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Donnerstag, 17. April 2014

Ich klage an (1941) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Hanna (Heidemarie Hatheyer) kann ihre Freude über die Berufung ihres Mannes, Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann), an das renommierte Münchner Pettenkofer-Institut kaum zurückhalten. Vor Temperament überquellend lädt sie spontan ihren Freundeskreis ein, begleitet von ihrer kopfschüttelnden Hausdame (Margarete Haagen) , die die Tochter aus reichem Hause nach dem Tod ihrer Mutter von Klein auf erzogen hatte. Selbst Hannas großer Bruder, der ihrem Ehemann immer skeptisch gegenüberstand, zeigt sich angesichts des Erfolgs seines Schwagers einsichtig, nur Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman), der älteste Freund des Paares, selbst einmal in Hanna verliebt, verspätet sich.

Er musste noch dringend nach einem schwer erkrankten Neugeborenen sehen, weshalb er wenig Feierlaune mitbringt. Trotzdem lässt er sich von Hanna dazu überreden, mit ihr und ihrem Mann gemeinsam zu musizieren. Zuerst erklingt ihr Trio in gewohnter Qualität, doch dann versagt mehrfach Hannas Hand am Klavier, so dass sie abbrechen müssen. Die junge Frau verspricht ihrem Mann, sich von Bernhardt untersuchen zu lassen, ohne die Sache allzu ernst zu nehmen, denn sie vermutet, schwanger zu sein. Doch Bernhardts Diagnose bedeutet ihr wahrscheinliches Todesurteil… 


Regisseur Wolfgang Liebeneiner inszenierte 1947, kurz nach dem Krieg, die Uraufführung von "Draußen vor der Tür" an den Hamburger Kammerspielen, ein exemplarisches Werk der kritischen deutschen Nachkriegsliteratur, das nach dem frühen Tod seines Autors Wolfgang Borchert zu Berühmtheit gelangte. Dessen Beschreibung eines Kriegsheimkehrer-Schicksals verfilmte Liebeneiner zwei Jahre später in "Liebe 47" (1949) - der erneute Startschuss eines intensiven Filmschaffens, mit dem er fast nahtlos an seine erfolgreiche Karriere während der Zeit des Nationalsozialismus anknüpfte. Begonnen hatte er unter anderen mit zwei Rühmann-Komödien ("Der Mustergatte" (1937) und "Der Florentiner Hut" (1939)), bevor er eng mit dem Propaganda-Ministerium zusammenarbeitete, Produktionschef der UFA wurde und von Joseph Goebbels 1943 den Professoren-Titel verliehen bekam.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Liebeneiner schon 1945 als Theaterregisseur weiter arbeiten durfte und sich wenig später eines Autors wie Wolfgang Borchert annahm, der mehrfach wegen seiner kritischen Haltung gegenüber der NSDAP und Wehrkraftzersetzung im Gefängnis saß. Zu verdanken hatte Liebeneiner diese Möglichkeit der Tatsache, dass seine zwei Filme über Bismarck ("Bismarck" (1940) und "Die Entlassung" (1942)) zwar als historisch verfälschend, aber minderschwere Propagandafilme eingeordnet wurden. Seine Mitwirkung am Durchhalte-Film "Kolberg" (1945) war nicht offiziell und der unvollendete, in den letzten Kriegsmonaten gedrehte "Das Leben geht weiter" (1945) gilt als verschollen. Einzig der 1941 zwischen den Bismarck-Filmen entstandene "Ich klage an" darf heute als "Vorbehaltsfilm" nur beschränkt und unter pädagogischer Anleitung in Deutschland gezeigt werden, verfügt aber weder über antisemitische, noch kriegstreiberische Tendenzen, weshalb er Liebeneiner nach dem Ende der Nazi-Diktatur nicht belastete.

In Unkenntnis der Zusammenhänge während seiner Entstehungszeit, ließe sich "Ich klage an" als engagierter Beitrag zu der nach wie vor aktuellen Diskussion über das Recht zur "aktiven Sterbehilfe" betrachten, zudem ausgezeichnet gespielt, straff inszeniert und trotz seiner zweistündigen Länge bis zum Schluss die Spannung hochhaltend. Gehört das erste Drittel des Films dem Glück des erfolgreichen, gerade an das renommierte Pettenkofer-Institut nach München berufenen Mediziners Professor Thomas Heyt (Paul Hartmann) und seiner jungen, lebenslustigen Frau Hanna (Heidemarie Hatheyer), die spontan eine Feier zu seinen Ehren veranstaltet, beschreibt der Film in seinem zweiten Drittel die Zerstörung ihres Lebenstraums durch ihr fortschreitendes Siechtum. In dieser Phase hält der Film das Gleichgewicht zwischen Drama und Action, in dem er Hannas Todeskampf mit dem verzweifelten Versuch des Forscherteams um Professor Heyt, ein Mittel gegen die Multiple Sklerose zu entdecken, verzahnt, bevor das letzte Drittel zum klassischen Gerichts-Drama mutiert bis zum abschließenden emotionalen Schluss-Plädoyer des Angeklagten.

Wolfgang Liebeneiner entwickelte aus der Romanvorlage "Sendung und Gewissen" des Mediziners Hellmuth Unger, Mitglied des Reichsausschusses zur Erfassung Erb- und Anlagebedingter Schwerer Leiden, ein geschickt manipulierendes Drehbuch, dass seine wohlwollende Haltung für die aktive Sterbehilfe strategisch und Gegenargumenten vorgreifend aufbaute. Mit Heidemarie Hatheyer wählte Liebeneiner eine Darstellerin, die sich als kraftstrotzende und eigenständig handelnde junge Frau in "Die Geierwally" (1940) einen Namen gemacht hatte, womit er ihrer Position als um Sterbehilfe bettelnde Todgeweihte die Passivität nahm. Hanna handelt nicht als Opfer, sondern im Bewusstsein, nicht mehr ihre Funktion ausfüllen zu können - ihr Tod wird im Film als Befreiung gezeigt, als erlösender Akt in den Armen des geliebten Mannes. Dass es sich bei diesem um einen renommierten Arzt handelt, zudem Leiter eines aus Koryphäen bestehenden Forscherteams, sollte die theoretische Möglichkeit einer Heilung ausschließen - wenn sie es nicht schaffen, dann Niemand.

Doch das hätte nicht genügt, seinen Akt, ihr Gift zu verabreichen, zu legitimieren, weshalb mit Dr. Bernhardt Lang (Mathias Wieman) ein zweiter, der Sterbehilfe ablehnend gegenüber stehender Arzt, dem Ehepaar zur Seite gestellt wurde. Bei der Feier zu Beginn treten sie gemeinsam als musikalisches Trio auf, um ihre enge Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, aber Bernhardt Langs Rolle ist ihre Konstruiertheit deutlich anzumerken. Hannas Äußerung ihm gegenüber, sie hätte ihn geheiratet, hätte er sie gefragt, bevor sie ihren jetzigen Mann traf, kann nur als Kränkung des nach wie vor von ihr begeisterten Mannes verstanden werden und passt nicht zu ihrem freundlichen Wesen. Ebenso unprofessionell ist die Aussage ihres sonst so seriösen Mannes, der Bernhardts erschütternde Diagnose, Hanna hätte Multiple Sklerose, auf dessen Eifersucht zurückführt, obwohl sich deren Wahrheitsgehalt schon in der nächsten Szene herausstellt.

Liebeneiner wollte damit die Zögerlichkeit und Unsicherheit des praktizierenden Arztes betonen, der schon nicht in der Lage war, die geliebte Frau zu erobern, obwohl er die beste Ausgangssituation besaß. Professor Heyt wird dagegen als Mann der Tat charakterisiert, der sich auch von Ablehnung und Skepsis nicht abschrecken ließ, wie sie ihm wiederholt in seinem Berufs- und Privatleben widerfahren war - zu unrecht, wie seine Berufung an das Pettenkofer-Institut suggerieren soll. Während die Liebe zwischen dem Professor und seiner Frau im Film mehrfach idealisiert wird, um den Vorwurf eigennütziger Intentionen auszuschließen, wird Dr. Lang parallel mit dem Schicksal eines Säuglings konfrontiert, dessen Leben er mit allen Mitteln der Medizin zu retten versucht, dabei aber nicht verhindern kann, dass das kleine Mädchen schwere Nebenwirkungen am Gehirn erleidet. Hatten die Eltern ihn zuvor gebeten, alles für die Heilung des Kindes zu unternehmen, beknien sie ihn jetzt, dessen Leben ein Ende zu bereiten. Angesichts des elenden Zustands des Kindes überdenkt Dr. Lang seine Meinung.

Die Nationalsozialisten hatten 1940 begonnen, systematisch aus ihrer Sicht „unwertes Leben“ zu vernichten, da dieses dem propagierten Rassenideal nicht entsprach. Bis 1941 wurden ca. 70000 Behinderte und sonstige „unerwünschte Elemente“ in der „Aktion T4“ auf Basis von Gutachten in sogenannten „Euthanasie“ - Anstalten ermordet, bis der Unmut in der Bevölkerung wuchs. Offiziell wurde die Aktion daraufhin beendet, heimlich aber weiter geführt. An dieser Schnittstelle entstand „Ich klage an“, um eine positive Stimmung für das als „aktive Sterbehilfe“ verklausulierte Euthanasie-Programm zu erzeugen. Dem Film ist diese direkte Verbindung oberflächlich nicht anzumerken, denn Joseph Goebbels ließ die Urfassung ändern, um jeden politischen Bezug zu vermeiden. Die Gerichtsverhandlung wirkt fast absurd in der Abwesenheit nationalsozialistischer Insignien und geprägt von einer toleranten Haltung.

Auch ohne das Wissen über diese historischen Zusammenhänge – ganz konkret wird im Film eine Kommission zur Entscheidung über Sterbehilfe vorgeschlagen, da den Ärzten diese Verantwortung nicht zugemutet werden könnte – und trotz der unterschwelligen Manipulation entlarvt der Film unfreiwillig das dahinter stehende unmenschliche System. Es wird zwar viel von Liebe und Aufopferung geredet, aber immer nur im Zusammenhang mit einem funktionierenden, sinnvollen Leben. Schwäche, Krankheit, Behinderung oder Niedergang besitzen keinen Wert, sondern geben nur Anlass, den Menschen von seinem Leiden zu erlösen. Hier an zwei extremen, unheilbaren und einen allgemeinen Konsens anstrebenden Beispielen exerziert. Doch sowohl an der geänderten Haltung der Säuglings-Mutter, als auch an der Hilfestellung des Ehemanns bleibt die Rationalität haften, mit der die Entscheidung über den Wert eines Lebens abgewogen wurde. Intuitiv, verrückt, unlogisch oder bedingungslos – und damit schlicht menschlich – ist nichts in diesem kalten, berechnenden Film.

"Ich klage an" Deutschland 1941, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Wolfgang Liebeneiner, Eberhard Frowein, Hellmuth Unger (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Paul Hartmann, Mathias Wieman, Margarete Haagen, Albert Florath, Erich Ponto, Hans Nielsen, Laufzeit : 119 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Mittwoch, 25. September 2013

Die Geierwally (1940) Hans Steinhoff

Inhalt: Während die Männer des Ortes im Wirtshaus sitzen und darüber diskutieren, dass es zu gefährlich ist, sich zum Nest des Lämmergeiers abzuseilen, um dessen Nachwuchs zu stehlen, befindet sich Wally Fender (Heidemarie Hatheyer) schon in der Felswand und greift sich das Junge. Doch dessen Mutter ist nicht weit und beginnt, Wally zu attackieren, die versucht, sich mit einem Messer zu wehren. Das gelingt ihr nur schlecht, da sie noch das Junge halten muss, während sie von den Männern wieder hoch gezogen wird. Erst ein gezielter Schuss des Jägers Joseph Brandl (Sepp Rist) rettet sie. Wieder auf dem Plateau dankt Wally ihrem Retter, der für sie aber nur Verachtung übrig hat, da sie sich nicht wie eine Frau verhielte - er nennt sie spöttisch "Geierwally". 

Trotzdem liebt Wally Joseph, was sie auch ihrem Vater Alois (Eduard Köck) zu Verstehen gibt, für den der Jäger nur ein armer Schlucker ist, der als Schwiegersohn nicht in Frage kommt. Stattdessen plant er ihre Hochzeit mit dem Großbauern Vinzenz (Leopold Esterle), um die beiden größten Höfe der Gegend zusammen zu bringen. Doch Wally widersetzt sich ihrem Vater, weshalb er sie mit ihrem jungen Geier hoch auf die Alm verbannt, wo sie monatelang bei widrigen Bedingungen, nur in Begleitung des seltsamen Klettenmaier (Ludwig Auer), ausharren muss. Als sie wieder herunter darf, haben sich wesentliche Dinge im Ort verändert...


Der von Wilhelmine von Hillern 1873 geschriebene Roman "Die Geier-Wally" entstand aus der Begeisterung über eine Frau, die eine gefährliche Männerarbeit übernommen hatte, und ist aus einem Zeitkontext heraus zu verstehen, als einem solchen Handeln noch etwas Sensationelles anhaftete. Gesehen hatte die Autorin die Szene, in der sich eine junge Frau zu einem Adlerhorst abgeseilt hatte, um weitere Angriffe auf die Schafherde ihres Dorfes zu unterbinden, auf einem Selbstporträt der Tiroler Malerin Anna Stainer-Knittel, bei der es sich tatsächlich um eine früh emanzipierte Frau handelte, die ihren Ehemann gegen den Willen ihres Elternhauses wählte und bis ins hohe Alter mit ihrer "Zeichen- und Malschule für Damen" in Innsbruck berufstätig blieb, aber die dramatischen Ereignisse, die sie um Walburga Fender ersann - wie sie sie in ihrem Roman nannte - entsprangen nur ihrer Fantasie.

Nicht weniger typisch für die Entstehungszeit ist die gleichzeitige Relativierung dieser selbstbewussten, körperlich starken und schönen weiblichen Figur, die sich, um als Frau geliebt zu werden, letztlich einem Mann hingeben muss. Mit dem "Bären-Joseph" - so genannt, weil der Jäger Joseph Brandl einen gefährlichen Bären erlegte - existiert auch das entsprechende Objekt ihrer Begierde, aber dieser verachtet Wally nicht zuletzt deshalb, weil sie sich so eigensinnig und unweiblich verhält. Besonders mit ihrem strengen Vater, der zwar stolz reagiert, als sie den jungen Geier aus dem Nest stiehlt, sie aber mit dem Bauern Vinzenz Gellner aus wirtschaftlichen Erwägungen verheiraten will, steht sie in einem ständigen Konflikt, weshalb sie von ihm auf die Hoch-Alm verbannt wird, um bei widrigen Bedingungen zur Vernunft zu kommen - eine Erziehungsmethode, die bei der "Geierwally" nicht funktioniert.

An dieser Story über weiblichen Widerstandsgeist ist besonders interessant, dass sie sich ihre Attraktivität bis heute bewahrt hat. 1892 hatte die Oper "La Wally" von Alfredo Catalani Premiere und 1920 erschien die erste filmische Version des Romans mit Henny Porten in der Rolle der "Geierwally". 2005 wurde der Stoff zuletzt für das deutsche Fernsehen adaptiert, nachdem Walter Bockmayer 1988 eine Parodie herausgebracht hatte, die sich als Satire auf den deutschen Heimatfilm verstand - ein aus heutiger Sicht verbreitetes Missverständnis, das jeden in wilden Bergwelten spielenden Stoff automatisch dem in den 50er Jahren populären Heimatfilm-Genre zurechnet. 1956 entstand auch eine zeitgemäß angepasste Variante mit Barbara Rütting in der Hauptrolle, aber die Romanvorlage verfolgte eine andere Intention. Der Hintergrund einer rauen, teilweise menschenfeindlichen Landschaft spitzte noch die in einem archaischen Umfeld entstehende Situation zu, mit der die Autorin die Ausweglosigkeit und damit die Widerstandskraft ihrer Protagonistin betonte. Daran lässt sich auch der Anlass für die von Hans Steinhoff in der Frühphase des 2.Weltkriegs umgesetzte Version erkennen, dessen "Geierwally" die Stärke der deutschen Frau symbolisieren und herausfordern sollte. Mit einer heilen Welt, wie sie in den 50er Jahren im Gegensatz zu den im Krieg zerstörten Städten hochstilisiert wurde, hatte das wenig zu tun.

An Afra, einer wichtigen Nebenfigur, lässt sich diese unterschiedliche, sich nach dem Krieg verändernde Sichtweise an einem scheinbar nebensächlichen Detail verdeutlichen. In Wilhelmine von Hillerns Roman handelt es sich bei Afra um die uneheliche Halbschwester des "Bären-Joseph", in Steinhoffs Film um dessen uneheliche Tochter. In beiden Fällen führt die Verheimlichung ihres Status, um sie vor einer Ausgrenzung zu schützen, zu dem Missverständnis, dass Afra für Josephs Geliebte gehalten wird, was die Situation zwischen ihm und Wally eskalieren lässt. Auch im Heimatfilm von 1956 kommt es zu dieser Verwechslung, aber Afra ist hier die Nichte von Joseph, was diesen von persönlicher moralischer Schuld freispricht, dessen hartnäckiges Verschweigen ihres Verwandtschaftsgrads aber unglaubwürdiger wirken lässt. Diese Abschwächung innerer Konflikte zugunsten einer geglätteten Moralvorstellung ist in vielen Remakes der 50er Jahre zu beobachten - etwa in den zwei Versionen nach Ebner-Eschenbachs Roman "Krambambuli" (1940) und "Heimatland" (1955) - und signifikant für das Heimatfilm-Genre.

An Glätte war Regisseur und Drehbuchautor Hans Steinhoff auch nicht gelegen, sondern an einer dramatischen Hochstilisierung, wie schon die offensichtlich an Richard Wagners Musik orientierten Orchesterklänge vermitteln, mit denen der Film beginnt. Brutal schlägt der Vater (Eduard Köck) mit einem Knüppel auf seine Tochter Wally (Heidemarie Hatheyer) ein, greift sie in das Gesicht von Joseph (Sepp Rist), als er sie mit Gewalt küssen will, und schlägt Wally den niederträchtigen Bauern Vinzenz Gellner (Leopold Esterle) von Hinten nieder, als dieser auf eine alte Magd einschlägt. Wutverzerrt begegnen sich die Gesichter und schreien sich hasserfüllt an - in "Die Geierwally" gibt es nur Emotionen pur, folgt ein dramatisches Ereignis dem nächsten. Obwohl sich Regisseur Hans Steinhoff, über den Zeitgenossen wie Billy Wilder oder Hans Albers, die mit ihm zusammen gearbeitet hatten, sehr negativ urteilten, schon vor 1933 der nationalsozialistischen Ideologie zuwandte, von der NSDAP entsprechend gefördert wurde und mit "Hitlerjunge Quex: Ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend" (1933) einen der ersten Propagandafilme fertigte, der heute nur noch unter Vorbehalt zu sehen ist - mit "Ohm Krüger" (1941) ließ er "Der Geierwally" einen weiteren heute nur beschränkt zugänglichen Propagandafilm folgen – hielt er sich größtenteils an die Romanvorlage und verzichtete auf ideologisch geprägte Veränderungen.

Sicherlich kam die Story einer starken, kämpferischen Frau, die nicht aufgeben wollte, der Zielsetzung des Propagandaministerium zu Beginn des Krieges entgegen, welche von Steinhoff auch entsprechend herausgearbeitet wurde, aber die Konsequenz, mit der Heidemarie Hatheyer hier spielt, ihr Mut, auch hässlich, ungerecht und egoistisch zu wirken, und die Kompromisslosigkeit, mit der die Auseinandersetzungen geführt werden, können heute noch faszinieren, ebenso wie eine Bergwelt, die felsig, hart und kalt wirkt und ohne die für die 50er Jahre typische heimliche Touristenwerbung auskam. Angesichts des sehr kurz gehaltenen Happy-Ends, dass anders als der Roman und die 1956er Verfilmung auf die abschließende dramatische Rettung des von Gewehrkugeln getroffenen Josephs aus einer Felsspalte verzichtete, entsteht am Ende nicht der Eindruck einer Unterordnung, sondern bleibt das Bild einer durchsetzungsfähigen, selbstständigen Frau bestehen.

"Die Geierwally" Deutschland 1940, Regie: Hans Steinhoff, Drehbuch: Hans Steinhoff, Jacob Geis, Alexander Lix, Wilhelmine von Hillern (Roman), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Sepp Rist, Winnie Markus, Eduard Köck, Leopold EsterleLaufzeit : 98 Minuten 

Sonntag, 23. Juni 2013

Der Berg ruft! (1938) Luis Trenker

Inhalt: Jean Antoine Carell (Luis Trenker) ist ein erfahrener und leidenschaftlicher Bergsteiger, der seine Zeit am liebsten allein in den Bergen verbringt, weit ab von den Auswirkungen eines Bergsteiger-Tourismus, der die Gefahren am Berg nicht richtig einzuschätzen weiß. Getrieben wird er von dem Gedanken, als Erster das Matterhorn zu besteigen, weshalb er ständig auf der Suche nach der richtigen Route ist. Von den italienischen Landsleuten seines Heimatortes wird er deshalb als lebensmüder Spinner verspottet - selbst Felicitas (Heidemarie Hatheyer) darf er nicht heiraten, da ihr Vater die Verbindung zwischen ihnen ablehnt.

Das ändert sich, als bekannt wird, dass Carell gemeinsam mit dem von ihm geschätzten englischen Bergsteiger Whymper (Herbert Dirmoser) einen Weg von Zermatt aus gehen will, da diese Strecke realistisch erscheint. Das hätte aber zur Folge, dass damit die Schweiz das Ausgangsland zur Erstbesteigung wäre, was die Italiener verhindern wollen. Sie zwingen Carell dazu, mit einem italienischen Team von Italien aus den Versuch zu starten, und untergraben dafür das Vertrauensverhältnis zwischen Carell und Whymper…


Angesicht der Entstehungszeit 1938 und des heroisch klingenden Filmtitels ließe sich "Der Berg ruft!" leicht als typisches Propagandawerk einordnen, zumal Luis Trenker, der zusammen mit Fritz Lang die "Nationalsozialistische Betriebsorganisation Abt.Regie" gründete (von Fritz Lang immer bestritten), hier Regie führte und die Hauptrolle übernahm. Während der Stummfilmzeit hatte der Südtiroler Bergsteiger Trenker mit der damaligen Schauspielerin Leni Riefenstahl zusammengearbeitet („Der heilige Berg“, 1926) und 1930 in „Der Sohn der weißen Berge“ erstmals die Regie übernommen. Später war er von Südtirol nach Berlin gezogen war, um von hier aus seine Arbeiten zu organisieren. Allerdings ist diese Betrachtungsweise zu oberflächlich, denn Luis Trenker bestand immer auf eine eigene künstlerische Verantwortung, verbat sich den Einfluss der Nationalsozialisten und wurde deshalb später als "deutschfeindlich" eingestuft und mit einem Berufsverbot belegt.1940 kehrte er deshalb nach Italien zurück, wo zu diesem Zeitpunkt noch die Faschisten unter Mussolini regierten. Nicht ohne Grund hatte Trenker nach dem Ende des zweiten Weltkrieges Probleme wieder Fuß zu fassen, da er als Opportunist galt, der zuvor zu lange "mit den Wölfen geheult" hatte.

Bei "Der Berg ruft!", bei dem es sich um ein Remake des 1928 entstandenen Stummfilms „Der Kampf ums Matterhorn“ handelt, in dem Trenker auch schon die Hauptrolle spielte, hatte er noch unbeschränkte Arbeitsbefugnis, was dem Film in seiner Gratwanderung zwischen einer von Leni Riefenstahl beeinflussten Ästhetik und einer eigenständigen Story anzumerken ist. In grandiosen Aufnahmen von dem Furcht einflößenden Berg, vermittelt sich die Überlegenheit der Natur, aber auch der Reiz, die Herausforderung anzunehmen – zumindest für einen echten Kerl. Die optische Inszenierung der Menschen verfolgt dagegen eindeutige Wertungen. Während Luis Trenkers kerniges Antlitz häufig von Unten im Gegenlicht aufgenommen ist, was ihm einen überlegenen Charakter verleiht, sieht die Kamera auf seinen „Freund“, der hier die lächerliche Figur abgibt, nur gut ausgeleuchtet von oben. Jeder Typus – die strenge Mutter, Großstadtmenschen, Frauen generell oder andere Bergsteiger – werden von der Kamera gemäß ihrer Qualifikation oder Bedeutung wertend eingefangen. Trotz dieser fragwürdigen Gestaltung bleibt der Eindruck einer atmosphärisch dichten Ästhetik, die das Leben in den kleinen kargen Bergdörfern am Fuße eines alles überragenden Berges authentisch wiedergibt.

Erfüllte Trenker mit seiner Bildsprache die Erwartungen der nationalsozialistischen Propaganda an einen „heroisch“ wirkenden Film, lässt sich an der Story, die sich an der wahren Begebenheit der Erstbesteigung des "Matterhorn" im Jahr 1865 orientierte, besonders hinsichtlich der Gestaltung der Charaktere erkennen, warum Trenker bald Probleme mit Göbbels Ministerium bekommen sollte. „Der Berg ruft!“ lässt deutlich werden, dass Leistungssport und der damit verbundene Patriotismus keine Erfindung der Neuzeit sind. Die Erstbesteigung eines wichtigen Berges war von höchster nationaler Bedeutung, bei der es nicht nur darum ging, wer den Berg zuerst bestieg, sondern in diesem Fall auch von welcher Seite, da sich das Matterhorn genau auf der Grenze zwischen Italien und der Schweiz befindet. Damit sind auch entsprechende finanzielle Interessen verbunden. So will das schweizerische Zermatt den Ort als touristisches Ziel vermarkten, von dem aus die Erstbesteigung gelang. Entsprechend stark wird von Seiten der verschiedenen Interessenten Druck auf die Berg-Spezialisten ausgeübt, von denen verlangt wird, dass sie sich der nationalen Sache unterordnen sollen, obwohl sie von der Bevölkerung als Spinner und lebensmüde "Freaks" angesehen werden. Ihr einziger Nutzen liegt darin, der Nation Ehre zu machen, was sie zu „Stars“ werden lässt, die, falls ihnen ihr riskantes Vorhaben nicht gelingt, genauso schnell wieder fallen gelassen werden – in dieser konkreten Beschreibung von Patriotismus und Starkult ist „Der Berg ruft“ von erstaunlich kritischer Konsequenz.

Der von Luis Trenker gespielte italienische Bergsteiger Carrel ist davon getrieben, einen geeigneten Weg auf das Matterhorn zu finden. Innerhalb seines Heimatdorfes wird er deshalb verachtet, als Nichtsnutz verspottet und auch als zukünftiger Schwiegersohn abgelehnt, denn der Vater von Felicitas (Heidemarie Hatheyer) verbietet ihr die Beziehung mit ihm. Zudem interessieren ihn keine nationalen Interessen, weshalb er sich mit dem einzigen von ihm respektierten Bergsteiger, dem Engländer Whymper (Herbert Dirmoser), verabredet, gemeinsam auf das Matterhorn zu klettern – zudem noch von der Schweiz aus, da die Besteigung von hier machbarer erscheint. Doch damit hat Carrel die Rechnung ohne seine Landsleute gemacht. Dieselben, die ihn soeben noch beschimpften, wollen ihn nun zwingen, für Italien in den Wettkampf einzusteigen – selbstverständlich von Italien aus mit einem italienischen Team. Dafür versuchen sie die Freundschaft zwischen Carrel und Whymper zu zerstören.

Trenker lässt dank seiner Bildgestaltung keinen Zweifel daran, welche Charaktere er für anständig hält. Dazu gehören nicht die patriotischen, staatsgläubigen Durchschnittsbürger oder die Honoratioren, sondern die von der Masse verachteten Individualisten - eine Aussage, die der nationalsozialistischen Propaganda widersprach. Doch Trenkers Haltung ist eindeutig - für ihn sind die gestählten, der Natur verbundenen Bergliebhaber, die wahren Größen. Sein Film wurde ein Loblied auf den Individualismus und die innere Konsequenz des Einzelgängers, hier am Archetypus des einsamen Bergsteigers erzählt, während die sonstige Bevölkerung als hasserfüllter, nationalistischer Pöbel sehr negativ geschildert wird. So hat sich ein in grandiosen schwarz - weiß Bildern gefilmtes Bergdrama mit einem alles überragenden, Furcht einflößenden Berg im Zentrum des Geschehens seine Faszination bis heute bewahrt.

"Der Berg ruft!" Deutschland 1938, Regie: Luis Trenker, Drehbuch: Luis Trenker, Hans Sassmann, Richard Billinger, Carl Haensel (Roman), Darsteller : Luis Trenker, Herbert Dirmoser, Heidemarie Hatheyer, Lucie Höflich, Umberto Sacripante, Laufzeit : 95 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luis Trenker: 

"Von der Liebe besiegt" (1956)

Sonntag, 5. Mai 2013

Der Meineidbauer (1956) Rudolf Jugert


Inhalt: Als Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) erfährt, dass der Vater ihrer zwei Kinder, mit dem sie nicht verheiratet war, tödlich verunglückt ist, trauert sie um ihn, fühlt sich aber abgesichert, da er ihr versprochen hatte, ihr und den Kindern seinen Bauernhof zu vererben. Sie weiß nicht, das dessen jüngerer Bruder Mathias (Carl Wery) das Testament schon vor dessen Tod geöffnet hatte und einen Brief an ihn schickte, in dem er seine Enttäuschung darüber ausdrückte, den Hof nicht selbst zu erben.

Als sie ihre Stellung als Bäuerin einnehmen will, erklärt ihr Mathias, es gäbe kein Testament, was er auch vor Gericht beeidet, womit er Paula und ihre Kinder dazu zwingt, wieder zu ihrer Mutter zu ziehen, die in den Bergen eine ärmliche Schankwirtschaft betreibt. Doch der Gerichtsdiener (Joseph Offenbach) hatte in den Sachen des Verstorbenen den Brief gefunden, in dem dieser sich über das Testament beklagte, und beginnt ihn zu erpressen...


Regisseur Rudolf Jugert hatte viele Jahre an der Seite Helmut Käutners als Regie-Assistent gearbeitet, bevor er 1948 mit "Film ohne Titel" erstmals selbst Regie führte, nicht zufällig nach einem Drehbuch Käutners. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte er sich auf das Regie-Fach, drehte später mit "Nachts auf den Straßen" (1952) noch einen weiteren Film auf Basis eines von Käutner verfassten Drehbuchs, spezialisierte sich aber zunehmend auf den Unterhaltungsfilm, etwa mit Liebesdramen ("Illusion in Moll" (1952)) oder Romanverfilmungen ("Rosen im Herbst" (1955) nach Theodor Fontane). Heimatfilme gehörten nicht zu seinem Repertoire, weshalb "Der Meineidbauer" vordergründig aus seinem Schaffen heraus sticht, aber tatsächlich handelte es sich vor allem um eine Verfilmung des Dreiakters von Ludwig Anzengruber, auch wenn der Film einige für das Heimatfilm-Genre typische Merkmale aufweist.

Wie populär das 1871 in Wien uraufgeführte "Volksstück" war, wird daran deutlich, dass es sich schon um die vierte Filmversion handelte, deren letzte erst 15 Jahre zurücklag. Zwar entschlackte Drehbuchautorin Erna Fentsch - Ehefrau des Hauptdarstellers Carl Wery - Anzengrubers Bühnenstück, verzichtete auch auf einige Protagonisten, aber an der Ausgangssituation änderte sie trotz der in der damaligen Gegenwart spielenden Handlung nichts. Anzengrubers Intention, die Konsequenzen eines Fehlverhaltens noch für die kommenden Generationen aufzuzeigen, basierte auf einer Realität, die ihre Gültigkeit Mitte der 50er Jahre noch nicht verloren hatte.

Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) war von dem Vater ihrer zwei Kinder, dem Gutsbesitzer Jakob Ferner, nie geheiratet worden, weshalb sie im Dorf einen schlechten Leumund besitzt und ihre Tochter und ihr Sohn ständigen Hänseleien ausgesetzt sind. Als Jakob nach einem Unfall im Krankenhaus stirbt, glaubt sie seinen Hof zu erben, da er ein Testament zu ihren Gunsten aufgesetzt hatte. Als sie dieses zum Nachweis aus dem Geheimfach des Sekretärs hervor holen will, ist es verschwunden. Sie ahnt nicht, dass Mathias Ferner (Carl Wery), der sein Leben lang als Knecht auf dem Hof seines Bruders beschäftigt war und nach dem Tod seiner Frau allein für seinen Sohn Franz (Hans von Bosordy) verantwortlich ist, das Testament verschwinden ließ, nachdem er es - fassungslos über den Inhalt - geöffnet hatte.

Seine Behauptung, von einem Testament nie etwas gewusst zu haben, hatte er vor Gericht beeidet, worauf hin er den Bauernhof zugesprochen bekam. Als unverheiratete Frau mit zwei unehelichen Kindern galt Paulas entgegengesetzte Meinung nichts. Doch Ferner hatte den Fehler begangen, seinem Bruder noch einen Brief an dessen Krankenbett zu schicken, in dem er das Testament erwähnt hatte. Nach dessen Tod fährt er zum Nachlassgericht, in der Hoffnung den Brief, der ihn des Meineids überführen würde, wieder zurück zu bekommen. Doch dieser befindet sich nicht unter den letzten Habseligkeiten des Toten, weshalb er sie bei Gericht belässt und beruhigt nach Hause fährt. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dem Gerichtsdiener Ludwig Demuth (Joseph Offenbach) der Brief entgegen fällt, als er die Sachen ein letztes Mal untersucht. Bis dieser überraschend auf seinem Bauernhof auftaucht, um ihn zu erpressen.

Diese Konstellation widerspricht Anzengrubers ursprünglicher Intention, der das Wissen über den Meineid innerhalb der Familie beließ, um die gegenseitige Schuld noch zuzuspitzen. In seiner Fassung wurde der damals 12jährige Franz Zeuge der Lüge seines Vaters, profitierte aber selbst von der Erbschaft und hielt den Mund, auch als er zusehen musste, wie Paula (im Original "Vroni") und ihre Kinder vom Hof gejagt wurden. Er trägt entsprechend eine Mitschuld an deren Situation. Für einen Heimatfilm wäre deshalb die Wiederbegegnung mit Paulas inzwischen erwachsen gewordener Tochter Marei (Christiane Hörbiger) moralisch zu zwiespältig geworden. Zehn Jahre nachdem Paula gezwungen wurde, mit ihren Kindern zu ihrer Mutter zurückzukehren, die hoch in den Bergen eine schlecht beleumundete Schankwirtschaft betrieb, sollten sich Franz und Marei möglichst unbeschwert ineinander verlieben können - dabei kam ein außerhalb der Familie stehender Erpresser durchaus gelegen.

Trotz dieser Konzession an einen Unterhaltungsfilm, überzeugen die psychologisch genauen Dialoge zwischen der betrogenen Paula und dem sich moralisch im Recht glaubenden Mathias, die auf die qualitative Basis des Theaterstücks zurückzuführen sind. Diesen Charakter verliert der Film nie vollständig, auch wenn in der zweiten Hälfte versucht wird, mit Naturaufnahmen die auf wenige Räume beschränkte Handlung aufzubrechen. Obwohl die Gespräche zwischen dem Erpresser Demuth und dem "Meineidbauer" nicht in der literarischen Vorlage vorkommen, gehören sie in ihrer raffinierten Gestaltung zu den Höhepunkten des Films. Offenbach gelingt es, seine Forderung aus einer passiven, kleinbürgerlichen Haltung heraus zu formulieren, die beinahe den Eindruck entstehen lässt, er hätte ein legitimes Anrecht auf die erpresste Summe, während aus Carl Werys Spiel das schlechte Gewissen spricht, welches es ihm unmöglich macht, sich zu wehren.

Heidemarie Hatheyers Rolle ist dagegen von einem Selbstbewusstsein geprägt, das im Widerspruch zu ihrer Abhängigkeit steht und den Film in seiner zweiten Hälfte zunehmend in Richtung Heimatfilm drängt. Ihrer Situation fehlt die Tragik des Theaterstücks, denn ihre "Schankwirtschaft" hat mehr den Charakter eines Ausflugslokals für städtische Touristen - zudem inmitten einer idyllischen Landschaft gelegen - als den eines finsteren Molochs. Auch ihr früheres moralisches Ansehen spielt scheinbar keine Rolle mehr - der Chef der Grenzpolizei (Attila Hörbiger) möchte sie heiraten - und ihr Haus wirkt keineswegs ärmlich. Einzig aus ihren Worten ist ihre Verbitterung heraus zu hören und ihr Sohn Jakob (Heino Hallhuber), der gegen das Gesetz verstößt, bereitet ihr  Sorgen.

Anstatt den inneren Konflikt zu vertiefen, der bei Anzengruber für die weiteren dramatischen Ereignisse verantwortlich ist, verlegt "Der Meineidbauer" diesen in den Außenraum. Jakob versucht die finanzielle Situation seiner Mutter durch Schmuggeln aufzubessern, wodurch er mit den Grenzpolizisten in einen gefährlichen Konflikt gerät - ein typisches Motiv für den Heimatfilm, in dem Kriminalität häufig als Reaktion auf eine tragisch erhöhte Situation geschildert wurde. Die Schuld daran trägt allein Mathias, da er diese erst durch seinen Meineid herauf beschworen hatte. Auch hier gelingt es dem Film, trotz der wesentlich eindimensionaler gestalteten Charaktere, wieder zu den Ursprüngen der Vorlage zurückzukehren. Das Drama nimmt im Anzengruberschen Sinn seinen Lauf, auch wenn gewisse Konzessionen an den Mitte der 50er Jahre sehr populären Heimatfilm nicht zu übersehen sind.

"Der Meineidbauer" Deutschland 1956Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Ludwig Anzengruber (Bühnenstück), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Carl Wery, Christiane Hörbiger, Hans von Bosordy, Joseph Offenbach, Attila Hörbiger, Laufzeit : 100 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rudolf Jugert: