Montag, 13. Mai 2013

Der Pauker (1958) Axel von Ambesser


Inhalt: Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist voll des Lobes für den Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann), dessen Klasse wie gewohnt den besten Eindruck hinterlässt. Doch diesmal belässt er es nicht bei der Anerkennung für den zwar respektierten, aber wenig beliebten Lehrer, sondern fordert ihn heraus. Eine Oberprima in der Großstadt bereite ihm Sorgen, die sich als schwer erziehbar erwiesen hätte. Da der bisherige Klassenlehrer entnervt aufgegeben hätte, sucht er eine neue Lehrkraft, aber das wäre eine ganz andere Herausforderung für einen Pädagogen, als in einem Provinzstädtchen zu lehren. Als Wagner ihn fragt, ob er sich diese Aufgabe zutraut, kann Dr. Seidel gar nicht anders, als sie anzunehmen.

In der neuen Schule angekommen, wird er mit einer allgemeinen Ablehnung konfrontiert. Weder zollen ihm seine neuen Schüler Respekt, noch reagieren sie auf seinen Unterricht. Stattdessen wird er versehentlich mit einem Faustschlag zu Boden geschickt, als er auf dem Schulhof in eine Rangelei gerät. Seidel versucht es deshalb mit Härte, als er Achim Bork (Peter Kraus) mit anzüglichen Fotos einer jungen Frau erwischt. Er konfisziert sie und bestellt seine Erziehungsberechtigten zu sich. Da seine Eltern beide tot sind, lebt Achim bei seiner älteren Schwester Vera Bork (Wera Frydtberg), die auf den Aufnahmen zu sehen ist, die sie für ihre Arbeit machen ließ. Achim hatte sie beim Fotografen abgeholt, weshalb sie sehr abweisend auf die autoritären Methoden des Lehrers reagiert und seine altmodische Haltung kritisiert. Ihr Bruder kann ihr da nur beipflichten, denn ihn interessieren nur sein Moped und die Gang, mit der er um die Häuser zieht. Ihr Anführer ist Harry Engelmann (Klaus Löwitsch), der vom Gymnasium gewiesen wurde, wodurch sein Einfluss aber nicht geringer wurde, wie Dr. Seidel bald feststellen muss…


In dem kleinen Provinzstädtchen ist die Welt Ende der 50er Jahre noch in Ordnung. Wenn Herr Studienrat Dr. Hermann Seidel (Heinz Rühmann) morgens zum Gymnasium schreitet, hängt die Kioskbetreiberin schnell den "Spiegel" vor die Blätter mit den unzüchtigen Fotografien, der Verkehrspolizist grüßt freundlich und die Schüler stehen stramm, sobald er das Klassenzimmer betritt. Selbstverständlich rattern sie perfekt die Jahreszahlen aus der Zeit Napoleons herunter, die ihnen ihr Geschichtslehrer zuvor eingebläut hatte. Der anwesende Schulinspektor Wagner (Ernst F. Fürbringer) ist zwar voll des Lobes für den Vorzeigelehrer, aber es gelingt ihm, Seidel zu provozieren, indem er dessen Leistung relativiert. Eine Oberklasse an einem großstädtischen Gymnasium wäre eine deutlich anspruchsvollere Aufgabe für einen Lehrer, besonders da sie als schwer erziehbar gilt und gerade einen Klassenlehrer verschlissen hätte. Das lässt sich Dr. Hermann Seidel nicht zweimal sagen und zeigt sich bereit, auch dort seine pädagogischen Fähigkeiten zu beweisen.

Sobald das Stichwort „Oberklasse“ fällt, ist die Erinnerung an die „Feuerzangenbowle“ (1944) nicht fern, in der Heinz Rühmann noch als Schüler aktiv war. Regisseur Axel von Ambesser und Drehbuchautor Curth Flatow nutzten diese Popularität, um Rühmann erneut auf die Schule zu schicken - diesmal als Lehrkraft, die es mit einer problematischen Klasse zu tun bekommt. Doch anders als die „Feuerzangenbowle“, die aus ihrem fantasievollen Charakter kein Geheimnis machte, verankerte Komödienspezialist Flatow seine Story um einen konservativen Lehrer in der damaligen Gegenwart der BRD. Mit Heinz Rühmann wurde ein Sympathieträger auf die rebellierende Jugend losgelassen, die ihre schulischen Pflichten vernachlässigte, um lieber auf Mopeds die Gegend unsicher zu machen - für die damalige Gesellschaft der direkte Weg zur Bandenkriminalität. Ähnlich wie „Die Halbstarken“ (1956) verstand sich auch „Der Pauker“ als Warnung vor den Versuchungen eines an us-amerikanischen Vorbildern orientierten Lebensgefühls, versuchte aber seine Botschaft weniger offensichtlich zu formulieren.

Dafür war Heinz Rühmann die Idealbesetzung, denn selbst autoritäre Rollen wusste er immer mit einem Augenzwinkern zu versehen, die seinen humanen Charakter verrieten. In einer der ersten Szenen korrigiert er einen leicht begriffstutzigen Jungen humorvoll und ohne ihn herab zu würdigen. Entsprechend unglaubwürdig wirken die Charaktereigenschaften, die ihm zu Beginn angedichtet werden – zwar respektiert, aber beim Kollegium wenig beliebt, fristet der etwa 50jährige Dr. Seidel ein einsames Dasein in der Kleinstadt, hat aber unmittelbar nach seiner Ankunft in der Großstadt kein Problem damit, Freunde wie den Catcher Freddie Blei (Gert Fröbe) für sich zu gewinnen, dem er mit viel Verständnis die Grundregeln der deutschen Grammatik beibringt - als Gegenleistung für ein paar Ringertricks, die in der gefährlichen Großstadt unumgänglich zu sein scheinen. Dahinter verbirgt sich der Versuch, seine Entwicklung vom streng autoritären Lehrer zum einfühlsamen Pädagogen zu vermitteln, der auch Verständnis für die „heutige Jugend“ aufbringt. Mehrfach wird er später betonen, dass er viel „von seinen Jungs“ gelernt hätte, womit die Illusion einer Annäherung entstehen soll, obwohl Rühmann sich in seiner Rolle wie immer treu blieb und die Oberprimaner am Ende genau das tun, was von ihnen verlangt wird – stramm stehen und Jahreszahlen herunter beten. 

Wirkliches Verständnis für die jungen Heranwachsenden versucht „Der Pauker“ gar nicht erst zu entwickeln, sondern präsentiert mit Harry Engelmann (Klaus Löwitsch) den geeigneten Sündenbock für die grundanständigen, aber fehl geleiteten Oberprimaner – äußerlich in Marlon-Brando-Lederkluft gekleidet und um keinen Spruch verlegen, erweist er sich nicht nur als Krimineller, sondern nutzt auch das Vertrauen der anderen Jungs für seine Zwecke aus. Praktischerweise wurde er schon vor Dr. Seidels Ankunft von dem Gymnasium verwiesen, so dass dessen pädagogischen Fähigkeiten bei dem „hoffnungslosen Fall“ nicht mehr wirken müssen. Diese einseitige Schuldzuweisung wird noch durch die Besetzung von Peter Kraus als Oberprimaner Achim Bork unterstützt, der nur dank Dr.Seidels Eingreifen davor bewahrt wird, auf die schiefe Bahn zu geraten, wonach er als erster Geläuterter dessen Partei ergreift. Harry Engelmann hatte ihn nicht nur in die Schulden getrieben, sondern auch einen nicht ganz legalen Tipp parat, wie er diese abzahlen könnte.

Die gesamte Jugend-Szenerie und der Wunsch, aus einem reglementierten Alltag auszubrechen, werden hier verunglimpft. Unabhängiges Gedankengut und gute schulische Leistungen galten Ende der 50er Jahre noch als nicht vereinbar, was angesichts eines Unterrichtsstoffs, der nur daraus bestand, Wissen auswendig zu lernen, nicht überrascht. Aus heutiger Sicht, ohne die damalige Brisanz, wirken die Szenen wie ein folkloristischer Blick auf die 50er Jahre mit Rock’n Roll, Motorrädern, Prügeleien und flotten Sprüchen. Doch obwohl sich Regisseur von Ambesser am Zeitgeist orientierte und reale Ängste seines Publikums bediente - der Erfolg an der Kinokasse gab ihm recht - nahm er die Konstruktion seiner Story weniger genau. Die Zuspitzung eines Konflikts zwischen einem vorbildhaften, etwas altmodischen Lehrer und einer aufmüpfigen Gymnasialklasse hätte nie so stattfinden können. Wie schon die „Feuerzangenbowle“ anschaulich vermittelte, sind viele Lehrer nötig, um eine Oberprima auf das Abitur vorzubereiten, aber das hätte die einfache Botschaft des Films nur unnötig verkompliziert.

Axel von Ambessers Film ist unterhaltsam und flott inszeniert, aber nur Gert Fröbe als witziger Side-Kick und Heinz Rühmanns Mut, auch tragische Momente zuzulassen, retten den Film vor der Beliebigkeit typischer Komödien dieser Phase, dessen rückwärts gewandter Umgang mit der Jugend inzwischen komisch wirkt, damals aber ernst gemeint war. Die Komplexität, die „Der Pauker“ wagt, als Dr. Seidel sein Liebesleid mit Vera Bork (Wera Frydtberg) gegenüber der heimlich in ihn verliebten Musiklehrerin Fräulein Selinski (Bruni Löbel) beklagt, hätte dem Film auch gegenüber Harry Engelmann und seinen Freunden sehr gut getan.

"Der Pauker" Deutschland 1958, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Curth Flatow, Eckart Hachfeld, Darsteller : Heinz Rühmann, Wera Frydtberg, Gert Fröbe, Peter Kraus, Bruni Löbel, Ernst F. Fürbringer, Peter Vogel, Laufzeit : 89 Minuten

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