Posts mit dem Label Helga Anders werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Helga Anders werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 4. August 2015

Tätowierung (1967) Johannes Schaaf

Inhalt: Benno (Christof Wackernagel) wird von allen Jungs seiner Erziehungsanstalt so lange gejagt, bis sie ihn endlich erwischen. Doch er rückt auch dann nicht mit der erwünschten Information heraus, als einer der Kameraden ihn mit einem Bohrer quält. Bevor dieser zu weit gehen könnte, taucht der Direktor der Anstalt auf, um Benno zu holen, da er an diesem Tag entlassen wird. Der Unternehmer Herr Lohmann (Alexander May) hat den 16jährigen adoptiert und nimmt ihn mit zu sich nach Hause.

Während der Junge schweigend neben ihm herläuft, stellt ihm Herr Lohmann stolz seine Firma vor und zeigt ihm sein zukünftiges eigenes Zimmer. Zudem hat er ihm ein Motorrad gekauft und eine Lehrstelle als Koch besorgt, so dass Benno schnell sein eigenes Geld verdienen kann. Für Benno ist das alles sehr fremd, einzig seine neue Stiefschwester Gaby (Helga Anders), die ebenfalls von dem Ehepaar Lohmann adoptiert wurde, gefällt ihm. Obwohl sein neuer Stiefvater ihm alle Freiheiten lässt, fällt es dem Jungen schwer, sich auf das bürgerliche Leben einzulassen…



Johannes Schaafs Haupt-Interesse galt der Literatur und dem Theater. Schon früh inszenierte er Michel Vinaver ("Hotel Iphigenie" (1964)) im TV oder übernahm eine Rolle in Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt" (1967) - drei seiner vier Kinofilme basieren auf Romanen. Nach "Momo" (1986) übernahm er nur noch Theater- und Operninszenierungen. Einzig sein erster Kinofilm "Tätowierung" entstand nicht nur nach einem von ihm selbst verfassten Originaldrehbuch,Schaaf reagierte damit auch unmittelbar auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen in Westdeutschland, als sich der Generationskonflikt immer mehr zuspitzte. Die Konsequenz seines Films nahm nicht nur die Radikalisierung der Studentenbewegung vorweg, die Besetzung des späteren RAF-Mitglieds Christof Wackernagel in der Rolle eines aufsässigen Jugendlichen und dessen Rollenname Benno (der Student Benno Ohnesorg wurde am 02.06.1967 von einem Polizisten bei einer Demonstration erschossen, Schaafs Film lief erstmals bei der BERLINALE im selben Monat) verleiht "Tätowierung" einen beinahe prophetischen Anstrich.

Vielleicht einer der Gründe, warum Schaafs damals vielfach ausgezeichneter Film in Vergessenheit geriet, in den 70er möglicherweise sogar geächtet wurde - mir, im Jahrzehnt nach seiner Entstehung sozialisiert, war der Film bis vor kurzem unbekannt. Dank FILMJUWELEN liegt "Tätowierung" endlich in adäquater Form vor und führt mich zu einem weiteren persönlichen Thema - West-Berlin. Anlass für mich, Filme, die den Geist dieser Phase einfingen und die damit einhergehenden Veränderungen dokumentierten, ein eigenes Kapitel auf meinem Blog zu widmen. 


"Vergänglichkeit" - aus heutiger Sicht betrachtet scheint alles in Johannes Schaafs erstem Kinofilm "Vergänglichkeit" auszudrücken, obwohl er mit dem Filmtitel "Tätowierung" das Gegenteil betonen wollte - die gesellschaftliche Klassifizierung eines Menschen ohne Aussicht auf Veränderung. 1967 befand er sich mit dieser kontrovers diskutierten Thematik auf der Höhe der Zeit, mitten im Aufbruch einer sich der Moderne öffnenden Nachkriegsgeneration. Wirtschaftliche Prosperität, Chancengleichheit, Emanzipation und freie Sexualität waren in vollem Gang, die Erfüllung lang gehegter Bestrebungen schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Wer immer noch glaubt, die 68er Bewegung wäre die Initialzündung für die heutige Sozialisation gewesen und nicht überfällig nach zwei Jahrzehnten gesellschaftlichen Wandels seit dem Kriegsende, wird in "Tätowierung" eines Besseren belehrt. Und trotzdem wirkt alles an Schaafs Film vergangen - die Stadt, die Menschen, die Kontroverse und in Konsequenz daraus auch sein Film.

Fabrikgebäude Puhl & Wagner - 1972 abgerissen
Vordergründig steht dafür der Drehort unmittelbar an der Berliner Mauer, das Fabrikgebäude der traditionsreichen Keramikfirma Puhl & Wagner, das vom Architekten der Kaiser-Wilhelm-Kirche, Franz Schwechten, 1903 erbaut wurde. Es musste 1972 einer Straße entlang der Mauer weichen, nachdem die Stadt Berlin es vom Konkursverwalter erworben hatte. 1967, als Johannes Schaaf dort drehte, befand sich die Firma zwar schon seit Jahren im Niedergang, war aber noch aktiv, was der Authentizität als Hintergrund eines von Herrn Lohmann (Alexander May) geführten Familienbetriebs sehr dienlich war. Wiederholt beschreibt er gegenüber seinem Adoptivsohn Benno (Christof Wackernagel) die Geschichte der vom Großvater gegründeten Firma - ein wichtiger Aspekt in dem sich zuspitzenden Generationskonflikt - die dank der Location von größter Glaubwürdigkeit ist. Angesichts der intakten Innenräume mit den wertvollen Mosaiken an den Wänden und des gut erhaltenen Fabrikgebäudes erschließt sich bei Betrachtung des Films erst die Dimension dieser jeden denkmalpflegerischen Gedanken missachtenden Vorgehensweise der Stadt.

Steilwandkurve der Avus - 1967 abgerissen
Auch die zur Avus gehörende Steilwandkurve, auf der sich junge Motorradfahrer in Schaafs Film noch austoben, überlebte die Dreharbeiten nur kurz und wurde 1967 abgerissen, um den Anschluss der Autobahn an den Berliner Ring neu zu ordnen – eine Neuordnung, die symbolisch für den Film steht. Herr Lohmann ist geradezu besessen davon, die alten gesellschaftlichen Regeln auszuhebeln. Er und seine Frau (Rosemarie Fendel) haben zwei Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen adoptiert, neben dem 16jährigen Benno noch die wenig ältere Gaby (Helga Anders). Allein schon Heranwachsende dieses Alters aufzunehmen, birgt ein großes Risiko, aber Herr Lohmann will weit darüber hinaus. Seine Vorgehensweise erinnert an eine Versuchsanordnung, mit der er beweisen will, dass Jeder in der BRD dieselben Chancen zu einem sozialen Aufstieg hat. Er spendiert Benno zu humanen Konditionen ein Motorrad, organisiert ihm eine Ausbildungsstelle und verliert auch nicht die Geduld, als der Junge sich nicht an die Abmachungen hält. Im Gegenteil besorgt er ihm einen neuen Job und unterstützt sogar Bennos erste sexuelle Erfahrungen mit Gaby in der gemeinsamen Wohnung.

Herr und Frau Lohmann
Immer wieder betont er dessen Zugehörigkeit zur Familie, bewahrt auch bei kritischen Äußerungen einen ruhigen Gestus, nur fehlt Herrn Lohmann gegenüber Benno jede Empathie. Emotional ist er in der Vergangenheit stehengeblieben, von der er gerne wortreich erzählt, dabei immer die Phase des Nationalsozialismus ausklammernd. Auch die Beziehung zu seiner Frau verweist noch auf die traditionellen Geschlechterrollen, so modern sie sich äußerlich geben. Über die Funktion als unterstützende Arbeitskraft in der Firma kommt sie nicht hinaus, während sein erotisches Interesse an seiner hübschen Stieftochter latent spürbar bleibt. Es wäre zu kurz gegriffen, Herrn Lohmanns liberale und selbstlose Außendarstellung nur als verlogen zu bezeichnen – sie steht zugespitzt für eine Nachkriegsgeneration, die gezwungen wurde, ihre anerzogenen Maßstäbe in Frage zu stellen. Hinsichtlich seiner „eintätowierten“ Prägung ähnelt seine Situation der Bennos.

Gaby und Benno
Den 16jährigen auf ein Kind aus einfachen Verhältnissen zu reduzieren, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht einfinden kann, oder ihn gar als Revoluzzer gegen das Establishment zu begreifen, bliebe an der Oberfläche. Diese Assoziation ist mehr dem Lebensweg Christof Wackernagels zu verdanken, dessen Verkörperung eines unangepassten Jugendlichen aus heutiger Sicht beinahe wie ein Menetekel wirkt. In Folge der späten 60er Jahre zunehmend politisiert, schloss er sich Mitte der 70er Jahre der RAF an. Nach Gefängnisaufenthalt und Auslandsjahren fand er in den 90er Jahren den Weg zurück in den Schauspielberuf. Im Gegensatz zur damals 19jährigen Helga Anders, deren Rolle in „Tätowierung“ sie weiter als verführerische Kindfrau festlegte – ein Klischee, dem sie bis zu ihrem frühen Tod nicht mehr entkam. Schaaf inszenierte ihren Charakter zwar zurückhaltend, ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie wie Benno eine Verlorene ist, auf der Suche nach Nähe und Verständnis. Gefühle, die ihnen das Ehepaar Lohmann nicht geben kann.

Benno und die anderen Jungs in der Erziehungsanstalt
Dank ihrer Attraktivität kommt Gaby scheinbar zurecht, Benno muss dagegen erfahren, dass weder der Ex-Häftling Sigi (Heinz Meier), mit dem er sich angefreundet hatte, noch seine früheren Kameraden aus der Erziehungsanstalt, deren Zorn er sich schon vor der Adoption zugezogen hatte, seinen Wunsch nach Geborgenheit erfüllen können. Und als er begreift, dass auch sein Zusammensein mit Gaby keine Tiefe besitzt, bleibt nur noch Herr Lohmann, dessen hartnäckiges Aufrechterhalten einer heilen Fassade für ihn zu einer unerträglichen Provokation wird. Benno zerstört nicht den Menschen Lohmann, sondern dessen Ignoranz gegenüber der Realität und den dadurch verursachten Stillstand. Die Beurteilung des Endes hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Aus bürgerlicher Sicht eine Katastrophe, für Benno ein Moment des Glücks und im Film die Konsequenz aus einem nur nach außen hin behaupteten Veränderungswillen.

Trotz seiner klar strukturierten, jede emotionale Zuspitzung vermeidenden unterhaltenden Erzählweise geriet der Film in Vergessenheit. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt voran und ließ den Eindruck entstehen, die „Tätowierung“ der Menschen gehöre der Vergangenheit an. Ein Irrtum – Schaafs Film blieb bis heute von höchster Aktualität.

"Tätowierung" Deutschland 1967, Regie: Johannes Schaaf, Drehbuch: Johannes Schaaf, Günter Herburger, Darsteller : Christof Wackernagel, Helga Anders, Alexander May, Rosemarie Fendel, Heinz Schubert, Heinz MeierLaufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Johannes Schaaf:

"Trotta" (1971)

Freitag, 5. Juni 2015

Mädchen mit Gewalt (1970) Roger Fritz

Inhalt: Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch) sind Arbeitskollegen, aber ihr gemeinsames Interesse gilt nur den Frauen, denen sie nach Feierabend hinterher jagen. Mit Werners schnittigem Auto fahren sie durch München, sprechen Mädchen auf der Straße an oder besuchen alte Bekannte, um ihre Chancen erneut zu testen. Dabei reagieren sie genauso schnell auf Zuwendung wie Ablehnung – die nächste Gelegenheit wartet schon.

Nachdem sie zwei junge Frauen einfach auf der Straße zurückließen, da diese ihnen schon nach kurzer Zeit auf die Nerven gingen, landen sie auf einer Go-Kart-Bahn, wo sie auf eine Gruppe von Studenten treffen. Es kommt zu offenen Feindseligkeiten mit den jungen Männern, von denen sich besonders Werner provoziert fühlt, aber Alice (Helga Anders) versucht zwischen ihnen zu vermitteln und beruhigt die Situation wieder. Die junge Frau ist ganz nach dem Geschmack der beiden Freunde, die ihre Chance wittern, als alle noch zum nächtlichen Baden aufbrechen wollen. Sie nehmen Alice in ihrem Auto mit, haben aber ein ganz eigenes Ziel…


"Mädchen mit Gewalt" , liegt seit dem 20.05.2015 nicht nur erstmals auf DVD / Blue-Ray vor, sondern wurde von Subkultur Entertainment in ihrer "Edition Deutsche Vita" nach Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Damit wurde nicht nur eine filmhistorische Lücke geschlossen - Roger Fritz' Filme spiegeln sehr genau die soziologischen Veränderungen in der BRD der 60er und 70er Jahre wider - sondern auch meine ganz persönliche Lücke. Aufmerksam wurde ich auf seinen Film Mitte der 70er Jahre auf dem Cover des "Soundtrack" -Albums der Rockgruppe CAN, ohne jemals näher hinter das Versprechen des Filmtitels zu gelangen. Bis zu dieser Veröffentlichung, die hinsichtlich Bildqualität und Ausstattung ein Optimum bietet. Interessant sind der Audio-Kommentar von Roger Fritz und Arthur Brauss, sowie das Interview mit Rolf Zacher nicht nur hinsichtlich ihres Informationswerts, sondern in ihrer selbstverständlichen Haltung, die weit von unserem heutigen Analyse-Denken entfernt ist. Sie waren damals dabei, haben unmittelbar auf ihre Umgebung reagiert und ihr Ding gemacht - genau das sieht man diesem Film in jedem Moment an. (Die grünen Links führen zur OFDb-Bestellseite). 


Schon der Titel klingt verabscheuungswürdig: "Mädchen mit Gewalt" - Gibt es etwas Feigeres und Niederträchtigeres, als gegenüber Frauen Gewalt anzuwenden? - Nicht überraschend, dass Roger Fritz‘ dritter Langfilm nach "Mädchen, Mädchen" (1967) und "Häschen in der Grube" (1969) in die Ecke "Zynischer Reißer" (Katholischer Filmdienst) gestellt wurde, obwohl Klaus Löwitsch für seine Rolle als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet wurde. Doch ähnlich der parallel erschienenen Filme "Deadlock" (Regie Roland Klick) und "Rote Sonne" (Regie Rudolf Thome) blieb Roger Fritz die Anerkennung im Rahmen des "Neuen deutschen Films" versagt und geriet sein Film schnell in Vergessenheit als ein gesellschaftskritische Aspekte effektheischend formulierendes Genre-Werk. Ein Urteil, dass sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten eines Regisseurs zieht, der - ausgehend von Georg Tresslers Film "Die Halbstarken" (1956), über den der 20jährige Roger Fritz eine Bildreportage fertigte, bis zu seiner letzten Regie-Arbeit "Frankfurt Kaiserstraße" (1981) - die soziokulturelle Entwicklung der BRD nach dem Krieg begleitete und wie unter einem Brennglas fokussierte.

Das galt auch für seine Mitstreiter. Mit Klaus Löwitsch, der schon in "Der Pauker" (1958) einen gewalttätigen, kriminellen Jugendlichen als warnendes Beispiel mimte, hatte Fritz 1960 in "...und noch frech dazu" gemeinsam vor der Kamera gestanden, dazu unter Frank Wisbar in dessen NS-kritischen "Fabrik der Offiziere" (1960) einen Wehrmachtssoldaten gespielt, um nach einer Rolle in Marran Gosovs Kurzfilm "Iris auf der Bank" (1965) erstmals in "Mädchen, Mädchen" (1967) Regie, Drehbuch und Produktion zu vereinen. Der Karrierebeginn seiner damaligen Frau Helga Anders, die Fritz in seinen frühen Filmen immer in der weiblichen Hauptrolle besetzte, findet sich ebenfalls im moralisch ambitionierten Film der späten 50er/frühen 60er Jahre wieder. An der Seite Heinz Rühmanns in „Max, der Taschendieb“ (1962) trat sie noch als kecke Tochter auf, bevor sie selbst ins Fahrwasser immer freizügigerer Filme geriet („Das Rasthaus der grausamen Puppen“, 1967).

Auch dem dritten Hauptdarsteller, Arthur Brauss, und Co-Autor Jürgen Knop war dieses Sujet vertraut, dessen beim Feuilleton anrüchiger Ruf übersehen ließ, wie genau sich darin die entstehenden Konflikte durch eine sich verändernde Sozialisation widerspiegelten. Mit „Treibgut der Großstadt“ (1967), „Heißer Sand auf Sylt“ (1968) und „Straßenbekanntschaften auf St. Pauli“(1968) hatte Knop sein Gefühl für den 60er Jahre-Zeitgeist ebenso bewiesen, wie Brauss – hier schon gemeinsam mit Klaus Löwitsch - in „Heisses Pflaster Köln“ (1967, Regie Ernst Hofbauer) und Radley Metzgers „Carmen Baby“ (1967). Kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten zu „Mädchen mit Gewalt“, spielte Roger Fritz noch eine tragende Rolle in der deutsch-italienischen Co-Produktion „Femmine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969) unter der Regie von Alberto De Martino, der darin Emanzipation, sexuelle Revolution und wachsenden Hedonismus zu einer Thriller-Handlung verband. Fritz‘ Rolle eines italienischen Familienvaters, der jede moralische Instanz verliert und Sex nur noch zur Machtausübung und Erniedrigung nutzt, kam einem frühen Abgesang auf die Ende der 60er Jahre noch propagierten Ideale gleich.

In ihrem sezierenden, schonungslosen und letztlich fatalistischen Blick auf die Geschlechterrollen ähneln sich beide Filme, aber Roger Fritz ging in „Mädchen mit Gewalt“ noch darüber hinaus und entwarf eine kammerspielartige Situation, die zwei Drittel des Films prägt, unterstützt von der sparsam eingesetzten „Can“-Musik und einer Kiesgruben-Location, die jeden unnötigen Ballast von der Story fernhalten. Nur die ersten 30 Minuten geben Zeugnis von der Lebenswelt der zwei männlichen Protagonisten Mike (Arthur Brauss) und Werner (Klaus Löwitsch), ihrer Arbeit und ihrem Freizeitverhalten, das allein von der gemeinsamen Jagd auf Frauen bestimmt wird. Als eingespieltes Team nehmen sie jede Gelegenheit war, um sie genauso schnell wieder fallenzulassen, wenn sich nicht der erwartete Erfolg einstellt. Nachdem sie auf einer Go-Kart-Rennbahn Alice (Helga Anders) kennenlernten, die eine vielversprechende Erotik ausstrahlt, gelingt es ihnen, sie von ihrer Gruppe zu separieren und nachts allein mit ihr in einer Kiesgrube zu landen. Zuerst entwickelt sich die Situation wie gewünscht, doch als der jungen Frau bewusst wird, dass die Anderen nicht mehr nachkommen, fordert sie die beiden Männer auf, sie wieder zurückzubringen.

Von besonderer Bedeutung dieser ersten Minuten ist der Konflikt zwischen den beiden knapp über 30jährigen Arbeitskollegen und der Studentengruppe, zu der Alice gehört. Rolf Zacher, der in den Jahren zuvor mehrfach als junger Freigeist in den Filmen von George Moorse auftrat („Der Griller“, 1968), steht für das damalige Selbstverständnis der jungen Männer in ihrem liberalen Umgang mit jungen Frauen – ein Umgang, der 10 Jahre zuvor noch ausgeschlossen und auch 1970 nur in einer Großstadt wie München vorstellbar war. Der Betrachter erfährt nichts von der Vergangenheit von Werner und Mike, aber dass sie mit Anfang 20 noch nicht diese Möglichkeiten hatten, steht außer Zweifel. Das verleiht ihrer permanenten Baggerei etwas getriebenes, wie der Versuch, die eigene Jugend nachzuholen. Zacher und seine Kumpels spüren das sofort und provozieren die „Älteren“ – Alice kann den handgreiflich werdenden Konflikt zwar schlichten, empfiehlt sich damit aber unbewusst noch mehr als Objekt der Begierde.

Der von Roger Fritz nicht autorisierte Alternativ-Filmtitel „Mädchen…nur mit Gewalt“ (gemäß seiner Aussage im Audio-Kommentar) erweist sich schon zu diesem Zeitpunkt als Unsinn. Weder Werner, noch Mike wollen Gewalt anwenden. Im Gegenteil überspielt ihr forsches Vorgehen nur ihre Sehnsucht nach Liebe, die sie sich in ihrer jeweiligen Männer-Rolle nicht zugestehen, die in der später eskalierenden Situation aber von wesentlicher Bedeutung wird. Die Antipoden Werner und Mike stehen geradezu prototypisch für den männlichen Charakter – eine legitime, auch in Theaterdramen übliche Zuspitzung, der nichts „reißerisches“ anhaftet. Werner ist der Macher, Mike gibt sich intelligent und gebildet. Normalerweise eine schwer vorstellbare Verbindung, aber Männer verstanden es schon immer, bei gleichem Interesse Unterschiede zu akzeptieren oder mehr noch, diese für sich zu nutzen. Für die Jagd auf Frauen erweisen sich ihre jeweiligen Fähigkeiten als vorteilhaft, vorausgesetzt sie kommen gleichberechtigt zum Zug. Doch Alice weckt in beiden Männern eigene Bedürfnisse, weshalb die sonst unterdrückten Empfindungen explosionsartig herausbrechen und zu unvorhersehbaren Konsequenzen führen.

Die umstrittenste Figur in diesem Dreieck ist die Frauenrolle. Helga Anders, schon optisch dafür prädestiniert, verkörperte eine sexuell freizügig auftretende junge Frau, die nicht nur sofort nackt baden geht, sobald die Drei in der Kiesgrube angekommen waren, sondern selbst nach der Vergewaltigung nie ihr Dekolleté zuhält. Die oberen zwei Knöpfe ihres Kleides waren abgerissen und Roger Fritz, der sich sonst mit Nacktaufnahmen sehr zurückhielt, lässt die Kamera permanent auf ihren nur knapp verhüllten Busen halten und bediente damit nicht nur den Voyeurismus des Betrachters, sondern auch das von Werner formulierte Vorurteil, dass Alice doch selbst schuld an ihrer Situation wäre. Auch das Verhalten der jungen Frau, dass zwischen verzweifelter Wut und Mitgefühl changiert, fördert diesen Eindruck noch.

Diese Form der Inszenierung, die entscheidend zum „reißerischen“ Eindruck beitrug, lässt wiederholt deutlich werden, welche Risiken Filmemacher eingehen, wenn sie vom Betrachter Selbstreflexion einfordern. Zur Entstehungszeit des Films provozierte Alice' Verhalten zwar deutlich mehr, aber an Mikes Ausführungen über die Folgen einer Anzeige wegen Vergewaltigung hat sich bis heute ebenso wenig geändert, wie an dem allgemeinen Urteil über promiskuitiv auftretende Frauen. Auch Mike und Werner – sieht man von der Verheißung einer damals noch frischen sexuellen Liberalisierung einmal ab – stehen stellvertretend für bis heute übliche männliche Charakterzüge. Zwar storytechnisch fokussiert und einer extremen Situation ausgesetzt, aber in ihrer Demaskierung generell gültig. „Mädchen mit Gewalt“ als zeitlos zu bezeichnen, ist deshalb noch zu schwach, auch Attribute wie „zynisch“ oder „böse“ - heute anerkennend gemeint - lassen nach wie vor den Abstand des Betrachters zum Geschehen erkennen. Doch dieser existiert hier nicht und das macht die Größe dieses Films aus.

"Mädchen mit Gewalt" Deutschland 1970, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Roger Fritz, Jürgen Knop, Winfried SchnitzlerDarsteller : Helga Anders, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss, Rolf Zacher, Astrid Bohner, Monika ZinnenbergLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Roger Fritz:

Freitag, 26. Juli 2013

Max, der Taschendieb (1962) Imo Moszkowicz



Inhalt: Schon lange verdient Max Schilling (Heinz Rühmann) seinen Unterhalt als Taschendieb. Während er nach außen hin ein bürgerliches Leben führt, damit seine zwei Kinder, Freunde und Nachbarn nichts davon erfahren, weiß seine Frau Pauline (Elfie Pertramer), mit der er seit 15 Jahren verheiratet ist, natürlich Bescheid. Und ist entsprechend besorgt, da sie jedes Mal befürchtet, dass er von der Polizei erwischt wird. Doch Max hat seine eiserne Regel, nur Portemonnaies zu stehlen, bisher immer eingehalten, um keine längere Gefängnisstrafe zu riskieren. So reagiert er auch diesmal wieder ablehnend auf ein Angebot von Joe (Harald Maresch) bei einem größeren Coup mitzumachen, obwohl er das Geld gut gebrauchen könnte.

Denn die „Geschäfte“ laufen von Jahr zu Jahr schlechter, da der bargeldlose Zahlungsverkehr zunimmt und die Menschen weniger Geld in der Tasche haben. Auch ein gelungener Fischzug bei dem Auftritt eines Zauberers in einem Varieté stellt sich als Niete heraus, da es sich bei den vielen Dollars, die Max seinem Tischnachbarn geklaut hatte, um Falschgeld handelt. Doch die Polizei erfährt nichts von ihm, denn Max verpfeift Niemanden. Noch mehr Sorgen macht ihm Fred (Hans Clarin), sein Schwager und der jüngere Bruder seiner Frau, der keinem Beruf nachgeht und immer pleite ist, obwohl seine Freundin Desiree (Ruth Stephan) schon von ihm schwanger ist. Zudem will Fred es Max zeigen, über dessen Bescheidenheit er sich lustig macht, und dabei ganz groß absahnen…


"Max, der Taschendieb" gehört nicht zu den Filmen innerhalb des Rühmannschen Gesamtwerks, die besondere Erwähnung finden - zu häufig hatte er einen anständigen und sympathischen Kerl gespielt, dem das Publikum seine kleinen Fehltritte gerne verzieh. Hier verrät schon der Filmtitel, welche Abweichung von der Norm er sich leistet, denn Max Schilling (Heinz Rühmann) verdient seinen Unterhalt als Taschendieb. Doch darüber hinaus ist er ein Muster an Zuverlässigkeit und Bescheidenheit, ein liebevoller Ehemann und treusorgender Vater zweier halbwüchsiger Kinder. Kurz, eine Kunstfigur, der nur Heinz Rühmann Leben einhauchen konnte, dem man abnimmt, dass er sich zwar an die Regeln der "Unterwelt" hält, gleichzeitig aber nie in Versuchung gerät, jemals über seine Position als kleiner Dieb hinaus zu wollen. Zudem verbreitet der Film die Mär, dass Max nur wohlhabende Leute bestiehlt, was angesichts seiner eigenen Aussage, im letzten Jahr hätte er nur durchschnittlich acht DM in den Portemonnaies gefunden, kaum möglich sein kann.

Mit dieser Bemerkung wollte er gegenüber seinem alten Freund und ständigen Partner im Taschendiebstahl-Geschäft, Arthur (Hans Hessling), der auf Grund eines Gips-Fußes gerade pausieren muss, begründen, dass die Zeiten generell schlechter werden (ein historisch interessanter Aspekt, da die Wirtschaft nach 1960 nur langsamer wuchs als zuvor, was damals offensichtlich als Verschlechterung empfunden wurde - noch mehrmals redet Max von schwierigen Zeiten). Arme Leute zu bestehlen, macht keinen Spaß, erwähnt Max noch, womit die Verzeihlichkeit gegenüber seiner Profession zunimmt. Konsequenterweise wird Max nur bei Anlässen in Aktion gezeigt, zu denen gut situierte Menschen zusammen kommen, womit der Film weiter auf der Klaviatur der Verharmlosung spielt, als ob das Ausbaldowern viel versprechender Gelegenheiten nicht zum alltäglichen Handwerk eines Diebes gehört. Gepaart mit Rühmanns häufig schuldbewusster und sorgenvoller Miene, die ihn auf die Stufe jedes kleinen Malochers stellt, der nur möchte, dass seine Frau zum Friseur gehen kann und es seine Kinder einmal besser haben werden, verliert sein Job jeden kriminellen Gestus. Betont wird das noch durch die Figur des Kommissars, der Max sehr schätzt und seine "Verfehlungen" nur leicht vorwurfsvoll rügt.

Vielleicht liegt es an dieser vollständig konstruierten Figur, dass "Max, der Taschendieb" in sämtlichen Publikationen als Komödie eingeordnet wird, obwohl der Film keinerlei komödiantische Story-Elemente aufweist, sondern im Gegenteil von zwei brutalen Morden erzählt, darunter an einem unmittelbaren Familienmitglied. Schwarzer Humor, verbunden mit einem unrealistischen Umfeld, bildete schon häufig den Hintergrund für gelungene Gauner-Komödien, in denen der Protagonist augenzwinkernd nicht nur gegen das Gesetz, sondern auch gegen gängige moralische Standards verstoßen durfte, aber "Max, der Taschendieb" ist abgesehen von seinem "Unterwelt" - Sujet, dass sich auf die Kneipe von Lizzy (Lotte Ledl) beschränkt, in dem ihr Freund Joe (Harald Maresch) die lokale Ganoven-Größe gibt, zutiefst bürgerlich und konservativ. Der einzige wirkliche Schwerverbrecher im Film, der US-Amerikaner Charlie Gibbons (Benno Sterzenbach), ist Ausländer.

"Max, der Taschendieb" ist kein Film, der mit einer leicht individuellen Lebensweise sympathisiert, wie es der Titel vermuten lassen könnte, sondern der im Gegenteil die totale Anpassung an die gesellschaftliche Norm predigt. Die Figur des Fred (Hans Clarin) wird als warnendes Beispiel für den Fall präsentiert, dass ein Mensch seine Stellung innerhalb der Gesellschaft nicht akzeptiert, wofür er hart bestraft wird. Dass ihm zudem Egon (Friethjof Vierock), Max jugendlicher Sohn, mit Sätzen Jean-Paul Sartres den Kopf verdrehte, gab Rühmann in seiner Rolle die Gelegenheit, an Hand klischeehaft aus dem Zusammenhang gerissener Zitate, die damals unter Jugendlichen populären existentialistischen Thesen zu verunglimpfen - natürlich leicht ironisch. Auch das Fred seine Freundin Desiree (Ruth Stephan) schwängerte - von Max gegenüber seiner 12jährigen Tochter Brigitte (Helga Anders) als Ausnahme von der Regel bezeichnet - passt in das Gesamtbild eines jungen Menschen, der sich nicht an die Regeln hielt. Obwohl es sich bei Fred immerhin um den jüngeren Bruder von Max' Frau Pauline (Elfie Pertramer) handelt und er eine schwangere Frau hinterlässt, vermittelt der Mord an ihm keine wirkliche Tragik - ein solcher Typus war offensichtlich verzichtbar, weshalb sein Tod auch die generelle Einordnung des Films als "Komödie" nicht weiter störte.

Neben dieser Charakterisierung eines Außenseiters, fällt auch das sehr konservative Frauenbild des Films auf. Geradezu unangenehm ist die körperliche Auseinandersetzung zwischen der schwangeren Desiree, die sich Babywäsche strickend schon als zukünftige Ehefrau sieht, mit der Barfrau Lizzy, die sie als "Schlampe" bezeichnet, weil ihr Fred in den Ausschnitt gesehen hatte. Max muss die Furien wieder trennen, was die Rolle seiner Ehefrau Pauline als Hausfrau und Mutter noch zusätzlich idealisiert. Wenn sie - nachdem Max ihr mitteilte, dass er nicht mehr weiter stehlen will und deshalb nicht weiß, wie er Geld verdienen soll - ihm antwortet, ihr sei das egal, hauptsache sie bekäme wie immer pünktlich ihr Haushaltsgeld, dann wirkt das nicht nur aus heutiger Sicht unfreiwillig komisch, sondern auch für das Entstehungsjahr des Films nicht mehr zeitgemäß.

"Max, der Taschendieb" wirkt wie ein letzter Versuch, das Rad der Zeit nochmals zurück zu drehen. Auch die zuvor von István Békeffy und Hans Jacoby gemeinsam geschriebenen Drehbücher zu den Rühmann-Filmen "Ein Mann geht durch die Wand" (1959), "Der Jugendrichter" (1960), "Das schwarze Schaf" (1960) oder "Der Lügner" (1961) vermittelten noch den Zeitgeist der 50er Jahre in der Bundesrepublik und trafen damit den damaligen Publikumsgeschmack, aber der "kriminelle" Hintergrund des Protagonisten zwang sie offensichtlich dazu, die Anstandsschraube möglichst weit hochzudrehen. Trotz dieses inhaltlichen und zeitlichen Kontextes wäre der Film aus heutiger Sicht nur noch schwer erträglich, gelänge es Heinz Rühmann dank seines schwerelosen Spiels nicht, sowohl die in der Grundanlage ernsthafte Story, als auch den reaktionären Subtext zu verschleiern, weshalb der Film seinen unterhaltenden Charakter beibehalten konnte. Diesem hat "Max, der Taschendieb" auch seine "Komödien" - Klassifizierung zu verdanken, vielleicht die einzige Möglichkeit, den Film nicht allzu ernst zu nehmen. Heinz Rühmann spielte hier das letzte Mal den "einfachen Mann aus dem Volke", womit "Max, der Taschendieb" doch eine Sonderstellung in seinem Gesamtwerk zukommt - wenn auch nicht aus qualitativen Gründen.

"Max, der Taschendieb" Deutschland 1962, Regie: Imo Moszkowicz, Drehbuch: István Békeffy, Hans Jacoby, Darsteller : Heinz Rühmann, Elfie Pertramer, Hans Clarin, Benno Sterzenbach, Frithjof Fierock, Helga Anders, Laufzeit : 91 Minuten