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Montag, 25. Mai 2015

Deadlock (1970) Roland Klick

Inhalt: Gleißend brennt das Sonnenlicht auf einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Mann, der alleine durch die wüstenähnliche Einöde wankt und sich kaum auf den Beinen halten kann. Trotzdem trägt er den metallenen Koffer weiter bei sich bis ihn die Hitze übermannt und er leblos an einer staubigen Straße liegen bleibt. Als er mit seinem alten LKW vorbei fährt, sieht ihn Charles Dump (Mario Adorf) und springt heraus, interessiert sich aber nur für den Koffer. Das viele Geld darin lässt ihn einen großen Stein packen, um den Mann endgültig zu töten, aber er kann sich nicht überwinden und lässt ihn in der Hoffnung zurück, dass er dort von allein stirbt.

Dump, der seit Jahren in einem heruntergekommenen, von den ehemaligen Arbeitern verlassenen Lager lebt, sieht in dem Geld eine Chance, endlich von hier wegzukommen. Dass der Mann, dem er es gestohlen hat, noch lebt, hält er plötzlich wieder für ein Risiko und dreht mit seinem LKW um. Doch inzwischen hat sich Kid (Marquardt Bohm) erholt und zwingt ihn mit seiner Maschinenpistole, ihn mitzunehmen. Nur ein kurzer Triumpf für ihn, denn im Lager verlassen ihn erneut die Kräfte…


"Bübchen" (1968)
Um die Wirkung von "Deadlock" auf den damaligen Betrachter nachvollziehen zu können, ist es notwendig sich die Reaktion anzusehen, die Roland Klicks zweiter Langfilm nach „Bübchen“ (1968) auslöste. Nicht nur das er dafür kritisiert wurde, "zu stark auf Action gesetzt“ und sich stilistisch am als zynisch und gewalttätig angesehenen Italo-Western orientiert zu haben, die Konsequenz ging so weit, dass sein Film aus dem Wettbewerb von Cannes ausgeladen wurde. Ihm erging es ähnlich wie etwa dem Regie-Kollegen Rudolf Thome mit „Rote Sonne“ (1970), in dem Marquardt Bohm ebenfalls die männliche Hauptrolle spielte – trotz einer modernen Bildsprache und der Abkehr von gewohnten Erzähl-Strukturen, fanden sie als Autorenfilmer des „neuen deutschen Kinos“ keine Anerkennung, da sie sich aus Sicht der Kritiker zu sehr typischen Unterhaltungskriterien anbiederten.

"Deadlock" (1970)
Der Irrsinn dieser Einschätzung steigert sich noch bei der vergleichenden Hinzuziehung seines Erstlings „Bübchen“. Obwohl Roland Klick darin mit skalpellartigen Schnitten die Mechanismen deutschen Kleinbürgertums freilegte, ohne eine wertende Haltung einzunehmen, wurde auch „Bübchen“ keine Anerkennung zuteil – zu nah geriet sein Film an die tatsächlichen deutschen Befindlichkeiten. Auch wohlmeinende Kritiken sehen in „Deadlock“ einen thematischen Wandel  zu „Bübchen“ – hier die stilisierte Gangster-Story in einer wüstenähnlichen Landschaft, dort die Schilderung deutschen Alltags in einer tristen Nachkriegs-Wohnsiedlung am Rande Hamburgs – aber dieser Eindruck täuscht. Betrachtet man die zwei ersten stehenden Einstellungen beider Filme, werden die Parallelen sichtbar. In „Bübchen“ fängt die Kamera einen nicht weniger inhaltsleeren, neutralen Ort ein als in „Deadlock“, wo Marquard Bohm vor Schwäche torkelnd durch eine von der Sonne aufgeheizte felsige Einöde langsam auf die Kamera zuläuft. Die Gemeinsamkeiten setzen sich fort in einer Story, die das unreflektiert selbstzerstörerische Verhalten seiner Protagonisten nicht begründet, sondern in zwangsläufiger Konsequenz abbildet.

Kid (Marquard Bohm) läuft schwer verletzt mit einem metallenen Koffer durch die unendlich scheinende Sandwüste. Die Inszenierung seines Zusammenbruchs verweist schon früh auf die enge Verzahnung der Filmmusik von „Can“ zu der Hoffnungslosigkeit, die den gesamten Film prägt. Ihr Rhythmus und die Schnitte zwischen der unbarmherzigen Sonne und dem erschlaffenden Körper Kids (Marquard Bohm) werden zu einer sich steigernden Einheit bis es zu dessen Zusammenbruch kommt. Zufällig findet ihn Charles Dump (Mario Adorf), der mit seinem LKW auf dem Weg zu seinem Lager ist, leblos im Staub liegen. Nur wenig interessiert an dem Mann, gilt sein Blick schnell dem Koffer, der sehr viel Geld und eine Single enthält. Anstatt Kid zu helfen, will er ihn zuerst töten, zögert, fährt davon, kehrt wieder zurück, um ihn doch zu beseitigen. Zu spät, denn inzwischen konnte sich Kid wieder aufrappeln und zwingt Dump mit seinem Maschinengewehr, ihn mit dem LKW mitzunehmen. Doch im Lager verlieren ihn wieder die Kräfte und Dump hat erneut Oberwasser.

Diese ersten zwanzig Minuten, in denen Dump und Kid sich - ständig verändernde Positionen einnehmend - begegnen, sind bis ins Detail in ihrer psychologischen Tiefe beobachtet. Adorf spielte einen Lagerleiter, der seit Jahren in einem verlassenen Camp haust, in dem nur noch eine gealterte Prostituierte (Betty Segal) und deren Tochter (Mascha Elm-Rabben) vor sich hin vegetieren. Alles wirkt provisorisch, unfertig und heruntergekommen. Dump sieht das Geld als Chance, endlich von diesem Ort („Deadlock“ bedeutet sinngemäß ausweglos) wegzukommen. Gleichzeitig ist er aber nicht mehr dazu in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Sein Verhalten wechselt zwischen übertriebener Gewalttätigkeit und weinerlichem Selbstmitleid – der Grund dafür, warum Kid am Leben bleibt. Mario Adorf lieferte ein weiteres Glanzstück als zerrissener Charakter, während Marquard Bohm ähnlich wie in "Rote Sonne" wieder ein Beispiel jugendlicher Coolness abgab, das auch heute noch jeden Attraktivitätswettbewerb gewinnen würde, gerade weil es so typisch für diese Zeit Anfang der 70er Jahre ist.

Klicks Film in die Nähe des Italo-Western zu rücken, bleibt an der Oberfläche. Wie schon in „Bübchen“ nutzte der Regisseur Stilmittel populärer Filme, um die inneren Befindlichkeiten seiner Protagonisten zugespitzt herauszuarbeiten. „Deadlock“ wird zu einer Studie über Konsequenz, innere Stärke und Selbsteinsicht, die jedem Autorenfilm des „neuen deutschen Films“ zur Ehre gereicht hätte. Marquard Bohm entwickelte eine Gefühlskälte und Fatalismus in seinem Charakter, die noch stärker hervortritt, als sein Partner Anthony Sunshine (Anthony Dawson), ein gealterter Gangster, im Camp auftaucht. Klick inszenierte ihn zwar im Stil eines Revolverhelden, doch seine äußerliche Coolness erweist sich als Fassade, die langsam zu bröckeln beginnt. Während Dump seine Unsicherheit mit übertriebenen und anbiedernden Gesten auszugleichen versucht, nutzt Sunshine diese mit sadistischem Gestus für seine Zwecke aus, woran erst dessen Schwäche und mangelndes Selbstbewusstsein gegenüber dem jüngeren Kid deutlich wird. Ein Wechselspiel, das auf einen tödlichen, westernartigen Showdown zuläuft.

Entsprechend scheint das Etikett „Western“ nahe liegend, aber Klick folgte in dem abschließenden Duell nicht den Regeln des Genres, sondern blieb seiner eigenen Linie treu. Die von einer springenden Nadel erzeugten, sich ständig wiederholenden zwei Töne, lassen in ihrer Penetranz nicht nur die sengende Hitze fühlbar werden, sondern transportieren die nihilistische Botschaft einer degenerierten und egoistischen Sozialisation. Im Italo-Western gehörte der unmenschliche Zynismus zum guten Ton optischer Coolness, in „Deadlock“ bohrte er sich ins Gedächtnis des Betrachters.

"Deadlock" Deutschland 1970, Regie: Roland Klick, Drehbuch: Roland KlickDarsteller : Marquard Bohm, Mario Adorf, Anthony Dawson, Mascha Elm-Rabben, Betty SegalLaufzeit : 88 Minuten

Dienstag, 17. Februar 2015

Am Tag als der Regen kam (1959) Gerd Oswald

Inhalt: Der Herr (Arno Paulsen), der in seiner Limousine auf der nächtlichen Avus unterwegs ist, kann der hübschen blonden Anhalterin nicht widerstehen, nicht ahnend, dass es sich bei ihr um ein Mitglied einer berüchtigten Bande handelt, die unter der Leitung von Werner Maurer (Mario Adorf) in Berlin ihr Unwesen treibt. Selbst als Ellen (Elke Sommer) noch eine Freundin mit einlädt, bei der es sich um einen verkleideten Mann handelt, erregt das noch keinen Verdacht bei dem Geschäftsmann, der ganz eigene Absichten mit der jungen Frau hat.

Doch dazu erhält er keine Chance. Zwei Motorradfahrer heften sich an seine Fersen und er wird von dem Mann im Fonds überwältigt, seines Geldes beraubt und ohne Fahrzeug zurückgelassen. Robert (Christian Wolff), der mit seinem Motorrad bei dem Raub beteiligt war, gerät auf der Flucht zum verabredeten Treffpunkt in eine Verkehrskontrolle wegen zu schnellen Fahrens. Die inzwischen alarmierte Polizei befragt ihn auch wegen des Überfalls, kann ihm aber nichts beweisen. Der ermittelnde Kriminalassistent Thiel (Horst Naumann), der sich in der Jugend-Szene gut auskennt, ahnt aber, dass Robert ihm eine Hilfe sein könnte und versucht, Vertrauen zu ihm aufzubauen…

"Am Tag als der Regen kam" , den die PIDAX am 23.12.2014 herausbrachte, gehört zu einer Filmgattung der späten 50er/frühen 60er Jahre, die eine eigene Genrebezeichung verdient gehabt hätte. Äußerlich zwar in Form eines Dramas oder Thrillers, selten als Komödie daher kommend, verbarg sich hinter den höchst unterhaltend inszenierten Stoffen eine Warnung an die Jugend vor den Versuchungen einer sich wandelnden Gesellschaft - Kriminalität, Drogen und nicht zuletzt der allgemeine moralische Verfall. Diese dank der PIDAX wieder dem Vergessen entrissenen Filme vermitteln ein stimmiges Bild dieser Phase in der BRD und lassen die Entwicklung in Richtung der 68er Generation früh erkennen. Bemerkenswert ist auch, dass viele dieser Filme trotz ihrer prominenten Besetzung nur selten im Fernsehen gezeigt wurden - als hätte man sie vergessen wollen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 






"Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht..."

Allein 1959 brachte es der Song auf acht Cover-Versionen in Deutschland, aber in Erinnerung blieb nur das "Original" der französischen Sängerin Dalida, die die Gilbert Bècaud-Komposition "Le jour où la pluie viendra", begleitet vom Orchester Raymond Lefèvre, schon Ende 1957 in Frankreich herausgebracht hatte. Doch erst ihre deutschsprachige Version "Am Tag als der Regen kam" traf Mitte 1959 den Nerv eines Publikums, das sich von der Mischung aus melancholischer Musik, rauchiger Stimme und der erlösenden Funktion des Regens offensichtlich angesprochen fühlte, die kaum gegensätzlicher zur damals in Deutschland populären Schlagermusik hätte ausfallen können. Zwar besingt Dalida darin auch die Wonnen der Liebe, aber der tragische Unterton des Songs bleibt gegenwärtig und hält immer die Waage zwischen Glück und Trauer.

Diesen Eindruck hatte scheinbar auch Regisseur Gerd Oswald, der „Am Tag als der Regen kam“ nicht nur als Hintergrundmusik nutzte, sondern gleich seinen Film danach benannte. Bemerkenswerterweise seinen ersten deutschen Film, denn der 1938 in die USA als 19jähriger emigrierte Oswald war in Hollywood vom Darsteller zum Regisseur aufgestiegen und hatte in den Jahren zuvor Filme mit Anita Ekberg („Screaming Miami“ (Die blonde Venus, USA 1958)), Bob Hope („Paris Holiday“ (Falsches Geld und echte Kurven, USA 1958)) oder Barbara Stanwyck („Crime of passion“ (Das war Mord, Mr.Doyle, USA 1957)) gedreht. Im Gegensatz zu diesen Auftragsarbeiten leichter Unterhaltungsware schwebte ihm für seine erste Regie-Arbeit in seiner Heimatstadt Berlin offensichtlich etwas ernsteres, gesellschaftsrelevanteres vor - gut an den atmosphärischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu erkennen, mit der er die geteilte, von den Spuren des Krieges gezeichnete Stadt inszenierte.

Die aus heutiger Sicht geschichtsträchtigen Bilder des stark beschädigten Reichstagsgebäudes, dessen Kellergewölbe der Jugendbande im Film als Rückzugsort dienen, und des nur wenige Meter entfernt liegenden, noch offenen Grenzübergangs am Brandenburger Tor, symbolisierten eine unsichere Nachkriegs-Situation, die - verbunden mit den soziokulturellen Veränderungen der 50er Jahren – als Ursache für eine angeblich kriminalisierte und sexuell offensive deutsche Jugend angesehen wurde, wie sie in der zweiten Hälfte der 50er Jahre häufig im Film thematisiert wurde. Besonders die Orientierung an US-Vorbildern wurde kritisch in den Mittelpunkt gerückt. Motorradbanden, Nachtbars und die Regeln der Coolness, die die soziale Hackordnung innerhalb der Gruppe bestimmten, beherrschten auch die Szenerie in Oswalds Film.

Die Hinzuziehung von Heinz Oskar Wuttig, der zuvor mit seinem Drehbuch zu „Die Frühreifen“ (1957) Einfühlungsvermögen für die sexuellen Belange der Heranwachsenden bewiesen hatte, betonte noch Oswalds aufklärerische Intention, die an das Vorbild „Die Halbstarken“ erinnert, der 1956 erstmals die Situation der Jugendlichen in Deutschland nach dem Krieg beleuchtet hatte. Neben dem identischen Handlungsort Berlin, das als pulsierende, die Nachkriegszeit brennglasartig zuspitzende Großstadt den idealen Hintergrund für eine abenteuerliche Story um Bandenkriminalität und moralischen Niedergang abgab, liegt eine bemerkenswerte Parallele in der Auseinandersetzung mit der Väter-Generation. Wurde Horst Buchholz in seiner Rolle in „Die Halbstarken“ mit einem frustrierten Vater konfrontiert, der auf Grund einer Kredit-Bürgschaft gezwungen ist, am Existenzminimum zu leben, unterstützt Werner Maurer (Mario Adorf) in „Am Tag als der Regen kam“ seinen ständig alkoholisierten Vater Albert (Gerd Fröbe) nach dessen Verlust der ärztlichen Zulassung mit dem ergaunerten Geld.

Diese konstruierte Dramatik verklausulierte den Generations-Konflikt, der in den 50er Jahren zwischen den Kriegsheimkehrern und einer aufbegehrenden Jugend entstanden war. Trotz der Zerstörungen und der von Oswald thematisierten Teilung der Stadt mit ihren unterschiedlichen politischen Systemen, wurden der wenige Jahre zurückliegende Krieg und die Diktatur im Film tabuisiert und fanden keine Erwähnung. Fröbes überzeugende Darstellung eines Alkoholikers hätte enorm an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären seine Depressionen als Folge der jüngsten Vergangenheit beschrieben worden, aber dieser Zusammenhang wurde nicht hergestellt. Stattdessen blieb der psychologische Hintergrund für sein Verhalten ebenso oberflächlich, wie die geschilderten Mechanismen innerhalb der Jugendbande. Der Brille tragende Außenseiter wird durch den sozialen Druck zum Mörder, um seine Zugehörigkeit zu beweisen, und der sonst so großmäulige Anführer erweist sich in einer schwierigen Situation als Feigling.

Ähnlich vieler ambitionierter Gesellschaftsdramen dieser Phase nutzte „Am Tag als der Regen kam“ seine unterhaltsame, sich tragisch zuspitzende Thriller-Handlung, um die Jugend vor den Versuchungen der Konsumgesellschaft und liberaleren moralischen Standards zu warnen. Äußerlich zeitgemäß inszeniert, verbarg sich im Sub-Text die pädagogische Intention. Dafür spricht auch die Besetzung von Christian Wolff als Bandenmitglied Robert, der damaligen Allzweckwaffe als „anständiger“ junger Mann im deutschen Film. Nachdem er in „Anders als du und ich“(1957) von der Homosexualität „geheilt“ worden war, verkörperte er in den folgenden Jahren mehrfach einen Jugendlichen, der erst auf die schiefe Bahn gerät, um schließlich seinen Fehler einzusehen und doch den „richtigen Weg“ einzuschlagen. Die von ihm gespielten jungen Männer durften nicht zu brav sein, um eine Identifikation beim Publikum zu ermöglichen. Erst dadurch erhielt seine spätere Einsicht die gewünschte Vorbildwirkung.

Gleiches galt für seine Partnerin Corny Collins, mit der Wolff damals real verheiratet war. In „Am Tag als der Regen kam“ spielte sie Inge aus Ostberlin, die mit Robert gemeinsam nach Westdeutschland gehen will, was Bandenboss Werner nicht gefällt. Collins stand für die moderne, aber wohl erzogene junge Frau – hübsch, aber mit ihren kurzgeschnittenen dunklen Haaren und hochgeschlossener Kleidung gegensätzlich zur sexuell aufreizenden blonden Ellen (Elke Sommer) auftretend, der attraktiven Geliebten des Anführers. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Paare bediente „Am Tag als der Regen kam“ kein typisches Gut-/Böse-Schema, vermied Oswald eine zu einseitige, rückwärtsgewandte Sichtweise. Inge und Robert verbringen unverheiratet eine Nacht miteinander und auch wenn an ihren hehren Zukunftsabsichten kein Zweifel bestehen konnte, bewiesen die Macher damit ihren Sinn für die Realitäten und verfolgten keine übertriebene Idealisierung ihres Vorzeige-Paars.

Ob ihre Botschaft beim damaligen Publikum ankam, lässt sich heute nur noch schwer feststellen, von langer Wirkung war sie nicht. „Am Tag als der Regen kam“ erging es wie den meisten Filmen dieser Phase, die vor den Gefahren der Moderne warnten, gleichzeitig aber deren Faszination bedienten. Statt Christian Wolff und Corny Collins wurden Elke Sommer, die hier in einer frühen Nebenrolle zu sehen war, und Mario Adorf zu internationalen Stars. Adorf gelang es seiner Rolle als Bandenboss mit blonder Freundin und Cabriolet sympathische Züge zu verleihen, ließ er neben konsequenter Härte auch soziale Kompetenz erkennen, nicht zuletzt im Umgang mit seinem Vater. Das nahm dieser Figur die abschreckende Wirkung, trotz der durch ihn ausgelösten tragischen Konsequenzen. Nicht der geläuterte Robert bleibt in Erinnerung, sondern der am Ende hilflos wirkende Werner und sein demoralisierter Vater – und die Stimme Dalidas: 

„…dann kamst du, dann kamst du!“

"Am Tag als der Regen kam" Deutschland 1959, Regie: Gerd Oswald, Drehbuch: Gerd Oswald, Heinz Oskar Wuttig, Will Berthold, Darsteller : Mario Adorf, Gert Fröbe, Christian Wolff, Corny Collins, Elke Sommer, Claus Wilcke, Arno PaulsenLaufzeit : 81 Minuten

Sonntag, 8. Februar 2015

Endstation 13 Sahara (1963) Seth Holt

Inhalt: In einem kleinen Ort am Rande der Sahara wird Martin (Hansjörg Felmy) abgeholt, um von dort zu einer kleinen Pump-Station in der Wüste gebracht zu werden, wo er für einen US-amerikanischen Öl-Konzern arbeiten soll. Er hat sich ebenso für fünf Jahre verpflichtet wie die anderen vier Männer, die unter der Leitung des deutschstämmigen US-Amerikaners Kramer (Peter van Eyck) ihrem eintönigen Job in der Einöde nachgehen.

Zwar stehen ihnen ein paar einheimische Arbeitskräfte als Dienstboten zur Verfügung, aber darüber hinaus bietet das Lager-Leben weder Komfort, noch Abwechslung, sieht man von den gemeinsamen Poker-Spielen ab, zu denen Kramer die Männer gegen ihren Willen nötigt. Einzig ein paar Prostituierte kommen in größeren Abständen zu Besuch, wie Martin bei seiner Ankunft feststellt, aber die Sehnsüchte der Männer können sie nur kurz vertreiben…


Mit "Endstation 13 Sahara" veröffentlicht PIDAX am 20.02.2015 nach "Ein Toter sucht seinen Mörder" (1962) auch den zweiten (und letzten) Versuch Arthur Brauners, mit einer deutsch-englischen Co-Produktion auf dem englischen Markt Fuß zu fassen. Gehörte "Ein Toter sucht seinen Mörder" zu dem - dank der Edgar-Wallace-Erfolge - damals sehr populären Mystery-Kriminal-Genre, fiel "Endstation 13 Sahara" als Verfilmung eines Theaterstücks scheinbar aus dem Rahmen. Tatsächlich setzte Brauner damit auf ein anderes erfolgversprechendes Sujet - den aufkommenden Erotik-Film. Mit der Besetzung Carroll Bakers, seit "Baby Doll" (1956) als verführerische Schönheit festgelegt, gelang Brauner ein vorausschauender Coup, auch wenn sein Film davon noch nicht angemessen profitierte. Ab den späten 60er Jahren sollte Carroll Baker im italienischen Film zu einer Ikone des erotischen Films werden - "Endstation 13 Sahara" liefert nicht nur dafür schon frühzeitige Argumente, sondern weist auf die Entwicklung des erotischen Films in Deutschland hin (siehe "Bis die Schulmädchen kamen - der erotische Film der 60er Jahre" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 




Inmitten einer staubigen Wüstenlandschaft, abseits der Zivilisation, arbeiten sechs Männer an einem Außenposten eines US-amerikanischen Öl-Multis, die es aus England, Frankreich und Deutschland hierher verschlagen hat. Kramer (Peter van Eyck), ein US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit vielen Jahren die kleine Einheit, deren Mitglieder sich für mindestens fünf Jahre verpflichten mussten, die Ölleitung und technischen Anlagen im afrikanischen Niemandsland zu überwachen.

Eine Ausgangssituation, die an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst) erinnert, den Henri-Georges Clouzot 1953 nach einer Romanvorlage des französischen Autors George Arnaud verfilmt hatte. Wie dieser spielt auch „Endstation 13 Sahara“ vor dem Hintergrund eines zugespitzten männlichen Mikrokosmos aus enttäuschter Vergangenheit und fehlender Zukunftsperspektive, der nur wenig Anlass zur Eskalation benötigt. Dass in beiden Filmen die US-Ölindustrie sowohl als Verursacher, als auch als Hoffnungsträger fungierte, sollte zwar deren weltweite wirtschaftliche Macht veranschaulichen, Kritik daran lässt sich aber allein im Subtext finden – beide Filme eint viel mehr ihr Interesse an zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in Extremsituationen.

Darüber hinaus existieren noch weitere Gemeinsamkeiten. Auch „Endstation 13 Sahara“ basiert auf französischer Literatur, dem Theaterstück „Männer ohne Vergangenheit“ von Jean Martet, dessen Titel die psychische Situation der Protagonisten genauer hervorhebt als der neutralere Filmtitel. Erst die Verdrängung dieser Vergangenheit, die zum Auslöser dafür wurde, warum sich die Männer an diesem Ort verdingt haben, erklärt ihr gegenwärtiges Verhalten. Autor Martet ist inzwischen nahezu unbekannt - gut zu erkennen an der falschen Schreibweise seines Namens sowohl in den Film-Credits, als auch auf der DVD-Hülle der PIDAX. Dabei war sein Theaterstück früher entstanden als Arnauds Roman und wurde schon 1939 erstmals unter dem Titel „S.O.S. Sahara“ verfilmt – als deutsche Produktion mit einem ausschließlich französischen Cast. Darunter Charles Vanel in der Hauptrolle, der neben Peter van Eyck in „Lohn der Angst“ mitwirkte.

Eine erstaunliche, vielleicht zufällige Parallele zur Arthur Brauner-Produktion von 1962, die wie die 39er-Fassung von internationalem Zuschnitt war. Zwar verfügte der Cast neben Peter van Eyck mit Mario Adorf und Hansjörg Felmy über populäre deutsche Mimen, aber das Kreativ-Team stammte ausschließlich aus England. Regisseur Seth Holt und Autor Brian Clemens hatten zuvor bei der TV-Serie „Danger Man“ (Geheimauftrag für John Drake, 1960 – 1962) zusammen gearbeitet und mit Co-Autor Brian Forbes war ein auch als Schauspieler und Regisseur erfahrener Mann mit an Bord. Der größte Coup gelang Brauner aber mit der Verpflichtung von Carroll Baker in der weiblichen Hauptrolle. Die US-amerikanische Darstellerin, die später zum ständigen Gast im europäischen Film werden sollte, war seit „Baby Doll“ (1956) zum Filmstar aufgestiegen. Ein Ruhm, der sie auf ein Rollen-Klischee festlegte, das sie auch in „Sahara 13 Endstation“ trefflich bedienen sollte – als erotische Verführerin.

In dieser Konstellation zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu Clouzots „Lohn der Angst“ – nicht der lebensgefährliche Versuch, einem trostlosen Leben zu entkommen, erzeugte in „Sahara 13 Endstation“ die testosteron-geschwängerte Atmosphäre, sondern Sex. Die sprachlastige Handlung, der ihr theaterartiger Charakter anzumerken ist, spielt fast ausschließlich an der Pump-Station, konzentriert sich zuerst auf das Binnenverhältnis der sehr unterschiedlichen Männer, um dann durch die Hinzuziehung einer schönen Frau das mühsam aufrecht erhaltene Konstrukt zum Bersten zu bringen. Dabei ist Catherine (Carroll Baker) nicht allein, sondern wird von ihrem geschiedenen Mann Jimmy (Bigg McGuire) begleitet, der versucht hatte, sie umzubringen, indem er mit seinem Wagen in die Pump-Station raste – mit dem Ergebnis, dass er schwer verletzt im Bett liegt, während sie bei den Männern ihre Chancen auslotet.

Leider konnte der in den 30er Jahren entstandene Original-Text von mir nicht als Vergleich zur Drehbuch-Fassung hinzugezogen werden, aber die Charakterzeichnungen der Protagonisten wirken an die Erwartungshaltung eines 60er Jahre Publikums angepasst. Lassen die beiden britischen Mimen Ian Bennan und Denholm Elliott in ihrer Auseinandersetzung um einen Brief auf unterhaltsame Weise noch etwas von ihrer persönlichen Tragik durchschimmern, spielte Peter van Eyck erneut den desillusionierten, auf Grund schlechter Erfahrungen nach außen hin hart gewordenen Mann, wie er ihn seit „Lohn der Angst“ mehrfach variierte. Auch Mario Adorf verkörperte als grobschlächtiger Franzose einen eindimensionalen Rollen-Typus, spielte hier aber nur eine Nebenrolle, während besonders Hansjörg Felmys Auftreten nicht zu einem vielschichtigen Drama passt.

Der Eindruck, dass seine Rolle ein Gegengewicht zu der Gruppe gebrochener Charaktere bilden sollte, drängt sich auf. Zwar scheint auch er von negativen Erfahrungen getrieben an diesen einsamen Ort gekommen zu sein, aber seinem Selbstbewusstsein konnte das nichts anhaben. Ob in der Auseinandersetzung mit seinem autoritären Chef, beim ausführlich und spannend inszenierten Pokerspiel oder im Umgang mit der schönen Frau – Felmy blieb als Martin immer glattgesichtig und souverän und sollte dem Kino-Besucher offensichtlich als positive Identifikations-Figur dienen, während Carroll Baker die Schurkenrolle zukam. Der von ihr gespielten Catherine wurden weder Ängste, noch Selbstzweifel zugestanden – einzig egoistische Interessen scheinen sie anzutreiben, ohne das es ersichtlich wird, warum sie sich auf welche Männer einlässt.

„Sahara 13 Endstation“ kann als Gesellschaftsdrama entsprechend wenig überzeugen, auch wenn die nihilistische Grundstimmung des Stücks noch zu spüren ist. Viel mehr gehört Arthur Brauners Produktion zu den in den frühen 60er Jahren entstandenen erotischen Filmen, die ihre dezenten Nacktaufnahmen noch in eine komplexe Handlung integrierten, die nach außen hin die moralischen Standards wahrte. Die bei großer Hitze entstehende Extremsituation sollte das promiskuitive Verhalten der Männer entschuldigen, die Frau fungierte wie gewohnt als Verführerin und dafür bestraft, aber das konnte nur schwach kaschieren, dass es in „Sahara 13 Endstation“ vor allem um Sex geht – mit Carroll Baker als Idealbesetzung.

"Endstation 13 Sahara" Deutschland, England 1963, Regie: Seth Holt, Drehbuch: Brian Clemens, Bryan Forbes, Jean Martet (Theaterstück), Darsteller : Carroll Baker, Peter van Eyck, Hansjörg Felmy, Mario Adorf, Ian Bennan, Denholm Elliott, Bigg McGuire, Laufzeit : 91 Minuten

Samstag, 25. Oktober 2014

Die Herren mit der weißen Weste (1970) Wolfgang Staudte

Inhalt: Die Ankunft des Box-Promoters Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) in Berlin erzeugt große mediale Aufmerksamkeit, denn Stiegler war schon vor seinem Weggang in die USA kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil – 10 Jahre hatte Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) vergeblich versucht, Stiegler seine kriminellen Machenschaften nachzuweisen, bis ihn seine Pensionierung stoppte. Auch nach seiner Rückkehr plant Stiegler sogleich ein großes Ding. Während er wie gewohnt in der Öffentlichkeit auftritt und auf den Rängen des Olympiastadions Platz nimmt, sollen seine Bandenmitglieder die Zuschauereinnahmen des Bundesliga-Spiels ausrauben.

Doch der Plan misslingt, denn die Kasse ist schon leer geräumt. Offensichtlich ist ihnen Jemand zuvor gekommen. Stiegler ahnt nicht, dass sich die Beute im Hause Zänkers befindet, wo der Gerichtsrat gemeinsam mit seinen Gesangskameraden den Erfolg feiert. Natürlich heimlich, denn sein mit im Haus lebender Schwiegersohn (Walter Giller) ist der für die Untersuchung des Raubs verantwortliche Polizei-Inspektor und darf nichts davon erfahren. Schließlich haben die Pensionäre noch mehr vor…

"Die Herren mit der weißen Weste" erschien schon 2013 als DVD, aber die am 14.08.2014 von der PIDAX veröffentlichte Blue-Ray bedeutet qualitativ einen Quantensprung und wird dem Spätwerk Staudtes gerecht, von dem PIDAX auch schon die Fernsehserie "Kommissariat 9" (1975) herausbrachte. "Die Herren mit der weißen Weste" verfügt nicht mehr über Staudtes gesellschaftskritischen Biss, kann aber in seiner unangestrengten Inszenierung als Kleinod innerhalb der damaligen deutschen Komödienlandschaft überzeugen.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 











Fähnchen schwenkend stehen die Massen am Straßenrand, während die US-Army ihre jährliche Militärparade im Westteil der damals geteilten Stadt Berlin abhält. Für den Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) genau die richtige Kulisse, um mit seiner Altherren-Clique das nächste Ding zu drehen, denn die rasselnden Panzerketten setzen jede Alarmanlage außer Betrieb. Während der Juwelier fröhlich den vorbeifahrenden Waffengattungen zujubelt, wird hinter seinem Rücken die Auslage geräumt - und erneut zieht Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) den Kürzeren, der es ebenfalls auf die wertvollen Stücke abgesehen hatte, aber nur noch gähnende Leere vorfindet.

Horst Wendtland, in den 60er Jahren dank des großen Erfolgs der Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmreihen zu einem der führenden Produzenten in Deutschland aufgestiegen, verpflichtete als Regisseur Wolfgang Staudte, um das von ihm selbst verfasste Script zu "Die Herren mit der weißen Weste" in Szene zu setzen. Ein in zweierlei Hinsicht seltener Vorgang. Wendtland schrieb nur wenige Drehbücher und Staudte verfilmte in der Regel eigene Stoffe. Bis zu "Herrenpartie" (1964), der solch vehemente, teils persönliche Kritik erfuhr, dass er heute als das Ende der langjährigen gesellschaftskritischen Phase in Staudtes Schaffen gilt - eine etwas oberflächliche Betrachtung, da einige seiner späteren Arbeiten wie der selbst produzierte Film "Heimlichkeiten" (1968) inzwischen nahezu unbekannt sind.

"Die Herren mit der weißen Weste" scheint diese These dagegen zu bestätigen, denn die Gauner-Komödie um den Gangster Stiegler, den Gerichtsrat Zänker während seiner Amtszeit nie überführen konnte, jetzt aber gemeinsam mit seinen pensionierten Kameraden sowie seiner Schwester Elisabeth (Agnes Windeck) hinters Licht führt, ist reines Unterhaltungskino. Auch wenn der Film aus heutiger Sicht wieder über einigen Charme verfügt, wirkte er 1970 angesichts der aktuellen politischen Ereignisse und soziokulturellen Veränderungen mit seinen Heinz-Erhardt-Reimen und Running-Gags über Schwerhörigkeit aus der Zeit gefallen und bekräftigte die jungen Filmemacher in ihrer Haltung, die Wolfgang Staudte schon seit Beginn der 60er Jahre zu "Opas Kino" zählten. Zudem reihte sich der Film in die damalige Komödienlandschaft ein, die nach außen hin Modernität behauptete, letztlich aber bürgerliche Werte verteidigte – die Langhaarigen gehören zu Stieglers Gangsterbande und die sexuell freizügig auftretende Susan (Hannelore Elsner) ist natürlich ein Flittchen.

Dem ließe sich entgegnen, dass hier auch die seriösen Honoratioren munter und ohne Unrechtsbewusstsein stehlen, aber sie handeln selbstverständlich nicht aus eigennützigen Motiven, sondern um dem Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Zwar gewitzt und ohne Gewalt vorgehend, können ihre Taten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um Selbstjustiz handelt. Die Exekutive in Person von Zänkers Schwiegersohn, Inspektor Walter Knauer (Walter Giller), wird als sympathisch, aber wirkungslos wenig ernst genommen und spätestens wenn der mit Zänker befreundete Kommissar Berg (Siegfried Schürenberg) ankündigt, nach seiner Pensionierung ebenfalls zu der Senioren-Gang stoßen zu wollen, ist das Urteil über die Durchschlagskraft der Polizei gesprochen. Mit der kritischen Betrachtung verheimlichter Flecken, die sich auf den angeblich „weißen Westen“ diverser Herren befinden, hat Wendtlands Story nichts zu tun, sondern variierte komödiantisch die Meinung, dass Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln bekämpft werden müssten.

Dass der Film trotzdem ohne Peinlichkeiten und revanchistische Tendenzen auskam, ist nicht nur den sehr guten Darstellern und der zwar altmodischen, aber kurzweiligen Inszenierung zu verdanken, sondern das Staudte die Chose nicht besonders ernst nahm. So wie es Mario Adorf gelang, „Dandy“ Ziegler sympathische Züge zu verleihen, kann die Pensionisten-Gang den Spaß an ihrem kriminellen Tun nicht leugnen. Die Überführung des Gangsters wird so zu einem willkommenen Nebeneffekt ohne besondere Langzeitwirkung, denn die Herren (und Dame) wollen schließlich weiter ihrem Hobby frönen. Besonders Martin Held als Gerichtsrat gab hier einen Gegenentwurf zu seiner Rolle als Staatsanwalt mit NS-Vergangenheit aus Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“(1959). Sein Auftreten ist von Humor und Toleranz geprägt – trotz seines jahrelangen vergeblichen Versuchs, Ziegler zu überführen, verfällt er nie in irgendeine Form von Fanatismus.

Auch die Besetzung weiterer wichtiger Rollen wirkt wie ein Stelldichein vertrauter Staudte- und Horst Wendtland-Darsteller. Siegfried Schürenberg in seiner aus den Wallace-Filmen gewohnten Rolle des Polizei-Vorgesetzten, Walter Giller, in „Rosen für den Staatsanwalt“ noch Martin Helds Gegenspieler, diesmal als dessen Schwiegersohn und Rudolf Platte als Klein-Ganove mit Herz, der in „Herrenpartie“ den Chor-Leiter einer Herren-Gesangsgruppe spielte. Apropos Gesangsgruppe – dieses auch in „Die Herren mit der weißen Weste“ wiederholt auftretende Motiv erinnert nicht zufällig an Staudtes Satire über die Verdrängung der Gräueltaten der Wehrmacht im 2.Weltkrieg. In „Herrenpartie“ noch mit der Inbrunst des kulturellen Sendungsbewusstseins intoniert, dient die Gesangsprobe hier als vorgetäuschter Anlass für konspirative Treffen – das deutsche Liedgut erklingt vom Band.

Es sind diese ironischen, auch das eigene Werk zitierenden Momente, die Staudtes Film von typischer Komödien-Ware dieser Zeit unterscheiden. Sie gaben ihm die Gelegenheit, kleine Spitzen gegen die Mitnahme-Mentalität auszuteilen und wiesen die Fähnchen schwenkenden Massen am Rand der Militär-Parade als nützliche Idioten aus, hinter deren Rücken es sich leicht ein Ding drehen ließ.



"Die Herren mit der weißen Weste" Deutschland 1970, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Horst Wendlandt, Darsteller : Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Agnes Windeck, Hannelore Elsner, Sabine Bethmann, Herbert Fux, Rudolf Platte, Heinz Erhardt, Siegfried Schürenberg, Willi Reichert, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte:

Dienstag, 17. Dezember 2013

Deutschland im Herbst (1978) Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz u.a.

Inhalt: Deutschland im Herbst 1977 - Während dokumentarische Aufnahmen das Staatsbegräbnis für den von der RAF entführten und später ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer zeigen, erklingt dessen letzter an seinen Sohn gerichteter Brief vom 8.September 1977 aus dem Off. Die Bilder fangen auch die Schaulustigen am Rande, die aufgeregten Journalisten, die schwer bewaffneten Sicherheitsleute und die von einflussreichen Politikern und Geschäftsleuten niedergelegten Kränze ein.

Einblendung einer Texttafel mit der Aufschrift: „An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören.“ 8.April 1945, Frau Wilde., 5 Kinder

Rainer Werner Fassbinder kommt in seine Münchner Wohnung, wo sein Lebensgefährte Meier überrascht reagiert, da er ihn noch nicht erwartet hatte. Fassbinder ist aufgeregt und glaubt, dass die drei inhaftierten Terroristen in Stammheim keinen Selbstmord begangen haben, sondern der Staat seine Hände mit im Spiel hat. Am nächsten Tag kommt es zu einer hitzigen, kontroversen Diskussion, an der sich auch Fassbinders Mutter beteiligt…


„Und als die Hähne krähten, da ward mein Auge wach,
da war es kalt und finster, es schrie’n die Raben vom Dach!“ 



Die Geschehnisse am 18.Oktober 1977 werden aus heutiger Sicht als Höhepunkt und Ende des „Deutschen Herbstes“ betrachtet. Die Befreiung der Geiseln aus einer Lufthansa Maschine in Mogadischu, der Selbstmord der führenden RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim und die am nächsten Tag folgende Ermordung von Hanns Martin Schleyer nach wochenlanger Entführung leiteten einen Wendepunkt ein, den im Herbst 1977 noch Niemand voraussehen konnte - erst seit wenigen Jahren lässt sich der damals eingeleitete Prozess nachvollziehen. Dagegen bedeutete für die Regisseure um Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und Alexander Kluge die gemeinsam mit Darstellern wie Mario Adorf, Heinz Bennent, Hannelore Hoger oder Sänger Wolf Biermann unter der Mitwirkung von Heinrich Böll am Drehbuch entworfene Film-Collage „Deutschland im Herbst“ ein unmittelbarer Ausdruck ihrer Emotionen angesichts der extrem aufwühlenden Ereignisse, welche heute als einmaliges, unausgewogen subjektives Stimmungsportrait dieser Zeit gelten kann.

Das daraus entstandene Konglomerat lässt sich nicht in Einzelteile dividieren. Zwar erkennt man die unterschiedlichen kreativen Stilmittel der Künstler - Alexander Kluges Neigung zur Dokumentation, Fassbenders melodramatisches Selbstporträt oder Schlöndorffs ironisches Fernsehspiel - aber die Szenen wurden so eng miteinander verflochten, dass daraus ein Puzzle - artiges Bild entstand, das dem Betrachter die Möglichkeit belässt, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Angesichts aktueller Filme oder Dokumentationen zu dem Thema, die mit einer Vielzahl von Fakten eine scheinbare Objektivität erreichen wollen, wird bei Betrachtung von „Deutschland im Herbst“ erst deutlich, welcher Mut darin bestand, sich seinen Gefühle hinzugeben und damit auch angreifbar zu werden.

Entsprechend ließen die kritischen Reaktionen auf „Deutschland im Herbst“ auch nicht lange auf sich warten, denn der Film, der mit dokumentarischen Aufnahmen des Staatsaktes zur Beerdigung Hanns-Martin Schleyers beginnt und mit der schmucklosen Beerdingung von Ensslin, Baader und Raspe auf einem kleinen Friedhof am Rande Stuttgarts endet, entsprach nicht der damals (und im Prinzip auch noch heute) vorherrschenden Meinung. Er beinhaltete keine klare Verurteilung der Terroristen, sondern drückte persönliche Irritationen und Zweifel an rechtsstaatlichen Methoden aus, verbunden mit der Kritik an der fehlenden Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus – eine Mitte der 70er Jahre noch sehr aktuelle Diskussion. Den Filmemachern ihre politisch links gerichtete Haltung vorzuwerfen, genügte schon, um einen Film zu diffamieren, der den Versuch unternahm, die eigenen Gedanken zu ordnen, damit aber keine festgelegten Theorien formulierte, sondern vor allem die innere Unsicherheit ausdrückte.

Niemand der am Film Beteiligten rechtfertigte die Morde und Gewalttaten, nur legitimierte sich aus ihrer Sicht damit nicht automatisch das Handeln des Staates. Intensiv drückte Rainer-Werner Fassbinder das in seinem sehr persönlichen Beitrag aus, der schon wegen des Zusammenspiels mit seinem damaligen Lebensgefährten Armin Meier, der sich nur kurz nach der Entstehung des Films und der Trennung von ihm das Leben nahm, tief berührt. Er formulierte seine Zweifel am Selbstmord der drei „RAF“- Mitglieder innerhalb einer Diskussion mit Meier, der eine radikal andere Meinung vertritt (die dazu führt, dass sie sich prügeln und er ihn kurzfristig aus der Wohnung schmeißt), und mit seiner pragmatischen Mutter Liselotte Eder, die empfiehlt, lieber die Klappe zu halten, weil sonst schnell der Einruck des Sympathisanten entstände. Innerhalb dieses Trios nahm Fassbinder die Rolle des Skeptikers ein, der sich einfach nicht vorstellen konnte, wie Jemand wie Baader in den Besitz einer Waffe gelangt sein soll, obwohl er sich im sichersten Gefängnis Deutschlands befand, in dem jeden Tag dreimal die Zelle untersucht wurde. Damit drückte er die damaligen Zweifel aus, ohne konkrete Schuldzuweisungen zu nennen.

Doch allein eine solche Annahme galt schon als ungeheuerlich, weil sie dem Staat die Möglichkeit eines unkorrekten Verhaltens unterstellte – eine kritische Haltung, die keine Mehrheit fand. Schon die 68er Studentenrevolte scheiterte letztendlich an der fehlenden Unterstützung in der Bevölkerung und auch die „RAF“ verlor nach 1977 zunehmend an Unterstützung. Obwohl es danach noch einige schwerwiegende Attentate gab, konnten diese nicht mehr die allgemeine Hysterie erzeugen, wie sie im „deutschen Herbst“ und damit zur Entstehungszeit des Films vorherrschte – der Zenit an staatlicher Verunsicherung war überschritten, auch weil neue Gesetze eingeführt wurden, die die Bürgerrechte einschränkten und damit die Strafverfolgung erleichterten.

Bei aufmerksamer Betrachtung des Films lassen sich schon Zeichen für diese kommenden Veränderungen erkennen, wie etwa in den Worten des damals noch inhaftierten Horst Mahler, der später in die NPD eintrat. Mehr aber daran, dass es sich im Film um eine Momentaufnahme handelte, die zwingend zu einem anderen Zustand führen musste. Diese Unsicherheit im Ausdruck des damaligen Lebensgefühls macht den Film aus heutiger Sicht so wertvoll, da sie dem Betrachter unabhängig von seiner politischen Haltung die Möglichkeit belässt, seine eigene Schlüsse aus der weiteren Entwicklung der Bundesrepublik ab dem „Deutschen Herbst“ zu ziehen. Optimistisch war die Haltung der Macher um Kluge und Fassbinder nicht - im Zentrum des Films spielen sie Franz Schuberts „Frühlingstraum“ aus dem Lieder-Zyklus „Winterreise“, aber sie lassen die letzten Zeilen weg, in denen der Träumer versucht, wieder in den Traum zurückzukehren, aus dem er zuvor brutal geweckt wurde :

„Doch an den Fensterscheiben, wer malte die Blätter da ? -
Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?“

"Deutschland im Herbst" Deutschland 1978, Regie und Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz, Peter Schubert, Bernhard Senkel, Hans-Peter Cloos, Katja Rupé, Drehbuch: Heinrich Böll, Darsteller : Rainer Werner Fassbinder, Heinz Bennent, Mario Adorf, Hannelore Hoger, Vadim GlownaLaufzeit : 119 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rainer Werner Fassbinder:

Montag, 30. September 2013

Das Mädchen Rosemarie (1958) Rolf Thiele

Inhalt: Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) hält sich in einem mondänen Frankfurter Hotel auf, um Kontakt zu wohlhabenden Herren aufzunehmen, die dort fernab ihrer Ehefrauen tagen, wird aber von dem Portier (Hubert von Meyerinck) des Hauses verwiesen. Dieser verdient sich etwas nebenbei, um selbst die zahlungskräftige Klientel mit einschlägigen Damen zu verkuppeln. Doch sein Rausschmiss kann nicht verhindern, dass sich Rosemarie vom Hinterhof aus mit dem Generaldirektor Bruster (Gerd Fröbe) für später verabredet. Als sie dessen aus der Garage fahrenden Mercedes 300 anhält und einsteigen will, trifft sie zu ihrer Überraschung auf Konrad Hartog (Carl Raddatz), der wie viele Herren den gleichen Wagentyp fährt. Da sie ihm auch gefällt, nimmt er sie stattdessen mit und beginnt mit ihr eine Liason. Er finanziert ihr ein Appartement, richtet und kleidet sie ein, während sie sich von ihren früheren Kumpanen Walter (Jo Herbst) und Horst (Mario Adorf) verabschiedet, die mit ihr eigentlich gemeinsame Sache machen wollten, weshalb sie wenig erfreut auf ihre Entscheidung reagieren.

Bald möchte sich Rosemarie nicht mehr mit der Rolle der heimlichen Geliebten abfinden, aber besonders Hartogs Schwester (Barbara Rütting) weiß zu verhindern, dass die gesellschaftlich nicht adäquate junge Frau an größeren Festivitäten teilnehmen kann. Nachdem sie Hartog erneut unter fadenscheinigen Gründen abgewimmelt hatte, begegnet sie dem französischen Industriellen Fribert (Peter van Eyck), der ihre Anziehungskraft sofort einzuschätzen weiß. Er verpasst ihr ein internationales damenhaftes Auftreten, worauf ihr die einflussreichen Männer reihenweise zu Füßen liegen – doch Fribert verfolgt dabei eigenmächtige Ziele…


Angesichts des inflationären Gebrauchs von "Kult" durch diverse Marketingabteilungen, wird die Austauschbarkeit und minimale Halbwertzeit heutiger mit diesem angeblichen Gütesiegel versehenen Produkte besonders im Vergleich zu den Ereignissen um eine Dame offensichtlich, die 1957 in Frankfurt/Main ermordet wurde - Rosemarie Nitribitt. Deutlich wird daran auch, dass die Verselbstständigung eines Namens und der damit zusammenhängenden Geschehnisse erst durch die Mythen entstehen, die sich darum ranken - obwohl der "Fall Rosemarie Nitribitt" zu einem festen Bestandteil der Annalen der Bundesrepublik Deutschland gehört und bis in die Gegenwart regelmäßige mediale Veröffentlichungen nach sich zieht, sind die realen Umstände kaum Jemandem bekannt, ganz abgesehen davon, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt wurde.

Dass sich Regisseur Rolf Thiele den Vorwurf der "Kolportage" gefallen lassen musste, als er nur wenige Monate nach Nitribitts Tod seinen Film "Das Mädchen Rosemarie" in die Kinos brachte, lag entsprechend nah, auch weil er damit unmittelbar ins Selbstverständnis der sich am eigenen Wirtschaftswunder delektierenden Politiker und Wirtschaftsbosse vorstieß. Mit dem Journalisten Erich Kuby nahm er zudem einen Drehbuchautoren mit an Bord, der sich als "Nestbeschmutzer von Rang" (Heinrich Böll) schon einen Namen gemacht hatte, und als links-liberaler Kritiker an der Regierungspolitik von vornherein unter Generalverdacht stand. Dabei hatte dessen Story über Leben und Tod der Rosemarie Nitribitt nur wenig mit der Realität gemein - weder interessierte er sich für ihre Vergangenheit, noch versuchte er, die näheren Umstände ihres Tode genauer zu beleuchten – sondern entwickelte die Geschehnisse um die Luxus-Prostituierte im Stil einer Satire. Eine notwendige Vorgehensweise, da jede größere Nähe zur Realität die Gefahr von falschen Verdächtigungen in einem schwebenden Verfahren hervorgerufen hätte.

Trotzdem versuchte das Auswärtige Amt die Teilnahme des Films am Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig zu verhindern, was den Bekanntheitsgrad noch zusätzlich erhöhte - die Folge davon waren ca. 8 Millionen Kinobesucher. Auch die Schwierigkeiten, die Rolf Thiele zuvor am Drehort in Frankfurt bekam, wirken aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, da im Film Niemand direkt beschuldigt wird, sondern die generelle Kritik an Wirtschaftswunderwahn, Doppelmoral und Vergangenheitsverdrängung in eine kabarettistische Form verpackt wurde, die nicht zufällig an Filme wie "Wir Kellerkinder" (1960) erinnert - Co-Autor Jo Herbst, Mitglied der „Berliner Stachelschweine“, war am Drehbuch beider Filme beteiligt. Herbst spielte zudem einen Vertreter des Prekariats, aus dem Rosemarie (Nadja Tiller) stammt, und gab gemeinsam mit Mario Adorf einige Gesangsnummern zum Besten. Auch die übrigen Schauspieler  - Gert Fröbe, Hubert von Meyerinck, Werner Peters, Peter van Eyck, Arno Paulsen, Horst Frank, Helen Vita, Karin Baal und Hanne Wieder (die in ihrer Rolle in "Spukschloss im Spessart" (1960) auf die Nitribitt-Figur anspielte) – gaben in „Das Mädchen Rosemarie“ Kostproben beliebter Klischeetypen, besonders Werner Peters und Gert Fröbe waren auf den Typus des spießigen deutschen Kapitalisten geradezu abonniert.

So harmlos die damaligen Späße heute wirken, so deutlich lässt sich an der Reaktion auf den Film die sehr konservative Haltung der 50er Jahre ablesen. Allein das deutsche Industriekapitäne unverhohlen die Dienste von Call-Girls für sich beanspruchten – sehr gelungen die Rolle des Hotel-Portiers (Hubert von Meyerinck), der immer genügend Kandidatinnen in seinem Notizbuch führte, fein säuberlich nach optischen Qualitäten gekennzeichnet – genügte schon als Provokation, so wie das parallele Absingen des Liedes „Wir hamm den Kanal voll“ zu marschierenden Bundeswehrsoldaten als Affront gegen eine staatliche Institution betrachtet wurde. Besonders die Party im Haus des Großindustriellen Willy Bruster (Gert Fröbe) ist entlarvend in ihrem biederen Versuch, dekadent sein zu wollen, und wenn am Ende - nach dem Mord an der zunehmend störenden Rosemarie Nitribitt - die Armada der Mercedeslimousinen (im Volksmund mit dem Beinamen „Adenauer“ versehen) davon fährt, dann kamen Thiele und Kuby den damaligen Empfindungen schon sehr nah. Wie gut sie den Zeitgeist erfassten, lässt sich allein an der Geschwindigkeit erkennen, mit der sie den Film nach dem Mord in die Kinos brachten. Rudolf Jugert drehte mit „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959) nur ein Jahr später einen weiteren Film zu dem Thema, an den sich heute kaum noch Jemand erinnert.

Zudem prägt ihr Film bis heute das Bild der Nitribitt und der sie umgebenden Insignien – im Gegensatz zu der ehemaligen Miss Austria Nadja Tiller, war die echte Nitribitt keineswegs von ähnlich genereller Schönheit und ihre Anziehungskraft auf ihre Freier und Liebhaber beruhte auf einer menschlichen Dimension, die in Thieles plakativ gehaltenem Film lange Zeit nicht vorkommt. Das muss den Machern bewusst gewesen sein, denn im letzten Drittel schwenkt der Film zunehmend von der Satire in Richtung eines ernsthaften Dramas. Offensichtlich versuchte Autor Kuby auch die Tragik hinter der Figur der Nitribitt zu erfassen, die sich eine feste Beziehung und ein traditionelles Leben wünschte, womit er auch verhindern wollte, sie eindimensional als gewinnsüchtige Prostituierte zu charakterisieren. Dank Nadja Tillers überzeugendem Spiel bleibt sie die Sympathiefigur des Films – eine erstaunliche Position angesichts ihres gesellschaftlichen Ansehens – aber dem Film ging der konsequent übertriebene Stil verloren, mit der er die 50er Jahre Wirtschaftswunderzeit zuvor so amüsant seziert hatte.

Die letzte Szene wiederholt wieder den Beginn des Films – nur mit Karin Baal in der Rolle des leichten Mädchens, das im Hotel Kontakt sucht – womit die Macher den ewigen Kreislauf aus Macht und Ohnmacht betonen wollten. Ein in seiner Signalwirkung sozialkritisches Ende, das die zuvor größtenteils aus Musiknummern und überzeichneten Klischees bestehende Handlung aber schwächte und dem Film einen uneinheitlichen Charakter verlieh, weshalb "Das Mädchen Rosemarie" den Ruf der Kolportage nie verlor, anstatt für seinen entlarvenden Gestus anerkannt zu werden.

"Das Mädchen Rosemarie" Deutschland 1958, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erich Kuby, Jo Herbst, Rolf Thiele, Rolf Ulrich, Darsteller : Nadja Tiller, Peter van Eyck, Gert Fröbe, Carl Raddatz, Mario Adorf, Jo Herbst, Werner Peters, Hanne Wieder, Horst Frank, Karin Baal, Hubert von Meyerinck, Helen Vita, Arno Paulsen, Laufzeit : 97 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Thiele: