Freitag, 24. Februar 2017

Heimatlos (1958) Herbert B. Fredersdorf


Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) interessiert sich für Barbara (Marianne Hold)...
Inhalt: Dass Barbara (Marianne Hold) Franz (Rudolf Lenz) liebt und ihre Hochzeit bevor steht, heißt nicht, dass sie sich allein auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken will. Gegen den Willen ihres Vaters (Willy Rösner) und ihres Verlobten plant sie, ihre Freundin in München für ein paar Tage zu besuchen, und lässt sich auch von einem Fremden beim Volksfest ihres Heimatdorfs ansprechen. Barbara weiß selbstbewusst Grenzen zu ziehen, was den Großstädter Conny Fürst (Peter Weck) erst richtig reizt. Als Barbara am nächsten Tag im Bus nach München fährt, setzt er sich überraschend zu ihr und weicht ihr auch am Ziel nicht von der Seite. 

...was den einheimischen Herren (Joe Stöckel, Willy Rösner und Rudolf Lenz) missfällt
Im Glauben, ihn spätestens bei ihrer Freundin loszuwerden, fährt sie noch gemeinsam mit ihm im Taxi zu deren Elternhaus, muss dort aber erfahren, dass die Herrschaften überraschend abgereist sind, ohne sie noch rechtzeitig informieren zu können. Für Conny Fürst die Gelegenheit, seine Beziehungen und Ortskenntnisse zu nutzen. Da kein Bus mehr zurückfährt, bringt er sie erst in einer hochanständigen Pension bei einer strengen Oberst-Witwe unter, um mit ihr Abends schick auszugehen. Doch obwohl er seinen Charme zu Höchstform auflaufen lässt, wehrt Barbara seine Annäherungen ab und verbringt die Nacht allein. Nur glaubt das ihr eifersüchtiger Verlobter nicht, der ihr nachgefahren war, nachdem er erfahren hatte, dass sie nicht bei ihrer Freundin untergekommen war. Als Conny Fürst noch mit einem Blumenstrauß auftaucht, eskaliert die Situation… 

"Heimatlos" konnte mit einigen Stars aufwarten. Die Heimatfilm-Größen Marianne Hold und Rudolf Lenz standen an der Spitze eines Casts, der mit Joe Stöckel, Peter Weck, Willy Rösner, Werner Fuetterer und Helen Vita bis in die Nebenrollen prominent besetzt war. Dazu kam der schauspielerische Newcomer, aber aktuelle Schlager-Star Freddy Quinn in seiner zweiten Filmrolle und Sängerin Dany Mann mit einem kurzen Auftritt. Diese angesagte Darsteller-Riege täuscht darüber hinweg, dass sich die Popularität des Heimatfilms im Niedergang befand (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969"). Für Regisseur Fredersdorf wurde "Heimatlos" sein letzter Heimatfilm, ebenso für Joe Stöckel, der ein Jahr später mit 64 Jahren starb.

Mehr als die äußerlichen Anzeichen steht das Drehbuch für diesen schleichenden Prozess, denn der nicht weiter in Erscheinung getretene Autor E.A. Wildenburg kombinierte Heimatfilm-Klischees mit dem Ende der 50er Jahre angesagten "Moral"- oder "Halbstarken-Film" und stellte dem gestandenen Helden Rudolf Lenz einen großstädtischen Gauner und Verführer gegenüber. Dazu mit Freddy Quinn auch einen Sänger, dessen Filmkarriere noch bevor stand, die beispielhaft für den Wandel im Heimatfilm steht. Zwar konservativ und heimatverbunden bleibend, verlieh Quinn dem Heimatfilm ab "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) ein internationales und mordernes Image. 


Anfangsszenario: Franz (Rudolf Lenz) und Barbara als Liebespaar...
Rudolf Lenz befand sich 1958 auf dem Höhepunkt seiner Helden-Karriere. Berühmt geworden mit dem österreichischen Film "Echo der Berge" (1954), der den Heimatfilm-Boom unter dem Titel "Der Förster vom Silberwald" erst richtig anfachte (siehe Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), entstanden in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Genre-Vertretern mit ihm in der Hauptrolle - darunter die Ganghofer-Verfilmungen "Das Schweigen im Wald" (1955), "Der Jäger von Fall" (1956) und "Der Edelweißkönig" (1957). Ebenfalls 1957 war auch eine Art Fortsetzung seiner Förster-Rolle in "Der Wilderer vom Silberwald" an der Seite seiner Dauerpartnerin Anita Gutwell herausgekommen, mit der er im Jahr darauf "Einmal noch die Heimat seh'n" drehte. Zwischen diesen beiden Filmen kam im Sommer 1958 „Heimatlos“ in die Kinos, bei dem Rudolf Lenz erstmals an der Seite von Marianne Hold spielte, der neben Gutwell populärsten Darstellerin dieser Phase im Heimatfilm. Doch obwohl er sie schon in der ersten Einstellung küsst, spielte er im Film nur die dritte Geige.

...aber der smarte Conny Fürst lässt nicht locker
Geplant war das nicht, denn selbstverständlich stand Lenz in den Credits neben Marianne Hold an erster Stelle und war als tüchtiger und heimatverbundener Besitzer eines Sägewerks in Tirol für die Rolle des anständigen Kerls vorgesehen, der die begehrte Maid erobert. Nur setzte die Handlung in "Heimatlos" mit diesem sonst am Ende stehenden Szenario ein, was erwarten ließ, dass es sich nicht wie üblich fortsetzen sollte. Eine Auto-Hupe, die rücksichtslos ein Blasorchester unterbricht, das gerade gen Festplatz marschierte, gibt das Signal für die Störung der Heimat-Idylle. Conny Fürst (Peter Weck) hatte sein Cabriolet mitten in die Menschenmenge gesteuert, um kurz daraus Barbara (Marianne Hold) bei dem jährlichen Volksfest ihres Heimatorts anzusprechen - ein Umstand, der bei ihrem Vater (Willy Rösner), dem Pfarrer (Joe Stöckel) und besonders bei ihrem Verlobten Franz (Rudolf Lenz) für Missstimmung sorgt. Und die schöne Barbara verärgert, die sich dieses Misstrauen der versammelten Männer verbittet.

Im Nachtclub lässt er Champagner springen...
Deutlich wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass mit der selbstbewusst auftretenden Barbara etwas nicht stimmen kann – so zumindest die übereinstimmende Meinung der Altvorderen. Während ihr Vater den Einfluss der Großstadt München beklagt, glaubt der Pfarrer, dass sie schnell wissen wird, wo ihr Platz ist, sobald sich Nachwuchs ankündigt. Doch weder sie, noch ihr zukünftiger Ehemann können Barbara davon abbringen, dass sie für ein paar Tage eine Freundin in München besuchen möchte. Eine junge Frau, die ihr Heimatdorf zurückgelassen hätte, um ihren Fuß in einen Großstadt-Moloch zu setzen, wäre wenige Jahre zuvor noch diskreditiert gewesen, aber auch im Heimatfilm war die Zeit nicht stehen geblieben. Der wachsende Wohlstand in den 50er Jahren hatte das Freizeitverhalten und die Mobilität verändert, die Entfernung zwischen den Tiroler Bergen und München war geschrumpft. Geradezu mit den Händen zu greifen ist deshalb das Bemühen der Macher um Regisseur Herbert B. Fredersdorf, Barbaras Reputation als anständige junge Frau nicht zu beschädigen – das Unheil musste von außen kommen.

...und im Hinterzimmer macht er krumme Geschäfte mit Hanuschke (Werner Fuetterer)
In Person des Großstädters, Bonvivants und - wie sich bald herausstellt - Ganoven Conny Fürst, weshalb die Leistung Peter Wecks in dieser Rolle nicht hoch genug einzuschätzen ist. Weck gelang der Spagat zwischen Charmeur und Hallodri so gut, dass Barbaras zunehmend schwächer werdender Widerstand gegenüber seinem hartnäckigen Werben verständlich wird, gleichzeitig seine Funktion als unlauterer Verführer junger Mädchen nicht in Frage gestellt wurde. Zwar bemühte das Drehbuch noch den Zufall – Barbaras Freundin war überraschend verreist und ihr eifersüchtiger Verlobter bezichtigt sie zu Unrecht der Unmoral und treibt sie damit erst in Connys Arme – aber das ändert nichts an Wecks Darstellung eines unterhaltsamen und im Kern sympathischen Typen. Der es auch ernst mit Barbara meint und sie heiraten will, aber nicht das einträgliche Geschäft des Autoschmuggels lassen kann, weshalb er vom Drehbuch schnöde fallen gelassen wird. Bei der Flucht erschossen, was Ende der 50er Jahre offensichtlich kein Problem war, obwohl Conny Fürst nie eine Waffe bei sich trug. Zurück blieb die schwangere, unverheiratete Barbara – und Auftritt Freddy Quinn!

Freddy (Freddy Quinn) und Gertie (Helen Vita) kümmern sich um Barbara
Zwar war Quinn schon zu den Anfangs-Credits mit seinem Hit „Heimatlos“ zu hören und spielte eine Nummer in Conny Fürsts Lieblings-Nachtclub, aber erst nach dessen Tod bekam seine Rolle Gewicht. Zuständig für die Liedtexte war erneut Aldo von Pinelli, auf dessen Drehbuchidee Quinns erste kleine Filmrolle in „Die große Chance“ (1957) zurückging und der später gemeinsam mit Regisseur Wolfgang Schleif und Co-Autor Gustav Kampendonk für dessen Aufstieg zum Filmstar („Freddy, die Gitarre und das Meer“ (1959)) verantwortlich werden sollte, aber mit der Figur des Freddy in „Heimatlos“ hatte er nichts zu tun, die allein der inneren Logik der Drehbuch-Konstruktion um Barbara folgte. Schwanger und ohne Geld in der Großstadt zurückgelassen, droht ihr der endgültige Niedergang, als ausgerechnet der schmierige Nachtclub-Besitzer Hanuschke (Werner Fuetterer), der mit Fürst gemeinsame Sache machte, ihr eine Anstellung anbietet. Doch mit dem Musiker Freddy und Helen Vita als resoluter Bardame mit Herz existieren auch positive Charaktere an diesem finsteren Ort, die die junge Frau unter ihre Fittiche nehmen.

Der Pfarrer (Joe Stöckel) begibt sich in die menschlichen Niederungen, um zu vermitteln
Leider vertiefte „Heimatlos“ diese spannende Situation nicht, sondern leitete mit einem großen Zeitsprung weiter in Richtung zu erwartender Entwicklung. Barbara verdient ihr Geld inzwischen mit einem eigenen Schneiderladen und geht in ihrer verantwortlichen Rolle als Mutter einer fünfjährigen Tochter auf. Freddy, wagt es endlich, ihr einen Heiratsantrag zu machen, nachdem er seinen ersten Plattenvertrag erhalten hatte, aber inzwischen ist Franz wieder aufgetaucht, der sein damaliges Benehmen bereut und sich wieder um seine frühere Verlobte bemüht. Barbara erwidert seine Gefühle, aber sie zögert, Franz von ihrer Tochter zu erzählen, auch weil sich dieser wiederholt über deren verstorbenen Erzeuger echauffiert. „Heimatlos“ ließe sich als Plädoyer für Toleranz begreifen, denn eine unverheiratete Mutter besaß Ende der 50er Jahre nur wenig Ansehen, aber dafür ist der Film zu bemüht, jeden Eindruck von Unmoral von Barbara fernzuhalten. Ihr Schicksal sollte hier beispielhaft für den Gegensatz Stadt/Land stehen - und daraus folgernd für Gefahr/Sicherheit bzw. Fremde/Heimat.

Mit seinem Holzhund kann Freddy nicht punkten...
Damit verband der Film ein klassisches Heimatfilm-Thema mit dem in dieser Phase populären „Moral-Film“, der die als negativ betrachteten Auswirkungen einer sich verändernden Sozialisation auf Moral und Geschlechterrollen anprangerte. Entsprechend rückt Franz die landschaftliche Schönheit der heimatlichen Bergwelt gegenüber den städtischen Mietskasernen ins rechte Licht und durfte Joe Stöckel in einer seiner letzten Rollen als warmherziger Pfarrer die heimatliche Toleranz betonen, dmit der auch eine verlorene Tochter wieder mit offenen Armen aufgenommen wird. Nahezu perfide ist die abschließende Szene in der Großstadt, in der Franz der Tochter einen echten Hund schenkt und von ihr sofort als „Papa“ akzeptiert wird, während der abgewiesene Freddy mit einem Spielzeughund bei der Kleinen abstinkt. Nicht nur, dass dieser wie ein Depp dasteht, der Film ließ außen vor, dass Freddy seit Jahren Barbara als Freund zur Seite stand und deren Tochter von klein auf kannte.

...und das Happy-End nicht verhindern
Am Ende kehrt Barbara wieder in ihre Heimat zurück, nur spielte diese im Film - von schönen Bildern abgesehen - nur eine Nebenrolle. „Heimatlos“ erging es wie vielen Moral-Filmen in der Tradition von "Die Halbstarken" (1956) – die Welt, vor der sie warnen wollten, wirkte auf der Leinwand faszinierender als das fiktive Ideal. Dagegen konnte auch der Heimatfilm-Held Rudolf Lenz nicht anspielen, dessen Franz gegenüber dem charmanten Conny und dem Musiker Freddy wie ein altbackener Langweiler wirkt. Dass Barbara - von Marianne Hold mit sanftem emanzipatorischen Gestus verkörpert - wieder zu Franz zurückkehrte, entsprach zwar der Erwartungshaltung, überzeugte aber nicht. Der Zwiespalt des Films, die bisherige Ordnung bewahren zu wollen, gleichzeitig aber modische Stile zu bedienen, manifestierte sich in Freddy Quinns melancholischen Schlagern. Seine Texte betonten zwar den Wert von Heimat und Verlässlichkeit, aber seine Musik und sein auch an internationalen Vorbildern orientiertes Auftreten entsprachen dem Zeitgeist – Quinns Nummer 1-Hit „Heimatlos“ ist auch ein Abgesang auf den traditionellen Heimatfilm. 

"HeimatlosDeutschland 1958, Regie: Herbert B. FredersdorfDrehbuch: E.A.Wildenburg, Darsteller : Marianne Hold, Rudolf Lenz, Peter Weck, Freddy Quinn, Helen Vita, Joe Stöckel, Willy Rösner, Werner Fuetterer, Dany Mann, Laufzeit : 95 Minuten

Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung. Dort arbeitete Herbert Reinecker arbeitete seit 1935 im Presse- und Propagandaamt. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann:

Montag, 30. Januar 2017

Heubodengeflüster (1967) Rolf Olsen


Maderer (Peter Carsten), Blasius (Gunter Phillip) und Genoveva (Elfie Pertramer)
Inhalt: Eine von ihm angezettelte Schlägerei bei einem Volksfest hat für den Landwirt und Lokalpolitiker Florian Maderer (Peter Carsten) erhebliche Folgen. Er wird zu einer Haftstrafe verurteilt, die er in Kürze in der Kreisstadt antreten muss. Damit wären seine Chancen, bei der nächsten Wahl den amtierenden Bürgermeister Limbusch (Rolf Olsen) abzulösen, auf ein Minimum gefallen. Gemeinsam mit seiner Frau Genoveva (Elfie Pertramer) kommt Maderer die Idee, dass sein einfältiger Vetter Blasius Schantl (Gunter Phillip) für ihn ins Gefängnis gehen könnte, da ihn in der Kreisstadt Niemand kennt. Doch es bedarf viel Überzeugungsarbeit und noch mehr Geld, um den Vetter, der nur ungern seine Legehennen allein lässt, dazu zu überreden. 

Auch Dr. Dorn (Ralf Wolter) und Gruber (Willy Millowitsch) äußern ihre Erwartungen
Empfangen wird Blasius bei Haftantritt von dem Oberaufseher Gruber (Willy Millowitsch), der ihn hart rannehmen will, schnell aber umschwenkt, als der Abgeordnete Dr. Dorn (Ralf Wolter) erscheint, um zum Geburtstag des Bundespräsidenten einen Insassen zu amnestieren. Seine Wahl war auf Maderer gefallen, von dessen lokalpolitischem Einfluss er sich Vorteile verspricht. Zudem gedenkt er, demnächst einen Kurzurlaub auf Maderers Hof zu verbringen - ein Wunsch, dem sich der beflissene Oberaufseher schnell anschließt. Blasius, der falsche Maderer, willigt in alles ein und kehrt zur Überraschung des Echten schon nach wenigen Tagen zurück. Noch mehr staunt dieser aber, als kurz darauf auch Dr.Dorn mit der blonden Dodo (Ann Smyrner) auftaucht, denn jetzt fangen seine Schwierigkeiten erst an… 


Rückblick auf den 16.Hofbauer Kongress vom 06.01. bis 08.01.2017

"Heubodengeflüster" lief am ersten Tag des 16. Hofbauer-Kongresses als "Stählerner Überraschungsfilm". Angesichts von Kritiken wie „Ein öder Klamaukfilm mit plattesten Gags aus der Klamottenkiste; insgesamt eine Attacke gegen den gesunden Menschenverstand.“ (Lexikon des internationalen Films) offensichtlich eine gute Wahl, reduziert man das "stählern" auf die Beschaffenheit der Nerven, die der Betrachter beim Anblick des Films mitbringen muss.

Das einseitig vernichtende Urteil über das "...besonders beklagenswerte deutsche Lustspiel" (Evangelischer Filmbeobachter) ließ zwei Aspekte aus: der Zeitpunkt des Erscheinens in der Hochphase des soziokulturellen Wandels und das sich Olsen und seine Mitstreiter schlicht nicht ernst nahmen. "Heubodengeflüster" ist gleichzeitig Heimatfilm, Polit-Satire, Erotik-Komödie und platter Klamauk. Und liefert ein maßloses Vergnügen.






Idyllischer Beginn im Heimatfilm-Gewand
Ausseerland im Salzkammergut. Vor sonnenbeschienenen Alpen-Gipfeln und der dunklen Oberfläche des Altaussees findet ein zünftiges Volksfest statt. Paare drehen sich im Kreis zur Musik der Blaskapelle, während die Bedienung kaum mit dem Servieren der gefüllten Bierkrüge hinterher kommt. Zwei Mannsbilder geraten in Streit und wenige Augenblicke später ist die schönste Schlägerei im Gang, bis ein Großteil der Hitzköpfe Abkühlung im See findet. Rolf Olsens Film "Heubodengeflüster" ist nicht einfach ein Heimatfilm, sondern ein Heimatfilm in Potenz. Besetzt mit Peter Carsten ("Das fröhliche Dorf" (1955)), Elfie Permoser ("Der Herrgottschnitzer von Ammergau" (1952)), dem seit den frühen 50er Jahren im Kino omnipräsenten Gunter Philipp ("Ja, ja, die Liebe in Tirol" (1955)) und dem Autor und Volksschauspieler in Personalunion Paul Löwinger ("Der keusche Adam" (1950)) in den Hauptrollen, die zum Urgestein des Genres gehörten. Mehr Heimatfilm ging nicht.

Vinzenz (Paul Löwinger) glaubt vergeblich an seine Chancen bei Resi (Christiane Rücker)
Nur das "Heubodengeflüster" nicht in den 50er Jahren herauskam, als das Genre seine Boom-Phase erlebte (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"), sondern 1967, als der Heimatfilm schon lange aus der Mode gekommen war. Die Erotikwelle rollte in großen Schritten heran (siehe "Bis die Schulmädchen kamen") und einer ihrer auffälligsten Wegbereiter war Rolf Olsen. Vor „Heubodengeflüster“ hatte er sich im Frankfurter Großstadt-Dschungel herumgetrieben („In Frankfurt sind die Nächte heiß“, 1966) und mit „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“ (1967) seine St. Pauli-Phase eingeleitet, die er noch bis Anfang der 70er Jahre pflegen sollte („Käpt’n Rauhbein aus St. Pauli“ (1971)).Auch „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ (1967) bediente mit einer Mischung aus „Sex“ und „Crime“ einen Publikumsgeschmack, der die rasanten soziokulturellen Veränderungen in den 60er Jahren widerspiegelte. Was sollte da noch der Heimatfilm?

Rolf Olsen als schmieriger Bürgermeister mit Machtanspruch
Ganz aus den Augen verloren hatte Rolf Olsen das „Genre“ nie. Gemeinsam mit Franz Antel hatte er das Drehbuch zu „Im singenden Rössl am Königssee“ (1963) geschrieben, eine Mischung aus Schlager- und Heimatfilm, die er auch als Regisseur und Autor in Personalunion mit „Hochzeit am Neusiedler See“ (1963) bediente. Der seit den frühen 50er Jahren in vielen kleinen Nebenrollen aktive Olsen trat auch in Franz Antels „Ruf der Wälder“ (1965) und „Happy End am Wolfgang-See“ (1966) auf, dessen späterer Vertriebs-Titel „00 sex am Wolfgang-See“ die eigentliche Richtung vorgab, die der Heimatfilm eingeschlagen hatte (siehe "Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969 "). Dass auch in „Heubodengeflüster“ nicht mehr das hohe Lied auf die moralisch integre Landbevölkerung gesungen wurde, lassen schon die Credits zu Beginn erkennen, die die weiblichen Darsteller vor Kühen, die männlichen Mitwirkenden vor Hausschweinen oder einem Gockel auflisten. Rolf Olsen selbst sieht sich als kleines Ferkel.

Der Abgeordnete kommt mit Dodo (Ann Smyrner) und Blasius spielt den Hausherrn
Die Story, die größtenteils auf dem Hof des Landwirts und Lokalpolitikers Florian Maderer (Peter Carsten) spielt, watet in den Tiefen lokalpolitischer Interessen. Vetternwirtschaft, Erpressung und Vorteilsnahme sind an der Tagesordnung. Weil Maderer auf Grund der anfangs gezeigten Schlägerei ein paar Wochen Knast drohen, sieht er seine Chancen bei den kommenden Bürgermeister-Wahlen schwinden und schickt stattdessen seinen verschrobenen Vetter Blasius Schantl (Gunter Phillip) gegen entsprechende Bezahlung zum Haftantritt in die entfernt gelegene Kreisstadt. Doch dieser kehrt überraschend schon nach wenigen Tagen wieder zurück, weil er in den Genuss einer Amnestie kam. Diese wurde von dem Abgeordneten Dr. Dorn (Ralf Wolter) ausgesprochen, der sich von dem Kommunalpolitiker Maderer mehr Einfluss verspricht und auf ein Liebes-Wochenende in den Alpen spekuliert. Natürlich mit der blonden Dodo (Ann Smyrner) an seiner Seite statt Ehefrau Trude (Trude Herr), die ihm im Gegenzug den Privatdetektiv Hugo Zehe (Herbert Hisel) auf die Spur setzt.

Paar 1: Hannerl (Renate von Holt) und Andreas (Bernd Ander)
Zur Polit-Satire hat es bei „Heubodengeflüster“ nicht gereicht, obwohl die hier gezeigte Respektlosigkeit, die auch vor Anspielungen an die Nazi-Zeit nicht zurückschreckte, Mitte der 60er Jahre keineswegs selbstverständlich war. Zu sehr vereinte Olsen hier ein Figuren-Ensemble, das kein Komödien-Klischee ausließ und geradezu in Klamauk badete. Ausgehend vom stotternden Stallburschen, über den selbstverliebten Knecht Vinzenz (Paul Löwinger) und die doofe Blondine erreichte der Film seinen Höhepunkt mit Hisels Darstellung eines dämlichen Privatdetektivs, dessen schräge Verkleidungen erwartungsgemäß in Frauenkleidern münden. Das Paar Vinzenz / Hugo war entsprechend vorprogrammiert. Inmitten dieses Chaos-Haufens wirkt das gestandene Bauern-Ehepaar Maderer wie ein Ruhepol, obwohl Peter Carsten ständig knapp unterhalb der Wutanfall-Grenze agiert, weil er seinen Vetter als Hausherrn ausgeben muss, als kurz nach dessen Rückkehr der Großstadt-Politiker mit seiner Geliebten auftaucht. Schließlich darf nicht herauskommen, dass er nicht selbst ins Gefängnis gegangen war.

Paar 2: Privatdetektiv Hugo (Herbert Hisel) und Vinzenz
Obwohl mit dem Liebespaar Hannerl (Renate von Holt) und Andreas (Bernd Ander), dessen Glück Vater Maderer entgegen steht, noch ein typisches Heimatfilm-Relikt vorhanden war, wurde „Heubodengeflüster“ zum Anti-Genre-Stück. Alles was in den 50er Jahren noch heilig war, wurde von Olsen deftig durch den Kakao gezogen -  verbunden mit Frivolitäten, die über Franz Antels „Liebe durch die Hintertür“ (1969) und Hans Albins „Pudelnackt in Oberbayern“ (1969) die Linie in Richtung der Lederhosen-Sex-Filme von Franz Marischka in den 70er Jahren vorgab. Mit „Paradies der flotten Sünder“ (1968) legte Olsen selbst noch einen Film im gleichen Gestus nach, der aber nicht an den kompakten Charakter von „Heubodengeflüster“ heranreichte, sondern mehr den Eindruck einer Resteverwertung hinterlässt. In einzelnen thematisch unabhängigen Episoden, von denen nur die vierte und letzte das Heimatfilm-Genre streifte, durften Herbert Hisel, Ralf Wolter und Gunther Philipp noch einmal zeigen, welches Potential in ihnen steckte. 

Als verbindendes Element der einzelnen Stories dient ein Reisebüro, in dem ein nervender Kunde den Inhaber mit seiner permanenten Rechthaberei quält. Paul Löwinger schloss mit dieser Charakterisierung unmittelbar an seine Rolle als Knecht Vinzenz an, aber mehr noch steht Willy Millowitsch, der den armen Reise-Verkäufer gab, für den Wandel im Heimatfilm. Der ewige Kölner Millowitsch spielte in “Heubodengeflüster“ den Gefängniswärter, der sich um den falschen Maderer im Kreis-Gefängnis kümmerte und dem Abgeordneten sehr hilfreich zur Seite stand. Natürlich auch gegen eine Einladung. Als er samt Gattin in der Schlussszene auch noch auf dem Maderer-Hof eintrifft, nehmen die Einheimischen schreiend Reißaus. Vor Städtern flüchten? – Das wäre im klassischen Heimatfilm Niemand eingefallen. 

HeubodengeflüsterDeutschland 1967Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Rolf Olsen, Darsteller : Peter Carsten, Elfie Pertramer, Gunther Philipp, Ralf Wolter, Ann Smyrner, Trude Herr, Paul Löwinger, Herbert Hisel, Christiane Rücker, Renate von Holt, Bernd Ander, Willy MillowitschLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen 

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" (1964) 
"Das Spukschloss im Salzkammergut" (1966) 
"Der Arzt von St.Pauli" (1968) 
"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1969)