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Donnerstag, 23. März 2017

Weg in die Freiheit (1952) Alfred Weidenmann


Auf Hahnöversand
Inhalt: In „Weg in die Freiheit“ wird ein reformpädagogisches Konzept für jugendliche Straftäter dokumentiert, das diesen die Eingliederung nach der Haftzeit erleichtern soll. Auf der Elbinsel Hahnöversand - in der Nähe der Großstadt Hamburg gelegen, aber ein in sich abgeschlossener, überschaubarer Raum – entstanden schon in den 20er Jahren die geeigneten Gebäude für die in drei Stufen vorgenommene Erziehungsmethodik: der Zellentrakt, ein Wohngebäude mit Aufsicht und eine unbewachte Wohnanlage. Mit korrektem Verhalten und konstruktiver Mitarbeit können sich die jungen Männer die Erleichterung ihrer Haft von der Gefängniszelle bis zum Freigänger auf der Insel verdienen… 


Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952) 

Auf Grund seiner Rolle in der Hitlerjugend, die in dem Propagandafilm "Junge Adler" gipfelte, erhielt Regisseur Alfred Weidenmann - wie sein Drehbuchautor und Compagnon Herbert Reinecker - nach dem Ende des Nationalsozialismus keine Aufträge. Mit "Weg in die Freiheit" und drei weiteren Kurzfilmen stiegen sie 1952 wieder ins Filmgeschäft ein. Vordergründig scheinen beide Werke wenig miteinander zu tun zu haben. Hier der abendfüllende Unterhaltungsfilm, der im Krieg letzte Reserven mobilisieren sollte, dort ein dokumentarischer Kurzfilm über Resozialisierung im Strafvollzug. Tatsächlich drängt sich der Vergleich auf. In beiden Filmen stehen männliche Jugendliche im Mittelpunkt und ihre Position in der Gesellschaft - jeweils von großer politischer Anerkennung begleitet. "Junge Adler" lief zum 10jährigen Jubiläum der Filmabteilung der Hitlerjugend vor hohen NSDAP-Funktionären, "Weg in die Freiheit" wurde 1953 als "Kulturfilm" mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet. 

Am 24.03.2017 gab es die seltene Gelegenheit "Weg in die Freiheit" als Vorfilm von "Die große Versuchung" (1952) im Berliner Zeughaus Kino zu sehen. Als Teil der Reihe "Zu den Verhältnissen", die noch mit drei weiteren Schwerpunkten über das deutsche Nachkriegskino bis Ende 2017 fortgesetzt wird - sehr empfehlenswert. 


Zuchthaus
In Reih' und Glied marschieren die Männer in Richtung Baracke, aber es handelt sich nicht um eine Militäreinheit, sondern um Strafgefangene auf dem Weg zum Haupttrakt des Gefängnisses. Ihre Gesichter sind ernst, ihr Blick nach unten gerichtet. Es sind Bilder aus der noch jungen BRD im Jahr 1952 und sie ähneln den Aufnahmen, die Regisseur Alfred Weidenmann wenige Jahre zuvor in "Junge Adler" (1944) auf die Leinwand brachte. Junge Männer, die in militärischer Formation zu ihrer Arbeit als Lehrlinge eines Flugzeugwerks schritten - nur das ihre Gesichter Freude und Begeisterung ausdrückten. Entstanden war "Junge Adler" zum 10jährigen Jubiläum des Filmschaffens der Propagandaabteilung der Hitler-Jugend, in der Weidenmann und sein Drehbuch-Autor Herbert Reinecker führende Positionen eingenommen hatten. "Weg in die Freiheit" wurde auf Veranlassung des "Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht" (FWU) produziert, das sich 1950 neu gegründet hatte. Mit der Zielsetzung „…die freie Volksbildung und die Jugendpflege zu fördern und damit der Allgemeinbildung zu dienen.“

Jugendstrafanstalt Hahnöversand
In den acht Jahren zwischen beiden Filmen hatte Weidenmann nur wenig gedreht. Der noch in der Phase des Nationalsozialismus begonnene "Die Schenke zur ewigen Liebe" wurde nicht mehr fertiggestellt. Nach Kriegsende geriet der Regisseur in russische Gefangenschaft und erhielt nach seiner Rückkehr auf Grund seiner NSDAP-Vergangenheit keine neuen Regie-Aufträge. Erst die FWU, für die er parallel drei weitere "Kulturfilme" schuf, ermöglichte ihm und seinem Compagnon Herbert Reinecker, dem es nach dem Krieg ähnlich ergangen war, wieder ins Filmgeschäft einzusteigen. Ende 1953 kam ihr nach "Junge Adler" erster gemeinsamer Langfilm „Ich und du“ in die deutschen Kinos – erneut mit Hardy Krüger in der Hauptrolle – und im folgenden Jahr „Canaris“ (1954) über den langjährigen Chef der „deutschen Abwehr“, der im März 1945 als Vaterlands-Verräter hingerichtet worden war. Einer der ersten westdeutschen Filme, die sich unmittelbar mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigten.

Stufe 1: der Zellentrakt
„Weg in die Freiheit“ dokumentierte dagegen ein aktuelles Thema. Für die Auseinandersetzung mit der Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen erhielt er 1953 das „Filmband in Silber“ für einen „Film, der das soziale Problem besonders eindrucksvoll behandelt“. Herbert Reinecker wurde mit dem gleichen Preis für sein Drehbuch ausgezeichnet, das den Weg der Wiedereingliederung in die Gesellschaft am Beispiel der Jugendvollzugsanstalt Hahnöversand, die auf einer Elbinsel unweit von Hamburg gelegen ist, nachzeichnete. Auf Grund der abgeschlossenen Lage ließ sich an diesem Ort ein pädagogischer Dreistufenplan umsetzen. Den jugendlichen Straftätern wird ausgehend von der traditionellen Verwahrung in einer Zelle ermöglicht, ihre Haftbedingungen durch Engagement und Einordnung zu verbessern. Über eine betreute Wohnanlage mit einem Aufseher, der jederzeit ein offenes Ohr für die jungen Männer hat, führt der Weg - begleitet von Schule und Berufsausbildung - zum Freigang auf der Insel und einer selbstverwalteten Unterkunft ohne Aufsicht.

Stufe 2: Betreuer im kontrollierten Wohnbereich
Der den Film aus dem Off begleitende Kommentator betonte, dass er diese Form der Resozialisierung nicht für „übliche Kriminelle“ geeignet hielt, sondern nur für Jugendliche, die ein wenig vom Pfad der Tugend abgekommen waren. Beispielhaft wurden junge Männer ins Bild gesetzt, deren Verfehlungen auf die Versuchungen der sich in der Nachkriegszeit schnell wandelnden Gesellschaft zurückgeführt wurde. Sie haben noch eine Chance verdient, für die sie hart arbeiten und sich unterordnen müssen. Ihre ernsten Gesichter sind von Demut und Zurückhaltung geprägt, Fehlverhalten wird mit der Zurücknahme von Privilegien bestraft. Die Inszenierung, die Weidenmann wählte, hätte aus "Junge Adler" stammen können. Gruppen junger Männer bei der Ausbildung in der Werkstatt, beim gemeinsamen Einsatz auf dem Feld oder bei sportlicher Betätigung. Wiederholt wechselt die Kamera in eine Totale, die den Einzelnen angesichts einer beeindruckenden Natur unwichtig erscheinen lässt. Nicht das Individuum zählt, sondern die Eingliederung in die Gemeinschaft.

Sieben Jahre waren seit dem Ende des Nationalsozialismus vergangen, die Diktatur war der Demokratie gewichen, aber an der Haltung der Gesellschaft gegenüber Kriminellen hatte sich wenig geändert. Reineckers Schilderung einer reformpädagogischen Idee, deren Anfänge auf die 20er Jahre während der Weimarer Republik zurückgingen, ist die Notwendigkeit zur Relativierung auf Grund des vorherrschenden Misstrauens anzumerken. Die Nationalsozialisten hatten das Experiment auf Hahnöversand nach ihrer Machtergreifung zugunsten traditioneller Methoden beendet. Einzig Drill und Strenge galten als probate Mittel. Die jungen Kriminellen, denen sich Weidenmann und Reinecker hier widmeten, hätten in "Junge Adler" keine Chance auf eine Teilnahme gehabt – dort galt die Begeisterung und Eingliederung in die Gruppe als ideologische Voraussetzung.

"Weg in die Freiheit"
Von Ideologie war hier nicht mehr die Rede, aber das klar definierte Regeln zu erfüllen waren, stand außer Frage. Grundlegend geändert hat sich daran bis heute nichts, aber die große Ernsthaftigkeit, mit der die Voraussetzungen für eine zweite Chance in „Weg in die Freiheit“ dokumentiert wurde, vermittelte den spröden Charme eines von Arbeit bestimmten Lebens. Trotzdem war Reineckers gedanklicher Ansatz für die Entstehungszeit progressiv, ist der Unterschied zu "Junge Adler" signifikant. Der Staat und damit dessen Kontrolle blieben im Nationalsozialismus immer gegenwärtig, hier dagegen bedeutete die Freiheit, in die der jugendliche Straftäter nach seiner Zeit auf Hahnöversand entlassen wurde, ein Vertrauensbeweis in dessen eigenständiges Handeln. 

"Weg in die Freiheit" Deutschland 1952Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Laufzeit : 16 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 
"An heiligen Wassern" (1960)

Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung, in deren Presse- und Propagandaamt Herbert Reinecker seit 1935 tätig war. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 

Sonntag, 3. November 2013

An heiligen Wassern (1960) Alfred Weidenmann

Inhalt: Roman Blatter (Hansjörg Felmy) verabschiedet sich schnell von seiner geliebten Binja (Cordula Trantow), um zu seiner Mutter und Schwester zu gehen, denn eine Glocke kündigt eine große Gefahr an, die über dem hoch in den Schweizer Alpen gelegenen Bergdorf liegt. Roman versucht seine Mutter Fränzi (Gisela von Collande) zu beruhigen, indem er die Wahrscheinlichkeit als gering erachtet, dass er oder sein Vater von dem Los erwischt werden, das sie zwingt, in der Bergwand die hölzerne Wasserleitung zu reparieren, von der das Überleben des gesamten Ortes abhängt – es gäbe genug andere Männer, die dafür in Frage kämen. Doch damit kann er sie nicht beruhigen, denn sie hat schon viele Männer sterben sehen, auf die das Los gefallen war.

Zudem ahnt Roman nicht, dass sein Vater Seppi Blatter (Karl John) wenig später im Wirtshaus des reichsten Bewohners des Ortes, Hans Waldisch (Gustav Knuth), am Tisch sitzt und verhandelt. Dieser hat ihm angeboten, seine Schulden zu entlassen und noch Geld drauf zu legen, wenn Blatter sich freiwillig für den gefährlichen Job meldet. Er lässt sich überreden und unterschreibt einen Vertrag, aber nachdem nachts die Lawinen wie erwartet die Leitung zerstört hatten, sieht sich Waldisch der Kritik der anderen Dorfbewohner ausgesetzt und auch Fränzi spricht bei ihm vor, um ihn zu bitten, den Vertrag zu zerreißen. Widerwillig setzt auch er sich in der Dorfkirche dem Losverfahren aus, aber obwohl Waldisch den Vertrag zuvor verbrannt hatte, meldet sich Seppi Blatter freiwillig. Zuerst verläuft seine Arbeit wie geplant, aber gerade als das Wasser wieder durch die intakte Leitung fließt, verliert er die Kontrolle und stürzt in den Tod. Das gesamte Dorf trauert, aber bald kehrt wieder der Alltag ein und Waldisch setzt seinen Plan fort, den Tourismus zu fördern – nur Roman will sich damit nicht zufrieden geben…


Die Heimatfilm-Welle hatte ihren Zenit längst überschritten, als Regisseur Alfred Weidenmann und Drehbuchautor Herbert Reinecker mit "An heiligen Wassern" 1960 noch spät das Genre für sich entdeckten. Diese Entscheidung war überraschend, da ihre bisherige Zusammenarbeit - Reinecker war seit dem nationalsozialistischen Propagandafilm "Die jungen Adler" (1944) an beinahe allen Filmen Weidenmanns als Autor beteiligt - keine Berührungspunkte zu dem Erfolgs-Genre aufwies. Im Gegenteil galt ihr Interesse, nachdem sie Anfang der 50er Jahre wieder in der Film-Branche tätig werden durften, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem daraus resultierenden Krieg ("Canaris" (1954) und "Der Stern von Afrika" (1957)), auch wenn ihre frühen Versuche im westdeutschen Film, die jüngste Historie aufzuarbeiten, umstritten blieben. Mit dem gesellschaftskritischen Kriminalfilm "Alibi" hatten sie sich zudem schon 1955 auf ein Gebiet gewagt, das erst in den 60er Jahren Popularität erlangen sollte.

Bei einer genaueren Analyse des Films wird deutlich, dass "An heiligen Wassern" mit dem klassischen Heimatfilm der 50er Jahre nur noch wenig gemeinsam hat. Die Story basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage des Schweizer Heimatschriftstellers Jakob Christoph Heer, in dem dieser vor den Gefahren der beginnenden Tourismuswelle für die traditionelle Lebensweise der Bergbevölkerung warnte, gleichzeitig aber auch Chancen darin erkannte. Der 1898 herausbrachte und 1932 schon einmal verfilmte Roman, wurde von Weidenmann und Reinecker in einer Mischung aus dokumentarischem Charakter und dem Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre auf die Leinwand gebracht, indem sie die archaische Lebensweise der Bergbevölkerung mit einem dynamisch und optimistisch auftretenden Hansjörg Felmy in der Hauptrolle verbanden, der Ende der 50er Jahre zu einem der populärsten Mimen im deutschen Kino aufgestiegen war.

Aus dem Off erklärt zu Beginn eine Stimme, wie abhängig die hoch gelegenen Bergdörfer von dem Gletscherwasser waren, das sie über hölzerne Rinnen bis zu einem Sammelbecken im Ort führten. Gezwungenermaßen musste die Rinne entlang der Felswände, hoch über dem Tal, gebaut werden und war dem Wetter schutzlos ausgesetzt. Wurden Teile davon von einer Lawine zerstört, wurde per Los ein Mann des Dorfes dazu bestimmt, in die Felswand abzusteigen, um die Wasserversorgung wieder herzustellen – ein lebensgefährliches Unterfangen, dass einem Todesurteil gleich kam. Weidenmann widmet das erste Drittel seines Films ausführlich diesen Vorgängen, dabei nur wenige dramatische Elemente hinzufügend. Mehr als der junge Roman Blatter (Hansjörg Felmy) spielt der Ortsvorsteher und als Besitzer des Gasthauses „Zum Bären“ reichste Bürger der Stadt, Hans Waldisch (Gustav Knuth), die wichtigste Rolle in der frühen Phase des Films. Er versucht Seppi Blatter (Karl John), Romans Vater, mit dem Versprechen, ihm seine Schulden zu erlassen, dazu zu überreden, sich freiwillig für die Reparatur der Leitung zu melden, auch weil er Angst hat, dass das Los auf ihn selbst fallen könnte.

Gustav Knuth, einer der beliebtesten Nebendarsteller des deutschen Films, spielte hier entgegen seines sonstigen Rollenklischees nicht den Sympathieträger, sondern einen geschäftstüchtigen Mann, der dank seines Kapitals nicht nur den größten Einfluss im Ort hat, sondern auch vom aufkommenden Tourismus in den Alpen profitieren kann. Die Besetzung Knuths verweist darauf, dass Reinecker in der Charakterisierung dieser Rolle ein eindeutiges Gut-/Böse-Schema verhindern wollte, denn Waldisch ist kein hartherziger Despot, sondern bleibt immer auch ein Gemütsmensch, der in der Lage ist, eigene Fehler einzusehen. Als die Dorfbewohner davon erfahren, dass er Seppi Blatter kaufen wollte, gerät er in die Kritik – auch Fränzi Blatter (Gisela von Collande) bittet ihn, den von ihrem Mann unterschriebenen Vertrag zu vernichten – weshalb er widerwillig darauf eingeht. Trotzdem meldet sich Blatter beim Losverfahren freiwillig und stirbt, nachdem es ihm gelungen war, den Wasserlauf wiederherzustellen. Offensichtlich wollten Weidenmann und Reinecker die klischeehaften, meist künstlich hochstilisierten Konflikte im Heimatfilm vermeiden, weshalb selbst nachvollziehbare Auseinandersetzungen zurückhaltend inszeniert wurden.

Roman Blatter ist zwar mit der Tochter des „Bären“ - Wirts Binja (Cordula Trantow) liiert, aber auch als Roman von ihrem Vater des Gasthauses verwiesen wird, weil er sich darüber beklagte, dass die Bevölkerung nach dem Tod seines Vaters schnell wieder zur Tagesordnung überging, wird die Beziehung zwischen den Liebenden nicht in Frage gestellt. Auch der Streit zwischen dem jungen Mann und seinem möglichen zukünftigen Schwiegervater wirkt im Vergleich zur Genre-üblichen Dramatik unterschwellig – weder werden Hassgefühle geäußert, noch entsteht der Eindruck, als ständen sich auf ewig verfeindete Antipoden gegenüber. Diese pragmatische, immer den Konsens im Auge behaltende Sichtweise, zeigt sich im bemerkenswertesten Dialog des Films, als Creszens Waldisch (Margrit Rainer), die zweite Ehefrau des „Bären“-Wirts, ihre Ehe ganz unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Aufgabe, ihren Gasthof an die Erfordernisse eines wachsenden Tourismus anzupassen, unterordnet. Sie verständen sich doch gut, fügt sie gegenüber ihrem Ehemann noch hinzu, dessen verdutzte Miene fast Mitleid erregen könnte – wann wurde im Heimatfilm jemals eine funktionierende Beziehung so ehrlich charakterisiert?

Der Nachteil dieser Bemühung um Differenzierung liegt in der fehlenden Dramatik des Films. Obwohl sich „An heiligen Wassern“ zu Beginn ganz den archaischen Bedingungen der Bergwelt unterordnet – das die Handlung in der damaligen Gegenwart, Ende der 50er Jahre, spielen soll, ist ihr zuerst nicht anzumerken – entsteht nie der Eindruck einer lebensfeindlichen, kargen Umwelt, wie sie etwa Luis Trenker in „Der Berg ruft“ (1938) entwarf. Bedingt durch die ausschließlich hochdeutsch sprechenden Darsteller und deren glatte, wohl genährte Gesichter, stellt sich trotz traditioneller Kleidung, Gesänge und einer stimmigen Umgebung keine authentisch wirkende Situation ein. Selbst die Szenen am Hang können die Gefahr, in die sich die Männer begeben, nicht vermitteln – der Tod von Seppi Blatter geschieht ohne eine zuvorige dramatische Zuspitzung. Als größter Fremdkörper erweist sich jedoch Hansjörg Felmy, dessen dynamisches Auftreten wenig von einem das karge Leben im Schweizer Hochgebirge gewohnten Naturburschen, aber viel von einem fleißigen, aufstrebenden jungen Bundesrepublikaner besitzt.

Ihm gegenüber steht mit dem von Hanns Lothar gespielten Thöni Grieg, dem Neffen der neuen Frau des „Bären“-Wirts, die einzige negative Figur des Films. Mit ihm kommen Schallplatten, moderne Musik, Tanz und Flirt ins Hochgebirge, was zwar Vorteile bei der Betreuung weiblicher Touristen bringt, Griegs Anerkennung bei der örtlichen Bevölkerung aber gegen Null fahren lässt. Dieser weiß sich dann auch nicht anders zu helfen, als zuerst dilettantisch Briefe zu fälschen, um dann überhastet die Postkasse mitzunehmen. Diese klischeehafte, den unsoliden Charakter moderner Jugendlicher verkörpernde Figur wirkt wie eine Konzession an die Publikumserwartung, um zumindest noch ein wenig Spannung in eine Story zu zwingen, die letztlich nur einen Schuldigen kennt - die veraltete Technik, die dank eines die Traditionen hochhaltenden, sich den Neuerungen der Gegenwart aber nicht verschließenden jungen Mannes, der drei Jahre nach Indien geht, um das Ingenieur-Handwerk zu lernen, bald der Vergangenheit angehören wird.

Dass Weidenmann in „An heiligen Wassern“ auf Tourismuswerbung, künstliche Eifersuchtsdramen, eindimensionale Charaktere und klischeehaften Humor größtenteils verzichtete, ist dem Film positiv anzurechnen, leider fehlen ihm gleichzeitig die dramatischen Zuspitzungen, die letztlich die Attraktivität des Genres ausmachten. Zudem klingt Roman Blatter am Ende gönnerhaft, als er auf die Bemerkung eines der Arbeiter an der neuen Wasserleitung, die Menschen hier wären noch primitiv, mit den Worten „nicht primitiv, sondern einfach“ antwortet. Daraus sprach keine Heimatverbundenheit, sondern ein wohlwollender Ingenieur, der die Zukunft anpackt – die 50er Jahre waren vorbei, der Wiederaufbau hatte einen Großteil der Kriegsschäden beseitigt und die Menschen brauchten die „Heile Welt“ in den Heimatfilmen nicht mehr.

"An heiligen Wassern" Schweiz 1960, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Jakob Christoph Heer (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Cordula Trantow, Gustav Knuth, Hanns Lothar, Karl John, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957)

Montag, 26. August 2013

Der Stern von Afrika (1957) Alfred Weidenmann

Inhalt: Nachdem sich Hans-Joachim Marseille (Joachim Hansen) 1938 freiwillig bei der Luftwaffe gemeldet hatte, wurde zwar sein fliegerisches Talent offensichtlich, hatte ihn aber nur das Eingreifen seines besten Freundes Robert Franke (Hansjörg Felmy) vor dem Rauswurf bewahrt, da er zu eigensinnig und unmilitärisch agierte. Die Fliegerei ist für Marseille ein großer Spaß, weshalb ihn die Nachricht vom Kriegsbeginn genauso überrascht wie seine Kameraden, darunter neben Robert noch Albin Droste (Horst Frank) und Answald Sommer (Peer Schmidt).

Bei einem der ersten Einsätze am Atlantik wird Robert abgeschossen, der nur mit Glück überlebt, nachdem er eine Nacht auf dem Meer verbracht hatte. Erstmals spürt Marseille die Gefahr, die ihre Flüge begleitet, aber nachdem sie nach Afrika versetzt wurden, beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg als Kampfflieger. Gegen die zahlenmäßig überlegenen britischen Flugzeugstaffeln schert er aus dem Flieger-Pulk aus und greift sie individuell an. Das widerspricht militärischen Gepflogenheiten, aber seine Abschusszahlen geben ihm Recht, die ständig neue Rekordhöhen erklimmen…


Einen Film über den von der NS-Propaganda in den ersten Kriegsjahren hochgejubelten Kampfflieger Hans-Joachim - genannt "Jochen" - Marseille in die Hände des Regisseurs Alfred Weidenmann und des Drehbuchautors Herbert Reinecker zu legen, scheint jedes Klischee an einen 50er Jahre Kriegsfilm zu erfüllen, der keine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur suchte, sondern die Heroisierung des tapferen Wehrmachtssoldaten beabsichtigte, der nur seine Pflicht tat. Weidenmann, Jahrgang 1918, drehte schon als junger Mann Reportage-Filme für die Hitlerjugend, nachdem er als Presse- und Propaganda-Referent der HJ mehrere Bücher verfasst und herausgegeben hatte. 1944 erschien sein Propaganda-Film "Junge Adler", zu dem Reinecker ebenfalls das Drehbuch schrieb und in dem mit Dietmar Schönherr, Hardy Krüger und Gunnar Möller drei später renommierte Darsteller ihr Debut gaben - eine weitere Parallele zu "Der Stern für Afrika", der für Joachim Hansen, Hansjörg Felmy und Horst Frank zum Beginn ihrer erfolgreichen Karrieren wurde.

Auch in "Canaris" (1954) hatte sich Alfred Weidenmann schon mit einer realen Figur der jüngeren Geschichte befasst, aber "Der Stern von Afrika" bedeutete eine Zäsur im deutschen Kriegsfilm-Genre, denn erstmals wurden wieder ausführliche Kampfhandlungen gezeigt. Nachdem es 1956 zu einem Jahr ohne Kriegsfilme im deutschen Kino gekommen war, bereitete die Wiedereinführung einer deutschen Armee - die ersten Wehrpflichtigen wurden Anfang 1957 eingezogen - den Weg zu einer konkreteren Darstellung des deutschen Soldatentums. Dazu bot sich Hans-Joachim Marseille als ideale Identifikationsfigur an, denn Abschusszahlen von allein kämpfenden Piloten ließen sich leichter vermarkten und darstellen als Ergebnisse komplexer militärischer Aktionen, weshalb sich auch die Nationalsozialisten seiner Popularität bedient hatten. Entsprechend wird in „Der Stern von Afrika“ nur so mit Zahlen um sich geschmissen, wenn gut aussehende junge Offiziere ihren „Jochen“ angesichts ständiger neuer Rekorde hochleben lassen, als ging es um eine 100m-Bestzeit und nicht um den Tod von Menschen.

Zudem entwickelte der Film um die Kameraden „Jochen“ Marseille (Joachim Hansen), dessen besten Freund Robert Franke (Hansjörg Felmy), den etwas widerborstigen Albin Droste (Horst Frank) und den Witzbold Answald Sommer (Peer Schmidt) eine lockere, meist gut gelaunt agierende Männertruppe, die sich weder besonders militärisch gibt, noch Berührungspunkte mit den Nationalsozialisten und deren Ideologie zu haben scheint. Wie in dem kurz darauf entstandenen Kriegsfilm „Haie und kleine Fische“ (1957) vermitteln auch hier Aufnahmen von sich bei einem Segeltörn vergnügenden jungen Menschen zuerst das Bild eines friedlichen Lebens, über das plötzlich ein schrecklicher Krieg hereinbricht, der die Jugend Deutschlands zerstören sollte – eine Botschaft, die Weidenmanns Film noch mehrfach wiederholt, auch aus den Worten eines alten Franzosen (Erich Ponto), nachdem er mit Marseille in Paris eine Partie Billard spielte. Dass die jungen Offiziere Paris besuchen konnten, weil Frankreich von Deutschland besetzt wurde, das als Aggressor für den Ausbruch des Krieges erst verantwortlich war, wird ebenso wenig erwähnt, wie Zusammenhänge zu den Aktionen des Afrika-Corps hergestellt werden, zu dem die jungen Flieger nach ihrem ersten Einsatz am Atlantik versetzt werden.

Ihr Zelt-Lager im afrikanischen Wüstensand erinnert mehr an eine Abenteuer-Expedition, bei der ausführlich gefeiert (mit Roberto Blanco in seiner ersten Rolle als Stimmungskanone, selbstverständlich frei von rassistischen Ressentiments) und viel geflogen wird, was Weidenmann die Gelegenheit gab, schicke Bilder von schnell startenden und landenden Messerschmidt-Jagdflugzeugen, sowie erfolgreiche Luftkämpfe aus der Ego-Shooter-Perspektive zu zeigen. Weidenmann gelang es sogar, Marseilles Besuch in seiner Heimatstadt Berlin, wo ihm nach seinem 100. Abschuss höchste militärische Ehren zuteil wurden - ein von der NSDAP propagandistisch genutzter Vorgang - ohne die geringsten Verweise auf die herrschende Diktatur darzustellen. Weder Hitlergruß, noch SS-Uniformen sind in „Der Stern von Afrika“ zu sehen, nicht einmal die typischen patriotischen und selbst beweihräuchernden Redewendungen sind zu hören. Im Gegenteil lässt Marseille erkennen, dass ihm die gesamten Ehrenbekundungen eher unangenehm sind, und der Film zeigt ihn einzig bei einer Rede in seiner ehemaligen Schule, in der er nicht von seinen Taten, sondern von seinen Kameraden erzählt. Dabei erwähnt er vor den aufmerksam zuhörenden Schülern auch den fröhlichen Answald Sommer, um sich kurz darauf selbst zu berichtigen, dass dieser jetzt tot wäre – viel unrealistischer und beschönigender hätten Weidenmann und Reinecker diese Situation nicht inszenieren können.

Mit dieser idealisierten, die eigene Verantwortung verharmlosenden Charakterisierung, entsprach Weidenmann der Haltung eines Großteils der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die sich Mitte der 50er Jahre als Opfer betrachteten. Mehrfach thematisierte er in „Der Stern von Afrika“ auch die Frage nach dem Sinn ihres Handelns. Als Marseille, Selbstzweifel äußernd, seinem Vorgesetzten diese Frage stellt, deutet dieser an, dass der persönliche Einsatz für eine Sache über dem System steht – eine Aussage, die Vielen aus dem Herzen gesprochen haben dürfte, weshalb der Film an der Kinokasse sehr erfolgreich war, obwohl die zeitgenössische Kritik nicht nur die wenig realistische Darstellung des Kampffliegers bemängelte, sondern auch einen Propagandacharakter erkannte, der an die hintergründig beeinflussenden Filme der NS-Zeit erinnerte. Einerseits zurecht, denn mit einer Aufarbeitung historischer Fakten hat „Der Stern von Afrika“ nichts gemeinsam - die tatsächliche Rolle der Wehrmacht wurde bekanntlich erst Jahrzehnte später dokumentiert - andererseits verwendete Weidenmann die selben filmischen Mittel, um die Tragik des Geschehens nicht weniger deutlich herauszuarbeiten.

Der zuerst locker abenteuerliche Charakter des Films wandelt sich zunehmend in Richtung eines Melodramas. Mit dem Auftreten von Brigitte (Marianne Koch), die als Lehrerein Marseilles Rede vor den Schülern mit anhörte, beginnt eine tragische Liebesgeschichte, die die militärischen Aktionen in den Hintergrund drängt. Sowohl Brigittes Bitte an ihren Geliebten, zu desertieren, der Marseille keineswegs vehement widerspricht, als auch ihre körperliche Liebe in Italien als unverheiratetes junges Paar, sind reine Fantasie, aber diese Szenen verfehlen ihre Wirkung nicht. Es mag eine unrealistische Idealisierung des echten Hans-Joachim Marseille sein, aber der Protagonist in Weidenmanns Film will weder weiter kämpfen, noch irgendwelche Orden erringen, sondern mit seiner Brigitte ein glückliches Leben führen. Dass er doch wieder zu seiner Einheit zurückkehrt, ist dem plötzlichen Auftreten seines besten Freundes Robert zu verdanken, der ihn mit gemessenen Worten an seine Verantwortung erinnert, eine erneute Rechtfertigung der Wehrmachtssoldaten.

Der Vorwurf einer verharmlosend bis verlogenen Darstellung der historischen Ereignisse ist gerechtfertigt, sollte aber im Zusammenhang mit dem Zeitgeist Mitte der 50er Jahre betrachtet werden. Die inszenatorischen Mittel, die den Film weniger als Biographie, denn als reinen Unterhaltungsfilm ausweisen, wendete Weidenmann gleichwertig an, So attraktiv „Der Stern von Afrika“ vom Kameradschaftsleben im afrikanischen Wüstensand erzählt – dabei historische Fakten auf ein Minimum reduzierend – so bewegend gelingt die Liebesgeschichte zwischen Brigitte und Hans-Joachim, deren Ende weder Hurra-Patriotismus, noch Soldatenherrlichkeit vermittelt. Der Tod des 23jährigen Mannes wird von Weidenmann als sinnloses Opfer inszeniert und das letzte eindrucksvolle Bild gilt der jungen Frau, wie sie weinend auf ihrem Pult zusammenbricht, während der Knabenchor verstummt.

"Der Stern von Afrika" Deutschland 1957, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Udo Wolter, Darsteller : Joachim Hansen, Marianne Koch, Hansjörg Felmy, Horst Frank, Peer Schmidt, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 99 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952)