffenen Dialogen zeigt.

Nicht die handelnden Personen werden der Lächerlichkeit preisgegeben - was den Nationalsozialisten bei der in Frankreich und England angesiedelten Handlung sicherlich gefallen hätte -, sondern die üblichen Objekte der Begierde : gesellschaftliches Ansehen und besonders der Militarismus, der selten so unverkrampft als unsinnige Spielerei entlarvt wurde. Natürlich verfällt Goetz nie in einen konkret anklagenden Ton, aber er leistet sich dafür eine Vielzahl von Freiheiten - die lässige Frivolität, die immer über dem Geschehen liegt, der Verzicht auf Konventionen, die greifbare körperliche Nähe unter Männern (so küsst der Lord seinen französischen Kollegen vor Begeisterung auf den Mund) und nicht zuletzt die emanzipierte Frauenrolle der Josephine.

Diese begreift ihr Verständnis für die Marotten ihres Mannes nicht als Unterordnung, sondern handelt im Gegenteil aus einer geistig und moralisch kompetenten Position heraus, die von ihrem Mann bewundert wird. Ein deutlicher Widerspruch zur damals von den Nationalsozialisten propagierten Frauenrolle. Dass das Ehepaar kinderlos ist und sich den Nachwuchs ganz unüblich, aber überzeugend gemeinschaftlich verschafft, betont noch Goetz' Intention. In Form einer temporeichen Komödie, der nie der Charakter einer Theateraufführung anhaftet, zeichnet er ein zutiefst humanistisches Menschenbild. 

"Napoleon ist an allem schuld" Zeitlosigkeit zu attestieren, ist noch zu schwach, angesichts der Modernität und Liberalität in der hier abgelieferten Sprache und Handlung. Natürlich haben die Respektlosigkeiten an Brisanz in der Gegenwart verloren und wer nur die Story als solche betrachtet, könnte leicht dem Irrtum verfallen, nur eine übliche altdeutsche Komödie anzusehen. Doch für diese Sichtweise bedarf es einer hohen Ignoranz gegenüber den geschliffenen Dialogen und der sehr genauen Charakterzeichnungen, die nie in Einseitigkeit oder gar Verunglimpfung verfallen.

"Napoleon ist an allem schuld" Deutschland 1938, Regie: Curt Goetz, Drehbuch: Curt Goetz, Karl Peter GillmannDarsteller : Curt Goetz, Valerie Von Martens, Else Von Möllendorf, Paul Henckels, Max GülstorffLaufzeit : 88 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Curt Goetz:

"Das Haus in Montevideo" (1951)

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