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Sonntag, 19. Juni 2016

Suzanne - die Wirtin von der Lahn (1967) Franz Antel

"Die Wirtin von der Lahn" (Teri Tordai) im Heimatfilm-Look
Inhalt: 1810 in Gießen an der Lahn: Während sich die Studenten unter der Führung von Anselmo (Mike Marshall) gegen die Willkür-Herrschaft des von Napoleon eingesetzten Statthalters Graf Dulce (Jacques Herlin) mit Spott-Gedichten auflehnen, verfolgt der wohlhabende Gastwirt Goppelmann (Oskar Sima) ganz eigene Ziele. Er will das an der Lahn gelegene Wirtshaus von der alten Besitzerin erwerben. Doch diese denkt gar nicht daran, ihm es zu verkaufen, sondern vererbt es spontan an Suzanne (Teri Tordai), die gerade mit ihrer Schauspieltruppe eingetroffen war, bevor sie stirbt.

Anselmo (Mike Marshall) als studentischer Aufrührer
Ein Schlag, den Goppelmann nicht wehrlos hinnimmt. Im Wissen, dass Anselmo mit einer Druckerpresse Flugblätter gegen die Obrigkeit herstellt, erpresst er ihn, seine Dichtkünste gegen die neue Wirtin an der Lahn zu richten. Er soll sie mit seinen Fünfzeilern moralisch diskreditieren, damit sie und ihre Leute aus der Stadt gejagt werden. Anselmo, der Suzanne noch nicht kennengelernt hat, murrt zwar, verbreitet mit seinen Gedichten aber schnell das Gerücht über die losen Sitten, die im Wirtshaus herrschen sollen. Doch die Reaktionen darauf fallen anders aus, als es Goppelmann erhofft hatte… 



"Es steht ein Wirthaus an der Lahn,
da kehren alle Fuhrleut' ein,
Frau Wirtin sitzt am Ofen,
die Fuhrleut' um den Tisch herum,
die Gäste sind besoffen"




So lautet der erste "Wirtinnen"-Fünfzeiler, dem noch viele Hundert folgen sollten. Heute ist die Bedeutung dieser aus dem 18.Jahrhundert stammenden Spottverse ebenso in Vergessenheit geraten wie Franz Antels früher Erotik-Film "Die Wirtin von der Lahn", der sich an den anzüglichen Gedichten orientierte und mit fünf Nachfolgern zur ersten erfolgreichen Erotikfilm-Reihe wurde.
Die Screenshots hier im Blog stammen von der italienischen Fassung, sind zwar recht grobkörnig, aber das Bildformat ist näher am Original als die deutsche Fassung.



Harald Leipnitz und Teri Tordai als Partner im Clinch...
"Liebesgrüße aus Tirol" (1965), "Ruf der Wälder" (1965), "Happy End am Wolfgangsee" (1966) - so lauteten die Titel der letzten drei gemeinsamen Filme von Regisseur Franz Antel und Drehbuchautor Kurt Nachmann, bevor sie "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" 1967 herausbrachten. Seit sie Mitte der 50er Jahre ("Heimatland" (1955)) begannen, die deutsche Musik- und Heimatfilmlandschaft in Richtung Moderne zu trimmen, waren sie zu einem eingeschworenen Team geworden - den Niedergang des Genres in den 60er Jahren konnten sie trotzdem nicht verhindern (siehe den Essay „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Weder half die zeitgemäße Interpretation des Eschenbach-Stoffs in "Ruf der Wälder", noch die Frivolität in "Happy End am Wolfgangsee", dem der Film seine spätere Umbenennung in "00 Sex am Wolfgangsee" verdankte. Erst "Die Wirtin" belohnte das Wagnis, verstärkt auf die Sex-Karte zu setzen, und brachte den erhofften Erfolg an der Kinokasse nicht nur in Deutschland, sondern auch im Land des Co-Produzenten Italien.

...und auf Abwegen mit Caroline (Pascal Petite)...
Mit von der Partie waren auch die Ungarn und die Franzosen – im frühen Erotikfilm keine Seltenheit, um das Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Diesem Einfluss war auch die Besetzung der Titelrolle mit der ungarischen Schauspielerin Teri Tordai zu verdanken, die der Reihe in allen sechs Folgen vorstand, während ihr männlicher Co-Partner Harald Leipnitz nach Teil 4 ausstieg. Die Internationalität in der Besetzung blieb ein Charakteristikum der „Wirtinnen“-Filme. Der US-Darsteller Mike Marshall gab ein Gastspiel als revolutionärer Student im Erstling, die Französin Pascal Petit bereicherte die ersten beiden Wirtinnen-Filme mit ihrer Erotik, ihr Landsmann, der Komiker Jacques Herlin, gehörte zum Inventar aller sechs Verfilmungen und die italienischen Erotik-Aktricen Femi Benussi und Edwige Fenech standen in Nebenrollen noch am Beginn ihrer Karrieren. Die schmissige Musik des Titelsongs stammte aus der Feder des italienischen Filmkomponisten Gianni Ferrio, aber die entscheidenden Ideengeber blieben Regisseur Antel und Autor Kurt Nachmann, die eine feine Mischung aus Historie, Heimatfilm und Erotikkomödie ersannen, die den Nerv des damaligen Publikums traf.

...und Anselmo
„Die Wirtin von der Lahn“ wurde nicht nur zur längsten Filmreihe im deutschsprachigen Kino mit einer weiblichen Hauptfigur im Zentrum des Geschehens, sie kam vor Oskar Kolles Aufklärungsfilmen („Das Wunder der Liebe“, 1968) und Erwin Dietrichs „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968) heraus und brachte es schon auf fünf Filme, bevor der „Schulmädchen-Report“ (1970) erstmals auf die Leinwand kam. Trotzdem taucht die Reihe in keiner Nachbetrachtung zur Entstehung des deutschen Sexfilms auf und wurde nur lieblos und ohne Zeitbezug auf Video oder DVD veröffentlicht. Dabei sind die Filme ein wunderbares Spiegelbild ihrer Zeit und geben ein Beispiel für die rasante soziologische Entwicklung der späten 60er Jahre – eine Wiederentdeckung:

Der Graf (Jacques Herlin) und sein Vasall (Gunther Philipp)...
Antel und Nachmann setzten früh auf ein probates Mittel, um größere Zuschauerschichten zu erreichen – die Historie. Wie der überragende Erfolg von „Die Nichten der Frau Oberst“ nach einer Romanvorlage von Guy de Maupassant wenig später erneut bewies, nahmen historisch-literarische Vorlagen dem Publikum die Berührungsängste vor dem Erotik-Film. Die anzüglich-derben fünfzeiligen Verse im Stil eines „Limericks“ über die „Wirtin von der Lahn“ besaßen ihren Ursprung im frühen 18.Jahrhundert und verstanden sich als Gegen-Reaktion auf die strengen bürgerlichen Moralvorstellungen. Wie diffizil der Umgang mit den Spott-Gedichten 1967 noch war, wird daran deutlich, dass besonders frivole Zeilen bis zur Unverständlichkeit verfremdet wurden. Auch das „Eingreifen der Sitten-Commission“ im Stil einer Tafel, die sich über das Bild schiebt, sobald nackte Haut zu sehen ist, war Witz und Notwendigkeit zugleich. Antel machte sich über die Zensur lustig, kam ihr aber gleichzeitig entgegen.

...wollen Anselmo an den Kragen, aber...
Dieser ständige Wechsel zwischen Moral und Unmoral ist charakteristisch für den gesamten Film, besonders aber für die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur, die von Teri Tordai zwischen Emanzipation und Unterordnung, zwischen Freizügigkeit und Tugend angelegt wurde. Als Leiterin einer fahrenden Schauspieltruppe tritt sie selbstbewusst und bestimmt auf, zum Helden des Films wird aber der Student Anselmo (Mike Marshall), der sich gegen den Grafen Dulce (Jacques Herlin), einen Statthalter Napoleons, auflehnt, der die Menschen in Gießen und Umgebung unterdrückt. Suzanne wird Anselmos Geliebte, obwohl ihm die anzüglichen Verse über die „Wirtin von der Lahn“ zu verdanken sind. Ursprünglich setzte er seine fünfzeiligen Spott-Gedichte gegen die Obrigkeit ein und verbreitete sie auf Flugzetteln, aber der verschlagene Wirtshausbesitzer Goppelmann (Oskar Sima) hatte ihn gezwungen, auf diese Weise die angebliche Unmoral im „Wirtshaus an der Lahn“ zu besingen, um die lästige Konkurrentin loszuwerden, die durch Zufall Wirtshausbesitzerin geworden war.

...wichtiger ist das "Wirtshaus an der Lahn" und...
Der dahinter verborgene Widerspruch steht beispielhaft für die Entstehungszeit des Films. Die Spott-Verse über die „Wirtin von der Lahn“ versprachen ungenierte Erotik, in der Film-Handlung stehen sie aber für eine falsche Behauptung. Frau Wirtin und ihre Schauspiel-Truppe sind in Wirklichkeit ganz tugendhaft, was sie aber nicht daran hindert, dem geilen Grafen Dulce - durch die vielversprechenden Verse angelockt - einen Bordell-Betrieb im Wirtshaus vorzuspielen. Natürlich nur Theater, um Zeit zu gewinnen, damit der zum Tode verurteilte Anselmo noch begnadigt werden kann. Diese On/Off-Vorgehensweise hatte den Vorteil, ordentlich Frivolitäten und Nacktheit auf die Leinwand zu bringen, ohne die Protagonisten als unmoralisch zu diskreditieren. Teri Tordai trat zwar in verführerischen Posen auf, war aber nur für einen Mann zu haben. Als sie einmal allein über den Wipfeln der Umgebung durch die Landschaft schreitet, erinnert ihre Inszenierung unmittelbar an den Heimatfilm.

...seine Verlockungen
Unterstützend stand ihr in einer Nebenrolle Hannelore Auer zur Seite, die hier nur wenig als Sängerin in Erscheinung trat, sondern mehr um als so hübsches, wie anständiges Mitglied der Theatergruppe am Ende den netten Sohn des bösen Goppelmann zu ehelichen und gemeinsam mit ihm das „Wirtshaus an der Lahn“ weiter zu führen. So viel Ordnung musste 1967 im Erotikfilm noch sein.


Die Wirtin setzt sich gegen Göppelmann (Oskar Sima) durch
Diese inkonsequente Vorgehensweise wirkt aus heutiger Sicht altmodisch, lässt aber nicht übersehen, mit welchem Spaß die Beteiligten damals bei der Sache waren. Besonders im Zusammenspiel von Teri Tordai und Harald Leipniz wurden die nach außen hin behaupteten Konzessionen lässig hintertrieben. Leipniz als männliches Gegenstück in der Schauspieltruppe, der hier etwas konstruiert zum Offizier der französischen Armee gemacht wird, steht in einer nicht konkretisierten Beziehung zu Frau Wirtin und liefert sich mit ihr manches Wortgefecht. Am Ende erweisen sich ihre jeweiligen Techtelmechtel nur als Intermezzo und sie begeben sich wieder gemeinsam auf den Weg zu neuen Abenteuern – in einer fröhlichen Ungezwungenheit, die den gesamten Film prägte und ihn über jede Unzulänglichkeit der Handlung trug.

"Suzanne - die Wirtin von der Lahn" Deutschland, Italien, Frankreich, Ungarn 1967, Regie: Franz Antel, Drehbuch: Kurt Nachmann, Darsteller : Teri Tordai, Harald Leipnitz, Mike Marshall, Pascal Petite, Jacques Herlin, Hannelore Auer, Gunther Philipp, Oskar Sima, Franz Muxeneder, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Franz Antel:

"Warum habe ich bloss 2x ja gesagt" (1969)

Sonntag, 13. März 2016

Das Spukschloss im Salzkammergut (1966) Rolf Olsen, Hans Billian

Udo (Jürgens) und seine Eva (Gertraud Jesserer) im Beziehungs-Clinch
Inhalt: Nachdem Manfred (Schnelldorfer) Hannelore (Auer) nach drei Jahren in den USA und Zwischenstopp auf Mallorca mit seinem Alfa Spider am Flughafen abgeholt hatte, umkurven sie entspannt den Wolfgangsee und kommen auf alte Zeiten zu sprechen – genauer auf Udo (Jürgens) und dessen amouröses Abenteuer, das im Ehehafen endete.

Der Beginn klingt allerdings wenig vielversprechend, denn anstatt ihn auf seiner Tournee zu begleiten, wollte seine Freundin (Gertraud Jesserer) eine eigene Karriere als Schauspielerin starten. Ob so viel weiblichen Widerspruchsgeists, blieb Udo nur der Bruch und er gesellte sich allein zu seiner international besetzten Show-Truppe, die im selben alten Schloss am Neusiedler See landete wie die notorisch klamme Theatergruppe, der sich seine Freundin angeschlossen hatte. Klar, dass das nicht lange gut gehen konnte… 

Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Das Spukschloss im Salzkammergut" erfreute am dritten Tag des 15. Hofbauer-Kongresses die Herzen mit seinem Mix aus Musik- und Heimatfilm sowie platter Komödie - ganz den populären Vorbildern "Das Spukschloss im Spessart" (1960) und Billians erster Regie-Arbeit "Übermut im Salzkammergut" (1963) verpflichtet, aus deren Titeln die Produktionsgesellschaft raffiniert einen "neuen" Titel zusammensetzte. Es wurde ihr letzter Akt, war aber insofern konsequent, weil auch der Film nichts Neues bot.

Das Filmplakat verweist auf ihre Absichten. Udo Jürgens sieht darauf deutlich "flotter" aus als in den Filmaufnahmen, die mehr als drei Jahre zuvor entstanden waren. Und als Stars wurden neben ihm Hannelore Auer und Manfred Schnelldorfer groß aufgeführt, die mit der eigentlichen Filmhandlung genauso wenig zu tun hatten, wie das "Spukschloss" im Salzkammergut steht. Sie sollten der Resteverwertung nur einen modernen Anstrich geben.






"Mercie, chérie" sang Udo Jürgens am 5. März 1966 in Luxemburg und gewann den 11. Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne für Österreich - vielleicht der entscheidende Grund, warum "Das Spukschloss im Salzkammergut" am 23. November 1966 noch das Licht der Kinoleinwand erblickte.

"Da steht Udo ganz groß drauf" meint Eva - wohl eine optische Täuschung...
Heimatfilm und Schlagerfilm waren in den frühen 60er Jahren eine Allianz eingegangen, um der darbenden Branche auf die Beine zu helfen, aber inzwischen war nur noch ein leises Röcheln zu vernehmen (siehe den Essay "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969 "). Udo Jürgens, dessen Karrierebeginn eng mit dem Schlagerfilm verbunden war ("Die Beine von Dolores" (1957)), hatte Anfang 1964 in "Unsere tollen Tanten in der Südsee" seinen letzten Filmauftritt, bevor er sich ausschließlich auf den Gesang konzentrierte. Der deutsche Verleihtitel "Siebzehn Jahr, blondes Haar" für die italienisch-deutsche Co-Produktion "La battaglia dei mods", September 1966 herausgekommen, war reiner Etikettenschwindel, erst in "Das Spukschloss im Salzkammergut" tauchte Udo Jürgens tatsächlich noch ein letztes Mal als Schauspieler aus der Versenkung auf.

...denn seine "Internationale Show-Gruppe" reist per Bus durch die Provinz
Es bedarf nicht allzu viel Fantasie, um die Entstehung des Films als Resteverwertung der "Music House" - Production Company am Ende ihrer kurzen Existenz zu erkennen. Udo Jürgens‘ einziger Song im Film "Das kann auch dir gescheh'n" stammte aus dem Jahr 1962, weshalb viel dafür spricht, dass Regisseur Rolf Olsen die von ihm erdachte Story um den Streit einer Schauspieltruppe und einer tingelnden Music-Show direkt nach "Hochzeit am Neusiedler See" abdrehte, der Ende 1963 in die Kinos kam. Die Besetzung um das Protagonisten-Paar Getraud Jesserer und Udo Jürgens sowie bekannte Darsteller wie Ruth Stephan, Mady Rahl, Oskar Sima oder Rudolf Schündler war bis in kleine Nebenrollen identisch, gedreht wurde jeweils vor dem Hintergrund des Neusiedler Sees im Burgenland und Rocco Granata  trat in beiden Filmen auf – auch sein 1966 gesungener „Tango d’amore“ stammte aus dem Jahr 1962. 


Von 1963 bis 1966 – ein Quantensprung

Hannelore Auer ganz 1966
Verräterisch sind auch die Angaben zum Drehbuch in den Credits. Idee und Ausführung stammten von Rolf Olsen, Hans Billian hatte es nur bearbeitet. Dass Olsen an der letztlichen Kino-Fassung von „Das Spukschloss im Salzkammergut“ aktiv beteiligt war, ist unwahrscheinlich. Obwohl fast gleichaltrig gibt es keinen weiteren Berührungspunkt in ihren umfangreichen Oevres. Dem erfahrenen Schlagerfilm-Spezialisten Billian blieb es allein überlassen, eine Modernisierung einzuleiten. Er montierte neben die handlungsintegrierten Musiknummern einige ortsfremde, aber aktuelle Schlager, darunter zwei von Peggy March. Sein größter Regie-Eingriff galt einer zusätzlichen Rahmenhandlung, mit der er den Film im Salzkammergut verortete und in die Gegenwart von 1966 versetzte. Zuerst sollten die Bilder eines Düsen-Jets internationales Flair vermitteln, bevor der Olympionike und Teilzeit-Sänger Manfred Schnelldorfer Hannelore Auer im Alfa-Spider um den Wolfgangsee kutschierte. Deren Lied „Nur mein Herz bleibt in Mallorca“ spielte nicht nur auf die zunehmende Reisefreude der Deutschen an, die frivol und selbstbewusst agierende Auer ließ auch die Protagonisten der Haupthandlung alt aussehen.

Udo und Gertraud ganz 1963
Gegen sie wirkte Udo Jürgens im Anzug mit akkuratem Haarschnitt entsprechend der altbackenen Story wie ein Musterschüler. Da kann Hannelore Auer in der Rahmenhandlung noch so oft „den Udo“ erwähnen, im Film hebt er sich nur durch seinen wenig sympathischen Umgang mit seiner Freundin Eva (Gertraud Jesserer) ab, deren Wunsch, als Schauspielerin berufstätig sein zu wollen, er lächerlich findet – der daraus entstehende Streit zu Beginn der Handlung war noch ganz dem traditionellen Geschlechter-Rollenbild zu verdanken. Dass Udo sich darüber hinaus nicht zu schade war, die geringen Erfolgsaussichten der kräftig dilettierenden Darsteller-Riege um seine Freundin am „Spukschloss“ zu torpedieren, war eine unnötige Dramatisierung dieser Thematik. Den Produzenten muss die dünne Story bewusst gewesen sein, weshalb sie den einzigen Höhepunkt des Films gleich zu Beginn schon vorwegnahmen – die zentral gelegene 2minütige Spukszene im Schloss, in der die Schauspieler die arroganten Musiker aus dem Schlaf schrecken. Vermutlich der einzige Grund neben Udo Jürgens‘ gewachsener Popularität, Olsens unveröffentlichte Filmrolle aus der Mottenkiste zu holen.

Die schauspielernde Konkurrenz
Bleibt nur noch die Frage, warum die so schmählich behandelte Verlobte am Ende ihren Udo doch heiratet? – Die Antwort findet sich im Jahr 1963, als der weibliche Wunsch nach einem eigenen Einkommen noch wenig populär war und Udos Verhalten als legitim galt. Nun ist 1966 nicht als Jahr des emanzipatorischen Durchbruchs in die Geschichte eingegangen, aber die Gesellschaft veränderte sich Mitte der 60er Jahre rasant und Hannelore Auers abschließende Verteidigung der Haltung Udos klang nur noch halbherzig – die Erwartung des Publikums an Typen, die cool und modern wirken wollten, hatte sich verändert. Es kann entsprechend ausgeschlossen werden, dass Udo Jürgens seine einmalige Wiederauferstehung auf der Leinwand begrüßte – auch für Manfred Schnelldorfer blieb es der letzte Auftritt in einem Kinofilm.

Das Händchen macht Schluss
Parallel feierte Rolf Olsen „heiße Nächte“ in Frankfurt, („In Frankfurt sind die Nächte heiß“ (1966)) und Billian beteiligte sich wenig später an der spanisch-deutschen Co-Produktion „Das Haus der tausend Freuden“ (1967), bevor er es „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) trieb. Hannerlore Auer ließ es derweil bei "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" (1967) krachen. Auf die „Sex-Karte“ hatte Billian bei seiner Frischzellenkur noch verzichtet, zu brav kam Olsens 63er Vorlage daher. Irgendwie aus der Zeit gefallen, aber in der von Billian zusammengeschusterten Vielfalt ein wunderschöner Abgesang auf Heimat- und Musikfilm.

"Das Spukschloss im Salzkammergut" Deutschland 1966Regie: Rolf Olsen, Hans Billian, Drehbuch: Rolf Olsen, Hans Billian, Darsteller : Udo Jürgens, Gertraud Jesserer, Hannelore Auer, Manfred Schnelldorfer, Ruth Stephan, Oskar Sima, Mady Rahl, Ilse Peternell, Laufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" (1964) 
"Heubodengeflüster" (1967) 
"Der Arzt von St.Pauli" (1968)

Donnerstag, 24. Juli 2014

Nacht am Mont-Blanc (1951) Harald Reinl

In Erinnerung an Dietmar Schönherr, gestorben am 18.07.2014

Inhalt: Vigo (Dietmar Schönherr), befehlshabender Offizier der italienischen Grenzpolizei am Mont-Blanc, kann nach einem Schusswechsel im Hochgebirge nur einen Teil der Schmuggelware konfiszieren, die Täter können dagegen entkommen. Erschöpft fährt er zurück zu einem Berghotel, wo seine Verlobte Monika (Dagmar Rom) schon sehnsüchtig auf ihn wartet. Doch ihr zärtliches Stelldichein ist nur von kurzer Dauer, da Vigo von seiner Müdigkeit übermannt wird, um nach einem fünfstündigen Schlaf gleich wieder in die Berge aufzubrechen.

Monika, die Urlaub genommen hatte, um in der Nähe ihres Liebsten zu sein, reagiert enttäuscht, lässt sich aber vom Hotel-Pagen Angelo (Gerhard Deutschmann) ablenken, der mit ihr auf die Ski-Piste geht. Dort stößt sie beinahe mit Hans (Baldur von Hohenbalken) zusammen, einem früheren Verehrer aus ihrer österreichischen Heimat, der im Hochgebirge trainiert. Ohne zu zögern verbringt sie den Tag mit dem alten Freund…


Mit "Nacht am Mont Blanc" befand sich der österreichische Regisseur Harald Reinl Anfang der 50er Jahre in bester Gesellschaft. Sein erster Langfilm nach eigenem Drehbuch -  "Bergkristall" (1949) entstand auf Basis des gleichnamigen Romans von Adalbert Stifter, "Gesetz ohne Gnade" (1951) nach Karl Lovens Roman "Das Gipfelkreuz" - spielte im Hochgebirgs-Milieu, ähnlich der Heimatfilme "Schicksal am Berg" (1950, Regie Ernst Hess), "Duell in den Bergen" (1950, Regie Luis Trenker und Debüt der "Heimatfilm"-Ikone Marianne Hold) und "Föhn" (1950, Regie Rolf Hansen), die nach 1945 wieder auf das in den 20er/frühen 30er Jahren beliebte Sujet des Berg-Dramas zurückgriffen - bei "Föhn" handelt es sich zudem um ein Remake des 1929 unter G.W.Pabst und Arnold Fanck gedrehten Stummfilms "Die weiße Hölle am Piz-Palü" (siehe "Bergdrama und Pioniere des Heimatfilms - die frühen Jahre 1930 bis 1933").

Der Einfluss dieser Film-Gattung mit ihren beeindruckenden Bergpanoramen und archaischen menschlichen Auseinandersetzungen auf die Entwicklung des "Heimatfilms" auch der 50er Jahre lässt sich gut an Reinls "Nacht am Mont Blanc" ablesen, der die dramatischen Szenen in eisigen Höhen mit komödiantischen Elementen, einer Kriminalhandlung und nicht zuletzt mit Liebesgeplänkel um Dagmar Rom verband, der damals sehr populären zweifachen Ski-Weltmeisterin von 1950, die 1952 noch eine Silbermedaille bei den olympischen Spielen in Oslo gewinnen sollte. Trotz der die Szenerie beherrschenden verschneiten Berggipfel, nahm die Story um die attraktive blonde Sportlerin damit schon früh Reinls Vorliebe für ein Unterhaltungs-Potpourri vorweg, wie er es in "Die Fischerin vom Bodensee" (1956) in Perfektion umsetzen sollte - ein typisches Stilelement der späteren "Heimatfilm" - Phase (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957").

In "Nacht am Mont-Blanc" hinterlässt der große Unterschied zwischen dem notorisch ernsthaften Mienenspiel Dietmar Schönherrs in seiner ersten Hauptrolle als Grenzpolizist Vigo und Oskar Simas witziger Darstellung eines sehr von sich überzeugten Hotel-Portiers, der sich mit einer zu Hysterie neigenden wohlhabenden Touristin aus dem österreichischen Flachland, Frau Schnackendorf (Geraldine Klatt), ins Alberne driftende Dialoge abliefert, einen uneinheitlichen Charakter. Kombiniert mit den Aufnahmen des skifahrerischen Könnens von Frau Rom, die zu fröhlicher Musik die Hänge hinunter wedelt, während ihr Verlobter Vigo gefährlichen Rauschgiftschmugglern auf der Spur ist, entsteht der Eindruck eines unentschiedenen Stils. Der Beginn und die Schlusssequenz folgten den Regeln des Bergdramas, während der Mittelteil eher komödiantisch, folkloristisch angelegt ist. Reinl gelang noch nicht die ausgewogene Mischung seiner späteren Heimatfilme.

Besonders in Sachen Liebe fuhr er ein Kontrastprogramm auf. Der nach vielen Stunden im Hochgebirge erschöpft zurückgekehrte Vigo und seine Verlobte Monika (Dagmar Rom) schwelgen in ewiger Liebe, während der Portier und Frau Schnackendorf nur despektierliche Bemerkungen für ihre langjährigen Angetrauten übrig haben. Aber auch Monika vergisst ihre elegischen Worte scheinbar schnell, nachdem Vigo schon nach kurzer Zeit wieder seinen Polizisten-Pflichten nachgehen musste, obwohl sie doch seinetwegen extra Urlaub genommen hatte. Page Angelo (Gerhard Deutschmann) darf als begabter Ersatzmann mit auf die Ski-Piste und als ihr dort zufällig ihr früherer Verehrer Hans (Baldur von Hohenbalken) begegnet, verbringt sie gleich den restlichen Tag mit ihm bis tief in die Nacht auf ihrem Zimmer, ohne ihre Beziehung zu Vigo zu erwähnen. Ein gewagtes Spiel für ein unschuldiges Fräulein Anfang der 50er Jahre, das entsprechende Folgen nach sich zieht.

Hans, von Monikas Verhalten ermutigt, versucht sein Glück, holt sich aber eine Abfuhr, woraufhin er das Hotel schon zu früher Morgenstunde in Richtung Berggipfel verlässt. Als der wieder zurückgekehrte Vigo im Hotel eine Leiche entdeckt, glaubt er, Hans wäre der Mörder und macht sich auf die Verfolgung. Doch Monika weiß es natürlich besser und versucht die beiden Männer rechtzeitig einzuholen. Die Kriminal-Story um die Schmugglerbande und den Mord im Hotel hat nur die Funktion, das abschließende Berg-Drama emotional aufzuheizen. Während der aus Turin gekommene Commissario den Fall schnell gelöst hat, spitzt sich die Situation am Mont-Blanc weiter zu. Zuerst verunglückt Monika gerade als sie die Männer erreicht hatte, wird zwar gerettet, aber auf Grund eines Wetterumschwungs müssen sie gemeinsam die Nacht am Berg verbringen. Dort erfährt Vigo, warum Hans nicht der Mörder sein kann, was den Zusammenhalt unter schwierigsten Bedingungen erst recht gefährdet.

So konstruiert und im Charakter uneinheitlich die Hinführung zu der abschließenden Sequenz wirkt, gelang es Reinl diese spannend in der Tradition klassischer Berg-Filme umzusetzen, auch weil er auf ein eindeutiges Gut-Böse-Schema verzichtete. Die Situation zwischen der Frau und den zwei Männern bleibt lange offen und sollte offensichtlich weit dramatischer enden als es die nachgeschoben wirkenden kurzen Szenen am Ende vorgaukeln – ein weiteres Beispiel für das qualitative Gefälle innerhalb eines Films, der einen Spagat zwischen leichter Unterhaltung und ernsthaftem Drama versuchte. Nicht immer gelungen, aber voller bemerkenswerter Details wie etwa die strikte Einhaltung der unterschiedlichen Sprachen, die den Betrachter auch mit längeren Dialogen in Italienisch konfrontierten, die nicht untertitelt wurden. Und signifikant für die Stellung des Films zwischen Tradition und der sich abzeichnenden Modernisierung der Nachkriegsgesellschaft, die nicht nur typisch für den frühen Heimatfilm ist, sondern auch beispielhaft für die Entwicklung des Regisseurs und Autors Harald Reinl zu einem der führenden Vertreter des Heimatfilms steht.

"Nacht am Mont-Blanc" Deutschland, Österreich 1951, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Harald Reinl, Darsteller : Dietmar Schönherr, Dagmar Rom, Oskar Sima, Geraldine Katt, Gerhard Deutschmann, Baldur von HohenbalkenLaufzeit : 84 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Harald Reinl:

Dienstag, 9. Juli 2013

Fünf Millionen suchen einen Erben (1938) Carl Boese

Inhalt: Peter Pett (Heinz Rühmann) arbeitet von früh bis spät, um seiner geliebten Ehefrau Hix (Vera von Langen) ein schönes Zuhause zu bieten. Tagsüber geht er mehr oder weniger erfolgreich als Vertreter von Staubsaugern von Tür zu Tür, um abends als Sänger in einem Varieté vor einem gelangweilten Publikum aufzutreten – nicht erstaunlich, dass ihm das wenig Spaß macht. Das ändert sich, als der US-Amerikaner Blubberboom (Oskar Sima) in dem Varieté auftaucht, begleitet von der schönen Mabel (Leny Marenbach) und sich Pett als Abgesandter eines New Yorker Notariats vorstellt, der ihm die frohe Botschaft mitteilt, dass er 5 Millionen Dollar von seinem Onkel geerbt hätte, vorausgesetzt er lebt in einer glücklichen Ehe.

Nichts leichter zu beweisen als das, denkt Pett und will gleich zu seiner Hix stürmen, aber Blubberboom hält ihn zurück, und träufelt ihm ein Schlafmittel in den Champagner. Er hat eigene Pläne mit Pett, weshalb dieser erst aufwacht, als sie schon mitten auf See sind, während sich Hix Sorgen macht. Bis plötzlich der schottische Vetter Patrick (Heinz Rühmann) bei ihr vor der Tür steht, der das Erbe statt Peter erhält, sollte dieser nicht glücklich verheiratet sein. Angesichts der Situation, scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen, aber Hix beschließt, gemeinsam mit ihm dem scheinbar treulosen Ehemann hinterher zu reisen…


„Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau, weil ich so stürmisch und so leidenschaftlich bin...“

Wem singt Heinz Rühmann als Peter Pett damit nicht aus der Seele? - Der Song, den er jeden Abend vor einem wenig interessiert wirkenden Publikum im Varieté abliefert, wird von Rühmann in solch konterkarierender Art mit stoischem Gesichtsausdruck vorgetragen, dass diese Szene zu recht so berühmt wurde, dass sie den Film in den Schatten stellte.

Im Vergleich zu seinem Alltag könnte die Tätigkeit als steppender Sänger und Kunstpfeifer im Berliner Nachtleben leicht verrucht wirken, denn am Tag ist Pett als Staubsauger-Vertreter unterwegs und pflegt vor allem seine Ehe mit der ihm angetrauten Hix (Vera von Langen). Rühmanns Spiel ist es zu verdanken, dass seine abendlichen Bühnenauftritte nicht aufregender wirken, als würde er im selben Lokal kellnern, womit er wieder überzeugend die Rolle des Kleinbürgers mimte, der es sich in seinem Privatleben gemütlich eingerichtet hat. Um zu betonen, dass ihn auch die größten Versuchungen nicht vom Pfad der ehelichen Tugend abbringen können, wiederholt Pett geradezu formelhaft seine Liebeserklärungen an „seine süße Hix“, womit er nicht nur den hinterhältigen Blubberboom (Oskar Sima) nervt, der auf seine Schwäche hoffte, sondern zunehmend auch den Betrachter, da Rühmann hier - trotz der nach außen hin behaupteten aufregenden Story – nie von seiner Linie als totaler „Saubermann“ abweicht.

Wagte Rühmann in seinen Rollen zuvor auch dezente Fehltritte („Wenn wir alle Engel wären“, 1936), womit er seine menschliche Seite noch betonte, war auch seinen Filmen zunehmend die Prüderie der 30er Jahre anzumerken. In der späteren Heinrich-Spoerl-Verfilmung „Der Gasmann“ (1941), sollten ihn die Verlockungen von 10.000,00 Mark noch einmal kurz vom Pfad der Tugend abbringen, aber hier können selbst 5 Millionen Dollar kaum Eindruck schinden. Diesen Betrag erbt Peter Pett überraschend von seinem verstorbenen Onkel aus Amerika, der als Ehemann mit schlechten Erfahrungen dem Neffen diesen Betrag nur überlassen will, wenn dieser sein Eheglück gegenüber einem Notar nachweist - als ob ein beglaubigtes Schriftstück einen solchen Beweis liefern könnte. Natürlich hat Rühmann dank seiner penetranten Liebeserklärungen schon lange das Publikum von seiner Haltung überzeugt, aber was wäre das für eine Komödie, wenn sie nicht noch ein paar Verwicklungen bereit hielte?

Blubberboom, der als Vertreter des amerikanischen Notariats nach Deutschland gekommen war, möchte die 5 Millionen Dollar natürlich selbst kassieren und hat sich dafür einen zwar perfiden, aber völlig unlogischen Plan ausgedacht. Zuerst erscheint es so, als ob er die schöne Mabel (Leny Marenbach) extra aus den USA mitgenommen hatte, um den braven Peter zu verführen, stattdessen soll sie aber als dessen glückliche Ehefrau in New York Zeugnis ablegen - ein seltsames Konstrukt, dass jede körperliche Annäherung zwischen ihnen verhindern sollte, um Rühmann in seiner Rolle keinen Moment einem unlauteren Verdacht auszusetzen. Zudem ein Plan, der nicht funktionieren kann, denn erwartungsgemäß ist Peter Pett nicht dafür zu begeistern, seine Frau gegen eine andere einzutauschen, weshalb ihm der gerissene Blubberboom während der Erbschaftsfeierlichkeiten im Varieté ein Schlafmittel in seinen Sekt schüttet. Pett wacht erst auf dem Schiff in Richtung USA wieder auf, ohne das seine Frau etwas davon weiß, weshalb sie sich wegen des nicht heimgekehrten Ehemannes große Sorgen macht.

Den Machern um Regisseur Carl Boese - einem vor und nach dem Krieg viel beschäftigten Regisseur anspruchsloser Unterhaltungsfilme (darunter „Heimkehr ins Glück“ (1933) mit Heinz Rühmann) - muss bewusst gewesen sein, dass diese Konstellation zu eindimensional war, weshalb Rühmann eine Doppelrolle verpasst bekam und noch als sein identisch aussehender Vetter Patrick aus Schottland auftrat. Dessen plötzliches Erscheinen widersprach zwar jeder Logik, da er nur durch den Notar Blubberboom von der Erbschaft hätte erfahren können, der kein Interesse an einem weiteren Erben hatte, aber das spielte in „5 Millionen suchen einen Erben“ schon keine Rolle mehr. Allein die Frage, warum Patrick das Geld bekommen sollte, wenn sich Peters Ehe nicht als glücklich erweist, ließe das Story-Konstrukt schon in sich zusammen brechen. Angeblich war eine glückliche Ehe doch die Bedingung für das Erbe. Galt das nur für Peter Pett, nicht aber für seinen Vetter ? – Doch was scherte die Drehbuchautoren ihre Ideen von gestern, entscheidend war nur die so geschürte Dramatik.

Diese Konstellation hätte die Geburt eines „bösen“ Heinz Rühmann sein können, der dem „lieben“ Heinz Rühmann die Erbschaft streitig machen will. Aber weit gefehlt, denn als übler Bursche wurde bekanntlich Oskar Sima besetzt. Immerhin darf Rühmann als schottischer Junggeselle einen Flirt mit der attraktiven Mabel wagen, aber der alte inszenatorische Trick, verschiedene Charaktereigenschaften auf zwei Personen zu verteilen, ergab hier seltsame Blüten. Einmal ist Patrick der weltgewandte, Pfeife rauchende Charmeur und Peter der brave Bürger, der nur an seine Frau denkt, im nächsten Moment mutiert er plötzlich zum souveränen Varieté-Sänger, während Patrick wie ein kleiner Junge reagiert, weil ihn Peters Ehefrau Hix nicht ganz ernst nimmt. Die Drehbuchautoren gaben sich keine Mühe, die beiden Charaktere klar zu trennen, sondern ließen Rühmann frei agieren.

Doch auch sein munteres Spiel kann die platte Story nicht mehr retten. Ließe sich das widersprüchliche Testament noch dem verwirrten Geist eines amerikanischen Millionärs zuschreiben, so wird aus dem angeblich so tollen Plan des feinen Herrn Blubberboom, der erst als Anlass für die Story diente, ein profaner Diebstahl. Nachdem über die gesamte Laufzeit getrickst und getäuscht wurde, um die Öffentlichkeit plus die Notare hinters Licht zu führen, klaut er am Ende das Geld einfach aus dem Safe (wenn auch elegant mit dem richtigen Schlüssel). Die Rolle von Mabel als falsche Ehefrau stellt sich damit als vollkommen sinnlos heraus, denn auf diese Weise hätte Blubberbloom das Geld auch dem echten Ehepaar stehlen können, dass zuvor problemlos ihr gemeinsames Glück nachgewiesen hätte. 

Obwohl der Film mit Originalaufnahmen aus New York beginnt und auch in den Kulissen Weltoffenheit demonstriert, ist „Fünf Millionen suchen einen Erben“ signifikant für das kleinbürgerliche und provinzielle Denken in Deutschland während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Die Stilisierung eines Helden, dem bei der Eröffnung einer 5 Millionen-Erbschaft nur einfällt, dass er jetzt keine Staubsauger mehr verkaufen muss, der offene Rassismus, in dem Dunkelhäutige als exotische Domestiken und Schreckgespenster herhalten müssen, und besonders die Sprache lassen ein sehr eingeschränktes Denken erkennen. Die Verwechslungs-Komödie funktioniert nur, weil Peter und Patrick nicht nur identisch aussehen, sondern auch die selbe Sprache sprechen. Sowohl die Notare, die amerikanische Öffentlichkeit, als auch Mabel verwechseln die beiden Männer, obwohl hier Vertreter dreier Nationen aufeinander treffen. Man könnte das als nebensächlich erachten, da der Film nur den Regeln einer Komödie folgt, aber die gesamte aufgeregte Story bis zur Zuspitzung auf dem Dach eines New Yorker Hochhauses erweist sich letztlich als ein künstlich aufgeblähtes, dank der guten Darsteller allerdings unterhaltsames Nichts. Und sie lebt von dem berühmten Song:

„…ich brauch’ ihr nur in die Auge zu schauen – und schon isse hin!“

"Fünf Millionen suchen einen Erben" Deutschland 1938, Regie: Carl Boese, Drehbuch: George Hurdalek, Jacob Geis, Harald Baumgarten (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Vera von Langen, Leny Marenbach, Oskar Sima, Heinz SalfnerLaufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:


"Die spanische Fliege" (1955)

Donnerstag, 4. April 2013

So ein Flegel (1934) Robert A. Stemmle

Inhalt: Obwohl Dr. Hans Pfeiffer (Heinz Rühmann) erst Anfang 20 ist, ist er schon ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen Theaterstück in Berlin auf die Bühne gebracht werden soll. Bei den Proben kritisiert er die schauspielerischen Leistungen, da die von ihm konzipierten Rollen aus seiner Sicht nicht überzeugend verkörpert werden. Wirklich ernst wird seine Meinung nicht genommen, da sein Stück in einer Schule spielt, er selbst aber von einem Privatlehrer unterrichtet wurde. Woher soll er wissen, wie sich ein Schüler an einer staatlichen Schule benimmt?

Sein Zwillingsbruder Erich (Heinz Rühmann) könnte ihm da einiges erzählen, denn der Oberprimaner versucht seit zwei Jahren sein Abitur zu bestehen, gilt aber unter den Lehrern als hoffnungsloser Fall, da er nur Flausen im Kopf hat. Um der Tochter des Direktors, Eva (Annemarie Sörensen), zu imponieren, hängt er früh am Morgen ein Schild an das Eingangstor zum Gymnasium, das behauptet, die Schule wäre wegen Bauarbeiten an diesem Tag geschlossen, ein von den Schülern gern befolgter Hinweis. Dem Lehrerkollegium ist sofort klar, wer dahinter steckt und will Erich Pfeiffer bestrafen, aber dieser entzieht sich durch Flucht nach Berlin. Nichts ahnend erscheint in diesem Moment sein Bruder Hans an der Schule in der Kleinstadt, um nach seinem Bruder zu sehen und landet unvermittelt im Karzer…


Sein erster 1933 erschienener Roman "Die Feuerzangenbowle" wurde für den in Düsseldorf als Rechtsanwalt arbeitenden Heinrich Spoerl der Beginn einer erfolgreichen Karriere als Schriftsteller. Schon 1934 wurde sein Roman erstmals verfilmt - ein Erfolg, dem weitere folgen sollten. Die 1936 herausgegebenen Romane "Wenn wir alle Engel wären" und  "Der Maulkorb" erlebten ähnlich schnell ihr erstes Leinwanddebüt, bevor mit "Der Gasmann" auch sein vierter Roman 1941 verfilmt wurde. So homogen diese Entwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus klingt, so entscheidend sind die Unterschiede im Detail.

"Der Maulkorb" verstand sich als ironisch-bissige Beschreibung kleinbürgerlicher Obrigkeitshörigkeit - seine Verfilmung von 1938 gilt trotz ihrer zeitlichen Rückdatierung als erstaunlich subversiv - und "Wenn wir alle Engel wären" war ein liebevoller Angriff auf die Doppelmoral. Einzig "Der Gasmann" ließ deutliche Konzessionen an den Nationalsozialismus erkennen und verfügte auch nicht über Spoerls ambivalente Charaktere, weshalb er sein einziger Roman blieb, der nach dem Krieg nicht wieder verfilmt wurde. "Die Feuerzangenbowle" dagegen erfuhr noch während der Zeit des Nationalsozialismus eine erneute Verfilmung, wofür es mehrere Gründe gab. Spoerls amüsante Erzählung von seligen Gymnasialzeiten zu Beginn des 20.Jahrhunderts, verband die idealisierte Rückschau auf die eigene Schullaufbahn mit einem spöttischen, aber keineswegs herabwürdigenden Blick auf die Lehrkräfte, und versprach damit die vom Propaganda-Ministerium geforderte politisch unverfängliche Unterhaltung – ein Irrtum, wie sich herausstellte – aber entscheidend war, das die erste Verfilmung „So ein Flegel“ ohne die Beteiligung Spoerls am Drehbuch entstanden war und stark von der Buchvorlage abwich.

Stattdessen hatte Hans Reimann das Drehbuch verantwortet, der auch als Mitverfasser der „Feuerzangenbowle“ gilt. Wie groß sein Anteil an Spoerls Buch war, konnte nie genau nachgewiesen werden, aber das Drehbuch zu „So ein Flegel“, dass er in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert A.Stemmle schrieb, veränderte nicht nur die Story, sondern auch ihren fantasievollen Charakter - wie schon der veränderte Filmtitel verrät, der auf die „Feuerzangenbowle“ verzichtete, die erst die alkoholisch vernebelten Erinnerungen an die Schulzeit ermöglichte. Entsprechend unrealistisch erschien den Machern die Vorstellung, dass ein erwachsener Bürger im bürokratischen Deutschland erneut die Schule besucht – die Grundidee in Spoerls Roman - weshalb Hartmann nicht nur den Zwillingsbruder Erich Pfeiffer dazu erfand, sondern beider Dasein gleich auf feste Füße stellte. Während Dr.Hans Pfeiffer (Heinz Rühmann) ein wahrer Wunderknabe ist, der schon mit Anfang 20 über einen Doktortitel verfügt und als Autor ein Theaterstück über die Schulzeit in Berlin herausbringt, wiederholt sein gleichaltriger Bruder Erich (Heinz Rühmann) schon zum dritten Mal die Oberprima und gilt als hoffnungsloser Fall. Die Zielsetzung dieser Konstellation liegt auf der Hand. Durch den zufälligen Tausch der identisch aussehenden Brüder – Erich flieht nach einem Streich aus der Kleinstadt, Hans wollte dort gerade nach dem Rechten sehen – kann Hans endlich die Schulbank drücken und fehlende Erfahrungen nachholen, während Erich in Berlin deutlich entspannter mit den Theaterleuten und der Privatsekretärin umgeht als sein gestrenger Bruder.

Offensichtlich war Spoerls Einfluss zu diesem Zeitpunkt noch gering, denn der Versuch, seinen traumwandlerischen Erinnerungen eine realistischere Grundlage zu geben, ging nur auf Kosten der inneren Schlüssigkeit seines Romans. Das beginnt schon bei den charakterlich sehr unterschiedlichen Zwillingsbrüdern, deren verschiedener Werdegang nicht nachvollziehbar ist. Wieso geht Erich auf eine staatliche Schule, während Hans (wie in Spoerls Buch) bei einem Privatlehrer lernte? – Auch die romantischen Verwicklungen um Eva (Annemarie Sörensen), die hübsche Tochter des Schuldirektors (Jakob Tiedtke), benötigten einige Drehbuchverrenkungen. Kurz nachdem er in der Kleinstadt ankam, landet Hans für fünf Stunden im Schulkarzer als Strafe für einen Streich, den sein Bruder der Schule gespielt hatte, um Eva zu imponieren. Es kommt zu einer Szene aus Spoerls Buch, in der Eva den Delinquenten besucht, teils um ihn zu verspotten, teils weil sie sich geschmeichelt fühlt. Hans, dem sie sofort gefällt, erkundigt sich später am Telefon bei seinem Bruder, ob Eva ihm etwas bedeute. Dieser weist das weit von sich, womit zwar das Binnenverhältnis der Brüder geklärt ist, sich aber die Frage stellt, wieso Erich sich zuvor so sehr um sie bemüht hatte?

Der entscheidende Unterschied zur Buchvorlage und damit auch zu deren originalgetreuen Verfilmung von 1944 liegt in der Vernachlässigung des eigentlichen Themas – der Schule. Oskar Sima als Professor Crey, der ebenfalls ein Auge auf Eva geworfen hat, gibt sich zwar die größte Mühe als feindlich gesinnter Lehrer, kann aber nicht verhindern, dass von der Schulatmosphäre wenig übrig blieb. Selbst die berühmte Szene mit der Dampfmaschine verliert jede Wirkung, da sie innerhalb des Lustspiels um die verwechselten Brüder, diverse Damen und die Theateraufführung in Berlin wie ein Fremdkörper wirkt. Auch wenn der Film einen Großteil der handelnden Personen, sowie einige Szenen aus dem Buch übernahm, erzählte er eine völlig anders konzipierte Geschichte. Zu seinem Nachteil, da er sich von anderen harmlos-witzigen Komödien der frühen nationalsozialistischen Jahre kaum unterschied und für den überzeugend in einer Doppelrolle agierenden Heinz Rühmann kein Erfolg wurde. Dass „So ein Flegel“ der Vergessenheit entrissen wurde, verdankt er ausschließlich der zweiten, wesentlich gelungeneren Verfilmung der „Feuerzangenbowle“.

"So ein Flegel" Deutschland 1934, Regie: Robert A.Stemmle, Drehbuch: Hans Reimann, Robert A.Stemmle, Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Oskar Sima, Ellen Frank, Inge Conradi, Rudolf Platte, Jakob Tiedtke, Laufzeit : 78 Minuten

Montag, 18. März 2013

Grün ist die Heide (1951) Hans Deppe

Inhalt: Der Oberförster (Josef Sieber) ist verzweifelt, da ein Wilderer in seinem Revier sein Unwesen treibt und er ihm nicht auf die Schliche kommt. Der junge Förster Walter Reiner (Rudolf Prack), der erst vor wenigen Wochen seine Stelle antrat, ist da wesentlich erfolgreicher und hätte den Wilderer beinahe auf frischer Tat ertappt.

Doch die Spur, die er verfolgte, führte ihn ausgerechnet zum nahe gelegenen Landschloss, in der die angesehene Familie Lüdersen zu Hause ist. Hier wohnt auch Helga (Sonja Ziemann), die hübsche Tochter von Lüder Lüdersen (Hans Stüwe), der bei seinem Bruder Gottfried untergekommen ist. Reiner hat ihren Vater in Verdacht, aber er bekommt zusehends Gewissensbisse, da er sich in dessen Tochter verliebt hat...


Erst seit 1968 werden die Besucherzahlen in den deutschen Kinos gezählt, da zuvor keine genauen Erhebungen gemacht wurden. Trotzdem steht es unzweifelhaft fest, dass die Zuschauerzahlen, die gerade deutsche Filme in den 50er Jahren erzielten, von zeitgenössischen Filmen kaum noch erreicht werden können. 1951, als "Grün ist die Heide" von etwa 16 Millionen Menschen gesehen wurde, gab es nur wenige alternative Unterhaltungsmöglichkeiten, aber das allein erklärt nicht den großen Erfolg dieses Films.

Die Gattung des 50er Jahre "Heimatfilms", die mit "Grün ist die Heide" ihre frühe Blüte erlebte (siehe "Die erste Boom-Phase - der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954"), gilt heute als konservativ veraltet und filmisch uninteressant - quasi ein Relikt aus einer Zeit, mit dem man sich höchstens noch aus historischen Gründen beschäftigt. Eine unberechtigte Sichtweise, spiegelt die Gattung nicht nur das Lebensgefühl ihrer Zeit wider, sondern gibt es innerhalb des Genres große Qualitätsunterschiede. Besonders an "Grün ist die Heide" wird das erkennbar - ein Film, der viele Nachfolger erzeugte, die nicht annähernd dessen Dichte und Atmosphäre erreichten.


Unabhängig davon, wie man zu der Wilderer-Thematik steht, muss man Drehbuchautor Bobby E. Lüthge gute Arbeit bescheinigen. Er kombinierte aktuelle gesellschaftliche Probleme der Nachkriegszeit mit einer Liebesgeschichte und reicherte dieses Konglomerat mit heimatlicher Musik und Landschaftsbildern an, die in starkem Kontrast zur damaligen Realität in Deutschland standen. Dabei griff er auf Motive seines eigenen Drehbuchs zum 1932 entstandenen Original "Grün ist die Heide" zurück. Zwar fußte dieses ebenfalls auf den von dem Großstädter Hermann Löns geschriebenen Texten über die Lüneburger Heide, besaß aber nicht dessen Realitätsbezug - ein entscheidender Unterschied, der mit zum Erfolg des 1951er Remakes beitrug. 

Über der gesamten Handlung steht immer die Vertriebenen-Thematik und der damit verbundene Verlust der Heimat, der nicht nur die Bewohner der ehemaligen Ostgebiete betraf, sondern viele Menschen, die im Krieg ihre Wohnung oder Haus verloren hatten. Das gilt auch für Lüder Lüdersen (Hans Stüwe) und seine Tochter Helga (Sonja Ziemann), die nach der Vertreibung bei seinem Cousin und Gutsbesitzer Gottfried Lüdersen (Otto Gebühr) untergekommen sind. Der Film macht kein Geheimnis daraus, dass es sich bei Lüder Lüdersen um den Wilderer handelt, der schon lange vom Oberförster ergebnislos verfolgt wird. Doch sein zukünftiger Nachfolger Walter Rainer (Rudolf Prack), der gerade erst die Stelle angetreten hat, erwischt den Wilderer beinahe auf frischer Tat. Als er bei der Verfolgung an den Gutshof gelangt, wird er brüsk zurückgewiesen, angesichts der Unterstellung, es könnte sich bei dem Wilderer Jemand aus dem ehrwürdigen Hause handeln. Zudem begegnet der junge Förster noch Tochter Helga, für die er sich schnell begeistert, weshalb er unverrichteter Dinge wieder davon geht.

Von der Tochter zur Rede gestellt, gesteht ihr Vater, nur beim Jagen glücklich sein zu können, da er dann wieder das Gefühl der Heimatverbundenheit in Erinnerung an die eigenen Wälder empfinden kann. Auch wenn Helga ihm das Gewehr abnimmt und er versprechen muss, es nie wieder zu tun, steht außer Zweifel, dass Niemand im Publikum ihn deshalb verurteilt haben wird, obwohl es sich bei den Lüdersens um Mitglieder einer privilegierten Klasse handelte, die nur wenig mit den Problemen gemein hatte, die der Durchschnittsbürger damals bewältigen musste.

Die Stimme des Volkes spricht dagegen durch die drei Landstreicher Hannes (Hans Richter), Nachtigall (Kurt Reimann) und Tünnes (Ludwig Schmitz), die im Film die heimliche Hauptrolle einnehmen und nicht ohne Grund in gleicher oder ähnlicher Formation in anderen Filmen erneut antraten. Dank ihrer respektlosen Art, die das Geschehen teilweise auch ironisch kommentiert, verzeiht man die Romantisierung des Landstreichertums. In Anspielungen weisen die Drei mehrfach auf gesellschaftliche Probleme hin (zum Beispiel die schwierige Arbeitssituation), um sofort wieder einen Witz darüber zu machen. Die Akzeptanz, die sie bei der bürgerlichen Gesellschaft genießen, ist unrealistisch, aber da sie für die besten musikalischen Einlagen zuständig sind (bei dem Sänger Kurt Fröhlich handelte es sich um einen bekannten Opern-Tenor) entsteht für das Publikum ein Gleichgewicht zwischen der ärmlichen Grundsituation und der gleichzeitigen Meinungshoheit. Als die Drei Lüdersen helfen, dessen Gewehr in Sicherheit bringen und selbstverständlich kein Wort darüber verraten, ist das positive Urteil über den vertriebenen Landadeligen schon gesprochen.

Dagegen entwickelt sich die eigentliche Story über die langsam entstehenden Gefühle zwischen Helga und dem Förster linear und überraschungsarm und ist als reines Starvehikel für die damals seit Hans Deppes erstem Heimatfilm-Erfolg nach dem Krieg "Schwarzwaldmädel" (1950) sehr populären Sonja Ziemann und Rudolf Prack zu verstehen. Letztlich erweist sich diese Einfachheit als vorteilhaft für den Film, der vor allem von den vielen kleinen musikalischen und humorigen Einlagen und der optisch sehr schön in Szene gesetzten Lüneburger Heide lebt. Das ein Zirkusmitarbeiter, der dazu keinen gültigen deutschen Pass besitzt, am Ende als Bösewicht herhalten muss, verdeutlicht nur die allgemein verbreitete sehr konservative Stimmung, die auch in der unverhohlenen Haltung verborgen ist, die vom Wiedererhalt der ehemals deutschen Ostgebiete ausgeht. Das gemeinsame Singen des "Riesengebirge"-Liedes war sicherlich ein Höhepunkt des Films.

Aus heutiger Sicht verfügt der Film über viele veraltete, teils reaktionäre Elemente, deren Bedeutung inzwischen entweder überholt oder deren Attraktivität kaum noch vorhanden ist. Nur schwer vorwerfen kann man dem Film, dass er mit seiner Idealisierung des Landlebens, den Betrachter von seinem tristen Alltag ablenken wollte, denn letztlich haben populäre Filme auch heute keine andere Aufgabe. Unter diesem Gesichtspunkt ist "Grün ist die Heide" sehr gelungen, denn selten gelang eine ausgewogenere Mischung aus Starverehrung, dramatischer Geschichte, ironischem Witz und musikalischen Einlagen im deutschen Heimatfilm.

"Grün ist die Heide" Deutschland 1951, Regie: Hans Deppe, Drehbuch: Bobby E. Lüthge, Hermann LönsDarsteller : Sonja Ziemann, Rudolf Prack, Maria Holst, Willy Fritsch, Oskar Sima, Otto Gebühr, Hans Richter, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Hans Deppe:

"Schloss Hubertus" (1934)


Thematisch weiterführender Link:

"Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)