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Sonntag, 11. Oktober 2015

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (1954) Wolfgang Liebeneiner

Die alten Freunde Pittes (Heinz Rühmann) und Hannes (Hans Albers)
Inhalt: Hannes (Hans Albers) kommt an Bord eines Schiffes der Handelsmarine nach acht Jahren auf See wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Er will endgültig an Land bleiben und freut sich auf das Wiedersehen mit seinem alten Freund Pittes (Heinz Rühmann), der auf der Reeperbahn das „Hippodrom“ betreibt, ein Vergnügungslokal mit Pferdedressur-Vorführungen. Schon auf dem Weg dorthin erfährt er, dass sich das Etablissement inzwischen „Galopp-Diele“ nennt, nicht die einzige Veränderung der letzten Jahre, wie Hannes schnell feststellen muss.

Pittes mit Louise (Fita Benkhoff)
Der Geschmack der Besucher der Reeperbahn hat sich erheblich gewandelt, weshalb die „Galopp-Diele“ inzwischen ein tristes Dasein mit nur noch wenigen Gästen führt. Auch Hannes Animierkünste – er schnappt sich ein Akkordeon und gibt ein paar Lieder zum Besten – können nur kurz für Abhilfe sorgen. Doch es gibt auch erfreuliches festzustellen, denn Anni (Helga Franck), die Tochter seines Freundes, ist inzwischen zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen, und wäre genau die richtige Wahl für den alten Frauenhelden, um endlich sesshaft zu werden. Er ahnt nicht, zu welchen Komplikationen das führt…

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" wurde der dritte und letzte gemeinsame Film der großen Stars Hans Albers und Heinz Rühmann. Dass man damit nach dem Krieg wieder an alte Erfolge anknüpfen wollte, lag nah - nicht ohne Grund nannte man den Film nach dem Schlager, den Hans Albers in "Große Freiheit Nr.7" (1944) so trefflich sang und bis heute zu anhaltendem Ruhm verhalf. Albers gesamte Rolle lehnte sich an seinen 1944 im Käutner-Film gespielten Charakter an, nur weniger tíefgründig und ambivalent angelegt. Erneut konnte das Hamburger Urgestein unter dem Namen "Hannes" seinen Charme und seine Gesangsstimme spielen lassen. 

Rühmanns solide Rolle war dagegen frei erfunden und kam an den Esprit seines Partners nicht heran. Zumindest zur Entstehungszeit des Films, denn die Filmgeschichte änderte die damalige Gewichtung. Während der 1960 gestorbene Albers langsam in Vergessenheit geriet, mehrte Rühmann noch jahrzehntelang seinen Ruhm als Schauspieler. Die DVD-Veröffentlichungen des Films werben heute nur noch mit seinem Namen. Das änderte aber nichts an der Wirkung ihrer damaligen Rollen. Rolf Olsen besetzte in seinem gleichnamigen Remake von 1969 die Rolle des "Hannes" nicht ohne Grund mit Curd Jürgens, einem nicht weniger charismatischen Darsteller als Albers.


"Tausend Mädchen müssen her!" - "Tausend nackte Mädchen müssen her!" - "Aber nur schöne!“ – „Und die such‘ ich aus!"

Die schaumgebadete Marion (Sybil Werden)
Kein Dialog aus einem Erotik-Film der späten 60er Jahre, sondern von zwei der populärsten deutschen Filmstars - Heinz Rühmann und Hans Albers. 1954, zu einem Zeitpunkt, in dem noch strenge moralische Standards galten, konnte ein solches Gespräch nur vor dem Hintergrund der Reeperbahn stattfinden, der berühmt-berüchtigten "sündigsten Meile der Welt". Für den gebürtigen Hamburger Hans Albers vertrautes Terrain, das er schon in "Große Freiheit Nr.7" (1944) betrat, in dem er als "Singender Seemann" auf der Bühne stand und den aus den 20er Jahren stammenden Schlager "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" zu andauernder Berühmtheit brachte. Nicht zufällig wurde dieser zum Namensgeber für einen erneuten St.Pauli-Film, in dem Albers wieder als "Hannes" seinen Charme, seine Sangeskunst und nicht zuletzt seine Schlagfertigkeit spielen lassen konnte.

"Große Freiheit" St.Pauli 1954
Doch anders als unter Helmut Käutners Regie im kurz vor dem Kriegsende entstandenen Vorgänger war Albers hier nicht der alles beherrschende Star, sondern bekam noch Heinz Rühmann zur Seite gestellt. Eine zuvor nur in "Bomben auf Cassino" (1931) und "Der Mann, der Sherlock Holmes war" (1937) praktizierte Kombination, die hier dem Versuch der beiden Mimen geschuldet war, ihre nach dem Kriegsende ins Stocken geratenen Karrieren wieder in Schwung zu bringen – eine Kalkulation, die aufging. Für Hans Albers blieben die 50er Jahre bis zu seinem Tod 1960 auf gleichbleibend gutem Niveau und für den elf Jahre jüngeren Heinz Rühmann, der im Jahr zuvor schon mit „Briefträger Müller“ (1953) aus dem Loch der Nachkriegsjahre herausgekommen war, bedeutete „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ eine weitere Forcierung seiner kommenden Erfolgsjahre (siehe dazu das „Heinz-Rühmann Porträt“). Eine Kalkulation, die auch der Story anzumerken war, die sich nicht nur bei „Große Freiheit Nr.7“ bediente, sondern ganz auf die Charaktere seiner beiden Hauptdarsteller zugeschnitten war.

Hannes will in Hamburg sesshaft werden
Hannes Wedderkamp (Hans Albers) kehrt nach acht Jahren auf See wieder nach St.Pauli zurück, um endlich sesshaft zu werden. Sein Weg führt ihn auf die Reeperbahn ins „Hippodrom“, das sein bester Freund Pittes Breuer (Heinz Rühmann) seit vielen Jahren leitet, inzwischen aber in „Galopp-Diele“ umbenannt wurde. Doch auch der zeitgemäßere Name half nicht, denn mit Pferdekunststückchen lassen sich auf der Reeperbahn der 50er Jahre keine Gäste mehr anlocken, so sehr sich Pittes auch als Animateur bemüht – einzig „Sex sells“. Statt Umsatz lauert nur der Gerichtsvollzieher, der die geliebten Pferde zur Schlachtbank führen will. Dagegen kann auch Hannes nichts ausrichten, auch wenn er sich wie einst das Schifferklavier schnappt, um mit schmissigen Liedern das Publikum anzulocken. Mit seinen Auftritten sorgte er in „Große Freiheit Nr.7“ noch für Furore, hier will Hannes seinem Freund das notwendige Geld leihen, um mit neuer Einrichtung eine moderne Revue auf die Beine stellen zu können.

Pittes mit Tochter Anni (Helga Franck)
Die vorhersehbare Story lebt vom Gegensatz Albers/Rühmann. Hannes und Pittes sind vor vielen Jahren gemeinsam zur See gefahren, auch wenn davon in der Gegenwart nur noch wenig zu spüren ist. Während Albers gewohnt überzeugend den Weltenbummler gab, der gegenüber jeder Frau seinen Charme spielen lässt, verkörperte Rühmann den soliden Familienvater, dem nach dem frühen Tod seiner Frau vor allem das Wohlergehen seiner inzwischen erwachsenen Tochter Anni (Helga Franck) am Herzen liegt. Mit Louise (Fita Benkhoff) lebt noch eine gleichaltrige Frau in Pittes‘ Haushalt, deren Charakter komplett konstruiert wirkt. Beider Verhalten entsprach ganz dem Klischee eines alten Ehepaars – sie kontrolliert ihn, er sucht sich Freiräume, körperliche Nähe Fehlanzeige – ohne aber verheiratet zu sein, da Pittes dazu keine Lust verspürt. Der Gedanke dahinter lag nah, denn keine weitere Person durfte das emotionale Dreieck Pittes, Hannes und Tochter Anni stören, das hier für die Dramatik sorgen sollte.

Hannes kümmert sich um das Liebespaar Anni und Jürgen (Jürgen Graf)
Denn wie sich schnell herausstellt ist Anni die leibliche Tochter von Hannes. Während der Hallodri auf den Weltmeeren unterwegs war, hatte der brave Pittes dessen schwangere Freundin geheiratet, um das Kind zu legitimieren. Pittes, der nur für sein Adoptivkind lebt, hat Angst, seinem alten Freund die Wahrheit zu sagen, da er befürchtet, dass er sie ihm daraufhin wegnimmt. Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, als er den Eindruck bekommt, dass der Frauenheld ausgerechnet Anni als Zukünftige ins Auge fasst. Wie zu erwarten kommt es zum Bruch zwischen den Freunden, aber nichts daran wirkt authentisch. Hannes betont zwar wiederholt, dass Annis Mutter seine einzige große Liebe war. Trotzdem hatte es ihn damals nicht gestört, dass sein bester Freund Pittes sie in seiner Abwesenheit geheiratet hatte, ohne dass er die nachvollziehbaren Gründe dafür kannte.

Pittes gerät in Schwierigkeiten
An einem echten Konflikt war die zwischen Komödie und leichtem Drama angelegte Story nicht interessiert, wie auch an den weiteren dramaturgischen Elementen deutlich wird. Die Gefahr einer Beziehung von Anni zu Hannes wird nicht ernsthaft erwogen, da die junge Frau ihren Chef (Jürgen Graf) liebt, Sohn des reichen Reeders Brandstetter (Gustav Knuth). Dieser steht der aus seiner Sicht nicht standesgemäßen Verbindung ablehnend gegenüber – eine Haltung die angesichts des sympathischen Gustav Knuth kaum Bestand haben durfte. Noch aufgesetzter wirkt die Kriminalstory um ein paar lichtscheue Gesellen (darunter Wolfgang Neuss als wenig tough auftretender Bandit), die verbotenerweise Ladung aus gesunkenen Kriegsschiffen stehlen wollen. Vielleicht konnte man Mitte der 50er Jahre noch etwas Thrill mit dem Modell eines versunkenen U-Boots und einer brennenden Zündschnur erzeugen, aber darüber hinaus hatte die Chose nur den Zweck, die Freunde wieder miteinander zu versöhnen.

Spaß auf der Reeperbahn
Wirklich von Bedeutung war das nicht, entscheidend blieb der Handlungsort St.Pauli Reeperbahn sowohl als klar definierte Heimat, als auch als außergewöhnlich freizügiger Lebensraum. Helmut Käutner setzte sich in „Große Freiheit Nr.7“ über die damals verordnete Moral hinweg, beschrieb Prostitution und außerehelichen Geschlechtsverkehr als Normalität in einem ernsthaften Kontext. Regisseur Wolfgang Liebeneiner, während der NSDAP-Diktatur eng mit dem Propaganda-Ministerium verbunden („Die Entlassung“, 1942), nach 1945 auch Verfechter engagierter („Liebe ‘47“, 1949) und satirischer Filme („1.April 2000“, 1950), verlieh „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ mehr einen komödiantischen Gestus, nutzte aber auch den moralischen Freiraum. Nicht in jeder Hinsicht – Anni ist ein Vorbild an anständiger Tochter und abschließend heiratet Pittes auch die geduldige Louise – aber so weit, dass der Spaß und die Lebenslust immer im Vordergrund bleiben. Rühmann und Knuth lassen es in den „Bumslokalen“ richtig krachen und Hannes teilt zeitweise das Bett mit der Tänzerin Marion (Sybil Werden). Für Hannes natürlich keine dauerhafte Beziehung, denn die hat er nur mit dem Meer – darin ähnelte Liebeneiners Film wieder dem Käutnerschen Vorbild.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" Deutschland 1954, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Gustav Kampendonck, Curt J.Braun, Darsteller : Hans Albers, Heinz Rühmann, Fita Benkhoff, Gustav Knuth, Helga Franck, Sybil Werden, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Montag, 9. September 2013

Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937) Karl Hartl

Inhalt: Mitten in der Nacht stehen zwei Männer auf den Gleisen und halten den Express-Zug nach Paris an, um auf offener Strecke einzusteigen. Dieser ungeheure Vorgang wäre normalerweise unverzeihlich, aber das selbstbewusste Auftreten des Mannes mit Pfeife und im Karo-Mantel, der sich in Begleitung eines Mannes befindet, bei dem es sich offensichtlich um einen Doktor handelt, kann nur der berühmte Sherlock Holmes sein – eine Meinung, die auch zwei verdächtige Gestalten teilen, um bei der ersten Gelegenheit das Weite zu suchen.

Eine ideale Ausgangssituation für die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die ihr letztes Geld für das Sherlock-Holmes-Outfit ausgegeben hatten, denn so können sie gleich deren Abteil und Gepäck übernehmen, und lernen zudem die Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck) kennen, die mit den beiden verschwundenen Herren verabredet waren. Sie befinden sich auf dem Weg zum Haus ihres verstorbenen Onkels, dessen Vermögen sie geerbt haben. Flint und McPherson haben anderes im Sinn und begeben sich in Paris sofort ins beste Hotel am Platze, denn nur wer groß einsteigt, wird von möglichen Auftraggebern auch ernst genommen – so zumindest die Theorie…


Angesichts der vielen Filme, in denen Heinz Rühmann und Hans Albers ab den 30er Jahren bis zu Albers' Tod 1960 mitwirkten, überrascht es vordergründig, dass sie in dieser Zeit nur dreimal gemeinsam auftraten - früh in "Bomben auf Monte Carlo" (1931) und noch einmal 1954 in "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins". Von diesen drei Filmen verfügt nur "Der Mann, der Sherlock Holmes war" über einen spannungsreichen Hintergrund, der sich sowohl auf die Qualität des Films positiv auswirkte, als auch begründete, warum es zu kaum einer weiteren Zusammenarbeit kam. Zum Entstehungszeitpunkt von "Bomben auf Monte Carlo" war die Rollenverteilung noch eindeutig - Hans Albers war schon ein großer Filmstar, während Heinz Rühmann noch am Beginn seiner Karriere stand - und der Dreh zu "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" basierte Mitte der 50er Jahre auf dem Konsens beider Mimen, wieder an alte Erfolge anknüpfen zu wollen, womit ein Patt zwischen ihren Rollen entstand.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" wurde dagegen zu beider Hochphase als große Filmstars gedreht, weshalb die nachvollziehbare Besetzung - Hans Albers als selbstbewusst auftretender, jede Situation beherrschender Sherlock Holmes, Heinz Rühmann als vorsichtiger, den Meister loyal unterstützender Dr. Watson - automatisch Konfliktpotential beinhaltete. Ein ähnliches Gleichgewicht bestand auch hinter der Kamera, denn Regisseur und Autor Karl Hartl war ein Spezialist für dramatische und fantastische Filme, in denen Hans Albers schon zweimal die Hauptrolle gespielt hatte ("F.P.1 antwortet nicht" (1932) und "Gold" (1934)), während Co-Autor Robert A. Stemmle komödiantische Stoffe bevorzugte und unter anderen für die Rühmann-Filme "So ein Flegel" (1934) und "Heinz im Mond" (1936) verantwortlich war. Im Nachhinein lässt sich diese Konstellation - so schwierig sie in der Praxis gewesen sein mag - nur als Glücksfall betrachten, denn sie verband nicht nur geschickt Kriminalfilm mit Komödie, sondern nahm den jeweiligen Charakter-Typen der beiden Stars, dank deren gegensätzlichen Spiels, ihre sonst übliche Einseitigkeit.

Zudem entzogen sich Hartl und Stemmle vollständig dem nationalsozialistischen Gedankengut, indem sie schon bei der ersten Einblendung deutlich werden ließen, welche Vorbilder sie für ihren Film nahmen - die fantasievollen, reich bebilderten Romanhefte über die Abenteuer von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Zwar ist die Handlung zur Zeit der Weltausstellung in Paris 1937 angesiedelt, aber darüber hinaus hält sich der Film nicht lange mit Realitäten auf. Munter mischt er die Nationalitäten, ohne auf Sprachbarrieren oder Stereotypen zu achten. Im Gegenteil agieren Albers und Rühmann auch als britische Bürger wie gewohnt und die Pariser Behörde wirkt in ihrer Unfähigkeit und ihrem Hierarchiedenken wie eine Parodie auf das deutsche Beamtentum. Besonders mit der einzig eindeutig deutschen Figur Erwin Wutzke (Lothar Geist), ein naseweiser Junge aus Berlin, der zu Fuß zur Pariser Weltausstellung gegangen ist und natürlich sofort als Einziger sieht, dass es sich bei den seltenen Mauritius-Marken um Fälschungen handelt - schließlich besitzt er eine eigene Briefmarkensammlung - gelang eine äußerst witzige Persiflage auf nervige Besserwisser.

Entsprechend ungebremst entfaltet sich ein Geschehen, dass quasi ohne Vorgeschichte auskommt. Gleich zu Beginn stoppen Albers und Rühmann auf den Gleisen stehend den Zug Richtung Paris, um als Sherlock Holmes und Dr. Watson die Verbrecher in Angst und Schrecken zu versetzen. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um die beiden englischen Detektive Morris Flint (Hans Albers) und Macky McPherson (Heinz Rühmann), die sich nur rollengerecht verkleidet haben, aber das Spiel mit der doppelten Identität besitzt hier noch mehr Ebenen. Einerseits agieren Albers und Rühmann als Hochstapler in gewohnter Form - der Eine ohne Rücksicht auf Verluste, der Andere schüchtern und schuldbewusst, was sich wunderbar in dem stimmig integrierten Badezimmer-Duett "Jawoll, meine Herr'n!" verbindet - andererseits nehmen sie ihre Rollen als Holmes und Watson ernst, woraus sich ein klassischer Kriminalfall entwickelt, um am Ende in einer absurden Gerichtsszene zu enden, in der auch Sherlock Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle (Paul Bildt) eine wichtige Rolle spielt.


Bei "Der Mann, der Sherlock Holmes war" gelang das seltene Kunststück, die Qualitäten zweier unterschiedlicher Darsteller kongenial zu einem Geschehen zu verbinden, dass dank seines Tempos, seiner Einfälle und witzigen Dialoge, sowie der lässigen filmischen Umsetzung bis heute nichts von seinem unterhaltenden Charakter verloren hat. Selbst die beiden braven Schwestern Mary (Marieluise Claudius) und Jane Berry (Hansi Knoteck), die als gleichwertig besetztes Love-Interest für die beiden Protagonisten eher blass blieben - im Gegensatz zur mondänen Madame Ganymare (Hilde Weissner), die als selbstbewusst auftretende Frau nur zur Verbrecherbande gehören konnte - können den guten Gesamteindruck eines Films nicht schwächen, der für seine Entstehungszeit, aber auch im Gesamtwerk der beiden Filmstars Heinz Rühmann und Hans Albers einen hohen Stellenwert einnimmt.

"Der Mann, der Sherlock Holmes war" Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl, Drehbuch: Karl Hartl, Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Hans Albers, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde WeissnerLaufzeit : 106 Minuten 

Freitag, 31. Mai 2013

Große Freiheit Nr.7 (1944) Helmut Käutner

Inhalt: Die Padua, das Schiff auf dem Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) als Seeleute arbeiten, hat endlich wieder im Hamburger Hafen angelegt. Sie freuen sich Hannes (Hans Albers) wieder zu sehen, der als „Singender Seemann“ in der „Großen Freiheit“ auf der Reeperbahn auftritt. Nach vielen Jahren gemeinsamer Seefahrt hatte Hannes sich entschlossen an Land zu bleiben, da ihn sein Bruder um viel Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance nahm, eine Ausbildung zu finanzieren, um nicht nur als einfacher Matrose zur See fahren zu können.

Doch trotz seines Erfolges auf der Reeperbahn ist er nicht glücklich, weshalb er nur unwillig zu seinem Bruder geht, als dieser ihn an sein Sterbebett ruft. Wiederholt macht er ihm Vorwürfe für das, was er ihm angetan hat, aber sein Bruder denkt nur an Gisa (Ilse Werner), seine frühere Geliebte, um die er sich nicht mehr gekümmert hatte. Er bittet Hannes, zu Gisa aufs Land zu fahren, wo sie bei ihrer Mutter auf dem Bauernhof arbeitet. Als er kurz darauf stirbt, kann Hannes trotz seines Grolls nicht anders, als seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Gisa leidet unter den ständigen Vorwürfen ihrer Mutter, sich unverheiratet auf einen Mann eingelassen zu haben. Sie hält auch Hannes für unmoralisch, was dieser energisch von sich weist, aber er bietet Gisa an, mit ihm nach Hamburg zu kommen, wo er für sie sorgen wird. Erst zögert sie, aber nach erneuten Anschuldigungen ihrer Mutter entschließt sie sich, Hannes zu begleiten...


Obwohl Helmut Käutner 1943 wegen „Romanze in Moll“ mit dem Propaganda-Ministerium in Konflikt geraten war, da der melodramatische Film zu sehr einen individuellen Lebensentwurf herausstrich, durfte er mit „Große Freiheit Nr.7“ den ersten Agfa-Farbfilm der Terra - Filmgesellschaft drehen, der mit Hans Albers in der Hauptrolle als Würdigung der deutschen Handelsmarine gedacht war. Dazu gab es klare Vorgaben seitens des Ministeriums. Im Film durfte nichts auf den fortgeschrittenen Krieg hinweisen, sondern sollte eine positive Grundstimmung vorherrschen, um das Volk bei Laune zu halten. Um gegen diese Richtlinien nicht zu verstoßen, setzten in dieser Phase viele Regisseure auf historische oder fantastische Geschichten wie „Münchhausen“ (1943) unter der Regie von Josef von Báky, in dem Hans Albers die Titelrolle übernommen hatte. Auch die Gattung des Musikfilms galt als unverfänglich – ein Genre, das Regisseur Käutner vertraut war. Mit „Wir machen Musik“ hatte er zuletzt 1942 einen erfolgreichen Vertreter auf die Leinwand gebracht - mit Ilse Werner an der Seite von Marika Rökk.

Entsprechend versprach auch "Die große Freiheit Nr.7" eine mit vielen populären Nummern gespickte Musikrevue (unter anderen „La Paloma“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“) zu werden, mit dem "Blonden Hans" Albers und Ilse Werner in den Hauptrollen und populären Komödianten wie Gustav Knuth und Günther Lüders in Nebenrollen. Dank nur weniger Aufnahmen im Hamburger Hafen – der größte Teil der Dreharbeiten fand in Prag statt – konnte Käutner Hinweise auf den Krieg vermeiden, verzichtete aber auch sonst auf jeden konkreten Bezug zur politischen Realität, obwohl die Handlung in der damaligen Gegenwart stattfand. Doch dieser äußerliche Anschein täuschte, denn Helmut Käutner nutzte die abwechslungsreiche Geschichte um Liebe, Reeperbahn und die Sehnsucht nach dem Meer, um ein authentisches Zeitbild zu schaffen, geprägt von nachvollziehbaren menschlichen Emotionen. Schon der geplante Titel „Große Freiheit“ stieß im Propagandaministerium auf Ablehnung, weshalb der mögliche Symbolcharakter mit der Hinzufügung der Hausnummer 7 abgeschwächt werden musste. Trotzdem fand Käutners Film keine Gnade vor den Augen Joseph Goebbels, dem die Handlung zu schwermütig und pessimistisch angelegt war, weshalb der Film nicht zur Aufführung kam. Selbst nach dem Krieg wurde „Große Freiheit Nr.7“ nicht empfohlen, da die Handlungsweise der Protagonisten als moralisch verwerflich galt.

Zwar beginnt der Film humorvoll, wenn sich die beiden Hamburger Seeleute Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) vor dem Landgang mit einem Kölner Kollegen über die Qualitäten ihrer jeweiligen Heimatstädte in die Haare kommen, aber schon als sie ihren alten Freund Hannes (Hans Albers) im Lokal „Große Freiheit Nr.7“ zu besuchen, wo er jeden Abend als „Singender Seemann“ auftritt, wird Wehmut spürbar. Hannes war lange Zeit gemeinsam mit Fiete und Jens auf dem Viermast-Schoner „Padua“ über die Meere gesegelt, bevor er sich entschieden hatte, an Land zu bleiben. Obwohl ihm die Herzen bei seinen Auftritten zufliegen, ist der eingefleischte Seemann Hannes mit seinem Job auf der Reeperbahn unglücklich, den er hatte annehmen müssen, weil ihn sein Bruder mehrfach um sein Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance genommen wurde, eine Ausbildung auf See zu machen. Doch trotz seiner stattlichen Erscheinung bleibt er gutmütig bis zur Naivität, weshalb er gegen seine ursprüngliche Absicht auch den letzten Wunsch seines Bruders erfüllt und ihm auf dessen Sterbebett verspricht, sich um dessen ehemalige Geliebte Gisa (Ilse Werner) zu kümmern.

Diese lebt weit von Hamburg entfernt wieder bei ihrer Mutter auf einem Bauernhof, wo sie nach dem Tod des Vaters tatkräftig mitarbeiten muss. In wenigen Szenen schildert Käutner, welchen Anfeindungen sie in der ländlichen Gegend ausgesetzt ist, da sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten hatte. Sogar ihre Mutter schämt sich für sie, weshalb Hannes nicht viele Worte braucht, um sie dazu zu überreden, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Käutner versucht gar nicht erst, Gisas Handlungsweise zu relativieren, sondern schildert sie als junge Frau, die ein Faible für direkt und frech daher kommende Kerle hat, ohne deshalb ihren Anstand in Frage zu stellen. Auch bei Hannes hinterlässt die hübsche Gisa einen großen Eindruck, weshalb er sich gerne um sie kümmert und sie zu sich in seine Wohnung nimmt, obwohl sich die Leute schnell das Maul darüber zerreißen.

Doch es ist seine Figur, die das kommende Missverständnis erst herauf beschwört. Während sie einfach ihre Emotionen lebt, kann er nicht aus seiner Haut. Weder erkennt er, dass er nicht Gisas Typ ist, noch dass ihn Anita (Hilde Hildebrand), die Chefin der „Großen Freiheit“, liebt. Käutner macht kein Geheimnis daraus, dass auch hier die Gesetze der Reeperbahn gelten. Ganz offensichtlich machen sich die Mädchen an die Matrosen heran, um Geld zu verdienen. Aus heutiger Sicht wirkt die damalige Anmache fast romantisch, aber das ist nur der veränderten Sichtweise auf die Sexualität geschuldet. Zudem spielt Günther Lüders den verprellten Seemann Jens auch in seinem Unglück mit einer gewissen Komik, was seine Enttäuschung etwas abschwächt. Hannes singt zwar dort, sieht sich aber moralisch über seiner Umgebung stehend, weshalb Anita für ihn nicht als „ernste“ Beziehung in Frage kommt. Stattdessen verbietet er Gisa, die sich seine Auftritte ansehen will, dorthin zu gehen, weil sich das für ein anständiges Mädchen nicht gehört. Dabei hätte das seine Chancen bei ihr wahrscheinlich erhöht, denn als Sänger ist er charmant und lässig, während er sonst versucht, besonders solide aufzutreten. Gisa lernt dagegen mit Willem (Hans Söhnker) genau den Typen kennen, auf den sie steht, obwohl es offensichtlich ist, dass er den Umgang mit Frauen gewöhnt ist.

Käutner schert sich in „Große Freiheit Nr.7“ weder um die Erwartungshaltung des Publikums, noch um irgendeine ausgleichende Gerechtigkeit, die es in der Realität nicht gibt. Gisa lebt ihre Emotionen, unabhängig von pragmatischen Erwägungen und trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit Hannes’ Bruder, auch Willem, der stolz ist, kein Seemann zu sein, sondern bei Blohm & Voss arbeitet, will nicht auf seinen Spaß verzichten – an ihnen verdeutlicht Käutner, dass Unvernunft keine Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, sondern dank der gepredigten Moralvorstellungen damals nicht existieren durfte. Am ehrlichsten und zuverlässigsten ist Anita, aber sie kann die Vorurteile nicht überwinden und wird zur tragischen Figur des Films. Vordergründig scheint Hannes’ Tragik größer, da er von Gisa zurückgewiesen wird, aber letztlich bleibt seine Braut die See. Er musste an Land scheitern, da er die dortigen Regeln nicht verstand. Den Seeleuten der Handelsmarine mit Hannes an der Spitze gehören die Sympathien, aber der Film lässt auch deutlich werden, dass sie vor echter Verantwortung an Land damit auch fliehen.

Käutner nutzte den Agfa-Film, um mit satten Farben und starken hell/dunkel Kontrasten seine am poetischen Realismus orientierte Bildsprache fortzuführen, wie er sie zuvor in seinen Schwarz/Weiß Filmen schon entwickelt hatte und in seinem folgenden Film „Unter den Brücken“ zur Meisterschaft führen sollte. Auch thematisch bleibt er dem Realismus nah, schildert das Leben in Hamburg lakonisch und ohne seine Figuren zu bewerten. Wie in Hannes melancholischen Liedern ist das Dasein eine Abfolge von Glück und Trauer, ohne Garantien auf irgendein Gelingen – eine der nationalsozialistischen Ideologie gänzlich widersprechende Sichtweise. „Große Freiheit Nr. 7“ hat sich seine Zeitlosigkeit nicht nur wegen seiner unvergesslichen Lieder und Hans Albers eindrucksvollem Spiel bis heute bewahrt.

"Große Freiheit Nr. 7" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Richard Nicolas, Darsteller : Hans Albers, Ilse Werner, Hans Söhnker, Hilde Hildebrand, Gustav Knuth, Günther Lüders, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner: