Freitag, 31. Mai 2013

Große Freiheit Nr.7 (1944) Helmut Käutner

Inhalt: Die Padua, das Schiff auf dem Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) als Seeleute arbeiten, hat endlich wieder im Hamburger Hafen angelegt. Sie freuen sich Hannes (Hans Albers) wieder zu sehen, der als „Singender Seemann“ in der „Großen Freiheit“ auf der Reeperbahn auftritt. Nach vielen Jahren gemeinsamer Seefahrt hatte Hannes sich entschlossen an Land zu bleiben, da ihn sein Bruder um viel Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance nahm, eine Ausbildung zu finanzieren, um nicht nur als einfacher Matrose zur See fahren zu können.

Doch trotz seines Erfolges auf der Reeperbahn ist er nicht glücklich, weshalb er nur unwillig zu seinem Bruder geht, als dieser ihn an sein Sterbebett ruft. Wiederholt macht er ihm Vorwürfe für das, was er ihm angetan hat, aber sein Bruder denkt nur an Gisa (Ilse Werner), seine frühere Geliebte, um die er sich nicht mehr gekümmert hatte. Er bittet Hannes, zu Gisa aufs Land zu fahren, wo sie bei ihrer Mutter auf dem Bauernhof arbeitet. Als er kurz darauf stirbt, kann Hannes trotz seines Grolls nicht anders, als seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Gisa leidet unter den ständigen Vorwürfen ihrer Mutter, sich unverheiratet auf einen Mann eingelassen zu haben. Sie hält auch Hannes für unmoralisch, was dieser energisch von sich weist, aber er bietet Gisa an, mit ihm nach Hamburg zu kommen, wo er für sie sorgen wird. Erst zögert sie, aber nach erneuten Anschuldigungen ihrer Mutter entschließt sie sich, Hannes zu begleiten...


Obwohl Helmut Käutner 1943 wegen „Romanze in Moll“ mit dem Propaganda-Ministerium in Konflikt geraten war, da der melodramatische Film zu sehr einen individuellen Lebensentwurf herausstrich, durfte er mit „Große Freiheit Nr.7“ den ersten Agfa-Farbfilm der Terra - Filmgesellschaft drehen, der mit Hans Albers in der Hauptrolle als Würdigung der deutschen Handelsmarine gedacht war. Dazu gab es klare Vorgaben seitens des Ministeriums. Im Film durfte nichts auf den fortgeschrittenen Krieg hinweisen, sondern sollte eine positive Grundstimmung vorherrschen, um das Volk bei Laune zu halten. Um gegen diese Richtlinien nicht zu verstoßen, setzten in dieser Phase viele Regisseure auf historische oder fantastische Geschichten wie „Münchhausen“ (1943) unter der Regie von Josef von Báky, in dem Hans Albers die Titelrolle übernommen hatte. Auch die Gattung des Musikfilms galt als unverfänglich – ein Genre, das Regisseur Käutner vertraut war. Mit „Wir machen Musik“ hatte er zuletzt 1942 einen erfolgreichen Vertreter auf die Leinwand gebracht - mit Ilse Werner an der Seite von Marika Rökk.

Entsprechend versprach auch "Die große Freiheit Nr.7" eine mit vielen populären Nummern gespickte Musikrevue (unter anderen „La Paloma“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“) zu werden, mit dem "Blonden Hans" Albers und Ilse Werner in den Hauptrollen und populären Komödianten wie Gustav Knuth und Günther Lüders in Nebenrollen. Dank nur weniger Aufnahmen im Hamburger Hafen – der größte Teil der Dreharbeiten fand in Prag statt – konnte Käutner Hinweise auf den Krieg vermeiden, verzichtete aber auch sonst auf jeden konkreten Bezug zur politischen Realität, obwohl die Handlung in der damaligen Gegenwart stattfand. Doch dieser äußerliche Anschein täuschte, denn Helmut Käutner nutzte die abwechslungsreiche Geschichte um Liebe, Reeperbahn und die Sehnsucht nach dem Meer, um ein authentisches Zeitbild zu schaffen, geprägt von nachvollziehbaren menschlichen Emotionen. Schon der geplante Titel „Große Freiheit“ stieß im Propagandaministerium auf Ablehnung, weshalb der mögliche Symbolcharakter mit der Hinzufügung der Hausnummer 7 abgeschwächt werden musste. Trotzdem fand Käutners Film keine Gnade vor den Augen Joseph Goebbels, dem die Handlung zu schwermütig und pessimistisch angelegt war, weshalb der Film nicht zur Aufführung kam. Selbst nach dem Krieg wurde „Große Freiheit Nr.7“ nicht empfohlen, da die Handlungsweise der Protagonisten als moralisch verwerflich galt.

Zwar beginnt der Film humorvoll, wenn sich die beiden Hamburger Seeleute Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) vor dem Landgang mit einem Kölner Kollegen über die Qualitäten ihrer jeweiligen Heimatstädte in die Haare kommen, aber schon als sie ihren alten Freund Hannes (Hans Albers) im Lokal „Große Freiheit Nr.7“ zu besuchen, wo er jeden Abend als „Singender Seemann“ auftritt, wird Wehmut spürbar. Hannes war lange Zeit gemeinsam mit Fiete und Jens auf dem Viermast-Schoner „Padua“ über die Meere gesegelt, bevor er sich entschieden hatte, an Land zu bleiben. Obwohl ihm die Herzen bei seinen Auftritten zufliegen, ist der eingefleischte Seemann Hannes mit seinem Job auf der Reeperbahn unglücklich, den er hatte annehmen müssen, weil ihn sein Bruder mehrfach um sein Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance genommen wurde, eine Ausbildung auf See zu machen. Doch trotz seiner stattlichen Erscheinung bleibt er gutmütig bis zur Naivität, weshalb er gegen seine ursprüngliche Absicht auch den letzten Wunsch seines Bruders erfüllt und ihm auf dessen Sterbebett verspricht, sich um dessen ehemalige Geliebte Gisa (Ilse Werner) zu kümmern.

Diese lebt weit von Hamburg entfernt wieder bei ihrer Mutter auf einem Bauernhof, wo sie nach dem Tod des Vaters tatkräftig mitarbeiten muss. In wenigen Szenen schildert Käutner, welchen Anfeindungen sie in der ländlichen Gegend ausgesetzt ist, da sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten hatte. Sogar ihre Mutter schämt sich für sie, weshalb Hannes nicht viele Worte braucht, um sie dazu zu überreden, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Käutner versucht gar nicht erst, Gisas Handlungsweise zu relativieren, sondern schildert sie als junge Frau, die ein Faible für direkt und frech daher kommende Kerle hat, ohne deshalb ihren Anstand in Frage zu stellen. Auch bei Hannes hinterlässt die hübsche Gisa einen großen Eindruck, weshalb er sich gerne um sie kümmert und sie zu sich in seine Wohnung nimmt, obwohl sich die Leute schnell das Maul darüber zerreißen.

Doch es ist seine Figur, die das kommende Missverständnis erst herauf beschwört. Während sie einfach ihre Emotionen lebt, kann er nicht aus seiner Haut. Weder erkennt er, dass er nicht Gisas Typ ist, noch dass ihn Anita (Hilde Hildebrand), die Chefin der „Großen Freiheit“, liebt. Käutner macht kein Geheimnis daraus, dass auch hier die Gesetze der Reeperbahn gelten. Ganz offensichtlich machen sich die Mädchen an die Matrosen heran, um Geld zu verdienen. Aus heutiger Sicht wirkt die damalige Anmache fast romantisch, aber das ist nur der veränderten Sichtweise auf die Sexualität geschuldet. Zudem spielt Günther Lüders den verprellten Seemann Jens auch in seinem Unglück mit einer gewissen Komik, was seine Enttäuschung etwas abschwächt. Hannes singt zwar dort, sieht sich aber moralisch über seiner Umgebung stehend, weshalb Anita für ihn nicht als „ernste“ Beziehung in Frage kommt. Stattdessen verbietet er Gisa, die sich seine Auftritte ansehen will, dorthin zu gehen, weil sich das für ein anständiges Mädchen nicht gehört. Dabei hätte das seine Chancen bei ihr wahrscheinlich erhöht, denn als Sänger ist er charmant und lässig, während er sonst versucht, besonders solide aufzutreten. Gisa lernt dagegen mit Willem (Hans Söhnker) genau den Typen kennen, auf den sie steht, obwohl es offensichtlich ist, dass er den Umgang mit Frauen gewöhnt ist.

Käutner schert sich in „Große Freiheit Nr.7“ weder um die Erwartungshaltung des Publikums, noch um irgendeine ausgleichende Gerechtigkeit, die es in der Realität nicht gibt. Gisa lebt ihre Emotionen, unabhängig von pragmatischen Erwägungen und trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit Hannes’ Bruder, auch Willem, der stolz ist, kein Seemann zu sein, sondern bei Blohm & Voss arbeitet, will nicht auf seinen Spaß verzichten – an ihnen verdeutlicht Käutner, dass Unvernunft keine Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, sondern dank der gepredigten Moralvorstellungen damals nicht existieren durfte. Am ehrlichsten und zuverlässigsten ist Anita, aber sie kann die Vorurteile nicht überwinden und wird zur tragischen Figur des Films. Vordergründig scheint Hannes’ Tragik größer, da er von Gisa zurückgewiesen wird, aber letztlich bleibt seine Braut die See. Er musste an Land scheitern, da er die dortigen Regeln nicht verstand. Den Seeleuten der Handelsmarine mit Hannes an der Spitze gehören die Sympathien, aber der Film lässt auch deutlich werden, dass sie vor echter Verantwortung an Land damit auch fliehen.

Käutner nutzte den Agfa-Film, um mit satten Farben und starken hell/dunkel Kontrasten seine am poetischen Realismus orientierte Bildsprache fortzuführen, wie er sie zuvor in seinen Schwarz/Weiß Filmen schon entwickelt hatte und in seinem folgenden Film „Unter den Brücken“ zur Meisterschaft führen sollte. Auch thematisch bleibt er dem Realismus nah, schildert das Leben in Hamburg lakonisch und ohne seine Figuren zu bewerten. Wie in Hannes melancholischen Liedern ist das Dasein eine Abfolge von Glück und Trauer, ohne Garantien auf irgendein Gelingen – eine der nationalsozialistischen Ideologie gänzlich widersprechende Sichtweise. „Große Freiheit Nr. 7“ hat sich seine Zeitlosigkeit nicht nur wegen seiner unvergesslichen Lieder und Hans Albers eindrucksvollem Spiel bis heute bewahrt.

"Große Freiheit Nr. 7" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Richard Nicolas, Darsteller : Hans Albers, Ilse Werner, Hans Söhnker, Hilde Hildebrand, Gustav Knuth, Günther Lüders, Laufzeit : 106 Minuten

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