Posts mit dem Label Harald Leipnitz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Harald Leipnitz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 19. Juni 2016

Suzanne - die Wirtin von der Lahn (1967) Franz Antel

"Die Wirtin von der Lahn" (Teri Tordai) im Heimatfilm-Look
Inhalt: 1810 in Gießen an der Lahn: Während sich die Studenten unter der Führung von Anselmo (Mike Marshall) gegen die Willkür-Herrschaft des von Napoleon eingesetzten Statthalters Graf Dulce (Jacques Herlin) mit Spott-Gedichten auflehnen, verfolgt der wohlhabende Gastwirt Goppelmann (Oskar Sima) ganz eigene Ziele. Er will das an der Lahn gelegene Wirtshaus von der alten Besitzerin erwerben. Doch diese denkt gar nicht daran, ihm es zu verkaufen, sondern vererbt es spontan an Suzanne (Teri Tordai), die gerade mit ihrer Schauspieltruppe eingetroffen war, bevor sie stirbt.

Anselmo (Mike Marshall) als studentischer Aufrührer
Ein Schlag, den Goppelmann nicht wehrlos hinnimmt. Im Wissen, dass Anselmo mit einer Druckerpresse Flugblätter gegen die Obrigkeit herstellt, erpresst er ihn, seine Dichtkünste gegen die neue Wirtin an der Lahn zu richten. Er soll sie mit seinen Fünfzeilern moralisch diskreditieren, damit sie und ihre Leute aus der Stadt gejagt werden. Anselmo, der Suzanne noch nicht kennengelernt hat, murrt zwar, verbreitet mit seinen Gedichten aber schnell das Gerücht über die losen Sitten, die im Wirtshaus herrschen sollen. Doch die Reaktionen darauf fallen anders aus, als es Goppelmann erhofft hatte… 



"Es steht ein Wirthaus an der Lahn,
da kehren alle Fuhrleut' ein,
Frau Wirtin sitzt am Ofen,
die Fuhrleut' um den Tisch herum,
die Gäste sind besoffen"




So lautet der erste "Wirtinnen"-Fünfzeiler, dem noch viele Hundert folgen sollten. Heute ist die Bedeutung dieser aus dem 18.Jahrhundert stammenden Spottverse ebenso in Vergessenheit geraten wie Franz Antels früher Erotik-Film "Die Wirtin von der Lahn", der sich an den anzüglichen Gedichten orientierte und mit fünf Nachfolgern zur ersten erfolgreichen Erotikfilm-Reihe wurde.
Die Screenshots hier im Blog stammen von der italienischen Fassung, sind zwar recht grobkörnig, aber das Bildformat ist näher am Original als die deutsche Fassung.



Harald Leipnitz und Teri Tordai als Partner im Clinch...
"Liebesgrüße aus Tirol" (1965), "Ruf der Wälder" (1965), "Happy End am Wolfgangsee" (1966) - so lauteten die Titel der letzten drei gemeinsamen Filme von Regisseur Franz Antel und Drehbuchautor Kurt Nachmann, bevor sie "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" 1967 herausbrachten. Seit sie Mitte der 50er Jahre ("Heimatland" (1955)) begannen, die deutsche Musik- und Heimatfilmlandschaft in Richtung Moderne zu trimmen, waren sie zu einem eingeschworenen Team geworden - den Niedergang des Genres in den 60er Jahren konnten sie trotzdem nicht verhindern (siehe den Essay „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Weder half die zeitgemäße Interpretation des Eschenbach-Stoffs in "Ruf der Wälder", noch die Frivolität in "Happy End am Wolfgangsee", dem der Film seine spätere Umbenennung in "00 Sex am Wolfgangsee" verdankte. Erst "Die Wirtin" belohnte das Wagnis, verstärkt auf die Sex-Karte zu setzen, und brachte den erhofften Erfolg an der Kinokasse nicht nur in Deutschland, sondern auch im Land des Co-Produzenten Italien.

...und auf Abwegen mit Caroline (Pascal Petite)...
Mit von der Partie waren auch die Ungarn und die Franzosen – im frühen Erotikfilm keine Seltenheit, um das Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Diesem Einfluss war auch die Besetzung der Titelrolle mit der ungarischen Schauspielerin Teri Tordai zu verdanken, die der Reihe in allen sechs Folgen vorstand, während ihr männlicher Co-Partner Harald Leipnitz nach Teil 4 ausstieg. Die Internationalität in der Besetzung blieb ein Charakteristikum der „Wirtinnen“-Filme. Der US-Darsteller Mike Marshall gab ein Gastspiel als revolutionärer Student im Erstling, die Französin Pascal Petit bereicherte die ersten beiden Wirtinnen-Filme mit ihrer Erotik, ihr Landsmann, der Komiker Jacques Herlin, gehörte zum Inventar aller sechs Verfilmungen und die italienischen Erotik-Aktricen Femi Benussi und Edwige Fenech standen in Nebenrollen noch am Beginn ihrer Karrieren. Die schmissige Musik des Titelsongs stammte aus der Feder des italienischen Filmkomponisten Gianni Ferrio, aber die entscheidenden Ideengeber blieben Regisseur Antel und Autor Kurt Nachmann, die eine feine Mischung aus Historie, Heimatfilm und Erotikkomödie ersannen, die den Nerv des damaligen Publikums traf.

...und Anselmo
„Die Wirtin von der Lahn“ wurde nicht nur zur längsten Filmreihe im deutschsprachigen Kino mit einer weiblichen Hauptfigur im Zentrum des Geschehens, sie kam vor Oskar Kolles Aufklärungsfilmen („Das Wunder der Liebe“, 1968) und Erwin Dietrichs „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968) heraus und brachte es schon auf fünf Filme, bevor der „Schulmädchen-Report“ (1970) erstmals auf die Leinwand kam. Trotzdem taucht die Reihe in keiner Nachbetrachtung zur Entstehung des deutschen Sexfilms auf und wurde nur lieblos und ohne Zeitbezug auf Video oder DVD veröffentlicht. Dabei sind die Filme ein wunderbares Spiegelbild ihrer Zeit und geben ein Beispiel für die rasante soziologische Entwicklung der späten 60er Jahre – eine Wiederentdeckung:

Der Graf (Jacques Herlin) und sein Vasall (Gunther Philipp)...
Antel und Nachmann setzten früh auf ein probates Mittel, um größere Zuschauerschichten zu erreichen – die Historie. Wie der überragende Erfolg von „Die Nichten der Frau Oberst“ nach einer Romanvorlage von Guy de Maupassant wenig später erneut bewies, nahmen historisch-literarische Vorlagen dem Publikum die Berührungsängste vor dem Erotik-Film. Die anzüglich-derben fünfzeiligen Verse im Stil eines „Limericks“ über die „Wirtin von der Lahn“ besaßen ihren Ursprung im frühen 18.Jahrhundert und verstanden sich als Gegen-Reaktion auf die strengen bürgerlichen Moralvorstellungen. Wie diffizil der Umgang mit den Spott-Gedichten 1967 noch war, wird daran deutlich, dass besonders frivole Zeilen bis zur Unverständlichkeit verfremdet wurden. Auch das „Eingreifen der Sitten-Commission“ im Stil einer Tafel, die sich über das Bild schiebt, sobald nackte Haut zu sehen ist, war Witz und Notwendigkeit zugleich. Antel machte sich über die Zensur lustig, kam ihr aber gleichzeitig entgegen.

...wollen Anselmo an den Kragen, aber...
Dieser ständige Wechsel zwischen Moral und Unmoral ist charakteristisch für den gesamten Film, besonders aber für die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur, die von Teri Tordai zwischen Emanzipation und Unterordnung, zwischen Freizügigkeit und Tugend angelegt wurde. Als Leiterin einer fahrenden Schauspieltruppe tritt sie selbstbewusst und bestimmt auf, zum Helden des Films wird aber der Student Anselmo (Mike Marshall), der sich gegen den Grafen Dulce (Jacques Herlin), einen Statthalter Napoleons, auflehnt, der die Menschen in Gießen und Umgebung unterdrückt. Suzanne wird Anselmos Geliebte, obwohl ihm die anzüglichen Verse über die „Wirtin von der Lahn“ zu verdanken sind. Ursprünglich setzte er seine fünfzeiligen Spott-Gedichte gegen die Obrigkeit ein und verbreitete sie auf Flugzetteln, aber der verschlagene Wirtshausbesitzer Goppelmann (Oskar Sima) hatte ihn gezwungen, auf diese Weise die angebliche Unmoral im „Wirtshaus an der Lahn“ zu besingen, um die lästige Konkurrentin loszuwerden, die durch Zufall Wirtshausbesitzerin geworden war.

...wichtiger ist das "Wirtshaus an der Lahn" und...
Der dahinter verborgene Widerspruch steht beispielhaft für die Entstehungszeit des Films. Die Spott-Verse über die „Wirtin von der Lahn“ versprachen ungenierte Erotik, in der Film-Handlung stehen sie aber für eine falsche Behauptung. Frau Wirtin und ihre Schauspiel-Truppe sind in Wirklichkeit ganz tugendhaft, was sie aber nicht daran hindert, dem geilen Grafen Dulce - durch die vielversprechenden Verse angelockt - einen Bordell-Betrieb im Wirtshaus vorzuspielen. Natürlich nur Theater, um Zeit zu gewinnen, damit der zum Tode verurteilte Anselmo noch begnadigt werden kann. Diese On/Off-Vorgehensweise hatte den Vorteil, ordentlich Frivolitäten und Nacktheit auf die Leinwand zu bringen, ohne die Protagonisten als unmoralisch zu diskreditieren. Teri Tordai trat zwar in verführerischen Posen auf, war aber nur für einen Mann zu haben. Als sie einmal allein über den Wipfeln der Umgebung durch die Landschaft schreitet, erinnert ihre Inszenierung unmittelbar an den Heimatfilm.

...seine Verlockungen
Unterstützend stand ihr in einer Nebenrolle Hannelore Auer zur Seite, die hier nur wenig als Sängerin in Erscheinung trat, sondern mehr um als so hübsches, wie anständiges Mitglied der Theatergruppe am Ende den netten Sohn des bösen Goppelmann zu ehelichen und gemeinsam mit ihm das „Wirtshaus an der Lahn“ weiter zu führen. So viel Ordnung musste 1967 im Erotikfilm noch sein.


Die Wirtin setzt sich gegen Göppelmann (Oskar Sima) durch
Diese inkonsequente Vorgehensweise wirkt aus heutiger Sicht altmodisch, lässt aber nicht übersehen, mit welchem Spaß die Beteiligten damals bei der Sache waren. Besonders im Zusammenspiel von Teri Tordai und Harald Leipniz wurden die nach außen hin behaupteten Konzessionen lässig hintertrieben. Leipniz als männliches Gegenstück in der Schauspieltruppe, der hier etwas konstruiert zum Offizier der französischen Armee gemacht wird, steht in einer nicht konkretisierten Beziehung zu Frau Wirtin und liefert sich mit ihr manches Wortgefecht. Am Ende erweisen sich ihre jeweiligen Techtelmechtel nur als Intermezzo und sie begeben sich wieder gemeinsam auf den Weg zu neuen Abenteuern – in einer fröhlichen Ungezwungenheit, die den gesamten Film prägte und ihn über jede Unzulänglichkeit der Handlung trug.

"Suzanne - die Wirtin von der Lahn" Deutschland, Italien, Frankreich, Ungarn 1967, Regie: Franz Antel, Drehbuch: Kurt Nachmann, Darsteller : Teri Tordai, Harald Leipnitz, Mike Marshall, Pascal Petite, Jacques Herlin, Hannelore Auer, Gunther Philipp, Oskar Sima, Franz Muxeneder, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Franz Antel:

"Warum habe ich bloss 2x ja gesagt" (1969)

Samstag, 25. April 2015

Mädchen hinter Gittern (1965) Rudolf Zehetgruber

Inhalt: Während sie die Reizwäsche ihrer Mitinsassinnen der Erziehungsanstalt von der Trockenleine holt, erzählt Uschi (Elke Aberle) der Neuen, was deren Besitzerinnen so alles auf dem Kerbholz haben – Prostitution, Stripteasetänzerin oder die Verkuppelung von Klassenkameradinnen an alte Männer. Nur bei Karin (Heidelinde Weis) zögert sie, denn deren Schuld ist nicht nur ein großes Geheimnis, sondern sie gilt als besonders schwieriger Fall, weshalb sie von der Heimleitung in einem Einzelzimmer eingesperrt wurde.

Deshalb wird sie auch nicht Zeuge der Ankunft des neuen Pfarrers (Harald Leipnitz), der mit frischen, neuen Ideen der weiblichen Jugend den rechten Weg weisen will und sogleich eine überzeugende Vorstellung seines Könnens gibt. Er greift zur Gitarre und veranlasst die Mädchen mit schmissigen Rhythmen zum gemeinsamen Singen. Dass er diese Stellung antrat, hatte er Karin zu verdanken, die seinen Vorgänger vergrault hatte. Und sie lässt keinen Zweifel daran, auch ihn möglichst schnell wieder loswerden zu wollen…


Mit "Mädchen hinter Gittern"  setzte die PIDAX am 24.03.2015 die Reihe der moralisch-pädagogisch geprägten Filme der Nachkriegszeit weiter fort. Erstmals auf DVD veröffentlicht brach der Film des im Heimatfilm-Genre groß gewordenen Regisseurs Rudolf Zehetgruber, der später mit seiner Filmreihe über den Wunder-Käfer "Dudu" bekannt werden sollte, schon in die Phalanx der frühen Erotikfilme ein und spiegelte die Übergangs-Phase zwischen Moral-Drama und Sex-Film Mitte der 60er Jahre stimmig wider (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit, noch vor der Konstituierung der beiden deutschen Staaten, entstanden erste Filme, die konkret an die Moral der Jugendlichen appellierten. Offensichtlich galt es einer möglichen Kriminalisierung innerhalb dieser unsicheren und noch wenig regulierten Phase entgegenzuwirken, denn Filme wie "Wege im Zwielicht" (1948) oder "Mädchen hinter Gittern" (1948) zeigten die Konsequenzen für die jugendlichen Straftäter auf, auch wenn die des Mordes verdächtigte Hauptdarstellerin in "Mädchen hinter Gittern" am Ende rehabilitiert wird. Ab Mitte der 50er Jahre wurden diese pädagogisch motivierten "Moral-Filme" zu einem festen Bestandteil der Kinolandschaft ("Die Halbstarken" (1956)), mit der die Produzenten auf die sozialen Veränderungen in den 50er Jahren reagierten, gleichzeitig aber auch die Sensationslust der Zuschauer befriedigten. Getarnt als Warnung vor dem moralischen Verfall war es möglich, tabuisierte Themen wie unehelicher Geschlechtsverkehr, Prostitution oder Homosexualität zu behandeln, selbst einzelne Nacktdarstellungen konnten die sehr konservative FSK auf diese Weise passieren ("Anders als du und ich (§175)", 1957).

Die Reihe dieser die unaufhaltbare Modernisierung der Gesellschaft widerspiegelnden Dramen („…und sowas nennt sich Leben“, 1961) setzte sich bis zum Sex-Film der späten 60er Jahre konsequent fort. Missachtet von der seriösen Kritik, traf ihr verruchter, oft spekulativer Charakter zwar den Geschmack des Publikums, gerieten sie auf Grund ihrer Zeitgeist-Nähe aber schnell in Vergessenheit. Das galt auch für den 1965 entstandenen „Mädchen hinter Gittern“, der nicht zufällig den Titel des ebenfalls von Arthur Brauner produzierten 48er-Films zitierte. Regisseur Rudolf Zehetgruber schrieb zwar ein eigenes Drehbuch, orientierte sich in der Grundanlage einer wegen Mordverdachts inhaftierten Jugendlichen aber an dem Nachkriegsfilm und passte die Thematik an die wesentlich freizügigeren 60er Jahre an. Er schuf damit ein Werk, das genau zwischen Moral- und Sex-Film angesiedelt war und exemplarisch für diese Übergangsphase steht.

Betrachtet man den Werdegang des Regisseurs, überrascht vordergründig dessen Wahl eines solchen Filmstoffs - ein Eindruck, der täuscht. In den Anfängen seiner Karriere als Regie-Assistent stand der Wiener Zehetgruber dem Heimatfilm sehr nahe, dessen moralischer Auftrag nur ein volkstümliches Äußeres wählte. Besonders in der Spätphase des Genres, Ende der 50er Jahre, wurde die Trennlinie zwischen Heimat- und Moralfilm immer schmaler. In „Der Priester und das Mädchen“ (1958) unter der Regie Gustav Ucickys, dem Zehetgruber assistierte, spielten die schöne Landschaft und das dörfliche Umfeld nur noch eine Nebenrolle in einer Beziehungsgeschichte zwischen junger Frau, ihrem Verlobten und einem Priester. Das Drehbuch über die Fragilität des Zölibats verfasste Werner P. Zibaso, der später zu den aktivsten Autoren im Erotik-Film gehörte („Madame und ihre Nichte“, 1969). Selbst Regie führte Zehetgruber erstmals in einem Heimatfilm-Schwank mit dem vielsagenden Titel „Das Dorf ohne Moral“ (1960), bevor er sich intensiv dem Kriminalfilm widmete („Die schwarze Kobra“, 1963), der in Folge des Edgar-Wallace-Hypes exploitive Elemente auf der Kinoleinwand gesellschaftsfähig machte und ebenfalls zu einem Wegbereiter des Sex-Films wurde.

Ideale Voraussetzungen für „Mädchen hinter Gittern“, der kaum noch verklausuliert zwischen moralischem Zeigefinger und voyeuristischen Einblicken wechselte. Zwar spielt die Story in einer geschlossenen Besserungsanstalt für straffällig gewordene weibliche Jugendliche, aber trotz des manchmal strengen Blicks der Heimleiterin (Adelheid Seeck) erinnert der Charakter der Einrichtung mehr an eine Jugendherberge als eine staatliche Anstalt. Entsprechend klingt die Aufzählung der Straftaten durch die knuffige Uschi (Elke Aberle), für die die Mädchen „einsitzen“ müssen – Nymphomanie, Prostitution, Kuppelei - mehr nach Ritterschlag als Sozialdrama. Das gab Zehetgruber gleich zu Beginn die Möglichkeit, an Hand einer fröhlichen Duschszene wippende Brüste einzufangen. Auch der erste Auftritt von Harald Leipniz als neuem Fürsorge-Priester Johannes gerät zur Pop-Veranstaltung. Zuerst noch gelangweilt „Lang, lang ist’s her“ vor sich hin brummend, genügen ein paar Gitarren-Riffs durch den „modern denkenden“ Geistlichen, um bei den jungen Damen Tanzbuden-Feeling zu verbreiten. Widerstand, Frust, Perspektivlosigkeit? – Fehlanzeige.

Denn dafür ist allein Heidelinde Weis in ihrer Rolle als Karin zuständig. Ein besonders schwerer Fall, weshalb sie in einer Art Einzelzelle eingesperrt ist. Berührungspunkte zwischen ihrem dramatischen Schicksal und dem sonstigen Lagerleben gibt es fast nur über die allgegenwärtige Uschi, weshalb die damals schon bekannte Heidelinde Weis in keiner der Gemeinschafts-Nacktszenen mitwirkte. Auch Uschi-Darstellerin Elke Aberle wurde offensichtlich für keine der freizügigen Rollen gecastet, weshalb sie meist dann noch hochgeschlossen herumläuft, wenn ihre Mitinsassinnen längst ihre lästige Anstaltsuniform abgelegt haben. Begründet wird das mit ihrer komischen Art, kann aber nicht kaschieren, wie widersprüchlich Zehetgruber seine erzählerische Anlage entwickelte. Während er in der Rahmenhandlung die Erwartungen an einen Film über „leichte“ Mädchen erfüllte, sind es ausgerechnet erotische Aufnahmen, die Karin ins Unglück stürzten. Der gewissenlose Fotograf Frank Albin (Harry Riebauer) hatte zuerst ihre Mutter (Helga Marlo) erpresst und dadurch den Freitod ihres Vaters verursacht, bevor er auch Karin mit Marihuana süchtig machte und ebenfalls in kompromittierenden Posen fotografierte.

Dass Niemand durch ein paar Züge an einer Haschisch-Zigarette drogenabhängig und willenlos wird, hatte sich Mitte der 60er Jahre bestimmt auch bis zu Zehetgruber herumgesprochen. Offensichtlich sollte die Warnung vor Drogen möglichst eindrucksvoll erfolgen, weshalb Heidelinde Weis hier alle Register eines „kalten Entzugs“ zog, den ihr Pfarrer Johannes spontan verordnete, nachdem ihm klar wurde, weshalb die liebe Karin so renitent auftrat. Darüber ließe sich hinwegsehen, hätte es der Film gewagt, ihre Figur ein wenig zwiespältig zu belassen. Stattdessen erweist sie sich als reine Unschuld. Nicht nur, dass sie ohne ihr Wissen abhängig gemacht wurde, auch der angeblich von ihr erschlagene Fotograf erfreut sich bester Gesundheit, wodurch sie am Ende vollständig rehabilitiert wird. Bleibt nur die Frage offen, warum sie dann überhaupt in dem Heim bleiben musste? – Wussten weder das Jugendgericht, noch ihre sorgende Mutter davon? – Die Antworten gaben die Regeln des „Moral“-Films. Deren Botschaft galt nicht den „gefallenen“ Mädchen, sondern einer noch unschuldigen weiblichen Jugend, um diese vor den Gefahren freizügiger Sexualität und Drogen zu bewahren. Karins Odyssee sollte aufzeigen, in welche Situation auch ein anständiges Mädchen geraten konnte.

Dass diese Warnung beim Publikum ankam, ist anzuzweifeln. Zu offensichtlich bediente Zehetgruber mit den komödiantischen Szenen um die vielen hübschen Anstaltsinsassinnen den männlichen Voyeurismus. „Mädchen hinter Gittern“ wurde in seiner widersprüchlichen Inszenierung ein Abbild der Übergangsphase Mitte der 60er Jahre – teils Erotik-Film, teils Drama voll rückständiger Moralvorstellungen. Unter diesem Gesichtspunkt ein sehenswerter und jederzeit amüsanter Einblick in damalige Denkmuster.

"Mädchen hinter Gittern" Deutschland 1965, Regie: Rudolf Zehetgruber, Drehbuch: Rudolf Zehetgruber, Darsteller : Heidelinde Weis, Harald Leipnitz, Elke Aberle, Harry Riebauer, Sabine Bethmann, Adelheid Seeck, Ursula Herking, Uta LevkaLaufzeit : 90 Minuten

Sonntag, 18. August 2013

Herrliche Zeiten im Spessart (1967) Kurt Hoffmann

Inhalt: Nachdem die fünf zum Mond geschossenen Gespenster und früheren Räuber Onkel Max (Rudolf Rhomberg), Hugo (Joachim Teege), Toni (Hans Richter), Roland (Klaus Schwarzkopf) und Kathrin (Kathrin Ackermann) nach jahrelangem Aufenthalt im All endlich den technischen Defekt an ihrer Rakete beseitigen konnten, landen sie ausgerechnet auf dem Dach des Hotels von Annelieses Vater Konsul Mümmelmann (Willi Millowitsch). Anneliese (Liselotte Pulver) erinnert sie an die Comtesse Franziska, der sie schon mehrfach in der Vergangenheit geholfen hatten, weshalb sie ihr sofort ihre Unterstützung anbieten.

Ihr ist ihr us-amerikanischer Bräutigam Frank Green (Harald Leipnitz) am Tag der Hochzeit abhanden gekommen, weshalb diese zu platzen droht. Obwohl er aus dem Militärdienst austreten wollte, wurde er von General Teckel (Hubert von Meyerinck) dazu verpflichtet, an einer Abhöraktion teilzunehmen. Die fünf ehemaligen Räuber schlagen vor, ihn mit ihrer Rakete noch rechtzeitig zu holen, weshalb sie gemeinsam mit Anneliese starten. Doch sie beherrschen die Technik nach wie vor nicht richtig, weshalb sie anstatt an dem Militärbunker im tiefen Mittelalter landen…


Regisseur Kurt Hoffmann drehte 1971, obwohl selbst erst 60 Jahre alt, mit "Der Kapitän" seinen letzten Kinofilm - nur noch einmal sollte er 1976 eine Arbeit für das Fernsehen abliefern, einem Medium, an dem er sich nicht weiter interessiert zeigte. Sein Ruf als innovativer Spezialist für gehobene Unterhaltungsfilme hatte in den 60er Jahren zunehmend gelitten, obwohl seine Filme an der Kinokasse nach wie vor erfolgreich liefen. Die Verfilmungen der Tucholsky-Romane "Schloss Gripsholm" (1963) und "Rheinsberg" (1967) waren sehr populär, dazu brachte er mit "Dr.Hiob Prätorius" (1965) und "Hokuspokus" (1966) zwei Curt-Götz-Stücke erneut auf die Leinwand - jeweils mit seinen zwei bevorzugten Darstellern Heinz Rühmann und Liselotte Pulver in den Hauptrollen - , die beide für ihre hohen Zuschauerzahlen ausgezeichnet wurden. Einen Erfolg, den er auch bei der Umsetzung des damals aktuellen und erfolgreichen Romans "Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung" (1968) von Eric Malpass wiederholte.

Trotzdem galt Hoffmann bei der Filmkritik als altmodisch, da sich sein gediegener Unterhaltungs-Stil seit den 50er Jahren nur wenig verändert hatte. Eine Ausnahme in seinem Oevre bildeten neben "Wir Wunderkinder" (1958) die Spessart-Filme "Das Wirtshaus im Spessart" (1958) und "Das Spukschloss im Spessart" (1960), die als musikalisch-kabarettistische Nummern-Revuen ein wenig über die Stränge schlagen durften und Seitenhiebe auf die gesellschaftlich-politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik austeilten. Dass Kurt Hoffmann gemeinsam mit Drehbuchautor Günter Neumann erneut zu der Spessart-Thematik griff, um mit "Herrliche Zeiten im Spessart" sieben Jahre nach dem zweiten Teil wieder die Räuber auf die Gegenwart loszulassen, kann nur als Versuch gewertet werden, sich inhaltlich und inszenatorisch den späten 60er Jahren zu nähern. Der Unterschied zum Vorgängerfilm "Das Spukschloss im Spessart" fiel entsprechend groß aus, nicht nur weil der Gesangsanteil auf ein Minimum reduziert wurde. Atmete die bundesrepublikanische Gegenwart damals noch den Zeitgeist der 50er Jahre, herrschte in "Herrliche Zeiten im Spessart" die Modernität der kommenden 70er Jahre - eklatant zeigt sich daran der gesellschaftliche Umbruch in den 60er Jahren.

Kein altes Wirtshaus oder ein verwunschenes Schloss bildeten mehr den Hintergrund, sondern ein moderner Hotelbau, der von Konsul Mümmelmann (Willy Millowitsch), Annelieses (Lieselotte Pulver) Vater, geleitet wird. Auch Liselotte Pulver, die hier mit Ende 30 einen ihrer letzten Kinoauftritte (und den letzten von zehn Filmen unter Kurt Hoffmann) absolvierte, bevor sie begann, hauptsächlich für das Fernsehen zu arbeiten, wirkte weniger mädchenhaft als in den Vorgängerfilmen, auch wenn ihre geplante Hochzeit mit dem US-Amerikaner Frank Green (Harald Leipnitz) den Rahmen für die episodenhafte Story abgibt. Dieser war auf Wunsch von Anneliese aus dem Militärdienst ausgeschieden, hatte aber die Rechnung ohne General Teckel (Hubert von Meyerinck) gemacht, womit die neben Liselotte Pulver zweite wesentliche Konstante der Spessart-Trilogie benannt ist. Während von Meyerinck, nach seiner Beamtenrolle in „Das Spukschloss im Spessart“, wieder in seine angestammte Rolle als fanatischer Militär schlüpfte, der Green zu sich beordert, womit er die Hochzeit gefährdet, konnte Liselotte Pulver nicht mehr die Rolle der Comtesse aus den zwei ersten Filmen annehmen, da sie diese in der Gegenwart von 1960 schon verkörpert hatte.

Trotzdem kommt es schnell zu der Widerbegegnung mit den fünf Räubern, die am Ende von „Das Spukschloss im Spessart“ als Gespenster zum Mond geschossen wurden. Auf Grund eines technischen Defekts mussten sie jahrelang im All verweilen, bis sie nach der Reparatur der Rakete ausgerechnet auf dem Hoteldach landen. Nur Hans Richter spielte erneut einen der fünf Räuber aus dem Vorgängerfilm, die ihr Gespensterdasein inzwischen wieder aufgegeben hatten. Aber um Logik musste sich das Drehbuch auch nicht kümmern, das die Rahmenhandlung nur dazu nutzte, die Protagonisten per Rakete durch die Zeit reisen zu lassen, um sie von der Vergangenheit bis in die Zukunft unterschiedliche Abenteuer erleben zu lassen, wo sie jedes Mal Hubert von Meyerinck als Militär und Harald Leipnitz als verhindertem Liebhaber begegnen sollten. Im Gegensatz zu „Das Spukschloss im Spessart“, das auch nur über einen rudimentären Handlungsfaden verfügte, ist diese filmische Anlage konsequenter, da der Episodencharakter klar herausgearbeitet wird.

Zudem gaben die von klamaukhaft bis komisch qualitativ sehr unterschiedlich angelegten Einzelstorys Kurt Hoffmann die Gelegenheit eine Vielzahl junger Schönheiten in erotischen Rollen auftreten zu lassen - Hannelore Elsner, Vivi Bach oder Gila von Weitershausen zeigten sich zwar leicht geschürzt, aber für barbusige Momente wurde trotzdem schon gesorgt, womit Hoffmann auf der Höhe der damals beginnenden „Nackt-Welle“ im Film angekommen war. Das galt allerdings weniger für die Satire, die sich ähnlich wie in den beiden ersten „Spessart“- Filmen von der harmlosen Seite zeigte. Galten die Anspielungen dort hauptsächlich damaligen bundesdeutschen Eigenheiten, ist die Thematik in „Herrliche Zeiten im Spessart“ zeitloser. Wie ein roter Faden spinnt sich die Kritik an militärischem Gehabe und dem menschlichen Drang, Konflikte auf dem Schlachtfeld auszutragen, durch die Rahmenhandlung und die jeweiligen Episoden – dabei auch geschickt die verbreitete Eigenart ironisierend, kriegerische Absichten in eine friedvolle Sprache zu kleiden – kommt dabei aber über einen konservativ geprägten Konsens nicht hinaus, der angesichts der heftigen Auseinandersetzungen um den sich parallel zuspitzenden Vietnam-Krieg nichts riskierte.

Sieht man von dieser sanft geäußerten Kritik am Militarismus einmal ab, bleibt eine Komödie zurück, die nur wenig aus dem deutschen Komödienallerlei der späten 60er/frühen 70er Jahre heraustrat, die mehr den deftigen als den filigranen Humor pflegten, wie er viele Filme Kurt Hoffmanns zuvor auszeichnete. Von dessen eleganten Stil ist hier nur noch wenig geblieben, weshalb es konsequent war, unter den geforderten Produktionsbedingungen nicht mehr weiter als Regisseur zu arbeiten. „Herrliche Zeiten im Spessart“ wurde kein schlechter Film, ist aber weder von eigenständigem, modernen Zuschnitt, noch verfügte er über die damals als altmodisch bezeichneten Qualitäten Hoffmanns, denen einige sehr gute Filme der Nachkriegszeit zu verdanken sind.

"Herrliche Zeiten im Spessart" Deutschland 1967, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Günter Neumann, Darsteller : Liselotte Pulver, Harald Leipnitz, Hannelore Elsner, Vivi Bach, Rudolf Rhomberg, Hubert von Meyerinck, Hans Richter, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)

Montag, 12. August 2013

Playgirl (1966) Will Tremper

Inhalt: Alexandra Borowski (Eva Renzi) ist ein sehr hübsches Model, das ihre große Attraktivität beim männlichen Geschlecht auch privat nutzt. Gewohnt begehrt zu werden, verfügt sie über eine Vielzahl von Bewunderern, deren Einfluss ihre Karriere fördern soll.

Als sie beruflich nach Berlin kommt, weiß sie schon genau, an wen sie sich richten muss - an den Baulöwen Steigewald (Paul Hubschmied), mit dem sie früher eine Affäre hatte. Dieser scheint aber wenig begeistert zu sein, weshalb er selbst nie erreichbar ist, sondern jedes Mal seinen Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) vorschickt. Dieser verliebt sich sofort in Alexandra und auch sie verliert langsam die Kontrolle über ihre eigene Vorgehensweise...


Will Tremper gehörte zu den wenigen deutschen Drehbuchautoren und Regisseuren, die schon in den 50er Jahren Genre-Beiträge zu kontroversen Themen schrieben und später auch drehten, was damals für erhebliches Aufsehen sorgte. Als Autor war er erstmals an „Die Halbstarken“ (1956) beteiligt, einem Film über die angeblichen Gefahren durch die aufbegehrende Jugend während der Rock’n Roll-Ära, gefolgt von einer Zusammenarbeit mit Regisseur Frank Wisbar in „Nasser Asphalt“ (1958) über den Sensations-Journalismus. Seine erste Regie, der nur noch vier weitere bis 1970 („Mir hat es immer Spaß gemacht“) folgen sollten, führte er in „Flucht nach Berlin“ (1961). Sein vorletzter Film „Playgirl“ provozierte 1966 das „vor  68er Deutschland“ mit einer Thematik, die heute nicht weniger zeitgemäß ist, weshalb es überrascht, dass Will Tremper und seine Filme inzwischen fast unbekannt sind.

Einer der Gründe dafür lag in Trempers unverhohlener Nähe zum Trivialen. Seine Filme analysierten das damalige Deutschland weder intellektuell, noch begab er sich auf das Feld des harmlosen Kabaretts wie in „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967), sondern er dokumentierte die damalige Gegenwart an Hand von Autos, Klamotten, Hits und Prominenten und lässt die Menschen sprechen, wie ihnen das Maul gewachsen ist, was dem Film eine erfrischende Vulgarität verleiht. Politische Ereignisse spielten für das entsprechende Zeitgefühl dagegen nur eine untergeordnete Rolle, was „Playgirl“ authentisch wirken lässt, obwohl die Story unter den so genannten „Schönen und Reichen“ spielt – und denen, die dazu gehören wollen.

Zwar kommt Alexandra Borowski (Eva Renzi) das erste Mal nach Berlin, aber sie ist schon länger ein erfolgreiches Fotomodell und hat viele Kontakte. In Berlin will sie den reichen Baulöwen Joachim Steigewald (Paul Hubschmied) wieder treffen, mit dem sie früher eine Affäre hatte. Doch der lässt sie von seinem Mitarbeiter Siegbert Lahner (Harald Leibniz) mit der vorgeschobenen Behauptung abfangen, er wäre auf Dienstreise. Stattdessen kümmert sich Lahner persönlich um die schöne Alexandra und verliebt sich natürlich prompt in sie.

Die Story selbst spielt kaum eine Rolle, sie verläuft linear ohne besondere Überraschungen oder Nebenhandlungen – es ging Tremper vor allem um den nahezu dokumentarischen Charakter seines Films. Sämtliche Darsteller agieren realistisch - besonders Eva Renzi ist nicht nur sehr hübsch, so dass man ihr den Beruf als Model abnimmt, sondern in ihrer Art so reizend, dass die Reaktionen der Männer nachvollziehbar sind. Auch Harald Leibniz wirkt als Möchtegern - Lebemann mit Jaguar, der eine hübsche Verlobte hat, parallel mit Alexandra flirtet und nebenbei noch mit seiner Sekretärin schläft, gleichzeitig überzeugend und bieder. Solche Rollen werden häufig klischeehaft oder betont satirisch angelegt, aber Will Tremper meinte es ernst mit seinen Figuren und ließ keinen Zweifel an deren realistischer Charakterisierung Mitte der 60er Jahre.

Deutschland befand sich damals in einem gesellschaftlichen Umbruch – die Vorboten der Moderne sind in Trempers Film genauso gegenwärtig, wie das reaktionäre Denken der Vergangenheit. Wenn Siegbert „Ich mag keine Neger, denn sie nehmen uns die Frauen weg“ sagt, dann wird er zwar von Alexandra sanft dafür getadelt, aber danach gehen sie schnell wieder zur Tagesordnung über. Rockmusik oder eine neue politisch gefärbte kritische Denkweise hatten noch keinen Einzug in das allgemeine Bewusstsein gehalten, auch nicht in das der „nachtaktiven“ Menschen, die sich selbst für modern und unbürgerlich hielten. Siegbert führt Alexandra stolz in eine Jazz-Bar, in der Paul Kuhn mit Zigarette ein letztes Lied am Klavier gibt. Das ist für ihn der ultimative Ausdruck der Coolness. Alexandra verkörpert zwar schon optisch einen „neuen“ moralisch legeren Frauentyp, der sich promiskuitiv wie ein „Playgirl“ benimmt, mit verschiedenen Männern anbandelt und ins Bett geht, aber das entspringt keinem Selbstbewusstsein, sondern tiefer Unsicherheit und der Suche nach Liebe und Geborgenheit - die Männer können sie deshalb unwidersprochen als „verrückt“ bezeichnen.

Der gesamten Konstellation haftet nichts emanzipatorisches an, sondern sie zeigt im Gegenteil Frauen, die den Männern ständig Honig um den Bart schmieren („endlich mal ein großer Mann“), um deren Gunst zu erringen. Dazu gehörte auch, dass sie ihre eigene Intelligenz bewusst leugnen. Bei den jungen nach 1940 geborenen Menschen schien zudem das Geschichtsbewusstsein immer mehr nachzulassen, denn Tremper lässt mehrfach eine junge Frau fragen, was denn damals „mit dem Hitler oder so...“ gewesen wäre, womit sich der Regisseur auf ein vermintes Feld wagte. Sein abwechslungsreicher, unterhaltender, sehr authentischer Film zeigte die Deutschen Mitte der 60er Jahre ohne Schönfärberei und Idealismus, verzichtete aber auch auf Kritik oder einen intellektuellen Überbau, womit er Unterhaltungsfilm und Dokumentation geschickt vermischte. Doch es half nicht, dem Film die gerechtfertigte Seriösität zu verleihen – allein dass eine junge Frau hier wie ein „Playgirl“ agierte, genügte schon zur Provokation, ganz abgesehen von den vielen sehr genau getroffenen Verhaltensmustern der Deutschen, an denen sich bis heute nur wenig geändert hat.

"Playgirl" Deutschland 1966, Regie: Will Tremper, Drehbuch: Will Tremper, Darsteller : Eva Renzi, Paul Hubschmid, Harald Leipnitz, Umberto Orsini, Elga StassLaufzeit : 85 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Will Tremper: